Warum flüstern sie? In der Absicht, sich vor mir versteckt zu halten.
Ich gehe die Rue d'Assas hinunter und trete in den Luxemburggarten. Ich schleppe meine Beine, ich bin von den Hüften bis zu den Füssen gelähmt, ich sinke hinter dem Adam mit seiner Familie auf eine Bank.
Ich bin vergiftet! Das ist der erste Gedanke, der mir kommt! Und Popoffsky, der Weib und Kind mit giftigen Gasen getötet hat, ist hierhergekommen. Er ist es, der nach dem berühmten Experiment von Pettenkofer einen Gasstrom durch die Wand geleitet hat.
Was ist zu machen? Zur Polizei gehen? Nein! Wenn ich keine Beweise habe, wird man mich als einen Narren einsperren.
Vae soli! Wehe dem einsamen Menschen, dem Sperling auf dem Dache! Niemals war das Elend meines Daseins grösser, und ich weine wie ein verlassenes Kind, das sich im Dunkeln fürchtet.
Abends wage ich aus Furcht vor einem neuen Attentat nicht mehr an meinem Tisch zu bleiben. Ich lege mich zu Bett, ohne dass ich mich getraue einzuschlafen. Es ist Nacht, und die Lampe ist angesteckt. Auf der Mauer, meinem Fenster gegenüber, sehe ich den Schatten einer menschlichen Gestalt sich abzeichnen. Ob Mann oder Weib, ich wüsste es nicht zu sagen, aber der Eindruck, der mir geblieben ist, war der eines Weibes.
Als ich aufstehe, um nachzusehen, wird die Gardine mit einem kurzen Geräusch herabgelassen. Dann höre ich den Unbekannten in das Zimmer eintreten, das neben meinem Alkoven liegt, und Stille tritt ein.
Drei Stunden liege ich wach da, ohne den Schlaf zu finden, der sonst nicht auf sich warten lässt.
Da schleicht sich ein beunruhigendes Gefühl durch meinen Körper: ich bin das Opfer eines elektrischen Stroms, der zwischen den beiden benachbarten Zimmern läuft. Die Spannung wächst, und trotzdem ich Widerstand leiste, verlasse ich das Bett, von diesem Gedanken besessen:
—Man tötet mich! Ich will mich nicht töten lassen!
Ich gehe hinaus, um den Diener in seiner Zelle am Ende des Korridors zu suchen. Aber, ach, er ist nicht da. Also entfernt, fortgeschickt, geheimer Mitschuldiger, gekauft.
Ich steige die Treppe hinab und durchschreite den Korridor, um den Pensionsvorsteher zu wecken.
Mit einer Geistesgegenwart, deren ich mich nicht für fähig gehalten, schütze ich ein Unwohlsein vor, das von den Ausdünstungen der Chemikalien komme, und bitte um ein anderes Zimmer für die Nacht.
Infolge eines Zufalls, den die zornige Vorsehung herbeigeführt hat, liegt das einzige verfügbare Zimmer unter dem meines Feindes.
Sobald ich allein bin, öffne ich das Fenster und atme die frische Luft einer sternklaren Nacht ein. Über den Dächern der Rue d'Assas und der Rue Madame leuchten der grosse Bär und der Polarstern.
—Gegen Norden also! Omen accipio!
Als ich die Vorhänge des Alkovens zurückziehe, höre ich über mir meinen Feind, wie er aus dem Bett steigt und einen schweren Gegenstand in einen Koffer fallen lässt, dessen Deckel er mit einem Schlüssel abschliesst.
Er verbirgt also etwas; vielleicht die Elektrisiermaschine.
Am nächsten Tage, es ist ein Sonntag, packe ich meine Sachen unter dem Vorwand, ich wolle einen Ausflug an die Küste des Meeres machen.
Dem Kutscher rufe ich Bahnhof Saint-Lazare zu. Als ich aber am Odeon vorbeikomme, lasse ich mich von ihm nach der Rue de la Clef führen, in die Nähe des Jardin des Plantes. Dort will ich bleiben, inkognito, um meine Studien zu vollenden, bevor ich nach Schweden reise.
8.
Die Hölle.
Endlich tritt eine Pause in meinen Strafen ein. Auf dem Treppenabsatz des Gartenhauses in einem Sessel sitzend, verbringe ich Stunden damit, die Blumen des Gartens zu betrachten und über die Vergangenheit nachzudenken. Die Ruhe, die nach meiner Flucht eingetreten ist, beweist mir, dass mich keine Krankheit befallen, sondern dass mich Feinde verfolgt haben. Am Tage arbeite ich, und in der Nacht schlafe ich ruhig.
Von der Unsauberkeit befreit, fühle ich mich wieder jung werden, wenn ich die Stockrosen, die Blumen meiner Jugend, betrachte.
Der Jardin des Plantes, dieses den Parisern unbekannte Wunder von Paris, ist mein Park geworden. Die ganze Schöpfung, in einer Ringmauer gesammelt, die Arche Noahs, das wiedergefundene Paradies, in dem ich ohne Gefahr zwischen wilden Tieren lustwandle, es ist zu viel Glück. Von den Gesteinen ausgehend, komme ich durch das Reich der Pflanzen und Tiere, um zum Menschen zu gelangen, hinter dem ich den Schöpfer entdecke. Der Schöpfer, dieser grosse Künstler, der sich entwickelt, indem er schafft, Skizzen macht, die er wieder verwirft, unreife Gedanken wieder aufnimmt, einfache Formen vollendet und vervielfacht. Alles ist das Werk seiner Hand. Oft macht er ungeheuere Fortschritte, indem er die Arten erfindet, und dann kommt die Wissenschaft, stellt Lücken, fehlende Glieder fest und bildet sich ein, die Zwischenarten seien verschwunden.
Da ich nun vor meinen Verfolgern in Sicherheit zu sein glaube, sende ich meine Adresse ans Hotel Orfila, um wieder in Verbindung mit der Aussenwelt zu treten, indem ich meine durch die Flucht unterbrochene Korrespondenz wieder aufnehme.
Kaum aber habe ich mein Inkognito gelüftet, ist der Friede aus. Es geschehen wieder Dinge, die mich beunruhigen, und das frühere Unbehagen bedrückt mich. Zunächst werden in dem Zimmer des Erdgeschosses, das neben meinem liegt und bisher frei war, auch keine Möbel hatte, Gegenstände aufgestapelt, deren Gebrauch mir unerklärlich bleibt. Ein alter Herr mit grauen und boshaften Bärenaugen trägt leere Warenbüchsen, Blechplatten und andere Gegenstände hinein, aus denen man nicht klug wird.
Zur selben Zeit beginnen wieder die Geräusche von der Rue de la Grande-Chaumière über meinem Kopfe: man zieht Stricke, schlägt mit Hämmern, ganz als montiere und aufstelle man eine Höllenmaschine, wie die Nihilisten sie anwenden.
Dann ändert die Wirtin, die zu Anfang meines Aufenthaltes freundlich war, ihr Benehmen gegen mich, sucht mich auszukundschaften, grüsst mich auf herausfordernde Art.
Ferner wechselt die erste Etage über mir den Mieter. Der alte stille Herr, dessen schwere Schritte mir bekannt waren, ist nicht mehr da. Ein zurückgezogen lebender Rentier, bewohnt er das Haus seit Jahren, und er ist nicht verreist sondern hat nur das Zimmer gewechselt. Warum?
Das Mädchen, das mein Zimmer aufräumt und mir die Mahlzeiten bringt, ist ernst geworden und wirft mir verstohlen mitleidige Blicke zu.
Jetzt ist über mir ein Rad, das sich den ganzen Tag dreht und dreht.
Zum Tode verurteilt! Das ist mein bestimmter Eindruck. Durch wen? Durch die Russen, die Pietisten, die Katholiken, die Jesuiten, die Theosophen! Weshalb? Als Zauberer oder Schwarzmagier?
Oder von der Polizei! Als Anarchist? Das ist ja eine sehr gebräuchliche Anklage, um persönliche Feinde zu beseitigen.
In dem Augenblick, wo ich dieses schreibe, weiss ich nicht, was sich in jener Julinacht, als sich der Tod auf mich stürzte, ereignet hat, aber ich weiss wohl und werde nie vergessen, welche Lektion ich für mein Leben bekam.
Selbst wenn die, welche das Geheimnis kennen, zugeben und eingestehen, dass es eine Intrige war, die Menschenhände eingefädelt hatten, grolle ich ihnen nicht, da ich jetzt überzeugt bin, dass eine andere stärkere Hand ihre in Bewegung setzte, ohne dass sie es wussten, ohne dass sie es wollten.
Nimmt man andererseits an, es sei keine Intrige gewesen, so hätte ich selber durch meine Einbildung diese Zuchtgeister geschaffen, um mich zu strafen. Wir werden im folgenden sehen, wieweit diese Annahme wahrscheinlich sein mag.
Am Morgen des letzten Tages stehe ich mit einer Resignation auf, die ich religiös nennen möchte; nichts bindet mich mehr ans Leben. Ich habe meine Papiere geordnet, die notwendigsten Briefe geschrieben, verbrannt, was zu vernichten war.
Dann gehe ich in den Jardin des Plantes, um der Schöpfung Lebewohl zu sagen.
Die schwedischen Magneteisenblöcke, die vor dem mineralogischen Museum aufgestellt sind, grüssen mich von meinem Vaterland. Die Akazie des Robin, die Zeder des Libanon, die Denkmäler der grossen Epochen der noch lebenden Wissenschaft, ich grüsse sie.
Ich kaufe Brot und Kirschen. Mein alter Freund Martin kennt mich persönlich, weil ich der einzige bin, der ihm beim Aufstehen und Schlafengehen Kirschen gibt. Das Brot bringe ich dem jungen Elefanten, der mir ins Gesicht spuckt, nachdem er alles gefressen hat, die undankbare und treulose Jugend.
