Elftes Kapitel.
Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer.
Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten.
In der Regel habe ich mich in den Hütten der Chanés und Chiriguanos sehr wohl gefühlt. Das Leben in diesen Dörfern ist ganz gleichartig. Schildert man ein Dorf, so hat man sie beinahe alle geschildert.
Wie alle übrigen Indianer, die ich südlich von Santa Cruz de la Sierra in Bolivia besucht habe, leben diese Indianer in Dörfern. Einige dieser Dörfer sind recht groß und werden von einigen hundert Personen bewohnt. Oft liegen viele Dörfer nahe aneinander. Die Hütten liegen in der Regel um einen Markt, auf dem zuweilen Flaschenbäume gepflanzt sind, die in der Regenzeit Schutz verleihen. Die Märkte dienen als Spiel- und Versammlungsplätze. Die Hütten sind, im Gegensatz zu den runden Choroti- und Ashluslayhütten, viereckig, und ihre nach dem Dorf zu gerichtete Tür ist am Giebel angebracht. Sie sind aus Rohr oder Holzlatten und mit Dächern aus Gras. Nicht selten sind sie mit Erde verputzt.
Unter dem Einfluß der Weißen verändern aber die Chanés und Chiriguanos allmählich ihre Hütten, und viele Indianer bauen schon mit ihnen identische Hütten.
Keine Hütte hat hier ihre ursprüngliche indianische Form. Die echten Chiriguanohütten (die ursprünglichen Chanéhütten kennt man nicht) waren sehr groß; in demselben Hause wohnten bis zu 100 Personen und das ganze Dorf bestand nur aus einigen großen Hütten.[57] Diese entsprechen offenbar den aus Brasilien bekannten großen Familienhäusern, die ich in Bolivia nur bei den Chacobos, einem Panostamm aus Lago Rojo-Aguado, gesehen habe.
Schon zu Viedmas[58] Zeit, Ende des 18. Jahrhunderts, scheinen sie jedoch den ursprünglichen Haustyp aufgegeben und kleinere Hütten gebaut zu haben.
In vielen Dörfern gehören zu jeder Hütte eine oder mehrere Maisscheunen (Abb. 84 a), in denen Mais, Kürbisse usw. aufbewahrt werden. Diese Scheunen sind auf Pfählen gebaut und vielleicht eine Erinnerung aus der Zeit, wo die Chiriguanos und Chanés in sumpfigen Gegenden wohnten. Zu jeder Scheune gehört in der Regel eine Leiter (Abb. 84 b). Manchmal sind die Scheunen mit den Wohnhäusern zu einem Hause zusammengebaut. Solche Hütten habe ich in der Nähe von Machareti und bei Yatavéri unweit Ivu gesehen. Nicht so selten stehen die Scheunen auf den Feldern weit ab von den Wohnhäusern.
Es ist in diesen Dörfern fein und rein. Hütten und Markt werden täglich gefegt und der Müll verbrannt.
Der Raum in den Hütten ist nicht zu gering bemessen. In der Regel wohnt in jedem Hause nur eine Familie, die manchmal, außer den übrigen Familiengliedern, aus den Männern der Töchter besteht, welche während der Verlobung und im Anfang der Ehe bei der Schwiegermutter wohnen. Vor der Hütte ist die große Feuerstätte (Abb. 83), wo das Maisbier, und zuweilen auch das Essen, gekocht wird. In der Hütte ist ebenfalls eine Feuerstätte, wo man kocht und die man aufsucht, um sich bei kalten Nächten und Tagen zu wärmen.
Manche Nacht habe ich in diesen Hütten geschlafen. Sie sind in der Regel frei von Ungeziefer, was man nicht von den Wohnstätten aller anderen Indianer und von den Häusern der Weißen sagen kann. Die Lagerstätte besteht entweder aus einem Bett aus einer Art Bambusrohr, oder man liegt auf dem Fußboden auf einer Schilfmatte oder einem Fell. Hängematten sieht man ebenfalls in den Hütten, sie sind aber nicht allgemein. Im tropischen Südamerika hat die Hängematte ihr Heimatland, sie verschwindet aber nach Süden zu und auf den Bergen, denn dort ist es zu kalt, um sie anzuwenden.
Am Dache der Hütte hängen auf Haken und Gestellen Kleider und Eßwaren, Medizin und anderes. Hier verwahren auch die Männer ihre Pfeile und Bogen, ihre Trommeln u. dgl. In Lianenschlingen pflegen Maiskolben zu hängen.
