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Indienfahrt

Chapter 10: Achtes Kapitel Am Thron der Sonne
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About This Book

Ein Reisender schildert seinen Aufenthalt an der Malabarküste und in verschiedenen indischen Regionen in einer Reihe episodischer Skizzen, die Landschaften, Hafenstädte und Bergzüge lebhaft darstellen. Er berichtet von der Anmietung eines verwaisten Hauses, dem Alltag mit Diener und Koch, von Begegnungen mit Einheimischen und Haustieren sowie markanten Vorfällen wie der Haltung einer Kobra in einem Glaskasten und einer damit verbundenen Verstimmung. Die Kapitel führen durch Fischerdörfer, Sümpfe, Heiligenstätten und Märkte, kombinieren Naturbeobachtungen mit kulturellen Reflexionen und schildern Krankheit, Glaubenspraxis und soziale Feinheiten mit nüchterner Neugier.

Siebentes Kapitel
In den Bergen

Panja prüfte aufs neue das verfallene Haus, in dem ein Raum notdürftig für mich hergerichtet worden war, so daß er geschlossen werden konnte, da ich die Nacht ohne Feuer verbrachte.

„Willst du bleiben, Sahib, bis die großen Regen kommen?“

Ich wußte, daß dies nicht anging, und daß wir verloren sein würden, wenn die ersten Gewitter uns in den Bergen überraschten. Erfolglos versuchte ich die Zeit seit unsrer Abreise von Cannanore zu ermessen, es mochten vier, fünf oder sechs Monate vergangen sein.

Gurumahu war eines Morgens zu mir gekommen und hatte sich heimwehkrank gemeldet. Er trennte sich mit schwerem Herzen von uns, aber wenn er sein Dorf vor Anbruch der großen Regen erreichen wollte, so mußte er sich nun auf den Weg machen.

Ich schenkte ihm meine verlötete Tropenuhr aus Nickel. Das war gewiß an sich kein großes Geschenk, obgleich sie aufgeregt zu ticken verstand und bei trockener Witterung sogar ging, aber Guru nahm sie beglückt entgegen. Er wird künftig alles aus ihr ersehen, was sein Herz zu wissen begehrt: die Jahreszeiten, die Windrichtung und den Gang der Gestirne. –

Oft fehlte es uns am Nötigsten. Panjas besorgte Augen schreckten mich aus der Täuschung, in der ich mich dem Glauben hingab, daß die wohltuende, oft kühle Luft der Berge und der hochgemute Seelenzustand, wie er Genesende erfreut, zu hoffnungsvollem Blick in die Zukunft berechtigten. Unser Gepäck war zum größten Teil gerettet, nur unter den Nahrungsmitteln hatten die weißen Ameisen auf das furchtbarste gewütet, aber außer Panja und Pascha hatte ich nur noch zwei Träger aus Süd-Kanara bei mir, die uns unter großem Müheaufwand und oft unter Einsetzung ihres Lebens mit Reis und Früchten aus dem nächsten Dschungeldorf versahen. Die dortigen Bewohner hatten unsere Abhängigkeit von ihrer Leistung herausgebracht, und meine Geldvorräte schmolzen immer mehr zusammen, eine Tatsache, die Panja in stille Raserei brachte. Er schwor den Erpressern unten im Grünen Rache und versprach mehr als einmal, ihr Dorf in Brand zu stecken; meine Gleichgültigkeit führte ihn zu ernstlichen Ermahnungen:

„Sahib, du bist ein großer Herr, und du kannst tun, was du willst, aber du tust nichts. Die Tage verstreichen, einer nach dem andern, wie die Wasserwogen an der Meeresküste, sie lassen keine Spuren zurück und bringen immer das gleiche. Wer lebt so? Als wir in Anandapur waren, hast du die Brahminen verlacht, die den ganzen Tag in der Sonne liegen und den Tempelreis fressen, der ihr Anrecht ist, aber wie machst nun du es? Früher hast du alles in Büchern verzeichnet, was du sahst, und mich oft gefragt, aber nun tust du auch das nicht mehr, und die Bücher sind verbrannt.“

Das war Panja ein großer Kummer, denn er wußte, daß auch seiner oft in diesen Büchern Erwähnung getan war, und er hatte sich auf den Ruhm vorbereitet, der seiner im Okzident, im Lande der Herren, wartete. Ich lachte ihn aus; nur was die Gewitter betraf, hatte er recht, und so entschloß ich mich eines Tages, den kürzesten Weg nach Mangalore zu nehmen, um im Schutz dieser alten, gesicherten Hafenstadt die Regenzeit abzuwarten.

Aber im Herzensgrund ahnte ich bei solchen Vorsätzen, was ich aufgab und dahinten ließ, und daß meinem Leben keine Zeit mehr würde gegeben werden, die der verstrichenen an Licht und Freiheit glich. Und so kam es, daß sich unsere Abreise von Tag zu Tag hinauszögerte, obgleich alle meine Erlebnisse in den Bergen sich im Schleier jener dämmerigen Unwahrscheinlichkeit und heimlichen Ruhlosigkeit zutrugen, die uns befallen können, wenn wir an schöner Stätte den Gedanken des Abschieds schon mit uns umhertragen. –

Da war Gong, ich werde ihn nicht vergessen, wahrscheinlich ist er inzwischen gestorben, denn er zählte schon damals nicht mehr zu den Jüngsten, und er überwand sein Mißtrauen gegen mich niemals ganz. Er gehörte jener Sorte von halbgroßen Affen an, die in Indien nur in den Bergen leben, sie sind bedeutungsvoller als ihre Brüder aus dem Dschungel, und sie haben andere Eigenschaften, aber keineswegs bessere.

Ich nannte diesen meinen Gefährten der Frühmorgenstunden Gong wegen seiner außerordentlich häßlichen Stimme, die so klang, als ob man einen alten, rostigen Blechkessel gegen eine Steinmauer würfe. Gottlob sagte er nicht viel, aber meine Erscheinung nötigte ihm das größte Interesse ab, offenbar hatte er sich in den Kopf gesetzt vor seinem Hinscheiden noch etwas ganz Besonderes zu erleben, und sich meine Person ausgewählt, die ihm dazu angetan schien und die sich morgens unter den hohen alten Latan- und Tamarindenbäumen finden ließ.

Kaum daß die ferne Fläche des Meeres sich im Dämmern silbern färbte, als ich auch schon mein Lager verließ, um die kühlsten Stunden nicht zu verpassen. Ich sah diesen blassen Himmelsschein wie er sich vor der vergitterten Öffnung meines Fensters matt und glanzlos abhob, nur wenig vom Licht des Mondes unterschieden und vom ersten Ruf der Raubvögel erfüllt, die weit hinter mir, schon in hellerem Licht, um die Felszacken kreisten. Nun dauerte es noch etwa eine Stunde, bis die ersten Sonnenstrahlen unser Hochland erreichten, zuerst sah ich sie fern auf dem Wasser funkeln, und im Osten zeigten die Felszacken goldene Ränder in unendlich freier, weiter Höhe gegen den blaßblauen Morgenhimmel emporgereckt. Es gingen ein Glanz und eine Stille von ihnen aus, die jeden Morgen aufs neue mein Gemüt erfüllten und es bis weit in die Tagesstunden hinein begleiteten, da nichts geschah, was ihren Frieden in meiner Seele auszulöschen vermochte. Nur wer auf diese Art und unter solchen Bedingungen die Natur aufzunehmen vermag, lernt sie begreifen, denn sie erfordert, wie alles Große, unsere schrankenlose Hingabe, um sich uns voll zu offenbaren.

In dieser Stunde wartete Gong auf einem der meinem Hause nahe stehenden Bäume, meistens auf einem niedrigen dicken Ast. Die eine Hand umklammerte allerdings in der Regel, für alle Fälle, einen höheren Zweig, und wenn ich meine Büchse bei mir hatte, so konnte anfangs kein Zureden ihn bewegen, zu verharren. Ich weiß nicht, auf welche Art er die Bekanntschaft meiner Waffe gemacht haben kann, sicher ist, daß die Affen mich weit länger kannten und beobachtet hatten, als ich sie.

Seine Gefährten flohen anfänglich in großen Scharen. Es war leicht, sie dabei zu beobachten, weil die Bäume in großen Abständen voneinander wuchsen, und die Herren sich jedesmal die Mühe machen mußten, erst wieder auf den Erdboden herabzusteigen, wenn sie weiterkommen wollten. Gong nun machte eines Tages eine Ausnahme, er blieb sitzen, als ich nahte, und ich blieb stehen, denn es war mindestens erstaunlich, daß dieser Affe sich nicht auf- und davonmachte. Er saß auf einem niedrigen, dicken Ast, hielt sich mit allen vier Händen fest, als ob er sich hindern wollte, schließlich doch die Flucht zu ergreifen, zitterte und sah mich mit hochgezogenen Brauen zugleich neugierig, boshaft und ängstlich an.

Ich habe nun bei Tieren immer zu erkennen geglaubt, daß sie es in der Regel erst dann böse mit uns meinen, wenn wir ihnen Anlaß dazu geben. Es mag sein, daß diese Anschauung daher kommt, daß ich in meiner Jugend niemals schlechte Erfahrungen mit Hunden, Pferden oder Katzen gemacht habe, obgleich diese Geschöpfe aus jener Zeit durchaus nicht das gleiche von mir behaupten werden, auch mag es daran liegen, daß ich mich nicht im Bewußtsein einer Überlegenheit wohlzufühlen vermag. Von allen Empfindungen, die die Geselligkeit unter andern Wesen, seien es nun Menschen oder Tiere, mit sich bringt, ist mir die der Überlegenheit am peinlichsten; ich habe immer gesehen, daß die beschränktesten Menschen sie am ergiebigsten auskosteten, wenn sich ihnen einmal Gelegenheit dazu bot. Es liegt im Wesen aller Andacht vor dem Lebendigen, daß man sich einschließt, indem man Rechte zugesteht, und sie erst dann einfordert, wenn das gemeinsame Wohlergehen unserer Leitung bedarf. Von den gewaltigen Lebensstimmen, die in der kurzen Wegstrecke des Erdendaseins unser Gemüt erschüttern, ist das Seufzen der unterdrückten Kreatur, wie die leitende und klagende Melodie in einem brausenden Orgellied, immer das Vernehmlichste gewesen, das mir zu Ohren gedrungen ist, und da ich verabscheue, Mitleid zu geben oder zu empfangen, ist mir nur der Weg geblieben, in allem Lebendigen einen meinem Leben gleichberechtigten Ausdruck der Natur zu erblicken.

