Drittes Kapitel
Die Nacht mit Huc, dem Affen
Eines Morgens stand auf der Veranda meines Hauses in Cannanore ein brauner Hinduknabe, der einen Affen auf der Schulter trug. Wie lange er schon dort gestanden hatte, wußte ich nicht, weil die Eingeborenen bescheiden zu warten pflegen, bis es dem fremden Herrn gefällt, sie anzureden. Auch wenn sie annehmen, längst gesehen worden zu sein, harren sie geduldig fort, oft stundenlang, ob es nun auch gefällt, sie zu beachten. Dieser Umstand hat mir in der ersten Zeit meines indischen Aufenthalts oft einen nicht gelinden Schreck eingebracht, denn auch wenn ein Diener des Hauses ein Zimmer betritt, wartet er still in der Nähe des Herrn, bis er angeredet wird. Es geschah mir in Bitschapur, wo ich zu Anfang meiner Reise inmitten alter zerfallener Königsschlösser mein Lager aufgeschlagen hatte, daß ich nächtlicherweile plötzlich am Schreibtisch den Eindruck gewann, es stünde jemand hinter mir. Solche Befürchtung ist in der Verlassenheit tiefer Nacht um vieles beängstigender, als die Gewißheit eines jähen, unerwarteten Zusammentreffens. Ich weiß noch heute genau, daß ich lange nicht wagte, mich umzuschauen, und als ich es endlich langsam, Zoll um Zoll, tat und plötzlich den Umriß einer braunen Gestalt, dunkel in dunkel, hinter mir gewahrte, emporfuhr, als sei es der Böse selber, der mich heimsuchte. Der Bote hatte, in der festen Annahme, daß ich längst von seiner Gegenwart Notiz genommen hatte, bescheiden und geduldig auf meine Anrede gewartet. Da die Hindus den Tritt nackter Füße, selbst auf einer Kokosmatte, deutlich hören, begreifen sie nicht ohne Schulung, daß unser Ohr an deutlichere Beweise einer Annäherung gewöhnt ist. Glücklicherweise erschrak damals der nächtliche Ankömmling so heftig über meinen Schreck, daß mich ein Lachen befreite und aus meinem Entsetzen riß.
Eine große Zahl Berichterstatter aus dem heutigen Indien behaupten in Büchern und Journalen immer wieder, dies Land sei aller Geheimnisse und Wunder und aller Mystik längst entkleidet. Wahrscheinlich kennen sie von Indien nur die neumodischen Hotels. Ich habe den poetischen Glanz der Veden und den Geist Kalidasas überall gefunden und erst im Lande selbst recht würdigen und fassen gelernt, und der bedauernden Ernüchterung der modernen Propheten habe ich nur den Kummer entgegenzuhalten, daß meine Kräfte nicht ausreichen, von den mystischen Herrlichkeiten und dem geheimnisvollen Zauber aller Erscheinungen ein rechtes Bild zu geben. Wer allerdings die Wunder Indiens in der Kunst der Taschenspieler sucht und enttäuscht ist, wenn ihm keine Gelegenheit geboten ist, auf einem frei hängenden Seil emporklettern zu können, wird seine Erwartungen nicht erfüllt sehen, aber er wird nicht nur in Indien, sondern überall in der Welt enttäuscht sein, wo er glaubt, etwas Rechtes erleben zu können, ohne etwas Rechtes zu sein. Denn das Mystische ist weder das Dunkle und Unklare, noch das phantastisch Bedrohliche unverständlicher oder geheimnisvoller Vorgänge, sondern es umschließt, seiner tieferen Bedeutung nach, viel eher die Gewißheit ewiger Wahrheiten in ihrem Fortwirken jenseits unserer Erkenntnis.
Jener Knabe nun, den ich vor meinem Hause fand, bot mir seinen Affen zum Kauf an, ich erfuhr durch Panja sein Anerbieten und den nützlichen Zweck, der sich für jeden Garteninhaber mit dem Besitz eines Affen verbinde. „Er holt die Kokosnüsse aus den Palmen“, erklärte mir Panja. Das kleine, graubraune Tierchen, das etwa die Größe eines Foxterriers hatte, sah mich von seinem erhöhten Sitz ruhig aus seinen alten Zügen an. Es war an einer Kette befestigt, deren Ende einen Ring um seine hageren Lenden bildete. Der Knabe erklärte sich bereit, seinen Affen vorzuführen, und in der Tat zeigte sich das Tier außerordentlich gut unterrichtet. Kaum war er von seiner Fessel befreit worden, als er mit großer Geschwindigkeit eine Palme erstieg, eine große Nuß abdrehte und sich geduldig wieder festlegen ließ, nachdem die Nuß gefallen war, und er, um vieles langsamer, wieder niederkletterte. Panja verhandelte mit dem Knaben wegen des Kaufpreises, und während ich, ohne zu verstehen, die beiden beobachtete, gewahrte ich, daß eine sichtbare Besorgnis das Gesicht des Hinduknaben betrübte. Er schien begierig und traurig zugleich. „Er will seinen Affen nur vermieten,“ erklärte Panja, „das kommt daher, daß er ein Dummkopf ist.“
Mir schienen die Dinge anders zu liegen; ich bemerkte deutlich, daß der Knabe heißes Verlangen nach der Kaufsumme trug, die er zu erzielen hoffte, daß er sich aber schwer für alle Zeit von seinem Affen zu trennen vermochte.
„Biete ihm fünf Rupien als Kaufsumme“, sagte ich.
Panja bot eine. Der Knabe zitterte heftig, denn schon diese kleine Summe, die nach unserem Geld noch nicht zwei Mark ausmacht, bedeutete ihm einen großen Schatz. Da die Ergriffenheit des Kindes mich deshalb fesselte, weil ich deutlich zu fühlen glaubte, daß nicht einzig seine Geldgier ihn bewegte, gab ich Panja ein nicht mißzuverstehendes Zeichen, daß ich vorübergehend Gehorsam von ihm forderte. Er wußte, daß ich genug kanaresisch verstand, um ihn kontrollieren zu können, und sank in eine Haltung gottergebener Verzweiflung zusammen, die er stets einnahm, wenn ich meinem Untergang entgegenging, ohne seine Hilfsbereitschaft zu beachten. „Weshalb willst du den Affen nicht verkaufen?“ ließ ich fragen.
„Ich habe sonst kein Eigentum“, antwortete das Kind.
„Aber wenn ich dir eine große Summe gebe, so kannst du leicht neue Affen erstehen. Ich biete dir fünf Rupien.“
Panja verschluckte sich bei der Summe und mußte sie noch einmal sagen.
Der Knabe zitterte so heftig, daß ich ihn am liebsten in die Arme geschlossen hätte. Er sagte zögernd:
„Es ist kein Affe so gut wie Huc. Aber,“ fügte er schnell und mühsam hinzu: „für diese große Summe will ich ihn dir geben. Du wirst Huc weder schlagen noch töten, und wenn du erlaubst, werde ich zuweilen kommen und durch das Gartengitter schauen.“
„Weshalb verkaufst du ihn, wenn du deinen Affen liebst?“ fragte ich.
„Soll ich so was wirklich übersetzen?“ fragte Panja.
Ich sah ihn an, und er übersetzte meine Worte wie ein Automat.
„Meine Eltern hungern“, sagte das Kind einfach, ohne Klage und ohne Anklage. Und im Verlauf des Gespräches erfuhr ich eine merkwürdige Geschichte, die mich lebhaft fesselte. Der Vater dieses Knaben war von der deutschen Missionsgesellschaft in einer Weberei, die in Cannanore von den Missionen unterhalten wird, angestellt gewesen, nachdem er sich zum Christentum bekehrt hatte. Da er sich aber im Verlauf seiner Tätigkeit wiederholt Diebstähle hatte zuschulden kommen lassen, war er entlassen worden. Seine Stammesgenossen, die ihn längst als Abtrünnigen betrachtet hatten, wollten nun, bei seiner Wiederkehr in ihr Bereich, nichts mehr von ihm wissen, und er war hier wie dort ein Geächteter geworden und in Elend geraten. Nun begriff ich wohl, daß man in einer Industrie keine Diebe gebrauchen kann, aber der Gedanke, ob im Tempel eine Weberei am Platze sei, erfüllte mich nach dieser Erfahrung mit mancherlei Zweifeln. Die Wechsler und die Priester werden in keinerlei Gotteshaus zum Segen einander dienlich sein, am wenigsten in einem christlichen.
Ich sollte auf diesem Gebiet noch recht unterhaltsame Erfahrungen machen, und es stand mir noch bevor, einige dieser Gottesboten kennen zu lernen, sowie auch den Geist und Wert ihres Wesens. Panja mußte nun zu seiner Bekümmernis mit dem Knaben einen Vertrag abschließen, nach welchem mir das Recht auf den Affen Huc für zwei Monate zustand, wogegen ich die Summe von fünf Rupien im voraus als Gebühr entrichtete. Dem Besitzer stand es zu, seinen Affen zweimal in der Woche zu besuchen und ihn abzuholen, falls ich früher als in der ausgemachten Frist Cannanore verließ.
Das Kind eilte glücklich heim, und Panja kündigte mir den Dienst; dies hatte aber weiter nichts zu bedeuten, denn er tat es oft. Als ich von seiner Abkehr keine Notiz nahm, blieb er stehen und sah mich an.
„Sahib,“ begann er, „du wirst in wenigen Wochen ruiniert sein, und was wird dann aus mir und meiner alten Mutter, meinen Geschwistern, den Schwestern meiner Mutter und den Reisfeldern am Purrha?“
Ich erwiderte höflich:
„Panja, als ich dir vor wenigen Wochen die zehnte Rupie deines Vorschusses ausbezahlte, sagtest du mir, deine Mutter sei gestorben, und du brauchtest das Geld für ihre Bestattung.“
„Es war meine Großmutter,“ sagte Panja, „soll ich dir von ihr erzählen?“
„Deine Großmutter starb bei unserer Ankunft in Bitschapur.“
„Du wirfst alles durcheinander,“ sagte Panja traurig, „nur den Vorschuß behältst du richtig im Gedächtnis.“
Diesen Tadel meiner Gesinnung zog ich mir deshalb zu, weil Panjas Vorschuß doppelt so groß war, als ich gewagt hatte, anzuführen, und ich nahm mir ernstlich vor, künftig ehrlicher zu sein.