In einer Chané- oder Chiriguanohütte ist es, besonders des Abends, wenn alle an das schöne, wärmende Feuer kriechen, wenn der Mund geht, die Alten Sagen erzählen, die Mütter ihre Kleinen zu Bett bringen, die jungen Paare abseits sitzen und kosen, sehr gemütlich.
Hier und da sieht man eine in Holz geschnitzte Sitzbank (Abb. 85) von einer besonders von den brasilianischen Indianern her bekannten Form.
An den Wänden der Hütte entlang stehen immer eine Menge Tongefäße von allen Dimensionen. Manche davon sind so groß, daß ein Mann hineinkriechen könnte. Dort sind Töpfe, dort sind Röstschalen, dort sind feinbemalte Gefäße, die bei den Festen hervorgeholt werden, und dort ist der Schatztopf, in welchem die Hausfrau alle Kostbarkeiten und Andenken der Familie verwahrt. In ihm liegen, falls das Haus „vermögend“ ist, Kleider, Schmucksachen, Schalen aus Silber und Halsketten aus Türkis und Crysocol und vieles andere.
Sehr früh ist es still in den Dörfern. Es wird nicht, wie in einem Choroti- oder Ashluslaydorf, die ganze Nacht geschwatzt. Die jungen Herren und die unverheirateten jungen Mädchen laufen nicht herum, um beieinander zu liegen. Die sittlichen Chané- und Chiriguanomädchen werden von ihren Müttern bewacht, gehen nicht auf Abenteuer aus und nehmen keine Herrenbesuche an. Es kommen keine Nachtmahlzeiten, wie bei den Chorotis und Ashluslays, vor. Man schläft nämlich in diesen Dörfern des Nachts, d. h. wenn man nicht mit dem Maisbrauen für ein Fest beschäftigt ist.
Sehr früh des Morgens wird man in beinahe allen Dörfern durch Klagelieder geweckt. Immer ist dort einer, der einen Angehörigen verloren hat und ihn laut beweint. Ist jemand im Dorfe gestorben, so ist es für einen, der gern lange schläft, unheimlich im Dorfe.
In der allerfrühesten Morgenstunde stehen die Frauen auf, etwas später die Männer, und die Tagesarbeit beginnt. Das erste, was die Frauen tun, ist, daß sie Wasser holen und ein Bad, ein richtig erfrischendes Bad nehmen.
Die Wasserkrüge tragen sie auf verschiedene Weise. Am Rio Itiyuro tragen die Chanéfrauen sie auf der Schulter, am Rio Parapiti in einem Tragnetz (Abb. 87). Der letztere Brauch ist auch bei den Chiriguanos am gewöhnlichsten. Auf dem Kopfe tragen nur diejenigen Frauen Krüge, die mit den Weißen leben und ihre Sitten und Gebräuche angenommen haben.
Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern.
Wie bei den Choroti- und Ashluslayindianern, hat in der Regel auch hier, wie wir aus der untenstehenden Tabelle ersehen, jedes Geschlecht seine bestimmte Arbeit.
Tabelle, welche die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen bei den Chanés und Chiriguanos ausweist.
|
Männer
|
Frauen
|
|
|
Fischfang
|
+
|
+[59]
|
|
Jagd
|
+
|
|
|
Pflanzen, Roden
|
+
|
|
|
Säen
|
+
|
+
|
|
Ernten
|
+
|
+
|
|
Kochen
|
+
|
|
|
Holztragen
|
+
|
+[61]
|
|
Wassertragen
|
+
|
|
|
Zubereitung berauschender Getränke
|
+
|
|
|
Sammeln wilder Früchte und Wurzeln
|
+
|
|
|
Keramik
|
+
|
|
|
Holzarbeiten
|
+
|
|
|
Netzstricken
|
+
|
|
|
Seilflechten
|
+
|
|
|
Mattenflechten
|
+
|
|
|
Hängemattenbinden
|
+
|
|
|
Lederarbeiten
|
+
|
|
|
Waffenherstellung
|
+
|
|
|
Verzierung von Kalebassen
|
+
|
|
|
Hausbau
|
+[62]
|
|
|
Weben
|
+[63]
|
+
|
|
Fädenspinnen
|
+
|
|
|
Bandflechten
|
+
|
|
|
Viehzucht
|
+
|
+
|
|
Nähen
|
+
|
+
|
|
Korbarbeiten
|
+
|
|
|
Tagewerke für die Weißen
|
+
|
+[64]
|
Vergleicht man diese Tabelle mit der auf Seite 94, so findet man, daß das schwere Holztragen und der Hausbau bei den höher stehenden Chanés und Chiriguanos beinahe von den Frauen auf die Männer übergegangen ist. Eigentümlicherweise sind gewisse Industrien, z. B. die Tongefäßherstellung, bei beinahe jedem primitiven Indianerstamm Frauenarbeit. Auf dieselbe Weise werden die Kalebassen überall von den Männern geschmückt, wie sie auch alle Holzarbeiten ausführen. Daß hier auch die Frauen fischen, kommt daher, weil verschiedene dieser Indianer an wasserarmen Flüssen leben, in denen nur kleine Fische leben, bei deren Fang der Mut und die Kraft der Fischer auf keine Probe gestellt wird.