Lebt wohl, Geier, Himmelsbewohner, nun in einem schmutzigen Käfig eingeschlossen; leb wohl, Bison, Behemoth, gefesselter Dämon; leb wohl, Robbenpärchen, das die eheliche Liebe über den Verlust des Ozeans und der grossen Horizonte tröstet. Lebt wohl, Steine, Pflanzen, Blumen, Bäume, Schmetterlinge, Vögel, Schlangen, ihr alle geschaffen von der Hand eines guten Gottes! Und ihr, grosse Männer, Bernardin de Saint-Pierre, Linne, Geoffroy, Saint-Hilaire, Haüy, deren Namen in goldenen Buchstaben am Giebel des Tempels stehen—lebt wohl! oder vielmehr: auf Wiedersehen!
Ich verlasse das irdische Paradies in dem ich an Seraphites erhabene Worte denke: "Leb wohl, arme Erde! Leb wohl!"
Als ich den Garten des Hotels wieder betrete, wittere ich die Gegenwart eines Menschen, der, während ich fort war, gekommen ist. Ich sehe ihn nicht, aber ich fühle ihn.
Was meine Unruhe noch vermehrt, ist die augenscheinliche Veränderung, die mit dem benachbarten Zimmer vorgegangen ist. Zunächst ist eine Decke über einen Strick gehängt, augenscheinlich um etwas zu verbergen. Auf dem Mantels des Kamins sind in Stapeln Metallplatten aufgehäuft, die durch Querhölzer voneinander getrennt sind. Auf jedem Stapel liegt ein Photographiealbum oder irgendein Buch, offenbar, um diesen Höllenmaschinen, die ich für Akkumulatoren halten möchte, ein unschuldiges Aussehen zu geben.
Dazu kommt, dass ich auf einem Dach der Rue Censier, gerade dem Pavillon, in dem ich wohne gegenüber, zwei Arbeiter bemerke. Was sie dort oben machen, kann ich nicht unterscheiden, aber sie zielen nach meiner Glastür, während sie mit Gegenständen hantieren, die ich nicht erkennen kann.
Warum entschliesse ich mich nicht zum Fliehen? Weil ich zu stolz bin und das Unvermeidbare ertragen muss.
Ich bereite mich also auf die Nacht vor. Ich nehme ein Bad und achte sorgfältig darauf, dass meine Füsse weiss werden, denn meine Mutter hatte mir als Kind eingeprägt, dass schwarze Füsse ein Zeichen der Schande sind. Ich rasiere mich und parfümiere mein Hochzeitshemd, das ich vor drei Jahren in Wein kaufte.... Die Toilette des zum Tode Verurteilten.
Ich lese in der Bibel die Psalmen, in denen David die Rache des Ewigen auf seine Feinde herabruft.
Aber die Busspsalmen? Nein, ich habe nicht das Recht, zu bereuen, denn nicht ich habe mein Schicksal gelenkt; ich habe niemals das Böse um des Bösen willen getan, ich habe es nur getan, um meine Person zu verteidigen. Bereuen, das heisst, die Vorsehung kritisieren, die uns die Sünde als ein Leiden auferlegt, um uns durch den Ekel, den die schlechte Handlung einflösst, zu läutern.
Meine Rechnung mit dem Leben schliesst so ab: die Posten heben sich auf! Wenn ich gesündigt habe, auf mein Wort, ich habe genug Strafe dafür gelitten; ganz sicher! Die Hölle fürchten? Ich habe, ohne zu straucheln, hier auf Erden tausend Höllen durchwandert, und das hat den brennenden Wunsch in mir entfacht, die Eitelkeiten und falschen Freuden dieser Welt, die ich immer verabscheut habe, zu verlassen. Mit Heimweh nach dem Himmel geboren, weinte ich schon als Kind über den Schmutz des Daseins, fühlte mich fremd und heimatlos unter meinen Verwandten und in der Gesellschaft.
Seit meiner Kindheit habe ich Gott gesucht, und ich habe den Teufel gefunden. In meiner Kindheit habe ich das Kreuz Christi getragen, und ich habe einen Gott verleugnet, der sich begnügt, über Sklaven, die ihren Peinigern dienen, zu herrschen.
Als ich die Vorhänge meiner Glastür niederlasse, bemerkt ich im Privatsalon eine Gesellschaft von Damen und Herren, die Champagner trinken. Offenbar Fremde, die heute abend angekommen sind. Aber es ist keine Lustpartie, denn sie sehen alle ernst aus, diskutieren, machen Pläne, sprechen mit leiser Stimme wie Verschwörer. Um meine Marter vollständig zu machen, drehen sie sich auf ihren Stühlen um und zeigen mit den Fingern nach meinem Zimmer.
Um zehn Uhr ist meine Lampe gelöscht, und ich schlafe ruhig ein, resigniert wie ein Sterbender.
Ich erwache; eine Uhr schlägt zwei, eine Tür wird zugemacht, und ... ich bin aus dem Bett wie gehoben durch eine Saugpumpe, die mir das Herz aussaugt. Als ich auf den Füssen bin, trifft eine elektrische Dusche meinen Nacken und drückt mich zu Boden.
Ich erhebe mich wieder, fasse meine Kleider und stürze in den Garten hinaus, ein Raub des furchtbarsten Herzklopfens.
Als ich mich angekleidet habe, ist mein erster klarer Gedanke, die Polizei zu rufen, um eine Haussuchung vornehmen zu lassen.
Aber die Haustür ist verschlossen, ebenso die Portierloge; ich tappe mich im Finstern vorwärts, öffne eine Tür rechts und trete in die Küche, wo ein Nachtlicht brennt. Ich stosse es um und stehe in tiefster Dunkelheit.
Die Furcht bringt mich wieder zur Besinnung, und von dem Gedanken, wenn ich mich täusche, bin ich verloren, geleitet, kehre ich in mein Zimmer zurück.
Ich schleppe einen Sessel in den Garten und, unter dem Sterngewölbe sitzend, denke ich an das, was sich zugetragen hat.
Eine Krankheit? Unmöglich, da es mir gut ging, bis ich mein Inkognito lüftete. Ein Attentat! Offenbar, da ich selber die Vorbereitungen gesehen habe. Übrigens, hier in diesem Garten, ausser Bereich meiner Feinde, bin ich wieder hergestellt, und mein Herz funktioniert vollkommen normal.
Während ich diese Überlegungen anstelle, höre ich in dem Zimmer, das an meines stösst, jemand husten. Kurz darauf antwortet ein leises Husten im Zimmer, das darüber liegt.
Wahrscheinlich sind es Zeichen, und sie gleichen genau denen, die ich der letzten Nacht im Hotel Orfila gehört hatte.
Ich mache mich an die Glastür des Zimmers im Erdgeschoss, um das Schloss aufzubrechen, aber es ist vergebens.
Vom nutzlosen Kampf gegen die Unsichtbaren ermüdet, sinke ich in den Sessel nieder; der Schlaf erbarmt sich meiner, ich schlummere ein, unter den Sternen einer schönen Sommernacht, während die Stockrosen sich im lauen Juliwind wiegen.
Die Sonne weckt mich. Ich danke der Vorsehung, dass sie mich vom Tode errettet hat, und packe meine wenigen Sachen, um nach Dieppe zu fahren. Dort werde ich Schutz bei Freunden finden, die ich zwar wie alle andern vernachlässigt habe, die aber nachsichtig und grossmütig gegen Unglückliche und Schiffbrüchige sind.
Als ich das Hotel verlasse, schleudere ich einen Fluch auf das Haupt der Übeltäter und rufe das Feuer des Himmels auf diese Räuberhöhle herab; ob mit Recht oder Unrecht, wer kann es wissen?
Meine guten Freunde in Dieppe erschrecken als sie mich mit meiner von Manuskripten beschwerten Reisetasche den kleinen Hügel der Orchideenstadt hinaufsteigen sehen.
—Woher kommen Sie, Unglücklicher?
—Ich komme vom Tode.
—Ich ahnte es, denn Sie sehen aus wie eine Leiche.
Die gute und reizende Dame des Hauses fasst mich bei der Hand und führt mich vor einen Spiegel, in dem ich mich betrachten kann. Das Gesicht von Rauch des Zuges geschwärzt, die Backen hohl, die Haare voll Schweiss und angegraut, die Augen verstört, die Wäsche schmutzig: es war ein Anblick zum Erbarmen.
Als die liebenswürdige Dame, die mich wie ein krankes und verlassenes Kind behandelte, mich vor der Toilette allein liess, musterte ich mein Gesicht genauer. Es war ein Ausdruck in den Zügen, der mich erschreckte. Das war weder der Tod, noch das Laster, das war etwas anderes. Und wenn ich Swedenborg gekannt hätte, hätte ich die vom bösen Geist hinterlassene Spur mich über den Zustand meiner Seele und die Begebenheiten der letzten Wochen aufgeklärt.
Jetzt dagegen schämte ich mich und entsetzte ich mich vor mir selber, und ich bereute es, gegen diese Familie undankbar gewesen zu sein, die mir einst diesen rettenden Hafen angeboten hatte, mir und so vielen andern Schiffbrüchigen.
Zur Busse bin ich von den Furien hierher gejagt worden. Es ist ein schönes Künstlerheim, ein guter Haushalt, eheliches Glück, reizende Kinder, Luxus und Sauberkeit, eine Gastfreundschaft ohne Grenzen, Hochherzigkeit im Urteil, eine Atmosphäre der Schönheit und Güte, die mir in die Seele brennt. Und unter all diesem fühle ich mich nicht glücklich, wie im Paradies ein Verdammter. Hier beginne ich zu entdecken, dass ich verdammt bin.
Vor meinen Augen breitete sich alles aus, was das Leben an Glück bieten kann, alles, was ich verloren habe.
Ich bewohne eine Dachstube, von der ich den Gipfel des Hügels sehe, wo ein Hospiz für alte Leute liegt. Am Abend entdecke ich zwei Männer, die sich gegen die Ringmauer lehnen, nach unserer Villa spähen und mit Gebärden die Stelle meines Fensters bezeichnen. Die Idee, durch Feinde, die Elektriker sind, verfolgt zu sein, nimmt mich von neuem in Besitz.
