Eine Wahrnehmung, die er im Gedächtnis behielt, war, dass seine Umgebung stets wachsbleiche oder blaue Gesichter hatte. Und wenn er aufgestanden war, um die Leute auf der Strasse zu betrachten, schienen ihm alle Passanten blau im Gesicht zu sein. Was ihm ferner Entsetzen einflösste, war, dass sich unten auf der Strasse eine unendliche Reihe von Bettlern, zerlumpten Kerlen, gebrechlichen beinlosen Krüppeln auf Krücken an seinem Fenster vorbei schleppten, als seien sie zusammengerufen worden, um Revue zu passieren. Während der ganzen Zeit behielt der Kranke den Eindruck, dass die Wirklichkeit von dem, was er sah, über jeden Zweifel erhaben war; daneben aber wurde er gezwungen, eine symbolische Bedeutung hineinzulegen. Jedes Buch, das er öffnete, enthielt direkte Mahnungen an ihn.
Nachdem er seine Erzählung beendet hatte, frage er, was ich von der Sache denke.
—Etwas Halbwirkliches, eine Reihe Visionen, von jemand heraufbeschworen, zu bewusstem Zweck. Eine lebende Scharade, aus der die Nutzanwendung zu ziehen Ihnen zukommt. Nun, wie wurden Sie geheilt?
—Es ist recht lächerlich, aber ich will es Ihnen gestehen. Früher hatte ich immer in Opposition zu meinen Eltern gestanden, die mich mit unermüdlicher Fürsorge für Leib und Seele umgaben; jetzt aber beuge ich schliesslich den Nacken unter das Joch, das mir lieblich und wohltuend geworden, da es von ungeheuchelter Liebe abgemessen war. So wurde ich geheilt.
—Und haben Sie nie einen Rückfall gehabt?
—Doch! Ein einziges Mal! Aber von der gelindesten Art. Eine Zeitlang unbedeutende Nervosität und Schlaflosigkeit, die vor den einfachsten medizinischen Verhaltensmassregeln wich. Aber dieses Mal hatte ich mir auch nichts vorzuwerfen.
—Und was hat Ihnen der Arzt verordnet?
-Ordentlich zu leben, nachts zu schlafen und Ausschweifungen zu vermeiden.
—Das ist ja ganz der Weg des Kreuzes!
Nun bin ich also nicht mehr einsam und verlassen; der junge Gelehrte scheint mir als ein Bote von den Mächten gekommen zu sein, ich kann ihm alles anvertrauen; und indem wir vergleichen, was wir erlebt haben, stützen wir einander gegenseitig auf dem schmalen Pfad im Tal der Schmerzen.
Auch er getroffen in jungen Jahren!
Alle Menschen gewaltsam aus dem Schlaf gerissen!
Es ist also eine allgemeine Erweckung, und was bezweckt sie?
3.
Erziehung.
Swedenborg, mein Wegweiser in der Finsternis, hat sich nur als Bestrafer offenbart. Die "Arcana Coelestia" sprechen nur von der Hölle und von Strafen, die vollzogen werden von bösen Geistern, das heisst Teufeln. Nicht ein Wort des Trostes, keine Gnade. Und doch ward ja der Teufel in meiner Jugend abgeschafft, alle lachten über ihn; und durch die Ironie des Zufalls bereitet man sich gerade jetzt dazu, das Jubiläum des Philosophen Boström zu begehen, der die Hölle niederriss und den Teufel vernichtete. Zu diesem Denker sah man in meiner Jugend wie zu einem Reformator auf, und jetzt rüstet sich der Teufel zu einer Renaissance für sich. Er ist in die Erzeugnisse der sogenannten satanischen Literatur geschlüpft, in die schönen Künste an die Seite von Christus, ja sogar in die Industrie. Letzte Weihnacht habe ich bemerkt, dass die Geschenke meist kleine Teufel und Gespenster vorstellten, sowohl die Spielsachen der Kinder wie komische Gegenstände, welche die älteren für einander kaufen, Zuckerwerk, Kontorkalender. Gibt es ihn noch, oder ist er nur ein halb wirkliches Schreckbild, das von den Unsichtbaren projiziert wird, um einen starken Eindruck auf uns zu machen? Uns zum Kreuze hinzustossen? Eine Antwort darauf zu finden, war mir noch nicht gelungen, als man mich an einem trüben Abend zu einem Bildhauer führt, der Freidenker und Atheist ist, wie die theosophische Gesellschaft, deren Anhänger er ist. Bei ihm kann man eine Privatsammlung von Gegenständen in Ton sehen, die für die Stockholmer Ausstellung bestimmt sind.
Mit abstossendem Realismus und Cynismus ist da der Teufel in verschiedenen Situationen dargestellt, immer in Verbindung mit einem Priester, dem vor ihm bange ist.
Das ist ein Lachen! Aber ich, ich kann nicht lachen und denke: warte, wir werden sehen!
Nach Verlauf von vier Monaten begegne ich dem Bildhauer auf der Strasse.
Er sieht betrübt aus, als sei ihm etwas Unangenehmes widerfahren.
—Können Sie sich solch ein verdammtes Pech denken: man hat drei meiner besten Figuren zerschlagen, als man sie auf der Ausstellung auspackte.
Das ist etwas, was mich ausserordentlich interessiert, und in demselben Augenblick, in dem ich das Unglück beklage, frage ich mit einer fast schmählichen Neugier:
—Und welche von Ihren Statuetten waren es?
