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Inferno; Legenden cover

Inferno; Legenden

Chapter 30: Epilog.
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About This Book

A sequence of theatrical legends stages a cosmic conflict between a stern, jealous deity and a proud light-bringer whose expulsion precipitates the creation of a flawed world. Biblical episodes are recast: the temptation and fall, the gift of knowledge, love and procreation, a devastating flood and the vine that confers both sight and madness, the scattering of tongues, and the appearance of a messianic figure whose meaning divides humanity. The tone is mythic and interrogative, probing divine responsibility, rebellion, suffering, and the ambiguous liberations that arise when mortals gain insight into their condition.

Ich danke der Vorsehung, die mich in die kleine verachtete Stadt gesandt hat, um dort Busse zu tun und mein Heil zu finden.


15.

Der Erlöser.

Als Balzac mir in seiner "Seraphita" meinen erhabenen Landsmann Emanuel Swedenborg, den "Buddha des Nordens", vorstellte, hat er mich die evangelische Seite des Propheten kennen gelehrt. Jetzt ist es das Gesetz, das mich trifft, zermalmt und befreit.

Durch ein Wort, ein einziges, wird es Licht in meiner Seele, und verschwunden sind die Zweifel, die fruchtlosen Grübeleien über eingebildete Feinde, Elektriker, Schwarzmagier. Dieses kleine Wort ist: devastatio (ödeläggelse, Verödung). Alles, was mir geschehen ist, finde ich bei Swedenborg wieder: die Angstgefühle (angor pectoris), die Brustbeklemmung, das Herzklopfen, der Gürtel, den ich elektrisch nannte, alles ist da; und die Summe dieser Erscheinungen bildet die geistige Reinigung, die schon dem Apostel Paulus bekannt war und von ihm in den Briefen an die Korinther und an Timotheus erwähnt wird: "Ich habe beschlossen, über den, der solches getan hat, ihn zu übergeben dem Satan zum Verderben des Fleisches, auf dass der Geist selig werde am Tage des Herrn Jesu".—"Unter welchen ist Hymenäus und Alexander, welche ich habe dem Satan übergeben, dass sie gezüchtigt werden, nicht mehr zu lästern."

Als ich Swedenborgs Träume von 1744 lese, dem Jahr, das seinen Verbindungen mit der unsichtbaren Welt vorausgeht, entdecke ich, dass der Prophet dieselben nächtlichen Martern wie ich erduldet hat. Was mich aber besonders packt: die Symptome gleichen einander so, dass ich über die Natur meiner Krankheit nicht mehr im Zweifel bin.

In "Arcana coelestia" erklären sich die Rätsel der beiden letzten Jahre mit einer so überwältigenden Genauigkeit, dass ich, das Kind des berühmten neunzehnten Jahrhunderts, die unerschütterliche Überzeugung bekomme, dass es die Hölle gibt, aber hier, auf der Erde, und dass ich sie eben durchgemacht habe.

Swedenborg erklärt mir, warum ich im Krankenhaus des heiligen Ludwig geweilt habe: Die Alchemisten werden vom Aussatz befallen und reissen sich den Schorf ab, der Fischschuppen gleicht. Es ist eine unheilbare Krankheit der Haut.

Swedenborg sagt mir, was die hundert Abtritte des Hotel Orfila bedeuten: Das ist die Kothölle. Der Schornsteinfeger, den mein Töchterchen in Österreich gesehen hat, findet sich auch wieder: "Unter den Geistern gibt es solche, die man unter dem Namen Schornsteinfeger kennt, weil ihr Gesicht wirklich von Rauch geschwärzt ist und sie in einem Gewand von brauner Russfarbe erscheinen.... Einer dieser Schornsteinfegermeister kam zu mir und ersuchte mich dringend, darum zu beten, dass er in den Himmel aufgenommen werde. Ich glaube nicht, sagte er, etwas begangen zu haben, was mich davon ausschliessen könnte; ich habe die Bewohner der Erde zurechtgewiesen, aber ich habe immer dem Verweis und der Züchtigung die Belehrung folgen lassen....

"Die richtenden, bessernden und belehrenden Geister des Menschen heften sich an seine linke Seite, indem sie sich gegen den Rücken neigen und das Buch seines Gedächtnisses nachschlagen und seine Handlungen, ja sogar seine Gedanken darin lesen; denn wenn ein Geist beim Menschen eindringt, bemächtigt er sich des Gedächtnisses. Wenn sie eine schlechte Handlung oder die Absicht, Böses zu tun, sehen, strafen sie ihn durch einen Schmerz im Fuss, in der Hand (!) oder um die Magengegend; und sie tun das mit einer beispiellosen Fertigkeit. Ein Beben kündigt ihr Kommen an.

"Ausser dem Schmerz der Glieder wenden sie noch einen schmerzhaften Druck um den Nabel an, als drücke einem ein stachliger Gürtel; von Zeit zu Zeit Zusammenschnüren der Brust, das bist zur Angst getrieben wird; Ekel vor jeder Nahrung, ausser Brot, und zwar Tage lang.

"Andere Geister bemühen sich vom Gegenteil dessen zu überzeugen, was die belehrenden Geister gesagt haben. Die Geister des Widerspruchs sind auf der Erde aus der Gesellschaft der Menschen wegen ihrer Ruchlosigkeit verbannt gewesen. Man erkennt ihr Nahen an einem fliegenden Feuer, das vor dem Gesicht sich herabzulassen scheint; sie stellen sich unter den Rücken des Menschen, von wo sie sich nach den Teilen bemerkbar machen".

(Diese fliegenden Feuer oder Funken habe ich zweimal gesehen, und immer in Augenblicken der Empörung, als ich alle Vorstellungen als leere Träume verwarf.)

"Sie predigen, dem, was die belehrenden Geister den Engeln nachsprechen, keinen Glauben zu schenken, seinen Wandeln nicht den Lehren anzupassen, die man von ihnen empfangen hat, sondern in aller Freiheit und Ausgelassenheit zu leben. Gewöhnlich kommen sie, sobald die andern sich entfernt haben. Die Menschen kennen sie und beunruhigen sich kaum über sie; aber sie lernen dadurch, was gut und was böse ist. Denn man lernt die Eigenschaft des Guten durch sein Gegenteil kennen; jeder Begriff von einer Sache bildet sich, indem man überlegt, wie sie sich von ihrem Gegenteil unterscheidet, und zwar von verschiedenen Gesichtspunkten aus und auf verschiedene Arten".

Der Leser erinnert sich an die antiken Marmorskulpturen ähnlichen menschlichen Gesichter, die sich aus dem weissen Bezug meines Kopfkissens im Hotel Orfila formten. Darüber sagt Swedenborg:

"Zwei Zeichen lassen erkennen, dass sie (die Geister) bei einem Menschen sind; das eine ist ein alter Mann mit weissem Gesicht; dieses Zeichen verkündet ihnen, dass sie immer die Wahrheit sagen und nur gerecht handeln sollen.... Ich habe selber ein greisenhaftes menschliches Gesicht dieser Art gesehen.... Gesichter von grosser Weisse und grosser Schönheit, aus denen zugleich Aufrichtigkeit und Bescheidenheit leuchten".

(Um den Leser nicht zu erschrecken, habe ich mit Absicht verschwiegen, dass sich alles, was ich hier oben zitiert habe, auf die Bewohner des Jupiters bezieht. Man denke sich nun meine Überraschung, als man mir eines Tages im Frühling eine Revue bringt, die Swedenborgs Haus auf dem Planeten Jupiter, von Viktorien Sardou gezeichnet, wiedergibt. Zunächst, warum Jupiter? Welche seltsame Zusammentreffen! Und hat der Meister der französischen Komödie beachtet, dass die linke Fassade, aus genügender Entfernung betrachtet, ein greisenhaftes Menschengesicht bildet? Dieses Antlitz gleicht dem meines Kopfkissens! Aber in der Zeichnung Sardous gibt es noch mehr solche menschlichen Silhouetten, die durch die Umrisse geschaffen werden. Ist die Hand des Meisters von einer andern Hand geführt worden, so dass er mehr gegeben hat, als er wusste?)

Wo hat Swedenborg diese Höllen und Himmel gesehen? Sind es Visionen, Intuitionen, Inspirationen? Ich wüsste es nicht zu sagen, aber die Ähnlichkeit, die seine Hölle mit der Dantes und der griechischen, römischen, germanischen Mythologie hat, lässt mich glauben, dass die Mächte sich immer fast der gleichen Mittel bedient haben, um ihre Pläne zu verwirklichen.

Und diese Pläne? Den menschlichen Typs zu vervollkommnen, den höheren Menschen zu erzeugen, den "Übermenschen", wie ihn Nietzsche, die vor der Zeit verbrauchte und ins Feuer geworfene Zuchtrute, verkündigte.

So erscheint das Problem des Bösen wieder, und die sittliche Gleichgültigkeit Taines fällt vor neuen Forderungen zu Boden. Die Dämonen sind eine notwendige Konsequenz.

Was sind Dämonen? Sobald wir die Unsterblichkeit der Seele zugeben, sind die Toten nichts anderes als Überlebende, die ihre Beziehungen zu den Lebenden fortsetzen. Die bösen Geister sind also nicht böse, weil ihr Zweck ein guter ist, und man müsste sich eher des Wortes Swedenborgs bedienen, Zuchtgeister, um den Menschen Furcht und Verzweiflung zu nehmen.

Den Teufel als selbständige, Gott gleiche Macht braucht es nicht zu geben, und des Bösen unleugbare Erscheinungen unter der traditionellen Form brauchen nur ein Schreckbild zu sein, das die einzige und gute Vorsehung hervorgerufen hat. Diese Vorsehung, die mittels einer aus den Verstorbenen zusammengesetzten ungeheuren Verwaltung herrscht.

Tröstet euch also und seit stolz auf die Gnade, die euch allen bewilligt ist, die ihr von Schlaflosigkeit, Alpdrücken, Erscheinungen, Angstzuständen, Herzklopfen heimgesucht und gemartert werdet! Numen adest. Gott verlangt nach euch!