Als nun Gong sitzen blieb, ohne mit seinen Gefährten zu flüchten, und ich mich ihm langsam näherte, unterschied ich deutlich in seinen Zügen die Anspannung eines, der mit Herzklopfen zwischen Angst und Neugier schwankt. Darüber aber schien ihm plötzlich einzufallen, daß es noch einen dritten Weg gab, und er schlug ihn ein und machte den Versuch, mich dadurch einzuschüchtern, daß er mir auf seine Art einen Beweis seiner Waldrechte und seiner persönlichen Bedeutung vermittelte. Er zog den Kopf tief zwischen die Schultern ein, reckte ihn darauf mit einem Ruck vor und schüttelte zugleich den Ast, auf dem er saß, durch ein energisches Schaukeln seines ganzen Körpers so wild und angreiferisch, als seine Kraft irgend zuließ. Dabei stieß er aus rund gehöhlten Lippen einen Ton hervor, der sehr schwer zu schildern ist, von dem man aber dadurch einen Begriff bekommen würde, wenn man einen Lampenzylinder fest an die Lippen setzte und im Brustton ergrimmtester Überzeugung hineinstieße: „Großer Gott!“

Diese Erfahrung wirkte im ersten Augenblick so komisch auf mich, daß ich lachen mußte, und ich schlug auf meine Schenkel und tat es laut. Einen Augenblick schaute Gong verdutzt drein, aber dann nahm er meine Gebärde als ein Zeichen wohlwollender Annäherung und wiederholte sie, so gut er konnte. Seine Augen blieben dabei merkwürdig ernst, und seine Stirn zeigte tiefe Falten.

Wir erwiesen uns nun diesmal und künftig unser Verständnis füreinander dadurch, daß wir uns nach bestem Vermögen nachahmten, und so belustigend wir vielleicht dabei aufeinander gewirkt haben mögen, blieb mir doch eine Bekümmernis und eine leichte Melancholie im Sinn, wenn ich bedachte, wie groß und unüberbrückbar die Schranke war, die mich von Gong trennte.

Ich habe im Verlauf unserer Bekanntschaft die deutliche Beobachtung gemacht, daß Gong sich verstimmt zeigte, wenn ich einmal ausgeblieben war, und daß er sich ehrlich über meine kleinen Aufmerksamkeiten freute. Vielleicht mag ihn ein ähnlicher Gedanke bei seiner Betrachtung meiner Person bewegt haben. Er versuchte zu lernen und zu begreifen, was irgend sich für ihn verstehen ließ, und wenn es häufig auch nur bei der äußeren Gebärde blieb, so war doch auf beiden Seiten der Wunsch erkennbar, einander näherzukommen.

Zwar ließ er mich äußerlich niemals weiter an sich herankommen, als bis etwa auf fünf oder sechs Schritte. Sobald ich den Versuch machte, diesen Abstand zu verkürzen, hob er mit einem bedauernden Ablehnen die Hand und ergriff einen höheren Ast, um mir anzudeuten, welche Folgen mein Entgegenkommen haben würde.

Gong hatte im Laufe unserer Bekanntschaft alles gelernt, was sich mit den Augen von den Vornahmen eines Menschen begreifen läßt, er hat meinen Tropenhut auf dem Schädel gehabt, mein Taschentuch gebraucht, und er weiß wozu ein Messer gut ist. Er hat meine Notizbücher durchblättert und in meiner Hängematte geschaukelt, und er verstand die Bewegungen des An- und Ausziehens eines Rockes so täuschend nachzuahmen, als sei er von alters her gewohnt, Kleidung zu tragen.

Oft allerdings begriffen wir einander gar nicht, denn Gong wußte in seiner Sucht, mir gleich zu sein, bald kein Maß mehr zu halten, und verstimmte mich zuweilen empfindlich durch seine Nachahmungen, so daß ich mir lächerlich in meinen Bewegungen vorkam und den bestimmten Eindruck gewann, verspottet zu werden. Es mußte nun darüber nachgedacht werden, auf welche Art Gong eines Teils seiner Erziehung wieder zu entwöhnen war, denn es wurde von Tag zu Tag offenkundiger, daß sowohl er selbst, wie auch seine Gefährten, mich nicht mehr ernst nahmen und es an dem Respekt fehlen ließen, den ich glaubte beanspruchen zu dürfen. Die Tiere lachten geradezu, wenn ich kam. Zuweilen warteten sie morgens in Reih und Glied auf mich, um mich bei jeder Gelegenheit auszulachen. Sie stießen sich gegenseitig an, um sich aufmerksam zu machen, rieben sich vor Vergnügen die grauen Hände und schlugen sich auf die Schenkel, dabei quietschten sie in allen Tonarten, mißgönnten sich im nächsten Augenblick ein Glück, das sie einander noch vor kaum einer Minute zuerteilt hatten, und fühlten sich bei alledem auf eine Art wichtig, die auch bescheidenere Leute, als ich einer bin, ernstlich verdrossen hätte.

Ich war nirgends mehr allein, wo immer ich mich aufhielt, und selbst die Achtung vor meiner Büchse schwand von Tag zu Tag, da die Herren herausgebracht hatten, daß es mir auf Vögel und Rotwild ankam, und daß das wichtige Geschlecht der Affen völlig außer Gefahr war, geschädigt zu werden. War es mir aber einmal gelungen, irgendein kleineres Tier zu erbeuten, so warteten sie, bis ich die Büchse beiseite legte, und kamen herzu, wobei sie sich gebärdeten, als hätte ich diesen Erfolg einzig ihnen zu verdanken.

Am meisten ärgerte ich mich über ihre Vergeßlichkeit. Es war schändlich, wie wichtig sie sich bei einer Sache anstellen konnten, die ihrem Gedächtnis gleich darauf entglitt, als wäre sie nie in der Welt gewesen. Jeden Augenblick fiel ihnen etwas anderes ein, und immer beanspruchten sie, in ihrer neuen Pose völlig ernst genommen zu werden. Ich kam mir schließlich so vor, als sei ich in einer fremden Stadt ein zum Amüsement der Bürger geduldeter Sonderling, und begann an meiner Tier- und Weltbetrachtung ernstlich irrezuwerden.

So klagte ich Panja mein Leid. „Oh,“ sagte er, „die Affen! Wer wird sich mit den Affen einlassen, Sahib? Aber wenn du nur eine Heuschrecke erblickst, so wirst du schon sorgenvoll und redest sie an, und dann tust du so, als ob es dir antwortete, das Vieh. Wer aber mit Affen umgeht, hat bald den Eindruck, als sei sein eigener Schatten närrisch geworden, und den Schatten kann man nicht fangen.“

„Ich will Gong haben“, antwortete ich.

Panja dachte nach. „Ich habe als Kind manchen Affen in der Schlinge gefangen, und wenn der Affe, den du haben willst, dich kennt und kein Mißtrauen hegt, so kannst du ihn leicht fangen, wenn du ihm zuvor genau zeigst, wie man in eine Schlinge geht. Von diesem Kunststück lernt er nur die erste Hälfte, und wenn du rasch hinzuspringst, kannst du ihn greifen. Aber du mußt ihm mit der linken Hand entgegenkommen und ihn unversehens mit der rechten im Genick packen. Die alten Affen beißen, solange sie noch Hoffnung haben, entwischen zu können. Später denken sie nach und geben es auf.“

Das war ein ausgezeichneter Gedanke. Ich nahm am andern Morgen ein haltbares Hanfseil, fettete es ein, und als meine Peiniger mich empfingen, begann ich mich auf alle Arten, bald am Arm, bald am Hals, aufzuhängen, wobei ich besonders Gongs Aufmerksamkeit zu erregen suchte. Seine Gefährten zogen sich betroffen zurück, da meine Maßnahmen ihnen fremd waren, aber Gong sah mir nachdenklich zu und wurde ungemein ernst. Als ich glaubte, genügsam durch mein Beispiel gewirkt zu haben, öffnete ich die Schlinge, soweit als nötig, zog mich zurück und legte mich in einiger Entfernung ins Gras, um meiner Genugtuung in aller Ruhe entgegenzusehen.

Aber Gong blieb ruhig auf seinem Ast sitzen und schaute mit hochgezogenen Brauen bald die Schlinge an, bald mich. Dann machte er sein böses, rundes Maul, stieß den Kopf gegen mich vor, sagte verächtlich „Großer Gott“ und wandte sich ab, um die Gegend zu betrachten.

Da hörte ich Panja hinter mir lachen und beschloß, ihn sofort zu töten.

„Sahib, dieser Affe kennt die Schlinge, er kennt auch die Menschen, deshalb ist er damals so nahe herangekommen.“

„Warum lachst du?“ schrie ich. „Wer hat dir erlaubt, zu lachen?“

„Das muß man“, sagte Panja.

Da sah auch ich es ein und lachte mit ihm zusammen.


Die grüne Wildnis des Dschungels unter mir dampfte in der Frühsonne und blieb oft bis Mittag verhüllt, ich begriff nun zuweilen schwer, wie ich es dort unten so lange Zeit ertragen hatte, jetzt, da die Klarheit der Bergluft kühl um meine Stirn wehte. Nachts kam der Panther bisweilen bis auf die Veranda des Hauses, von Hunger aus dem dürren Hügelland in unsere Nähe getrieben. Das Wild hatte sich aus der verbrannten Steppe in den Dschungel zurückgezogen, und ich begegnete außer Schakalen bald nur noch Hyänen, wenn ich mit der Büchse aus den Waldpartien bisweilen des Nachmittags über die kahlen Berge zog. Aber immer huschten die Tiere in Abständen und außer Schußweite am Horizont dahin. Die graubraunen Schakale, die die Farbe des Bodens hatten, reizten mich oft zum Schuß, aber kaum hatten die zierlichen Köpfchen mit den hochstehenden Ohren sich gezeigt, so schien der Boden sie auch schon wieder verschlungen zu haben.

Nahe bevor wir abreisten, schoß ich meinen ersten Panther. Es war in einer klaren Mondnacht, als ich hörte, wie Panja in mein Zimmer drang und mich rief. Hinter ihm stand Pascha still und steil im Mond, von unten her ein wenig vom Schein des Feuers beleuchtet, das nur schwach am Boden des Vorplatzes brannte.

