Drittes Kapitel.
Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung).
Gemeinwesen.
Wir sind alle Brüder, sagte einmal ein Chorotiindianer zu mir. Im großen gesehen bilden auch die Chorotis und Ashluslays zwei Familien. Sie wohnen in einer bedeutenden Anzahl Dörfer von wechselnder Größe verteilt. Es gibt dort Dörfer mit ganz wenig Familien und Dörfer, wie das des Ashluslayhäuptlings Mayentén, das etwa 1000 Bewohner hatte. Die Dörfer, oder richtiger die Stellen, wo die Dörfer angelegt sind, haben Namen. So hieß ein Chorotidorf vuátsina = Erdratte, ein anderes hópla = Grasblume, ein drittes tónoclel = alte Pfütze, ein viertes asnatelémi = weiße Erde usw.
Die Chorotis und Ashluslays sind nicht vollständig seßhaft. Sie ziehen beständig, wenn auch nicht weit. Als ich z. B. 1909 dieses Land besuchte, fand ich sehr wenige Dörfer an demselben Platze wie 1908. Sie ziehen des Fischfangs, der Algarrobo, ihrer Äcker wegen usw. Während der Trockenzeit ziehen viele Indianer nach dem Rio Pilcomayo, um dort zu fischen. In der Regenzeit ziehen sie sich in das Innere des Landes zurück, wo sie in der Regel ihre Äcker haben. Das ganze Menschenmaterial im Gemeinwesen der Chorotis und Ashluslays ist sehr beweglich. Zuweilen teilen sich die Familien, zuweilen vereinigen sie sich zu großen Gruppen. Die Individuen, besonders die Jugend, ziehen beständig von einem Dorf zum andern. Die Choroti- und Ashluslaydörfer, die ich gesehen habe, lagen teils im Walde, teils auf der Ebene. Einige Chorotidörfer lagen während der Trockenzeit unten am Pilcomayofluß an dem niedrigen, jährlich überschwemmten Ufer. In keinem Chorotidorf waren die Hütten nach einem bestimmten Plane geordnet. In mehreren Ashluslaydörfern waren sie dagegen um eine Art Marktplatz gruppiert, auf welchem die Männer unter Ausschluß der Frauen einen gemeinsamen Sammlungsplatz hatten, der entweder ganz einfach im Schatten eines großen Baumes lag oder durch ein zu diesem Zweck gebautes Sonnendach geschützt war.
Es ist höchst interessant zu sehen, daß wir hier eine sehr primitive Form des von vielen Indianerstämmen bekannten „Männerhauses“ finden, in welchem die Männer sich versammeln, zu welchem die Frauen aber keinen Zutritt haben.
Der Platz für die Dörfer war offenbar überall so gewählt, daß man Fische, wilde Früchte, oder, zur Erntezeit, seine Äcker in der Nähe hatte. Im Innern des nördlichen Chaco ist man bei den Dorfanlagen an die wenigen Tränken gebunden, deshalb sind auch die dortigen Indianer viel seßhafter, als die am Rio Pilcomayo. Dort sind auch die Hütten viel besser gebaut, als an diesem Flusse.
Zwischen den Dörfern führen eine Masse Wege, die sich in der Nähe des Dorfes netzförmig auflösen. Aus diesem Grunde ist es oft schwer, den Pfaden der Indianer zu folgen.
Weder die Chorotis noch die Ashluslays haben einen für den ganzen Stamm gemeinsamen Häuptling. Die meisten Dörfer haben ihre Häuptlinge, aber diese sind unabhängig voneinander. Bei den Ashluslays habe ich Häuptlinge gesehen, die über mehrere Dörfer herrschen. Die Häuptlinge haben je nach ihren persönlichen Eigenschaften Einfluß. Sie sowie ihre Frauen arbeiten genau ebenso wie die anderen Indianer. Sie haben keine Diener; solche sind bei diesen Indianern unbekannt. Der Häuptling hat keinen Ehrenplatz bei den Trinkgelagen, seine Hütte nimmt keinen besonders auserwählten Platz im Dorfe ein.