16.

Trübsal.

In der kleinen Musenstadt eingeschlossen, ohne eine Hoffnung, herauszukommen, liefere ich die furchtbare Schlacht gegen den Feind, mich selbst.

Jeden Morgen, wenn ich auf dem von Platanen beschatteten Wall spazieren gehe, erinnert mich das grosse rote Irrenhaus an die Gefahr, der ich entgangen bin, und an die Zukunft, falls ich einen Rückfall erleide. Swedenborg hat mich, indem er mich über die Natur der Schrecken aufgeklärt, die ich während des letzten Jahres durchgemacht habe, von den Elektrikern, Schwarzkünstlern, Zauberern, den Neidern des Goldmachers, dem Wahnsinn befreit. Er hat mir den einzigen Weg gezeigt, der zum Heil führt: die Dämonen in ihrem Zufluchtsort, in mir selber, aufzusuchen und sie zu töten durch.... Reue. Balzac, der Adjutant des Propheten, hat mir in "Seraphita" gezeigt, dass "Gewissensqual eine Ohnmacht dessen ist, der seinen Fehltritt wiederholen wird. Die Reue allein ist eine Stärke und beendigt alles".

Also die Reue! Aber heisst das nicht die Vorsehung missbilligen, die mich zu ihrer Geissel ausgewählt hat? Heisst das nicht den Mächten sagen: ihr habt mein Schicksal schlecht geleitet; ihr habt mich geboren werden lassen mit dem Beruf zu strafen, die Götzenbilder zu stürzen, mich zu empören, und dann zieht ihr euren Schutz zurück und liefert mich einem lächerlichen Widerruf aus? Zu Kreuze kriechen und Busse tun!

Seltsamer Circulus vitiosus, den ich mit zwanzig Jahren voraussah, als ich mein Drama "Meister Olof" dichtete, das die Tragödie meines Lebens geworden ist. Wozu dreissig Jahre lang ein elendes Leben führen, um durch Erahnung das zu erreichen, was man vorausgeahnt hat? Jung, war ich aufrichtig fromm, und ihr habt einen Freidenker aus mir gemacht. Aus dem Freidenker habt ihr einen Atheisten gemacht, aus dem Atheisten einen Religiösen. Für die Menschheit begeistert, habe ich den Sozialismus verkündet: fünf Jahre später habt ihr mir gezeigt, wie sinnlos der Sozialismus ist. Alles, was mich begeistert hat, habt ihr für nichtig erklärt. Und wenn ich mich der Religion weihe, so bin ich sicher, in zehn Jahren werdet ihr sie widerlegen.

Sieht es nicht so aus, als trieben die Götter ihren Scherz mit uns Sterblichen? Und darum können wir bewussten Spötter in den schlimmsten Augenblicken unseres Lebens lachen!

Wie könnt ihr verlangen, dass man ernst nimmt, was sich als ein ungeheurer Scherz erweist?

Jesus Christus, der Erlöser, wen hat er erlöst? Seht die christlichen aller Christen, unsere skandinavischen Frommen, diese blassen, elenden, eingeschüchterten Menschen, die nicht lächeln können: sie haben das Aussehen von Besessenen! Sie scheinen den Dämon in ihrem Herzen zu tragen. Und beachtet, wie alle ihre Führer als Missetäter im Gefängnis geendet haben. Warum hat ihr Herr sie dem Feind überliefert?

Ist die Religion eine Züchtigung und Christus ein Rachegeist?

Alle alten Götter werden in der folgenden Epoche Dämonen: Die Bewohner des Olymp sind Dämonen geworden; Odin, Thor, der Teufel in Person. Prometheus-Lucifer, zum Satan entartet. Ist etwa—Gott verzeihe mir!—Christus auch in einen Dämon verwandelt? Er tötet ja Vernunft, Fleisch, Schönheit, Freude, die reinsten Leidenschaften der Menschheit. Tötet die Tugenden: Freimut, Tapferkeit, Ruhm; Liebe, Barmherzigkeit!

Die Sonne scheint, das tägliche Leben geht seinen Gang, der Lärm der Arbeit ermuntert die Lebensgeister. Da bäumt sich der Mut der Empörung auf, da schleudert man seine Zweifel herausfordernd gegen den Himmel.

Dann aber sinken Nacht, Stille, Einsamkeit herab, und der Hochmut vergeht, das Herz klopft, die Brust zieht sich zusammen! Dann springt man zum Fenster hinaus, kniet in der Dornenhecke nieder, sucht den Arzt auf und bittet einen Kameraden, im selben Zimmer zu schlafen!

Tretet nachts wieder in euer Zimmer, und ihr werdet dort jemand finden; ihr seht ihn nicht, aber ihr fühlt deutlich dessen Anwesenheit. Geht in die Irrenanstalt und fragt den Irrenarzt, und er wird von Nervenschwäche, Verrücktheit, Brustbeklemmung und dergleichen sprechen, aber er wird euch niemals heilen!

Wohin könnt ihr also gehen, ihr alle, die ihr an Schlaflosigkeit leidet und die Strassen durchwandert, bis die Sonne wieder aufgeht?

Weltmühle, Gottes Mühle sind sprüchwörtlich geworden. Habt ihr dieses Sausen in den Ohren gehört, das dem Geräusch einer Wassermühle gleicht? Habt ihr in der Einsamkeit, bei Nacht oder selbst am hellen Tage, beobachtet, wie die Erinnerungen des vergangenen Lebens wieder auferstehen, eine nach der andern? Alle Verstösse, alle Vergehen, alle Dummheiten treiben euch das Blut bis in die Ohren, pressen euch den Schweiss bis in die Haare, jagen euch den Schauder bis in den Rücken. Ihr lebt das gelebte Leben noch einmal, von der Geburt bist auf den heutigen Tag, ihr leidet noch einmal alle erlittenen Leiden, ihr leert noch einmal all die bitteren Kelche, die ihr so oft geleert habt; ihr kreuzigt euer Skelett, weil kein Fleisch mehr zu töten ist; ihr verbrennt die Seele, weil euer Herz schon verbraucht ist.

Ihr kennt das!

Das ist die Mühle des Herrn, die langsam mahlt, aber fein und schwarz. Ihr seid in Staub aufgelöst, und ihr glaubt, es sei aus mit euch. Aber nein, es beginnt von neuem und ihr müsst die Mühe noch einmal durchgehen! Das ist die Hölle hier auf Erden; die ist von Luther erkannt worden, der es als eine besondere Gnade schätzt, auf dieser Seite der Feuerhimmel zermahlen zu werden.

Seid glücklich und dankbar!

Was ist zu machen? Sich demütigen?

Aber wenn ihr euch vor den Menschen demütigt, so weckt ihr deren Hochmut, weil sie glauben werden, sie seien besser als ihr, wie gross auch ihre Ruchlosigkeit ist.

Also vor Gott sich demütigen! Aber es ist eine Beleidigung, den Höchsten zu einem Plantagenbesitzer zu erniedrigen, der über Sklaven herrscht!

Beten! Wie? Sich das Recht anmassen, Wille und Urteil des Ewigen durch Schmeichelei und Kriecherei zu beeinflussen!

Gott suchen und den Teufel finden! Das ist mir geschehen.

Ich habe Busse getan, ich habe mich gebessert, und sobald ich meine Seele wieder besohlen will, muss ich einen neuen Rüster haben; setz neue Hacken an, und das Oberleder platzt. Zu Ende kommt man nicht.

Ich höre auf zu trinken und komme gegen neun Uhr abends nüchtern nach Haus, um ein Glas Milch zu nehmen. Das Zimmer ist von Dämonen erfüllt, die mich aus dem Bett reissen und unter der Decke ersticken. Wenn ich aber gegen Mitternacht berauscht nach Haus komme, schlafe ich ein wie ein Engel und erwache stark wie ein junger Gott, bereit wie ein Galeerensträfling zu arbeiten.

Ich meide Frauen, und ungesunde Träume beunruhigen meine Nächte.

Ich gewöhne mich, nur Gutes von meinen Freunden zu denken, ich vertraue ihnen meine Geheimnisse und mein Geld an: Alsbald werde ich verraten. Lehne ich mich gegen eine Treulosigkeit auf, so bin ich es immer, der bestraft wird.

Ich versuche die Menschen im allgemeinen zu lieben; ich mache mich blind gegen ihre Fehler, und mit einer Langmut ohne Grenzen lasse ich ihre Gemeinheiten und Verleumdungen durchgehen; eines Tages finde ich, dass ich ihr Mitschuldiger werde. Wenn ich mich von einer Gesellschaft, die ich für schlecht halte, zurückziehe werde ich alsbald von den Dämonen der Einsamkeit angefallen, und suche ich bessere Freunde, finde ich die schlimmsten.

Wenn ich die bösen Leidenschaften besiegt habe und durch Enthaltsamkeit zu einem gewissen Frieden des Herzens gelangt bin, empfinde ich eine Selbstzufriedenheit, die mich über meinen Nächsten erhebt; und das ist eine Todsünde, die Eigenliebe, die auf der Stelle bestraft wird.

Wie die Tatsache erklären, dass jede Lehrzeit in der Tugend ein neues Laster zur Folge hat.

Swedenborg löst die Frage, indem er sagt die Laster seien Strafen, die den Menschen für Sünden höherer Art auferlegt werden. So werden zum Beispiel die Ehrgeizigen zur sodomitischen Hölle verdammt. Geben wir zu, dass diese Lehre die Wahrheit enthält, so müssen wir unsere Laster ertragen und uns über die Gewissensqual, die sie begleitet, freuen, als bezahlten wir unsere Schulden am Schalter der grossen Kasse. Die Tugend suchen, bedeutet also, aus dem Gefängnis der Strafen zu entrinnen suchen.

Das hat Luther im Artikel 39 seiner Schrift gegen die römische Bulle sagen wollen, in dem er verkündigt: "Die Seelen des Fegefeuers sündigen unaufhörlich, weil sie den Frieden suchen und den Qualen ausweichen."