Als ich gegen Abend vom Meer heimkehrte, nachdem ich am Strand der Fischerstadt ein Boot erhandelt hatte, fand ich Huc in meinem Zimmer. Panja war nirgends aufzutreiben, und Pascha servierte mir schweigend den Reis am Ausgang zur Veranda. Ich sah seinen Bewegungen und dem gelassenen Schaffen des Mannes zu. Er nahm die Tonkrüge mit gekochtem Wasser aus ihren Bambusschaukeln, in denen sie zur Kühlung geschwenkt werden, trug die Speisen und Früchte ernst und sorgfältig herzu, alles in kleinen Gerichten und zierlich verwahrt, Früchte des Zimtapfelbaums, Ingwer, geröstete Pisangfrüchte und Reis mit Curry und Kokossaft. Ich hatte mich damals längst an die indische Kost gewöhnt, die in ihrer großen Mannigfaltigkeit wahrhaft kennen zu lernen wenigen vergönnt ist, denn selbst in den Hinduhotels bemühen sich die Eingeborenen, den Europäern die Speisen auf deren Art zuzubereiten. Wer den Reichtum der indischen Früchte kennen gelernt hat und ihre Art seinen Bedürfnissen anzupassen versteht, ist in Indien wohl daran und wird diese erfrischende und gesunde Ernährungsart jeder anderen vorziehen und niemals vergessen.
Als Pascha die Ananas und die Bananen brachte und die ersten Mangofrüchte, die noch nicht in Malabar gereift waren, sah er Huc, den Affen, neben den Speisen auf dem Tisch sitzen und erschrak.
„Ich werde ihn hinausbringen“, sagte er.
Aber ich erklärte ihm, daß ich mit Huc sprechen müsse, und er ging still hinaus. Anfänglich hatte der Affe nur geringes Zutrauen zu mir gehabt und sich in seiner weichlichen Vorsicht immer wieder zurückzuziehen versucht, aber bald hatte er herausgebracht, daß ich es gut mit ihm meinte, und in seiner scheinbar so nachlässig abwartenden Art betrachtete er mich und nahm zögernd mit matter, immer ein wenig hängender Hand, was ich ihm darbot. Er hatte großes Mißtrauen gegen die Menschen, der Arme, denn einem gefangenen Affen ist in Indien kein gutes Los beschieden, er muß den Haß und die Verachtung erleiden, die seinen räuberischen Gefährten gelten. Jeder Vorübergehende vergnügt sich eine Weile damit, an dem Gefangenen einen Teil seines Zornes auszulassen, den seine Brüder in der Freiheit mit ihrem frechen, spöttischen Wesen, in der Sicherheit ihrer Palmenkronen, heraufbeschworen haben. Am schlimmsten aber setzen die Kinder ihm zu, deren gedankenlose Grausamkeit in keinem Lande schlimmer ist, als in Indien, da die Verdorbenheit der Gesinnung und des Blutes schon früh hinzukommt; und wieviel gilt in Indien das Leben eines Affen, wo kaum das Leben eines Menschen etwas gilt. Der Knabe, der mir Huc gebracht hatte, bildete in seiner Stellung zu dem Tier eine Ausnahme.
Die Abendsonne schien noch. Da ich im Garten eine schmale Bresche in das Dickicht hatte schlagen lassen, so war nun ein Ausblick auf das Meer hinüber möglich, aber ich sah nur die Hochebene, hinter der es atmete, spürte seinen kühlenden Hauch und vernahm sein gedämpftes Dröhnen an den Felsen. Auf der Höhe der Ebene erblickte ich die Silhouetten zweier Palmen, deren eine kerzengerade emporstieg, während die andere sich demütig in einem sanften, ebenmäßigen Bogen zur Seite neigte. Fein und schwarz, wie mit Kohle gezeichnet, sah ich diese zierlichen Figuren in der Ferne gegen das Ampelrot des Abendhimmels, sie erhoben sich in der Melodie des Meeres mitten auf jenem Wege in die Freiheit des Himmels, den meine Augen nun Abend für Abend nahmen, so lange ich in Cannanore weilte. Lange noch, nachdem ich die Stadt verlassen hatte, erschien oft dies Bild unter meinen geschlossenen Lidern und mit ihm die verlorenen und versunkenen Gestalten meines indischen Lebens, dessen Herrlichkeit kein irdischer Mund wird nennen können. Im Getriebe der tobenden Großstädte Europas, mitten im Straßengetümmel, in erleuchteten Sälen unter schwatzenden und lachenden Menschen, oder in der einsamen Ruhe meines nächtlichen Arbeitsraums erscheint mir bisweilen noch dies einfache Bild, und mit ihm ersteht die große Melodie des Ozeans und der Ruf des Wassers an den dunklen Felsen. Das unstillbare Heimweh nach der Fremde liegt darin beschlossen und ein großer Friede.
Die Nacht sank nieder, aber Huc tat deutlich den Wunsch kund, noch in meiner Nähe zu verweilen, und ich ließ es zu, da mich ohne Aufhör das merkwürdig beklemmende Bewußtsein gefangenhielt, daß wir einander in Rede und Antwort noch vieles schuldig seien. Kein Lebewesen der Schöpfung löst in so hohem Maße den Hang zur Nachdenklichkeit über sich selbst in uns aus, wie der Affe. Während ich langsam ein Glas des schweren indischen Palmweins nach dem andern meiner isolierten Seele gönnte, zog der gewohnte Reigen meiner Traumgestalten, von Weinlaub bekränzt, an meinen Augen vorüber, und langsam verlor mein Herz die Kraft des Alltags, um sie gegen eine bessere und höhere Kraft einzutauschen, die keine irdischen Erweise ihrer Gewalt zu geben vermag. Während dieser Stunde saß Huc still und nachdenklich vor mir und betrachtete mich geduldig. Seine merkwürdig zarten, hellgrauen Augenlider, die an dünnen Guttapercha erinnerten, hoben sich nur selten über die Hälfte des scheinbar ermüdeten Auges empor, und die dunklen Greisenhändchen mit den schwarzen Nägeln führten ein schläfriges und gesondertes Leben, von dem seine Gedanken nichts zu wissen schienen.
„Huc,“ sagte ich zu ihm, „mein geliehener Affe, der Gang, den das menschliche Herz antritt, wenn es sich ohne Gesellschaft den beschwingten Führungen des Weins anvertraut, ist überall in der Welt der gleiche, nur im Grad voneinander unterschieden, aber in seiner Art wie die Gemeinschaft, derer alle teilhaftig werden, die sich unter die Segnungen eines Sakraments stellen. Ist es nicht zuerst, als träten die Sorgen des Alltags einen stillen Rückzug an, daß unser Gefühl erstaunt und sehr erfreut nach der Ursache dieser Flucht forscht? Auf der nun begrünten Walstatt ihres quälenden Aufenthalts erhebt sich der freundliche Engel unserer Hoffnung, der, ohne unsere Augen zu blenden, in feierlicher Weise das Schönste unserer Zukunft zur Gewißheit macht, so daß wir unvermerkt und heimlich am Ziel unserer Wünsche angelangt sind. Aber so ist es mit uns, Huc, an diesem Ziel wird uns plötzlich traurig zumute, weil es solcher Gestalt Guten, wie der Wein sie aus uns macht, nicht wohl tut, ohne Verlangen zu sein, es entsteht uns aus dem erreichten Ziel nicht mehr als ein Ausblick auf ein neues. Und mit der zugleich schmerzvollen und doch seligen Ahnung, daß es immer so bleiben wird, erwacht in unserm Herzen das Heimweh nach einem bleibenden Gewinn.“
„Prost“, sagte Huc.
„Du mußt mich jetzt nicht stören“, antwortete ich in jener Bekümmernis, in die leicht Leute geraten können, die ihre Gedanken viel wichtiger nehmen, als sie sind, und die deshalb glauben, man wollte sie ablenken, wenn man ihre Ergriffenheit nicht teilt. „Huc, wir müssen nun sehen, wo dieser Trost zu finden ist, und in welcher Gestalt er einhergeht. Er taucht aus dem Grund unseres Glases hervor, aus dem Schatten des Kelchs und wird zum Bildnis einer Frau auf seinem goldenen Spiegel.
Alles was wir gern geglaubt
strahlt aus seinem Grund,
Jesu schmerzgeneigtes Haupt
und der Liebsten Mund.“
„Keine Verse, bitte“, sagte Huc.
„Vergib,“ antwortete ich, „es kommt zuweilen vor, ohne daß man es beabsichtigt, aber ich begreife, daß die Wesen selten sind, die erkennen können, daß man die Dinge wahrhaft schön nur in Versen sagen kann. Sieh nun, Huc, das Bildnis dieser Frau gleicht dem keines dieser Wesen, die wir kennen, die Schönheit und Milde dieses Angesichts ist niemals in der Welt zu finden, und darin liegt sein unnennbarer Trost. Aus dem Grund ihrer Augen erstrahlen das unvergängliche Leben und der irdische Schlaf, und vom Schlaf steigen liebliche Schleier empor, wie der Duft des Jasmins in der Sommernacht, und legen sich über unsere Augen, so daß wir in Ruhe versinken, als hätten wir uns nichts gewünscht, als diese gnädige Ruhe.“
„Ein Asket bist du also nur,“ antwortete Huc, „weil der Weg dorthin mit einer Reihe genußreicher Annehmlichkeiten verbunden ist.“ Er fuhr sich rasch mit der Hand über die schmalen Lippen seines großen Mundes, der wie in eine dunkle Halbkugel eingeschnitten war, und ließ dann mit hochgezogenen Brauen die Hand wieder sinken, als habe er sie vergessen. „Gib einen Schluck her“, fuhr er fort und zog die Schultern hoch, wobei sein Kopf vorrückte und mir so groß erschien wie ein Menschenkopf. Er trank vorsichtig, leckte sich umständlich die Lippen und atmete so schmerzvoll auf, wie nur Menschen aufatmen können.