—Die drei mit dem Teufel, so viel ich weiss. Ich lache nicht, aber antworte lächelnd:
—Da sehen Sie, Lucifer kann Karikaturen nicht leiden!
Einige Wochen später hat der Bildhauer ein neues Schreiben erhalten, in dem man ihm mitteilt, dass die anderen Figuren von ihrem Sockel gefallen und in Stücke zerschlagen sind, ohne dass die Verwaltung erklären kann, wie es zugegangen ist. Mithin hat der arme Künstler ein Jahr verloren, die Herstellungskosten nicht gerechnet, und er sieht sich aus dem Verzeichnis der Aussteller gestrichen.
In seiner Untröstlichkeit tröstet er sich mit dem Zufall, der nichts besagt; zugleich rettet der jedoch den menschlichen Stolz, welcher vor dem blinden Ungefähr die Knie beugt. Man senkt den Kopf vor dem Stein, der von der Schleuder geflogen kommt: aber der Schleuderer selbst? Einen solchen hat man nicht gesehen.
Inzwischen bekomme ich nach und nach Swedenborgs Arbeiten in die Hände, eine nach der anderen, und immer in einem günstigen Augenblick. So treffe ich in seinen "Träumen" alle Symptome der "Krankheit" an, die mich heimsucht, die nächtlichen Anfälle, die Atemnot. Und die Tatsachen, die in diesen seinen Aufzeichnungen erzählt werden, gehören in die Zeit vor den Offenbarungen. Das war für Swedenborg die Periode der "Verwüstung", als er dem Satan überliefert wurde, damit das Fleisch getötet werde.
Das gibt mir Klarheit über die wohlwollenden Absichten des Unsichtbaren, ohne mir jedoch Trost bringen zu können. Erst nachdem ich "Himmel und Hölle" gelesen habe, fange ich an mich erbaut zu fühlen. Es gibt einen Zweck in diesen unerklärlichen Leiden: die Verbesserung und Entwicklung meines Ichs zu etwas Grösserem, Nietzsches erträumtem Ideal, wiewohl anders aufgefasst.
Den Teufel gibt es nicht als ein selbständiges Wesen, das Gott gleich und sein Widersacher ist. Der Unsichtbare, der uns plagt, ist der Zuchtgeist. Viel ist schon gewonnen mit der Einsicht, dass das Böse um des Bösen willen nicht existiert; und von neuem wird die Hoffnung geboren, dass man durch Reue und gewissenhafte Überwachung der eigenen Gedanken und Handlungen zum Frieden des Herzens kommen kann.
Und da ich beobachte, was sich im täglichen Leben zuträgt, wird eine neue Erziehung wirksam, und ich lerne nach und nach die konventionellen Zeichen deuten, die von den Unsichtbaren benutzt werden. Doch sind die Schwierigkeiten gross infolge meines Alters und der eingewurzelten schlechten Gewohnheiten; auch bin ich durch eine gewisse Nachgiebigkeit zu sehr geneigt, mich meiner Umgebung anzupassen. Es hält so schwer, zuerst von einem fröhlichen Gelage aufzubrechen; ich bin ein "schlechter Kamerad", wenn ich meinen Willen Freunden, denen ich verpflichtet bin, aufzwingen will. Aber man muss auf dieser Welt alles lernen.
So hatte ich mir angewöhnt, nach dem Mittagessen, das ich um zwei einnehme, beim Kaffee sitzen zu bleiben; und eines Tages Anfang Februar sitze ich da, mit dem Rücken gegen die Aussenwand. Man hat begonnen, die Frage zu erörtern: sollen wir uns eine halbe Flasche Punsch leisten?
Im selben Augenblick kommt eine unmittelbare Antwort in Form eines Lärms, der hinter meinem Rücken so stark ausbricht, dass die Kaffeetassen auf dem Tablett hüpfen.
Man kann sich denken, was ich für ein Gesicht machte! Einer von den Freunden steht auf, um nachzusehen, was los ist. Es ist etwas ganz Einfaches: ein Arbeiter bessert den Mauerputz draussen aus.
Wir setzen uns in ein besonderes Zimmer. Sofort bricht ein neues Poltern über meinem Kopfe aus, oben auf dem Boden. Ich erhebe mich und fliehe vom Schlachtfeld. Von dieser Stunde bleibe ich niemals nach dem Mittagessen beim Kaffee sitzen, ausgenommen an Feiertagen.
Am Abend dagegen kann ich ein Glas mit den Freunden trinken, da es sich nicht so sehr ums Trinken handelt, als um Gedanken austauschen mit kenntnisreichen Leuten, die alle Zweige der Wissenschaft vertreten. Aber manchmal geschieht es, dass die reine Trunksucht überhand nimmt und eine zügellose Fröhlichkeit sowie Vorschläge in cynischer Richtung zur Folge hat; dann bricht die schlimmere Natur in einem durch, die brutalen Instinkte nehmen sich freien Spielraum. Es ist so bequem, eine Weile Tier zu sein, und übrigens ist das Leben nicht immer lustig ... und so weiter im selben Sinne.
Eines Tages, nachdem ich einige Zeit an stürmischen Trinkgelagen teilgenommen habe, bin ich auf dem Wege zu meinem Mittagstisch. Ich gehe an einem Beerdigungsinstitut vorbei, wo ein Sarg ausgestellt ist. Die Strasse ist mit Fichtenzweigen bestreut und die grosse Glocke des Doms läutet Totengeläut. Als ich ins Restaurant komme, finde ich meinen Tischkameraden in Betrübnis: er ist gerade vom Krankenhaus gekommen, wo er von einem Sterbenden Abschied genommen hat.