Ebenso in Artikel 34: "Die Türken bekämpfen, ist nichts anderes, als sich gegen Gott, der uns durch die Türken für unsere Sünden züchtigt, auflehnen."

Es ist also klar, dass "alle unsere guten Werke Todsünden sind", und dass "die Welt vor Gott schuldig sein muss, und dass niemand gerecht werden kann ohne die Gnade".

Leiden wir also, meine Brüder, ohne von dem Leben eine einzige wirkliche Freude zu erhoffen, denn wir sind in der Hölle.

Und klagen wir nicht den Herrn an, wenn wir die kleinen unschuldigen Kinder leiden sehen. Niemand wird wissen, warum sie leiden, aber die göttliche Gerechtigkeit lässt uns ahnen, dass sie Verbrechen sühnen, die begangen sind, bevor sie zur Welt kamen.

Freuen wir uns über die Qualen, die ebenso viele bezahlte Schulden sind, und glauben wir, dass wir aus Barmherzigkeit nicht erfahren, welche Ursachen ursprünglich unsere Strafen haben.


17.

Wohin gehen wir?

Sechs Monate sind vergangen, und ich gehe noch immer auf dem Stadtwall spazieren, von wo ich meine Blicke nach dem Irrenhaus schweifen lasse und nach dem blauen Streifen des fernen Meeres spähe. Von dort wird die neue Zeit, die neue Religion kommen, von der die Welt träumt.

Der düstere Winter ist begraben, die Felder grünen, die Bäume blühen, die Nachtigall schlägt im Garten der Sternwarte; aber die Traurigkeit des Winters lastet auf unseren Seelen, denn so viel unheilvolle Ereignisse, so viel unerklärliche Vorfälle haben wir erlebt, dass selbst die Ungläubigsten unruhig geworden sind. Die Schlaflosigkeit nimmt zu, die Nervenkrisen vermehren sich, die Visionen sind häufig geworden, wahre Wunder erfüllen sich. Man erwartet etwas.

Ein junger Mensch besucht mich.

—Was muss man tun, um nachts ruhig zu schlafen?

—Was ist geschehen?

—Ich weiss es wahrhaftig nicht zu sagen, aber ich habe einen Schrecken vor meinem Schlafzimmer bekommen, und ich ziehe morgen aus.

—Junger Mann, Atheist und Realist, was ist geschehen?

—Als ich heute Nacht die Tür öffnete, um einzutreten, fasste mich jemand beim Arm und schüttelte mich.

—Es ist also jemand in Ihrem Zimmer?

—Aber nein! Ich habe die Kerzen angezündet und ich habe niemand gesehen.

—Junger Mann, es gibt jemand, den man bei Kerzenlicht nicht sieht.

—Wer ist das?

—Das ist der Unsichtbare, junger Mann. Haben sie Sulfonal, Bromkalium, Morphium, Chloral genommen?

—Ich habe alles versucht!

—Und der Unsichtbare räumt nicht das Feld. Sie wollen nachts ruhig schlafen und Sie verlangen von mir das Mittel. Hören Sie, junger Mann, ich bin weder ein Arzt noch ein Prophet; ich bin ein alter Sünder, der Busse tut. Verlangen Sie weder Predigten noch Prophezeiungen von einem Schächer, der kaum Zeit genug hat, sich selber zu predigen. Ich habe an Schlaflosigkeit und Niedergeschlagenheit gelitten, ich habe Körper an Körper mit dem Unsichtbaren gerungen, und ich habe endlich Schlaf und Gesundheit wiedergewonnen. Wissen Sie, wie? Raten Sie!

Der junge Mann errät mich und schlägt die Augen nieder.

—Sie erraten es! Dann gehen Sie in Frieden und schlafen Sie gut!

Ich muss schweigen und mich erraten lassen, denn in dem Augenblick, in dem ich mir einfallen liesse, den Prediger zu spielen, würde man sich von mir wenden.

Ein Freund fragt mich:

—Wohin gehen wir?

—Ich wüsste es nicht zu sagen; mich persönlich scheint der Weg des Kreuzes zum Glauben meiner Väter zurückzuführen.

—Zum Katholizismus?

—Es scheint mir so! Der Okkultismus hat seine Rolle gespielt, indem er die Wunder und die Dämonologie wissenschaftlich erklärte. Die Theosophie, die der Religion den Weg bahnte, hat ausgelebt, nachdem sie die Weltordnung, die straft und belohnt, wiederhergestellt hat. Karma wird sich in Gott verwandeln, und die Mahatmas werden sich als die neugeborenen Mächte, als Zuchtgeister (Dämonen) und als Lehrgeister (Eingeber) enthüllen. Der Buddhismus, den das junge Frankreich pries, hat die Resignation und den Kultus des Leidens eingeführt, die geraden Weges nach Golgatha leiten.

Was das Heimweh betrifft, das ich nach der Mutterkirche empfinde, so ist das eine lange Geschichte, die ich in Kürze erzählen möchte.

Als Swedenborg mich lehrte, dass es verboten sei, die Religion seiner Väter zu verlassen, hat er dem Protestantismus, der ein Verrat an der Mutterkirche ist, das Urteil gesprochen.

Vielmehr, der Protestantismus ist eine den Barbaren des Nordens auferlegte Strafe; der Protestantismus, das ist das Exil, die babylonische Gefangenschaft. Aber die Rückkehr in das gelobte Land scheint nahe zu sein. Die grossen Fortschritte, die der Katholizismus in Amerika, England, Skandinavien macht, verkünden die allgemeine Versöhnung: zur selben Zeit hat die griechische Kirche dem Abendland die Hand gereicht.

Das ist der Traum der Sozialisten, die Vereinigten Staaten des Abendlandes wiederherzustellen, aber in geistigem Sinn verbessert. Doch bitte ich euch, nicht zu glauben, dass politische Überlegungen mich zur römischen Kirche zurückführen. Nicht ich habe den Katholizismus gesucht, er hat sich mir aufgedrängt, nachdem er mich jahrelang verfolgt hat. Mein Kind, das gegen meinen Willen katholisch wurde, hat mich die Schönheit eines Kultes gelehrt, der sich seit seinem Ursprung unberührt erhalten hat, und ich habe immer das Original der Kopie vorgezogen. Der lange Aufenthalt im Lande meines Töchterchens liess mich die hohe Aufrichtigkeit des religiösen Lebens bewundern. Von ähnlicher Wirkung war mein Aufenthalt im Krankenhaus des heiligen Ludwig und schliesslich meine Abenteuer der letzten Monate.

Nachdem ich mein Leben, das mich wie gewisse Verdammte in Dantes Hölle dem Wirbelwind überlieferte, untersucht und dabei erkannt hatte, dass mein Dasein im ganzen keinen anderen Zweck gehabt habe, als mich zu demütigen und zu besudeln, entschloss ich mit, den Henkern zuvorzukommen und selbst die Folterungen an mir zu vollziehen. Ich wollte mitten in den Leiden, Unsauberkeiten und Todesängsten leben und bereitete mich vor, eine Stelle als Krankenpfleger zu suchen und zwar im Hospital der Frères Saint-Jean-de-Dieu zu Paris. Dieser Gedanke kam mir am Morgen des 29. April, nachdem ich einer alten Frau mit einem Totenkopf begegnet war. Als ich nach Hause kam, fand ich auf meinen Tisch "Seraphita" aufgeschlagen; auf der rechten Seite zeigte ein Holzsplitter auf diesen Satz:

"Tut für Gott, was ihr für eure ehrgeizigen Pläne tun würdet; was ihr tut, wenn ihr euch einer Kunst widmet; was ihr getan habt, als ihr ein Wesen mehr als ihn liebtet; oder als ihr ein Geheimnis der menschlichen Wissenschaften verfolgtet! Ist Gott nicht die Wissenschaft selbst...."

Am Nachmittag erhielt ich die Zeitung "L'Eclair", und—welcher Zufall!—das Hospital der Frères Saint-Jean-de-Dieu wird zweimal im Text genannt.

Am 1. Mai las ich zum erstenmal in meinem Leben, "Wie man Magier wird" von Peladan.

Peladan, mir bis heute ein Unbekannter, erscheint wie ein Gewitter, eine Offenbarung des höheren Menschen, des Nietzscheschen Übermenschen, und mit ihm hält der Katholizismus seinen feierlichen und sieghaften Einzug in mein Leben.

Ist "der da kommen soll", in der Person Peladans gekommen? Der Dichter-Denker-Seher, ist er es, oder sollen wir noch eines andern warten?

Ich weiss es nicht; aber nachdem ich diese Vorhallen zu einem neuen Leben überschritten habe, beginne ich am 3. Mai dieses Buch zu schreiben.

Am 5. Mai besucht mich ein katholischer Priester, ein Konvertit.

Am 9. Mai sehe ich Gustav Adolf in der Asche des Kamins.

Am 14. Mai las ich in Peladan: "An Zaubereien zu glauben, war gut gegen das Jahr tausend; beim Nahen des Jahres zweitausend stellt ein Beobachter fest, das mancher Mensch die verhängnisvolle Eigenschaft besitzt, dem, der ihn verletzt, Unglück zu bringen. Du verweigerst ihm eine Bitte, und deine Geliebte betrügt dich; du machst ihn schlecht, und du musst das Bett hüten; alles Böse, was du ihm antun willst, wendet sich in verstärktem Masse gegen dich.—Tut nichts, der Zufall wird dieses unerklärliche Zusammentreffen erklären; der Zufall genügt dem Determinismus des Modernen".

17. Mai.—Ich las von dem Dänen Jörgensen, der sich zum Katholizismus bekehrt hat, eine Schrift über das Kloster Beuron.

18. Mai.—Ein Freund, den ich seit sechs Jahren nicht gesehen habe, ist soeben nach Lund gekommen und zieht in das Haus, in dem ich wohne. Man denke sich meine Bewegung, als ich erfahre, dass er sich soeben zum Katholizismus bekehrt hat. Er leiht mir das römische Gebetbuch, da ich meins vor einem Jahr verloren habe; als ich die lateinischen Kirchenlieder wieder lese, fühle ich mich zu Hause.