Es war eine Weile still zwischen uns, die nächtlichen Geräusche der Natur drangen gedämpft zu uns herein und das leise, heimliche Sausen der reisenden Erde. Da legte Huc die welke Hand auf die Gegend seines Herzens und sagte einfach:
„Ich bin schwindsüchtig und werde nicht mehr lange leben, ich will dir von den Wäldern erzählen. Viel kann ich nicht sagen, denn die Schönheit der Wälder ist so groß, daß die Gedanken und Worte darüber zu Träumen werden, je näher sie der Wahrheit kommen. Denke nicht, meine Krankheit betrübte mich, nur armselige Wesen leiden an ihrem Leibe, alle Schmerzen des Körpers und seine Hinfälligkeit sollte man nur mit einem Lächeln hinnehmen.“
„Ich bin erstaunt über deine Weisheit, Huc“, sagte ich.
„Wie hochmütig du sein mußt, um darüber zu erstaunen“, antwortete Huc ohne Eifer. „Ihr Menschen habt verlernt, in den lebendigen Wesen der Schöpfung den Schöpfer zu ehren, und ihr überschätzt eure Eigenschaften so sehr, daß ihr darüber diejenigen aller anderen Wesen belächelt. Aber wir sind alle auf dem gleichen Wege, und wenn wir Sinne hätten die Zeit zu ermessen und sie in Vergangenheit und Zukunft zu überschauen vermöchten, würden wir ehrfürchtiger sein, bescheidener und frömmer. Gib einen Schluck her.“
Ich reichte ihm das Glas, das er mit beiden Händen nahm und langsam mit geschlossenen Augen leerte.
„Alle guten Menschen haben den Hang, den Tieren in ihrem Gehabe und Wesen zuzuschauen,“ fuhr Huc ruhig fort, „es regt ihre Ahnungen einer zukünftigen Vollendung in Rührung und ungewissem Glauben an; andere sind schon viel weiter und lernen es, die Eigenarten der Pflanzen zu bewundern, die, obgleich sie sich von denen der Tiere unterscheiden, doch nicht weniger mannigfaltig sind; wann aber werdet ihr das Leben der Steine beachten? Die Menschen haben die Geduld verloren. Ich habe lange unter ihnen leben müssen und darunter nicht nur gelitten, wie du meintest, als du mich ausliehst, sondern ich habe auch gelernt. Ich habe ihre Häuser und Städte kennen gelernt, bin auf Schiffen die Küste entlang gefahren, so daß die Wälder an den Ufern mir wie feine blaue Nebelstriche erschienen, sogar eine Eisenbahnfahrt habe ich gemacht, so daß ich weiß, worauf ihr stolz seid. In der Gesellschaft mit Menschen habe ich mir meine Krankheit zugezogen, denn ich habe in Regen und Wind und in der furchtbaren Sonne ohne Schutz auf meinem Pfahl zubringen müssen, an den ich mit einer Kette angeschlossen war. Du wirst mein letzter Herr sein. Prost!“
Ich holte ein zweites Glas für mich herbei und schenkte uns beiden aufs neue ein. Huc saß still mit seinen alten, nachdenklichen Augen dicht vor mir auf dem Tisch, so daß unsere Stirnen etwa in gleicher Höhe waren, zwischen zwei glänzenden Flaschen im Kerzenlicht. Eine Weile spielte er mit dem farbigen Stanniol, zerriß es und roch daran. Als er es endlich aus den Händen fallen ließ, als habe er nie Interesse daran bekundet, zweifelte ich wieder für einen Augenblick an seiner Bedeutung.
„Du bist doch nur ein Affe“, sagte ich, und raffte mich auf wie aus einem Traum.
Huc zog seinen langen Schwanz melancholisch durch die Hand, hielt endlich das Ende fest und fragte, das runde Maul mit einem Ruck auf mich zustoßend:
„Wieviel hast du eigentlich schon getrunken?“
Ich entschuldigte mich beschämt; so war also Huc doch im Recht, wie ich gleich anfangs angenommen hatte, als er mich von der Schulter seines jungen Herrn aus mit seinem unbeirrbaren Ernst und seiner versunkenen Überlegenheit angesehen hatte. „Erzähle von den Wäldern“, bat ich.
„Ich meine oft,“ begann Huc ruhig, „ich kenne die Wälder erst, seit ich sie habe verlassen müssen, weil ich mich von jenem Tage an, Stunde für Stunde, bis tief in meine Träume hinein habe mit ihnen befassen müssen, und darüber habe ich auch erfahren, daß das Geliebte erst recht unser Eigentum zu werden scheint, wenn wir es verloren haben. Alles Kleine ist dahingesunken, und mir ist nur ein einziges strahlendes Bild von herrlicher Freiheit im Gemüt zurückgeblieben, es ist verwoben mit dem weißen Licht des Mondes über dem Blätterdach der Bäume, mit dem Spiel des Sonnenscheins im frischen Grün, mit dem Lied der Nachtigall am Wasser und dem Geruch der Blüten, deren es so viele gibt, wie unsere Sinne nur immer an Farben und Gestalten ersinnen können. Du wirst länger leben als ich, so will ich dir die Sehnsucht nach den Wäldern als Erbteil zurücklassen, bewahre sie.“
Ich hob mein Glas, um es als Zeichen der Bestätigung aufs neue zu leeren, aber Huc trank nicht mehr mit. Er schmiegte sich an die eine Flasche, die nur um weniges kleiner war als er, als könnte ihr buntes Funkeln im Kerzenschein ihn wärmen, und sprach eintönig und scheinbar ohne Begeisterung weiter, seine Züge lächelten weder, noch verrieten sie Trauer.
„Es war an einem Frühlingsmorgen, als ich in Gefangenschaft geriet, meine Heimat liegt weit von hier, in den Dschungeln von Mangalore, der alten Priesterstadt am Meer. Ich geriet auf einem Reisfeld in eine Schlinge, die von den Menschen gelegt worden war, und ergab mich in mein Geschick, als ich merkte, daß das Hanfseil unzerreißbar war, das sich mir um Arm und Schultern gelegt hatte. Zwei Knaben schleppten mich in eine armselige Hütte, die aus Lehmwänden und Palmblättern zwischen den hängenden Wurzeln eines wilden Feigenbaums errichtet worden war. Es roch nach Sandelholz und verbranntem Kuhmist und war so dumpf und dunkel, daß ich lange Zeit wenig erkannte. Als ich nach der ersten Nacht am Morgen erwachte, sah ich den Sonnenschein auf den Bananenblättern vor dem engen Fenster und dachte an die Gefährten in der Freiheit, die sich nun, wie einst auch ich, auf den Wipfeln der Arekapalmen im Morgenwind schaukelten und den Kranichen zuschauten, die auf den Sandinseln im seichten Wasser des Flusses standen und fischten. Wenn ich meine Augen schloß, so hörte ich das Wasser rauschen und die Stimmen der Schilfpflanzen am Ufer. Ich hörte die Lockrufe der Wildtauben aus den dichten Lauben des Gehölzes dringen und sah den Panther durch das Ried schleichen, um zu trinken. Er bewegte sich zwischen den Sonnenspeeren und Schattenstrichen des hohen Schilfs, als spielten Sonne und Wind mit Schatten und Licht, und niemand erkennt ihn, wenn ihn sein heiseres Keuchen nicht verrät, oder sein dampfender Atem, der von dem Blutgeruch seines nächtlichen Raubs schwer ist. Hoch über mir sang der Milan seinen hellen Jagdruf im Blauen, nach Beute ausspähend, wie von Gold übergossen schwebte er klein und selig in der kühlen Morgenhöhe, über dem wilden, grünen Meer des Dschungels. Ich saß Schulter an Schulter mit den Gefährten in der rötlichen Frühsonne in der Höhe, atmete die herrliche Luft ein und fühlte die schweigsamen Bewegungen der unzähligen Pflanzen unter mir, die sich gegen die Sonne emporreckten. Du würdest lernen, das leidvolle und süße Geräusch der aufbrechenden Blumen zu hören, wenn du mit mir im Urwald gelebt hättest, du könntest den Duft des ersten Aufbrechens vom Hauch des Verblühens unterscheiden, und das wollüstige Drängen, das sehnsüchtige Keimen, und die Hingabe dieser Geduldigen, in der Lust und Not ihres Frühlings Erzitternden.
Aber was ist euch Alltäglichen nicht alles wichtig und wie vielerlei Geringfügiges setzt ihr höher an, als die beschauliche Gemeinschaft mit dem Leben der großen Natur. Wir Affen gelten bei euch als ein unnützes gedankenloses Volk, das nichts Gescheites zustande bringt und seinen Tag vertändelt. Aber wieviel wißt ihr vom Glück unseres freien Daseins in der Sonne oder im Mondglanz in der weißen, gärenden Nacht, von unserer Gemeinschaft mit dem unschuldigen Geschick der tausendfältigen Geschöpfe der Natur? Glaubst du, wir gäben nicht für eine einzige Stunde friedvoller Gemeinschaft mit den Glücklichen des Waldes den ganzen Tand dahin, um dessentwillen ihr euch euren hastigen Tag hindurch so wichtig gebärdet? Die Wahrheit, daß wir euer Wesen nicht haben, schließt uns vom irdischen Daseinsglück nicht aus, und habt ihr denn in der Zeitlichkeit ein anderes Ziel als das Glück? Ihr verlacht uns, wenn ihr uns unsere Freiheit genommen habt, und vergeßt, daß wir ohne sie nichts mehr sind. Nur im Glück lernt man ein Wesen wahrhaft kennen, denn das Glück ist die Vorbedingung zum wohlabgewogenen Selbstbewußtsein, und aus dem Selbstbewußtsein kommt alles Große.“
„Was ist denn von euch Affen Großes gekommen?“ fragte ich.
