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Indienfahrt

Chapter 8: Sechstes Kapitel Im Fieber
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About This Book

Ein Reisender schildert seinen Aufenthalt an der Malabarküste und in verschiedenen indischen Regionen in einer Reihe episodischer Skizzen, die Landschaften, Hafenstädte und Bergzüge lebhaft darstellen. Er berichtet von der Anmietung eines verwaisten Hauses, dem Alltag mit Diener und Koch, von Begegnungen mit Einheimischen und Haustieren sowie markanten Vorfällen wie der Haltung einer Kobra in einem Glaskasten und einer damit verbundenen Verstimmung. Die Kapitel führen durch Fischerdörfer, Sümpfe, Heiligenstätten und Märkte, kombinieren Naturbeobachtungen mit kulturellen Reflexionen und schildern Krankheit, Glaubenspraxis und soziale Feinheiten mit nüchterner Neugier.

Der Dschungel ernährt sie freigebig in guten Zeiten, sie tragen Pfeffer in die kleinen malabarischen Häfen, wo die eingeborenen Gewürzhändler ihn ihnen für sehr geringes Entgelt abnehmen. Ihre Nahrung besteht aus Früchten, einige fischen sogar, andere sollen auch Fleischkost zu sich nehmen, ich habe es aber nie gesehen. Auf den flachgeklopften Lehmplätzchen, vor ihren Laubhütten, breiten sie die Pfefferbeeren zum Trocknen in der Sonne aus, und man erblickt dort in wohlgeordneten Rechtecken den Pfeffer in allen Farbennuancen seines Dörrens am Boden ausgebreitet, vom saftigen Grün bis zum tiefsten Schwarz. Ihre Hauptbesitztümer sind Kinder. Ich habe niemals so viele kleine Kinder gesehen wie in diesen Dörfern, wie Orgelpfeifen standen die schwarzen Reihen vor den Hütten, mit kleinen Kugelbäuchlein und Rotznasen, und glotzten uns an, wenn wir vorüberkamen.

Dieser Abend und diese Nacht sind mir unvergeßlich geblieben, weil unter meinen Augen ein bebendes Lebenslichtlein in der Dschungelnacht erlosch. Ich hatte keine Vorstellung, wie weit die Zeit vorgeschritten war, ein lauter Ruf weckte mich. Panja fuhr neben mir empor und stieß in der Schlaftrunkenheit gegen meine Hängematte, so daß ich fast herausgefallen wäre und im ersten Augenblick in ihm einen Feind vermutete. Das Feuer war fast erloschen. Panja war mit einem Satz an der glühenden Asche, und ich begreife heute noch nicht, wie rasch es ihm gelungen ist, eine Flamme emporzuschüren. Der klagende Ruf wiederholte sich laut und nahe beim Feuer in der dichten Finsternis, die nun so schwarz wie Kohle war, nur die beschienenen Bäume, dicht am Feuer, glommen phantastisch und unwirklich, wie Ungeheuer, die mit verschlungenen Gliedmaßen, unter verworrenen Laubkränzen, in ein rotstrahlendes Gemach drängen. Pascha rief etwas vom zweiten Feuer her, das Guru eifrig schürte. „Was sagt er?“ fragte ich Panja.

„Eine Frau schreit aus Angst vor dem Tod“, sagte Panja, der noch nicht verstanden hatte, um was es sich handelte.

Ich trat aus dem Zelt heraus und erkannte nun im Dickicht schwelende Fackeln und die dunklen Gestalten der Wilden. Das Geschrei einer Frauenstimme zerriß mein Herz. Ich habe selten wieder etwas so Durchdringendes an Schmerz und Verzweiflung gehört. Ein tierischer Wehelaut, der doch die erbarmungswürdige Erniedrigung der Menschenseele enthielt, fiel mich wie ein nächtliches Gespenst an, und ich mußte mich wieder und wieder aufraffen, um nicht in tatlosem Erstarren zu lauschen und um nicht meinem Entsetzen zu erliegen.

„Feuer!“ brüllte ich, „Licht!“

Eine Wolke gelben Qualms hüllte uns ein, dann flackerte eine hohe, rote Säule daraus empor. Guru schrie: „Es ist die Mutter!“

Endlich brachte Panja Ordnung in einen scheu herandrängenden Haufen halbnackter Gestalten, die ein dunkles Etwas auf einer Bahre aus Zweigen heranstießen. Eine Frau, der das schwarze Haar wild um das Gesicht hing, und deren Arme durch die Luft irrten, schrie mir etwas zu. Sie wagte sich trotz der großen Erregtheit, die das Ereignis mit sich brachte, das sie zu mir geführt hatte, nicht in meine unmittelbare Nähe, aber ich sah nun, daß ihr Gesicht von Angst und Hoffnung entstellt war.

Auf den Zweigen lag ein Kind von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren, ein Mädchen, dürftig mit einem bunten Kattunfetzen bedeckt, unter dem sich der kleine, dunkle Körper wand, und ich hörte einen matten zischenden Klagelaut, ein ersticktes Gurgeln, aus dem Knäuel hervordringen.

Guru stöhnte bedauernd und hob sich auf die Zehen als fröre er.

„Die Kobra“, sagte Panja kurz und sah mich an. „Die Mutter hofft, du könntest ihrem Kind helfen.“

Mein Herz blutete unter den Blicken der alten Frau, die in ihrem Schmerz und ihrer bedürftigen Häßlichkeit unsagbar rührend und bejammernswert vor mir stand. Ihre welke Brust hing leblos nieder, und es zitterte und zuckte in den Furchen ihres eingefallenen Gesichts. Sie klagte nicht mehr, ihre Erwartung hielt sie gefesselt, und ihre Augen, im vorgereckten Angesicht, prüften und suchten in meinen Zügen, aus denen sie den Tod oder das Leben ihres Kindes glaubte entnehmen zu können, nach meinem Willen.

Das Mädchen war mit den andern Bewohnern des Orts an unser Lager geschlichen, um den sonderbaren Mann aus einer fremden Welt zu sehen, die jenseits des Meeres lag und unerforschlich war an Geheimnissen und Wundern. Und ihr Verlangen nach dem Glanz dieses Neuen, Unfaßbaren hatte sie die Vorsicht vergessen lassen, die so not tut im Dschungelland, die man sie von Kind auf an gelehrt hatte, und die sie in allen Fällen so klug und sorgsam zu beachten gewußt hatte. Nun hatte es im Finstern den kleinen, bösen Stich gegeben, den anfänglich das Herz nicht als das furchtbare Verhängnis glauben will, obgleich das Blut es ahnt und die Schrecken des jähen Dahinsinkens wie dunkle Flügel um die Schläfen brausen. Ein Dorn, ein Dorn war es, vom Rand eines Palmblatts, oder vom Zedernbaum…, aber dann kam der feine süße Schwindel, der in den Augen beginnt und der den Pulsschlag des Herzens so eigen behindert, der zuerst die Hände und langsam alle Glieder in trockene, kurze Krämpfe zerrt, als trieben Glassplitter im Blut, die die Adern zerrissen. Bis die gräßliche Klage aus der Gewißheit brach:

„Die finstere Königin!“

Diese aus Ehrfurcht vor der Gottheit und aus tiefstem Grauen gemischte Wehklage erfüllte die Walddunkelheit.

Es war zu spät. Ich öffnete die Wunde, die nur in einem winzigen, schwarzumrandeten Pünktchen am Fuß bestand, aber das Blut floß nicht mehr rot und warm, sondern zersetzt und stockend. Wir versuchten es mit Whisky, aber das Kind konnte trotz unserer Mühe das scharfe Getränk nicht aufnehmen, und die großen brechenden Augen flackerten angstvoll unter den Peinigungen ihrer grausamen Bedränger. Feuer hilft nur im ersten Augenblick, auch hätte ich es um alles nicht über mich gebracht, auch diese neue Marter noch dem kleinen Leib zuzufügen. Laß das Kind sterben, rief es in mir, das ist sein letztes, irdisches Recht.

Die Blicke der Mutter marterten mich, ich wandte mich ihr zu in der einzigen Barmherzigkeit, welche es für sie in dieser Stunde gab. Sie brach mit einem langen Klagelaut zusammen und blieb die ganze Nacht stumm an der Leinwand des Zeltes liegen, wie ein dunkles Kleiderbündel.

Als das Kind gestorben war, erschütterte mich, wie mit rauhen Fäusten, die bittere Erkenntnis unserer Menschenohnmacht. Wir sind nicht, was wir nach unserem besten Verlangen sein könnten, wo ist die Macht, die wir in unserem Begehr nach Vollendung ahnen, wo die Hoheit, die unsere Güte sucht, wo unser Glaube, der Berge versetzt?