Nahrungszweige.
Der Fischfang und die Jagd spielen für den Chané und Chiriguano keine bedeutende Rolle. Sie sind, wie ich schon vorher erwähnt habe, Ackerbauer, vor allem Maisbauer. Diese Indianer leben so ausschließlich von Mais, daß alle andere Nahrung für sie eine untergeordnete Rolle spielt. Eine Ausnahme machen die am Rio Parapiti wohnenden Indianer, die mehr süße Kartoffeln als Mais bauen, die in ihrem Land eine ausgezeichnete Ernte geben.
Folgende Pflanzen werden von den Chanés und Chiriguanos angebaut:
Süße Kartoffeln.
Mais.
Zapallo (Cucurbita pepo Lin.).
Kalebaßfrüchte.
Bohnen in verschiedenen Variationen.
Baumwolle.
Uruku.
Tabak.
Tuna (z. B. bei Yatavéri). Opuntia.
Hirse.
Mandioca (selten).
Schilfrohr zu Pfeilschäften (am Rio Parapiti).
In den Pflanzungen dieser Indianer habe ich weder gewöhnliche Kartoffeln noch Bananen gesehen. Die süßen Kartoffeln sind, nach Batirayus Angaben, in später Zeit von den Weißen eingeführt. Der Tabakbau ist unbedeutend. Die Chanés und Chiriguanos sind keine großen Raucher. Sie rauchen meist Zigaretten in Maisblättern, selten Pfeife (Abb. 88). Bei ihnen braucht man seine Pfeife nicht seinem Nachbar zum Weiterrauchen zu geben.
Es ist eigentümlich, wie verschieden bei den Indianerstämmen der Tabakverbrauch ist. Die Aymaras und Quichuas, die Koka kauen, rauchen sehr selten. Sie finden keinen Geschmack daran. Ebensowenig rauchten die Chacobos und Atsahuacas, zwei Stämme, die ich auf meinen Reisen kennen lernte. Als ich einem Chacobo eine Zigarette anbot, machte er nur ein paar Züge, behielt den Rauch einige Augenblicke im Munde und warf dann die Zigarette fort. Die Chacobos bauen indessen Tabak, wenden ihn aber ausschließlich als Heilmittel an. Ist einem Chacobo ein „boro“, eine Fliegenlarve, „Dermatomya“, unter die Haut gekommen, so bedeckt er die Eintrittsstelle der Fliegenlarve mit Tabakpulver und kann nach einigen Stunden die tote Larve herausquetschen. Die Chorotis und Ashluslays sind leidenschaftliche Raucher. Bei ihnen ist das Rauchen einer der höchsten Lebensgenüsse. Diese Gegensätze sind ganz sonderbar.
Die Chiriguanos und die Chanés haben ausgedehnte Anpflanzungen, die, im Gegensatz zu den Rodungen der Chorotis und Ashluslays in der Wildnis, gut gepflegt sind. Ehemals hat man Spaten aus hartem Holz mit schönen Stielen angewendet (Abb. 89), diese sind aber jetzt außer Gebrauch gekommen und vollständig durch eiserne Spaten verdrängt worden. Die Felder liegen nicht selten weit von den Dörfern, wie z. B. im Caipipendital. Dies hängt damit zusammen, daß nicht überall das ganze Jahr Wasser in der Nähe der Pflanzungen vorhanden ist.
Die gewonnenen Früchte werden, wie schon erwähnt, in auf Pfählen gebauten Scheunen (Abb. 84) verwahrt, um sie wenigstens etwas vor Ratten, Feuchtigkeit usw. zu schützen. Diese Scheunen sieht man, außer bei den Chanés am Rio Pilcomayo, überall.