„Sahib,“ sagte Panja, „der Panther ist so hungrig, daß er Feuer frißt, wir können ihn nicht vertreiben und keinen Schlaf finden.“

Mir war die Nachricht willkommen, ich nahm die Büchse und befahl Panja, das Feuer zu löschen. Die Träger waren unterwegs in die Niederungen, um Reis und Geflügel zu kaufen, und wurden nicht vor Ablauf des kommenden Tages zurückerwartet. Ich lud beide Läufe mit Kugeln und legte den Revolver neben mich. Das Fenster enthielt keine Scheiben, sondern war nur mit dicken Holzstäben versehen, die Panja zum Teil erneuert hatte, die aber einem energischen Eingriff keineswegs standgehalten hätten. Ich stellte mich in den Mondschatten, und wir warteten.

Pascha legte sich im Winkel des Raumes zum Schlafen nieder, und ich hörte ihn nach kurzer Zeit schnarchen; Panja dagegen blieb dicht an meiner Seite, nachdem er sich mit dem längsten Messer bewaffnet hatte, das unser Lagerbestand aufwies, und mit einer Wegaxt. Er schüttelte sie wie ein Indianerhäuptling und grinste vor Aufregung, dann begann er das Meckern einer Ziege so täuschend nachzuahmen, daß mir zum ersten Mal mit ganzer Klarheit vor Augen trat, daß wir hier das große Raubtier erwarteten.

Es war vielleicht eine Stunde vergangen, und ich begann bereits die Geduld zu verlieren, als plötzlich unter meinen Augen, jenseits des Fensterbretts, das Mondlicht erlosch. Ich dachte zuerst an alles andere, merkwürdigerweise nur nicht an den Panther, zumal sich nichts mehr rührte, weil das Tier mit seinem letzten Schritt Witterung von uns bekommen haben mußte. Und nun erkannte ich die große Katze unmittelbar vor mir, niedriger zwar, als sie in meiner Vorstellung lebte, und merkwürdig farblos, aber ich unterschied deutlich die geschmeidige Belebtheit der schönen Rückenlinie und den herrlichen Katzenkopf, der mir mit halb geöffnetem Rachen zugekehrt war. In diesem Augenblick brach ein Geräusch aus den zurückgezogenen Lippen hervor, das mein Blut erstarren machte, es war ein fauchendes Schnarchen, überlaut und von einem Zorn und einer Angst hervorgestoßen, die den Willen bannten. Ich erinnerte mich, dieses häßliche und zugleich so überwältigende Fauchen in meiner Kindheit im Tiergarten am Käfig des Tigers gehört zu haben, wenn der Wärter nahe an den Stäben vorüberschritt. Nun trennte mich allerdings auch in diesem Augenblick ein Gitterwerk von dem Raubtier, aber der Grimm dieser Stimme erweckte die Vorstellung einer so unmittelbaren Nähe, daß auch die stärksten Eisenstäbe kein Vertrauen eingeflößt hätten.

Ich entsinne mich nicht mehr, ob ich die Büchse im Anschlag hatte, oder ob ich sie emporriß, jedenfalls zielte ich ohne das geringste Zutrauen zur Wirkung meines Geschosses, zwischen die Augen, die ich deutlich unterschied, wobei ich mich mehr auf die natürliche Fähigkeit der Arme verließ, dem Lauf die notwendige Richtung zu geben, als auf das Visier, und drückte, wahrscheinlich viel zu rasch, beide Läufe ab.

Ich hörte ein Geräusch am Boden, als spränge das Tier in diesem Augenblick vom Hausdach herunter vor mich hin, gleich darauf zerkrachte wie ein Zündholz einer der Fensterstäbe unter einem furchtbaren Tatzenhieb. Dann wurde es ruhig vor mir und leer, wir hörten den rollenden Widerhall der Schüsse von den Bergen her, sie polterten bellend von Felswand zu Felswand, rollten durch die Täler und verhallten endlich fern in der Mondnacht wie zwei gehetzte, klagende Brüder auf der Flucht.

Die erste deutliche Empfindung, die mich zu mir brachte, war das Schmerzen meiner Hand, mit der ich den Revolver so fest umklammerte, als ob ich mit dem ganzen Körper daran hinge. Ich erinnerte mich nicht mehr, ihn ergriffen zu haben, lockerte aber nun aufatmend die Finger und gewahrte, daß ich am ganzen Körper zitterte wie im Frost. Ich habe später in Kanara und Maisur noch manchen Panther erlegt, auf Reisfeldern, in Bäumen auf der Lauer liegend und in Felsschluchten, aber nie wieder durchschüttelte mich, selbst bei weit größerer Gefahr, ein annähernd so starkes Fieber des Entsetzens und der Hilflosigkeit. Ein unzulänglicher Schutz ist oft bei weitem beängstigender als die volle Gewißheit einer schrankenlos wirkenden Gefahr, und nicht nur, wenn es sich um einen Panther handelt. Es mag hinzukommen, daß es in der Tat überwältigend ist, plötzlich zum ersten Mal dieser großen Katze Auge in Auge gegenüberzustehen, deren Ankündigung aus geheimnisvoller Nachtfinsternis man monatelang vernommen hat, und aus der die Phantasie in unablässiger Beschäftigung ein bei weitem schlimmeres Fabelwesen erschaffen hat, als der Panther es in Wirklichkeit ist.

Er ist im Grunde sehr scheu und fällt fast niemals Menschen an, selbst Kinder nicht, wenn ihn nicht die äußerste Not des Hungers oder die Bedrängnisse der Treibjagd nötigen. Im gesättigten Zustande weicht er stets der Begegnung mit dem Menschen aus und er mordet nicht mehr, als zur Erhaltung seines Daseins erforderlich ist. Alle Hirten, die mir in Malabar vom Tiger oder Panther erzählt haben, stimmten in ihrer Erfahrung darin überein, daß diese Katzen sich mit dem begnügen, was sie brauchen; unter gewöhnlichen Verhältnissen nimmt der Panther eine Ziege aus der Herde, schleppt sie davon, sättigt sich und überläßt die Reste seiner Beute neidlos den Hyänen, die fast immer in seiner Gefolgschaft zu finden sind, und die er nur dann angreift, wenn der äußerste Hunger ihn nötigt.

Vom Tiger gibt es vielerlei widersprechende Geschichten, die aber alle mit großer Vorsicht aufgenommen sein wollen, denn die abergläubische Furcht der Hindus vor dem Tiger ist so groß, daß kaum einer noch in der Lage ist, zwischen Tatsachen und allegorischen Erfindungen zu unterscheiden. Das Grauen der Eingeborenen vor dem Tiger ist so nachhaltig, daß sich in vielen Provinzen der Begriff des Bösen, des Satans, im Namen mit dem dieses Raubtiers deckt, eine Tatsache, die nur verständlich ist, wenn man die unerhörte Überlegenheit des Tigers über die dortigen Menschen kennt, die fast alle ohne Waffen sind, und deren Laubhütten keinen genügenden Schutz gegen einen nächtlichen Überfall bieten. Von vielen Sagen beruht jedenfalls die auf Wahrheit, daß Tiger, welche den Genuß des Menschenfleisches kennen, selten noch andere Nahrung zu sich nehmen, und solche Exemplare können dem Lande ein außerordentlicher Schrecken werden. –

Wir fanden den erlegten Panther in der Morgendämmerung in den Aloën. Der Boden umher war zerwühlt und im Todeskampf aufgerissen worden, aber das große Tier lag jetzt ruhig, fast friedlich da, ohne Entstellung und ohne Spuren eines Todeskampfs. Ich fand nur den Weg der einen Kugel, die hinter dem Ohr in den Nacken gedrungen war und den Wirbel zerschmettert hatte. Die Augen waren geschlossen, was man sehr selten bei einem erlegten Tier findet, und das schön geschnittene Maul, in einem wehmütigen und beinahe zärtlichen Ernst, war ein klein wenig geöffnet, wie von einem letzten Todesseufzer bewegt.

Seltsam harmonisch, fremdartig und zugleich im Sinn dieses Landes vertraut und notwendig, hoben sich die stachligen, blaugrünen Blätter der Aloëstauden von der gelben Färbung des Fells ab. Ich vergesse diesen Anblick niemals, der sich mir so entscheidend in die Seele einprägte, als erfaßte ich zu dieser Stunde zum ersten Mal mit ganzer Inbrunst den unnennbaren Begriff Indien, den der Pinsel keines Malers und das Wort keines Dichters in seiner ganzen Fülle und Eigenart zu vermitteln vermögen.

Panja war den ganzen Morgen über schweigsam, ein mächtiger Herr der Berge war gestorben. Ich trug mich den Tag hindurch mit eigenartigen Gedanken, und zuweilen war mir zumut, als sei eine arge und sinnlose Willkür geschehen, als habe ich einen Eingriff in die Pracht und Mannigfaltigkeit der Schöpfung getan, die mit dem Aussterben der großen Katzen in Indien langsam um ihre vollkommensten Resultate geschmälert wird.

Achtes Kapitel
Am Thron der Sonne

Nachts, wenn ich nicht einschlafen konnte, weil das Mondlicht wie das wahrsagerische Gespenst einer ewigen Todeskühle an den zerbröckelten Mauern entlang geisterte, die mich vor den Gefahren der Außenwelt schirmten, erwachte in meiner Brust der Wunsch, jene Höhen zu erreichen, auf denen des Morgens das rote Gold der aufgehenden Sonne leuchtete. Es verlangte mich danach, von jener kühlen, hohen Ruhe aus auf das indische Land jenseits der Berge hinabzusehen und angesichts der unermeßlichen, hügligen Weite meine Gedanken noch einmal durch jene Tage zu führen, die ich durchlebt hatte, bevor ich in Cannanore angelangt war.

Panja riß die Augen auf, als ich mit meinen neuen Plänen herausrückte. Er stampfte den Wasserkessel in das Feuer, daß die Funken stoben und betrachtete mich eine Weile auf jene Art, die Leute an den Tag zu legen pflegen, die aus lauter Hoffnungslosigkeit, jemals überzeugen zu können, am Rande der Verzweiflung angelangt sind, und die doch darüber ihren Wunsch zu überzeugen nicht verbergen können. Als ich meinen Lebensretter so erblickte, im Augenblick aber mehr Verlangen nach dem Tee, als eben nach seinem Verständnis trug, mußte ich für eine kurze Weile an eine Schulstunde zurückdenken, in der mir von einem ähnlich ergriffenen Männerangesicht zugemutet wurde, Pythagoras dadurch gleichzusein, daß ich ihn begriff. Auch dort erstickte ein bedauernswerter Zorn in der Hochflut anschwellender Ohnmacht, und sprachlos gewordene Verachtung sagte mir an bösem Lebensgeschick weit mehr voraus, als ein vereinzeltes Gemüt, mit leisem Hang zum Grübeln, ertragen kann.