Huc zog die Achsel hoch, und sein Gesicht wurde grau und alt, als wären Jahrtausende über diese Züge dahingegangen; er bekam etwas von einer ägyptischen Mumie und zugleich etwas schwermütig Tierhaftes von unbeschreiblich drohendem Ernst.
„So kann nur ein Mensch fragen,“ sagte er matt. „Immer noch glaubt ihr, der Natur etwas hinzufügen zu können, und meint, etwas erschaffen zu müssen, um bestehen zu bleiben. Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlösung zu sichern, beweist ihr nur, daß ihr nicht wißt, was Erlösung ist. Das Große, das dem rechten Selbstbewußtsein entspringt, ist nicht Werk von Menschenhand, sondern die Liebe zu allem Erschaffenen der Natur.“
„Was weißt denn du von Gott, du Affe!“ sagte ich.
„Es kommt nur darauf an, daß Gott etwas von mir weiß,“ antwortete Huc, „und er tut es. Unglücklich sind nur diejenigen, derer Gott sich nicht erinnert.“
„Das ist wahr, Huc, das ist wahr, ich habe dir unrecht getan, Huc.“
„Nun fängst du gar an, mir zu glauben,“ entgegnete der Affe melancholisch, „nichts könnte mich mehr an der Wahrheit meiner Worte irre machen.“
Huc hatte nun einmal keine gute Meinung von mir, ich weiß nicht, wodurch ich sein Mißfallen erregte, vielleicht dadurch, daß ich zu viel Palmwein getrunken hatte.
„Erzähle von den Wäldern,“ bat ich, „über Gott soll man nicht streiten, kein Weiser streitet über Gott.“
„Das wäre für dich ein Grund, es zu tun“, sagte Huc, öffnete sein Maul ein wenig, so daß ich seine Zähne blinken sah, und es erschien mir plötzlich, als lauerte eine erschreckende Bosheit hinter seinen Zügen.
Es ergriff mich über dieser Wahrnehmung ein unbeschreiblicher Zorn, dessen Ursprung gewiß nicht allein in diesem heimlichen Hohn des Tieres zu suchen war, sondern vielmehr in jener an Wut grenzenden Beschämung, in welcher man das Gebäude einer falschen Gotterkenntnis unter den einfältigen Liebesansprüchen der Natur zusammenbrechen fühlt. In Besinnungslosigkeit und Verblendung ergriff ich jählings eine der Flaschen, packte sie am Hals und schwenkte sie hoch durch die Luft, um sie mit einem wuchtigen Schlag auf Hucs kahlem Schädel zu zerschmettern. Die Scherben stoben in einem bunten Regen nach allen Seiten auseinander und ich glaubte einen dunklen Schatten davonhuschen zu sehen, als ich die von einem jähen Licht geblendeten Augen öffnete.
Da erkannte ich, daß draußen die Morgensonne auf die Blätter schien, und daß ich in der Nacht am Tischrand auf meinen Armen eingeschlafen war. Bestürzt und benommen sah ich mich um, denn das Klirren des Glases lag mir so deutlich im Ohr, daß kein Zweifel darüber herrschen konnte, daß eine Flasche zerschlagen war. Da erkannte ich, daß ich im Schlaf ein Glas vom Tisch gestoßen hatte, am Boden blinkten die Scherben im Morgenlicht, und vom halbgeöffneten Fenster her wehte es kühl herein und brachte das Geschrei der Sittiche aus den Mangobäumen mit sich. Ich raffte meine erstarrten Glieder mühselig auf, eins nach dem andern, und gähnte über die stille dunkle Weinlache hin, die den Tisch zierte, und in der meine Zigarre jämmerlich ertrunken war. Immer noch ein wenig betäubt, bückte ich mich endlich nieder, um Hucs Leiche aufzulesen, aber ich fand den Affen nirgends. Da fiel mein Blick auf das ungeschlossene Fenster, und mit leisem Schreck begriff ich Hucs Geschick. Ich trat, nicht ohne einen Anflug von Altersschwäche, mit geraden Beinen und etwas krampfhaft geschwenkten Armen auf die Veranda hinaus und richtig fand ich Huc auf dem Gipfel einer Papeiapalme. Es sah aus, als säße er auf seinen Händen, dabei schaukelte er sich seelenvergnügt nach besten Kräften, und auf meinen Zuruf hin schaute er nieder, zog den Kopf zwischen die Schultern und zeigte mir fletschend die Zähne, als verlachte er mich. Aber bald wurde ich ihm gleichgültig, er blinzelte in die rote Morgensonne hinein, ließ den Zweig ausschwanken, wie er wollte, legte den kleinen, klugen Menschenkopf in den Nacken und schloß vor Lebensseligkeit die Augen.
Als ich ins Zimmer zurückging, stand Panja in der geöffneten Tür, die Hände auf dem Rücken, morgenfrisch und ausgeschlafen stand er da, den sauberen Turban auf dem kohlschwarzen Strähnenhaar, und seine Augen wanderten mit unaussprechlichem Ausdruck von der umgestoßenen Weinflasche bald zu den Scherben am Boden, bald über meine arme Gestalt hin, die in der Tat der Frische und Schwungkraft entbehrte.
„Sahib…“, sagte er und stemmte die Hände in die Hüften.
Ich will den Ausdruck seines Gesichts nicht schildern, es ist eine unangenehme Erinnerung für mich. Nun wird er nach dem Affen fragen, dachte ich, aber es geschah nicht. Panja war seit dieser Nacht, nach welcher er Elias allein in meinem Bett gefunden hatte, davon überzeugt, daß selbst er mir nicht zu helfen in der Lage sei. Er sagte nur in einer ganz abscheulichen Überlegenheit, die ich ihm nicht vergessen werde:
„Sahib, es ist ein Fischer draußen, der dir sagen läßt, der Ostwind sei gekommen, und dein Boot sei für die Meerfahrt bereit.“
Viertes Kapitel
Am Silbergrab des Watarpatnam
Es wurde von Tag zu Tag heißer, ich schlief in der Mittagsstunde mit der Zigarre in der Hängematte ein, erwachte unfroh und matt, und auch die Bücher blieben oft tagelang, immer die gleiche Seite aufweisend, offen auf dem Schreibtisch liegen. Mein Entschluß zu reisen, stand fest, ich studierte die recht unvollständigen Karten, war aber schon entschlossen, den Weg nach Norden durch die Flußniederungen der Küste zu machen, obgleich die Ströme noch reich an Wasser waren und das Land teilweise überschwemmt hatten. Die Offiziere der englischen Garnison, deren einige ich kennengelernt hatte, rieten mir ab, aber sie verstanden meine Absichten nicht, und wenn sie des Glaubens waren, daß mir daran gelegen sei, rasch und bequem voranzukommen, so hatten sie recht. Immerhin hatte ich in etwa vierzehn Tagen alle Vorbereitungen getroffen, der Ochsenwagen war gedungen, Proviant für zwei Monate war herbeigeschafft, und eines Morgens brachte mir ein Knabe die Nachricht, daß in Tschirakal am Seeufer die Boote auf uns warteten.
Der Watarpatnam und der Ponani sind, im Norden und Süden Malabars ins Meer einmündend, die größten Ströme des Landes. Der Watarpatnam bildet, wie die meisten Flüsse der Westküste, vor seiner Einmündung ein gewaltiges Seenbecken, in welchem sich die Meerflut durch einen schmalen Ausfluß mit seinen Wassern verbindet. Die einzelnen Flußmündungen dagegen sind unter sich, mitsamt ihren Seen durch Kanäle verbunden, die vor der Zeit der Kämpfe Tippu Sultans mit den Engländern, dieser ebenso umsichtige wie grausame Fürst anlegen ließ, um den Handel zur Zeit der Monsunstürme, die die Küste unbefahrbar machen, in den Meerstädten keine Unterbrechung erleiden zu lassen. Heute, wo der Hauptküstenhandel durch die Dampfschiffe besorgt wird, ist diese herrliche Wasserstraße durch die Seeniederungen und den Urwald fast vergessen worden. Die Kanäle sind zum Teil durch die Anschwemmungen der Regenzeit versandet, oder das leidenschaftliche Wachstum seiner Ufer hat sie völlig eingesponnen.
Panja war in bester Laune, seit ich meinen Entschluß kundgetan hatte, die Stadt zu verlassen, denn er liebte Cannanore nicht und wünschte sich, mit mir in Gebiete zu kommen, in denen wir allein herrschten. Als er von den Wegen hörte, die ich zu machen gesonnen war, kratzte er sich froh und nachdenklich im Nacken und sah mich geistesabwesend von der Seite an; heute weiß ich, daß er vielleicht manches besser überschaute, was unserer wartete, als ich, und daß es ihn heimlich erfreute, mich bald in großer Abhängigkeit von sich zu wissen. Er leitete die Vorbereitungen mit viel Umsicht, und aus mancher Anschaffung, die er entschlossen und selbständig machte, gewann ich langsam einen Einblick in die Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt. Er vertauschte meine letzten Lederkoffer mit solchen aus Eisenblech, und eine Mauer von Blechbüchsen verschwand im Gepäckwagen, er riet mir, meine Waffen nicht zur Schau zu tragen, sie aber wohl zu rüsten, da die Mohammedaner uns rudern würden.
Ich wußte damals noch nicht, wie weit seine Befürchtungen angebracht waren, aber es war mir bekannt, daß vielerlei Gesindel der Hinduwelt nur deshalb zum Islam übertritt, um die größeren Freiheiten dieser Lehre zu genießen. Die Mohammedaner bilden in den Westprovinzen eine entschlossene und geeinte Gesellschaft, von der England größere Gefahr droht, als von den Anhängern des Hinduismus, der durch den Kastengeist hundertfältig gespalten und in die verschiedensten Interessengebiete zergliedert ist.