Düster, lieblich und glühend strichen diese seltsamsten Tage meines Lebens dahin. Wir blieben oft tagelang am gleichen Platze, ich vergaß mein Ziel und die Zeit. Die grünen Sumpfaugen des Dschungels und das Silberwehen der Steppennächte bannten mich, das tiefe Atmen bei geschlossenen Augen ersetzte die Gedanken, das Licht wurde zu einer unermüdlichen Gewißheit der Lebensfreude und die Nacht zum gestaltlosen Traum. Das gewaltige, stille und geduldige Leben der Pflanzen, die die ganze Erde für sich beanspruchten, raubte meinem Gemüt langsam das Bewußtsein seiner eigenen Rechte, gewiegt von Staunen und erfüllt von fremdem Daseinswillen trieb mein Geist wie schlafend dahin, und doch überwach und tief innerlich durchglüht von einem heiligen Daseinsglauben. Ich ahnte das grünlich-morastige Gift des Waldes, dessen Königin und Göttin mir in ihrer ganzen Macht erschienen war, ich sah den Fiebergeist im feuchten Dämmern schleichen, aber mein Widerstand war zu einer vagen Hoffnung auf mein Glück herabgesunken. Diese gärende, brodelnde Sumpffruchtbarkeit würde auch meinen Leib aufnehmen und neu erblühen lassen, wenn sie ihn in ihr Bereich saugte. Der Wald war mächtiger als die Menschen. –

Eines Nachts lag ich im Zelt auf einem Laublager, da ich die unsichere Nachgiebigkeit der Hängematte nicht mehr ertrug. Guru war am Feuer eingeschlafen. Er hockte neben der glühenden Asche vor dem Dreieck des Zelteingangs wie ein Geköpfter, den Nacken zwischen den hochgezogenen Knien, und seine fast drei Meter lange, uralte Araberflinte überragte ihn wie eine halb gesunkene Fahnenstange. Er liebte dieses Gewehr zärtlich und trug es meist bei sich, besonders wenn Aussicht vorhanden war, daß wir Menschen begegneten. Dabei lebte er in dem festen Glauben, daß diese Waffe es ihm niemals antun würde, eines Tages loszugehen. Er war nicht in Gefahr, enttäuscht zu werden, denn die Flinte war hundert Jahre alt, hatte sicher vom Sudan bis Singapore den ganzen Orient bereist, und es bestand keine Möglichkeit, sie zu laden oder gar abzufeuern. Aber Guru wäre mit dieser Waffe mitten im Urwald sorglos eingeschlummert, so sicher war er, daß außer ihm kein anderes Wesen ähnliche Hoffnungen wie er auf seinen langen Talisman setzte.

Wir waren am Tage an Felsausläufer des Gebirges gekommen, in deren Schluchten der Dschungel sich aufwärts erstreckte, um sich mehr und mehr zu lichten. In den Felsspalten floß klares Wasser, und als wir endlich umkehrten, da der Boden zu zerklüftet und verwachsen war, kamen wir an ein kleines Dorf von etwa zehn Laubhütten, das Itupah hieß. Unweit dieser Niederlassung hatten wir die Zelte aufgeschlagen und die Lagerfeuer angezündet. Die Leute waren gekommen, um uns Früchte anzubieten, hatten sich aber bald zurückgezogen, da unsere Gerätschaften ihnen allzu magisch und gefahrdrohend erschienen waren.

Ich konnte nicht einschlafen. Die Stimmen der wilden Tiere und der Mond störten mich. Panja war in das Hindudorf geschlichen, um Liebesabenteuer zu bestehen, er benutzte die Aufregung, die meine Gegenwart in Itupah hervorgerufen hatte, um darzutun, wie berechtigt sie war. Ein paar Flecke Mondlicht lagen am Zelteingang wie Papierschnitzel, und die Grillen füllten die Luft mit ihrem Zirpen, als würde feiner Silberdraht gefeilt von vor Hast toll gewordenen Sträflingen.

Es raschelte in der Zeltecke, und als ich hinübersah, entdeckte ich ein kleines Tier, das ich anfänglich für einen Marder hielt. Es saß totenstill da, nachdem meine Bewegung es mißtrauisch gemacht hatte, und sah mich mit zwei riesengroßen schwarzen Augen an, die sehr weit vorn und dicht beieinander saßen, wie bei einem Affen. Das zierliche Köpfchen war nicht viel größer als eine Walnuß in ihrer grünen Schale, und die Färbung des Fells erschien mir graubraun, wie bei einem Eichkätzchen im Winter.

Der Kleine gefiel mir außerordentlich, und ich versuchte Anschluß an ihn zu gewinnen.

„Treten Sie näher“, sagte ich und pfiff leise ein paar immer gleiche Töne in die dämmerige Nachtluft. Das Tierchen rührte sich nicht, und ich sann auf ein Anlockungsmittel. Als ich eine Bewegung mit der Hand machte, um ihm ein englisches Biskuit anzubieten, das neben mir lag, tat es einen lautlosen Ruck, und der Zeltwinkel war leer. Aber nach einer Weile huschte es wieder wie ein Schatten durch die Mondflecke, der kleine Fremde war wieder da, offenbar wurde er durch seine Neugier geplagt.

Die beiden schwarzen Augenkugeln saugten, weit geöffnet und starr vor Erstaunen, meine Erscheinung in sich auf, ich bin noch niemals so angeglotzt worden. Der Kleine schien furchtbar aufgeregt vor Begierde, herauszubringen, was es für eine Bewandtnis mit mir hatte, und was mich aus meinem entlegenen Lande nun gerade in die Nähe der Menschenstadt Itupah und dort in die Gegend seiner Behausung geführt haben mochte. Ich hätte es ihm nicht sagen können. Aber enttäuschen wollte ich ihn auch nicht.

„Haben Sie Familie?“ fragte ich leise.

Fort war er. Die Frage mag für den Beginn einer Bekanntschaft vielleicht etwas zudringlich gewesen sein, aber nach einer kurzen Weile kam der Kleine doch wieder, diesmal genau an derselben Stelle, zwischen unsern Salzgläsern und Panjas Sandalen. Er schien nun bemerkt zu haben, daß meine Worte nicht so gefährlich waren, wie er anfänglich angenommen hatte, und kam ein wenig näher, um besser glotzen zu können.

Es tat mir leid, daß ich nichts anzubieten hatte, und daß meine Gastfreundschaft sein Mißtrauen erregte.

„Es scheint, Sie leben des Nachts,“ begann ich vorsichtig, „ich entnehme es Ihren Augen und der Tatsache, daß wir uns zu dieser Stunde begegnen. Ich bitte Sie darum, keine falschen Schlüsse aus den vielerlei Gerätschaften zu ziehen, die Sie hier erblicken, im Grunde bewegt uns lange aufrechte Wesen kein anderer Herzensdrang als euch. Es läßt sich so leicht sagen: das Glück, im Sonnenschein in der Welt zu sein, die Liebe und der Schlaf. Darüber wacht etwas, wie eine unermüdliche Hoffnung, es möchte eines Tages alles noch um vieles herrlicher werden. Das spricht auch aus deinen großen Nachtaugen; und ist die Begierde, die dich herzutreibt, im Grunde etwas anderes, als die meine, die mich veranlaßte, in die Wildnis deiner Heimat zu kommen?“

Da antwortete mir ein heller, böser Pfiff, der mir durch Mark und Bein ging, und gleich darauf erscholl, als Entgegnung, ein ärgerliches Zischen im Laub meines Lagers. Nun galt es, still zu liegen, das wäre ein verdrießlicher Abschluß meiner Dschungelfahrt gewesen…

Ich wußte nun, wen ich vor mir hatte, aber bei weitem wichtiger war mir, wen ich in meiner unmittelbaren Nähe in den welken Blättern wußte. Das kleine Tier vor mir begann sich sanft und sonderbar zu schaukeln und brachte dabei hell und stoßweise einen halb gepfiffenen, halb geknarrten Ton hervor, der der Gefährtin meines Lagers galt. Nun quoll es dicht unter meinen Augen aus dem Reisig hervor, wie das Rinnsal einer dicken, dunklen Flüssigkeit und suchte den Ausgang zu gewinnen. Ein kleiner Schatten vom Zeltrand her huschte der Schlange blitzschnell nach, und draußen begann für eine kurze Weile ein von Fauchen, Zischen und Schnarchen wildbewegtes Rascheln und Schleifen. Dann wurde es still, und ich hörte nur die Hammerschläge meines Herzens und sah die weißen Papierschnitzel des Mondlichts, bis langsam die eintönige Grillenmusik wieder die Nacht beherrschte. Mir war, als habe sie geschwiegen, während sich ein Schicksal unter den Geschöpfen des Nachtvolks vor meinen Augen abgespielt hatte.

Wie eigenartig unterscheiden sich oft unsere Erwartungen von den Erscheinungen selbst! Ich hatte von diesem merkwürdigen Tier oft gehört, das in Indien als der ärgste Feind der Schlange gepriesen wird, und das sogar oft von den Engländern wie ein Haustier zum Schutz gegen die Kobra gehalten werden soll, aber ich hatte mir die Erfüllung meines Wunsches, diesem Tier einmal zu begegnen, anders vorgestellt. Was hatte sich mehr zugetragen, als ein von wenigen Rufen des Kampfes, der Angst und der Lebensgier zerrissenes Huschen und Springen? Schattenhaft, fast unwirklich war es geschehen, grau, im Halbdunkel und ohne jene pathetische Gebärde, die erst die Erkenntnis langsam dem Ereignis verleiht. Erst die Erinnerung erschafft die Gestalten der Helden. War dies alles? Wie wird es uns mit dem raschen, kleinen Leben ergehen, das wir in Erwartungen dahinhuschen lassen?


Oft, wenn ich von unserm Zelt aus mit der Büchse und Elias den Dschungel durchschweifte, sah ich vom Flußufer aus die Alligatoren in der Sonne liegen. Sie sonnten sich auf den Sandbänken und lagen kreuz und quer durcheinander, einmal lagen sogar zwei aufeinander, das war peinlich. Der Ausdruck ihrer sehr ausgedehnten Gesichter war in der Regel ungemein vergnügt, die winzigen Äuglein funkelten fröhlich, und die riesigen, oft weit geöffneten Mäuler zeigten deutlich einen Hang zum Lächeln. Man merkte den Tieren an, wie wohl ihren knorpligen Schuppenhäuten die Sonnenglut tat, und entschloß sich schwer, etwas Böses von ihnen anzunehmen. Zuweilen gluckst etwas in ihren gelben Hälsen, die zart und weich wie Wachs sind.