„Du siehst aus wie Professor Stolzenburg“, sagte ich zu Panja, denn ich halte dafür, daß man böse Gedanken guten Leuten gegenüber am besten offen ausspricht, damit sich ein Weg zum Ausgleich mit gemeinsamen Kräften suchen läßt. Hätte ich das nur in der Schule auch schon gewußt, vielleicht hätte der gestrenge Verbitterer so mancher meiner Morgenstunden zwischen zehn und elf Uhr mit sich reden lassen.

Panja verschmähte es der Bedeutung meines Vergleichs nachzuforschen, er sagte nach einer Weile resigniert:

„Nun, es ist ja gleichgültig, Sahib, ob wir hier oder dort im Wasser umkommen.“

Das befestigte meinen Beschluß aufs beste, denn wie alle leichtsinnig und zugleich eigensinnig veranlagten Naturen habe ich oft dem Hang in mir nachgegeben, jede Latte, die mir zwischen die Füße geworfen worden ist, als Sprungbrett zu benutzen. Man muß allerdings springen können, um dererlei wagen zu dürfen, das ist wahr, und dieses „Springen-Können“ ist im Grunde nichts anderes, als das, was die Menschen in der Regel „Glück-Haben“ nennen. Glück haben gibt es nicht. Das sogenannte Glück ist so eng mit Geschicklichkeit verbunden, wie Unglück mit Ungeschick, und diese Wahrheit bezieht sich durchaus nicht einzig auf äußere Vorgänge, auch das Unglück der Seele ist zuletzt Ungeschick, wenn auch in einem weit höheren Sinn, der sein Recht in der Gesetzmäßigkeit des Weltwesens findet.

Ich habe das Panja damals nicht gesagt, er lief hin und her und hantierte dergestalt mit den Gegenständen, daß man deutlich wahrnehmen konnte, daß keine Zweckmäßigkeit mit seinem Eifer verbunden war. Es ist merkwürdig, daß Leute, die ärgerlich geworden sind, so oft dazu neigen, leichtere Gegenstände von einem Platz auf den anderen zu stellen, und dann mitunter sogar wieder von dem neuen Platz auf den alten zurück. Offenbar liegt es daran, daß ihre Gedanken mit den Entschlüssen ähnlich verfahren, und daß ein heimlicher Hang existiert, den Körper und die Seele möglichst im Einklang miteinander zu erhalten. Ich erinnerte mich bei Panjas nutzloser Beschäftigung meines Vaters, wenn er aus irgendeinem Grunde zum Ausdruck brachte, daß seine Weltanschauung sich nicht mit der meinen deckte. Leider geschah dies gewöhnlich bei den Mittagsmahlzeiten, denn sonst vermied ich es nach Kräften, ihm ohne Grund längere Zeit ruhig gegenüberzusitzen, und dann sah ich, wie das Messer oder die Gabel, auch das Salzfaß oder der Serviettenring bald an die rechte, bald an die linke Seite des Tellers wanderten. Leider hatten wir damals Messerschärfer aus Schmirgelstein in Gebrauch, runde, schwarze Stäbe von der Länge einer mäßigen Spargel und mit einem polierten Handgriff aus Hartholz. Wenn zufällig eine besonders wichtige Meinungsäußerung meines Vaters mit dem Transport dieses nützlichen Gegenstandes zusammenfiel, so geschah es in der Regel, daß der Schmirgelstein zerbrach, denn seine Überlegenheit, selbst dem besten Stahl gegenüber, bewährt sich nicht im Kampf mit der Tischplatte.

Dies erhöhte den Verdruß meines Vaters bis an die Grenze bedenklicher Einseitigkeit und zog die Laune meiner Mutter in Mitleidenschaft, während es meist meinem Selbstbewußtsein einen erheblichen Aufschwung verlieh und mir nicht ohne Berechtigung den Gedanken beibrachte, daß mein Charakter in den Augen meines Vaters um vieles milder angesehen würde, wenn wir Messerschärfer aus gerilltem Stahl in Gebrauch nähmen.

So sagte ich denn Panja meine Ansicht über Messerschärfer, und dieser unerwartete Ausdruck meiner Überzeugung brachte ihn so weit zur Besinnung, daß ich Tee bekam.

Er trank mit, wie gewöhnlich, hockte mir gegenüber in der Morgensonne und rückte melancholisch an seinem Turban. Außer ihm trug er nun schon seit Wochen nicht mehr als ein schmales Lendentuch, aber auf seinen schweren Turban verzichtete er selbst in der größten Hitze nicht. Es ist wirklich recht merkwürdig mit diesem Panja gewesen, je entschiedener sein Widerspruch oft zu Anfang war, um so lebhafter wurde sein Eifer für gewöhnlich von dem Augenblick an, in dem er merkte, daß ich nicht umzustimmen war. In beidem erkannte ich die ehrliche Besorgnis seiner Neigung, und ich erinnere mich seiner niemals ohne den Kummer über einen der größten Verluste meines Lebens. Die Harmonie unseres Verhältnisses mag im Grunde auf seiner Gewißheit beruht haben, daß die Überlegenheit meiner Rasse mit der Unerschütterlichkeit eines Naturgesetzes feststand. Das nahm seinem Wesen jede Devotion im niedrigen Sinn und machte seine Ergebenheit durch eine Demut würdig, die beinahe einen Einschlag von Religiosität hatte. Heute bebaut er in Malabar die Reisfelder am Purrha, jenem beschatteten Landstrich am Palmenwald, auf dem die Hütte seines Vaters stand, und den er aufgeben mußte, um in der Fremde zu dienen, weil seine Brüder den Verlockungen der großen Städte in Verschwendung erlegen waren. Der Rückkauf dieses Stückchens Land war meine letzte Gabe an ihn, und es bedrückt mich, daß ich ihm niemals die Gewißheit habe verschaffen können, daß seine Gaben an mich reichere und unvergänglichere Geschenke gewesen sind.

Als der Tee getrunken war, sagte er wütend:

„Aber Pascha bleibt hier.“

Er tat immer noch so, als wäre an diese Reise auf keinen Fall zu denken, und wahrscheinlich meinte er deshalb nach einer Weile:

„Es sind drei Tage oder Nächte für den Aufstieg nötig, aber in der halben Zeit steigen wir ab. Hast du etwa geglaubt, wir brauchten länger?“

Ich hatte es nicht geglaubt.

Panja sah hinauf zu den Gipfeln. Oben flutete alles in Licht, ein nie gesehener Glanz verklärte die einsame Ruhe, die kreisenden Adler schimmerten, als wären sie aus Gold.

„Alle Träume bleiben lange leicht von der Frische der Höhen“, sagte er versunken.

„Panja, höre, nur wer die Schönheit der Erde lieben gelernt hat, hat die Erde in seinen kurzen Lebenstagen wahrhaft beherrscht. In diesem Sinn ist sie uns von Gott gegeben, so hat er es mit uns gemeint, als er sie uns gab.“

Panja lächelte kindlich, in solchen Augenblicken hätte ich ihn in die Arme schließen können.

„Dir wird nichts geschehen, Herr“, sagte er still und wie zu sich selbst. Ich weiß nicht, ob er bei solcher Zuversicht an Gottes Hilfe glaubte oder an seine, gewiß ist, daß ich selten im Leben wieder durch eines Menschen Nähe so glücklich geworden bin wie durch die seine. Durch nichts vermag ein Mensch uns seine eigenen Kräfte besser zur Verfügung zu stellen, als indem er die unseren glaubt.


So wagten wir vor Anbruch des kommenden Tages den Aufstieg zu zweien, noch als die Nacht umher herrschte und über den blauen Zelten der Berge vor uns die Sterne leuchteten. Wir schritten im spärlichen Gesang der Grillen durch dürres Steppengras unter den hohen Latambäumen dahin, die in weiten Abständen voneinander standen. Zuweilen schalt über unseren Köpfen ein Affe, den unser Tritt geweckt hatte, oder ein Vogel flog auf mit einem lauten Warnruf, der unser Nahen der ahnungslosen Natur verkündete, die an diesen Stätten wohl seit undenkbar langer Zeit der Fuß keines Menschen betreten hatte. Es war kühl und still, Panja sprach nicht, und ich schritt im Traumbann einer so tiefen Einsamkeit dahin, daß mir zuweilen war, als sähe ich, wie ein fremder Dritter, uns kleine Zwei durch die riesenhaften, graugrünen Wogen der Hügellandschaft dahinschreiten, im Dämmerlicht unter den Bäumen und Sternen.

Es war unvorsichtig genug, daß wir den Weg ohne Fackeln machten, denn am Morgen ist in dieser Jahreszeit der Panther am kühnsten, wenn er nach vergeblichem nächtlichem Raubzug durch die Dämmerung schweift. Aber es war so hell unter den Sternen, daß wir das Land weithin übersahen, und ich trug die Büchse in der Hand. Panja schritt schweigend neben mir dahin, leichten Tritts und mit erhobenen Augen, Kraft und Freude gingen von ihm aus, und ich empfand ihn als allen Lebewesen seines Landes zugehörig, und die Harmonie seiner Seele teilte sich mir mit, als sei auch ich in der Heimat.

Plötzlich begann er leise zu singen, immer die Augen auf die Höhen gerichtet und so versunken in sich selbst, als schritte er allein durch das Land. Seine gedämpfte Stimme erinnerte mich, wie auch der eintönige Rhythmus seines Liedes, an den Singsang der Priester, deren Tempel in Cannanore hinter dem Garten meines Hauses im Grünen lag, und jählings war ich aus der freien Höhe und aus der kühlen Luft in die tropische Niederung versetzt, so daß mir war, als schlügen die schwülen Dämpfe des leidenschaftlichen Wachstums über mir zusammen.