Die Felder sind mit gestrüppförmig gebauten Zäunen eingezäunt, deren Übersteigung oft Schwierigkeiten macht. Eine Düngung der Felder kommt nicht vor. Dagegen läßt man einen ausgenutzten Acker brach liegen.
Die Zeit des Säens wird nach der Stellung des Siebengestirns, „ychu“, bestimmt. Geht dieses sehr früh am Morgen über den Horizont, so ist Saatzeit. Wenn die Regenzeit beginnt, muß alles gesät sein.
Die Männer roden und säen. Bei der Ernte helfen alle mit, Männer, Frauen und Kinder. Bei den Chanés im Itiyurotal säeten die Männer den Mais, d. h. sie besorgten die größeren Pflanzungen, während die Frauen Gärtner waren und Kürbisse, Bohnen usw. pflanzten.
Die Chanés und die Chiriguanos sind keine großen Jäger. Vielleicht hat man früher mehr gejagt. Ihre Jagdwaffen bestehen aus Pfeil und Bogen. Zur Wildschweinjagd werden Keulen angewendet, zur Straußenjagd wurden früher die Boleadora, „churima“ benutzt. Schlingen und Vogelnetze kommen auch vor. Früher trugen die Jäger eine offenbar den Spaniern nachgeahmte, nach europäischem Schnitt zugeschnittene Tracht aus Leder.[65] Diese durfte nicht im Hause hängen. Früher durfte auch bei den Chanés am Rio Parapiti kein Fleisch im Hause gekocht werden, sondern dies mußte ein Stückchen davon geschehen. Die Knaben sind natürlich eifrige Jäger kleiner Vögel. Sie benutzen manchmal, wie auch die Männer, Tonkugelbogen.
Man hat eigens für die Wildschweinjagd abgerichtete Jagdhunde. In einem Chanédorf am Rio Itiyuro sah ich, wie man allen Hunden ein rotes Kreuz auf den Kopf malte, damit sie nicht von einem in der Nähe grassierenden tollen Hunde gebissen würden. Es war wirklich spaßhaft zu sehen, wie diese heidnischen Chanés ihre Hunde mit dem Kreuzzeichen gegen die Tollwut schützten.
Batirayu erzählte mir, die Chanémänner dürften, wenn sie auf die Jagd gingen, in der Nacht vorher nicht bei ihren Frauen schlafen.
Der Fischfang wird in den verschiedenen Flüssen ungleich betrieben.
Im Rio Itiyuro fischen beinahe ausschließlich Frauen und Kinder. Dort gibt es auch nur kleine Fische. Ich sah dort drei Fischereimethoden. Angelfischerei, Fischfang mit Kalebasse und Fischerei durch Aufdämmen von Teichen. Die Angelhaken bestehen aus gebogenen Nadeln, die man von den Weißen bekommen hat. Flöße und Senkblei kommen nicht vor.
Der Fischfang mit Kalebasse geschieht folgendermaßen. In den Boden des Flusses werden mehrere Laubbüschel gesteckt, die Schatten geben, und vor jeden von diesen wird eine Kalebasse (Abb. 90) mit saurem, gemahlenem Mais (Abfälle vom Bierbrauen) gestellt. Die Fische sammeln sich in den Kalebassen, die von den Frauen von Zeit zu Zeit herausgenommen werden. Diese schleichen sich an die Kalebasse heran, legen schnell die Hand auf die Mündung, heben sie hoch und entleeren dann den Inhalt in Gruben am Flußufer.
Eine andere, in dem erwähnten Flusse oft angewendete Art des Fischens ist das Aufdämmen länglicher Teiche im Sande, in denen die Fische sich sammeln. Die Fische werden nach Entleerung des Wassers aus den Teichen gefangen. Zuweilen läßt man den Teich in einer mit einem Ketscher verschlossenen Rinne enden, aus der die Fische nicht heraus können.
Aller Fischfang, den ich am Rio Itiyuro gesehen habe, geschah während der Trockenzeit an sonnenheißen Tagen.
Im oberen Rio Pilcomayo fischen die Chiriguanos mit von den Weißen erhaltenen Angelhaken, mit den Tauchnetzen der Chorotis ähnlichen, obschon kleineren Netzen und durch Schießen der Fische mit Pfeil und Bogen. Die zum Fischfang angewendeten Pfeile haben zwei oder mehrere Spitzen.