Er ist ein Familienvater, den man respektiert, der aber nicht regiert.
Im Krieg nimmt er vielleicht eine leitende Stellung ein, die anderen gehorchen ihm aber nur soweit, wie es ihnen paßt. Kommt ein weißer Mann nach einem Indianerdorf, so wird er von dem Häuptling empfangen, und die Sitte erfordert es, daß er ein Geschenk erhält. Dies scheint mir indessen eine spätere Erfindung der Weißen selbst zu sein. Der Weiße hat zur Unterhandlung im Dorfe eine bestimmte Person nötig gehabt und hat sich darum der Häuptlingsinstitution bedient und sie weiter entwickelt.
Die Häuptlingswürde scheint in der Regel vom Vater auf den Sohn zu gehen. Ist der Sohn beim Tode seines Vaters minderjährig, d. h. nach indianischen Begriffen kein älterer, verheirateter Mann, wird sie interimistisch von einem älteren Verwandten ausgeübt. Sehr oft, besonders nach Kriegen, wo die Männer ihre Tüchtigkeit zeigen können, entstehen neue Häuptlinge.
Unter den Ashluslayhäuptlingen, die ich kennen gelernt habe, sind bemerkenswert Toné, Mayentén, Mocpuké, Aslú, Mentisa und Chilán; unter den Chorotis Attamo aus einer Ashluslayfamilie, Kara-Kara, Éstehua und Tula. Die meisten von ihnen waren Greise, die offenbar in der Hauptsache über Kinder, Enkel, Geschwister und deren Kinder regierten.
Eine große Macht im Dorfe besitzt, wo ein solcher vorhanden ist, der Dolmetscher. Er spricht Spanisch und unterhandelt mit den Weißen. Bei den Chorotis befanden sich mehrere Spanisch sprechende Individuen, bei den Ashluslays keiner.
Einen bedeutenden Einfluß hat auch der Medizinmann. Man bietet ihm viel Essen an, behandelt ihn somit gut. Niemals habe ich gehört, daß ein Medizinmann gleichzeitig Häuptling war.
In den Choroti- und Ashluslaydörfern herrscht kein Klassenunterschied, noch gibt es Reiche oder Arme. Ist der Magen voll, so ist man reich, ist der Magen leer, so ist man arm. Wir sind alle Brüder, dies ist der Grundgedanke im Gesellschaftsbau dieser Menschen. Sie leben in einem beinahe vollständigen Kommunismus. Schenkt man einem Choroti- oder Ashluslayindianer zwei Hemden, so verschenkt er sicher das eine, und vielleicht alle beide. Bekommt ein Indianer Brot, so teilt er es in kleine Stücke, damit es für alle reicht. Ich vergesse niemals einen kleinen Ashluslayknaben, dem ich Zucker gab. Er biß ein Stückchen ab und aß es anscheinend mit Wohlgefallen auf, dann sog er ein bißchen an dem Rest und nahm ihn aus dem Munde, damit die Mutter und die Geschwister auch kosten sollten. Bekommt ein Choroti- oder Ashluslayindianer einen Rock, so trägt er ihn vielleicht einen Tag, am folgenden Tage hat ihn ein anderer usw. Niemals raucht einer dieser Indianer seine Pfeife allein. Sie soll von Mund zu Mund gehen. Oftmals hat mir ein Indianer die Pfeife aus dem Mund genommen, einige Züge getan und sie mir dann wieder zurückgegeben, denn so will es die Sitte dort. Ein Mann, der viele Fische gefangen hat, teilt mit dem, der weniger Glück gehabt hat.