Als ich nach einer Weile die Blicke hob, nachdem wir die letzten Baumbestände durchschritten hatten, erschrak ich vor einer zackigen, flammend roten Lichtlinie, die den Himmel vor uns, hoch oben, in wagerechter Richtung zerteilte. Totenstill und wie aus Farbe zog sich dies rote Band längs des Gebirgskamms dahin, hinter den Höhen war die Sonne aufgegangen. Ich wandte mich erschüttert um und sah hinter mir das Land unter dem besternten Dämmerblau der sinkenden Nacht, fern auf dem Meer regte sich ein matter Silberglanz. Wie zwischen zwei Himmeln aus Blut und Silber pochte mein entzücktes Herz seinen Lebensschlag auf den weiten, grünbraunen Wellen der Erde, unendlich klein und doch die beseligte Quelle meiner unfaßbaren Daseinsfreude. Panja warf sich auf die Knie und verbarg sein Gesicht in den Händen. –

Eine Stunde, nachdem die Sonne über die Bergzinnen schaute, hörten die Bäume fast ganz auf. Wohl sahen wir, sobald wir eine Höhe erklommen hatten, zur Rechten oder Linken die dunklen Mauern großer Wälder in der Ferne, aber bald wurde uns der Ausblick erschwert, da wir in einer Schlucht, im Bett eines eingetrockneten Gebirgsbachs aufwärts klommen. Einen der Berggipfel ersteigen zu können, stellte sich bei der Art unserer mangelhaften Ausrüstung bald als unausführbar heraus, und so schlug Panja den Versuch vor, einen der nächstliegenden Pässe zu besteigen. Wir konnten fast den ganzen Morgen hindurch marschieren, denn die Luft war kühl und von einer Durchsichtigkeit, gegen die ein wolkenloser deutscher Sommertag wie in Nebel gehüllt wirkt. Panjas Fröhlichkeit erleichterte mir jede Strapaze, er lachte oft ohne allen erkennbaren Grund, nur aus Überfluß von Daseinskraft und glücklich über die Tatsache, in der von himmlischem Blau überdachten Welt da zu sein.

Als wir gegen Mittag, um vieles höher, im Schatten eines Felsens Rast machten und Panja unser Mahl bereitete, schreckte in nicht allzu weiter Entfernung ein dumpfer, anwachsender Donner mich auf. Panja sprang empor und spähte mit geschützten Augen in die flimmernden Steppenwogen.

„Die Büffel!“ rief er, „sieh die Wolke, die sich den Hang niederwälzt.“

Es war das erstemal, daß ich aus so unmittelbarer Nähe eine Büffelherde gewahrte. Sie rollte wie eine dunkle Lawine dahin, und der Erdboden dröhnte. Nur für kurz unterschied ich im Vordergrunde einen oder den andern der schwer gehörnten schwarzen Köpfe, den Glanz der großen Augen und den Fall der Mähnen. Ich schoß nicht, da Panja mir erregt in den Arm fiel, als ich die Büchse emporhob, und später erklärte er mir, daß es vorgekommen sei, daß der leitende Stier, durch einen Angriff in Schrecken oder Wut versetzt, plötzlich die Richtung geändert und gerade auf das Hindernis zu genommen habe. Zwar hätten wir einen Schutz auf den Felsen gefunden, aber wenn unsere Flucht uns mißlungen wäre, so würden wir zerstampft worden sein, da die ganze Herde dem Stier folgt.

„Die Büffel kämpfen mit dem Tiger,“ erzählte mir Panja, „selbst die gezähmten fürchten ihn nicht, und wenn du mit ihnen das Reisfeld bestellst, so wird der Tiger sich hüten, euch anzugreifen. Der Büffel spürt ihn eher als du, und es wird dir nicht gelingen, ihn von seinem Standort zu verdrängen, denn er wendet sich genau dem Tiger zu, wie eine Fahne, die du gegen den Wind trägst. Wenn der Tiger den Sprung wagt, so endet er auf den Hörnern, und du bist in Sicherheit, solange du dich hinter dein Tier stellst.“

Die Staubwolke verrauchte im tieferen Gelände, und die klare Luft war wieder still. Ich schlief kurz nach diesem Vorfall ein, ohne Nahrung zu mir genommen zu haben, und Panja weckte mich nicht, denn er kannte die ermüdende und gefährliche Kraft der Sonne, deren Strahlen auf den Berghöhen nicht anders wirken als im Tal, obgleich die Kühle darüber forttäuschen kann. So gilt es in den Bergen, fast mehr noch als im Tal, den Kopf und die Schläfen nicht ungeschützt zu lassen, die Sonne hat viele tödlich getroffen, die ihre Macht über diesen kälteren Regionen nicht geglaubt oder vergessen haben. Mein Korkhelm drückte mich auch keineswegs sonderlich, im Gegenteil, er wurde von Tag zu Tag leichter, weil eine Schar mottenartiger Parasiten von ihm Besitz ergriffen hatten und ihn zugleich bebauten und verzehrten. Bisweilen rieselte ein feines Korkmehl nieder, wie ein liebevoller Beweis der Natur, daß sie keinen Menschen in völliger Vereinsamung seinen Weg machen läßt. Panja war bereits mit allerlei Mitteln gegen diese Tiere ins Feld gezogen, aber sie verließen sich auf mich und vermehrten sich um so leidenschaftlicher, je mehr Panja sie unterdrückte. –

So geschah es mir, daß ich bald darauf von einem hohen Paß aus einen Blick in das weite indische Land hinab gewann, das ich vor meiner Zeit in Malabar durchreist hatte. Die ungeheure Hügellandschaft erstreckte sich, wie von Urzeiten her gelagert, ohne ein Anzeichen menschlichen Werks, und wie die riesenhaften Wogen eines Meeres, das mitten im Sturm in Erstarrung geraten war. Die Ebene in weiter Ferne schimmerte lichtgrau und wie die Oberfläche eines gewaltigen Sees, ich glaubte winzige Spitzlein und Türmchen in ihr zu erkennen, deren Silhouetten nicht anders gegen den Himmel abstachen, als sei der Horizont mit feinem Stacheldraht umzäumt.

Wir blieben den Tag über auf der Paßhöhe, unter dem Dach eines schräg gesunkenen Felsens gegen die Strahlen der Sonne geschützt, und durch die unbeschreibliche Stille der Höhe zogen die Gestalten meiner Erinnerung, wie in der Stunde eines Abschieds, unter dem Lied der Adler, noch einmal durch meinen Sinn. Geister kamen aus dem Blau zu meinem Geist, Dahingesunkene drangen in die Bewußtseinswelt des noch Verweilenden ein, Brüder und Gegner in Gesinnung, Hoffnung und Schicksal, Freunde und Feinde in der Welt der Lust und Trübsal und des raschen Todes.

Auf jedem Erdteil hat der Tod ein anderes Angesicht, nirgends sind seine Züge feierlicher, als bei uns in Europa, ich habe ein wenig verlernt, seine pathetische Sonntagsgebärde meiner Heimat zu überschätzen. Es hat noch niemand dem Gespenst der Willkür sein Schauriges dadurch genommen, daß er es heiligsprach; sicherlich ist die schwerfällig romantische Auffassung vom Tode, die in Europa herrscht, eine Folge der Einwirkung der Kirche, die die Tatsache des Todes so sehr in das Bereich des Ungeheuerlichen gerückt hat, um aus ihrer Einwirkung einen Teil ihrer Autorität zu gewinnen. Uns ist das Sterben in der Vorstellung so schwer gemacht, daß sicherlich ein gut Teil Gerechter und Ungerechter beim Tode auf das angenehmste enttäuscht sein wird.

Sterben ist Pflicht, wie auch das Leben. Es wird ein jeder so leicht oder so schwer sterben, als seiner Natur das Leben geworden ist, und wer das eine verstanden hat, wird auch das andere können. Die Menschen Indiens sterben leichter, selbstverständlicher und gewissermaßen unauffälliger als wir, sie überlassen der Gottheit die Sorge für ihr künftiges Ergehen und werden den Gedanken schwer erfassen lernen, daß sie selbst in letzter Stunde für einen geordneten Abzug verantwortlich sein sollten. Diese Auffassung, die christlich genannt wird, entstammt auch keineswegs der Überzeugung des unschuldigen Begründers unserer Kirche, sondern vielmehr der berechnenden Klugheit ihrer Verwalter.

Langsam zog die Sonne ihren strahlenden Bogen, und das Land wechselte in ihrem Schein. Wann wieder sollen Tage für mich kommen, die in so großer Stille dahingehen, dem Gedanken und der Erinnerung geweiht, durchklungen vom Kampfruf der Adler? Während ich hinabschaute ins Land, bald umwunden vom schwermütigen Weinlaub des Traums, das glühte von Licht, bald in wunderbare Klarheit des Äthers getaucht, durchlebte ich noch einmal so manches, das ich gesehen und erfahren hatte, als ich das Land zu meinen Füßen durchzog. Gegen Nordosten mußte Bitschapur liegen, die alte Königsstadt, aus deren Schlösserruinen sich die mächtige Halbkugel erhob, die einst ein mohammedanischer Fürst erbaut und ganz mit Gold hatte ausschlagen lassen. Sie war gegen die aufgehende Sonne geöffnet, deren Licht sich in tausendfachem Glanz darin brach, so daß kein Auge hineinzuschauen vermochte, ohne geblendet zu werden. Mitten im Herzen dieser Kuppel, unter dem gewölbten Golddach, waren die beiden Thronsessel des Maharadscha und des Maharadscha Khunwar, des Königsohns, aufgestellt, und in dem zornigen Strahlengefunkel, das das Feuer der Morgensonne millionenfach widerspiegelte, empfing der König seine Gäste. So dienten das kostbare Blut seiner Berge und das Himmelslicht des neuen Tages seiner Herrlichkeit, und die bestürzten Freunde seines Reichs, die im Augenblick des Sonnenaufgangs vor seinen Thron geführt wurden, hörten den Gruß des Fürsten aus einem Glanz erklingen, der ihre Augen schloß und die Knie zu Boden zwang. Es mag gewesen sein, als dienten Himmel und Erde einem Allmächtigen, um seine Hoheit unfaßbar zu machen. Zwischen jener Goldkuppel und dem Marmorplateau, auf welches die Ankömmlinge geführt wurden, war ein tiefer gelegener Garten voll blühender Blumen, wie sie sich in Duft und Pracht nur dem tropischen Himmel öffnen, und die Wohlgerüche ihrer Kelche gesellten sich dem Glanze.