Ich habe niemals welche gesehen, deren Länge zwei Meter überschritt, ihre afrikanischen Geschwister scheinen einem anderen Volksschlag anzugehören und mehr Wert auf die Einschüchterung der Menschen zu legen. Zuweilen schoß ich auf eine dieser riesigen Eidechsen, aber meine Kugel wirkte nie so ausschlaggebend, daß das verwundete Tier nicht noch Zeit gewann, ins Wasser zu schnellen. Es kann auch sein, daß ich niemals getroffen habe. Nachdem der Donner des Schusses verhallt war, war die Sandbank für gewöhnlich leer. Diese Tiere haben eine geradezu verletzend geschwinde Art, sich zu empfehlen, sie schießen ins Wasser wie Torpedos, es ist unmöglich, eine Bewegung ihrer Beine zu unterscheiden, und es erweckt den Anschein, als wären sie an gestrafften Gummibändern mit dem Wasser verbunden und würden plötzlich losgelassen. Sie schwimmen prächtig und erinnern in der Flut an Hechte, sind aber außerordentlich scheu und werden nur kleinerem Rotwild gefährlich, das sie an der Tränke überraschen.

Ich warf ihnen eines Morgens die Überreste einer erlegten Hirschantilope zu, von der ich nicht mehr als ein Rückenstück hatte genießen können, und die sonst die Sonne oder die Schakale vernichtet hätten, und erschrak über die sinnlose Gier dieses Flußgesindels. Es dauerte kaum eine Minute, bis der Körper des Tiers in einem dahintreibenden blutigen Schaumbecken, in hundert Fetzen zerrissen, verschwunden war. Am Mittag lagen die Ungeheuer wieder in der Sonne und lächelten, während der breite, trübe Strom gurgelnd dahinzog und den Sonnenschein in mörderischen Lichtpfeilen in die schmerzenden Augen schleuderte, die die Dschungeldämmerung verwöhnt hatte.

Einmal saß ich in der Nähe unseres Zeltes in den Rankenverschlingungen der Luftwurzeln eines wilden Feigenbaumes in der Morgensonne am Fluß und putzte meine Jagdflinte, als es neben mir in den Mangroven raschelte. Als ich mich umwandte, sah ich einen kleinen Hinduknaben vor mir stehen, der vor Schreck völlig erstarrt war. Seine Augen schienen leblos geworden, wie zwei schwarze, runde Spiegel, und sein Mund stand offen. Es war recht begreiflich, denn ich hatte gebadet und so viel am Leibe, wie man ohne Übertreibung etwa mit nichts bezeichnen kann. Offenbar hatte der Kleine auf seinem Morgengang zum Fluß alles andere erwartet, als solch ein weißes Ungetüm vorzufinden, das ihn angrinste.

Er zitterte heftig und schluckte, wagte aber keine Bewegung. Dies war schlimmer als der Tiger, es war ein furchtbarer Waldspuk. Über und über weiß war dies fremde Wesen, das da vor ihm eine unfaßliche blanke Sache über den Knien hielt, triefte und glitzerte und Augen hatte, in die man nicht hineinschauen konnte, ohne seinen Untergang zu riskieren. Als aber dies dampfende Ungeheuer nun plötzlich nieste, entwand sich der gequälten kleinen Brust, die ganz mit Entsetzen angefüllt war, ein lauter Jammerruf und wahrscheinlich machte der Kleine innerlich einen raschen Strich unter sein verflossenes Dasein und beschloß es in seinen Erwartungen endgültig. Jedenfalls fiel er zu Boden, preßte sein Gesicht in die Pflanzen und stieß wieder und wieder denselben monotonen Klagelaut hervor, in dem er sich wahrscheinlich dem besonderen Wohlwollen irgendeines Götzen empfahl.

Es kam mir gar nichts in den Sinn, was ich etwa anstellen könnte, den gebrochenen, kleinen Mann zu beruhigen. Wenn ich ihn berührt hätte, so wäre er vor Angst gestorben, so ließ ich ihn einstweilen liegen und stellte fest, daß sich seine Toilette in einer ähnlichen Etappe der Entwicklung befand, wie die meine. Dann verfiel ich darauf, ihm eine arglose und sinnvolle Weise vorzupfeifen, die nach meiner Überzeugung etwas Beschwichtigendes enthielt, erst wählte ich ein altes Wiegenlied, dann einen Choral und endlich „Heil dir im Siegerkranz“.

Das wirkte. Mein Freund drehte das dunkle Köpfchen am Boden so weit, daß er mich mit dem einen Auge bis etwa an meine Knie hinauf betrachten konnte. Daß ich Menschen fraß, war immer noch sicher für ihn, aber es schien doch, als wenn ich es nicht besonders eilig damit hätte. Ich gab ihm nun in zurückhaltender Weise zu verstehen, daß er sich erheben sollte, und er gehorchte, immer noch am ganzen Körper zitternd, aber sichtlich erstaunt darüber, daß ich wie ein vernünftiger Mensch zu sprechen verstand und noch dazu in seiner Sprache. Er bestand gewissermaßen nur noch aus Augen, und in ihnen brannte nur ein einziger Wunsch, der, sich auf möglichst unauffällige Art empfehlen zu dürfen; glotzen ließ sich weit besser aus einem Versteck, und was konnte aus dieser Annäherung gutes kommen?

Aber er änderte seine Meinung doch, als ich nach meinen Kleidern tastete und ihm eine Kupferanna unter die Augen hielt. Zunächst war sie da, das ließ sich begreifen, aber nur langsam dämmerte in seinem Köpfchen der Glaube hervor, daß sie ihm gehören sollte. Das war schlechthin unmöglich. Als ob er den Wert dieser runden Metallplättchen nicht kannte, die sein Vater zuweilen aus den Hafenstädten mitbrachte, wenn er Pfeffer oder Ingwerwurzeln hinabgetragen hatte, und mit Hilfe derer man alles erlangen konnte, alle Herrlichkeiten der Welt, buntes Tuch, die Süßigkeiten der Basarstraße, Reis und Maniokbrot und Macht über alle Knaben des Ortes.

Und so entwischte er ungefressen mit seinem Schatz, nachdem er endlich begriffen hatte, daß meine Pläne sich in diesem Opfer erschöpften. Vielleicht erinnert er sich meiner zu einer Zeit, wo er ein Jüngling geworden ist und zu seiner ersten Kupferanna in den Hafenstädten so manche andere verdient, und seine Meinung über uns Weiße geändert haben mag, in einem zweifachen Sinn. –

Mehr und mehr empfand ich von Tag zu Tag, daß ein fremder Bestand, der nicht festzustellen war, die Beschaffenheit meines Bluts veränderte. Ich schob die Schuld, wie man es in solchen Fällen zu tun pflegt, bald auf das eine, bald auf das andere, heute schien mir das Trinkwasser der Anlaß zu sein, morgen der Tabak, oder eine fremde Frucht, dann wieder verband ich meinen Zustand mit meiner Schlaflosigkeit, oder mit der Beschaffenheit dieser schwülen, von tausend Düften geheizten Luft. Panja betrachtete mich oft lange und besorgt von der Seite, ohne zu wissen, daß ich seine Blicke gewahr wurde, und daß sie mich reizten. Ich behandelte ihn ungerecht und hart, aber er blieb geduldig und verfiel nicht wie früher in sein gekränktes Schmollen. Überhaupt hatte er sich in der letzten Zeit merklich geändert, mir war oft, als habe ihn eine neue Verantwortlichkeit über sich selbst hinausgehoben, gerade als ob er sich hätte bewähren müssen, um sich seiner Kräfte und Tugenden bewußt zu werden. Ich lohnte ihm diesen Wandel schlecht, aber ich konnte nicht anders.

Mir war bisweilen, als habe mein Gehirn sich um vieles verkleinert und als mache es eigenartige Drehungen und Schwankungen in seiner Schale, wie ein schwimmender Ball in einem Wasserglas. Dabei verfiel ich auf alle möglichen Heilmittel, nur nicht auf das einzige, das mir hätte helfen können: auf die Flucht aus den Niederungen des Dschungels.

War es Morgen, so mußte ich den Mittag erwarten, in welchem die Insekten mit einem seligen Brausen, oder die großen Schmetterlinge leicht und lautlos von Blüte zu Blüte zogen, durch unwahrscheinlich tiefes Blau oder Grün, während die Welt in heißer Fülle verging. Mit dem leisen Unbehagen des sinkenden Mittags mußte ich den Abend erwarten und an ihm die Nacht mit ihrem Licht und Läuten über schwarzen Tiefen, ihren gurgelnden und stöhnenden Stimmen der Raubgier und der Liebeswut und mit ihren blendenden Gestirnen. Tag und Nacht waren für mich längst keine Begriffe des Wachens oder der Ruhe mehr, sondern wechselnde Züge des indischen Weltenantlitzes, magisch ineinander überwogend, wahrsagerisch entstellt.

Ich hatte meine Heimat vergessen. Europa versank in meiner Erinnerung wie ein lauter, häßlicher Traum voll unnützer Erregtheit, und ich lächelte mitleidig über die Schande, die mir in den kleinen Beteiligtheiten meiner hastigen Vergangenheit widerfahren zu sein schien. Wie ein einziger, kreischender, grellfarbiger Lebensirrtum erschien mir das Treiben der großen Städte, und ich verging und erstand in Schlafen und Wachen wie in Frühling und Winter, das Angesicht der Tages- und der Jahreszeiten verschmolz miteinander zu einem unbestimmbaren Gefühl des Wandels, und die Unschuld der Pflanzen, die mich einhüllten, wie ein lebendiges Gewand, war die stärkste Gewalt über meine langsam verschwindende Erkenntniskraft.