Es wäre indessen ein großer Irrtum, wenn man glaubte, daß in dem Indianerstaat nicht jedes Individuum das besitzt, was es arbeitet und anwendet. Niemals würde es einem Indianer einfallen, den Besitz eines anderen auszutauschen. Ein Mann würde niemals etwas, was seiner Frau oder seinem kleinen Kinde gehört, weggeben, ohne sie zu fragen. Jede Sache hat ihren Besitzer, da der Besitzer aber mildtätig ist und alle aus seinem Stamme als Brüder betrachtet, so teilt er freigebig mit den anderen. Die Tiere haben Besitzmarken. So sind die Schafe, um den Besitzer zu kennzeichnen, an den Ohren auf verschiedene Weise geschoren. Wird jedoch ein Schaf geschlachtet, so wird das Fleisch an alle verteilt. Bei den Ashluslays haben die gewebten Mäntel Zeichen, die den Besitzer angeben. Einige solche Besitzmarken sind hier abgebildet (Abb. 4). Da sie eine Art Namenszeichnung sind, sind sie höchst interessant. Möglicherweise haben indessen die Indianer die Idee hierzu von den Zeichen, mit welchen die Weißen ihr Vieh stempeln, erhalten. Zahlreiche, von den Weißen gestohlene Pferde mit solchen Zeichen habe ich nämlich bei den Ashluslays gesehen.
Die Mäntel sind, wie erwähnt, gezeichnet, trotzdem will derjenige, der einen großen guten Mantel besitzt, nicht allein unter demselben schlafen. In den Ashluslaydörfern pflegten ein paar Indianer oft des Nachts in meinem Bett zu schlafen, offenbar in dem Gedanken: „Du Weißer hast so große Decken, daß sie für mehrere als dich reichen.“
Diese meine Indianerfreunde hätten sehen sollen, wie es bei uns zu Hause zugeht, wie der eine in einem prachtvollen Bett schläft und der andere friert. Die Weißen sind ja auch nicht Brüder. — Gütergemeinschaft herrscht bei diesen Indianern nicht, aber zufolge der großen Mildtätigkeit versucht keiner, sich auf Kosten des anderen einen Vorteil zu verschaffen, sondern teilt freigebig mit allen, was er hat. An dem einen Tage schenkt er, an dem anderen nimmt er Geschenke entgegen.
Das Land hat keinen Besitzer, die Äcker gehören dem, der sie bebaut. Land ist genug vorhanden, und es ist Raum da für alle. Sollte die Bevölkerung so groß werden, daß Mangel an anbaubarem Land eintritt, so würde es wohl auch mit dem gemeinsamen Besitzrecht aus sein.
Man sollte meinen, daß in einem Gemeinwesen, wie dem dieser Indianer, eine gewisse Gesetzlosigkeit herrscht. Diebstahl ist unbekannt, d. h. Diebstahl von den eigenen Mitgliedern des Stammes, denn es herrscht dort ein so großes Gemeingefühl, daß niemand zu stehlen braucht. Ich glaube auch nicht, daß die Indianer sich gegenseitig belügen. Dem Weißen lügt man etwas vor, man sagt ihm ganz einfach, was man für nützlich für den Stamm hält. Man betrügt ihn, wenn es paßt, man sagt ihm die Wahrheit, wenn es nicht schaden kann. Ertappt man einen Indianer auf einer Unwahrheit, so betrachtet er es ungefähr so, wie ein Weißer die Entdeckung eines Aprilscherzes. Er lacht und findet es amüsant. Wird man ärgerlich, so hält er den Betreffenden offenbar für dumm.