Im Rio Parapiti sah ich Chanés und Chiriguanos mit einem Netz von dem hier abgebildeten Typ (Abb. 91) fischen. Beim Fischschießen wenden die dortigen Chiriguanos Pfeile mit vielen feinen Spitzen an.
In diesen zuletzt genannten Flüssen fischen die Männer immer im tieferen Wasser mit Netz und mit Pfeil und Bogen, während die Frauen sich damit begnügen, kleine Fische in den Verdämmungen zu fangen, wenn der Fluß halbtrocken ist.
Nicht so selten nehmen die Indianer lange Reisen vor, um zu fischen. So pflegen die Chanés zuweilen während der Trockenzeit die Sümpfe, „Madrejones“, in denen der Rio Parapiti sich verliert, zu besuchen.
Es ist merkwürdig, daß Völker, die so viel fischen, so wenige Fischereigeräte kennen. In meiner Schilderung der Chorotis und Ashluslays haben wir mit dieser Armut schon Bekanntschaft gemacht.
Moberg und der Verfasser wollten einmal am Rio Pilcomayo den Indianern etwas von unseren Erfahrungen im Fischfang zum besten geben und fabrizierten nun eine Reuse, über die wir nicht wenig stolz waren. Wir setzten sie in der vollen Überzeugung aus, daß sie am Morgen voller Fische sei. Holz und Abfälle aller Art war alles, was wir fingen, und ich kann nicht leugnen, daß die Indianer uns ein wenig auslachten.
Der Grund der Armut dieser Indianer an Fischereigeräten ist nicht der Mangel an Ideen, sondern ein anderer. Es passen ganz einfach wenige Fischereimethoden für diese Gewässer. Ein Netz des Nachts aussetzen, geht nicht an, denn wenn ein Palometafisch in das Netz gerät, schneidet er dasselbe mit seinen messerscharfen Zähnen sofort entzwei. Angelfischerei treiben, wo es solche Fische gibt, ist auch nicht verlockend, denn sie beißen die Angeln ebenso leicht, wie die Angelschnüre, ab, wenn sie nicht aus sehr gutem Material sind. In diesen tropischen Gewässern modern auch die Fischgeräte schneller, als bei uns, man darf sie also nicht eine ganze Nacht über im Wasser lassen.
Die Chiriguanos und Chanés haben keine Fahrzeuge. Sie sind dagegen außerordentliche Water, und hier während der Regenzeit in den Flüssen waten, ist gerade keine Kleinigkeit. Hat man jedoch einen dieser Indianer als Beistand, so kommt man, wenn es überhaupt möglich ist, doch hinüber.
Als eine Eigentümlichkeit kann ich erwähnen, daß ich während meiner ganzen Reise niemals einen eingeborenen Weißen oder Mestizen habe fischen sehen. In Bolivia ist es nicht fein, frische Fische zu essen. Am Rio Pilcomayo aßen die Offiziere der Militärposten beinahe niemals die leckeren, frischen, lachsähnlichen Fische aus dem Flusse, sondern zogen Büchsenlachs aus Alaska vor. Da dieser, wenn er nach Bolivia kommt, sehr alt ist, schmeckt er schrecklich. Die Angelfischerei ist auch die einzige Fischereimethode, welche die Indianer von den Weißen gelernt haben.
Von Haustieren haben die Chiriguanos und Chanés nur die Hunde nicht von den Weißen bekommen. Diese Hunde scheinen mir jetzt stark mit fremdem Blut vermischt zu sein. Sie haben immer Namen, z. B. tirupotchi (altes Kleid), chapikáyu (gelbe Augenbrauen). In der Regel haben die Chiriguanos und Chanés weniger Pferde, Kühe, Esel, Schafe und Ziegen, als die Chorotis und Ashluslays. Hühner und Schweine haben sie dagegen mehr. Zuweilen sieht man Enten, Perlhühner und Truthähne. In gewissen Gegenden, wie z. B. im Caipipendital, wo die Indianer reich sind, haben sie gleichwohl viel Vieh. Was sie besitzen, suchen ihnen die Weißen leider auf alle Weise abzuschwindeln. So ist es nichts Ungewöhnliches, daß ein weißer Mann oder eine weiße Frau mit einigen Fäßchen Branntwein in ein Dorf kommt und dasselbe mit einem Paar der besten Kühe der Indianer verläßt. Die Weißen werden reicher, die Indianer ärmer.
Die Menagerie gezähmter Waldtiere, die man in den Dörfern der primitiveren Indianer sieht, findet man bei diesen Indianern nicht. Ein Papagei, der etwas Guarani spricht, ist jedoch in den Hütten nichts Ungewöhnliches.
