Vierzehntes Kapitel.
Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Forts.).
Häuptlinge und Gesetze.
Die Häuptlinge bei den Chanés und Chiriguanos haben eine ganz andere Stellung als bei den Ashluslays und Chorotis. Sie haben eine bedeutende Macht. Unter den Häuptlingen finden sich die großen Häuptlinge, die über mehrere Dörfer herrschen, und die Dorfhäuptlinge, die nur über ein Dorf oder einen Teil eines solchen gebieten. Von großen Häuptlingen, die ich kennen gelernt habe, sind bemerkenswert die alte Vuáyruyi, die Häuptling über die Chanédörfer am Rio Itiyuro ist, Taruiri, der über den größeren Teil des Caipipenditales herrscht, Mandepora (Abb. 111), der früher eine bedeutende Macht in und um Machareti hatte, und Maringay im Iguembetal.
Jetzt haben die Häuptlinge keine anderen Zeichen ihrer Würde, als silberbeschlagene Stöcke. Nach Corrado trugen sie früher einen großen Haarbüschel auf dem Kopfe, „yattira“, sowie grüne Steine, die an den Ohren hingen. Bei den Festen und Tänzen hatten sie das Recht, die „yandugua“, eine mit einem Bündel Straußenfedern geschmückte Stange, und „iguirape“, einen mit eigentümlichen Figuren geschnitzten Stab, anzuwenden. Von diesen habe ich nur eine Yandugua erwerben können. Die übrigen habe ich nicht einmal gesehen.
Die Häuptlingswürde scheint in der Regel erblich zu sein. Doch sind Tüchtigkeit und die Kunst, seine Worte wohl zu setzen, erforderlich.
Vocapoy hat mir seinen Stammbaum mitgeteilt, den ich hier wiedergebe, da er sehr lehrreich ist, und ich zu glauben wage, daß es den Leser interessieren kann, einen indianischen Stammbaum zu studieren.
Vocapoys Stammbaum.
Wir finden somit, daß der eigentliche Häuptling am Rio Itiyuro eine Frau ist. Ich habe die alte Vuáyruyi besucht. Sie empfing mich, in ihrer Hängematte liegend, mit großer Würde. Da die Frau alt und schwach ist, regiert Vocapoy und sucht, so gut wie er kann, die Seinen gegen die Weißen zu schützen, die ihr Land vollständig in Beschlag genommen haben. Ich fragte Vocapoy, warum Vuáyruyi, als Frau Häuptling geworden ist. „Ihr Vater Hinu Parawa hat sie sprechen gelehrt“, sagte Vocapoy. Es wird somit von diesen Indianern, um regieren zu können, als höchst wichtig betrachtet, die Sprache in seiner Gewalt zu haben. Diese Menschen können die Klugheit höher schätzen, als die Stärke. Niemand wird Häuptling, wenn er nicht ein älterer Mann ist. Der Mann der Vuáyruyi war nicht Häuptling, sondern nur „Prinzgemahl“. Die Dorfhäuptlinge gehören ebenfalls dem Geschlechte Hinu Paravas an.
Taruiri ist auch nicht der richtige Häuptling, sondern vertritt einen jüngeren Verwandten, der infolge seiner beständigen Betrunkenheit als untauglich betrachtet wird. Taruiri herrscht im Caipipendital, wo sein Gebiet noch frei ist, von den Weißen aber wohl bald usurpiert werden wird. In Ivu ist ein Chiriguanohäuptling, der auch Medizinmann ist. Dies ist das einzige Beispiel von Theokratie, das ich kennen gelernt habe.
Die Häuptlingsfamilien bilden unter den Chiriguanos und Chanés eine Art Aristokratie. Mehrmals habe ich Indianer sich mit ihren feinen Familienverbindungen großtun hören. Ein Chiriguano, der mich eine längere Zeit als Dolmetscher begleitete, war eifrigst bemüht, mir einzuprägen, daß er mit den bekanntesten Oberhäuptlingen verwandt war.
Wie der Verfasser dieses Buches als Sohn von Adolf Nordenskiöld vorgestellt zu werden pflegt, so pflegten die Indianer in ähnlicher Weise die Söhne ihrer „großen Männer“ vorzustellen.
Ich bin sogar hinter ein bißchen Betrügerei mit dem Stammbaum gekommen. Ein Chané behauptete, direkt von dem großen Hinu Parava herzustammen, was aber nicht wahr sein soll.
Will man bei diesen Indianern hübsche Sachen aus alten Zeiten finden, so hat man sie zuerst bei den Häuptlingsfamilien zu suchen. Sie bewahren die alten Kleinodien.
Immer mehr beginnen die weißen Behörden die Häuptlinge zu ernennen. Man kann also in einer Gegend einen von den Weißen gestützten Häuptling und einen legitimen finden.
Die Häuptlinge haben eine große Macht, und man gehorcht ihnen, im Gegensatz zu dem, was bei den Chorotis und Ashluslays der Fall war, soweit ich gesehen habe, immer. Sie besitzen den Boden (wenigstens in gewissen Gegenden), aber nicht für eigene Rechnung, sondern für den Stamm. Braucht man in einem Chané- oder Chiriguanodorf Träger, so erhält man sie von dem Häuptling, und kein Indianer weigert sich, die Befehle des Häuptlings auszuführen.