Es ist die Nacht vom 25. auf den 26. Juli 1896. Meine Freunde habe ihr Möglichstes getan, um mich zu beruhigen; wir haben zusammen alle Dachkammern, die neben meinem Zimmer liegen, sogar den Boden untersucht, damit ich sicher sei, dass sich niemand in strafbarer Absicht dort versteckt habe. Als man aber die Tür einer Rumpelkammer öffnet, macht ein an sich gleichgültiger Gegenstand einen entmutigenden Eindruck auf mich. Es ist ein Eisbär, der als Teppich dient; aber der gähnende Rachen, die drohenden Eckzähne, die funkelnden Augen reizen mich. Warum muss dieses Tier gerade in diesem Augenblick dort liegen?
Ohne mich auszuziehen, lege ich mich aufs Bett, entschlossen, den verhängnisvollen Glockenschlag der zweiten Stunde abzuwarten.
Ich warte bis Mitternacht, mit Lesen beschäftigt.
Ein Uhr ist vorbei, und das ganze Haus schläft ruhig.
Endlich schlägt es zwei Uhr! Nichts geschieht! Da, in einem Anfall von Anmassung, und um die Unsichtbaren herauszufordern, vielleicht auch in der Absicht, ein physikalisches Experiment zu machen, stehe ich auf, öffne die beiden Fenster, stecke zwei Kerzen an. Ich setze mich an den Tisch hinter die Leuchter und biete mich mit unbedeckter Brust als Zielscheibe dar und fordere die Unbekannten heraus.
—Hier bin ich, ihr Einfältigen!
Da macht sich ein Fluidum, wie ein elektrisches, fühlbar, zuerst schwach. Ich blicke auf meine Magnetnadel, die ich als Zeuge aufgestellt habe; aber keine Spur der Abweichung: also keine Elektrizität.
Aber die Spannung nimmt zu, mein Herz schlägt kräftig; ich wiederstehe, aber schnell wie ein Blitz erfüllt ein Fluidum meinen Körper, erstickt mich und saugt an meinem Herzen....
Ich stürze die Treppe hinunter, um den Salon im Erdgeschoss zu erreichen, wo man mir, für den Fall der Not ein provisorisches Bett bereitet hat. Da liege ich fünf Minuten und denke nach. Ist es strahlende Elektrizität? Nein, da die Magnetnadel nichts angezeigt hat. Eine Krankheit, veranlasst durch die Furcht vor der zweiten Stunde? Auch nicht, da mir nicht der Mut fehlt, den Angriffen zu trotzen. Warum musste ich denn die Kerzen anstecken, die das unbekannte Fluidum, dessen Opfer ich war, anzogen?
Ohne Antwort zu erhalten, in einem endlosen Labyrinth verirrt, zwinge ich mich, einzuschlafen; da aber greift mich eine neue Entladung an, die Jagd beginnt wieder. Ich ducke mich hinter der Wand, ich lege mich unter das Gesims der Türen, vor die Kamine. Überall, überall finden mich die Furien. Die Seelenangst nimmt überhand, der panische Schrecken vor allem und nichts ergreift mich so, dass ich von Zimmer zu Zimmer fliehe; schliesslich flüchte ich mich auf den Balkon, wo ich mich zusammenkauere.
Der Morgen ist graugelb, und die sepiafarbigen Wolken zeigen seltsame, ungeheuerliche Formen, die meine Verzweiflung vermehren. Ich suche das Atelier meines Freundes, des Malers, auf, lege mich auf den Teppich und schliesse die Augen. Fünf Minuten später werde ich von einem störenden Geräusch geweckt. Eine Maus äugt nach mir, mit der deutlichen Absicht, sich zu nähern. Ich verjage sie: sie kommt mit einer zweiten zurück. Mein Gott, habe ich das Delirium? Ich habe doch diese letzten drei Jahre den Wein nicht missbraucht! (Am nächsten Tag überzeugte ich mich, dass es wirklich Mäuse im Atelier gab, aber durch wen vorbereitet, und zu welchem Zweck?)
Ich wechsle den Platz und lege mich auf den Teppich des Flurs. Der barmherzige Schlaf senkt sich auf meinen gefolterten Geist, und ich verliere das Bewusstsein des Schmerzes, vielleicht eine halbe Stunde lang.
Ein deutlich artikulierter Schrei "Alp!" lässt mich plötzlich auffahren.
Alp! das ist der deutsche Name für einen quälenden, bedrückenden Traum. Alp! das ist das Wort, das die Tropfen des Gewitterregens im Hotel Orfila auf mein Papier zeichneten.
Wer hat es ausgerufen? Niemand, da alle Bewohner des Hauses schlafen. Ein Spiel von Dämonen. Ein poetisches Bild, das vielleicht die ganze Wahrheit enthält.
Ich steige die Treppe hinauf und trete in meine Dachstube: die Lichter sind niedergebrannt, tiefes Schweigen herrscht.
Da läutet das Angelus: es ist der Tag des Herrn.
Ich nehme das römische Gebetbuch und ich lese: De profundis clamavi ad te, Domine! Getröstet, sinke ich auf das Bett wie ein Toter.
Sonntag, den 26. Juli 1896. Ein Zyklon verwüstet den Jardin des Plantes. Die Zeitungen bringen die Einzelheiten, die mich seltsam interessieren; warum, kann ich nicht sagen. Heute soll Andrées Ballon zu seiner Nordpolfahrt aufsteigen; aber die Vorzeichen verkünden Unheil. Der Zyklon hat mehrere Ballons, die an verschiedenen Stellen aufgestiegen sind, zu Boden geschleudert, und mehrere Luftschiffer sind dabei umgekommen. Elisée Reclus hat sich das Bein gebrochen. Gleichzeitig hat sich in Berlin ein Mann namens Pieska auf ungewöhnliche Weise getötet; er schlitzte sich nach Art der Japaner den Bauch auf. Ein blutiges Drama.
Am nächsten Morgen verlasse ich Dieppe. Dieses Mal segne ich das Haus, dessen berechtigte Freuden ich durch meine Qualen verdüstert habe.
Da ich den Gedanken, dass übersinnliche Mächte in mein Schicksal eingreifen, noch immer zurückweise, bilde ich mir ein, eine Nervenkrankheit zu haben. Darum will ich nach Schweden fahren, um einen befreundeten Arzt aufzusuchen.
Als Andenken an Dieppe nehme ich einen Stein mit, der eine Art Eisenerz ist, die Form eines Dreiblatts hat, einem Spitzbogenfenster gleich, und das Zeichen des Malteserkreuzes trägt. Ich habe den Stein von einem Kind erhalten, das ihn am Strande gefunden hat. Es erzählte mir auch, diese Art Steine fielen vom Himmel, und würden dann von den Wellen ans Land geworfen.
Ich möchte gern an seine Deutung glauben und behalte das Geschenk als einen Talisman, dessen Bedeutung mir noch verborgen ist.
(An der Küste der Bretagne sammeln die Strandbewohner nach einem Sturme Steine in der Form eines Kreuzes, die wie Gold aussehen. Das ist ein Erz, das Staurolith heisst.)
Ganz im Süden Schwedens, an der Küste des Meeres, liegt die kleine Stadt: ein altes Seeräuber- und Schmugglernest, in dem Weltumsegler exotische Spuren aus vier Weltteilen hinterlassen haben.
So sieht die Wohnung meines Arztes wie ein buddhistisches Kloster aus. Die vier Flügel des einstöckigen Gebäudes schliessen einen viereckigen Hof ein, in dessen Mitte ein kuppelförmiger Bau an das Grabmal des Tamerlan zu Samarkand erinnert. Die Struktur und die Bekleidung des Dachstuhls mit chinesischen Ziegeln erinnern an den äussersten Orient. Eine apathische Schildkröte kriecht über das Pflaster und versinkt mitten im Gras in ein Nirvana der Betrachtung, das sich bis in Unendlichkeit ausdehnt.
Ein dichtes Gesträuch bengalischer Rosen schmückt die äussere Mauer des westlichen Flügels, wo ich allein wohne. Zwischen diesem Hof und den beiden Gärten liegt ein Wirtschaftshof, auf dem eine Kastanie steht und schwarze Hühner zanken; es ist eine Art Gang, dunkel und feucht.
Im Lustgarten steht ein Pavillon im Stil der Pagode, von Pfeifenstrauch überwachsen.
Dieses Kloster, das unzählige Zimmer hat, wird von einem einzigen Menschen bewohnt, dem Leiter des Kreiskrankenhauses. Witwer, Einsiedler, unabhängig, hat er die harte Schule des Lebens und der Menschen durchgemacht und verachtet die Menschen mit dieser starken und edlen Verachtung, die zur tiefen Erkenntnis der relativen Nichtigkeit aller Dinge führt, das eigene Ich einbegriffen.
Dieser Mann trat so unerwartet auf die Bühne meines Lebens, dass ich sein Auftreten zu den Theatercoups ex machina zählen möchte.
Als ich jetzt, von Dieppe kommend, im gegenüberstehe, sieht er mich fest und prüfend an und ruft aus:
—Was fehlt dir? Nervenkrank! Gut! Aber da ist auch noch etwas anderes. Du hast böse Augen, und das habe ich noch nicht bei dir gesehen. Was hast du gemacht? Ausschweifungen, Laser, verlorenen Illusionen, Religion? Erzähle mir, alter Junge!
Aber ich erzähle nichts, da der erste Gedanke, der meinem argwöhnischen Geist kommt, der ist, dass er gegen mich voreingenommen sei, dass er Erkundigungen eingezogen habe, dass ich interniert bin.
Ich schütze Nervosität, Schlaflosigkeit, Alpdrücken vor, und dann sprechen wir von anderen Dingen.
Als ich mich in meiner kleinen Wohnung einrichte, bemerke ich alsbald das amerikanische eiserne Bett, dessen vier in Messingkugeln endende Pfeiler den Leitern einer Elektrisiermaschine gleichen. Fügt man dazu die elastische Matratze, deren kupferne Sprungfedern wie die Spiralen der Rühmkorffschen Induktionsrolle aussehen, so kann man sich denken, wie wütend ich über diesen teuflischen Zufall bin. Unmöglich kann ich bitten, das Bett zu wechseln, weil dann der Verdacht aufkommen könnte, ich sei wahnsinnig.