Zubereitung der Speisen.
Den Schmutz, den wir bei der Zubereitung der Speisen und im Essen bei den Chorotis und Ashluslays treffen, findet man bei den Chanés und Chiriguanos nicht. Die Speisen sind dagegen schrecklich einförmig. Sie bestehen aus Mais in allen möglichen Formen, gekochtem Mais, geröstetem Mais, in Asche gebackenem Maisbrot, Maismehlbrei und gedämpftem Maismehl. Das letztere wird in einem hier abgebildeten Apparat (Abb. 92) zubereitet.
Fleisch wird mit Mais als Suppe gekocht oder geröstet. Bevor es in den Topf gelegt wird, wird es sauber gewaschen. Die Fische werden in Klammern oder in Maisblättern über dem Feuer geröstet. Die kleinen Fische, die ich auf diese Weise zubereiten gesehen habe, werden erst beim Essen ausgenommen. Hat man viele Fische, so werden sie für den künftigen Bedarf getrocknet.
Das hier abgebildete Exemplar ist von den Mataco-Vejos, die seine Anwendung von den Chanés gelernt haben. ¼.
Besonders in Zeiten der Not werden auch verschiedene wilde Gewächse gegessen. Zum Essen wird Salz angewendet, das jetzt von den Weißen gekauft wird. Früher holte man es aus den Bergsalzgruben am San Luis auf dem Wege von der Stadt Tarija nach dem Chaco, oder bereitete Salz aus salzhaltiger Erde, „yukiu“. Die mit Salz gemengte Erde wurde in eine Schale mit Wasser gelegt, sank zu Boden, und das Salzwasser wurde angewendet.
Frauen und Männer essen getrennt. Zu Hause geht es gewöhnlich so zu, daß die Männer zuerst essen und dann die Frauen und Kinder. Die Indianer wollen beim Essen Ruhe haben. Es ist deshalb höchst ungezogen, sie während dieser wichtigen Beschäftigung anzusprechen.
Sie essen, soweit ich es gesehen habe, nicht aus einer gemeinschaftlichen Schüssel, sondern jeder ißt aus seiner Schale. Nach den Mahlzeiten spülen sie den Mund und waschen sich die Hände, indem sie das Spülwasser über die Finger spucken.
Es schien mir, als würden hier wirkliche Mahlzeiten abgehalten, von denen die erste des Morgens, die zweite mitten am Tage und die dritte bei Sonnenuntergang eingenommen wurde.
Hat man in einem Hause Überfluß an Speisen, so ladet man auch die Nachbarhäuser ein. Ein besuchender Indianer wird sehr gastfrei aufgenommen. Er braucht nicht fortzugehen, ohne Maisbier oder Essen erhalten zu haben. In den Chanédörfern am Rio Parapiti setzten mir die Indianer, wenn ich zu ihnen zu Besuch kam, immer eine Schüssel mit süßen Kartoffeln vor.
Die Chanés essen keine Esel, Maulesel, Pferde, Hunde, Füchse, Geier oder Affen. Dagegen werden Puma und Jaguar für eßbar gehalten.
Wenn die Frauen in den Dörfern nicht zu kochen, zu brauen oder ihre Kleinen zu warten haben, sind sie doch immer fleißig. Wenigstens die älteren unter ihnen sieht man beinahe niemals ohne Beschäftigung. Sie spinnen, machen Tongefäße, weben. Ich habe diese Frauen schätzen gelernt, ich habe ihre liebevolle Fürsorge für die Kinder, ihren Fleiß, ihre Pflege des Heims, ihre Geschicklichkeit und ihren Geschmack bewundert.
Spiele.
Manchmal sieht man die Männer spielen. Das gewöhnlichste Spiel ist jetzt taba, das mit dem Sprungbein einer Kuh gespielt wird und das diese Indianer in den Zuckerfabriken gelernt haben. Auch Würfelspiele sind dort nicht ungewöhnlich. Die Regeln für diese scheinen ihre eigenen, oder vielmehr den Weißen nachgeahmte zu sein.
„Daro“, wie die Chiriguanos das Würfelspiel nach dem Spanischen nennen, wird von zwei Personen mit von ihnen selbst verfertigten Würfeln gespielt. In Tihuïpa habe ich folgende Regeln für dieses Spiel (Abb. 93) aufgezeichnet.