Der prachtliebende Sultan fiel von der Hand eines stärkeren Königs, der von Norden kam und die Stadt zerstörte. Ihre Tore waren bis an die runden Bogen der Gewölbe mit Toten angefüllt, und die Zähne des gefallenen Herrn der Stadt konnten nicht aus dem elfenbeinernen Griff seines Säbels gelöst werden, den er, zerfetzten Leibes, den Feinden nicht hatte überlassen wollen. So ist er unter einem Berg seiner gefallenen Getreuen gefunden worden, und die Sage erzählt, daß er auch so bestattet worden sei unter dem gewaltigen Kuppelbau, den er sich selbst, wie alle Fürsten jener Zeit, zu seinen Lebzeiten hat erbauen lassen.

Diese riesenhaften Grabdenkmäler der Stadt überragen noch heute das Trümmerfeld von Bitschapur, sie erinnern in ihrer Bauart und Größe an Moscheen, auch wird in einigen noch Gottesdienst gehalten, oder sie locken Tausende von mohammedanischen Pilgern als Wallfahrtsort aus weiter Umgebung in die heilige Stadt der großen Toten. Man erblickt in diesen Bauten seltene Steinblöcke eingefügt, deren Entstammung bis heute nicht hat aufgeklärt werden können, besonders als Grabsteine sind hier und da schwarze, basaltartige Felsstücke verwandt worden, deren Beschaffenheit die Gelehrten sich nur dadurch erklären können, daß sie sie unter die Meteorsteine einreihen. Die größte dieser Kapellen ist von einer Kuppel gedeckt, von deren Galerie der schwindelnde Blick unter sich die beiden Grabsteine klein wie Streichholzschächtelchen erblickt, und das Auge ist nicht in der Lage, einen Menschen von Angesicht zu erkennen, der sich ihm gegenüber auf derselben Galerie befindet, wohl aber versteht er das leiseste Wörtlein, das drüben im Flüsterton, gegen die Wand gesprochen, fällt, da das Kreisrund des Steingefüges auf wunderbare Art den Schall bewahrt und deutlich herumträgt. Man erzählt, daß der Sultan auf solche Art die Ergebenheit seiner Minister, die Treue seiner Gäste und die Neigung seiner Frauen erprobte, von denen er die einen oder anderen mit ihren Vertrauten auf diese Galerie führte und sich, nach herausfordernden Worten, wie zufällig von ihnen trennte, um dann Wort für Wort ihre Gedanken am verräterisch erklingenden Kreisrund der Galerie zu erlauschen. In banger Ehrfurcht vor diesem Wunder zittert das Volk noch heute in der Erinnerung an die geheimnisvolle Macht des Toten.

In einem dieser Dome, fast dem größten, fand ich statt der gewohnten zwei Grabsteine, die die Leiber des Königs und der Königin bergen und den einzigen Inhalt der Gebäude darstellen, deren drei und erfuhr die Geschichte dieser seltsamen Ausnahme, in der die Geliebte des Königs neben ihm und seiner rechtmäßigen Gattin, der Mutter des Königssohns, beigesetzt worden ist. Es geschieht sonst in keinem Fall, da nur die Favoritin, die den Erben des Reichs geboren hat, im Tode neben dem Sultan ruht, seine übrigen Frauen bleiben rechtlos, sowie auch deren Kinder, so ausgiebig sie ihre Macht und ihren Einfluß im Leben angewandt oder mißbraucht haben mögen. Aber die Geschichte erzählt, daß der König diese junge Gefährtin seines Alters zärtlich liebte, und als er aus einem Kriegszug heimkehrte, gelang es den Intrigen der Benachteiligten, Mißtrauen gegen ihre Treue in sein Herz zu säen.

Sie beschwor ihre Unschuld, aber die falschen Beweise überzeugten den König gegen seinen Glauben. Jedoch im Zwiespalt seiner Empfindungen mag er auf den Gedanken gekommen sein, ein Gericht Gottes über Schuld und Unschuld der jungen Frau entscheiden zu lassen. Er führte sie auf die hohe Galerie seiner vollendeten Grabkirche, über deren niedriges Steingeländer hinab dem Blick das Gefüge der großen Steinquadern des Bodens klein, wie die Musterung eines Schachbretts, erscheint, und befahl ihr, hinabzuspringen. Die Luft verfing sich während des Falls in ihren weiten Gewändern, und sie langte unversehrt in der Tiefe an, grüßte hinauf zu ihrem Herrn, der ihr mißtraut hatte, und tötete sich mit einem kleinen Dolch, der noch heute in der Gegend ihres Herzens hockt. Das Volk nennt sie „die Fremde“, ihr Grabstein wird mit heimlicher Scheu erwähnt, es mag dies seinen Grund darin haben, daß ihr freiwilliger Tod nach erwiesenem Recht dem Geist der orientalischen Weltbetrachtung wunderbar und unerklärlich erscheint.

Der König fiel in Schwermut, und der Gram seiner Reue soll oft in große Grausamkeit umgeschlagen sein, seine Rachsucht ist furchtbar gewesen und erst durch den Tod gestillt worden, man erzählt, daß er seit jenem Tage, nachdem die Verleumder eines gräßlichen Todes gestorben waren, allmorgendlich die Schärfe seines krummen Säbels im nackten Rücken des Sklaven prüfte, der ihm die Steigbügel seines Pferdes hielt. Sein Bildnis, das Händler der Stadt in kunstvollen bunten Kopien aus Wasserfarbe feilbieten, zeigt ihn auf einem hohen Samtkissen hockend, das Schwert über den Knien und den Blick unter dem roten, mit Edelsteinen geschmückten Turban starr und erkaltet in die Weite gerichtet. Seltsam genug meldet die Kunde von ihm, daß er, obgleich er niemals in Berührung mit seinem Volke gekommen ist und sein Anblick Entsetzen verbreitete, auch kein Mädchen seines Landes vor ihm sicher war, doch zugleich geliebt worden sei, wie kein anderer Fürst vor oder nach ihm. Seine Krieger sollen für ihn in den Tod gegangen sein, als spräche die Sterbenspflicht unter seinem Willen ihre Seelen für alle Ewigkeit frei, und seine Widersacher verfielen der Volkswut. Es ist dies ein neuer Beweis dafür, wie wenig die Volkstümlichkeit eines regierenden Fürsten mit seinen guten Eigenschaften zu tun hat, und daß kein Irrtum größer ist als der, daß die Liebe der Untertanen und die Nahbarkeit des Herrschers Hand in Hand gehen.

Als ich Bitschapur sah, lag die Stadt voll Toter. Wir kamen in der Morgenfrühe auf Pferden an, ohne Kunde davon erhalten zu haben, daß die Pest in so furchtbarer Weise in der Stadt wütete. Als wir nahe vor den Toren waren, wies mein Begleiter auf die Hügel im Umkreis der Stadt, die mit Zelten bedeckt waren, und riet zur Umkehr, aber es bot sich uns keine Möglichkeit dazu, da es uns an Wasser und Nahrung gebrach.

Die Lager auf den Höhen unterrichteten uns darüber, daß die Bewohner aus der Stadt geflüchtet waren, und so fanden wir nur Tote im Bereich der herrlichen Ruinen. Die Pferde zitterten, als uns der erste, widerlich süße Hauch der Verwesung entgegenschlug, und Wolken von Aasgeiern erhoben sich träge mit häßlichem Geschrei bei jeder Straßenbiegung. Die Leichen lagen in den offenen Türen und auf den Gassen, aus leeren Augenhöhlen und geschwärzten Angesichtern starrte der Tod uns an, und die Hufe unserer Tiere verwickelten sich in den faulenden Schläuchen der menschlichen Eingeweide, die die Geier weit über die Wege gezerrt hatten.

Die unbarmherzige Sonne spiegelte im Marmor, ihren stillen Liebeszorn bewegte kein Lufthauch, ein paar vergessene Ziegen irrten durch die furchtbare Todesöde und den gigantischen Prunk der Vergangenheit. Es war eine Hungersnot vorangegangen. Heute noch sehe ich die mageren, dunkeln Menschenkörper, geschwärzt vom Gift der Verwesung, gegen weiße Mauern gelehnt, über Steintreppen geworfen, oder am rötlichen Boden. Zwei Kinder, die einander umschlungen hielten, schienen am Rand eines Tempelteichs eingeschlafen zu sein, die Lage ihrer zärtlichen Gestalten verriet weder Angst noch Schmerzen, aber die Augen fehlten, und in geschäftigem, frohem Eifer bohrte ein grauer Geier seinen Schnabel unter die Stirnen, so daß die Köpfchen schaukelten. Als ich mich näherte, hob der Vogel den kahlen Kopf mit dem harten Schnabel, und seine gelben Augen sahen mich räuberisch an, als ob er Verwunderung darüber empfände, daß ein aufrechter, lebender Mensch sein Totenreich betrat.


Als die Sonne ins Meer gesunken und ihr letztes Licht wie in violettem, feuchtem Qualm über dem fernen Wasser zergangen war, brannte Panja ein kleines Feuer auf der Berghöhe unter unserem Felsen an, der uns nach zwei Seiten hin schützte. Wir mußten mit dem Brennmaterial sparsam umgehen, Panja hatte es zum guten Teil unterwegs sammeln und bis zu unserer hohen Lagerstätte schleppen müssen.

Die Nacht war totenstill, die ganze Welt schien erstorben, nur ein paar große Nachtschmetterlinge besuchten mein Feuer, und ihr Surren zitterte in der Luft, bis Panjas Schnarchen sie füllte. Aus weiter Ferne unterschied ich Hyänenstimmen und schwaches Bellen der Schakale. Der Sternschein tauchte in blassem Dunst der Tiefe glanzlos unter, aber über den Bergkuppen und -zacken funkelte das Licht hart und zornig, wie im göttlichen Rausch seiner unirdischen Freiheit. Der schmale Mond war erst gegen Mitternacht zu erwarten.

Ich schlief nur ganz kurze Zeit, um den Aufgang der Sonne nicht zu verpassen, und die Stunden eines einsamen Wachens auf der Höhe, in der blauen silbernen Tropennacht sind mein unvergängliches Eigentum geblieben, ein feierliches Kleid der Erinnerung, das meine Seele niemals ablegen wird. Es ist ihr bannender Zaubermantel gegen die Bedrängnisse des kleinen Alltags geworden, das Leben und der Tod wiegen ihr in solcher Hülle leicht, und der Gedanke an das Unendliche rückt nahe, wie sich das Bild im spiegelnden Wasser dem Knienden nähert.