Ich will mich vergewissern, dass nichts über meinem Bett verborgen ist, und steige auf den Boden hinauf. Um das Unglück voll zu machen, liegt dort oben nur ein einziger Gegenstand, und zwar ein ungeheures, zusammengerolltes Netz aus Eisendraht, gerade über meinem Bett. Das ist ein Akkumulator, sage ich mir. Wenn ein Gewitter, das hier sehr häufig ist, ausbricht, wird das Eisennetz den Blitz anziehen, und ich werde auf dem Konduktor liegen. Aber ich wage nichts zu sagen.
Zugleich beunruhigt mich der Lärm, den eine Maschine macht. Ein Ohrensausen verfolgt mich, seit ich das Hotel Orfila verlassen habe, wie das Stampfen eines Wasserrades. Da ich zweifle, ob dieses Geräusch tatsächlich vorhanden ist, frage ich, was es ist.
—Die Presse der Druckerei nebenan.
Alles erklärt sich wunderschön und doch macht mich diese Einfachheit der Mittel verrückt, erschreckt mich.
Die gefürchtete Nacht kommt. Der Himmel ist bedeckt, die Luft ist schwer; man erwartet ein Gewitter. Ich wage nicht, zu Bett zu gehen, und bringe zwei Stunden damit zu, dass ich Briefe schreibe. Von Müdigkeit überwältigt, entkleide ich mich und schlüpfe zwischen die Laken. Ein furchtbares Schweigen herrscht im Haus, als ich die Lampe lösche. Ich fühle, dass jemand im Dunkeln auf mich lauert, mich berührt, nach meinem Herzen tastet, saugt.
Ohne zu warten, springe ich aus dem Bett, öffne das Fenster uns stürze mich auf den Hof; aber die Rosensträucher stehen dort, und mein Hemd schützt mich nicht im geringsten gegen das Geisseln der Dornen. Zerrissen, blutend überschreite ich den Hof. Meine nackten Füsse werden von Kieselsteinen geschunden, von Disteln zerstochen, von Nesseln verbrannt; über unbekannt Gegenstände strauchelnd, erreiche ich die Küchentür, die zur Wohnung des Arztes führt. Ich klopfe. Keine Antwort!—Da erst entdecke ich, dass es regnet. Oh, Elend über Elend! Was habe ich getan, um diese Qualen zu verdienen? Sicher ist das die Hölle! Miserere! Miserere!
Ich klopfe immerzu!
Es ist seltsam, dass nie jemand da ist, wenn man mich angreift. Immer diese Alibis: es ist also ein Komplott, an dem alle teilnehmen! Endlich die Stimme des Arztes:
—Wer da?
—Ich bin es! Ich bin krank! Öffne, oder ich sterbe! Er öffnet.
—Was ist dir geschehen?
Ich beginne meine Erzählung mit dem Attentat in der Rue de la Clef, das ich feindlichen Elektrikern zuschreibe....
—Schweig, Unglücklicher! Du leidest an einer Geisteskrankheit.
—Verflucht! Untersuche doch meinen Verstand; lies, was ich täglich schreibe und was man druckt....
—Schweig! Kein Wort zu irgendwem! Die Bücher der Irrenhäuser kennen diese elektrischen Geschichten aus dem Grunde.
—Das wäre noch schöner! Ich kehre mich so wenig an eure Irrenhausbücher, dass ich, um mir Klarheit zu verschaffen, morgen nach Lund fahren werde, um mich im dortigen Irrenhaus untersuchen zu lassen!
—Dann bist du verloren! Kein Wort mehr davon, und leg dich hier im Nebenzimmer schlafen!
Ich gebe nicht nach und verlange, dass er mich anhört. Er lehnt es ab und will nichts hören.
Wieder allein, frage ich mich: ist es möglich, dass ein Freund, ein Ehrenmann, der sich von schmutzigen Händeln rein erhalten hat, seine ehrenwerte Laufbahn damit beschliesst, dass er der Versuchung unterliegt? Wessen Versuchung? Die Antwort fehlt mir; aber die Vermutungen fliessen über.
Every man his price, jeder Mann hat seinen Preis! Hier war allerdings eine bedeutende Summe notwendig, im Verhältnis zu seiner Tugend.—Aber zu welchem Zweck? Eine gewöhnliche Rache bezahlt man nicht übermässig! Es muss sich um ein ausserordentliches Interesse handeln! Halt, ich habe es! Ich habe Gold gemacht, der Doktor hat es halb erkannt, aber heute hat er es abgeleugnet, dass er meine Versuche, die ich ihm brieflich mitgeteilt hatte, wiederholt habe. Er hat es abgeleugnet, und doch habe ich heute abend Proben von seiner Hand gefunden; sie lagen auf dem Pflaster des Hofes. Also hat er gelogen!
Übrigens hat er sich am selben Abend darüber ausgesprochen, was für traurige Folgen es für die Menschheit haben würde, wenn die Herstellung des Goldes sich bestätigte. Allgemeiner Zusammenbruch, überall Verwirrung, Anarchie, Ende der Welt.
Man müsste den Erfinder töten! das war sein letztes Wort.
Ferner, als wir über die wirtschaftliche Lage meines Freundes sprechen, die recht bescheiden ist, war ich erstaunt, ihn sagen zu hören, dass er den Hof, den er bewohnt, demnächst kaufen werde. Er hat Schulden, ist beinahe in Verlegenheit, und träumt davon Grundbesitzer zu werden.
Alles vereinigt sich, um mir meinen guten Freund verdächtig zu machen.
Verfolgungswahn! Mag sein; aber der Künstler, der die Glieder dieser höllischen Syllogismen schmiedet, wo ist er?
—Man müsste ihn töten! Das ist der letzte Gedanke, den ich in meiner Qual festhalten kann, bevor ich gegen Sonnenaufgang einschlafe.
Wir haben eine Kaltwasserkur begonnen, und ich habe das Zimmer für die Nächte gewechselt, die jetzt ziemlich ruhig sind, wenn auch einige Rückfälle eintreten.
Eines Abends bemerkt der Doktor das Gebetbuch auf meinem Nachttisch und gebärdet sich wie ein Rasender.
—Immer noch diese Religion! Das ist ein Symptom begreifst du das?
—Oder ein Bedürfnis wie andere!
—Ich bin kein Atheist; aber ich denke, dass der Allmächtige die frühere Vertraulichkeit nicht mehr will. Man macht dem Ewigen nicht mehr den Hof, damit ist es aus! Ich halte mich an den Grundsatz des Mohammedaners, der um nichts als Gelassenheit bittet, damit er die Last des Daseins ertragen kann.
Grosse Worte, aus denen ich mir eigene Goldkörner heraushole. Er nimmt mir Gebetbuch und Bibel fort.
—Lies gleichgültige Sachen, von sekundärem Interesse, Weltgeschichte, Mythologie, und lass die Grübeleien. Vor allem: hüte dich vor dem Okkultismus, dieser Pseudowissenschaft. Es ist uns verboten, die Geheimnisse des Schöpfers zu erspähen, und wehe denen, die sie sich erlisten.
Als ich einwende, dass sich in Paris eine ganze Schule von Okkultisten gebildet habe, heult er:
—Wehe ihnen!
Am Abend bringt er mir Viktor Rydbergs "Germanische Mythologie", und zwar ohne Hintergedanken; ich bin wenigstens davon überzeugt.
—Hier sind Geschichten, bei denen man im Stehen einschlafen kann. Das wirkt besser als Sulfonal.
Wenn mein guter Freund gewusst hätte, welchen Zündfaden er da anzündete, er hätte lieber....
Die Mythologie in zwei Bänden, von zusammen tausend Seiten, öffnet sich unter meinen Händen wie von selber und meine Blicke heften sich alsbald auf diese Reihen, die sich meinem Gedächtnis in Feuerschrift einprägen:
"Nach der Legende blähte sich der durch seinen Vater unterrichtete Bhrigu vor Hochmut und bildete sich ein, seinen Meister zu übertreffen. Der sandte ihn in die Unterwelt, wo er zu seiner Demütigung tausend Schrecken beiwohnen muss, von denen er nie etwas geahnt hatte."
Das hiess also: der Hochmut, die Anmassung, die Hybris, bestraft durch meinen Vater und Meister. Und ich befand mich in der Hölle, von den Mächten dahingejagt. Wer war denn mein Meister? Swedenborg?
Ich blätterte in dem wunderbaren Buch weiter.
?Man vergleiche mit dieser Fabel die germanische Mythe von den Dornenfeldern, welche die Füsse der Ungerechten geisseln....
Genug! Genug! Die Dornen auch! Das ist zu viel!
Kein Zweifel, ich bin in der Hölle! Und wirklich bestätigt die Wirklichkeit diese Phantasie in einer so plausiblen Weise, dass ich ihr schliesslich glauben muss.
Der Docktor scheint zwischen den verschiedensten Gefühlen zu schwanken. Bald ist er gegen mich eingenommen, sieht mich über die Achsel an, behandelt mich mit einer demütigenden Brutalität; bald ist er selbst ganz unglücklich und pflegt und tröstet mich wie ein krankes Kind. Ein anderes Mal freut er sich, einen Mann von Verdienst, den er früher geschätzt hat, unter die Füsse treten zu können. Dann macht er den Henker und predigt mir vor.
—Man muss arbeiten, man muss einen übertriebenen Ehrgeiz unterdrücken, man muss seine Pflicht gegen Vaterland und Familie erfüllen. Lass die Chemie; es ist eine Chimäre, es gibt so viel Spezialisten, die Autoritäten sind, Gelehrte von Beruf, die ihre Sache verstehen....
Eines Tages schlägt er mir vor, für die letzte Stockholmer Zeitung zu schreiben.
—Die zahlt!
Ich antworte ihm, ich habe es nicht nötig, Artikel für die letzte Stockholmer Zeitung zu schreiben, da das erste Blatt von Paris und der Welt mein Manuskript angenommen habe.
Da stellt er sich zweifelnd und behandelt mich als Aufschneider, obwohl er meine Artikel im Figaro gelesen und meinen Leitartikel im Gil Blas selbst übersetzt hat.