Der Mord beschränkt sich auf den Kinder- und Elternmord, dies ist aber vom indianischen Standpunkt kein Verbrechen. Das klingt ja schrecklich. Die Indianerin betrachtet es als ihr Recht, die Leibesfrucht abzutreiben und ihr Neugeborenes zu töten, wenn sie will. Sie glaubt offenbar ein Recht an dem Leben zu haben, das sie gegeben. Die Abtreibung der Leibesfrucht geschieht durch mechanische Behandlung in weit vorgeschrittenem Stadium[16] und kommt somit, wenigstens bei den Chorotis, immer in den Fällen vor, wo unverheiratete Frauen schwanger werden. Die neugeborenen Kinder werden getötet, wenn die Mutter von dem Vater verlassen wird, und immer, wenn sie mißgestaltet sind. Ich kenne mehrere solche Kindesmörderinnen, die liebe und gutherzige Mädchen sind. Ein solches ist z. B. Ashlisi, ein Mädchen, das einige lustige Zeichnungen, von denen zwei weiterhin wiedergegeben sind, für mich gemacht hat. Unserer Ansicht nach sollte ein solches Verbrechen eine Frau verrohen. Das ist ein vollständiger Irrtum, denn das Verbrechen verroht erst, wenn es Verachtung seitens der Umgebung verursacht.
Wenn ein Indianer seine alte blinde Mutter oder seinen verkrüppelten Vater tötet, so befreit er sie selbst von einem Leben, das ihnen eine Last ist, und sich selbst von einer Extramühe im Kampfe ums Dasein. Daß sie dieselben zuweilen lebend verbrennen, wie mein Dolmetscher Flores es einmal bei einer alten Frau seitens der Chorotis gesehen hat, erscheint uns natürlich grausam. Möglicherweise haben sie indessen die Alten im Verdacht der Hexerei gehabt. Die sittliche Freiheit ist, wie ich hier unten schildern werde, sehr groß. Untreue und Eifersucht werden durch Schlägereien zwischen den Frauen geordnet. Ein grobes Verbrechen ist auch das Verhexen. Leider weiß ich nicht, wie es bestraft wird.
Im Verhältnis zu anderen besser organisierten Stämmen sind solche Gemeinwesen, wie es die Choroti- und Ashluslayindianer bilden, äußerst schwach. Die beste Gelegenheit, dies zu beobachten, hatte ich während meines Aufenthaltes bei den letzteren. Diese waren, wie erwähnt, in einen Krieg mit den Tobas verwickelt, welche unter Leitung des energischen Häuptlings Taycolique mehrere Überfälle in deren Gebiet machten. Infolge der Machtlosigkeit der Häuptlinge und der geringen Eintracht vermochten sie nicht, sich zu einer gemeinsamen Verteidigung gegen den Feind zu organisieren. Die verschiedenen Dörfer vereinigten sich nicht, sondern jedes tat, was es für gut hielt. Das anarchistische Gemeinwesen hat keine Abwehrkraft. Erwartete man einen Tobaanfall, so eilten viele Männer von verschiedenen Seiten herbei, um den Kampf aufzunehmen, da es aber an jeder Organisation fehlte, fanden sich immer nur ein Teil der Krieger ein. Die meisten blieben, um ihre eigene Person besorgt, aus.
Es fehlte ein Mann, der zu befehlen und sich Gehorsam zu schaffen verstand.
Das Indianerhaus.
Sowohl bei den Chorotis wie bei den Ashluslays finden wir die von Photographien und Reiseschilderungen bekannte runde oder ovale Chacohütte. Sie ist, je nach der Jahreszeit, mehr oder weniger sorgfältig gebaut und etwa zwei bis vier Meter im Durchschnitt. Zum Schutz gegen die kalten, südlichen Winterwinde sind die in der Ebene liegenden Hütten besser gebaut als die im Walde. Oft sind mehrere Hütten so zusammengebaut, daß sie aus mehreren Räumen mit mindestens einem für jede Familie bestehen. Die Hütten sind aus Zweigen verfertigt, die in die Erde gesteckt, in der Mitte zusammengebogen und mit Gras bedeckt sind. Ein Bindematerial fehlt vollständig. Keine Hütte ist mit Erde oder Lehm bedeckt. Der Eingang, der, falls die Hütte in der Ebene liegt, aus einem kleinen schiefen Gang besteht (Abb. 2), ist nicht nach einer gewissen Himmelsrichtung, sondern meistens nach dem Dorfe zu gerichtet. Viele Hütten haben mehrere Eingänge. Einige sind so schlecht gebaut, daß man ungefähr überall hineinkommen kann. Bei den Ashluslays habe ich über drei Meter hohe wohlgebaute Hütten gesehen. Gewöhnlich ist die Hütte jedoch inwendig nicht ganz zwei Meter und der Eingang ungefähr ein Meter hoch.