27. Mai.—Nachdem wir mehrere Male über die Mutterkirche gesprochen haben, hat mein Freund an das belgische Kloster, in dem er getauft worden ist, einen Brief geschrieben und um einen Ruhesitz für den Verfasser dieses Buches gebeten.

28. Mai.—Ein Gerücht läuft um, Annie Besant sei katholisch geworden; aber es wird nicht bestätigt.

Ich warte noch auf die Antwort des belgischen Klosters.

Wenn dieses Buch gedruckt sein wird, werde ich die Antwort empfangen haben. Und dann? Darauf?—Ein neuer Spass der Götter, die laut auflachen, wenn wir heisse Tränen weinen?

Lund, 3. Mai bis 25. Juni 1897


Epilog.

Ich hatte dieses Buch zuerst mit dem Ausruf beendet: "Welcher Schwindel, welcher traurige Schwindel ist das Leben!"

Nachdem ich aber etwas nachgedacht hatte, fand ich den Satz unwürdig und strich ihn.

Aber die Unschlüssigkeit hörte nicht auf, und ich nahm meine Zuflucht zur Bibel, um die ersehnte Aufklärung zu erhalten.

Dies hat es mir geantwortet, das heilige Buch, das mehr als jedes andere mit wunderbaren prophetischen Eigenschaften ausgestattet ist:

"Ich will mein Angesicht wider ihn setzen, dass er zum Zeichen und Sprichwort werden soll, und ich will ihn aus meinem Volk roden, dass ihr erfahren sollt, Ich sei der Herr.

"Wo aber ein Prophet sich betören lässt, etwas zu reden, den habe Ich, der Herr, betörtet, und will meine Hand über ihn ausstrecken, und ihn aus meinem Volk Israel roden." (Hesekiel 14, 8/9.)

Das also ist die Gleichung meines Lebens: ein Zeichen, ein Beispiel, um andern zur Besserung zu dienen; ein Sprichwort, um zu zeigen, wie eitel Ruhm und Ehre sind; ein Sprichwort, um die Jugend aufzuklären, wie man nicht leben darf, ein Sprichwort, ich, der ein Prophet zu sein glaubte, und sich als Betrüger entlarvt sieht.

Nun, der Ewige hat diesen Betrüger-Propheten verleitet, aufzutreten und zu sprechen, und der falsche Prophet fühlt sich unverantwortlich, da er die Rolle gespielt hat, die ihm auferlegt wurde.

Hier ist, meine Brüder, ein Menschenschicksal unter so vielen andern; gebt zu, dass das Leben eines Menschen ein Schwindel scheinen kann!

Warum ist der Verfasser dieses Buches auf eine so ausserordentliche Art bestraft worden? Man lese das Mysterium, das dem Text vorangeht. Es ist vor dreissig Jahren geschrieben worden, bevor der Verfasser etwas von den Ketzern, die "Stedinger" heissen, wusste. Papst Gregor IX. tat sie 1232 in den Bann, wegen ihrer satanistischen Lehre: "Lucifer, der gute Gott, von "dem andern" verjagt und abgesetzt, wird zurückkehren, wenn sich der Usurpator, Gott genannt, durch seine elende Regierung, seine Grausamkeit und Ungerechtigkeit bei den Menschen verächtlich gemacht und von seiner eigenen Unfähigkeit überzeugt haben wird".

Der Fürst dieser Welt, der die Sterblichen zu Lastern verurteilt und die Tugend durch das Kreuz und den Scheiterhaufen, durch Schlaflosigkeit und Alpdrücken züchtigt, wer ist er? Der Henker, dem wir überliefert sind, für unbekannte oder vergessene Verbrechen, die wir in einer andern Welt begangen haben!

Und die Zuchtgeister Swedenborgs? Schutzengel, die uns vor geistigen Übeln bewahren!

Welche babylonische Verwirrung!

Augustinus hat es für unklug erklärt, am Dasein von Dämonen zu zweifeln.

Thomas von Aquino hat verkündet, Dämonen riefen Gewitter und Blitzschläge hervor, und diese Geister könnten ihre Macht den Händen der Sterblichen anvertrauen.

Papst Johannes XXII. Beklagt sich über unerlaubte Kunstgriffe seiner Feinde: die quälten ihn, indem sie seine Porträts mit Nadeln zerstachen. (Behexung.)

Luther ist der Ansicht, dass alle Unfälle, Knochenbrüche, Einstürze, Feuersbrünste, die meisten Krankheiten von Teufeln herrühren, die ihr Spiel treiben.

Luther geht noch weiter und spricht die Ansicht aus, gewisse Menschen hätten ihre Hölle schon in diesem Leben gefunden.

Habe ich also mit gutem Vorbedacht mein Buch "Inferno" getauft?

Wenn der Leser meine Ansicht als zu pessimistisch in Zweifel zieht, lese er meine Lebensgeschichte: "Der Sohn einer Magd, Die Entwicklung einer Seele, Die Beichte eines Toren".

Wer dieses Buch für eine Dichtung halten sollte, möge mein Tagebuch vergleichen, das ich seit 1895 Tag für Tag geführt habe und von dem dieses Buch nur eine ausgeführte und geordnete Bearbeitung ist.


Legenden 1897—1898


Meinen Unglücksbrüdern

eigne ich dieses Buch zu, indem ich mir zu gleicher Zeit ihre Nachsicht für die Sünden der Indiskretion erbitte, die ich darin aus ehrlicher Absicht und zu lobenswertem Zweck begangen habe. Es wird ihre Sache sein, mich freizusprechen oder zu verurteilen, und mir kommt nur zu, sie um Verzeihung zu bitten, falls ich wehgetan habe.

Der Verfasser.


Erster Teil


1.

Der besessene Teufelsbeschwörer.

Gejagt von den Erinnyen, wurde ich schliesslich im Dezember 1896 in der kleinen Universitätsstadt Lund in Schweden festgehalten. Eine Anhäufung kleinbürgerlicher Häuser um eine Domkirche, ein palastartiges Universitätsgebäude und eine Bibliothek, bildet die Stadt eine Zivilisations-Oase in der grossen südschwedischen Ebene.

Ich muss den raffinierten Scharfsinn bewundern der mir diesen Ort zum Gefängnis ausersehen hat. Von den "Eingeborenen" in Schonen wird die Universität Lund sehr geschätzt, aber für einen Mann vom Norden, wie ich es bin, ist der Umstand, dass man hier lebt, ein Zeichen, dass man heruntergekommen ist.

Ferner für mich, der ich hoch in den Vierzigern stehen, zwanzig Jahre lang verheiratet gewesen bin, mich an ein regelmässiges Familienleben gewöhnt habe, ist es eine Demütigung, eine Relegation, auf den Umgang mit Studenten angewiesen zu sein; Junggesellen, die einem ausschweifenden Kneipenleben ergeben und wegen ihrer oppositionellen Denkart bei den väterlichen Autoritäten der Akademie mehr oder weniger schlecht angeschrieben sind.

Gleichaltrig und einst Kamerad der Professoren, die mich jetzt nicht mehr kennen, werde ich gezwungen, meine Gesellschaft bei den Studenten zu suchen, also die Rolle eines Feindes der Alten und der angesehenen Gesellschaftskreise zu übernehmen.

Heruntergekommen, das ist das rechte Wort. Und warum? Weil ich es verschmähte, mich den Gesetzen des Gesellschaftslebens und der Familiensklaverei zu unterwerfen. Aus eine heilige Pflicht habe ich den Kampf für die Aufrechterhaltung meiner Persönlichkeit betrachtet, ob diese nun gut oder schlecht sein mag.

In Acht erklärt, scheel angesehen, von Vätern und Müttern als ein Verführer der Jugend verflucht, bin ich in eine Lage versetzt, die an die der Schlange im Ameisenhaufen erinnert, um so mehr als ich infolge von Geldverlegenheit die Stadt nicht verlassen kann.

Geldverlegenheit! Das ist nun mein Schicksal seit drei Jahren, und ich kann es nicht erklären, wie es kommt, dass alle Quellen versiegt sind, nachdem aller Vorrat erschöpft war. Vierundzwanzig Theaterstücke von meiner Hand, jetzt aufgelegt im Winkel, und kein einziges wird mehr gespielt; ebenso viele Romane und Erzählungen und kein Band ist in neuer Auflage herausgekommen. Alle Versuche, eine Anleihe aufzunehmen, sind gescheitert und scheitern noch immer. Nachdem ich alles verkauft hatte, was ich besass, zwang die Not mich schliesslich, die Briefe zu verkaufen, die ich Laufe der Jahre empfangen habe, das heisst fremdes Eigentum!

Diese unveränderliche Armut scheint mir so deutlich auf einer besonderen Absicht zu beruhen, dass ich sie schliesslich gutwillig hinnehme, als einen Bestandteil meiner Sündenbusse, und nicht mehr Widerstand zu leisten suche.

Was mich selbst betrifft, für mich als freien Schriftsteller hat die Mittellosigkeit nichts zu bedeuten, aber nicht für den Unterhalt meiner Kinder sorgen zu können, das ist die reine Schande.

Nur zu denn mit der Schande! Nur zu mit der Schmach! Nur zu mit dieser Hölle! Ich gebe der Versuchung nicht nach, die falsche Ehre mit meinem Leben zu bezahlen!

Gefasst auf alles, leere ich entschlossen bis auf den Grund die äusserste der ausserordentlichen Demütigungen; und man gebe acht, wie meine Sühneleiden anfangen.

Wohlerzogene Jünglinge aus wohlhabenden Familien bringen mir eines Nachts eine Katzenmusik im Korridor. Ich nehme sie entgegen wie etwas Wohlverdientes und ohne mich zu rühren.

Ich will eine möblierte Wohnung mieten. Die Vermieter sagen nein unter durchsichtigen Vorwänden, und die abschlägige Antwort wird mir ins Gesicht geworfen. Ich mache Besuche und werde nicht angenommen. Nur Kleinigkeiten!