Es trieb mich zuweilen aus der Dschungelnacht an den Steppenrand zurück, es war ein Verlangen, den offenen Himmel zu sehen und das weite braune Hügelland, und es war mir angesichts dieser Helligkeit, als entkleidete mich ein lautloser stiller Sturm des Lichts. Oft brachen wir mitten in der Nacht auf, nahmen zuweilen den gleichen Weg, den wir am Tage mit Mühe durchmessen hatten, und errichteten das Lager an der verlassenen Feuerstätte. Mir war, als hätten die Pflanzen mich am Atmen behindert, als raubten sie meiner Brust, was ihr zum Leben not tat. Oft ertappte ich mich über gereizten und boshaften Blicken auf eine blühende Pflanze, deren dargebotene Liebeswut in purpurroten Kelchen mich mit Zorn und Haß und zugleich mit hingebender Demut erfüllte.

Langsam war eins meiner Manuskripte und Bücher nach dem andern dem nächtlichen Feuer zum Opfer gefallen, ich sah die weißen Blätter in hämischer Genugtuung in der Glut welken und fühlte mich freier, wenn die verkohlten Rollen zerbröckelten. Nur ein kleines, törichtes Büchlein begleitete mich lange noch, ich weiß zuversichtlich, daß ich es nur deshalb nicht zerstörte, weil eine merkwürdig verschlungene Ranke aus geprägtem Gold den Einband verzierte, ungefällig, sinnlos und aufdringlich, aber es tat mir wohl, diesen Linien mit den müden Augen nachzugehen. Einmal versuchte ich, mich darauf zu besinnen, wo Nachrichten für mich liegen könnten, ich schloß auf Bombay, Goa und Madras, aber ich wußte es nicht mehr.

In den Ohren die Muschelstimmen des Chinins, träumte ich oft in der totenstillen Mittagsglut mit geschlossenen Augen vom Winter. Immer wieder tauchte das gleiche Bild vor mir auf: ein graues Flußtal im Abendnebel, auf den Feldern der bläuliche Schnee im sinkenden Tageslicht, und ein eisiger Wind über dem pechschwarzen Wasser, auf welchem Eisschollen dahintrieben. Sie stießen sich und knarrten und läuteten, auf einigen von ihnen saßen Raben und ließen sich mitnehmen. Dann empfand ich die Kälte plötzlich als schneidenden Schmerz an Stirn und Wangen, und meine Brust weitete sich, wie zerspringend vor Frische. In kalten Schauern schlief ich über solchen Visionen zuweilen ein, aber die sinnlosesten Träume raubten meinen Schlaf die ersehnte Erquickung.

Eines Nachts träumte mir, ich sei am Meer eingeschlafen, in einer Bergschlucht, und plötzlich weckten mich die Stimmen zweier Männer, deren Klang eine eigenartige Verwandtschaft mit dem Reden des Meerwassers hatte. Ich richtete mich halb empor, stemmte die Ellenbogen in den Sand und sah betroffen auf. Die Sonne war ins Meer gesunken und schien aus der Tiefe, durch das Wasser. Obgleich sie selbst rötlich glänzte, war doch das Licht der Luft grünlich und blaß, und merkwürdige Schattenwellen zogen hindurch, wahrscheinlich entstanden sie durch die Uferwogen.

Die beiden Männer standen gerade nebeneinander im Sand, der wie Türkisen schimmerte. Sie hatten ihre Arme schlicht und ohne Gebärde an den Körper gelegt, und unter ihren leichtgesenkten Stirnen sahen mich ruhige, runde Augen von einem gleichmäßigen sehr hellen Blau an, in denen ich keine Abzeichnung der Pupillen unterscheiden konnte. Die Färbung ihrer Haut war bernsteingelb und ihr Haar weißlich, sie hatten breite, aber hagere Schultern, und ihre Hüften waren so schlank und so wenig ausgezeichnet, daß man von der Achselhöhle bis an die Fußknöchel hinsah, wie an einer geraden, schräg gestellten Leiste. An ihren Schläfen war ein eosinrotes Band befestigt, das in einem breiten Fächer auf die linke Schulter herabsank und hinter ihr verschwand.

So standen die Zwei, die sonst nicht bekleidet waren, ruhig vor mir in der grünlichen Luft mit ihren geheimnisvollen Schattenwellen. Es schien mir, als lächelten sie, aber eher neugierig als spöttisch. Endlich begannen sie eine Unterhaltung miteinander und versuchten den Anschein zu erwecken, als sei ihnen an meiner Beachtung nichts gelegen, aber ich unterschied doch, daß sie nur meinetwegen sprachen. Sie lächelten verstohlen und ungefällig und sahen bisweilen mit einem raschen Blick zu mir hinüber. Nun wies einer von ihnen zu den Felsen einer Schlucht empor, wo sich in halber Höhe der Berge ein gleichmäßiger, tiefer Einschnitt im Gestein bemerkbar machte, der rundlich ausgehöhlt war.

„Richtig,“ antwortete der andere, „das ist unsere alte Meergrenze, die letzte, aber wo ist die Grenze der Väter geblieben?“

„Die Gipfel schwemmen gar zu rasch nieder,“ lautete die Antwort, „die neue Welt wird klein.“

Dann unterschied ich nicht mehr alles, was sie sagten oder meinten, aber ich empfand, daß sie von versunkenen Reichen sprachen, deren Kulturstätten der Meersand seit undenkbaren Zeiten in tiefen Gründen der Flut vergraben hatte, und sie tuschelten davon, daß nun bald die Zeit anbrechen müsse, in der der Meerboden und der Erdboden vertauscht werden sollten. Bestürzt überfiel mich eine dunkle Ahnung der Reiche, die das Meer verbarg, und ich sah sie, nach ihrer Auferstehung, von Sonne, Wind und Regen langsam aus ihrer sandigen Hülle brechen. Ich wagte keine Frage, obgleich mein Herz vor Begierde brannte, an den Erfahrungen der beiden Menschen teilzunehmen, aber es war, als ahnten sie, daß ich die Absicht im Sinn trug, ihnen ihre Geheimnisse zu entreißen, denn sie berührten einander die Schultern mit der Hand, so daß sie zu einem seltsam schönen Ornament verschmolzen, wandten sich dem Wasser zu und schwebten hinein und in die Tiefe, wie durch die Luft. Ich sah sie noch einmal, als sie an der Sonne vorüberzogen, die sehr tief gesunken war, dann schlief ich ein, in großer Traurigkeit, wie ich sie nie gekannt habe, und wie man sie nur im Schlaf empfinden kann.

Ein anderes Mal im Traum schenkte mir irgend jemand ein Kriegsschiff mit weiblicher Bedienung, damit ich gegen meine Feinde vorgehen könnte, aber ich hatte deren leider nur drei und die lebten auf dem Festlande. So entließ ich die Damen, damit diese drei Gegner glücklich würden. Mit den Kanonen schoß ich auf Möwen, aber sie schnappten nach den Kugeln, ja, dies Geflügel wartete geradezu an der Öffnung der Geschütze, es war ungemein ärgerlich. So sah ich ein, daß es hiermit nichts Rechtes werden würde, und löste einstweilen spielend eine Reihe von Problemen, die mich früher auf ganz unverständliche Art gequält hatten. Dabei brachte ich endgültig heraus, daß man zu dererlei Geistesexperimenten am Boden umherkriechen mußte, und ich tat es mit Ausdauer und fröhlich.

Als ich aber nach vielerlei Träumen dieser Art, die ich vergessen habe, eines Tages mit trockenem Mund und einer scheußlichen Leere hinter der Stirn, in der Mittagshitze frierend, am Fußboden, in einem Winkel des Zeltes, erwachte, ergab ich mich anteillos den Weisungen Panjas, ließ mich in Wolldecken wickeln und erwartete meinen Verbrennungstod in diesen phantastischen Feuern meines Bluts und meiner Seele, die von boshaften Dämonen geschürt wurden.

Sechstes Kapitel
Im Fieber

In einer ungewissen Stunde, die nicht am Morgen und nicht am Abend war, kam ich mit dem bestimmten Bewußtsein zu mir, nach jener denkwürdigen Nacht mit Huc, dem Affen, am Morgen gestorben zu sein. Es muß nach dem Tode einen seltsamen Halbschlaf der ersterbenden Sinne geben, der uns noch eine Zeitlang den Fortgang des Lebens vortäuscht, eine Art Erinnerung des Körpers, der sich seinem Verfall noch nicht zu ergeben vermag, in welcher die Hoffnung unseres Herzens in einem mitleidigen Spiel den Gang des Daseins fortsetzt, nachdem die Seele ihrer Hülle entflohen ist. In jenem Stadium mußte mir alles geschehen sein, was ich bis zu diesem Morgen erlebt zu haben glaubte; ich lächelte geringschätzig und melancholisch in die grauen, sanft erklingenden Sphären hinein, in denen ich dahintrieb. Immerhin erfreute es mich, daß mein Bewußtsein nicht völlig erloschen zu sein schien, und die Erkenntnis, nun endlich mit Sicherheit zu wissen, daß ich gestorben war, beruhigte mich sehr; ich begriff nun deutlich die qualvolle Ungewißheit, die über allem gelegen hatte, was mir in der letzten Zeit zugestoßen war. War nicht alles wie aus grauen Spiegeln emporgetaucht und in anderen wieder versunken, in seltsamem Kreisen und liederlicher Gleichgültigkeit gegen die Wirklichkeit? Bei dieser neuen Offenbarung über meinen Tod, den ich mir aus einer im Grunde recht kleinlichen Lebensängstlichkeit bisher nicht einzugestehen gewagt hatte, entschloß ich mich in einer wundervollen Gelassenheit des Gemüts, nun niemand mehr zu dienen, als allein der Erinnerung. Es war merkwürdig, daß Panjas Gesicht mich dabei störte, das ungewiß und groß, wie ein Wolkenschatten, zuweilen über mir erschien, mein Dahinziehen durch das flimmernde All hinderte und in sinnloser Aufdringlichkeit in meiner Nähe verharrte. Ich ließ mich nicht täuschen, ich erkannte in unzweifelhafter Klarheit, daß der Durst, der meinen Körper durchglühte, der Wissensdurst meiner Seele war; er war mein einziger Schmerz, und ich pries mich glücklich.