Als ich nach dem Mittagessen durch Hinterstrassen, in denen ich noch nicht gewesen bin, nach Hause gehe, begegne ich zwei Leichenzügen.
Wie alles heute nach Tod riecht! Und der Kirchturm fängt wieder an mit Totengeläut.
Als ich am Abend durch den Torweg in die Kneipe zu gehen beabsichtige, sehe ich einen alten Mann an der Mauer stehen, der sichtlich betrunken und krank ist. Um nicht mit ihm zusammenzustossen, mache ich einen Umweg und begebe mich in den Speisesaal. Mein Katzenjammer von gestern und die Begräbniseindrücke im Laufe des Tages flössen mir eine heimliche Furcht vor Spirituosen ein, so dass ich Milch zum Abendessen bestelle.
Während der Mahlzeit erschallt im Hause ein Lärm, der mit ängstlichen Rufen gemischt ist, und nach einer kleinen Weile trägt man den Alten vom Torweg in Prozession herein, der Sohn des Verschiedenen an der Spitze. Der Vater ist gestorben. Ein gib acht für den Trinker!
In der folgenden Nacht bekam ich einen schrecklichen Anfall von Alpdrücken. Jemand klammerte sich fest an meinem Rücken an und schüttelte mich an den Schultern.
Dies genügte mir, um mich im nächtlichen Trinken vorsichtig zu machen, ohne dass ich jedoch ganz davon abstand.
Ende Januar bin ich in eine Privatwohnung umgezogen und sehe immer meinem Geschick ins Auge, ohne meine Zuflucht zu der Zerstreuung nehmen zu können, die in der Gegenwart eines Freundes liegt. Es ist ein Zweikampf, und zu entschlüpfen ist nicht möglich! Wenn ich abends nach Haus komme, erfahre ich sofort, wie es um mein Gewissen steht. Eine erstickende Atmosphäre auch wenn die Fenster aufgemacht werden, verkündet eine schwere Nacht. Es gibt Abende, da ich überzeugt bin, dass ich jemand in meinem Zimmer befindet. Dann bekomme ich infolge der furchtbaren Angst Fieber mit kaltem Schweiss und wenn ich mein Gewissen untersuche, finde ich augenblicklich, wo der Schuh drückt. Aber ich fliehe nicht mehr, weil es nichts nützt.
Unter den Lektionen, welche die Zuchtgeister mir geben, wage ich eine nicht zu vergessen, nämlich das Verbot, in verborgenen Dingen zu forschen; denn diese sollen verborgen bleiben.
So hatte ich auf meinen Ausflügen in Schonen eine Art an verschiedenen Stellen befindlicher Steine von eigentümlicher und sehr charakteristischer Form bemerkt. Sie gaben nämlich entweder Tiertypen wieder, besonders Vögel, oder Hüte, Helme. Es fanden sich auch andere, mit Rillen, welche die Widmannstättenschen Figuren auf Meteorsteinen nachahmten.
Ohne mir ganz klar darüber zu sein, woher deren Ursprung herzuleiten wäre, erhielt ich den Eindruck, dass es nicht "ein Spiel der Natur" sei. Ihre Gestalt gab an, dass sie Kunsterzeugnisse seien, hervorgegangen und bearbeitet von Menschenhand.
Zwei Jahre lang setzte ich die Jagd nach ihnen fort; nachdem ich einen Freund für die Sache interessiert habe, sage ich ihm einen Fundort, damit er einen Photographen dorthin schickt.
Die Expedition missglückte, und ein Jahr später entdeckte ich, dass die Adresse unrichtig war.
Jedesmal, wenn ich seitdem eigensinnig diese Untersuchung fortsetzen will, stellen sich Hindernisse ein, die zu merkwürdig sind, als dass ich sie dem Zufall auf Rechnung setzen könnte.
So, um nur ein Beispiel anzuführen, habe ich eines Morgens beschlossen, mit einem Altertumsforscher einen Ausflug zu machen, um die Frage mit einem einzigen lange vorbereiteten Schlag zu entscheiden. Da passiert es mir, dass auf der Strasse vor meiner Tür eine Zwecke in meinem Stiefel losgeht und mich in den Fuss sticht. Anfangs kümmere ich mich nicht darum, als ich aber an die Wohnung des Begleiters gekommen bin, wird der Schmerz so heftig, dass ich stehen bleiben muss. Unmöglich, weiter zu gehen; kein Ausweg, umzukehren! Wütend ziehe ich in meinem Verdruss den Stiefel aus und mache die Zwecke mit einem Messer glatt. Eine dunkle Erinnerung an meine Swedenborg-Lektüre ruft mir in einem Augenblick folgende Stelle zurück: "Wenn die Zuchtgeister eine schlechte Handlung sehen oder die Absicht, etwas Unrechtes zu tun, so strafen sie durch einen Schmerz im Fuss, in der Hand oder in der Gegend des Zwerchfells." Aber aufgestachelt wie ich war von Wissbegierde, die ich für zulässig und lobenswert hielt, setzte ich den unterbrochenen Weg fort und schloss mich alsbald meinem Kameraden an.
Die Exkursion soll in einer Grotte, die im Park liegt, anfangen. Aber der Eingang ist durch Schmutzhafen scheusslichster Art versperrt; auf eine so herausfordernde oder vielmehr ironische Weise sind sie dahingelegt, dass ich lächeln muss.