Bei diesen Indianern findet sich auch ein viereckiger Hüttentypus, und zwar die Kochhütten (Abb. 6). Diese haben platte, mit Gras bedeckte Dächer und dienen zum Kochen und Wohnen am Tage und in warmen Nächten. Auf ihren Dächern pflegt man Fische zu trocknen. In einigen Ashluslaydörfern sah ich mehrere solche unregelmäßig zusammengebaute Kochhütten mitten auf dem offenen Platze des Dorfes. Diese Gebäude, die hier eine ungewöhnliche Größe haben, werden während der Trinkfeste als Sonnenzelte angewendet.
Die Frauen suchen das Material zum Hausbau zusammen und bauen auch die Hütten.
Es ist wirklich merkwürdig, daß Volksstämme, die z. B. in der Webetechnik so weit wie diese Indianer gekommen sind, die Ackerbau und Viehzucht haben, sich mit so elenden Hütten begnügen. In regnerischen Nächten habe ich in ihnen Schutz gesucht und genau gesehen, wie die Indianer dort leben. Gießt es ordentlich, so regnet es überall hinein und Menschen und Sachen werden naß. In diesen kleinen Hütten, wo oft mehrere Familien zusammenwohnen, ist der Raum sehr beschränkt, und wenn in einer solchen Regennacht alle zu Hause sind, kann nicht jeder ausgestreckt liegen. Ich selbst habe geringe Bequemlichkeitsbedürfnisse, ich bin aber doch kein Freund davon, daß eine Person quer über meinen Beinen liegt oder daß ein mit Läusen behafteter Kopf auf meinem Kopfkissen Platz zu bekommen sucht.
Das Bett dieser Indianer ist während ihres ganzen Lebens ein Fell, oder bei den Ashluslays zuweilen eine Schilfmatte als Matratze, ein Holzklotz als Kopfkissen und, wenn es kalt ist, ein Fell- oder Schafwollmantel als Decke.
Ist es warm, so liegen sowohl Männer als Frauen vollständig nackt, und man sieht manches, was wir zivilisierten Menschen für unanständig halten. In der Regel liegen mehrere unter derselben Decke, und zwar nicht allein Männer, Frauen und Kinder, sondern auch mehrere Männer. Diese Sitte ist bei den Indianern so eingewurzelt, daß nur solche Decken unter meinen Tauschwaren gebilligt wurden, die zu einem zweischläfrigen Bett reichten.
Außer für die Menschen soll in jeder Hütte auch für eine Menge Hunde, Katzen, junge Strauße usw. Platz sein. Sie gehören zur Familie.
Ist es kalt und regnerisch, so ist die Feuerstätte in der Hütte, sonst kocht man in der Regel am liebsten außerhalb des Hauses. Das Feuer wird stets in Brand erhalten. Macht man eine kleine Reise, so nimmt man Feuer (einen Feuerbrand) mit. Nur auf längeren Wanderungen benutzt man das bekannte Feuerzeug, hölzerne Reibstäbchen.[17] Man bohrt in einem Stab von etwas weicherem Holz mit einer stärkeren Holzart so lange, bis durch die Reibung glühender Holzstaub entsteht. Dieses Feuerzeug ist jetzt im Verschwinden und wird durch Feuerstein, Stahl und Zunder (hier Caraguatábast) sowie durch Streichhölzer, leider nicht schwedischen, sondern italienischen Fabrikats, ersetzt.