Irgend jemand sprach zu mir; ich beachtete es lange absichtlich nicht, weil ich mich nicht von der Überzeugung trennen wollte, daß niemand das Recht hat, mit einem Toten zu reden. Merkte denn dies wesenlose Geschöpf immer noch nicht, daß Tote andere Interessen haben, als sich mit dem vergänglichen Tand abzugeben, der die Lebendigen der ungewöhnlich kleinen Erde beschäftigt, die nicht einmal in der Lage ist, sich ruhig zu verhalten und in lächerlicher Abhängigkeit von der Sonne umhertanzt? So entschloß ich mich endlich, mir Ruhe zu verschaffen, und wandte mich in der prächtigen Freiheit des Muts um, den nur Tote haben, um Schweigen zu gebieten. Aber da erkannte ich, daß mein Ich neben mir saß und rauchte. Es hatte sich meiner Pfeife bemächtigt, meiner Kleider und Schuhe und trug meinen fünfmal gewundenen Schlangenring aus Gold mit den Saphiraugen und der Brillantenkrone. Ich fand im Augenblick nicht den rechten Ton, denn es ist ungewöhnlich schwer, sich im Tode richtig gegen jemand zu benehmen, den man im Leben oft hintergangen hat. Mein Ich lächelte mir ermutigend zu, aber ich ließ mich nicht irreführen; dies Lächeln kannte ich, man weiß doch, womit man andere über sich selbst zu täuschen pflegt, und was hinter seinem eigenen Lächeln steckt. Aus irgendeinem Grunde sagte ich rasch und ärgerlich:

„Nur keine Philosophie, bitte.“

Mein Ich erwiderte freundlich, daß ihm dererlei völlig fernläge, und daß nach der Scheidung, die ich als vor sich gegangen zugeben müßte, überhaupt alle Fragen über das Wesen von Sein und Nichtsein aufgehoben wären.

Es war ungemein fesselnd, meine eigene Stimme zu hören, derer sich mein Gegenüber bediente; aber irgend etwas am Klang der Stimme ging in kühler Sachlichkeit weit über die arme Befangenheit hinaus, in welcher ich mich früher dieser Stimme bedient hatte. Dies ärgerte mich empfindlich, denn ich erkannte, was ich zu Lebzeiten versäumt hatte.

„Siehst du, was alles in mir gesteckt hat?“ fragte ich, aber ich verwand meinen Verdruß rasch, denn mein abgeklärtes Ich an meiner Seite hatte etwas ungemein Imponierendes.

„Habe ich eigentlich jemals auf einen Menschen einen ähnlichen Eindruck gemacht, wie Sie auf mich?“ fragte ich.

„Du kannst schon du sagen,“ meinte mein Ich recht liebenswürdig und ohne kränkendes Wohlwollen, „wir müssen versuchen, uns endlich zu verstehen.“

Das sah ich ein. „Gib wenigstens den Ring her!“ bat ich.

Da sah ich, wie ich selbst, an meinem Lager sitzend, meinen Ring vom Finger zog, genau auf die gleiche Art, wie ich es zu Lebzeiten getan haben mochte, wenn ich ihn irgend jemand auf seinen Wunsch hin zeigte. Ich versuchte, den Ring anzustecken, aber mein Finger brach ab. „Verflucht, ist es schon so weit mit mir, Sahib?“ fragte ich unwirsch. Mein Ich nahm den Finger und steckte ihn umständlich in die Tasche, und zwar in die richtige, die ich für solcherlei Gegenstände leer zu halten pflegte.

„Sind wir noch in Indien?“ fragte ich; aber unmittelbar, nachdem ich diese Frage ausgesprochen hatte, überkam mich die Erkenntnis, wie völlig belanglos solch ein Umstand für mich war. „Was soll geschehen?“ fragte ich etwas burschikos, denn ohne einen bestimmten Zweck würde mein Ich sich hier kaum niedergelassen haben, so gut glaubte ich mich zu kennen.

Und wirklich erhob sich nun das Ich in meiner Gestalt, zog seinen Rock zurecht, trat einmal mit dem Bein nach vorn, um die Hose zu glätten, und strich sich über das Haar. Ich wußte schon, daß es sich darum handelte, daß ich mein Grab kennen lernen sollte.

„Du darfst dir keine besondere Vorstellung von der Ausstattung machen“, hörte ich. „Panja hat dich im Wald verscharrt, kaum tiefer, als deine Arme lang sind, und die Waldblumen wachsen über deinen Augen.“ Nachdem diese Worte verklungen waren, sah ich niemand mehr und empfand nun, daß ich in meinem Grabe ruhte. Einen kleinen Augenblick lang huschten mir noch Gedanken durch den Sinn, aber dann überwältigte mich eine unbeschreibliche Ruhe.

Diese Ruhe vermag kein irdischer Mund zu schildern; es ist mir niemals eine Wohltat geschehen, die dieser Ruhe zu vergleichen wäre. Nach einer langen und ermüdenden Wanderung voll ungesunder Hast und qualvoller Befürchtungen langte ich früher in meinem Leben einmal am Ort meiner Bestimmung an und außer einer trostreichen Gewißheit empfing mich ein kühles, weißes Lager in einem stillen Raum, dessen Fenster den Blick auf die Berge hinausführten. Die wenigen Minuten, in welchen ich meinen übermüdeten Körper vor dem Einschlafen auf diesem Lager ruhen fühlte, sind vielleicht entfernt dem glücklichen Zustand zu vergleichen, in welchem ich nun im Grabe lag, aber man muß sich diese Wohltat bis an die Grenze der Bewußtlosigkeit gesteigert denken und wie im friedlichen Rausch einer überirdischen Musik.

Meine Hände waren hoch auf der Brust übereinandergelegt, ohne gefaltet zu sein; ich ruhte ganz gerade ausgestreckt, und die schwere Decke der Erde war eine glückliche Last; sie lag auf meiner Stirn und auf meinem Gesicht, wie die liebevollen Hände einer besorgten Mutter nicht sanfter ruhen können. Ich vernahm einen gleichmäßigen, starken Pulsschlag, dessen Ursprung ich nicht erkannte, der mich aber mit großer Beruhigung erfüllte. So lange unter den lebenden Wesen der Erde noch eines meiner in Liebe gedachte, blieb mein Bewußtsein wach, aber ohne qualvolle Erinnerungen; es war ein unbeschreiblich erhabenes und freies Lächeln, mit welchem ich der irdischen Ereignisse gedachte, ohne mich ihrer recht zu erinnern. So ruht das Korn in der winterlichen Erde, es trägt sein Gedenken an den Sommerwind und an die Sonne, in der es herangereift ist, wie einen Frühlingstraum durch seinen Schlaf. Das Licht, der Regen, das Schwanken in der bewegten Luft und der Schnitter sind eine einzige lind durchbebte Ahnung der Vergangenheit, die keine Trauer oder kein Gefühl der Verlassenheit aufkommen läßt. Denn im dunklen Schlummerland pocht ein herber, gleichmäßiger Pulsschlag; ob es die Lichtwellen der Sonne, ob es Tag und Nacht sind, oder der Wechsel der Jahrtausende, ist niemals die Sorge eines im Erdreich Schlummernden gewesen, denn nun ist der Tod überwunden; man muß ihn nur kennen, um zu wissen, wie wesenlos seine Mächte sind, die die armen Erdbefangenen als eine so unerhörte Herrschaft feiern. Nun sind tausend Jahre wie ein Tag. Ich hatte weder den Wunsch, jemand von denen wiederzusehen, die ich geliebt hatte, noch kannte ich Sorge um ihr Geschick. Glückseliger konnten die Frommen nicht sein, die Gottes Angesicht schauten.

Nach einer unabsehbar langen Zeit, in der ich keinerlei Veränderung spürte, schien es mir, als würde es langsam dunkler um mich her und in mir. Nicht die Furcht, nun vergessen zu sein, bewegte mich, aber eine laue Anteillosigkeit auch an dieser Möglichkeit. Vielleicht war das Laub des Waldes dichter und dichter über meiner Ruhestatt niedergesunken, oder die Erde kreiste nicht mehr um die Sonne, vielleicht war sie von einem anderen, größeren Gestirn aufgenommen, auf welchem der Wechsel der Zeit nach anderen Gesetzen vor sich ging. Mehr und mehr verlor ich das Bewußtsein meiner selbst, aber ohne darüber in Gram zu sinken; es war mir, als ob der Rest meiner Klarheit sich in einem einzigen Fünkchen sammelte, das ähnlich glomm, wie die Hoffnung in den Herzen der lebendigen Menschen.