Die andere Fundstelle, die ich gut kenne, ist in einem Garten, wo Steinblöcke um einen Baum gruppiert sind, an die man leicht heran gehen kann. Aber diesen Morgen hat der Gärtner den Baum und die Altertümer durch einen Ring von Blumentöpfen so abgesperrt, dass ich meinem gelehrten Begleiter nichts zeigen kann. Ein schönes Fiasko!
Doch durch die Hindernisse gereizt, schleppe ich meinen Mann, der anfängt, sich zweifelnd zu stellen, quer durch die Stadt nach einem Hof, wo ein ganzes Museum zusammengebracht ist. Dort wird wohl der Ausschlag gegeben werden, und ich erwarte ein Resultat, das geeignet ist, verblüfft zu machen. Wir werden sogleich von einem der schlimmsten Köter begrüsst; als wir ihn anschnauzen, werden die Einwohner des Hauses auf den Hof gelockt; wir müssen unser Anliegen hervorbrüllen, um den bellenden Hofhund überschreien zu können. Es ist ein geschlossenes Gitter rings herum angebracht, und man kann den Schlüssel nicht finden!
—Gibt es noch mehr Stellen? Fragt mich der Altertumsforscher, der mich bereits verachtet.
—Ja, die gibt es, aber ausserhalb der Stadt!
Ich will den Leser nicht mit Lappereien ermüden; genug, nach mehr oder minder ärgerlichen Irrfahrten kommen wir endlich zu einem solchen Haufen Steine. Aber welche Hexerei: ich konnte dem gelehrten Manne nichts zeigen, weil er nichts sah; auch ich selbst, wie mit Verblendung geschlagen, vermochte nicht mehr in ihrer Gestalt etwas wie Abbildung organischer Wesen zu unterscheiden.
Am folgenden Tage dagegen, als ich mich wieder an die Stelle begeben hatte, dieses Mal allein, sah ich eine ganze Menagerie.
Die Erzählung dieses Abenteuers mag geschlossen werden, indem ich auf die Beschaffenheit dieser Überreste einer präadamitischen Skulptur hinweise. Die Okkultisten leiten nämlich deren Ursprung vom Menschengeschlecht der Atlaszeiten ab und stellen sie auf dieselbe Linie wie die Kolossalsteinbilder der Osterinseln und der Wüste Gobi. Olaus Magnus erwähnt sie auch und hat sie in grosser Menge an der Küste von Broviken in Ostergötland gefunden. Swedenborg legt ihnen eine symbolische Bedeutung unter und hält sie für Kunsterzeugnisse des Geschlechts des silbernen Zeitalters. (Vergleiche "Delitiae sapientiae".)
Nach dem zu urteilen, was sich in dem begrenzten Kreise, in dem ich lebe, zeigt, erlauben die Mächte mir nicht, meine Bekanntschaften zu wählen; noch weniger, jemand zu verschmähen, wer es auch sein mag. Wie alle anderen werde ich von Sympathien und Vorliebe für gewisse Arten von Naturen beherrscht. Gegenwärtig suche ich ernst angelegte Menschen, denen ich meine Gedanken mitteilen kann, ohne mich unpassendem und verletzendem Scherz auszusetzen. Die Vorsehung hat mir einen Freund geschickt, den ich wegen seiner reinen Atmosphäre hochachte. Gleich einem verzogenen Kind fange ich an die andern, ungekünstelte Seelen ohne Schwung, die zuweilen Vergnügen an Grobkörnigkeiten finden, zu missachten.
Aber im selben Augenblick, da ich mich zurückziehe, ist mein Freund aus der Stadt gereist; die andern kann ich nirgends treffen, und in meiner Isolierung werde ich genötigt, mich so zu demütigen, dass ich die Gesellschaft von unbedeutenden Menschen erbettle, mit denen mein gewöhnlicher Freundeskreis nicht verkehrt. Doch nachdem ich einige Erfahrungen in dieser Richtung gemacht habe, erneuert sich schliesslich meine alte Entdeckung, dass der Unterschied zwischen Mensch und Mensch nicht so gross ist, wie man sich vorgestellt hat; tatsächlich habe ich unter dem niederen Volk wirkliche Gentlemen getroffen, und wie manchen Heiligen und Helden habe ich nicht ahnend in der Schar der Verachteten unterschieden?
Andererseits behauptet man ja: "Schlechte Gesellschaft verdirbt gute Sitten". Wo gibt es denn die schlechte Gesellschaft? Und wo wäre die gute?
Angenommen, wie ich getan habe, eine Mission sei mir auferlegt worden, als ich mich in einer fremden Stadt niederliess, ohne selbst zu wissen warum, was habe ich hier zu tun? Gute Sitten zu predigen? Mein Gewissen antwortet mir: durch dein Vorbild. Aber nun nimmt mich niemand zum Vorbild! Und was würde es nützen, suchte ich junge Männer, die nicht so viel gesündigt haben wie ich, zu moralisieren?
Übrigens scheint das Zeitalter der Propheten zu Ende zu sein; die Mächte wollen nichts mehr von Priestern wissen, sonder haben selber die Regierung über die Seelen wieder aufgenommen; man braucht nicht lange zu suchen, um Beispiele dafür zu finden.
Einer unserer Dichter ist neulich vor Gericht beschieden worden infolge einer Sammlung Gedichte, in der man unsittliche Stellen gefunden hat. Von der Jury freigesprochen, findet er doch keine Ruhe.