Sonst verriet unsere Expedition eher die Friedlichkeit, als die Gefahren des Landes, die nicht von den Menschen kommen, und ich erinnerte mich, vergleichend, einer anderen Ausfahrt in die Wildnis, die in meiner Gegenwart für den Sudan ausgerüstet wurde. Damals starrte das bunte Lager von Waffen und Todesbereitschaft, die glänzenden Riesengestalten der Neger verbreiteten das heimliche Grauen vor ihren blutdürstigen Brüdern im Innenlande, und mit den Schwingen der Aasgeier, die den Ausgangsort der Expedition umkreisten, rauschten in der Luft die Fittiche des Todesengels, dessen furchtbare Züge die Seuchen Afrikas und den Blutdurst in Fieberschwüle ausstrahlten. Viel später, als ich längst nach Europa zurückgekehrt war, erfuhr ich, daß von jener Gesellschaft nicht ein Einziger in die Heimat zurückgekehrt sei, der letzte Name ist in einem Krankenhaus von Genua verklungen, in das ein fiebernder Straßenbettler eingeliefert wurde, der, aller Mittel beraubt, und von einer furchtbaren Krankheit zerfressen, den Versuch gemacht hatte, seine deutsche Heimat von Neapel aus zu Fuß zu erreichen.
Die Gefahren Indiens haben dagegen wenig mit dem Charakter der Urbevölkerung zu tun, denn seine Menschen sind friedliebend und ergeben, sie töten nicht und sind seit Jahrtausenden gewohnt, beherrscht zu werden. Abgesehen von den durch politischen Fanatismus aufgewühlten Leidenschaften und ihren von Rachgier, Haß und Herrschsucht entfesselten Unbillen, sind die europäischen Reisenden im größten Teil des Landes vor den Eingeborenen sicher; gäbe es nicht die Gefahren des Fiebers, der wilden Tiere und der Pest, so wäre das heutige Indien für die, welche um ihr Leben besorgt sind, weit weniger gefahrvoll, als die Umgebung unserer europäischen Großstädte bei Nacht. Indiens Gefahren, seine Einflüsse und geheimnisvollen Mächte walten in anderen Regionen des Seins, als dort, wo das Messer oder die Büchse über Wohl und Wehe entscheiden. Indien wird kaum jemand gefährlich werden, dessen Ansprüche nicht über die Erhaltung seines leiblichen Lebens hinausgehen, aber sein dämonischer Geist trifft das Mark der Seele dort inmitten, wo ihr Flug die großen Fragen allen Seins und die Höhen des Menschenbewußtseins zu erstürmen sucht. Der alte Geist des ewigen Gottreichs lähmt mit der unfaßbaren Stille seines himmlischen Triumphs allen zornigen Eifer des Kampfes und der Forschung, alle Jugend im Streit um die Erkenntnis und die Frische jeder Tat im Geist. Es ist alles gewesen.
Erkenntnis ist es, welche Opfer zeitigt,
Erkenntnis nur vollzieht die heiligen Werke,
die Götter auch, im Licht, allein verehren
als Brahman, als das älteste, die Erkenntnis.
Und wer begreift als Brahman die Erkenntnis,
und wer sich nicht mehr ab vom Brahman wendet,
streift schon im Leibe alle Übel von sich,
und alle Wünsche werden sich erfüllen.
Den Himmelswelten der Upanishad und ihrem Licht ist kein Geistesstrahl fremd, der ihr aus der Erkenntniswelt unserer Kulturen entgegenbricht, es gibt nur Einkehr in Gehorsam und Stille oder eine ruhlose Umkehr, und überall in Indien träumt ihr Friede über all den lebendigen und erstorbenen Wesen seines Schaffens und Wandelns. Ein altes Sprichwort sagt, daß, wer ohne Geduld nach Indien ginge, sie dort bald lernte, daß aber jeder, der mit Geduld gewappnet einzöge, sie dort verlöre. Dieses Wort läßt sich leicht, auf äußerliche Dinge angewandt, gleichmütig zu den Anekdoten rechnen, aber sein tieferer Sinn trifft auf das alte Geisteswesen der Jahrtausende zu, das überall waltet. Auf den Wegen Indiens hockt der Geist der Menschheit mit grauen Haaren und jungen Augen, mit einem stillen Triumphlächeln in den Zügen, über seine eingeäscherten Völker und über den törichten Lichteifer der neuen Geschlechter. Niemand, in dessen Gewissen der alte Schuldgedanke der Menschheit brennt, kommt an ihm vorüber, nur die leuchtenden Augen der Kinder sind vor seinem Anblick gefeit und die erbarmungswürdige Selbstsicherheit der Pharisäer.
Es war zweifellos zum guten Teil mein seltsamer Traum von Huc, dem Affen, gewesen, der mich hinaustrieb in die unberührte Natur, die Mutter des Glaubens und der Klarheit für alle Aufrichtigen. Wer will ermessen, ob unsere Träume unsere Gedanken anzuregen vermögen, wie in einer unschuldigen Selbsttätigkeit des Gehirns, die an wunderreiche Offenbarungen erinnert, oder ob nur unsere Gedanken unsere Träume zu befruchten vermögen? Damals erschien es mir, als läge ein ganz neues Evangelium der Weltanschauung in Hucs schlichter Meinung, daß alles Große des Erdendaseins uns allein aus unserer Liebe zu allem Erschaffenen der Natur erwachsen könnte. Daneben blieb mir der Satz im Sinn: Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlösung zu sichern, beweist ihr nur, daß ihr nicht wißt, was Erlösung ist.
Solcherlei Gedanken waren es, die mich mit Ruhlosigkeit erfüllten und dahintrieben, als gelte es, das Herz des alten Reichs im Rauschen der Ströme und Bäume des Landes zu finden, im Himmelsblau über den Wildnissen des Dschungels, im Gebaren seiner Geschöpfe, seien es nun Menschen, Tiere oder Pflanzen, und in der strahlenden oder gärenden Flut des Sonnenlichts über dem jahrtausendalten Wandel und der geduldigen Wiederkehr, die alle miteinander in innigstem Verein das Brahman geboren zu haben schienen, als höchsten Anspruch und endliche Erfüllung.
So trieben mich die glücklichen Irrtümer meiner Jugend, wie sie Millionen vor mir erhöht oder erniedrigt, befreit und gefesselt, gesegnet, verdorben oder vernichtet, aber niemals zur vollen Genüge gebracht haben. Aber ihre Leiber erbrausen verwandelt als neue Hoffnung und als neuer Glaube in den Auferstandenen der Natur, im stürzenden Quell, in schwellenden Früchten oder in den Liedern der Singvögel, die in Lichtwellen verwoben, über aufbrechende Blüten dahinklingen. Krishnas große Worte vom eigenen Wesen, der Glanz der höchsten Gottheit, verführt und leitet uns immer aufs neue zu friedlosem Suchen nach Vollendung in uns selbst.
Ich bin der Weg, der Träger, Fürst und Zeuge,
der Freund, die Heimat und die Zufluchtsstätte,
Ursprung und Endziel und Bestand der Dinge,
bin der Behälter und der ewige Same.
Die erwachten Hindus standen noch, in der Morgenkühle fröstelnd, in den Eingängen ihrer Hütten, als unsere Ochsenwagen Cannanore gegen Norden zu verließen. Es war von unaussprechlicher Frische umher, das Leben der Menschen hatte noch kaum begonnen, nur die Vogelstimmen begrüßten uns, das im Tau funkelnde Morgenlicht, das in unfaßlichem Rot, wie in Farbenflecken, im Grün und Braun der Palmen und des Buschwerks und auf der breiten Heerstraße lag, die anfänglich sacht emporstieg.
Ich schaute nicht zurück, der rastlose Frohsinn meines erwartungsvollen Bluts kämpfte mit der gelinden Traurigkeit des Scheidens, aber ich empfand keinen Schmerz, sondern nur die Wehmut derer, die in tausend Hoffnungen eine alte Liebe aufgeben, um sie dennoch zu bewahren. Der Postwagen aus den Bergen, von Dindumalla, kam uns entgegen, ein schreiender Sturmwind, von Trompetengeschmetter begleitet. Vier kleine, abgehetzte Steppenpferdchen, die wie in Todesverzweiflung galoppierten, dampften unter der sausenden Peitschenschnur ihres Führers, der halb hockend und mit dem Geschrei eines geärgerten Affen auf sie einhieb. Ein kleiner, überfüllter Wagen rasselte in Sprüngen und Zickzackkurven hinterdrein. Dieser Postwagen hätte keine Maus mehr beherbergen können, selbst in den Rahmen der Fenster und auf dem gebrechlichen Verdeck hockten die halbnackten Gestalten auf Bündeln und Kisten und klammerten sich mit einem Geschrei, das zur Hälfte Ergriffenheit und Jubel und zur Hälfte Angst war, aneinander fest. Niemand begriff, aus welchen Gründen diese furchtbare Hast ihrer aller Leben gefährdete, man schob die Wichtigkeit der Sendung auf die geheimnisvolle Weisheit der Behörde, deren halbeuropäische Mischlingsvertreter noch in Cannanore schliefen. Eine rötliche Wolke hüllte diese Höllenjagd aus Unfrieden und Torheit hinter uns ein.
Panja, welcher neben dem Ochsentreiber, der zugleich Besitzer unserer Wagen war, über dem Deichselende kauerte, wandte sich nach mir um, schob die Bambusvorhänge zur Seite und unterrichtete mich lakonisch über den Vorfall. Er sagte nur: „Wilde Schweine“, und ließ die Bambusmatte wieder fallen. Es wurde wieder still umher, die Sonne stieg, die Räder knarrten, und aus den Niederungen der Reisfelder rief die Häherdrossel ihre drei melodischen Flöttöne.
Nach einer Weile bogen wir von der Heerstraße ab, um einen schmaleren Weg einzuschlagen, der schlicht und ohne Baumbestände zwischen frisch bewässerten Reisfeldern dahinführte. Die kleinen, weißen Rennochsen griffen kräftig aus, so daß unser Wagen fast die Geschwindigkeit eines mäßigen Pferdetrabs erreichte. Man reist in den Südprovinzen beider Indien bei weitem gesicherter und zuverlässiger mit Ochsen, als mit Pferden, da erstere die Hitze besser ertragen und anspruchsloser in der Ernährung sind.