Alle übrigen Kombinationen sind = 0. Wer zuerst zehn Striche hat, gewinnt. Die Striche werden auf dem Fußboden markiert.
Von eigenen Hazardspielen haben sie zwei. Das eine ist dasselbe, wie wir es S. 73 von den Chorotis und Ashluslays kennen gelernt haben. Die Chiriguanos nennen dieses Spiel „chúcaráy“, die Chanés „chunquánti“.[66]
Das andere den Chiriguanos und Chanés bekannte Spiel habe ich bei keinen anderen Indianern gesehen. Sie nennen es tsúcareta und spielen es mit einem Haufen Stäbchen, die auf der einen Seite konvex, auf der anderen eben oder konkav sind (Abb. 95).
Zuerst wird ein Stäbchen (Máma) so ausgelegt, daß es auf den hinzeigt, der werfen soll (Abb. 96). Nehmen wir an, daß es so gelegt ist, daß die konvexe Seite nach oben gerichtet ist. Fallen zwei oder mehr Stäbchen kreuzweise übereinander, und zwar mit der konvexen Seite nach oben und ohne oben von einem Stäbchen mit der ebenen Seite nach oben berührt zu werden, so fallen sie dem Werfenden zu. Wäre das Máma so gelegt worden, daß die ebene Seite nach oben gelegt worden wäre, so hätten nur die gezählt, die mit der ebenen Seite nach oben ein Kreuz gebildet haben.
Man schlägt abwechselnd und jeder legt das Máma beliebig aus. Wer die meisten Stäbchen bekommen hat, hat gewonnen.
Hat man nur noch vier Stäbchen, so wird kein Máma mehr ausgelegt, sondern man kommt überein, ob die konvexen oder ebenen (konkaven) gelten sollen.
Bisweilen sieht man die Frauen ein Kegelspiel, von den Chiriguanos in Tihuïpa „itarapóa“, von den Chanés am Rio Parapiti „tocoróre“ genannt, spielen.
In Tihuïpa spielte man auf folgende Weise. Man stellte zwei Reihen Maiskörner, je zwei aufeinander, als Kegel in einem Abstand von vier bis fünf Fuß auf. Zwei spielten abwechselnd, indem sie die Maiskegel des anderen mit einer steinernen Kugel abzuschlagen versuchten. Wer zuerst alle Maiskegel des anderen abgeschlagen hatte, hatte gewonnen.
Am Rio Pilcomayo spielte man mit drei Kegeln auf jeder Seite. Der Abstand zwischen den Kegeln des Gegners war drei Ellen. Jeder Kegel bestand aus einem entsamten Maiskolben und der Abstand zwischen ihnen sollte eine Handspanne[67] sein. Die angewandten Bälle sind aus gebranntem Ton und hohl, mit kleinen, rasselnden Kugeln im Innern (Abb. 99).
Das Leben der Indianerkinder.
Wenn man vom Leben in den Dörfern spricht, darf man auch die Kinder nicht vergessen. Die Kinder spielen, helfen aber auch den Großen. Sie werden wie die Choroti- und Ashluslaykinder erzogen. In heiterer Freiheit verbringen sie ihr Leben, ohne Prügel und harte Worte.
Die Chiriguano- und Chanékinder haben mehrere Spiele und Spielsachen, welche man die Kinder der Weißen in Bolivia niemals anwenden sieht und die mir alle echt indianisch zu sein scheinen.
Die Indianerkinder spielen vor allem die Spiele, die ich schon von den Älteren erwähnt habe. Von den Spielen der Chorotis und Ashluslays kennen sie das hockeyähnliche Ballspiel, das die Chiriguanos „táca“ nennen. Bei den Chanés habe ich es nicht spielen sehen. Als Tore pflegen sie Gruben anzuwenden, und zuweilen schlagen sie die Bälle mit Raketts. Das ist hier ein Knabenspiel. Ein außerordentlich hübsches und schweres Spiel ist „tóki“, das ich von den Knaben der Chanés am Rio Parapiti habe spielen sehen. Es wird von zwei, vier, sechs oder mehr Personen in zwei Abteilungen gespielt. Die Bälle aus massivem Gummi werden von einem der Spielenden erst in die Luft geworfen und dann mit dem Kopf nach der gegnerischen Seite geworfen, wo er mit dem Kopf wieder zurückgestoßen werden soll. Das Berühren des Balles mit der Hand ist verboten. Die Partei, die, je nach Übereinkommen, fünf- oder zehnmal den Ball verfehlt, hat verloren.