Ich bin ihm nicht böse: er spielt nur die Rolle, die ihm die Vorsehung auferlegt hat.
Ich tue mir Gewalt an, den Hass, der gegen diesen unvermuteten Dämon wächst, zu unterdrücken, und ich verwünsche das Schicksal, das meine Gefühle der Dankbarkeit gegen einen hochherzigen Freund in Undankbarkeit zu kehren sucht.
Kleinigkeiten erneuern unaufhörlich den Argwohn, den ich über die böswilligen Absichten des Doktors hege.
Heute hat er auf der Veranda, die auf den Garten hinaus geht, Äxte, Sägen, Hämmer gelegt, ganz neue, die zu nichts dienen. Zwei Gewehre und ein Revolver in seinem Schlafzimmer, und in einem Korridor noch eine Sammlung Äxte, die zu gross sind, um im Haushalt verwendet zu werden. Welcher teuflische Zufall, dass dieser Folterapparat meinen Blicken ausgesetzt ist! Der beunruhigt mich, weil er keinen Zweck hat und ungewöhnlich ist.
Die Nächte sind ziemlich ruhig für mich geworden, während der Doktor beunruhigende Wanderungen zu machen beginnt. So werde ich mitten in der dunkelsten Nacht durch einen Flintenschuss geweckt. Taktvoll, tue ich, als habe ich nichts gehört. Am Morgen erklärt er mir die Sache: ein Volk Elstern sei in den Garten gekommen und habe seinen Schlaf gestört.
In einer anderen Nacht stösst die Haushälterin um zwei Uhr morgens heisere Schreie aus.
In einer dritten Nacht seufzt der Doktor, indem er den "Herrn Zebaoth" anruft.
Bin ich in einem Spukhaus, und wer hat mich hierher geschickt?
Ich kann ein Lächeln nicht unterdrücken, wenn ich beobachte, wie der Alp, der mich besessen hat, sich meiner Gefangenenwächter bemächtigt. Aber die ruchlose Freude wird bald bestraft. Ein furchtbarer Anfall überrascht mich; ich erwache davon, dass mein Herzschlag stockt, und höre Worte, die ich in meinem Tagebuch notiert habe. Eine unbekannte Stimme ruft: "Drogist Luthardt"!
Drogist! Vergiftet man mich langsam mit Alkaloiden, die Wahnsinn hervorrufen, wie Bilsenkraut, Haschisch, Digitalin, Stechapfel?
Ich weiss es nicht; aber seitdem verdoppelt sich mein Argwohn.
Man wagt mich nicht zu töten, man will mich nur verrückt machen, durch List, um mich dann in einem Irrenhaus verschwinden zu lassen. Der Schein spricht mehr und mehr gegen den Doktor. Ich entdecke, dass er meine Goldsynthese entwickelt hat, so entwickelt hat, dass er weiter gekommen ist als ich. Übrigens alles, was er sagt, widerspricht sich im nächsten Augenblick, und seine Lügen gegenüber nimmt meine Phantasie den Zaum zwischen die Zähne und fliegt über die Grenzen der Vernunft.
Am 8. August mache ich meinen Morgenspaziergang vor der Stadt. An der Chaussée singt eine Telegraphenstange; ich trete näher, lege mein Ohr daran und lausche wie bezaubert. Am Fuss der Stange liegt zufällig ein Hufeisen. Ich hebe es auf als ein gutes Zeichen und nehme es mit nach Haus.
10 August.—Am Abend wünsche ich dem Doktor, dessen Benehmen mich in den letzten Tagen mehr als je beunruhigt hat, eine gute Nacht. In geheimnisvoller Weise hat er mit sich selbst gekämpft; sein Gesicht ist fahl geworden, seine Augen sind erloschen. Den ganzen Tag über singt oder pfeift er; ein Brief, den er empfing, hat einen starken Eindruck auf ihn gemacht.
Am Nachmittag kommt er von einer Operation nach Haus, seine Hände sind mit Blut befleckt, er bringt einen zwei Monate alten Fötus mit. Er sah wie ein Schlächter aus und sprach in einer unangenehmen Weise über die Befreiung der Mutter.
—Die Schwachen töten und die Starken beschützen! Fort mit dem Mitleid, es bringt die Menschheit herunter!
Ein Schrecken hat mich vor ihm erfasst. Nachdem wir uns an der Tür, die unsere beiden Zimmer trennt, gute Nacht gesagt haben, spähe ich nach ihm. Zuerst geht er in den Garten, ohne dass ich hören kann, was er dort macht. Dann tritt er in die Veranda, die neben meinem Schlafzimmer liegt, und bleibt dort. Er hantiert mit einem ziemlich schweren Gegenstand und zieht eine Feder auf, die nicht zu einer Uhr gehört. Alles geht leise vor sich, was auf Geheimniskrämerei oder verdächtige Arbeit deutet.
Halb entkleidet, erwarte ich stehend und unbeweglich, meinen Atem anhaltend, die Wirkung dieser geheimnisvollen Vorbereitungen.
Da, durch die Wand, die mein Bett berührt, strahlt das gewöhnliche und wohlbekannte Fluidum, betastet meine Brust und sucht das Herz. Die Spannung wächst ... ich nehme meine Kleider, schlüpfe durchs Fenster und kleide mich erst an, als ich die Pforte hinter mir habe.
Wiederum auf der Strasse, auf dem Pflaster, die letzte Zuflucht, den einzigen Freund verlassend. Ich gehe und gehe, ohne ein Ziel zu haben. Als ich zu mir komme, gehe ich geradeswegs zum Arzt der Stadt. Ich muss läuten, ich muss warten, und ich bereite mich auf meine Aussage vor, da ich meinen Freund nicht anklagen will.
Endlich erscheint der Doktor. Ich entschuldige mich wegen meines nächtlichen Besuches: aber Schlaflosigkeit und Herzklopfen bei einem Kranken, der das Vertrauen zu seinem Arzt verloren hat usw.... Mein guter Freund, dessen Gastfreundschaft ich angenommen habe, behandle mich als eingebildet Kranken und wolle mich nicht anhören.
Als habe er meinen Besuch erwartet, ladet der Doktor mich ein, auf einem Stuhl Platz zu nehmen, und bietet mir eine Zigarette und ein Glas Wein an.
Es ist eine Befreiung für mich, wie ein wohlerzogener Mensch empfangen zu werden, nachdem man mich wie einen elenden Idioten behandelt hat. Wir plaudern zwei Stunden, und der Arzt enthüllt sich als Theosoph, dem ich alles mitteilen kann, ohne mich blosszustellen.
Schliesslich, etwas nach Mitternacht, erhebe ich mich, um ein Hotel aufzusuchen. Der Doktor rät mir, nach Haus zurückzukehren.
—Niemals! Er wäre fähig, mich zu töten!
—Wenn ich Sie begleite?
—Dann haben wir zusammen das Feuer des Feindes auszuhalten. Aber er wird mir nie verzeihen.
—Gehen wir jedenfalls!
So kehre ich auf meinen Spuren zurück. Da ich die Tür geschlossen finde, klopfe ich.
Als nach einer Minute mein Freund öffnet, da, bin ich es, der von Mitleid ergriffen wird. Er, der Chirurg, gewohnt, Leiden zu verursachen, ohne Mitleid zu empfinden, der Verkünder des überlegten Mordes, er sieht kläglich aus, ist blass wie eine Leiche; er zittert und stammelt; als er den Doktor, der hinter mir steht, erblickt, sinkt er zusammen, von einem Schrecken ergriffen, der mich mehr entsetzt, als alle vorhergehenden Schauder.
Ist es möglich, dass dieser Mann einen Mord beabsichtigt hat und dass er die Entdeckung fürchtete? Nein, das ist unmöglich, ich weise diesen Gedanken zurück: er ist ruchlos.
Nachdem wir nichtssagende Worte ausgetauscht haben, die von meiner Seite fast läppisch sind, trennen wir uns, um schlafen zu gehen.
Es gibt im Leben so schreckliche Zwischenfälle, dass die Seele sich in dem Augenblick weigert, die Spur zu bewahren; aber der Eindruck bleibt und tritt bald mit unwiderstehlicher Kraft wieder zum Vorschein.
So kommt mir, als ich nach Hause zurückkehre, plötzlich eine Szene wieder, die sich im Salon des Doktors zutrug, als ich ihn in der Nacht aufsuchte.
Der Doktor verlässt mich um Wein zu holen; allein im Zimmer, betrachte ich einen Schrank mit Füllungen, deren Getäfel aus Nussbaum oder Erle gearbeitet ist, ich weiss es nicht mehr genau. Wie gewöhnlich bilden die Holzfasern Figuren. Hier zeigt sich ein Bockskopf in meisterhafter Ausführung. Ich kehre ihm gleich den Rücken. Pan selbst, nach den Überlieferungen der Alten; Pan, den das Mittelalter später in Satan verwandelte: der war es wohl!
Ich beschränke mich hier darauf, die Tatsache zu erzählen; der Arzt, der Besitzer des Schrankes, würde der Geheimwissenschaft einen Dienst leisten, wenn er die Füllung photographieren liesse. Dr. Mac Haven hat sich in der "Initiation" (November 1896) mit diesen Erscheinungen beschäftigt, die in allen Naturreichen so gewöhnlich sind. Ich empfehle dem Leser, das Gesicht, das auf dem Rückenschild der Krabbe gezeichnet ist, genau zu betrachten.
Nach diesem Abenteuer zeigt sich eine offenbare Feindseligkeit zwischen meinem Freund und mir. Er gibt mir zu verstehen, dass ich faulenze und dass meine Anwesenheit überflüssig sei. Ich antworte ihm, dass ich bereit sei, in ein Hotel zu gehen, um wichtige Briefe abzuwarten. Da spielt er den Beleidigten.
In Wirklichkeit kann ich mich vor Geldmangel nicht rühren. Übrigens ahne ich, dass in meinem Schicksal eine Änderung bevorsteht.
Meine Gesundheit ist wiederhergestellt: ich schlafe nachts ruhig und arbeite am Tage.