Was dagegen meine Seele geisselt, ist die erhabene Ironie, die sich in dem unbewussten Benehmen meiner jungen Freunde offenbart, wenn sie mir Mut einflössen wollen, indem sie Lobreden auf meine literarische Laufbahn halten: "so fruchtbar an befreienden Ideen" usw.! Und ich habe eben diese sogenannten Ideen auf den Kehrrichthaufen geworfen; die Träger dieser Ansichten sind also meine Gegner geworden! Ich führe Krieg mit meinem alten Ich; indem ich meine Freunde und meine früheren Gesinnungsgenossen bekämpfe, schlage ich mich selbst zu Boden.

Das ist gut arrangiert; und als Dramatiker muss ich die prächtige Komposition in dieser Tragikomödie bewundern. Wahrhaftig, eine gut gemachte Szene.

Da sich aber die alten und neuen Ansichten während dieser Epoche des Übergangs so kreuzen, dass sie sich verstricken, nimmt man es nicht so genau mit einem Alten, wie ich es bin, lauscht nicht so ernsthaft auf meine Argumente, sondern fragt mich lieber nach Neuigkeiten in der Welt der Ideen.

Ich schliesse ihnen den Vorhof zum Isistempel auf und sage voraus, dass der Okkultismus im Anzuge ist. Da tobt man und säbelt mich nieder, indem man die Waffen benutzt, die ich selbst während zwanzig Jahre gegen Aberglauben und Mystizismus geschmiedet habe.

Da diese Debatte immer in Kneipen bei unmässigem Verbrauch vom Saft der Traube gehalten werden, vermeidet man in heftigen Wortwechsel zu geraten, und ich gewöhne mich daran, nur Tatsachen und wirkliche Fälle zu erzählen, indem ich die Maske eines aufgeklärten Skeptikers anlege. Es kann gewiss nicht gesagt werden, dass man Widerwillen gegen alles Neue hat, im Gegenteil; aber man ist konservativ geworden, das es das Ideal gilt, das man sich durch Streit erkämpft hat; man ist nicht geneigt zu desertieren, noch weniger einen Glauben abzuschwören, der durch Bluttaufe teuer bezahlt worden ist. Es kommt also mir zu, zwischen dem Naturalismus und dem Supernaturalismus eine Brücke zu schlagen, indem ich verkündige, dass der letzte nur eine Entwicklung des ersten ist.

Zu diesem Zweck stelle ich das Problem auf, eine, wie eben angedeutet, natürliche und wissenschaftliche Lösung für alle unerklärlichen Erscheinungen zu geben, die uns auf den Leib gerückt sind. Ich zerspalte meine Persönlichkeit und zeige der Welt den naturalistischen Okkultisten, erhalte aber aufrecht in meinem Innern und pflege den Keim zu einer konfessionslosen Religion. Oft gewinnt die exoterische Rolle die Oberhand; ich mische meine beiden Naturen so durcheinander, dass ich über meinen neuerworbenen Glauben lachen kann; das trägt dazu bei, dass meine Theorien sich bei den widerspenstigen Gemütern einschleichen können.

Der Dezember vergeht träge und furchtbar düster unter einem dunkelgrauen rauchigen Himmel. Obgleich ich bei Swedenborg Aufklärung über die Art meiner Leiden gewonnen habe, kann ich mich nicht dazu bringen, mich auf einmal unter die Hand der Mächte zu beugen. Mein Hang, Einwendungen zu machen, erhebt sich, und ich will immer noch die eigentliche Ursache nach aussen verlegen und sie in der Bosheit der Menschen suchen. Tag und Nacht von "elektrischen Strömen" angegriffen, welche die Brust zusammenklemmen und ins Herz stechen, verzichte ich auf meine Folterkammer und besuche das Wirtshaus, wo ich Freunde treffe. Aus Furcht, nüchtern zu werden, trinke ich; das ist das einzige Mittel, um nachts schlafen zu können. Aber Ekel und Schamgefühl, im Verein mit der friedlosen Unruhe, nötigen mich damit aufzuhören, und einige Abende gehe ich in das Café der Temperänzler, das den Namen "Das blaue Band" trägt. Doch, ich werde ängstlich vor der Gesellschaft, die man dort trifft. Bläulichblasse und abgequälte Gesichter, unheimliche und böse Augen, und ein Schweigen, das nicht der Friede von Gott ist.

Wenn alles zusammen kommt, ist der Wein eine Wohltat und die Enthaltsamkeit eine Züchtigung. Und ich kehre nach dem halbnüchternen Wirtshaus zurück, ohne dort die Grenzen zu überschreiten, nachdem ich mich selbst mit Teeabenden gestraft habe.

Weihnachten steht vor der Tür und ich sehe dem Fest der Kinder mit einer kühlen Bitterkeit entgegen, die ich kaum mit dem Namen Resignation ehren will. Seit sechs Jahren habe ich alles leiden müssen und bin nun gefasst auf alles.

Einsam und in einem Hotel! Nun, das ist ja lange mein Alp gewesen, und ich habe mich daran gewöhnt. Es sieht aus, als ob alles, was ich verabscheue, mir vorbehalten wäre.

Inzwischen ist die Vertraulichkeit zwischen mir und dem Freundeskreise so gross geworden, dass man anfängt mir sein Herz auszuschütten. Die Sache ist die: Während der letzten Monaten sind so manche Dinge geschehen.... So?

So manche ungewöhnliche, unerwartete Dinge....

—Lass hören!

Man erzählt mir: das Haupt des revoltierenden Jugendschwarms, der freieste Freidenker, der neulich aus einer Kuranstalt für Alkoholisten gekommen ist und das Gelübde der Nüchternheit abgelegt hat, sei jetzt bekehrt worden, so dass er geradezu....

—Nun, was?

—Busspsalmen singt.

—Unglaublich!

In der Tat hatte der junge Mann, der mit einer nicht gewöhnlichen Intelligenz ausgerüstet war, gegenwärtig seine Aussichten dadurch verdorben, dass er die an der Universität herrschenden Ansichten heftig angegriffen hatte, eingeschlossen den Missbrauch starker Getränke. Bei meiner Ankunft hielt er sich etwas abseits auf Grund seiner Mässigkeit, doch war er es, der mir Swedenborgs "Arcana coelestia" lieh, die er aus der Bücherei seines Elternhauses nahm. Und ich erinnere mich jetzt: nachdem ich angefangen hatte die Arbeit zu lesen, setzte ich ihm Swedenborgs Theorien auseinander und schlug ihm vor, den Propheten zu lesen, um Licht zu erhalten; er aber unterbrach mich mit einer Gebärde des Entsetzens.

—Nein! Ich will nicht! Nicht jetzt! Später!

—Ist dir bange?

—Ja, für den Augenblick!

—Aber nur als literarische Kuriosität?

—Nein!

Ich glaubte anfangs, er scherze, später aber wurde mir klar, dass es voller Ernst gewesen war.

Also scheint es eine allgemeine Erweckung zu sein, die durch die Welt geht, und ich brauche nicht zu verbergen, wie es mir geht.

—Sag mir, alter Junge, kannst du nachts schlafen?

-Nicht gerade viel! Siehst du, wenn ich wach liege, kommt mein ganzes verflossenes Leben und passiert Revue; alle Dummheiten, die ich begangen habe, alle Leiden und alles Unglück zieht vorbei, aber vor allem die Dummheiten. Und wenn die Reihe zu Ende ist, beginnt sie wieder von neuem!

—Auch du also!

—Auch?

—Ja! Das ist die Krankheit der Zeit! Man nennt das Gottes Mühle!

Bei dem Worte Gott grinst er und erwidert:

—Ja, es ist eine komische Zeit, in der wir leben; die verkehrte Welt.

—Oder der Wiedereintritt der Mächte!

Die Weihnachtstage sind zu Ende. Meine Tischgesellschaft hat sich infolge der Ferien in die Umgebung von Lund zerstreut. Da kommt eines Morgens mein Freund, der Arzt, mein Psychiater, und zeigt mir ein Schreiben, in dem uns unser Freund der Dichter in sein Elternhaus, ein Gut wenige Meilen von der Stadt, einladet.

Ich weigere mich mit hinauszufahren, da ich Reisen verabscheue.

—Aber er fühlt sich unglücklich.

—Was ist ihm denn?

—Schlaflosigkeit; du weisst, er hat wieder gekneipt....

Ich schütze eine dringende Arbeit vor, und die Frage bleibt unentschieden. Am Nachmittag berichtet ein neues Schreiben, dass der Dichter krank ist und um den ärztlichen Rat seines Freundes bittet.

—Wie ist es jetzt mit ihm?

—Er ist nervös, Neurastheniker, und glaubt sich verfolgt....

—Von Dämonen?

—Nicht gerade, aber jedenfalls....

In einem Anfall von Galgenhumor, hervorgerufen, durch das Gefühl, Genossen im Unglück zu haben, lasse ich mich bestimmen, mitzufahren.

—Nun, dann machen wir uns auf den Weg; du besorgst die Medizin und ich treibe den Teufel aus.

Übrigens denke ich diese Lustfahrt mit meinen Ausflügen zu kombinieren, die ich mache, um Schonen zu studieren.

Als die Sache abgemacht ist, packe ich meine Reisetasche; wie ich die Hoteltreppe hinuntergehe, werde ich unvermutet von einer Frau angesprochen.

—Verzeihen Sie, sind Sie Doktor Norberg?

—Nein, das bin ich nicht, antworte ich nicht gerade zu höflich, da ich glaubte es mit einer Dirne zu tun zu haben.

—Können Sie mir sagen, wieviel die Uhr ist? Fuhr sie fort.

—Nein!

Und ich räume das Feld.

Wie wenig merkwürdig diese Szene auch war, die hinterliess doch einen beunruhigenden Eindruck bei mir.

Am Abend bleiben wir in einem Dorf, um dort die Nacht zuzubringen. Ich war gerade in mein Zimmer gekommen, eine Treppe hoch, und hatte mich etwas säubern können, als das gewöhnliche Geräusch sich über mir hören liess; man schleppt Möbel und macht Tanzschritte.