In einem der Gedichte hat er den Ewigen zum Ringkampf herausgefordert, auch wenn der Streit in der Hölle abgemacht werden müsse. Es sieht aus, als sei die Herausforderung angenommen worden und der junge Mann wie ein gebrochenes Rohr gezwungen, um Gnade zu bitten.
Eines Abends, als er in der fröhlichen Gesellschaft der Freunde sitzt, geschieht es, dass eine den exakten Wissenschaften unbekannte Kraft ihm die Zigarre entreisst, so dass sie zu Boden fällt.
Ein wenig überrascht, nimmt er die Zigarre wieder auf und tut so, als begreife er nichts. Aber derselbe Streich wiederholte sich drei Male hintereinander. Da wird der Kleingläubige bleich wie der Tod; ohne ein Wort zu sagen, räumt er das Feld, während seine Freunde verblüfft dasitzen.
Bei der Heimkunft wurde der Verwegene von einer neuen Überraschung erwartet. Ohne sichtbare Ursache begannen seine beiden Hände auf Art des Masseurs den ganzen Körper, der durch zu fleissiges Trinken wirklich unnötig beleibt worden war, zu reiben oder richtiger zu kneten. Diese unfreiwillige Massage wurde ohne Unterbrechung ganze vierzehn Tage fortgesetzt.
Doch nach Verlauf dieser Zeit hält sich der Ringer für vollständig erstarkt, um wieder auf der Arena aufzutreten. Er mietet ein Hotel und ladet seine Freunde zu einem Balthasarfest ein, das drei ganze Tage dauern soll. Er will nämlich der Welt zeigen, wie der Übermensch (Nietzsche!) die Dämonen des Weines bezwingen kann. Man hat den ganzen ersten Tag getrunken, und die Nacht fällt herab, und mit ihr fällt der Kämpe. Aber ehe er es verloren gibt, nehmen die Dämonen des Weins diese überlegene Seele in Besitz und flössen ihm eine solch unbändige Tollheit ein, dass er seine Gäste durch Türen und Fenster hinauswirft. So endigt das Fest. Worauf der Wirt nach einer Pflegeanstalt gebracht wird!
So hat man mir das Abenteuer erzählt, und es tut mir leid, es wiedergegeben zu haben ohne die Tränen, die man dem Unglück schuldig ist.
Doch der Angeklagte hat einen Verteidiger für seine Sache gewonnen, einen jungen Doktor, der ihm seinen Beistand im Kampf gegen den Ewigen anbietet.
Ist es vermessen diese beiden Tatsachen zusammenzuwerfen: der Doktor plädiert für den Lästerer, und der Doktor bricht sich ein Bein. Hat der Zufall sein Pferd erschreckt, dass es scheu wurde und den Wagen umwarf? Ich frage nur. Und wie ging es zu, dass der Doktor, nachdem er mehrere Monate zu Bett gelegen hatte, "mit zerrissener Hüftsehne" wieder aufstand; dass sein vorher klarer und fester Blick einen wilden und sonderbaren Ausdruck angenommen hatte, wie bei einem Menschen, der seiner selbst nicht mehr mächtig ist?
Brauche ich darauf zu antworten? Wenn man mit einem Ja antwortet, werde ich die Erzählung bis zum Ende fortsetzen.
Dieser Doktor, ein guter Kerl, einsichtig und ehrlich, kam eines Tages gegen Ende des Sommers und vertraute mir an, er werde von Schlaflosigkeit geplagt, und ein seltsames Kitzeln wecke ihn des Nachts und lasse ihm nicht eher Ruhe, bis er aufstehe. Wenn er eigensinnig liegen bleibe, stelle sich Herzklopfen ein.
—Nun? Schloss er und erwartete meine Antwort mit einer allzu deutlichen Unruhe.
—Ganz ebenso war es mit mir! Erwiderte ich.
—Und wie haben Sie Heilung gefunden?
War es Feigheit, oder gehorchte ich einer Stimme in meinem Innern, als ich antwortete:
—Ich nahm Sufonal.
Sein Gesicht bekam einen Ausdruck der Enttäuschung, aber ich konnte nichts bei der Sache tun.
4.
Wunder.
Nach drei Monaten sehr strengen Winters machen sich die ersten Frühlingszeichen bemerkbar. Die erstarrten Menschensinne tauen auf, und die ausgesäten Samen unter dem Schnee beginnen zu keimen. Es ist so vieles geschehen, und, statt die unleugbaren Tatsachen als Zufälle und zufälliges Zusammentreffen von sich zu schieben, beobachtet man sie, sammelt sie und zieht daraus seine Reflexionen. Anfangs tat man es, um über seinen eigenen Aberglauben lachen zu können, später erlischt das Lächeln, und man weiss nicht mehr, was man glauben soll. Es geschehen Wunder, und zwar alle Tage, aber man tut nicht Wunder nach Belieben.
Eines Tages zur Mittagsstunde gehe ich über den Markt, der für den Augenblick geräumt ist. Seit langen an Platzfurcht leidend, fürchte ich mich vor leeren Räumen, und mit einer schlecht verhehlten Ängstlichkeit gehe ich über offene Plätze. Dieses Mal, da ich müde von der Arbeit und äusserst nervös bin, macht der Anblick des öden Marktes einen so quälenden Eindruck auf mich, dass ich eine Verlangen empfinde, "mich unsichtbar zu machen", um mich neugierigen Augen zu entziehen; ich senke den Kopf, hefte den Blick auf das Steinpflaster und habe ein Gefühl, als ob ich mich in mich selbst zusammenrolle, die äusseren Sinne zuschliesse und die Berührung mit der Aussenwelt abschneide; als ob ich aufhöre, den Einfluss des umgebenden Milieus zu vernehmen. Und ohne davon zu wissen, bin ich über den Markt gekommen.