Mit dem heraufsteigenden Tage zog der Frohsinn der Menschen bei mir ein, die sich jung und sorglos auf der Reise befinden. Auf der Reise sind die meisten Menschen besser als in den kleinen Bedrückungen ihrer engen Häuslichkeit; mit meiner Erinnerung an meine Reisejahre, die fast meine ganze Jugend ausfüllten, verbindet sich für mich die Vorstellung, daß ich damals ein bei weitem besserer Mensch war, als heute. Das Reisen läutert das Gemüt, denn die Fremde macht bescheiden, und durchaus nicht auf die Art, wie es nur die Lumpen sein sollen. Die Achtung vor fremdem Wesen, die gerade uns Deutschen so gern als Tadel nachgesagt wird, ist nur dann eine Untugend, wenn sie sich mit einer Preisgabe des eigenen Wesens verbindet. Dieser Respekt aber vor fremdem Geist und Tun und vor der Lebensart anderer wird in allen reicheren Herzen die Tadelsucht und die Selbstüberhebung dämpfen, die beiden Grundfehler unserer jungen Generation.
Nicht, daß solcherlei Gedanken mich damals beschäftigten, sie kommen erst später, sind meistens zwecklos und dienen nur denen, die sie im Grunde nicht brauchen. Denn gute Gedanken werden nur von denen recht verstanden, deren Wert darin beruht, daß sie ihre eigenen haben. Nein, mich nahm das herrliche Bild des klaren Morgens gefangen, das stille Leben auf den fruchtbaren Reisäckern, der Takt der Wassermühlen und die schönen Gestalten der arbeitenden Männer und Frauen. Langsam verwilderte das Land mehr und mehr, nur einmal noch, als unser Wagen, wie aus einer Laube, aus hohen Buschbeständen und Laubwald in ein Stückchen freien Landes ausfuhr, breitete sich vor meinen Augen ein dunkler Acker aus, der gepflügt, aber noch nicht bewässert worden war, und das schräge Sonnenlicht legte die aufgeworfene Erde in Schatten und Licht. Ein reicher Glanz der Morgenfrische strahlte über dem dampfenden Land, das duftete und von Fruchtbarkeit zu gären schien. Zwei schneeweiße Ochsen vor dem Krummholz, das unseren Pflug ersetzt, wurden von einem jungen Manne gelenkt, der außer seinem schmalen Lendenschurz nur einen leuchtend roten Turban auf den schwarzglänzenden, langen Haaren trug. Ein Palmenwald schloß das Bild im Hintergrund ab, und darüber strahlte ein unfaßlich blauer und klarer Himmel von seliger Weite.
Am Ende des Feldes waren Mädchen an der Wassermühle beschäftigt, sie mochten vierzehn oder fünfzehn Jahre alt sein, waren fast völlig nackt, und ihr tiefschwarzes Haar, das von Öl glänzte, hing in einem langen, schmalen Knoten in den lichtbraunen Nacken nieder. Sie hantierten eifrig, ihre jungen Körper bewegten sich in einem noch unverstandenen Glücksbewußtsein kindlicher Freiheit und in jener großzügigen Schamhaftigkeit der selbstseligen Natur, die unbegrenzten Frohsinn um sich her verbreitet, und sangen einstimmig ein monotones Lied von großer Traurigkeit. Der Fall des stürzenden Wassers und ihre Stimmen bewirkten, daß sie das Herannahen des Wagens nicht sogleich bemerkten; als sie uns aber erblickten, flüchteten sie mit einem hellen Aufschrei hinter die trockenen Schilfwände einer kleinen Hütte, wobei sie, wie zwei aufgeschreckte Antilopen, über einen kleinen Bach sprangen. Aus der Hütte trat gleich darauf eine zusammengeschrumpfte Alte, die uns aus ihren welken Zügen anlächelte und uns winkte. Dann nahm der Wald uns auf, der dichter und dichter wurde. Die Sonnenstrahlen drangen nur noch in spitzen Speeren bis zu uns herab, es wurde dämmerig und schwül, die Bambusdickichte und die hängenden, buntverwobenen Teppiche der Lianen verhüllten mehr und mehr den Blick in die Schatten des Urwalds.
Niemand schien anfänglich über den Verlauf unseres Unternehmens erfreuter als Elias. Die erste Tagesstunde hindurch durchmaß er unseren Weg etwa zehnmal, die zweite machte er ihn ungefähr fünfmal und selbst in der dritten Stunde, in der es schon empfindlich heiß geworden war, lief er immer noch munter kreuz und quer, uns alle an Eifer und Ausdauer übertreffend. Erst als wir in den Urwald kamen, wurde er nachdenklicher, blieb zuweilen betroffen stehn und suchte die Dämmerung unter den Bäumen mit seinen Blicken zu durchdringen, wobei er gewöhnlich das eine Vorderbein emporhob und die Pfote im rechten Winkel herabhängen ließ. Seine Ohren bewegten sich dabei unablässig, zuweilen sah er mich forschend an, wie in Unsicherheit darüber, ob diese Umgebung mir ebensowenig geheuer sei, wie ihm.
Übrigens hatte Elias sich auf das prächtigste entwickelt, er trug nun die Merkmale eines Wolf- und Schäferhundes nicht minder deutlich, wie die eines forschen und geschmeidigen Terriers, jener tüchtigen Rasse, die damals die Engländer bevorzugten und pflegten. Seine wollige Behaarung erfreute auch verwöhnte Kenner durch ihre Fülle und die Mannigfaltigkeit ihrer Färbung, während ein großer Ringelschwanz ihn auf das prächtigste zierte. Da er noch ein wenig gewachsen war, so verband er mit seiner Anmut eine gewisse Bedrohlichkeit der Erscheinung, die er jedoch wegen der Vortrefflichkeit seines Charakters in keiner Weise auszubeuten suchte. Zweifellos floß auch vom Blut des sehr beliebten Hühnerhundes ein gut Teil in seinen Adern, denn sobald sich ein Geflügel zeigte, verriet Elias einen unbezähmbaren Hang, sich dieses Getiers zu bemächtigen, um es zu zerreißen. Hier zeigte er einen nachahmungswerten Mut, der so leicht nicht wieder bei einem Hunde gefunden werden wird.
Es begann eine herrliche Zeit! Wie soll ich die leuchtende Klarheit der hereinbrechenden Morgen schildern, die in unfaßbarer Beständigkeit heraufzogen, den stillen, glühenden Glanz der Tage und den magischen Frieden der weißen, gefährlichen Nächte! Von allem, was mir aus dieser Zeit der Wanderung durch die Wildnis am tiefsten im Gedächtnis geblieben ist, preise ich die Kanufahrt durch die Seen und Kanäle. Ich vergesse die Abendstunde niemals, in der unsere Wagen in Tschirakal anlangten, einem kleinen Ort an jenem Binnensee, den der Watarpatnam vor seinem Austritt ins Meer bildet. Der Ort lag unter Palmen und hob sich weiß, braun und grün von der merkwürdig stillen, graublauen Silberwand des großen Wassers ab, als wir die Straße zum Hafen niederfuhren. Aus den niedrigen Häusern und Palmenhütten stieg blauer Rauch auf, und aus der Dämmerung einer hölzernen Tempelpagode drang ein priesterlicher Singsang. Es regte sich kein Windzug, die Mattigkeit des Tages lagerte in der Luft, und der bunte Hafen war so still wie ein Bild. Ungeheure Laubbäume, unserem Ahorn vergleichbar, überschatteten den schmalen Wassereinschnitt, in dem die Kanus ruhig, wie eingelassen in erstarrtes Metall, dicht nebeneinander lagen, sie waren zum Teil hoch mit grell bemalten Warenballen bepackt, und die Zugänge zu diesem Hafen führten eng an den Häusern entlang. Es duftete nach Tee, Gewürzen und Früchten, und als unsere Wagen dicht am Rand des Wassers haltmachten, erhob sich ein alter Mann, ganz in ein weißes Gewand gehüllt, und begrüßte mich im Namen Allahs und des Propheten.
„Bist du der Herr, der das Wasser befahren will, um nach Taliparambu zu gelangen?“
Seine Stirn war dicht über den Brauen, wie von einer weißen Binde, abgeschnitten, die schwarzen Augen sahen mich sicher und abwägend an. „Gib die Geldsumme für die Fahrt, Sahib, wir müssen die Ruderer ablohnen, damit sie gehorsam sind.“
Panja trat zwischen uns, absichtlich so, daß der Alte einen gelinden Stoß empfing und zurücktreten mußte. Er funkelte Panja zornig an.
„Wer hat dir erlaubt, den Sahib anzureden?“ zischte Panja. Ich war erstaunt über seine Keckheit. „Tritt zur Seite und zeig' deine Kanus her, ob sie dem Herrn genügen, glaubst du, der Sahib wäre gekommen, um mit dir zu schwatzen?“
Der Alte schwankte und sah zweifelnd zu mir herüber, aber dann folgte er Panja und sagte zögernd:
„Die Kanus sind gut.“
„Das entscheide ich“, sagte Panja kalt.
„Führst du einen großen Herrn durchs Land?“ fragte der Alte.
Panja lachte. „Ihr wißt in Tschirakal nicht mehr als die Frösche in euren Sümpfen“, sagte er geringschätzig. „Ich habe meine Seide nicht gestohlen. Der Kollektor von Mangalore wartet so ungeduldig, daß er einen Boten nach dem anderen sendet. Ist kein Bote angekommen?“
Der Alte schüttelte den Kopf und wandte sich scheu nach mir um. Panja gefiel mir, und trotz seiner sonstigen kleinen Eitelkeiten empfand ich, daß hier sein Vorgehen Gründe hatte. Ich war oft vor den Mohammedanern gewarnt worden. Panja kannte sein Land.
Wir besichtigten die Boote eingehend. Es waren etwa acht Meter lange Kanus aus Baumstämmen mit langen Auslegern, da sie von stehenden Ruderern angetrieben werden, und mit wohlgepflegten Leinendächern, die den mittleren Teil beschützten, etwa auf die Art, in der in Deutschland Lastfuhrwerke mit Leinen gedeckt sind, straff angespannt und gewölbt. Zwischen dem Leinenschirm und dem Bootsrand war ein schmaler Durchblick gelassen, und vor dieser Kabine befand sich ein etwa zwei Meter langer Aufenthaltsort für kühlere Stunden, in denen der Sonne nicht ausgewichen zu werden brauchte. Der Boden war sorgfältig gepolstert und mit sauberen Bambusmatten belegt, aber die Boote selbst waren nicht breiter als ein schmales Feldbett.