Da bemerkte ich allmählich, in einem heraufdämmernden Zeitraum, den ich nicht begrenzen kann, einen sanften Lichtschein über mir, der still anwuchs und sich langsam näherte. Er war weißlich, ohne zu glänzen, und erschien mir wie ein blasser Strahl von zartem Umriß und langsamem Leben; er senkte sich auf die Gegend meines Herzens nieder und ohne einen Schein im Erdreich zu verbreiten, glomm er doch in lieblicher Seligkeit, und der unfaßbare Zauber einer fernen Erinnerung an die Sonne verband ihn mit meiner Zuversicht. Da erkannte ich, daß es der tastende Wurzelkeim einer Pflanze war, der sich meiner Brust näherte, und mich ergriff ein tiefer Schauer, der nicht Freude noch Hoffnung war, aber man könnte ihn vielleicht mit der Ergriffenheit vergleichen, in der die Irdischen bei einer großen Erschütterung ihres Gemüts in Tränen ausbrechen, ohne dabei schon Lust oder Schmerz zu verspüren. Je näher der bleiche, saugende Mund auf kindlicher und frommer Wanderschaft und in gehorsamem Wachstum meiner Brust kam, um so mehr verwandelte sich mein erlöschendes Menschbewußtsein in ein seliges Allgefühl von erhabener Gestilltheit und froher Bereitschaft zum Vergehen in ein unversiegbares Bereich. Da geschah es bald darauf, daß die Wurzel der Pflanze in mein Herz eindrang und in einem funkelnden Erklingen, in einem von Frische und seliger Wildheit betäubenden Lichtwirbel wurde mein Wesen emporgerissen in das warme, leuchtende Brausen der Erdoberfläche.

Über meinem Grab brach eine große Blume auf und öffnete sich gegen die himmlische Sonne. –

Nun kam es mit weichen Schritten durch die dichten Lauben des Urwalds heran, auf diesen verschlungenen Pfaden, die kaum ein paar Schritt weit zu übersehen sind und wie grüne Höhlen wirken; unendlich weich und geschmeidig schritt es dahin, von der stolzen Erhobenheit der Gestalt, die unter allen Geschöpfen nur die Menschen haben. Es war ein Mädchen, das herankam, beinahe noch ein Kind an Jahren. In jener schattigen Lichtung im großen Urwald, an welcher unter einem Baum vorzeiten mein Grab gegraben worden war, und in welcher nun die frische Blume sich langsam gegen das Sonnenlicht kehrte, machte das Mädchen halt und beugte sich nieder. Sie trug Lotusblüten im Haar, von sanftem Rot und einen schmalen Gürtel von gewundener ockerroter Seide um die zarten Hüften. Ein Hauch von Ambra begleitete sie, wie unsichtbare Flügel der Jugend.

Um den Hals trug sie eine zweifache Schnur aus roten Angolaerbsen, und ein breiter Goldring, der um ihr Fußgelenk geschmiedet war, funkelte im Tau der Bodenpflanzen.

Als ihre Augen mit dem nächtlichen Glanz einer tausend Jahre alten Schwermut sich über das frische, helle Blau der kaum erblühten Blume neigten, war es, als begegneten einander ein himmlisches Erstrahlen und ein irdischer Widerschein. Aber das Mädchen brach die Blume nicht, sondern es schien, als erinnere sie sich zuvor einer köstlichen Pflicht, denn ihr Angesicht belebte sich unter einer mit Schamhaftigkeit gemischten Erwartung. Über die Wurzeln der Bäume dahin, im weichen Erdreich und über braunem Laub, floß ein Bach; sein klares Wasser zog rasch und lautlos durch Sonnenflecke und Buschschatten. Das Mädchen legte ihre Halsschnur ab und hängte sie in kindlicher Fürsorge nachdenklich in die Betelranken, die die hängenden Zweige des Baumes mit dem Waldboden verbanden; sie legte ihren Gürtel ab und blinzelte fröhlich in das warme Licht. Nur die Blumen, die ihr Haar schmückten, ließ sie in der nachtdunklen, glänzenden Fülle ruhen, in der sie zum Ruhm ihrer jungen Herrlichkeit verwelken sollten.

Das Wasser wurde unter der Freude ihres lieblichen Körpers beredt; es überrieselte wie mit fröhlichem Lachen die helle Bronze dieses Leibes, der sich unter den Berührungen der Natur beseligt dehnte und in einer Hingabe ohnegleichen seinen Schöpfer lobte, den Schöpfer der Waldriesen, die ihn behüteten, der Milliarden Pflanzen und allen Getiers, das gleich ihm im duftenden Schatten atmete, und der großen Sonne, die ohne Aufhör goldenes Glück zum Wohlergehen der Ihren auf die geduldige Erde sandte.

An einem besonnten Hügel, der weich von Moos gepolstert war, legte das Mädchen sich auf den Boden nieder, um in der warmen Luft zu trocknen; sie gab sich dem Licht in holder Bedachtlosigkeit preis, denn es gibt vor ihm keine Geheimnisse des Körpers oder der Seele, und beide sehnen sich nach ihm. Sie schien mit dem Boden zu verschmelzen; der Pulsschlag der Erde verband sich mit dem Pochen ihres Bluts, und die Blüten in ihrem Haar dufteten noch einmal empor im Verein mit dem sanften Hauch von Müdigkeit, der wie ein Lied von ihrem Leib aufstieg. Die Sonnenstrahlen glitten spielend über die zierlichen Hügel der kleinen Brüste dahin, über die Rundungen der warmen Glieder; hier leuchteten sie auf, dort tauchten sie in heimliche Schatten nieder, allmächtiger als der stärkste Beherrscher, der sich jemals eine Welt zu eigen gemacht hat, und mit der Anmut eines Geliebten, der nach überwundenen Stürmen seine Wohltäterin beglückt.

Wie in reglosem Stolz, erstarrt vor Andacht, sah die grüne Waldherrlichkeit auf den ruhenden Triumph der Schöpfung nieder, bis jählings mit hellem Flöten ein Vogel im Rankendickicht ein Lied begann, überselig, beinahe grell und erschreckend, und aus der Nähe drang eine gejubelte Antwort. Da erhob sich das Mädchen, legte bedächtig ihren geringen Schmuck aufs neue an und bückte sich über die Blume nieder, in der das Blut meines Leibes auferstanden war; sie brach sie und befestigte sie, indem ihre großen Augen über dem zitternden Kelch lächelten, in ihrem Gürtel. –

Wie war es doch gewesen? Ach, nun erinnerte ich mich, jene große Blume von leuchtendem Blau rief mir alles ins Gedächtnis zurück. Ich kannte dies Mädchen und ihre Blume schon längst; es war in einer jener vertanen Nächte in Bombay, in einer jener Nächte, die ruhlos und ziellos beginnen und oft so trostlos verstreichen, hingegeben an Nichtigkeiten, in denen unsere hohen Erwartungen, vom Geist des Weins umhüllt, in grauen Morgenstunden versiegen. Aber es gibt keine Hoffnungen, die nicht irgendwo in unserer Seele und irgendwo in unserer Zeit mit einem jenem Lächeln verwandten Glanz gestillt werden, in dem sie erwachen. Hoffnungen sind den Blüten schlummernder Rechte vergleichbar, im Dämmerlicht der Ahnung.

Ich hatte damals in einer Abendstunde das Hotel verlassen, in dem ich schon seit Tagen auf einen Dampfer wartete, der mich nach Singapore bringen sollte, und war die breite, belebte Straße hinabgeschlendert, ohne Ausrüstung für eine bewegte Nacht, ja, ohne eine andere Absicht, als die, mich noch für einige Minuten in der kühleren Luft des Abends zu ergehen und dem bunten Straßentreiben zuzuschauen. Aber es lag keine Linderung in der schwülen Luft, die nach verdunstendem Sprengwasser, nach Pferden und Öl duftete, sowohl die freien Atemzüge behinderte, als auch die vernünftigen Gedanken. Oft wirkt diese Atmosphäre wie eine Ankündigung des Fiebers, verwirrend und zu allerhand Sinnlosigkeiten ermunternd; die Lebensleiden der Verlassenheit gären darin, satt von Melancholie; kleine Teufel erheben darin die nach Abenteuern lüsternen Narrenköpfe, während der nahende, rote Mond den nüchternen Sinn aller Dinge in Schleier legt. –

Ich ließ mich nach einer Weile am Holztischchen eines Straßencafés nieder; es erschien mir, als verbürgen mir alle, die mich anschauten, etwas, in mitleidiger Überlegenheit. Eine kleine, ganz in ein dunkles Tuch gehüllte Straßenbettlerin hielt mir die braune, offene Hand hin, und unter ihrem Lächeln verstand ich plötzlich die Nacht.

Nun war es dunkler geworden, als ich weiterschritt. Aus geöffneten Türen drang der Schein bunter Lichter; die Straßen wurden enger und die Passanten seltener. Ich hörte Schritte herannahen und jählings hinter mir verstummen, sobald eine der vermummten Nachtgestalten an mir vorübergegangen war; man blieb stehen und sah mir nach, neugierig, oder lüstern auf einen Raub, von einer Ahnung der Ruhlosigkeit und Unsicherheit angeweht, die mich gefangenhielten und dahintrieben. Einen Augenblick war ich um mein Leben besorgt, da ich die Gefährlichkeit dieser Stadtgegend kannte, aber dann war mir, als sei dies, mein geliebtes und umsorgtes Leben, eine ganz fremde und gleichgültige Sache für mich geworden. Es kam auf ganz andere Dinge an; die Nacht forderte ihr Recht, die Nacht der Erde und die meiner unruhigen Seele, die nach einem mystischen Tag ihrer Wandlung Verlangen trug.