Im nächsten Augenblick werde ich aus einer Gasse hinter mir von zwei bekannten Stimmen angerufen. Ich bleibe stehen.
—Welchen Weg kamst du?
—Über den Markt!
—Nein! Wie wäre das zugegangen? Wir standen hier ja Posten, um dich zu treffen und zusammen Mittag zu essen!
—Ich versichere euch....
—Dann hast du dich unsichtbar gemacht?
—Nichts ist unmöglich!
—Für dich wenigstens nicht. Und man erzählt die unglaublichsten Sachen, die mit dir geschehen sein sollen.
—Ich argwöhne so etwas, da man mich an der Donau gesehen hat, als ich in Paris war.
Das war wirklich der Fall, aber zu dieser Zeit glaubte ich, es gebe Visionen ohne eine wirkliche Grundlage.
Und ich warf die Äusserung mehr als einen lustigen Einfall hin.
Am selben Tage nahm ich mein Abendessen allein im kleinen Speisesaal der Kneipe ein. Ein Mann, den ich nicht kannte, trat herein, augenscheinlich, um jemand zu suchen. Er bemerkt mich nicht, obgleich er an allen Tischen nachguckt; und überzeugt, dass er allein im Zimmer ist, fängt er laut an zu fluchen und laut mit sich selbst zu sprechen. Um ihn auf die Gegenwart eines Gastes aufmerksam zu machen, klopfe ich mit der Gabel an ein Glas. Der Fremde macht sofort eine Bewegung und ist überrascht, jemand im Zimmer zu sehen; er schweigt plötzlich und hat Eile, sich fort zu begeben.
Von Stund an beginne ich, über die Frage der Dematerialisation zu grübeln, welche die Okkultisten anerkennen. Und die Beweise folgen Schlag auf Schlag.
Eine Woche später wird meine Aufmerksamkeit von einem neuen, sonderbaren Ereignis geweckt. Es war ein Mittwoch, wo der Speisesaal infolge des Wochenmarktes mit Landleuten vollgepfropft ist. Um dem Gedränge und der Unbehaglichkeit auszuweichen, hat mein gewöhnlicher Tischkamerad ein besonderes Zimmer bestellt; da er früher als ich gekommen ist, erwartet er mich im Vestibül und bittet mich hinauf zu gehen. Um aber Zeit zu gewinnen, kommen wir überein, den allgemeinen Butterbrottisch im Saale in Anspruch zu nehmen. Widerwillig marschiere ich hinter meinem Freund hinein, weil ich die betrunkenen Bauern und deren Verunglimpfungen scheue. Wir kamen durch den Haufen an den Butterbrottisch heran, wo sich nur ein, übrigens sehr friedliches, Individuum befand.
Nachdem wir dort etwas zu uns genommen hatten, wobei ich kein Wort mit meinem Freunde wechselte, zogen wir uns in unser Zimmer zurück, ich hinter ihm. An der Tür zeigt sich mein Freund sehr erstaunt, mich zu sehen.
—Was? Wo kommst du her?
—Vom Butterbrottisch natürlich.
—Ich habe dich dort nicht gesehen; darum glaubte ich, du seist hier geblieben!
—Hast du mich nicht gesehen? Wir haben ja die Hände über den Schüsseln gekreuzt.... Kann ich mich denn unsichtbar machen?
—Komisch ist es jedenfalls!
Wenn ich in meiner Erinnerung grabe, bringe ich jetzt geheime Fonds an den Tag, die bisher ohne Wert für einen Zweifler waren, dessen Gemüt unter der Beschäftigung mit den exakten Wissenschaften steril geworden ist. So erinnere ich mich des Morgens meines ersten Hochzeitstages. Es war ein Wintersonntag, eigentümlich still und unangenehm feierlich für mich, der sich bereitete, das unreine Junggesellenleben zu verlassen und sich mit der Frau, die ich liebte, am ehelichen Herd niederzulassen. Ich fühlte eine Lust, mein Frühstück, das letzte in meinem Junggesellenleben, ganz allein einzunehmen; zu diesem Zweck ging ich in ein unterirdisches Café, das in einer unansehnlichen Gasse lag. Es war ein Kellerraum, mit Gas erleuchtet. Als ich Kaffee-Frühstück bestellt habe, bemerke ich, dass ich den Blicken einer Gesellschaft Männer ausgesetzt bin, die augenscheinlich seit dem Abend um die Flaschen sitzen, gespensterhaft bleich, unmanierlich, nachlässig gekleidet, heiser und garstig, wie sie nach einer in Ausschweifungen zugebrachten Nacht sind. Unter der Gesellschaft erkannte ich zwei Jugendfreunde wieder, die so heruntergekommen waren, dass sie jetzt weder Haus noch Heim noch eine Beschäftigung besassen, notorische Taugenichtse, die vielleicht sogar ans Verbrechen streiften.