Ich vergaß in jener Nacht, daß die Erde bewohnt ist, und ich begriff, daß wir Menschen unseres Jahrhunderts unser ganzes Wesen zu sehr darauf eingestellt haben. Unsere Beziehung zur Natur ist oft nur durch eine Flucht vor den Menschen und aus unseren Lebensverhältnissen möglich, und so erscheint uns das nur für kurz gegönnt, was uns von Anfang an zum Eigentum bestimmt war. Der Satan der neuen Welt entschädigt uns überreichlich für die Verluste unserer alten Rechte, und doch werden wir am Ende die Betrogenen sein, denn der beste Teil entgeht uns, jener Anteil, der die Gelassenheit der Besinnung mit sich bringt, die Ruhe des guten Gedankens und den Frieden der Erkenntnis unserer selbst.

Neuntes Kapitel
Die Herrschaft des Tiers

Unendliche Mattigkeit lagerte in der Luft. Wir waren nun den zweiten Morgen unterwegs, um Mangalore zu erreichen, und die Ausläufer der Dschungelwaldungen deckten uns zu, zwischen ungeheuren Felsschluchten.

Der Abstieg von den Bergen zur Küste ging langsam vonstatten, da wir unmöglich länger als die Stunde vor Sonnenaufgang und zwei oder drei nachher marschieren konnten. Bisweilen unternahmen wir noch kleine Strecken am Abend, aber es wurde wenig vom Wege zurückgelegt, da die anstrengenden und umständlichen Vorbereitungen für unser Nachtlager die kühlere Stunde vor Aufgang der Nacht beanspruchten.

Eine schmerzende Rastlosigkeit und ein dumpfer Druck in meiner Brust machten mir die Weiterreise fast unmöglich. Ich glaubte, nicht atmen zu können, und mir war, als zersprengte mein Blut seine Gefäße wie gärender Wein. Mich befiel ein Taumel, dem kein Rausch zu vergleichen ist, und ich begriff nicht, daß ich monatelang in diesem kochenden Dunst hatte leben können, wobei ich allerdings nicht bedachte, daß das Jahr vorgeschritten war und die heiße Zeit ihren Höhepunkt erreicht hatte. Die bösen Erinnerungen an mein überstandenes Fieber überfielen mich wie Raubtiere; ich fürchtete sie mehr als die hungrigen Bestien, die nicht von unserer Fährte wichen, und als die Giftschlangen, deren Biß in dieser Zeit am gefährlichsten ist und fast unmittelbar tödlich wirkt. Der ganze Urwald schien von diesem Gift erfüllt, und die Ermattung seiner Geschöpfe teilte sich dem Körper mit, bis tief in die Kammern des Herzens. Mehr als einmal verlangte ich gebieterisch, daß der Rückweg in die Berge angetreten würde, aber Panja und Pascha, die kaum noch widersprachen, taten in stoischer Gelassenheit, was sie für richtig hielten und was es unter den drohenden Ereignissen der Natur auch einzig gewesen sein mag.

Ich verlor den Sinn für die Pracht der Gegenden, durch die wir kamen; die einzige Hoffnung, die mich aufrecht erhielt, war der Gedanke an das Meer, und oft flehte ich, der tödlichen Gefahr zum Trotz, in heimlicher Gemeinschaft mit den schmachtenden Geschöpfen der Natur, den Himmel um Regen an. Es kam hinzu, daß ich die sichere Orientierung auf der Karte völlig verloren hatte, ich wußte mit Bestimmtheit kaum mehr als die Himmelsrichtung und mußte mich ganz auf Panja verlassen, dessen Urteil mir um so leichtfertiger erschien, je mehr er mich mit falschen Aussichten vertröstete. Auch mußten wir oft die Richtung wechseln, da wir uns unüberwindbaren Hindernissen gegenübersahen, so daß sich die in der Tat zurückgelegte Wegstrecke auf unser ungewisses Ziel zu oft kaum bestimmen ließ. Bald fehlte es uns an Nahrung, bald an Wasser, und nur Panjas Kenntnissen der vielerlei Früchte des Waldes ist es zu danken, daß wir nicht in bittere Not gerieten. Zuweilen fand ich trotz des schmerzenden Hungers nicht den Aufwand von Energie, mit der Büchse Umschau zu halten, und oft waren die Milch einer Kokosnuß oder eine Ananas meine einzige Nahrung für einen Tag.

Aus der Reihe der Entbehrungen und Leiden dieser Tage ist mir ein Eindruck geblieben, der sich tief in meine Seele gegraben hat, und dem ich den letzten Aufschwung meiner Kraft verdankte. Wir kamen an einem Frühmorgen, bevor die Sonne aufgegangen war, in die schmale Felseinmündung zu einer Schlucht, die sich bald groß und weit vor unseren Augen öffnete. Es herrschte noch jenes seltsame und ergreifende Zwielicht von Mondschein und hereinbrechendem Morgenlicht, das ich nur in den Tropen in diesem magischen Glanz eines Kampfes um die Herrschaft angetroffen habe. In den Ländern des Abendlandes scheint die Nacht dem Tage auszuweichen, ihre Gestirne verblassen gelinde, lange bevor die Sonne am Horizont sichtbar wird, und der schüchterne Morgenmond, der noch bisweilen zu sehen ist, wirkt wie eine verlöschende Erinnerung an die Nacht. Aber in Indien sind die Lichter der Nacht mit dem Glanz des hereinbrechenden Tages in einen leidenschaftlichen Kampf verstrickt, der seine Zwiespälte der Seele um so eindringlicher mitteilt, je mehr die Stille der Lichtwelten ihre Gewalt und Beharrlichkeit behauptet.

Die ersten Tierstimmen erwachten um uns her, aber nichts regte sich. Wir waren tief im Grünen und krochen und sprangen abwärts in weiten Abständen voneinander, von Fels zu Fels, über gestürzte Baumstämme und sumpfige Löcher, in denen die Überreste eines Gebirgsbachs faulten. Nach einer Weile öffneten sich Bambuswände, und ich gewann für kurze Zeit einen freien Blick über die ungeheure Schlucht. Zur Rechten und zur Linken erhoben sich gelbliche Felswände, beinahe senkrecht abfallend und fast ohne Vegetation. Sie liefen in der Ferne auseinander und ließen einen Blick in die dampfende, grauschimmernde Weite zu. Der Dschungel erschien wie eine dicke, grüne Decke im Winkel eines riesenhaften Gemachs mit braunen Wänden, und der Morgenhimmel darüber war von gläserner Klarheit.

Die westliche der beiden steilen Felswände war bis zur Hälfte wie mit dunkelroter Farbe bemalt, gegenüber flimmerte das Mondlicht im Grünen. Ich stand, von diesem Bild gebannt, in Betrachtung versunken da. Zugleich mit der Hoffnung, daß nun der schwierigste Teil unserer Reise überwunden sein möchte, glaubte ich die Wohltat eines leisen, kühleren Windes zu verspüren, und meine Augen glitten entzückt über die goldene Glutbahn des Morgenlichts an der Felswand dahin.

Auf halber Höhe dieser Wand, etwa dort, wo sie der Sonnenschein teilte, lief eine ausgehöhlte Bahn wagerecht durch das Gestein, die man wohl für eine alte Meergrenze hätte halten können. Sie wirkte wie ein überdachter Weg und mag auch zum großen Teil gangbar gewesen sein, führte an halbkuppelartigen Höhlen vorüber und gewährte vereinzelten Zwergpalmen und Aloëstauden Halt. Vor der größten dieser Höhlen war ein kleines Felsplateau, nicht größer als etwa der Raum, den ein alter Lindenbaum in der Mittagssonne zu beschatten vermag, und am Rand dieser Felsplatte in der Sonne lag etwas. Ich erinnere mich deutlich, daß, noch bevor der Eindruck, der meine Augen fesselte, mir irgend zum Bewußtsein gedrungen war, noch ehe ich darüber sann, was dies gelbliche ruhige Etwas sein möchte, ein Unterbewußtsein, wie eine ahnungsvolle Ehrfurcht mich bannte. Aber dann wußte ich es jählings, wie durch einen lauten Zuruf aufgeklärt, und auch ohne daß ich noch Figur und Zeichnung recht unterschied: der Tiger.

Es ist das einzige Mal gewesen, daß ich in Indien einen Tiger in der Freiheit erblickt habe. Ich lehnte mich an den Stamm eines Baumes, schloß die Augen und öffnete sie wieder und sah hinauf wie einer, der sich von seinen Blicken betrogen glaubt. Niemals werde ich die hellbraunen Felswände vergessen, das Morgenlicht in der Steinkuppel und vor ihr, wie auf einem Marmorsockel als Thron, im Schutze des steinernen Baldachins, die ruhende Sphinxfigur des Tigers. Die Entfernung und die Höhe der Felswände ließen ihn mir klein erscheinen, aber ich unterschied die Zeichnung des Fells deutlich und sah die Pranken nebeneinander ruhen unter dem schrecklichen Haupt, das unbeweglich, wie gemeißelt, die geschmeidige Linie des Rückens und des breiten Nackens vollendete und dessen Augen in die Weite gerichtet schienen. Eine Majestät ohnegleichen ging von diesem glühenden Monument der Natur aus.

Es ergriff mich eine Traurigkeit, die ich niemals ganz werde begreifen lernen, aber ich weiß, daß meine Hände sich ballten und zitterten. Damals erfaßte ich zum ersten Male die Schönheit und Größe der ägyptischen Sphinx, dieses gewaltigsten Steinmonuments, das der Geist und die Erkenntnis des Menschen jemals im Licht des Anspruchs und der Ehrfurcht erschaffen haben. Die Begriffe der Gottheit, der Natur und des Menschseins sind in ihren vielfachen Widersprüchen in dieser Gestalt zu einem Kunstwerk vereint, welches das Unerbittliche lieblich mit der Hoffnung verbindet, die Herrschsucht mit der Anmut, die Gefahr mit der Lust und die Gottheit mit dem Spiel. Und keineswegs einzig durch den Abstand, welcher uns von diesem Bildwerk scheidet, sondern an sich und für alle Zeiten der Vergangenheit und Zukunft stellt die Sphinx das gewaltige Denkmal der Historie dar, jener Historie, die über der Gewißheit einer großzügigen Entwicklung jede Erinnerung an Einzelheiten und Geschehnisse zu verschmähen scheint und nur in erhabenen Merksteinen die Jahrtausende mißt, welche das Menschenherz im unveränderbaren Pulsschlag durchpocht.