Der Zorn der Vorsehung scheint vertagt zu sein, und meine Versuche gelingen in allem. Wenn ich zufällig ein Buch aus der Bibliothek des Doktors hole, enthält es immer die gesuchte Erklärung. So finde ich in einer alten Chemie das Geheimnis meiner Art, Gold zu machen; nun kann ich durch die Metallurgie, mit Berechnungen und Analogien, beweisen, dass ich Gold gemacht habe, und das man immer Gold gemacht hat, wenn man es aus Erzen zu gewinnen geglaubt hat. man es aus Erzen zu gewinnen geglaubt hat.
Ein Aufsatz, den ich über das Thema ausgearbeitet habe, wird an eine französische Zeitschrift gesandt, die ihn sofort druckt. Ich beeile mich, den Artikel dem Doktor zu zeigen; er kann die Tatsache nicht leugnen, ist aber gegen mich eingenommen.
Da muss ich mir sagen, dass er nicht mehr mein Freund ist, da meine Erfolge ihm unangenehm sind.
12. August.—Ich kaufe beim Buchhändler ein Album. Es ist eine Art Notizbuch, in bearbeitetes und vergoldetes Leder prächtig gebunden. Die Zeichnung erregt meine Aufmerksamkeit und—seltsam!—bildet ein Vorzeichen, dessen Deutung in der Folge gegeben werden wird. Die künstlerisch ausgeführte Komposition stellt dar: links den zunehmenden Mond im ersten Viertel, von einem blühenden Zweig umgeben; drei Pferdeköpfe (trijugum) gehen vom Monde aus; darüber ein Lorbeerzweig; unten drei Streifen (drei mal drei); rechts eine Glocke, aus der Blumen hervorquellen, ein Rad in der Form einer Sonne usw....
13. August.—Der Tag, den die Uhr auf dem Boulevard Saint-Michel angekündigt hat, ist da. Ich erwarte irgendein Ergebnis, aber vergebens. Doch bin ich sicher, dass irgendwo etwas geschehen ist, dessen Ergebnisse mir binnen kurzem mitgeteilt werden.
14. August.—Auf der Strasse finde ich ein Blatt, das aus einem alten Kontorkalender gerissen ist; es trägt in grossen Buchstaben: 13. August. (Das Datum der Uhr.) Darunter in kleinen Buchstaben: "Tue niemals heimlich, was du nicht öffentlich tun würdest." (Die schwarze Magie!)
15. August.—Ein Brief von meiner Frau. Sie beweint mein Schicksal; sie liebt mich noch immer und sie hofft unseres Kindes wegen, dass sich die Verhältnisse bessern werden. Ihre Eltern, die mich früher gehasst haben, sind nicht gefühllos gegen meine Leiden: ich bin eingeladen, mein Töchterchen, diesen Engel, der auf dem Lande bei den Grosseltern wohnt, zu sehen.
Das ruft mich ins Leben zurück! Mein Kind, meine Tochter nimmt für mich die erste Stelle ein, selbst vor der Gattin. Das arme unschuldige Kind, dem ich Böses habe tun wollen, umarmen, es um Verzeihung bitten, ihm das Dasein durch die kleinen Aufmerksamkeiten des Vaters erheitern, der seine seit Jahren aufgesparte Zärtlichkeit verschwenden möchte! Ich fange wieder an zu leben, ich erwache endlich aus einem bösen Traum, und ich begreife den wohlwollenden Willen des gestrengen Herrn, der mich mit harter und weiser Hand bestraft hat. Jetzt begreife ich die dunkeln und erhabenen Worte Hiobs: "Glücklich der Mann, den Gott züchtigt!"
Glücklich; denn um die "andern" kümmert er sich nicht.
Ich weiss nicht, ob ich dort unten an der Donau meine Frau treffen werde; das ist mir beinahe gleichgültig geworden, weil unsere Charaktere sich doch nicht vertragen. Ich rüste mich zu meiner Pilgerfahrt, denn ich weiss wohl, dass es eine Büsserreise ist und dass mir neue Golgathas bestimmt sind.
Dreissig Tage der Marter, dann öffnen sich die Türen der Folterkammer. Ich scheide ohne Bitterkeit von meinem Freund und meinem Henker. Er ist nur die Geissel der Vorsehung für mich gewesen.
Glücklich der Mensch, den Gott züchtigt!...
9.
Beatrice.
In Berlin bringt mich eine Droschke vom Stettiner zum Anhalter Bahnhof. Auf der halbstündigen Durchfahrt ist es mir, als führe ich durch eine Dornenhecke, soviel leibhaftige Erinnerungen bedrängen mein Herz. Zuerst fahre ich durch die Strasse, in der mein Freund Popoffsky mit seiner ersten Frau wohnte, unbekannt oder vielmehr verkannt, mit dem Elend und den Leidenschaften kämpfend. Jetzt ist die Frau tot, sein Kind ist tot, in diesem Haus linkst war es; und unsere Freundschaft hat sich in wilden Hass verwandelt.
Hier rechts die Bierstube der Künstler und Schriftsteller, der Schauplatz so vieler Geistes-und Liebesorgien.
Dort die Cantina Italiana, wo ich vor drei Jahren meine damalige Braut zu treffen pflegte; dort haben wir das erste Honorar, das ich aus Italien erhielt, in Chianti verwandelt.
Dort der Schiffbauerdamm mit der Pension Fulda, wo wir als junges Ehepaar wohnten. Hier mein Theater, mein Buchhändler, mein Schneider, mein Apotheker.
Welch unseliger Instinkt treibt den Kutscher mich durch diese via dolorosa, die mit begrabenen Erinnerungen gepflastert ist, zu fahren? Zu dieser nächtlichen Stunde werden die Erinnerungen wieder lebendig wie Gespenster. Ich kann nicht erklären, warum er gerade diese Gasse fährt, in der unsere Weinstube "Das schwarze Ferkel" liegt, einst berühmt als Lieblingslokal von Heine und E. T. A. Hoffmann. Der Wirt steht selber auf der Treppe unter dem Ungetüm, das als Firmenschild in der Luft hängt. Er sieht mich ohne mich zu erkennen! Eine Sekunde lang wirft der Kronleuchter von drinnen seine durch die hundert Flaschen der Auslage gefärbten Strahlen und lässt mich ein Jahr meines Lebens, das reichste an Kummer und Freude, Freundschaft und Liebe, wieder erleben. Zugleich aber fühle ich lebhaft, dass dies alles zu Ende ist und begraben bleiben muss, um Neuem Platz zu machen.
Ich schlafe diese Nacht in Berlin. Als ich am nächsten Tag erwache, grüsst mich über den Dächern vom östlichen Himmel ein rosiger, hochrosenroter Schein. Da erinnere ich mich, diese Rosenfarbe in Malmö, am Abend meiner Abreise gesehen zu haben. Ich verlasse dieses Berlin, das meine zweite Heimat geworden ist, wo ich meine seconda primavera und zugleich den letzten Frühling erlebt habe. Auf dem Anhalter Bahnhuf lasse ich mit diesen Erinnerungen jede Hoffnung auf einen neuen Frühling und eine neue Liebe, die niemals, niemals wiederkehren werden.
Nachdem ich eine Nacht in Tabor, wohin mir der rosige Schein gefolgt ist, verbracht habe, steige ich durch den Böhmerwald nach der Donau hinab. Dort hört die Bahn auf, und im Wagen dringe ich in diese Tiefebene ein, welche die Donau bis nach Grein begleitet; zwischen Apfel- und Birnbäumen, Getreidefeldern und grünen Wiesen fahre ich dahin. DA entdecke ich in der Ferne, auf einem Hügel jenseits des Flusses, die kleine Kirche, die ich nie besucht habe, die aber den höchsten Punkt der Landschaft bildet; diese Landschaft breitet sich vor dem Häuschen aus, in dem mein Töchterchen geboren wurde, in jenem unvergesslichen Mai vor zwei Jahren.
Ich fahre durch Dörfer, komme durch Marktflecken und Klöster. Den Weg begleiten unzählige Sühnkapellen, Kalvarienberge, Weihbilder; Denksteine über Unglücksfälle, Blitzschläge, plötzlichen Tod. Und am Ende dieser Pilgerfahrt, dort unten in der Ferne, erwarten mich sicherlich die zwölf Stationen von Golgatha.
Der Gekreuzigte mit der Dornenkrone grüsst mich jede hundert Schritte, ermutigt mich und fordert mich auf, Kreuz und Leiden auf mich zu nehmen.
Jetzt töte ich mein Fleisch ab, indem ich mir von vornherein sage, dass sie, wie ich schon wusste nicht da sein wird.
Da meine Frau das Familiengewitter nicht mehr abwendet, muss ich mir von den alten Eltern, die ich tief verletzt habe, weil ich nicht einmal Abschied von ihnen hatte nehmen wollen, Gleiches mit Gleichem vergelten lassen. Ich lange also an, in dem ich mich darein finde, dass ich bestraft werde, um Frieden zu gewinnen; als ich das letzte Dorf und das letzte Kruzifix hinter mir gelassen habe, ahne ich die Todesqualen es Verurteilten.
Einen Säugling von sechs Wochen hatte ich verlassen, und ein kleines Mädchen von zweieinhalb Jahren finde ich wieder. Bei der ersten Begegnung prüft sie mich bis auf den Grund der Seele, mit einer ernsten, aber nicht strengen Miene, deutlich um zu sehen, ob ich ihretwegen oder um ihre Mutter gekommen sei. Nachdem sie sich vergewissert hat, lässt sie sich küssen und schlingt ihre Ärmchen um meinen Hals.
Das ist Fausts Erwachen zum irdischen Leben, aber lieblicher und reiner: ich nehme die Kleine immer wieder in meine Arme und fühle ihr Herzchen gegen meines schlagen. Ein Kind lieben, heisst für den Mann zum Weibe werden, das Männliche ablegen, die geschlechtslose Liebe der Himmlischen empfinden, wie Swedenborg sie nennt. Dadurch beginnt meine Erziehung für den Himmel. Aber zuerst die Sühne!