Panja zeigte sich zufrieden. Ich sah über den See hinaus, der sich rötlich färbte.
„Wann kommt der Mond?“ fragte Panja.
„Gegen Mitternacht,“ antwortete der Alte nachdenklich, „wir werden in der Morgendämmerung fahren.“
„Wer will reisen?“ fragte Panja gelassen, „du oder der Herr? Wir fahren sogleich.“
„Es geht nicht, die Leute sind in Tschirakal weit verstreut und nicht so rasch zu finden.“
„Wieviel Ruderer hast du?“ fragte Panja, ohne auf den Einwand des Schiffers einzugehen.
„Für jedes Boot vier.“
„Es genügen zwei für jedes Boot,“ entschied Panja, „das Wasser ist still.“
Der Alte schüttelte den Kopf. „Morgen kommt ihr am offenen Meer vorüber, wenn auch nur für eine kurze Zeit, so können doch zwei Männer das Boot nicht durch die Brandung rudern.“ Diesmal schien der Alte recht zu haben, denn Panja fügte sich, aber er forderte, daß die Leute sogleich gerufen und in den Booten verteilt würden. Er sagte mir später, daß es besser sei, die Ruderer tauschten ihre Meinung über uns zuvor nicht aus, und er setzte seinen Willen durch. Unser Gepäck wurde hinübergetragen, die Ochsenwagen kehrten noch in dieser Nacht um, und wir fuhren nach kaum einer Stunde hinaus, unter den aufgehenden Sternen dahin.
Der Gesang der Ruderer weckte mich. War ich denn eingeschlafen? Ich brauchte eine kleine Weile, um zu mir zu kommen, die Luft roch fremd und es war kühl, ich hörte das Wasser und taumelte empor in einen sanften weißlichen Lichtschein.
Es fiel mich ein stechender Glanz vom Himmel her an, als ich aus der Kabine kroch: die Sterne! Unter mir sanken sie in unendliche schwarzblinkende Abgründe, totenstill, ohne zu zittern, wie Diamanten auf kohlschwarzer Seide. Zwischen den beiden zornigen Lichtwelten, am Firmament und in der Totentiefe, schaukelten und schwankten zwei riesige dunkle, nackte Körper vor mir hin und her, stießen in das dunkle von Sternen und Sternbildern funkelnde All und sangen. Ihre Ruder tauchten in die Flut und hoben sich wieder, wie mit fließendem Silber übergossen, sprühend und glitzernd troff es nieder, und als ich mich umwandte, sah ich eine schmale Silberstraße von solchem Glanz, daß meine Augen geblendet wurden.
Wie ein traurig ertönender Komet mit langem Schweif schoß unser Boot durch ein uferloses, von Himmelsfunken flimmerndes Weltall. Ich vermochte nirgends Land zu erkennen, wir waren mitten auf dem See, diesem Bett des ruhenden Stromes, der, über tausendjährigem Schlamm, zögernd ins Meer hinüberglitt. Ich tauchte meine Hand ins Wasser, und sie überzog sich mit Silber. Kraftlos sank ich, ohne Erfassen und Begreifen gegen die Wandung meines Verdecks, erbebend in übersinnlichem Schwindel vor diesem Wunder der Nacht.
Gegen Mitternacht tauchten im Licht des aufgehenden Mondes bläuliche Nebelkuppen vor uns auf. Der Mond stand, eine ockerrote Sichel, über dem Dschungel. Wir liefen Land an, ich empfand lange Zeit nichts anderes als nasse Zweige, die mein Gesicht streiften, hörte die Zurufe der Mohammedaner in der feuchten Finsternis, und meine Augen wurden nur selten durch einen weißlichen oder rötlichen Schein über mir getroffen. Von solchem Hintergrund hoben sich große Blätter oder die Schwerter eines hohen Schilfs ab. Einmal schoß mit durchdringendem Klageruf, der noch lange draußen über dem Wasser gurgelte, ein großer Sumpfvogel empor.
Da flammte vor mir ein Feuerschein auf, in dem ich eine schmale Sandbank erkannte, auf die das Kanu aufgelaufen war. Es öffnete sich darüber ein Laubengang, so dicht verwachsen, daß er wie eine grüne Höhle wirkte, mitten darin stand Panja in seinem weißen Gewand, hielt eine Fackel hoch und winkte mir.
Die Leute mußten einige Stunden ruhen. Es wurde ein Halbkreis von Feuern gegen das Land zu angebrannt, nach kurzer Zeit lagen die Männer in tiefem Schlaf auf ihren Matten, und Panja hockte mir gegenüber am Feuer und sprach leise und erregt ohne Aufhör. Ich merkte ihm die Ruhlosigkeit der tropischen Sommernacht an, die Ruderarbeit der Leute hatte eine merkwürdig im Blute siedende Erinnerung an wilde Taten in mir zurückgelassen, und es lauerte in der gärenden Stille umher eine aufreizende Liebessucht und die Ahnung eines hastigen törichten Todes. Es war, als erwartete die Daseinsgier und der Lebensdrang der üppig und in stiller Wildheit ausbrechenden Pflanzen und Bäume unsere Leiber. Mein Blut pochte in den Spitzen der Finger, in den Schläfen und im Halse.
Nach einer Weile brach Panja auf, er wand sich aus trockenen Lianen und vermodertem Holz eine Fackel, goß Öl darauf und entzündete sie am Feuer.
„Wohin gehst du, Panja?“
„Zu den Frauen“, sagte er dumpf.
Noch eine Weile sah ich den Schein seiner Fackel rot durch das Dickicht schaukeln, er schwenkte sie hoch empor und weit hinter sich, zum Schutz gegen die wilden Tiere, im Takt seines raschen, weichen Tritts. Dann blieb ich allein am Feuer zurück mit Elias, Pascha schlief im Boot bei den Koffern, er hatte seine Matte quer über meinem Eigentum ausgebreitet und bewachte es schlafend mit seinem Leibe.
Fünftes Kapitel
Dschungelleute
Panja roch die Dörfer, ehe wir sie erreichten, wenn der Wind seinen Forschungen günstig war.
„Es kommt ein Dorf, Sahib,“ pflegte er zu sagen, „hier schlagen wir das Zelt ein.“ Es geschah hauptsächlich deshalb dort, weil wir sicher sein konnten, in der Nähe einer Niederlassung frisches Wasser, Reis und Bananen, auch Geflügel oder Eier zu bekommen.
Wir hatten viel Umstände und Mühe damit, Träger zu finden, denn einmal brauchten wir auch für kleinere Lasten meistens zwei Männer oder Frauen, und zum andern wurden die Leute gewöhnlich nach zwei oder drei Tagen von Heimweh befallen und liefen zurück, obgleich ich ihnen ihren Lohn erst nach der beendeten Frist auszuzahlen pflegte. Sie ließen ihn um so leichter im Stich, als sie für gewöhnlich irgend etwas stahlen, was sie reichlich entschädigte, ohne mir empfindliche Verluste beizubringen.
Jedesmal, wenn wieder einer unserer Sklaven fehlte, sprach Panja die Hoffnung aus, der Panther möchte ihn auf seiner Flucht erwischen, er hoffte es herzlos und aufrichtig und wechselte niemals das Raubtier, dem der Flüchtling erliegen sollte. Dann blieben wir oft tagelang am Rand der Steppe oder mitten in der Dschungelwildnis liegen, ließen die Sonne kommen und gehen, rauchten, schliefen und jagten. Ich hatte die genaue Orientierung auf der Karte verloren, aber es war nicht wichtig, da ich die Breite des Dschungels kannte und der Richtung durch die Sonne und den Kompaß gewiß war. Auch zeigten uns die Flüsse, die wir auf schmalen Furten, oder in den Kanus der Eingeborenen überquerten, daß wir im wesentlichen die Richtung nicht verloren hatten. Und hatte ich denn ein Ziel?
Einer der jungen Träger ist lange bei mir geblieben und er fand nicht allein meine, sondern endlich auch Panjas Gunst, was eine große Seltenheit war. Er hieß Gurumahu und war ein Jüngling von etwa achtzehn Jahren, hochgewachsen und sehr schlank, aber geschmeidig und kräftig. Er war zum Islam übergetreten, weil er die größten Hoffnungen auf die Freiheiten gesetzt hatte, die sich mit dieser Lehre für sein künftiges Leben einstellen sollten, aber leider hinderte sein gutmütiger Charakter ihn daran, Gebrauch von ihnen zu machen. Er erzitterte nach wie vor vor den Brahminen und änderte seine Lebensgewohnheiten in keiner Weise. Er kam uns auf die nicht eben ungewöhnliche Art eines Diebstahls besonders nahe, und zwar hatte sein unersättlicher Drang nach Reichtümern ihn auf meine Kupferkessel gestürzt.
Gurumahus Diebstahl wurde gottlob zeitig genug entdeckt, denn wir wären in nicht geringe Verlegenheit geraten, wenn er mit seiner Beute entkommen wäre. In der Hauptsache ist seine Entlarvung Elias zu danken, was allerdings von Panja bestritten wurde. Wir hatten damals unser Zelt am Rand der Steppe aufgeschlagen, so daß der Ausgang den Blick auf die hüglige Ebene zuließ, und ich erwachte vom Knurren des Elias. Da sah ich Gurumahu im Mondschein über die Steppe laufen, rechts und links einen unserer Kupferkessel in der Hand. Er fraß den Boden mit so riesigen Sprüngen, als hinge das Heil seiner Seele von ihrer Länge ab. Ich nahm den Revolver und schoß in die Luft, die Kugel hätte ihn ohnehin nicht mehr erreicht, auch lag es mir fern, ihn töten zu wollen. Man täte in Indien nicht gut daran, so entscheidend vorzugehen, da die Hindus nicht das gleiche Vergnügen am Sterben empfinden, wie nach den Berichten der Afrikareisenden die Neger. Auch wußte ich, daß der Knall eine nützliche Einwirkung auf das böse Gewissen des Räubers ausüben würde, der selbst eine große Schießwaffe besaß, auf die ich später noch zu sprechen kommen werde. Gurumahu warf sich mit einem gellenden Aufschrei der Länge nach zu Boden, auf das Gesicht, und die beiden Kessel rollten, funkelnd im Mond, zu beiden Seiten über ihn hinaus ins Steppengras.