Obschon der Häuptling einen so großen Einfluß hat, arbeitet er doch in derselben Weise, wie die übrigen Indianer. Vocapoy z. B. trug selbst das schwere Holz zum Maisbierkochen nach Hause, und seine Frau mußte kochen und fegen, wie die anderen Frauen. Dem Beispiele der Weißen folgend, haben jedoch jetzt einige der zivilisiertesten und reichsten Indianer, wie Taco, Diener aus ihrem eigenen Stamme, aber dies ist nicht das Ursprüngliche. Dagegen ist es, wie ich an anderer Stelle schon erwähnt habe, nichts Ungewöhnliches, daß die Mataco-Vejos und die Tapiete für die Chiriguanos und Chanés arbeiten.
Als wir im Dorfe Vocapoys von der Jagd heimkehrten und mit dem Häuptling unsere Beute teilten, nahm seine Frau alles an, ging aber dann in den Häusern herum und gab den Nachbarn alles, was sie erhalten hatte.
Man kann hier nicht von reich und arm in demselben Dorfe sprechen, obschon auch der Anfang zu einem Adelsstand vorhanden ist. Dagegen gibt es arme und reiche Dörfer. Einzelne verhältnismäßig reiche Indianer gibt es, diese leben aber, wie Taco, wie die Weißen.
Chiriguano. Itapenbia. ⅙.
Der Häuptling ist Richter und war früher Heerführer.
Vocapoy sagte mir, Totschlag werde in der Weise bestraft, daß der Totschläger dazu verurteilt wird, bis zu einem halben Jahre für die Familie des Getöteten zu arbeiten. Ein Dieb bekommt bis zu fünfzig Rutenschläge und wird, um nicht getötet zu werden, nach einem anderen Dorf geschickt. Nach Vocapoy ist es die Hauptaufgabe des Häuptlings, Blutrache zu verhindern, indem man die Verbrecher fortschickt, damit sie nicht gemordet werden. Vater-, Mutter- und Kindesmord sind, seiner Behauptung nach, in seiner Gegend unbekannt.
Nach Batirayu, dessen Angaben zuverlässiger als die Vocapoys sind, beschäftigt sich der Oberhäuptling der Chanés am Rio Parapiti mit keinen anderen Verbrechen, als mit Mord, Verführung einer anderen Frau und Verhexung. Mord mit vergiftetem Chicha, „bád-dyási“, kam früher bei den Chanés vor. Mörder und Verhexer wurden verbrannt. Der Verführer einer Frau wurde aller seiner Habe beraubt. Im übrigen wurden Diebstahl und andere Verbrechen durch Duell geschlichtet. Hatte jemand gestohlen, so riefen der Gekränkte und der Dieb ihre Verwandten herbei, und man kämpfte auf dem offenen Platz im Dorfe.
Die Behörden der Weißen greifen jetzt immer mehr in die Rechtsverhältnisse der Indianer ein.
Im Krieg mit anderen Stämmen führte der Häuptling den Befehl, wie sie es auch bei den Empörungen der Indianer gegen die Weißen getan haben.
Nach Vocapoy besitzt der Häuptling den Boden für den Stamm. Batirayu sagte, das Recht an dem Grundbesitz werde so geordnet, daß jeder anbaut, was er will. Schon bebauter Boden hat seinen Besitzer, wenn er auch jahrelang brachgelegen hat. So wird auch Brachland vererbt.
Die Erbschaften werden im übrigen dadurch bedeutend eingeschränkt, daß der Tote einen Teil seiner Kostbarkeiten mit in das Grab nimmt.
Wie bei den Ashluslays und Chorotis, ist auch hier das Besitzrecht gut ausgebildet, und die Frauen besitzen auch das, was sie anwenden und herstellen. Wie bei den genannten Stämmen, ist auch hier die Mildtätigkeit sehr groß, wenn sie auch dank unserer „Zivilisation“ und der Mission weniger ausgeprägt ist.
Das Chiriguanogemeinwesen — das ursprüngliche Chanégemeinwesen kennen wir nicht — hat eine viel festere Organisation gehabt als das Gemeinwesen bei den Chorotis und Ashluslays. Die Chiriguanos waren ein Eroberungsvolk, das wahrscheinlich die Chanés unterjocht und mutig und erfolgreich gegen die Inkas gekämpft sowie lange der Invasion der Weißen Widerstand geleistet hat. Hätte es statt der vielen Häuptlinge nur einen einzigen gegeben, so hätte die Eroberung des Chiriguanolandes ganz sicher das Leben doppelt so vieler Weißen gekostet, als jetzt. Leider haben in den Kämpfen der Weißen gegen die Indianer beinahe stets einige Häuptlinge auf der Seite der Feinde gegen ihren eigenen Stamm gekämpft. Bei dem letzten, durch den Kampf bei Curuyuqui entschiedenen Aufruhr hatten die Weißen eine Hilfstruppe von ein paar tausend Indianern, mit denen sie zusammen deren Stammfreunde bekämpften.
Wie sich alles im Leben der Indianer verändert, wenn die Weißen ihr Land erobert haben, so verwandeln sich auch die sozialen Verhältnisse. Wenn Vocapoy, Maringay, Mandepora und einige andere in den Tongefäßen unter den Hütten liegen, dann ist das Ende herbeigekommen, dann haben die Indianer keine anderen Gesetze als die der Weißen, keine anderen Behörden, als deren Vögte. Die Chanés am Rio Parapiti haben, wie erwähnt, keinen Oberhäuptling mehr. Batirayu ist diese Würde angeboten worden, er will aber nicht der Knecht der Weißen sein, dazu ist er zu stolz. „Es ist nicht wie in alten Zeiten“, sagte Batirayu zu dem wunderlichen Weißen, der das Vertrauen und das Verständnis der Indianer suchte.