Die Situation ist in wenigen Worten diese: meine Frau wohnt bei ihrer verheirateten Schwester, weil die Grossmutter, die im Besitz der Erbschaft ist, geschworen hat, unsere Ehe auflösen zu lassen; so hasst sie mich wegen meiner Undankbarkeit und noch anderer Dinge. Ich bin willkommen bei dem Kinde, das niemals aufhören wird, mein zu sein, und ich bin der Gast meiner Schweigermutter für unbestimmte Zeit. Ich nehme die Situation hin, wie sie ist, und zwar mit Vergnügen. Meine Schwiegermutter hat mir mit dem versöhnlichen und ergebenen Geist einer tief religiösen Frau alles verziehen.
1. September 1896.—Ich bewohne das Zimmer, in dem meine Frau diese beiden Jahre der Trennung zugebracht hat. Hier hat sie gelitten, während ich meine Qualen in Paris durchmachte. Arme, arme Frau! Ist es die Strafe für das Verbrechen, das wir begingen, als wir mit der Liebe spielten?
Am Abend fällt beim Essen dies vor. Um meinem Töchterchen, das sich nicht ganz allein bedienen kann, zu helfen, nehme ich ihre Hand, ganz sanft und in der freundlichsten Absicht. Sie stösst einen Schrei aus, zieht ihre Hand zurück und wirft mir einen Blick voll Schrecken zu. Als die Grossmutter fragt, was sie hat, antwortet sie:
—Er tut mir weh!
Ich bin bestürzt und kann kein Wort hervorbringen. Wie oft habe ich mit Willen weg getan: sollte ich jetzt weh tun, ohne es zu wollen?
In der Nacht träume ich von einem Adler, der mir die Hand zerreisst, zur Züchtigung für ein unbekanntes Vergehen.
Am Morgen besucht mich mein Töchterchen; sie ist zärtlich, liebevoll, freundlich. Sie nimmt den Kaffee mit mir und macht es sich an meinem Schreibtisch bequem, wo ich ihr Bilderbücher zeige.
Wir sind schon gute Freunde, und meine Schwiegermutter ist entzückt, dass ihr jemand die Kleine erziehen hilft.
Am Abend muss ich dem Schlafengehen meines Engels beiwohnen und ihm seine Gebete sprechen hören. Sie ist katholisch, und wenn sie mich auffordert, zu beten und das Zeichen des Kreuzes zu machen, kann ich nicht antworten, denn ich bin Protestant.
2. September.—Allgemeine Aufregung. Die Mutter meiner Schwiegermutter, die einige Kilometer weit am Ufer des Flusses wohnt, will einen Ausweisungsbefehl gegen mich erlassen. Sie verlangt, dass ich sofort abreise, und droht ihre Tochter zu enterben, falls ich nicht gehorche. Die Schwester meiner Schwiegermutter, eine gute Frau, die auch getrennt von ihrem Manne lebt, ladet mich ein, bei ihr im benachbarten Dorf zu wohnen, bis der Sturm sich gelegt habe. Zu diesem Zweck kommt sie, um mich abzuholen.
Wir steigen auf einen zwei Kilometer langen Hügel; als wir auf dem Gipfel angekommen sind, entdecken wir unten einen runden Talkessel, aus dem sich unzählige mit Fichten bestandene Hügel wie Krater eines Vulkans erheben. In der Mitte dieses Trichters liegt das Dorf mit seiner Kirche, und auf der Höhe des steilen Berges das Schloss mit dem Stiel einer mittelalterlichen Burg; eingeschlossen sind hier und dort Felder und Wiesen, und ein Bach bewässert sie, der sich unterhalb der Burg in eine Schlucht stürzt.
Der Anblick dieser seltsamen, einzigartigen Landschaft überrascht mich, und der Gedanke kommt mir: ich habe sie schon gesehen; aber wo? wo?
Auf der Zinkschale im Hotel Orfila! In Eisenoxid gezeichnet. Es ist dieselbe Landschaft, ohne Zweifel!
Meine Tante steigt mit mir ins Dorf hinunter, wo sie über eine Wohnung von drei Zimmer verfügt, in einem grossen Gebäude, das eine Bäckerei, eine Schlächterei, eine Schenke enthält. Das Haus ist mit einem Blitzableiter versehen, weil der Blitz vor einem Jahr den Boden eingeäschert hat.
Als meine gute Tante, die ebenso aufrichtig fromm wie ihre Schwester ist, mich in das für mich bestimmte Zimmer führt, bleibe ich, wie von einer Vision erregt, auf der Schwelle stehen. Die Wände sind rosa gestrichen, rosa wie die Morgenröte, die mich auf meiner Reise nicht verliess. Die Vorhänge sind rosa, und die mit Blumen besetzten Fenster lassen das Tageslicht gefärbt ins Zimmer fallen. Eine peinliche Sauberkeit waltet hier, und das altertümliche Bett mit seinem von vier Säulen getragenen Himmel ist das Lager einer Jungfrau. Das ganze Zimmer, mit der Art seiner Einrichtung, ist ein Gedicht, die Eingebung einer Seele, die nur halb auf dieser Erde lebt. Das Kruzifix ist nicht da; aber die Jungfrau Maria; und der Weihkessel behütet den Eingang gegen die bösen Geister.
Ein Gefühl von Scham erfasst mich, ich fürchte diese Phantasie eines reinen Herzens zu besudeln, das diesen Tempel der jungfräulichen Mutter auf dem Grabe ihrer einzigen, seit mehr als zehn Jahren begrabenen Liebe errichtet hat. Und ich versuche in schlecht gesetzten Worten das hochherzige Angebot abzulehnen.
Aber die gute Alte gibt nicht nach:
—Es wird dir gut tun, deine irdische Liebe der Liebe zu Gott zu opfern und der Zärtlichkeit, die du für dein Kind hegst. Glaube meinem Wort: diese Liebe ohne Dornen wird dir den Frieden des Herzens, die Heiterkeit des Gemüts wiedergeben, und unter dem Schutz der Jungfrau wirst du nachts ruhig schlafen.
Ich küsse ihr die Hand, zum Zeichen der Dankbarkeit für das Opfer, das sie mir bringt, und mit einer Zerknirschung, der ich mich nicht für fähig gehalten hätte, nehme ich im Ernst an. Ich bin überzeugt, dass ich von den Mächten begnadigt werde, da sie die zu meiner Bestrafung bestimmten Züchtigungen eingestellt haben.
Doch unter irgendeinem Vorwand behalte ich mir das Recht vor, eine letzte Nacht in Saxen zu schlafen und die Übersiedlung auf den nächsten Tag zu verschieben. Ich kehre also, von meiner Tante begleitet, zu meinem Kinde zurück. Auf der Dorfstrasse bemerke ich, dass der Blitzableiter und sein Leitungsdraht gerade über meinem Bett befestigt sind.
Welcher teuflische Zufall, der wie persönliche Verfolgung auf mich wirkt!
Zugleich bemerke ich, dass die Aussicht, die sich vor meinen Fenstern ausbreitet, keine andere ist als das Armenhaus mit seiner Bevölkerung alter entlassener Verbrecher, Kranker, Sterbender. Eine traurige Gesellschaft, eine düstere Zukunft habe ich da vor Augen.
Wieder in Saxen angelangt, sammle ich meine Sachen für die Abreise. Mit Bedauern verlasse ich den Wohnsitz meines Kindes, das mir so teuer geworden ist. Die Grausamkeit der alten Dame, mich von Weib und Kind zu trennen, erregt meinen ungerechten Unwillen; in einem Anfall von Zorn erhebe ich die Hand gegen ihr in Öl gemaltes Porträt, das über meinem Bett hängt. Eine dumpfe Verwünschung begleitet die Gebärde.
Zwei Stunden später bricht ein furchtbares Gewitter über dem Dorf aus; die Blitze kreuzen einander, der Regen giesst in Strömen, der Himmel ist schwarz.
Als ich am nächsten Morgen in Klam anlange, wo das rosa Zimmer mich erwartet, sehe ich eine Wolke in Drachenform über dem Haus meiner Tante schweben. Dann erzählt man mir, der Blitz habe ein nahes Dorf in Brand gesteckt und der Platzregen habe unsere Gemeinde verwüstet, die Heuschober verheert, die Brücken fortgeführt.
Am 10. September hat ein Zyklon Paris verwüstet, und unter welch seltsamen Umständen! Zuerst, bei völliger Stille, beginnt er hinter Saint-Sulpice im Luxemburggarten, besucht das Theater du Châtelet und die Polizeipräfektur und löst sich beim St. Ludwigs-Krankenhaus auf, nachdem er fünfzig Meter Eisengitter niedergebrochen hat.
Wegen des Zyklons und des früheren im Jardin des Plantes fragt mich mein Freund der Theosoph:
—Was ist ein Zyklon? Wallungen des Hasses, Schwingungen einer Leidenschaft, Ausströmungen eines Geistes?
Dann fügt er hinzu:
-Sind die um Papus sich ihrer Offenbarungen bewusst?
Ein Zufall, der mehr ist als ein Zufall: in einem Brief, der den meines Freundes kreuzt, richte ich an ihn, der in die Mysterien der Hindus eingeweiht ist, die direkte und bestimmte Frage:
—Können die weisen Hindus Zyklone hervorrufen?
Damals fing ich an, die in der Magie Eingeweihten in Verdacht zu haben, dass sie mich verfolgten, entweder weil ich Gold machen wollte, oder weil ich mich hartnäckig weigerte, mit unter irgend einer Form ihren Gesellschaften anzuschliessen. Die Lektüre von Rydbergs germanischer Mythologie und Hylten-Cavallius' "Wärend und Wirdarne" hatte mich belehrt, dass die Hexen in einem Sturme oder in einem kurzen und heftigen Windstoss zu erscheinen liebten.
Ich erwähne dies, um meinen Seelenzustand zu beleuchten, wie er zu dieser Zeit war, als ich noch nicht die Lehren Swedenborgs kennen gelernt hatte.
Das Heiligtum bereitet, weiss und rosa, und der Heilige wird bei seinem Schüler hausen, der es seinem Landsmann schuldig ist, die Erinnerung an den begabtesten Mann wiederzubeleben, der in der Neuzeit vom Weibe geboren ist.