Dieses Mal begnüge ich mich nicht mit Verdacht, sondern klettre in Gesellschaft meines Kameraden die Bodentreppe hinaus, um mir Gewissheit zu verschaffen. Aber dort oben ist nichts Verdächtiges zu finden, da niemand über meinem Zimmer unter den Dachpfannen wohnt.

Nachdem wir die Nacht schlecht geschlafen haben, setzen wir die Fahrt fort und befinden uns einige Stunden später im Elternhaus des Dichters, der hier beinahe als ein verlorener Sohn religiöser Eltern, guter und redlicher Mensch, erscheint. Der Tag vergeht unter Spaziergängen in einer schönen Landschaft und unschuldigen Gesprächen. Der Abend senkt sich herab und bringt einen unbeschreiblichen Frieden in eine häusliche Umgebung, in der der Arzt und ich uns gänzlich verloren vorkommen, er noch mehr als ich, da er Atheist ist.

Spät am Abend ziehen wir uns in das Zimmer zurück, das dem Doktor und mir angewiesen ist. Als ich etwas zu lesen suche, bekomme ich die "Magie des Mittelalters" von Viktor Rydberg in die Hand. Immer dieser Schriftsteller, dem ich ausgewichen bin, so lange er lebte, und der mich nach seinem Tod verfolgt!

Ich blättere in dem Buche, und der Blick heftet sich auf die Stelle über Incubi und Succubi. Der Verfasser glaubt an so etwas nicht und zieht den Teufelsglauben ins Lächerliche.

Aber ich kann nicht lachen; die Lektüre erregt bei mir Anstoss, und ich beruhige mich bei dem Gedanken, das der Verfasser jetzt seine Ansicht geändert haben dürfte!

Indessen ist das Lesen solcher unheimlichen und magischen Dinge nicht geeignet, Schlaf hervorzurufen, und eine gewisse Unruhe in den Nerven macht sich vernehmbar. Deshalb wird der Vorschlag, zusammen nach dem Bequemlichkeitshäuschen zu gehen, angenommen als eine heilsame Zerstreuung und eine hygienische Einleitung für die Nacht, vor der ich Furcht habe.

Mit einer Laterne versehen, streben wir über den Hof, wo bei einem wolkigen Himmel die Skelette der bereiften Bäume unter der neckischen und launenhaften Windsbraut krachen.

—Ich glaube, ihr fürchtet euch vor eurem eigenen Schatten, lacht der Arzt verächtlich.

Keiner antwortet, denn die Windstösse versuchen uns auf eine ganz persönliche Weise umzuwerfen, stellen uns ein Bein, reissen uns am Haar, heben den Rockschoss auf.

Angekommen an Ort und Stelle, die neben dem Stall und unter dem Heuboden lag, werden wir von einem Lärm über unsern Köpfen begrüsst und—seltsam—es ist genau das Geräusch, das mich seit einem halben Jahr verfolgt.

—Horch! Hört ihr etwas?

—Ja, es sind Leute oben, die dem Vieh Futter geben! antwortet der Dichter.

Ich will die Tatsache nicht leugnen, warum aber gerade in dem Augenblick, da ich eintrete? Und wie kommt es, dass das Unwesen überall dieselben akustischen Formen annimmt? Es muss unbedingt jemand sein, ein Unsichtbarer, der diese Katzenmusik für mich anstellt; es ist keine Gehörshalluzination, da die anderen dieselbe physische Wahrnehmung haben wie ich.

Als wir ins Schlafzimmer zurückgekommen sind, wird dennoch nichts aus der Ruhe. Der Dichter, der sich den ganzen Tag ruhig verhalten hat, dem die Eltern ein Bodenzimmer zum Schlafen angewiesen haben, macht den Anfang damit, unruhig auszusehen, und gesteht schliesslich ein, dass er sich nicht getraut allein zu schlafen, weil der Alp ihn reite.

Ich trete ihm mein Lager ab und darf statt dessen über einen grossen Saal nebenan verfügen, der mit einem ungeheuren Bett versehen ist.

Der ungeheizte Saal, ohne Rouleaux und fast unmöbliert, lastet auf meinem Gemüt mit einem Unbehagen, das beständig durch die Feuchtkühle vermehrt wird.

Um mich zu zerstreuen, suche ich nach Büchern und finde auf einem kleinen Tisch die Bibel mit Gustae Dores Illustrationen sowie eine Sammlung Andachtsbücher. Da erinnere ich mich, dass ich in ein religiöses Haus eingedrungen bin, dass ich der Freund des verlorenen Sohnes und ein Verführer der Jugend bin. Welche demütigende Rolle für einen achtundvierzigjährigen Mann. Wie erniedrigend!

Und ich verstehe das Leiden des jungen Mannes, der zwischen tugendhafte und fromme Menschen eingesperrt ist. Das muss dieselbe Pein sein wie für den Teufel, die Messe zu besuchen. Und um den Dämon mit dem Dämon zu vertreiben, bin ich hierher eingeladen; ich bin gekommen, um durch Befleckung diese reine Luft zum Einatmen möglich zu machen, da der junge Mann sie nicht ertragen kann.

Unter derartigen Gedanken bin ich zu Bett gegangen. Der heilige Schlaf war früher meine letzte und treueste Zuflucht, deren Erbarmen mir niemals mangelte. Jetzt hat der Tröster in der Nacht mich im Stich gelassen und das Dunkel erschreckt mich.

Die Lampe ist angezündet, und Stille herrscht nach dem Sturm. Da weckt ein unbekannter surrender Laut meine Aufmerksamkeit und reisst mich aus dem Halbschlaf. Und ich werde gewahr, wie oben im Saale ein Insekt hin und her fliegt. Was mich aber wundert, ist, dass ich die Art nicht kenne, obgleich ich in der Insektenkunde zu Hause bin und mir schmeichle, alle Zweiflügler in Schweden auswendig zu können. Und dies ist kein Schmetterling, kein Seidenspinner und auch keine Motte, es ist eine Fliege, schwarz, länglich, aber mit einem Tonfall ausgerüstet, der dem einer Gallwespe oder eines Nachtfalters gleicht. Ich stehe auf, um Jagd darauf zu machen; Fliegenjagd zu Ende Dezember! Sie macht sich unsichtbar.

Ich will wieder unters Laken kriechen und mich in meine Betrachtungen versenken.

Aber das fliegt das verdammte Tier unter dem Kopfkissenbezug hervor; nachdem es nun meinen Bett Ruhe und Wärme entlehnt hat, lenkt es seinen Flug kreuz und quer. Ich lasse das Geschöpf gewähren, sicher, dass ich es bald an der Lampe fange, wohin die Flamme es schon locken wird.

Dieser Augenblick lässt nicht auf sich warten, und sobald die Fliege innerhalb des Lampenschirmes gekommen ist, versengt ein Streichholz ihre Flügel so, dass der Friedensstörer seinen Totentanz aufführt und sich leblos auf den Rücken legt. Durch den Augenschein überzeuge ich mich davon, dass es ein unbekanntes zweiflügliges Insekt ist, keine zwei Zentimeter lang, schwarz mit zwei feuerroten Punkten auf den Flügeln.

Was war das? Ich weiss es nicht, aber am nächsten Tage gebe ich den andern Gelegenheit das Dasein der toten Fliege zu bestätigen.

-Eine Hexe! Wirft der Doktor hin.

-Die lebendig verbrannt worden ist!

Indessen, nach bewerkstelligtem Autodafé schlafe ich ein.

Mitten in der Nacht werde ich von Wimmern und Zähneklappern geweckt, das aus dem Zimmer nebenan tönt. Ich zünde ein Licht an und gehe hinein. Mein Freund, der Arzt, hat sich mit dem halben Körper aus dem Bett geworfen und windet sich, ein Raub schrecklicher Konvulsionen, den Mund weit geöffnet; er zeigt mit einem Wort alle Symptome der grossen Hysterie, wie sie in Charcots Abhandlung beschrieben sind, und zwar in einem Grade, dass er ein Bild von dem Stadium gibt, das Besessenheit genannt wird. Und er, ein Mann von hervorragender Intelligenz und gutem Herzen, nicht lasterhafter als andere, gut gewachsen, mit regelmässigen und angenehmen Gesichtszügen, ist nun so entstellt, dass er dem Bilde eines Teufels des Mittelalters gleicht.

Entsetzt wecke ich ihn auf.

—Hast du geträumt, alter Junge?

—Nein! Es war nur ein Anfall von Alpdrücken!

—Incubus!

—Ja, wahrhaftig! Es war jemand, der drückte mir die Lungen zusammen. Etwas im selben Stil wie ... "angina pectoris".

Ich reiche ihm ein Glas Milch; er zündet eine Zigarre an, und ich gehe in meinen Saal zurück.

Aber nun ist es für mich mit dem Schlafen vorbei. Was ich gesehen hatte, war zu furchtbar, und bis zum Morgen setzen meine Kameraden ihren Strauss mit dem Unsichtbaren fort.

Man trifft sich beim Frühstück, und die Geschehnisse der Nacht werden ins Lächerliche gezogen. Aber unser Wirt lacht nicht; welchen Umstand ich der religiösen Denkart zuschreibe, die ihm Achtung vor den verborgenen Mächten lehrt.

Die schiefe Stellung, in der ich mich befinde, zwischen den Alten, die ich billige, und den Jungen, die zu tadeln ich kein Recht habe, lässt mich auf die Abreise dringen.

Als wir vom Tisch aufstehen, bittet der Herr des Hauses, den Arzt um eine besondere Konsultation, und sie ziehen sich für eine halbe Stunde zurück.

—Was fehlt dem Alten?

—Er kann nicht schlafen! Nächtliche Herzaffektionen....

—Also er auch! Der gerechte und fromme Mann! Das ist also eine Epidemie, die keinen verschont.

Ich will nicht verhehlen, dass dieser Umstand mich aufrichtete, und gleich nahmen der Aufruhrgeist und die Zweifelsucht meine Seele wieder in Besitz. Die Dämonen herausfordern, den Unsichtbaren trotzen und zuletzt unterjochen! Das war die Losung, die ich mir gab, als ich diese gastfreie Familie verliess, um meine beabsichtigten Ausflüge in Schonen zu machen.