Die Tür eines Holzhauses stand angelehnt, und als ich sie aufstieß, blickte ich in einen schmalen Korridor, der durch eine grünliche Papierampel dämmerig erhellt wurde. Zur Rechten und zur Linken der Ampel waren an den kahlen Wänden Spiegel angebracht, die das matte, schwebende Gestirn dieses stillen Bereichs nach beiden Seiten hin tausendfach in ein magisches All hinüberzauberten. Von irgendwoher erklang gedämpft eine klimpernde Musik, der einer Mandoline vergleichbar, aber um vieles unbelebter und im Takt oft von einem lang anhaltenden Ton unterbrochen, der einer Flöte entstammen konnte. Ein schwerer, süßer Geruch drang mir entgegen, wie von gärendem Honig und betäubendem Räucherwerk; er quoll aus dem Spalt eines roten Vorhangs im Hintergrund, wie aus der Wunde einer überreifen Frucht.

Als ich an diesem Ort eine kleine Weile gestanden und gelauscht hatte, öffnete der niedrige Vorhang sich, und eine alte Frau trat zögernd und scheinbar überrascht auf mich zu. Sie war welk, und ihr ergrautes Haar flimmerte vermodert in dem blaßfarbigen Licht der Papierlaterne über ihrem Scheitel, ein gelbes Tuch war wie eine Fahne um ihren Körper geschlungen, so daß ihre Schultern und Arme, sowie ihre Beine von den Knien an abwärts unbedeckt waren. Nachdem sie sich von ihrer anfänglichen Überraschung erholt hatte, lächelte sie mir in feiner, unpersönlicher Herzlichkeit zu, die Leuten eignet, die aus Beruf oder Gewohnheit gastfreundlich sind, und lud mich, nach einem prüfenden Blick über meine europäische Kleidung ein, näherzutreten. Sie sagte ein paar Sätze, die ich nicht verstand, denen aber leicht ein Willkomm zu entnehmen war und eine ehrende Begrüßung. Da ich ohne Zögern nähertrat, verdoppelte sie ihre Unterwürfigkeit, und ich hatte den Eindruck, als kröche sie mir die Stiege hinauf voran, die wir im rötlichen Dämmerlicht erklommen; ich sah immer nur ihr Angesicht dicht vor meinem, während ihr übriger Körper bereits voraus war. Sie grinste süßlich und boshaft; irgendwo bimmelte zaghaft ein Glöcklein; beklommen folgte ich, ohne Aufwand von Mut, ohne Umsicht, ja fast ohne rechte Erwartung; was geschehen sollte, mochte geschehen. Das Leben wog leicht.

Wir kamen an eine mit buntem Papier bezogene Tür, die die Treppe hart abschloß, und die sich lautlos und leicht unter dem Druck der welken Hand der alten Frau öffnete.

„Tritt ein, Herr“, sagte sie auf Hindustani und drückte sich an die Wand, die nachgab und schwankte; ich hatte den bestimmten Eindruck, daß wir von allen Seiten beobachtet wurden. So tappte ich nun vorsichtig voran in das von Rauch wie in Nebel getauchte bläuliche Dämmerlicht eines niedrigen Raumes, in welchem ich anfänglich, außer dem erlöschenden Mond einer stillen Ampel, nur hängende Wandteppiche in mancherlei gedämpften Farben und seltsamen Ornamenten zu erkennen glaubte. Es glitzerte mir in matten Goldtönen entgegen und ein sanft betäubender Hauch von welkendem Jasmin und Opium beengte die Brust.

Ich durchschritt mit meiner Führerin diesen Raum, um in einen zweiten zu gelangen, der noch kleiner und finsterer war, und in dem ich zuerst nur ein breites Ruhebett erkannte, das mit vielfarbigen Decken und Fellen belegt und kaum einen Fuß hoch war. Die Alte verbeugte sich viele Male, nachdem ich, wie sie es zu wünschen schien, auf diesem Lager Platz genommen hatte, und sagte im Hinausgleiten in gebrochenem Englisch:

„Ich werde Goy für dich holen, Herr, du wirst zufrieden sein.“

Als ich ihr mit zwei zustimmenden Worten zunickte, lachte sie, glücklich und stolz darüber, verstanden worden zu sein. O, sie war eine hochgebildete Frau, nun hatte sie den Beweis erbracht, und nichts wäre in der Lage gewesen, sie zu einer Handlung zu bewegen, die mich an dieser Meinung über sie wieder irremachte.

Ich sah mich kaum im Zimmer um, als ich allein war; es mußte alles so sein und kommen, wie es für diese Nacht bestimmt war.

Unter einer winzigen grünen Ampel, dicht an der Decke, erblickte ich ein rundes Tischchen mit unwahrscheinlich dünnen Beinen, und in einer mit roten und blauen Ornamenten ausgelegten Messingschale, die darauf stand, lagen trockene, fremdartige Früchte, Tabak, Hanf und Betel. Da meine Augen sich bald an das ebenmäßige, sanfte Licht gewöhnt hatten, erblickte ich, als nun die Tür sich öffnete, sogleich mit der übersinnlichen Deutlichkeit einer Vision das Mädchen, das meinen Raum betrat und vorsichtig die Tür hinter sich schloß und verriegelte. Sie trat so gelassen und freundlich auf mich zu, als sei ich ihr ein längst vertrauter Gast, und grüßte mich, indem sie nach kanaresischer Sitte die Spitzen ihrer Hände an die Stirn legte und sich tief verneigte. Sie war völlig nackt unter einem unendlich feinen Schleier von rauchfarbenem Seidenflor; ihr schwarzes Haar war mit grauen Blumen geschmückt, und ein schmaler Ledergürtel von verblichenem Ockerrot legte sich, ohne ihren Körper zu beengen, wie ein Ring aus rostigem Metall um ihre Hüften, die, obgleich ich ein Kind vor mir zu haben glaubte, doch von weicher Rundung und lieblicher, ebenmäßiger Fülle waren. In diesem Gürtel war eine große Blume von hellem Blau befestigt, mit tiefem goldbraunem Kelch; sie hob sich fast unwirklich und in seltsam wohltuendem Kontrast vom Bronzeton des jungen Körpers ab.

Alles, außer dieser frischen Blume, hatte jene seltsam überzeugende Bewußtheit in Farbe, Erscheinung und Bewegung, wie nur eine jahrhundertalte Tradition sie verleihen kann, alles außer dieser Blume und dem schmiegsamen Mädchenleib.

Ich weiß nicht, ob ich alles verstanden habe, was in dieser denkwürdigen Nacht dieses Kind zu mir sagte, wohl aber weiß ich, daß wir einander verstanden. Die Ausschließlichkeit, welche das glühende Bereich heraufbeschwört, in das der Liebreiz dieses Mädchens mich zog, verbannte alle kleinen Einzelinteressen und Begierden, die unser Leben spalten und bedrängen, und es gab nur ein Ziel für unser Blut.

„Soll ich tanzen?“ fragte Goy, „sage mir, was dir wohltut?“

Sie tanzte unter dem grünlichen Mond der kleinen Ampel, der eine ganze Welt bestrahlte. Es war schwül und totenstill in dieser Welt. Ich hörte nur den Schlag der weichen Füße auf den Matten, und wenn ich die Augen schloß, so fühlte ich den zarten Fuß auf den Herzensquellen meines Lebens tanzen. Mit jedem neuen Erwachen meiner Blicke erschien mir Goys erblühter Kinderkörper erneut; er blieb mir fremd und wechselte wie eine Landschaft, die der Geist im Flug durcheilt. Nun wurde es still, und ihre Frauenaugen lächelten erfahren, kindlich und begierig über den meinen:

„Willst du mir nicht befehlen, Herr?“ sagte Goy so langsam, daß mir war, als stünde mein Herz unter den unausgesprochenen Verheißungen ihrer Bitte still, aber doch lauerte hinter ihrer Unterwürfigkeit, ohne Falsch, das glückliche Bewußtsein ihrer Herrschaft. Nun hockte sie sanftmütig, merkwürdig beschienen vom Ampellicht, wie eine große, goldene Katze vor mir auf dem Lager, drehte bedächtig Papyrus, zerbröckelte Tabak und Hanf und, als sie Opium hineinmischte, verwandelte sie sich mir plötzlich in eine Göttin, die den Schlaf herbeiführt.

Goy war, wie die meisten Frauen des Orients, auf eine Art für die Liebe erzogen, die die Folge einer grauenhaften Verwöhntheit ist, aber über allen ihren Handlungen lag ein zauberhaftes Glück von einer Unschuld der Gesinnung, die wie Keuschheit wirkte. Goy tat ihre Pflicht, und kein Gewissen, wie es in unserer Brust wohnt, behinderte ihre geschäftige Treue gegen den einzigen Genuß, den sie kannte und austeilte.

Ich rauchte in tiefen, durstigen Zügen und sank mehr und mehr in Betäubung. Das Mädchen ließ keinen Augenblick verstreichen, in dem sie sich nicht hinzugeben schien; ihr Bild verwandelte sich unaufhörlich; sie gab keines ihrer Geheimnisse preis, ohne ein neues ahnen zu lassen.