Jeder Indianer besitzt nicht mehr, als die ganze Familie forttragen kann. Das meiste davon hängt in den Hütten unter dem Dache oder ist in die Wände hineingestochen. Hängebretter oder Klammern sieht man hier nicht. Jedes Individuum bewahrt seine Habseligkeiten allein, meistens in großen Taschen aus Caraguatá oder Fell, auf. Meine Lieblingsbeschäftigung war, in diesen Beuteln herumzuwühlen. In ihnen befinden sich wild durcheinander Geräte, Schmucksachen, Heilmittel, Samen, Schmutz und Insekten.
Jedes Individuum hat, wie gesagt, seine eigenen Beutel. Eine Frau verwahrt ihre Sachen getrennt von denen ihres Mannes. Ein Kind hat ebenfalls sein kleines Beutelchen.
Die für die Saat aufgehobenen Samen werden in mit Wachs verklebten Töpfen aufbewahrt. Am Dache hängen oft Tabak und getrocknete Früchte. In besonderen Schuppen werden größere Mengen dieser Konserven verwahrt.
Die Dörfer werden durch bissige, aber feige Hunde bewacht, die anschlagen, wenn ein Fremder sich dem Dorfe nähert. Sie teilen die Abneigung des Indianers gegen den weißen Mann.
Besucht man eine Chorotihütte, so wird einem in der Regel ein Holzklotz zum Sitzen angeboten. Bei den Ashluslays erhält man dagegen ein Fell oder eine Schilfmatte.
Die Arbeit beginnt in diesen Indianerdörfern in den allerfrühesten Morgenstunden. Die Frauen beginnen mit ihrer Wirtschaft, gehen aus, um Früchte zu sammeln oder nehmen sich eine andere Arbeit vor, die Männer schneiden ihre Werkzeuge, gehen auf die Jagd oder schlafen ganz einfach. Erst wenn es warm ist, begeben sie sich zum Fischfang. Ist es sehr kalt, so bleibt man am liebsten in der warmen Hütte, bis die Sonne richtig aufgegangen ist. Am Vormittag sind die meisten Indianer und Indianerinnen aus, um Nahrungsmittel für die Küche zu sammeln. Gegen Mittag kommt man mit dem Gesammelten oder Gefischten nach Hause. Hat man Glück gehabt, kommen z. B. die Fischer mit reicher Beute nach Hause, so herrscht in den Dörfern Freude. Die Kinder versammeln sich am Tage auf den Spielplätzen und vergnügen sich nach Herzenslust oder begleiten die Eltern zu ihrer Arbeit. Gegen Abend versammelt man sich wieder um das schöne, wärmende Lagerfeuer, die Tagesereignisse werden erzählt, die Pläne für den nächsten Tag entworfen. Am meisten spricht man vom Essen. Am Abend begibt sich die Jugend nach den Tanzplätzen. Während der Nacht ist es in diesen Choroti- und Ashluslaydörfern beinahe niemals richtig still. Dort wird gesungen, in Freude und Leid, dort wird gekocht, dort wird geschwatzt, dort hat die Jugend Rendezvous und dort wird gekichert und gelacht.
Diese Indianer schlafen des Nachts keine sieben bis acht Stunden ununterbrochen. Sie schlafen ein paar Stunden, essen und plaudern ein Weilchen, schlafen wieder, essen noch einmal usw. In der Regel schlafen sie viel mehr am Tage als wir. Der weiße Mann, der in einem solchen Indianerdorf lebt, lernt bald das System, zu schlafen, wenn es ihm am besten paßt.
Im Indianerhause ist der Raum beschränkt, aber es herrscht dort große Eintracht. Niemals hört man jemand schimpfen, niemals versucht der eine, sich auf Kosten des anderen Vorteile zu verschaffen. Schlagen zwei Weiße ein Lager auf, und es ist nur ein guter Liegeplatz da, so zanken sie sich, wer den Platz haben soll. Liegt ein Haufe Indianer in einer engen Hütte, so teilen sie mit Gleichmut den knappen Raum. Sie sind ja alle Brüder und Schwestern. Diese „Wilden“ verstehen, daß man sich selbst in Kleinigkeiten nicht auf Kosten des anderen bereichern darf.