Am selben Abend in der Stadt Höganäs angelangt, nehme ich mein Abendessen im grossen Speisesaal des Hotels ein; dabei habe ich einen Zeitungsmann zur Gesellschaft. Sowie wir uns zu Tisch gesetzt haben, lässt sich das übliche Poltern über meinem Kopfe hören; und um mich gegen die Mangelhaftigkeit meiner eigenen Wahrnehmung zu sichern, lasse ich die Erscheinung von dem Zeitungsmann beschreiben; der bezeugt deren Wirklichkeit.

Als wir nach beendeter Mahlzeit hinausgingen, stand die unbekannte Frau, die mich vor der Abreise von Lund angesprochen hatte, ganz unbeweglich draussen vor dem Portal und liess mich und meinen Begleiter vorbeidefilieren.

Da vergesse ich die Dämonen und die Unsichtbaren und verfalle von neuem auf die Vermutung, dass ich von sichtbaren Feinden verfolgt bin. Aber im nächsten Augenblick widerlege ich diese Annahme, indem ich mich an meinen unvorhergesehenen Besuch beim Schuhmacher in Malmö erinnere; auch in jener Nacht, als wir nach dem Stallgebäude gingen, war unmöglich eine überlegte Intrige anzunehmen.

Die schrecklichen Zweifel sitzen fest und höhlen mir das Gehirn aus, erhitzen mein Blut und flössen mir Ekel vor dem Leben ein.

Doch die Nacht hat mir eine Überraschung vorbehalten, die mich mehr erschreckt als die letzten Tage zusammengenommen.

Ermüdet von der Reise gehe ich um elf Uhr zu Bett. Alles ist still im Hotel und kein Poltern vernehmbar. Mein Mut wächst, und ich falle in einen tiefen Schlaf, um nach einer halben Stunde von einem Lärm und Gepolter, das im Zimmer über dem meinen ist, geweckt zu werden. Es scheint mindestens eine Stiege junger Leute zu sein, die singen, auf den Boden stampfen, Stühle hin und her schieben.

Dies wilde Leben währt bis zum Morgen!

Warum ich nicht beim Wirt Klage führe? Weil es mir im Laufe meines Lebens nie gelungen ist, recht zu bekommen. Dazu geboren und vorherbestimmt, unrecht zu bekommen, habe ich aufgehört, mich zu beklagen.

Am Morgen setze ich meine Reise fort, um die Steinkohlegruben, bei Höganäs zu besehen. Im selben Augenblick, wie ich ins Wirtshaus eintrete, um ein Fuhrwerk zu bestellen, beginnt der gewöhnliche Hexensabbath oben. Unter einem Vorwand, ich erinnere mich jetzt nicht, welcher, steige ich eine Treppe hinauf. Ein grosser Saal, der leer ist, ist alles, was ich dort finde.

Da die Gruben nicht vor zwölf Uhr besehen werden dürfen, lasse ich mich nach einem Fischerort einige Meilen nördlich fahren, von wo die Aussicht über den Sund sehr berühmt ist.

Als der Wagen durch den Schlagbaum vor dem Dorfe fährt, fühle ich auf einmal meinen Brustkorb von hinten zusammengeklemmt, ganz als ob jemand mir seine Knie in den Rücken stemme, und die Illusion ist so vollständig, dass ich mich umwende, um den Feind, der hinten aufsitzt, in Augenschein zu nehmen.

Da erhebt ein Schock Krähen ein entsetzliches Geschrei und fliegt über den Kopf des Pferdes; das scheut, bäumt sich, spitzt die Ohren und schwitzt grosse Tropfen. Es kaut am Zaum, und der Fuhrmann muss abspringen, um das Tier zu beruhigen.

Ich frage, warum das Pferd so unvernünftig bange würde, aber die Antwort steht in dem Blick zu lesen, den der Fuhrmann auf die Krähen richtet, die gleich einer Wolke uns noch einige Minuten folgen. Es ist eine ganz natürliche Begebenheit, aber von schlimmer Art und nach dem Volksglauben ein schlechter Vorbote!

Nach zwei Stunden Wegs ohne Nutzen für meine Studien, weil ein Nebel die Aussicht über den Sund verschliesst, fahren wir in das Dorf Mölle hinein. Entschlossen, die Bergspitze von Kullen zu Fuss zu besteigen, verabschiede ich den Kutscher und lasse ihn im Wirtshaus meine Rückkehr abwarten.

Als ich die Bergwanderung beendigt habe, komme ich in das Dorf zurück und lenke meine Schritte nach der Gastwirtschaft. Aber mir fehlt die Ortskenntnis und ich suchen einen Einwohner, um mich hin zu fragen. Nicht ein lebendes Wesen ist zu sehen, weder auf den Strassen noch anderswo. Ich klopfe an die Türen; keine Antwort. Am Vormittag um elf Uhr in einem Dorf von zweihundert Einwohnern nicht ein Mann, nicht eine Frau, nicht ein Kind, nicht einmal ein Hund! Und der Kutscher, das Pferd, der Wagen wie weggeblasen. Ich irre in den Gassen umher und finde nach einer halben Stunde die Gastwirtschaft. Sicher, meinen Fuhrmann dort zu haben, bestelle ich Frühstück; nachdem ich gegessen habe, bitte ich es dem Kutscher anzusagen.

—Welchem Kutscher?

—Meinem!

—Ich habe keinen gesehen!

—Haben Sie nicht einen Wagen bemerkt, von einem rotbraunen Pferde gezogen und von einem dunklen Kutscher gefahren?

—Nein, das habe ich nicht.

—Und ich habe ihn doch hierher ins Wirtshaus bestellt.

—Dann sitzt er wohl im Ausspann nebenan.

Das Mädchen bezeichnet den Weg, und ich setze mich in Gang.

Doch, ich bin nicht imstande, den Krug zu finden, und ich gehe irre, so dass ich nicht wieder zurück nach meinem Wirtshaus finde. Und kein Mensch zu sehen! Da werde ich bange! Bange am hellen Tage! Dieses Dorf ist verhext!

Ich vermag mich nicht mehr zu rühren, sondern stehe, wo ich stehe, wie festgekettet. Was nützt das Suchen, da der Teufel einen Finger im Spiel hat?

Nach sieben Sorgen und acht Betrübnissen kommt endlich der Kutscher, und ich schäme mich, ihm meine Verdriesslichkeiten zu offenbaren oder ihm Erklärungen abzufordern, die nichts erklären.

Wir sind nach Högandäs zurückgefahren. Vor der Hoteltreppe fällt das Pferd plötzlich zur Erde, als habe jemand vor der Tür gestanden und es erschreckt.

Jetzt lasse ich mich über den Weg nach den Steinkohlengruben unterrichten; dieses Mal gewiss, mein Ziel nicht zu verfehlen, gehe ich zu Fuss die fünf Minuten Wegs, die man mir angewiesen hat. Ich gehe und gehe zehn Minuten, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, geradeaus aufs ebene Land, ohne eine Spur von Gebäuden oder Schornsteinen zu erblicken, die auf eine Grube hinweisen können. Die angebaute Ebene streckt sich in Unendlichkeit aus; nicht eine Hütte, niemand zum Fragen.

Das ist der Böse, der mir diesen boshaften Schabernack spielt! Und ich bleibe stehen wie festgeleimt, erblindet, ohne einen Schritt vorwärts oder rückwärts machen zu können.

Schliesslich kehre ich ins Dorf zurück, nehme ein Zimmer und ruhe mich auf einem Sofa aus.

Nach einer Viertelstunde werde ich aus meinen traurigen Gedanken durch ein Unwesen geweckt. Diesmal klopft man mit einem Hammer Nägel ein. Kleingläubig, was die Klopfgeister anbetrifft, schreibe ich die Erscheinung auf Rechnung böswilliger Leute oder eines mehr als gewöhnlich grossen Pechs. Ich klingele, bezahle was ich schuldig bin und begebe mich auf den Bahnhof.

Drei Stunden warten! Das ist viel, wenn man ungeduldig ist, aber es gibt keine Wahl. Als ich zwei Stunden auf einer Bank hingebracht habe, geht eine gutgekleidete und hübsche Frauensperson an mir vorbei, um in den Wartesaal erster Klasse einzutreten. In der Art dieser Dame sich zu bewegen und in ihrem ganzen Wesen lag etwas, das bei mir unbestimmte Erinnerungen weckte; neugierig, wie sie von vorn aussieht, bewache ich die Tür, um mir die Dame anzusehen, wenn sie wieder vorbeikommt. Nachdem ich lange gewartet habe, gehe ich in den Wartesaal hinein.

Niemand ist drinnen zu sehen; und keine andere Tür ist da; kein Toilettenzimmer. Und Doppelfenster setzen der Möglichkeit, auf andere Weise zu entkommen, ihr Halt entgegen.

Bin ich geblendet? Gibt es Menschen, die mit der Fähigkeit ausgerüstet sind, einem das Gesicht zu verkehren? Kann man sich unsichtbar machen? Das sind ungelöste Fragen, die mich zur Verzweiflung bringen. Bin ich verrückt? Nein, die Ärzte sagen, es sei nicht der Fall. Da kann man an Wunder glauben. Ich bin ein Verdammter, ich befinde mich in der Hölle, wenn man Swedenborg glauben darf, und die Mächte strafen mich, rastlos, unbarmherzig. Die Geister, die ich heraufbeschwöre, haben keine Lust, wieder in die Flasche zu kriechen, von der ich das Insiegel genommen habe.

Der Abend desselben Tages, in einem guten Hotel erster Klasse der Stadt Malmö. Ich gehe um zehn Uhr zu Bett. Um halb elf fängt man an im Korridor Holz zu spleissen, ohne dass jemand seine Unzufriedenheit darüber äussert; und zwar in einem kontinentalen Hotel voller Reisender. Danach wird getanzt! Später dreht man an einer Maschine mit Räderwerk ... Ich stehe auf, bezahle die Rechnung und beschliesse meine Reise die ganze Nacht fortzusetzen.