„Vergiß das Leben“, sagte sie mit sanftem Tadel, scheinbar über mein Zögern in milden Schrecken versetzt. „Bin ich nicht schön?“

„Doch, du bist sehr schön, Goy, schöner als alle, die ich gesehen habe.“

„O, nein,“ antwortete sie nachdenklich, „die blassen Mädchen sind schöner.“ Sie schaute mit ihren übergroßen Kinderaugen auf mich hin und lächelte, als ich schwieg. Ihre Nägel waren rot bemalt, und ihre Hände, wie ihr ganzer Körper waren mit großer Sorgfalt gepflegt.

„Die Menschen legen mit den Kleidern die Lüge nicht ab,“ sagte Goy, „ich glaube an nichts, als an die Liebe und an die Lust, die durch sie kommt.“

Ich verstand, wie sie ihre Worte meinte, denn sie stand, als sie so sprach, innig dargeboten und aufgerichtet vor mir und hob ihre Arme, als ob sie eine Schale darreichte. Ihr Haupt verdunkelte die Ampel, so daß ihre Gestalt in magischen Lichträndern glomm. Aber ihre Worte bewegten sich in meinem Herzen auf eine andere Art, sie nahmen Glanz an und entzündeten sich für eine weite Reise.

Goy las in meinen Zügen.

„Vergiß,“ sagte sie, „woran mußt du denken? Hier ist weder Zeit, noch Tag und Nacht.“

„Und doch, du Geliebte dieser kleinen Ewigkeit, ist nicht das Leben länger als die Jugend?“

„Nein,“ sagte Goy sicher, und ihr Lächeln hatte etwas unfaßlich Überzeugendes, „vielleicht für euch Männer, aber für uns Mädchen nicht. Eine alte Frau ist schlimmer als eine ausgepreßte Mangofrucht, mit den Gliedern welkt die Hoffnung, denn das Blut verliert seine Stimme, der der Gang der Welt gehorcht. Kein Kind wird meine Freude sein.“

„Was kann ich für dich tun, Goy? Nimm alles, was ich habe!“

„Ich nehme nichts“, sagte das Mädchen. „Ich habe niemals etwas genommen. Die Alte nimmt. Sage mir, daß ich schön bin und daß ich dich beglückt habe.“

„Du bist sehr schön.“

„Du sagst nur das eine, so bist du undankbar, oder du bist von denen, die niemals sich selbst vergessen können, als wären sie so wichtig, ach, so wichtig!“

Sie kam mir ganz nah und sah mir unter die Augen, dann zog sie gelinde den Finger vom Winkel meines Auges über die Wange und um den Mund herum, seufzte tief auf, als beklagte sie mich, und nickte.

Ich schloß die Augen. Die feuchte Blüte an ihrem Gürtel näherte sich meinem Gesicht, und mir war für einen Augenblick, als legte sie sich kalt auf meine Stirn.

„Welche Menschen meinst du?“ fragte ich. Mir war, als wiche der bunte Rausch, wie Wolken dem Wind weichen, für kurz von mir.

Goy sann nach und lächelte wehmütig, als gäbe sie mich verloren; dann hob sie die Hand an meine Stirn, tippte schnell mit der Spitze des Fingers an die Schläfen und sagte:

„Das kalte Feuer dort! Es ist stärker als alle anderen Flammen und scheint heller. Es kämpft mit der Wärme des Herzens und hat schon viele Herzen ausgelöscht. Ihr müßt immer von einem zum andern. Wer alle Hindernisse zu seinen Mitteln machen will, verdirbt seine Ruhe, denn die Welt ist voller Hindernisse. Wohin willst du? Unsere Weisen lächeln über euch. So komm', vergiß!“ –

Als ich aus dem Hause trat, fiel mich die Sonne wie ein Raubtier an. Ich taumelte und tastete mich an den Häusern entlang voran, bis langsam meine Besinnungen zurückkehrten. Ich wußte nicht, wieviel Zeit verstrichen war. So muß Lazarus die Welt empfunden haben, als ihn ein Gott ins Leben zurückrief. Ich erinnerte mich langsam der Einzelheiten meiner Erlebnisse, wie der eines tiefen Traumes. –

Es mag nun wohl gewesen sein, daß eine habgierige Alte mich geführt und ein verdorbenes Kind mein Lager geteilt hatte, aber da ich von beiden Eigenschaften keine fürchte, so bekümmern sie mich wenig, denn es kam mir damals nicht darauf an, wieviel die Dinge in den richterlichen Augen einer Weltgerechtigkeit wert sein mochten, sondern es kam mir darauf an, wie sie sich in meinen Augen spiegelten.

Das Leben aber trübt die Augen der Menschen mit Träumereien, Scherzen und Tränen.


Langsam empfand ich nun mehr und mehr, daß es einzig noch auf jene sonderbare Blume ankam und auf ihr schimmerndes Blau, das sich seltsam herrschsüchtig und still vor mir auszudehnen schien. Da war mir, als erwachte ich wiederum zu einem neuen Dasein. Eine unendliche Mattigkeit beschwerte meine Glieder, und meine Augen waren unsicher und benommen, wie befangen von jenem strahlenden Azur meiner Traumblume, die sich nun als eine endlose blaue Mauer vor mir ausbreitete. Ich versuchte mit großer Anstrengung, diese blaue Mauer zu begreifen. Da sah ich plötzlich, wie einen ganz fremden Gegenstand, meine Hand auf meinen Knien liegen, abgemagert und ganz weiß. Ich versuchte, sie zu heben, und sie gehorchte mir. Die unbeschreiblichen Schauer eines ganz neuen Lebens ließen meine Glieder erbeben; sie gingen vom Bewußtsein aus und rieselten wie Lichtgarben durch meine Adern, eigensinnigen Funken gleich, heiß und kalt. Ich seufzte tief auf und weiß heute noch gut und genau, daß ich laut sagte:

„Es kann das alte Leben nicht sein.“

Da kam Panja um eine weiße Säule geschritten, die sich von der blauen Wand abhob, und starrte mich an. Er stand merkwürdig unwirklich da, als schwebte er in der Luft. Dies ist ja ein brauner Mann mit einem weißen Turban, dachte ich.

„Sahib!“ schrie er, als er in meine Augen sah. „Sahib, sprich.“

„Wo sind wir, Panja?“ fragte ich matt, „was ist mit der Zeit geschehen, Panja?“

Mein Diener starrte mich verständnislos und in einer deutlich in seinem Gesicht aufs neue auftauchenden Angst an, aber sie wich mehr und mehr, je länger er in meine Augen schaute.

„Sahib, sprich gute Worte“, bat er, zweifelnd und hoffnungsvoll zugleich.

Da kam mir zum Bewußtsein, daß ich meine Frage in deutscher Sprache gestellt hatte, und ich wiederholte sie englisch.

An Stelle einer Antwort stieß Panja einen lauten Schrei aus und warf sich auf die Knie, indem er die meinen mit seinen Armen bedeckte. Schluchzend stammelte er: „Sahib, du wirst leben!“

„Wohin sind wir geraten, Panja? Was ist dort für eine blaue Wand?“

Panja erhob sich mit glücklichem Lachen, trat zur Seite und sagte: „Es ist das Meer. Wir sind hoch in den Bergen, du siehst auf das Meer hinab. Wir haben dich aus den Sümpfen hinaufgetragen, zwei Tage und zwei Nächte lang, ohne zu schlafen und kaum, daß wir geruht haben, bis die leichte Luft kam, die Kühle und die Ruhe. Sieh um dich, sieh die Wälder an! Dies ist das verlassene Bungalow einer englischen Farm. Wir haben die Affen vertrieben, die von ihm Besitz ergriffen hatten“, er stockte und sah mich an. „Ach, Sahib, nun bist du erwacht und gesund geworden, der Sinn ist in deine Augen und Worte zurückgekehrt und die Freude in meine Brust.“

Ich sah Panja weinen und begriff, daß er die Wahrheit sprach, und daß mein Geist aus dem Bereich der Fiebergifte in die Wirklichkeit zurückgekehrt war. Da sah ich in einiger Entfernung Guru am Boden hocken und mich unverwandt mit seinen großen Nachtaugen anstarren. Es lag etwas in seinen Blicken, was ich nie vergessen werde.

Erst nach Tagen erfuhr ich langsam, was sich zugetragen hatte, denn Panja verschonte mich mit allem, bis ich danach fragte. Ein großer Teil unseres Gepäcks war verloren, da die Leute sich meiner annehmen mußten und keine Träger zu bekommen waren. Panja hatte hauptsächlich Proviant mitnehmen lassen und die Koffer, von denen er wußte, daß sie meine wertvollsten Besitztümer bargen, ebenso meine Waffen und ein Zelt. Zwar waren seit gestern Pascha und ein Kuli hinabgestiegen, um zu retten, was noch zu finden war, und um Sorge zu tragen, daß alles noch Vorhandene in einem Eingeborenendorf untergebracht werden sollte, aber Panja hatte wenig Hoffnung und fürchtete, daß die ersten Gewitter hereinbrechen könnten. Er saß oft lange schweigend in der Mittagsglut neben meinem Liegestuhl und sah den Himmel über dem Meer an und die weite, blaue Fläche, die aus dieser Höhe so ebenmäßig erschien, wie eine Platte aus Metall. Zuweilen lag ein feiner, grauer Dunst darüber. Aber außer dieser Besorgnis, deren Gewicht ich kannte, bedrückte ihn ein anderer Kummer; ich merkte es ihm an, wollte aber nicht fragen. Erst als ich meine erste Zigarre anzündete, lächelte Panja melancholisch und meinte: „Nun wirst du auch das Schlimmste ertragen, da deine Kraft zurückgekehrt ist.“

Elias war vom Panther geholt worden.