Frankreich hat Ansgar ausgesandt, um Schweden zu taufen; tausend Jahre später hat Schweden Swedenborg gesandt, um Frankreich durch Vermittlung St. Martins, seines Schülers, wieder zu taufen. Der Martinistenorden, der seine Rolle bei der Gründung des neuen Frankreichs kennt, wird die Tragweite dieser Worte nicht verkennen, noch weniger die Bedeutung dieses Jahrtausends herabsetzen.
10.
Swedenborg.
Meine Schwiegermutter und meine Tante sind zwei Zwillingsschwestern von vollkommener Ähnlichkeit; sie haben denselben Charakter, denselben Geschmack, dieselben Abneigungen; das geht so weit, dass die eine wie die Doppelgängerin der anderen aussieht. Wenn ich zu der einen in Abwesenheit der andern spreche, ist die Abwesende bald auf dem Laufenden; ich kann meine vertraulichen Mitteilungen gegen eine von beiden fortsetzen, ohne eine Einleitung nötig zu haben. Darum werfe ich sie in dieser Erzählung zusammen, die kein Roman ist mit stilistischen Ansprüchen und literarischer Komposition.
Am ersten Abend erzähle ich ihnen aufrichtig meine unerklärlichen Abenteuer, meine Zweifel, meine Qualen. Da rufen sie, mit einer gewissen Genugtuung in den Zügen, wie mit einem Mund aus:
—Du bist an einem Punkt angelangt, den wir schon passiert haben.
Von derselben Gleichgültigkeit gegen die Religion ausgehend, hatten sie den Okkultismus studiert. Von diesem Augenblick an schlaflose Nächte, geheimnisvolle, von Todesängsten begleitete Vorfälle, schliesslich nächtliche Krisen, Wahnsinnsanfälle. Die unsichtbaren Furien verfolgen die Jagd bis zum rettenden Hafen: das ist die Religion. Ehe sie aber so weit kommen, offenbart sich der Schutzengel, und das ist niemand anders als Swedenborg. Man nimmt mit Unrecht an, dass ich meinen Landsmann gründlich kenne; und, überrascht von meiner Unkenntnis, geben mir die guten Damen, jedoch nicht ohne Zögern, ein altes deutsches Buch.
—Nimm, lies und fürchte dich nicht!
—Fürchten? Was?
Als ich in meinem rosa Zimmer allein bin, öffne ich den alten Band aufs Geradewohl und lese. Ich überlasse es dem Leser, sich meine Gefühle vorzustellen, als meine Blicke auf eine Beschreibung der Hölle fallen, in der ich die Landschaft von Klam, die Landschaft meiner Zinkschale, wie nach der Natur gezeichnet, wiederfinde. Das kesselförmige Tal, die mit Fichten bestandenen Hügel, die düsteren Wälder, die Schlucht mit dem Bach, das Dorf, die Kirche, das Armenhaus, der Düngerhaufen, die Mistjauche, der Schweinestall, alles ist da.
Die Hölle? Aber ich bin in der tiefsten Verachtung gegen die Hölle erzogen; ich habe sie als eine Phantasie betrachten gelernt, die man wie andere Vorurteile verworfen hat. Und doch kann ich die Tatsache nicht leugnen, nur mit dem Unterschied, und das ist das Neue in der Auslegung der sogenannten ewigen Strafen: wir sind schon in der Hölle. Die Erde, das ist die Hölle, das von einer höheren Vernunft gebaute Gefängnis. Ich kann ja nicht einen Schritt gehen ohne das Glück der andern zu verletzen; und die andern können nicht glücklich bleiben, ohne mir Leiden zuzufügen.
So malt Swedenborg, vielleicht ohne es zu wissen, das irdische Leben, indem er die Hölle darstellen will.
Das Feuer der Hölle, das ist der Wunsch emporzukommen; die Mächte erwecken den Wunsch und erlauben den Verdammten, das zu erreichen, nach dem sie trachten. Sobald aber das Ziel erreicht und die Wünsche erfüllt sind erscheint alles wertlos, und der Sieg ist nichtig! Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist nur Eitelkeit. Nach der ersten Enttäuschung blasen die Mächte das Feuer der Begierde und des Ehrgeizes an, und nicht der ungestillte Hunger foltert am meisten, die gesättigte Begier flösst den Ekel an allem ein. So erleidet der Dämon eine endlose Strafe, weil er augenblicklich alles, was er wünscht, erhält, also sich nicht mehr darüber freuen kann.
Wenn ich Swedenborgs Beschreibung der Hölle mit den Qualen der germanischen Mythologie vergleiche, so finde ich eine augenscheinliche Übereinstimmung; aber für mich persönlich bildet allein die Tatsache, dass die beiden Bücher mich im selben Augenblick in Beschlag nehmen, das Wesentliche. Ich bin in der Hölle, und die Verdammnis lastet auf mir. Wenn ich meine Vergangenheit untersuche, sehe ich, dass schon meine Kindheit als Gefängnis und Folterkammer eingerichtet war. Und um die Martern zu erklären, die einem unschuldigen Kind auferlegt wurden, bleibt einem nichts anderes übrig, als ein früheres Dasein anzunehmen, aus dem wir wieder auf die Erde geworfen sind, um die Folgen vergessener Sünden zu sühnen.
Infolge einer Geschmeidigkeit des Geistes, die bei mir nur allzu häufig ist, dränge ich die Eindrücke, welche die Lektüre Swedenborgs in mir hervorgerufen hat, in die Tiefen meiner Seele zurück. Aber die Mächte geben mir keine Frist mehr.
Bei einem Spaziergang, den ich in die Umgebung des Dorfes mache, führt mich der Bach zu dem Hohlweg, der zwischen den beiden Bergen läuft und "Schluchtweg" heisst. Der Eingang, dem eingestürzte Felsen ein wahrhaft erhabenes Aussehen geben, zieht mich in ganz seltsamer Weise an. Der Berg, der die verlassene Burg trägt, stürzt senkrecht herab, um das Tor der Schlucht zu bilden, in dem der Bach in den Mühlfall übergeht. Durch ein Spiel der Natur hat der Felsen die Form eines Türkenkopfes angenommen; niemand der Bevölkerung bestreitet die Ähnlichkeit.
Weiter unten lehnt sich der Schuppen des Müllers an die Felswand des Berges. Am Türschloss hängt ein Bockshorn, das Wagenschmiere enthält: dicht daneben lehnt der Besen.
Obwohl dies alles natürlich und gewöhnlich ist, frage ich mich, welcher Teufel diese beiden Attribute der Hexen gerade dorthin gestellt hat und gerade diesen Morgen auf meinen Weg.
Niedergeschlagen gehe ich weiter auf dem feuchten und finstern Wege. Ein Holzhaus hält mich durch sein ungewöhnliches Aussehen auf. Es ist ein langer, niedriger Kasten mit sechs Ofentüren; Ofentüren!
—Um Gotteswillen, wo bin ich denn?
Das Bild der Danteschen Hölle spukt vor mir, mit den Särgen, in denen die Sünder rot geglüht werden ... und die sechs Ofentüren!!
Ein Alp? Nein, niedrige Wirklichkeit, die sich durch einen furchtbaren Gestank, einen Strom von Kot, einen Chor grunzender Schweine verrät.
Der Weg verengert sich, wird zu einem Gang zusammengedrängt, zwischen dem Berg und dem Haus des Müllers, gerade unter dem Türkenkopf.
Ich gehe weiter, aber im Hintergrund sehe ich eine mächtige dänische Dogge mit dem Fell eines Wolfes liegen, ganz ähnlich jenem Ungeheuer, welches das Atelier in der Rue de la Sante zu Paris bewachte.
Ich weiche zwei Schritte zurück; erinnere mich aber an den Wahlspruch des Jacques Coeur, "Einem tapferen Herzen ist nichts unmöglich", und dringe in die Schlucht ein. Der Cerberus tut, als sehe er mich nicht, und ich gehe weiter, jetzt zwischen zwei Reihen niedriger und düsterer Häuser. Da ist ein schwarzes Huhn ohne Schwanz und mit einem Hahnenkamm; dann eine Frau, die von weitem schön zu sein scheint und auf der Stirn einen blutroten Halbmond trägt; aus der Nähe gesehen, hat sie keine Zähne mehr und ist hässlich.
Wasserfall und Mühle machen einen Lärm, der dem Ohrensausen gleicht, das mich seit den ersten Pariser Unruhen verfolgt. Die Müllergesellen, weiss wie falsche Engel, bedienen das Räderwerk der Maschine wie Henker, und das grosse Schaufelrad tut seine Sisyphusarbeit, indem es das Wasser rinnen und rinnen lässt.
Dann kommt die Schmiede mit ihren nackten und schwarzen Schmieden, die mit Zangen, Haken, Kluppen, Hämmern bewaffnet sind, unter Feuer und Funken, glühendem Eisen und geschmolzenem Blei arbeiten: es ist ein Lärm, der das Gehirn in seinem Schädel erschüttert und das Herz im Brustkasten springen lässt.
Dann das Sägewerk und die grosse Säge, die mit den Zähnen knirscht, wenn sie auf der Folgerbank die riesigen Baumstämme martert, deren durchsichtiges Blut auf den klebrigen Boden rinnt.
Der Hohlweg läuft weiter am Bach entlang, durch den Wolkenbruch und Wirbelsturm verwüsten; die Überschwemmung hat die scharfen Kieselsteine, auf denen die Füsse ausgleiten, mit einer Schicht graugrünen Schlammes überzogen. Ich möchte das Wasser überschreiten, aber der Steg ist fortgerissen, und ich bleibe unter einem Abhang stehen; der überhängende Fels bedroht mit seinem Fall eine Jungfrau Maria, die mit ihren schwachen und göttlichen Schultern allein den unterwaschenen Berg hält.
Ich kehre auf meinen Spuren um, in tiefem Nachdenken über diese Verbindung von Zufällen, die zusammen ein grosses Ganzes bilden, das wunderbar ist, ohne übernatürlich zu sein.