Als es hinter ihm still blieb und er keine Verfolger sah, raffte er sich langsam auf und begann seine Glieder der Reihe nach zu befühlen. Er fing mit den Beinen an, die ihm in dieser Situation wahrscheinlich am wichtigsten waren, ging langsam bis zu den Armen empor und gedachte zuletzt auch seines Kopfes, der ihm anscheinend, wie alles andere, an seinem Platze und in Ordnung vorkam. Dann sprang er auf und lief gebückt, in Sprüngen, weiter, ohne die Kupferkessel, die ihm nicht gegönnt waren, noch eines Blicks zu würdigen.
Panja holte sie zurück und putzte sie, boshaft wie er war, mit großer Ausführlichkeit. „Der Panther wird ihn erwischen“, sagte er und warf ärgerlich Reisig ins Feuer. Es verstimmte ihn tief, daß er durch meinen Schuß um seine Nachtruhe gebracht worden war. Ich gab im stillen, nicht ohne Bedauern, Gurumahu verloren, wenn auch nicht unbedingt auf die Art, wie Panja es tat, aber ich sollte mich hierin täuschen, denn er kam am andern Tage gegen Mittag in unser Lager geschlichen. Wahrscheinlich hatte ihm der Dschungel bei Nacht in seiner Verlassenheit nicht gefallen, oder der Currygeruch unserer Reismahlzeit zog ihn an. Panja führte ihn mir majestätisch vor, der arme Verbrecher sah aus, als wäre er aus dem Wasser gezogen worden.
„Ich werde dich töten“, sagte ich still.
Er sprang ein Meter hoch in die Luft und fiel dann zur Erde nieder.
„Soll ich ihn aufhängen?“ fragte Panja so gleichmütig, daß ich darüber die ganze Niederträchtigkeit meiner Drohung erkannte. Es ist merkwürdig, wie rasch einem eine Ungerechtigkeit auffällt, wenn ein anderer sie sich zuschulden kommen läßt.
„Er hat ein ganzes Glas mit Salz gefressen,“ berichtete Panja sachlich, „vom Whisky will ich schweigen, denn er hat ihn nicht finden können.“
„Hat dich der Hunger hergetrieben? Wo warst du so lange?“ fragte ich den Übeltäter.
Er hob den Kopf und versuchte meinen Blick auszuhalten, was den Eingeborenen der Urbevölkerung sehr schwer ist, wenn es sich um blaue Augen handelt, in die sie hineinsehen müssen, und wenn sie selten mit Weißen in Berührung kommen. Aber Gurumahu erkannte den Ausdruck meines Gesichts doch und begann zu lachen wie ein Kind.
„Du bist freundlich, Herr,“ sagte er zögernd und dann mit Überzeugung: „du bist nicht klug und gerecht, wie die Engländer. Ich werde deine Kessel bewachen, bis ich sterbe.“
„Wenn du sonst nichts tun willst, kannst du dich wieder in die Sümpfe scheren“, grollte Panja, aber Guru ließ sich nicht im Genuß seines ihm eben erst geschenkten Lebens beeinträchtigen, und als sich die beiden entfernten, hörte ich ihn hochmütig zu meinem Diener sagen:
„Hat schon ein Sahib auf dich geschossen, du Abtrünniger? Du bist keine Kugel wert, deshalb lebst du und kriechst dem Herrn zwischen den Füßen umher, ich aber habe mit ihm gekämpft!“
„Das ist wahr, du Kupferfresser,“ sagte Panja, „ich danke dir, daß du ihn nicht zerschmettert hast, du Blattlaus!“
Aber Gurumahu blieb von nun an bei uns, wir nannten ihn Guru, weil sein Name mir zu lang war, übrigens war es nicht sein einziger, er hatte noch eine ganze Reihe wohlklingender Namen, aber auf Gurumahu schien es ihm am meisten anzukommen.
Einmal hatten wir das Herabsinken der Sonne trotz Panjas Vorsicht verpaßt, und die Finsternis überraschte uns am sumpfigen Ufer eines Flusses. Guru schnupperte in die feuchte Nachtluft hinaus und spähte vom Ufer aus zu den gegenüberliegenden Palmenhainen hinüber, und richtig sahen wir nach einer Weile ein schwaches Lichtlein aufblinken. Als das Zelt aufgeschlagen worden war und die Feuer brannten, hörten wir, wie das Flußwasser von Ruderschlägen plätscherte, oberhalb unseres Zeltes verklang das Geräusch, und das Dickicht raschelte, aber dann blieb alles still.
„Jetzt haben die Mangroven Augen bekommen,“ sagte Panja, „aber es muß ein leichtsinniges Volk sein, denn sie fürchten den Panther nicht.“
Auf Elias war in dieser Beziehung kein rechter Verlaß, denn seine Gesinnungsart hinderte ihn daran, friedlich sich nähernde Nachtwandler durch Gebell zu ängstigen. Hörten wir den Panther in der Nähe des Lagers husten, so pflegte Elias sich in den Hintergrund des Zeltes zurückzuziehen, nicht etwa, weil er Furcht hatte, sondern weil es ihm dort besser gefiel.
Am Tage hatte ich eine Häherdrossel geschossen, ich rupfte ihr das braune Gefieder aus, und das zierliche Köpfchen mit den hellblauen Augenringen schlenkerte mit geöffnetem Schnabel über meinem Knie. Gurus Augen fehlten nur noch diese hellfarbigen Ringe, um ebenso starr und leblos dreinzuschauen wie meine Jagdbeute. Er begriff nicht, daß ich Vögel verspeiste, in denen wahrscheinlich die Seele eines Abgeschiedenen mitverschlungen wurde. Panja war in dieser Beziehung seiner heimatlichen Weltbetrachtung längst entrückt. In den Kupferkesseln siedete das Wasser, und eine Unmenge beschwingten Nachtvolks sammelte sich im Feuerschein, umschwärmte die Flammen wie farbige Funken, oder glotzte von den Blättern aus in dies unfaßbare rote Leben, aus dessen Glut der Tod lockte.
Panja brachte mir freundlich die Reste meines Rasiermessers, das einer Taschensäge glich und auch als solche hier und da Verwendung fand. Es war in Zeiten betrüblicher Unkenntnis einmal von einem Koch zum Schlachten einer Ziege verwendet worden; so rächt es sich, wenn wir Europäer ein argloses Volk zu unsern barbarischen Sitten verleiten. Ein Schatten dieses Barbarentums lagerte nun seit langem in unsteten Wucherungen um mein Kinn und um meine Wangen und wetteiferte an planloser Ausgestaltung mit der Pflanzenwelt des Dschungelbodens. Guru hatte in den Pfefferranken bei Tage Vogelnester ausgenommen und mir die Eier gebracht, wir kochten aber nur die, welche noch nicht piepten. Panja kaute Betel und sah mir zu, er hatte viel Sinn dafür, wann eine Arbeit mich selbst vergnügte und wann er sie mir abnehmen mußte, auch fühlte er sich in der letzten Zeit in seiner Rolle als Reiseführer sichtlich geläutert, und mir schien es, als täte er seine Arbeit mit einem ganz neuen Bewußtsein schöner Freiheitlichkeit. Pascha putzte Palmenschößlinge, das zarteste und wohlschmeckendste Gemüse, das Indien zu bieten hat, aber ein streng verbotenes Gericht, weil das Leben der Palme, durch diesen Raub ihres Herzens, zerstört wird. Der weißliche, mittlere Trieb des Baumes wird herausgeschnitten, er ist zart wie ganz frische Haselnüsse und schmeckt ähnlich; mit Öl und saurem Fruchtsaft zubereitet, stellt er einen Salat dar, wie ihn die europäische Küche nicht aufzuweisen hat.
„Soll ich die Leute fragen, ob Mangobäume im Dorf stehen?“ sagte Guru plötzlich.
„Welche Leute?“ fragte ich erstaunt.
„Jene dort“, sagte Guru und zeigte vor sich hin.
Da erkannte ich die braunen Gesichter im Feuerschein zwischen den Blättern der Mangroven. Ich hatte mich längst daran gewöhnt, daß ich niemals allein war, aber ich erschrak jedesmal aufs neue. Erst zählte ich fünf, dann zehn und endlich etwa zwanzig große und kleine Gesichter, das ganze Dorf schien versammelt.
Ich schickte Guru hinüber, die Gesichter tauchten unter, aber dann begann ein immer lebhafteres Geschnatter im Dunkeln, endlich wurde Feuer gemacht, und die Ruder polterten im Kanu. Ich hätte gern mit den Leuten gesprochen, aber sie waren zu furchtsam, brachten uns jedoch alles, was wir wollten. Die Bewohner dieser Landstriche, wie auch die der östlichen Berge entstammen der Urbevölkerung und haben sich mit den eingewanderten indogermanischen Stämmen kaum vermischt. Ihre Hautfarbe ist fast ganz schwarz, und ihre Gesichtszüge ähneln eher denen der Neger, als denen der Brahminen. Sie stehen auf einem außerordentlich niedrigen Stande der Zivilisation, sind aber arglos und sehr friedsam. Ihre Religion ist anscheinend in den primitivsten heidnischen Vorstellungen geblieben, sie beten hölzerne Götzen an, und nur hier und da ist ein schwacher Lichtschein des Brahman oder der buddhistischen Lehre in ihre Geisteswelt gedrungen. Irgendeine der vielen Inkarnationen Brahmas lebt hin und wieder in ihrer Vorstellung in entstellter Gestalt fort, ohne daß ihr Sinn lebendig geworden ist.