Das Tókispiel wird in einer der Sagen der Chanéindianer erwähnt. In dieser Sage sehen wir, wie schwer es den Chanés früher gefallen ist, den Gummi für die Bälle zu erhalten, der, da es im Chaco keinen Gummi gibt, von weit her geholt werden mußte.
Jetzt erhalten sie die Gummibälle von Santa Cruz de la Sierra. Ich habe das „Tóki“ nur von Knaben spielen sehen. Früher wurde es nicht allein von den Männern, sondern auch von den Göttern gespielt. Es ist besonders von den Chiquitosindianern bekannt.[68]
Auch d’Orbigny[69] erwähnt dieses hübsche Spiel von den Chiquitos. Am Rio Guaporé habe ich Chiquitano sprechende Gummiarbeiter das Spiel spielen sehen, die es außerordentlich gut verstanden, den Ball mit dem Kopf weiterzustoßen. Auch niedrige, den Boden beinahe erreichende Bälle fingen sie, auf dem Magen liegend, in gleicher Weise auf.
Spiele mit Gummibällen scheinen den Spaniern erst sehr spät bekannt geworden zu sein. Dies geht aus dem Erstaunen hervor, mit dem Gumilla[70] sie erwähnt. Merkwürdig, sagt er, sind die Bälle und die Art, wie mit ihnen gespielt wird. Der Ball ist groß und aus einem Holzsaft, Caucho genannt, gearbeitet, der bei einem leichten Stoß so hoch springt, wie ein Mann lang ist.
Gumilla erzählt, daß die Indianer am Orinoco mit der rechten Schulter spielten. Traf der Ball einen anderen Körperteil, so verlor der Spielende einen Point. Er bewunderte ihr Spiel, da sie den Ball zehn-, zwölfmal und noch öfter warfen, ohne den Boden zu berühren.
Ein anderes nettes Spiel ist „sóuki“, das die Chanéknaben am Rio Parapiti spielten (Abb. 102). Es wird von zwei Knaben mit Maiskolbenpfeilen gespielt. Erst wirft der eine Knabe seinen Pfeil auf den Boden, dann der andere, der ihm so nahe wie möglich zu kommen sucht. Kommt er eine Handspanne oder noch näher an den Pfeil des Gegners, so gewinnt er einen Point, d. h. bekommt einen Strich. Wer zuerst sechs Points hat, wenn der andere keinen hat, hat gewonnen. Jeder spielt mit bis zu drei Pfeilen. Die Points zählen so, daß nur das gilt, was der eine mehr als der andere hat.
„Huirahuahua“ ist ein Spiel (Abb. 103), das nur von den jüngeren Chanéknaben am Rio Parapiti gespielt wird. Es wird von zwei Knaben mit je einem Stäbchen gespielt. Der eine wirft sein Stäbchen so, daß die Spitze auf den Boden schlägt und so weit wie möglich aufspringt. Nachher wirft der zweite. Wer am weitesten geworfen hat, bekommt einen Strich auf dem Boden. Wer zuerst acht Striche hat, wenn der andere auf Null steht, hat gewonnen.
Das „Parama“-Spiel habe ich von den Chiriguanos im Caipipendital spielen sehen. Es wird von zweien gespielt. Ein Knopf oder dergleichen wird als Tor auf einen Stein gelegt, worauf man mit runden Steinchen aus Tonscherben wirft. Der Knopf soll heruntergeschlagen werden, und wer demselben am nächsten kommt, hat einen Strich gewonnen. Das Spiel wird so lange fortgesetzt, bis der eine, je nach Übereinkommen, fünf oder mehr Striche hat.
Die Chané- und Chiriguanokinder haben auch mehrere Spielsachen, die hier abgebildet sind (Abb. 104–105). Von diesen ist „mou-mou“ (Abb. 104) eigentümlich. Mit ihm wird, wenn die Fäden erst gezwirnt und dann gespannt werden, ein summender Ton hervorgebracht.
Nun habe ich meine Leser wohl ordentlich mit indianischen Spielen und Spielsachen gelangweilt. Vielleicht habe ich mich bei diesem in Südamerika so wenig studierten Gegenstande, der mich auf meiner Reise lebhaft interessiert hat, zu lange aufgehalten. Wie bei den Chorotis und Ashluslays, habe ich gern mit den Knaben gespielt. Dies ist auch eine Art und Weise, den Indianern näher zu kommen, ihr Vertrauen zu gewinnen.