Mutterseelenallein draussen in der kalten Januarnacht, gehe ich und schleppe meine Reisetasche, ermüdet und erschöpft, unter einem pechschwarzen Himmel. Einen Augenblick halte ich es für das Beste, mich in den Schnee zu legen und zu sterben. Aber im nächsten Moment sammle ich meine Kräfte und biege in eine öde Hinterstrasse ein, wo ich ein anspruchsloses Hotel antreffe. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass niemand mich auskundschaftet, schleiche ich durch das Tor hinein.

Ohne mich auszukleiden, strecke ich mich auf dem Bett aus, fest entschlossen, mich lieber töten als zum Aufstehen bringen zu lassen.

Totenstille herrscht im Hause und der liebliche Schlaf nähert sich. Da höre ich plötzlich, wie eine unsichtbare Tatze an der Papierbekleidung der Decke gerade über meinem Kopfe kratzt. Es kann keine Maus sein, da das lose gespannte Papier sich nicht bewegt; und übrigens ist es eine ziemlich grosse Tatze, wie von einem Hasen, einem Hund!

Bis zum Tagesgrauen erwarte ich, in Schweiss gebadet, die Klauen in meiner Haut zu fühlen, aber vergebens, denn selbst die Angst ist quälender als der Tod.

Warum ich nicht krank werde nach solchen Peinigungen?

Weil ich das Leiden bis auf die Hefe leeren muss, um das Gleichgewicht zwischen den begangenen Missetaten und der auferlegten Strafe wieder herzustellen. Und es ist wirklich merkwürdig, wie ich die Qualen auszuhalten vermag; ich verschlinge sie mit grimmiger Freude, um endlich ein Ende mit ihnen zu machen.


2.

Die Trostlosigkeit breitet sich aus.

Als Neujahr und die unzähligen Feiertage überstanden sind, finde ich mich eines Tages allein. Es ist, als ob ein Orkan dahergezogen wäre: alle sind zerstreut, fortgeblasen, schiffbrüchig. Mein Freund der Arzt ist als krank ins Lazarett aufgenommen. Tatsächlich hat er, von Trunksucht geschwächt, von Geldmangel bedrängt, von Schlaflosigkeit aufgerieben, schliesslich "Neurasthenie" bekommen. Das ist herzzerreissend; und statt ins Wirtshaus zu gehen, lenke ich nun meine Schritte ins Lazarett, um für eine Stunde Zwiegespräch und Gesellschaft zu suchen.

Im Café bin ich der einzige, der ein Glas trinkt, da drei von den Kameraden das Gelübde der Nüchternheit abgelegt haben. Der Dichter ist fortgereist. Der junge Ästhetiker, der Sohn des Professors der Ethik, ist ins Ausland geschickt, um von dem schlechten Umgang mit dem Verführer der Jugend (das bin ich!) loszukommen.

Ein Doktor der Philosophie hat sich das Bein gebrochen und liegt zu Bett. Gleichzeitig wird der junge Chemiker, der Bannerträger der Fortschrittsmänner, krank und muss auf Neurasthenie behandelt werden. Es ist Schlaflosigkeit, ein Anfall von Alpdrücken und Schwindel gewesen.

Alle diesen traurigen Umstände und andere haspeln sich im Laufe von anderthalb Monaten ab. Und was meine Lage unerträglich macht, ist, dass man mehr oder weniger direkt die Schuld auf mich schiebt. Ich bin der Böse selbst, ich habe den bösen Blick! Es ist nur gut, dass man über die Macht des bösen Willens und die heimlichen Finten des Okkultismus nichts weiss und den Gedanken daran verwirft, denn sonst würde man mich totschlagen.

Eine flache und trübe Stille hat sich über das geistige Leben an der Universität gebreitet. Nicht eine neue zeugungskräftige Idee, keine Gärung und Bewegung! Die Naturwissenschaften haben die transformistische Methode, die Fortschritt versprach, abgenutzt, und sie drohen nun an allgemeiner Schwäche zu sterben. Man diskutiert nicht mehr, weil man einig ist, dass die reformatorischen Bestrebungen eitel sind. Man hat so viele Illusionen stürzen sehen, und die grosse Befreiungsaktion ist jetzt in eine allgemeine Auflösung oder vielmehr Zersetzung übergegangen.

Die Jugend wartet auf etwas Neues, ohne sich noch klar gemacht zu haben, was sie ersehnt. Neues um jeden Preis, ausgenommen Abbitte und Rückzug. Vorwärts zu dem Unbekannten, was es auch sei, wenn es nur nicht etwas Altes ist. Man will freilich eine Versöhnung mit den Göttern, aber es sollen umgeschaffene sein, besser entwickelte Götter, die auf gleicher Höhe mit der Gegenwart stehen, Götter von weitherziger Auffassung, frei von kleinlichen Vorurteilen, berauscht von Lebensglück. Leider aber sind die Unsichtbaren krittlig geworden, neidisch auf die Freiheiten, welche die Sterblichen sich erworben haben. Der Wein ist vergiftet worden und verursacht wilde Verrücktheit, statt liebliche Visionen hervorzurufen. Die durch Gesellschaftsbande geregelte Liebe erweist sich als ein Zweikampf auf Leben und Tod; die freie Liebe führt im Schlepptau unnennbare und endlose Krankheiten, bringt Elend über die Heimstätten, stösst ihre Opfer schimpfbeladen vom Verkehr aus.

Die Epoche eines Experimentiergeistes ist abgelaufen und die Experimente haben lauter negative Resultate ergeben. Um so besser für die Menschen der Zukunft: die werden Nutzen ziehen aus den heilsamen Lehren, die sie aus der Niederlage der Vorhut holen können, welche in der Wüste irre gegangen und in einem hoffnungslosen Kampf gegen die Übermacht gefallen ist.

Einsam, wie ich bin, schiffbrüchig, ein Wrack, das auf eine Schäre im Ozean geworfen worden ist, habe ich Augenblicke, in denen ich von Schwindel vor dem blauenden Nichts ergriffen werde. Ist es der Himmel, der einen Widerschein von dem ausgebreiteten Tuche des Meeres trägt, oder das Meer, das den Himmel spiegelt?

Ich habe die Menschen geflohen, und die Menschen fliehen mich. In meiner ersehnten Einsamkeit werde ich von einer ganzen Schar Dämonen heimgesucht, und wenn alles zusammen kommt, fange ich doch an den geringsten unter den Sterblichen den interessantesten Schemen vorzuziehen. Aber wenn ich einen Menschen suche, während der langen Abende, durch die ganze Stadt, treffe ich keinen, weder bei sich zu Hause noch in den Cafés.

Da, mitten in meiner schicksalbestimmten, unvermeidlichen Armut sendet die Vorsehung einen Mann auf meinen Weg, ja einen Mann, dessen Vater ich früher missachtet hatte, sowohl wegen seiner mangelhaften Erziehung wie wegen seiner radikalen Ansichten, die ihn von den besseren Gesellschaftskreisen ausschlossen .... Jetzt kam die Vergeltung: ich hatte den Vater geschmäht, trotzdem er ein reicher Mann war, und ich werde geradezu gezwungen, mit dem Sohn fürlieb zu nehmen. Hier muss hinzugefügt werden, dass der junge Mann in der Stadt ebenso schlecht angeschrieben ist, wie ich, ebenso isoliert, weil er die Rolle eines Verführers der Jugend spielt. Und das Unglück bringt uns dazu, eine wahrhaftige Freundschaft zu knüpfen.

Er ladet mich ein, bei sich zu wohnen, er streckt mir Existenzmittel vor, er wacht über mich wie über einen Kranken; und in der Tat hat die Verfolgung mich verleitet, in einem Hotel Skandal zu erregen: ich wollte in ein Zimmer neben dem meinen eindringen, überzeugt, dort Feinde zu finden, die mich beunruhigten. Wenn ich noch einen Tag in diesem Hotel gewohnt hätte, würde die Polizei sich eingemischt haben, und eine Zukunft im Irrenhause wäre mir sicher gewesen.

Zur selben Zeit bringt das Auftreten eines andern jungen Mannes mich zu der Überzeugung, dass die Götter nicht unversöhnlichen Groll gegen mich nähren.

Ein richtiges Wunderkind, geboren mit frühreifer Einsicht in alle Zweige des menschlichen Wissens, wohl erzogen von einem gelehrten und sittlich hoch stehenden Vater, wurde der junge Mann vor zwei Jahren von einer ganz geheimnisvollen Krankheit ergriffen, deren Einzelheiten er mir zu dem Zweck offenbarte, meine Meinung zu erfahren oder vielmehr die Bestätigung seines eigenen Argwohns zu hören.

Genug, der junge Mann, der ein reines Jünglingsleben gelebt und die strengsten Grundsätze eingesogen hat, tritt unter günstigen Verhältnissen hinaus ins Leben, von seinen Altersgenossen beschützt und beliebt wohin er kommt. Aber eines Tages begeht er eine Handlung, die ihm sein Gewissen bestimmt verbietet. Nichts ist seitdem imstande ihn zu beruhigen. Nach langer Zeit geistiger Tortur unterliegt auch sein Körper. Gleichzeitig erreicht seine Seelenkrise eine erschreckende Höhe. Jeden Tag konstatiert er einen neuen Fortschritt eines eingebildeten Übels, und schliesslich macht er die Qual der Agonie durch. Darauf glaubt er tot zu sein; er hört in allen Wohnungen des Hauses Särge zunageln. Wenn er die Zeitung liest—sein Verstand ist nämlich dauernd klar—erwartet er die Anzeige seines eigenen Begräbnisses zu sehen. Gleichzeitig erleidet sein Körper eine Scheinauflösung mit Leichengeruch, der seine Umgebung von seinem Bett schreckt und ihn selbst zum Schaudern bringt. Eine Veränderung in der Persönlichkeit selbst scheint vor sich gegangen zu sein, da der junge Mann, der auf seine Weise religiös gesinnt war, nun von Zweifeln angefochten wird.