Der Anblick dieser großen ruhenden Katze in der Sonne, hoch in der Felsenfreiheit, über dem unruhig gärenden Bett der vielerlei kleinen Geschöpfe und Pflanzen des Dschungels, trug meinen Geist über die Geschicke der Zeiten fort, zurück bis an jenen ältesten Stein der Menschheitserinnerung. So erschien mir das herrliche Tier in seiner Vereinsamung, wie ein später Nachkomme einer versunkenen Zeit, schon im schwermütigen Schatten des Abschieds seines starken Geschlechts von der Erde der Menschen, denen es mit vielen, längst vergessenen Wesen hat weichen müssen.

Aber hier war noch das Reich seiner Herrschaft. In der Morgensonne funkelte sein steinerner Thron, und den erwachenden Urwald, tief unter dieser königlichen Ruhe, schreckten die Schauer vor solcher Majestät. Arm, müde und machtlos schlichen ein paar Menschlein unten durch das schützende Grün, und unter ihnen ich, geduldet und eingeschüchtert durch die Herrschaft des Tiers.


Als ich am Abend im Zelt einzuschlafen versuchte, entdeckte ich zwischen den Bäumen hindurch an den Himmelslücken einen rötlichen Schein, der nicht von unserem Feuer kommen konnte. Ich trat hinaus und prüfte die Weite umher, so gut es mir gelang. Der Mond ging erst gegen Morgen auf; ich sah, daß der ganze Himmel glutete, und weckte Panja.

„Die Steppen brennen“, sagte er, nachdem er sich umgesehen hatte, und sog die Luft durch die Nase ein, aber die windlose Nacht trug keinen Brandgeruch bis zu uns. „Die Berge brennen,“ wiederholte er schlaftrunken, „tausend Tiere sterben, darunter die schädlichen. Die Bergmalabaren zünden die Reste an, die die Sonne zurückgelassen hat; oft entstehen die Feuer auch, ohne daß jemand weiß, wer sie angelegt hat.“

Der Glutschein nahm zu und verbreitete eine erregende, matte Helligkeit im nächtlichen Wald, die Stimmen der Tiere schienen vereinzelter und gedämpfter zu klingen, wie in Ehrfurcht vor dem draußen herrschenden Element.

„Es heult nicht, das Feuer,“ sagte Panja und lauschte, „ruhig schleicht es über die Höhen.“

Er legte sich wieder zur Ruhe nieder, es drohte uns keine Gefahr, aber mich floh der Schlaf, den ich eben noch ohne Glauben gesucht hatte. Ich sah im Geist die roten, wehenden Feuerfahnen über die endlosen graugrünen Hügelweiten flattern in der blauen Nacht, und mir war, als hörte ich die Stimmen des fliehenden und ereilten Getiers, das im Streit um den Besitz der Berge, dem Menschen auf der Walstatt eines unaufhörlichen Kampfes erlag. Gegen Morgen würde der Mond durch den Rauch scheinen, bis langsam die Sonne die goldenen Kämme der Berge in ihrer Ruhe über dem bewegten Bild entzündete; dort oben war es still, die ewigen Kriege waren dort längst verrauscht.

In der Schlucht rief ein Uhu, immer lange, wie aus tiefer Brust hervorgehauchte Töne, in weiten Abständen voneinander, bald wie in dumpfer Daseinsangst, bald wie in Liebesqual. Als der rote Schein zunahm, verstummte er, die Felsschlucht schwieg, die dunklen Wände im rötlichen Nebel vereinsamten aufs neue, und die verlassene Nacht zog weiter, im glühenden Schleier.

Es war eine lautlose Unruhe in der trägen Üppigkeit des verblühten Waldes und die Geister der Vermoderten kamen aus der Vergangenheit hinüber in die Bereiche meiner Erinnerung und begannen zu mir zu reden. Überall umher lagen überwache Sinne in Krankheit, aus Löchern, Höhlen und grünen Schlünden starrten die Masken unersättlicher Gier und gereizter Ermattung einander an, im steilen Bambus schlief der Wind, hingesunken wie ein von giftigen Gasen zum Taumeln gebrachter Falter. Die Ungeduld des Erdbodens, an der widrigen Grenze süßlicher Ersticktheit, teilte sich dem Blut der Wesen mit, aber nichts half mehr, kein Geschrei und keine Klage, kein Trost und keine Wut. Nur im Wasser oder im Feuer war Errettung zu finden. Hatte nicht Panja eben noch gesagt, die Steppen entzündeten sich selbst?

Es klagte matt in der belebten Stille, ein Vogel, ein Waldtier oder ein sinkender Baum, der sich seufzend in das morastige Bett seiner Entstehung neigte. Ich lauschte auf die röchelnden Flüstertöne des Verfalls, in denen die Stimmen der Versunkenen meine willenlosen Gedanken in ihr vergessenes Bereich zurückführten. Der Geist des Fiebers schillerte mich böse, mit grünen Augen, aufs neue an, und ich fühlte mich vom Sterben umhüllt und ihm unrettbar preisgegeben. Ich empfand in merkwürdig tauber Verwirrung der Verlassenheit, daß ich das Sterben noch nicht gelernt hatte, mich verlangte inbrünstig nach Taten, nach Kampf und Anstrengungen, und meine höchste Angst bestand im Gedenken an dies laue, erstickende Welken des Bluts, wie es umher von mir gefordert wurde.

War es, weil meine Augen am Tage die Hoheit des Dschungelherrschers gesehen hatten, daß ich den Mut und die Kraft zum eigenen Lebensrecht nicht mehr aufzubringen vermochte? Die Bedrängnisse, in denen sich die Natur befand und die sich meinem Gemüt von Stunde zu Stunde eindringlicher und überwindender mitteilten, ja, denen ich völlig zu erliegen drohte, weckten im Grunde meiner Gedanken ein bohrendes Bewußtsein von Schuld. Welcher Empfindende und Verstehende suchte in aller Not nicht zuerst die Schuld in der eigenen Brust? Die Erkennenden sind verantwortlich, sie sind es, welche in Wahrheit Opfer bringen und welche die Sühne tragen, im Kleinen wie im Großen. Hatte ich die Trauer und Größe der alten Herrschergewalt dieses Landes nicht erschauernd erblickt und ehrfürchtig auf meine Art erkannt, wie ein verächtlicher Eindringling, und im Herzen schuldig aus Hochmut?

Wenn ich die Augen schloß, so war mir, als dränge durch die Erschlaffung der verschmachtenden Welt ein Pesthauch von jener Stätte zu mir hinüber, an der ich zwischen den bläulichen Stachelarmen der Aloën den gelben Leib des toten Panthers gesehen hatte, dann wieder tauchte die beschienene, steinerne Kuppel vor meinem Geiste auf, die als ein goldstrahlender Baldachin den Thron des Tieres schützte. Der Tiger war berufen, in diesen Bereichen zu herrschen, ihn vergifteten die Dünste des Dschungels nicht, der Brand der Tropensonne wurde seinem zähen Leib mit den eisernen Strängen der Sehnen zur Wohltat, er durchschwamm die reißenden Ströme zu seiner Erfrischung, wie im Spiel, und durchschweifte die Steppe tagelang, ohne Gefährdung und ohne Bedrängnisse.

Wie in den zugleich bedrückenden und beängstigenden Sinnesschwankungen des nahenden Fiebers, die sowohl Verwirrungen als auch die übernatürlichen Klarheiten der Vision mit sich bringen, war mir, als könnte unmöglich jene Grenze gar zu weit zurückliegen, an welcher der Wechsel der Herrschaft von Tier und Mensch über die Erde stattgefunden haben sollte. Als habe sich meinen eingeschüchterten Sinnen erwiesen, wie töricht der Menschenhochmut, in der leichtfertigen Sicherheit seiner zerbrechlichen Städte, sein Machtbereich und seine Herrschaft überschätzt. Und mir war aufs neue, als träte der Geist dieses Landes und seiner alten Völker zu mir und überredete mein Herz. Ich begriff eine Lehre, die das Tier ehrt, anbetet und niemals tötet, deren religiöses Bewußtsein und Bekenntnis eine tiefe Beziehung zum Wesen des Tiers ahnen läßt, und die die tatlose Geduld, die ehrfürchtige Erwartung und das heilige Harren in demütiger Ergebenheit preist. Wie vorzeiten in einer unvergeßlichen Traumnacht ein Affe im Triumph seiner überwundenen Gefangenschaft zu mir gesprochen hatte.

Wie aber die ungewisse Neigung zur Ehrfurcht Angst und noch keine Beruhigung erzeugt, deren Friede erst mit der eingetretenen Erkenntnis hereinbricht, so erschien es mir in heimlichem Erzittern zu dieser Stunde, als sei die Herrschaft des Tiers auf der Erde nicht überwunden, sondern als bestünde sie noch, wenn auch verborgen und beengt, so doch in ihrer ursprünglichen Gewalt und Finsternis.

Mit den ermüdeten Zügen Hucs, des Affen, der mir zu Beginn meiner leichtfertigen Fahrt in die überblühten Ruinen des alten Gottreichs erschienen war, trat aufs neue der Geist dieser versunkenen Zeit vor mich hin, und seine grauen Augen sahen mich an: „Noch herrscht das Tier, hier, um dich her, im Rahmen der ihm zugehörigen Natur, in die der Mensch nicht weiter eingedrungen ist, als ein Borkenkäfer in einen Baum, dort verborgen in der aufrechten Gestalt, unter der weißen Haut, hinter der klugen Stirn und den schönen Augen. Vollzieht sich die Wandlung unter dieser Hülle nicht immer noch rasch und leicht? Nicht allein auf Schlachtfeldern und im Getümmel der entflammten Haufen, auch in stillen Kammern oder auf offenen Märkten, unter den Marterpfählen der Heiligen, oder im Schmeicheln der süßesten Rede? Noch herrscht das Tier. Die Weisen der Erde erzittern auf ihrem Weltpfade unter dem Gebrüll, das um sie her erklingt, wenn sie eilend, gerafften Kleids, mit verwundeter Hoffnung ihre Zeit durchmessen.“