Es war nicht Hochmut, der mir Ekel davor einflösste, die Bekanntschaft wieder anzuknüpfen; es war die Furcht, in den Schmutz zurückzufallen; ich wollte mich nicht in meine Vergangenheit versetzen lassen, denn ich hatte in ähnliches Stadium durchgemacht. Schliesslich, als der verhältnismässig Nüchternste von ihnen, zum Abgesandten erwählt, aufstand, um sich meinem Tisch zu nähern, wurde ich von Entsetzen ergriffen; fest entschlossen, meine Identität zu verleugnen, wenn es nötig wäre, messe ich meinen Angreifer mit den Augen; ohne dass ich weiss, wie es zuging, bleibt er ein kleines Stück vor meinem Tisch stehen; mit einem albernen Gesichtsausdruck, den ich nie vergessen kann, bittet er um Entschuldigung und zieht sich auf seinen Platz zurück. Er würde sicher darauf geschworen haben, dass ich es war, und doch erkannte er mich nicht wieder.
Dann fängt man an mein Alibi zu erörtern:
—Er ist es, ganz sicher!
—Nein, hol mich der Teufel, er ist es!
Ich räume das Feld, voll Scham über mich selbst, voll Mitleid mit den Unglücksvögeln, aber in der Tiefe meines Herzens glücklich, einem solch abscheulichen Dasein entronnen zu sein. Entronnen?!
Abgesehen von der moralischen Seite der Sache bleibt noch das Wunderbare bestehen, dass man seinen Gesichtsausdruck so verändern kann, dass man für einen alten Bekannte unerkenntlich wird, dem man das Jahr über auf der Strasse begegnet und zunickt.
Vor fünf Jahren hatte mir in Berlin ein junges Mädchen aus guter Familie das Versprechen abgenommen, ihr eines Abends im Theater Gesellschaft zu leisten. Der Vorschlag gefiel mir nicht, weil ich vermeiden wollte, die junge Dame zu kompromittieren, und ausserdem lange Theaterabende mich ermüden. Da es indessen nicht möglich war, davon loszukommen, begab ich mich zur Zusammenkunft auf ein verabredetes Trottoir. Ich muss jedoch gestehen, dass ich die hundert Schritte hin und zurück auf der anderen Seite der Strasse ging, die indessen ganz schmal war. Ich ging dort eine halbe Stunde, ohne jemand anzusehen, und fest entschlossen, die Begegnung zu verfehlen. Der Streich gelang, und ich schlich mich davon.
Am Tage darauf war ich es, der einen Brief mit Vorwürfen absandte. Das Fräulein antwortete mir verwundert und beteuerte, es sei gekommen und habe gewartet. Die Sache wurde nicht aufgeklärt.
Früher pflegte ich oft allein auf Jagd zu gehen, ohne einen Hund mitzunehmen und oft ohne Flinte. Ich wanderte aufs Geradewohl dahin, es war in Dänemark; als ich auf einer Waldblösse stehen bleibe, taucht ein Fuchs ganz nah bei mir auf. Er sieht mir ins Gesicht, bei klarem Sonnenschein, auf zwanzig Schritt Entfernung. Ich stehe unbeweglich und der Fuchs fährt fort den Boden zu durchschnüffeln, auf Jagd nach Mäusen. Ich bücke mich, um einen Stein aufzunehmen. Da ist er an der Reihe, sich unsichtbar zu machen, denn im Nu, ist er verschwunden, ohne so zu verschwinden, dass ich es sah. Als ich den Boden untersuche, fand ich keine Spur eines Schlupfloches, auch keinen Busch, der ihn verbergen konnte. Er war verschwunden, ohne die Läufe zu Hilfe zu nehmen!
Hier und dort auf den sumpfigen Wiesengründen am Ufer der Donau bauen oft Reiher ihre Nester, und die Reiher sind äusserst scheue Vögel. Trotzdem geschah es oft, dass ich sie überraschen konnte, ohne mich zu verstecken. Und so lange ich mich unbeweglich verhielt, konnte ich dastehen und sie ansehen. Es kam sogar vor, dass sie über meinen Kopf flogen. Niemand wollte mir glauben, wenn ich dies erzählte, am allerwenigsten die Jäger. Daraus schloss ich, dass die Sache ein wenig übernatürlich sei.
Als ich schliesslich diese Abenteuer meinem Freund, dem Theosophen in Lund, erzählte, erinnerte er sich einer Begebenheit, zu der er nie den Schlüssel finden konnte. Ein Arbeiter, den er kannte, besucht ihn und behauptet, ein antiker Kunstgegenstand sei irgendwo zu verkaufen, und bittet um einen Vorschuss von fünf Kronen. Nachdem der Mann den Betrag bekommen hat, ist er wie verschwunden und lässt sich während dreier Monate nicht wieder treffen.
Eines Sonntagabends ging der Theosoph mit seiner Frau durch eine Hinterstrasse, als er den Mann ein Stück vor sich auf demselben Trottoir erblickte. Da habe ich den Burschen endlich!
Der Theosoph lässt den Arm seiner Frau los und beeilt seine Schritte, als plötzlich der andere verschwunden, verdunstet ist. Da war keine Tür, kein Fenster, keine Kellerluke, um hineinzuschlüpfen und sich zu verbergen. Wie gewöhnlich, glaubte der Theosoph das Opfer einer Hallucination gewesen zu sein, zumal sich keine lebende Seele auf der Strasse befand; ein Irrtum der Person war also ausgeschlossen.
Dies ist die nackte Tatsache. Eine Erklärung für das Unerklärliche zu verlangen, ist ein Widerspruch. Wenn man bei einem lebenden Wesen die Fähigkeit anerkennt, die sichtbaren Lichtstrahlen dazu zu bringen, von ihrer Richtung abzuweichen, das heisst, die Amplitude der Refraktion zu verändern, ist etwa in diesem Haufen Worte eine Lösung des Problems zu finden, dessen Hauptpunkt sich in einem Warum und einem Wie verbirgt?
Bleibt nur übrig, dass es ein Wunder war! Mag es denn für ein Wunder gelten, bis man besseren Bescheid erhält; und während wir warten, lasst uns Tatsachen sammeln, ohne sie zu widerlegen zu suchen.
5.
Meines kleingläubigen Freundes Drangsale.
Grosse Verlegenheit empfinde ich, da ich daran soll, meines Freundes Abenteuer darzustellen, aber ich habe ihn im voraus um Verzeihung gebeten, und er weiss, wie uneigennützig meine Zwecke sind. Übrigens, da er selbst seine Verdriesslichkeiten jedem, der sie hören wollte, erzählt hat, ohne sie als ein Geheimnis unter Siegel zu legen, habe ich nur den unparteiischen Chronisten zu spielen; wenn man mich deshalb scheel ansieht, so bin ich es, der darunter zu leiden hat.
Mein Freund ist Atheist und Materialist, aber liebt das Leben, das er verachtet, und ist bange vor dem Tode, den er nicht kennt.
Er ist toll nach Frauen, und als Freischütze nimmt er sein Wildbret sowohl auf verbotenen Jagdgründen wie auf Gemeindeland.
Im Anfang unserer Bekanntschaft, als er mir eine Zuflucht in seiner Wohnung anbot, behandelte er mich mit brüderlicher Freundschaft und pflegte mich wie einen Kranken, das heisst, mit dem rücksichtsvollen Mitleid eines seelenfrischen Freidenkers, der sich auf die Gemütskrankheiten versteht und die Nachsicht übt, die sie fordern.
Nun kann aber auch ein Freidenker seine dunklen Stunden der Traurigkeit haben, für die er keine Ursache weiss, und eines Abend, ganz spät, als die Dämmerung sich im Zimmer ausgebreitet hatte und die angezündeten Lampen nicht genügten, um die Ecken zu erhellen, wo die Schatten ihr Spiel treiben, anvertraute mir mein Freund, zur Antwort auf meinen Dank, dass die Verpflichtung ganz auf seiner Seite sei. Er habe nämlich ganz kürzlich ein Leid erlebt, da ihm sein bester Freund vom Tod entrissen sei. Seitdem werde er von unruhigen Träumen verfolgt, in die sich stets sein abgeschiedener Freund mische.
—Auch du?
—Auch?—Du verstehst doch, dass ich von Träumen spreche, die man nachts träumt....
—Ja, gewiss!
—Schlaflosigkeit, Alpdrücken und so etwas.... Du weisst wie es ist, vom Alp geritten zu werden; das kommt ja von deiner Affektion der Brust, die eine durch Exzesse gestörte Verdauung verursacht. Hast du nie Alpdrücken gehabt?
—Ja, gewiss! Man isst Krebse am Abend, und dann ist es fertig! Hast du es mit Sulfonal versucht?
—Ja, freilich! Aber sich auf die Ärzte verlassen. Du weisst vielleicht selbst....
—Ich kenne sie aus dem Grunde.... Aber lass uns mehr von deinem Kameraden sprechen, der gestorben ist. Offenbart er sich also auf eine beunruhigende Weise, ich meine im Traum?
—Er ist es nicht, der vor mir spukt, das brauche ich dir wohl nicht erst zu sagen. Es ist seine Leiche, und es betrübt mich, sagen zu müssen, dass er unter aufregenden Umständen starb. Denke dir, ein junger talentvoller Mann, der ein vielversprechendes Debut in der Literatur gemacht hat, muss an einer Krankheit sterben, die sehr wenig bekannt ist, Tuberkulosis miliaris; durch die sein Körper eine solche Auflösung durchmachte, dass nichts anderes von ihm übrig bleibt, als ein Hirsesack.
—Und nun spukt seine Leiche vor dir?
—Du willst nicht begreifen, was ich meine; lassen wir die Sache——
Mit schwankender Gesundheit und einer Natur, die ebenso launenhaft wie das Aprilwetter ist, scheint mein Freund an weitvorgeschrittener Nervosität zu leiden; und als ich im Februar von ihm wegziehe, will er nach Sonnenuntergang niemals allein nach Haus gehen.
Da trifft ihn ein Missgeschick von wesentlich ökonomischer Art; ein Prozess soll angestrengt werden, und wir fürchten, dass er sich das Leben nehmen wird, nach gewissen Äusserungen zu urteilen, die er von Zeit zu Zeit fallen lässt!
Neuverlobt, wie er ist, sieht er der Zukunft mit recht düsteren Aussichten entgegen. Aber satt gegen die Widerwärtigkeiten zu reagieren, unternimmt er eine Erholungsreise, um die Sorgen zu betäuben; und nach seiner Rückkehr versammelt er die Kameraden um sich und gibt Festessen. Mitten im Feiern gerät sein Körper in Unordnung, ihm wird verordnet, sich zu Bett zu legen, und er kann nicht darin bleiben infolge einer Diarrhöe, die zwei ganze Tage dauert.
Erst am zweiten Tag davon unterrichtet, begebe ich mich zu ihm. Ein Leichengeruch erfüllt das Haus; der Kranke ist schwarz im Gesicht geworden, so dass man ihn kaum wiedererkennt. Er liegt ausgestreckt auf dem Bett und wird von einem Freund und einer Krankenwärterin gepflegt, deren Hände er nicht einen Augenblick los lässt. Er ist aufgeschreckt, da er von den anhaltenden Plagen geschwächt ist.
Später, als er wieder gesund war, erzählte er mir, er habe eine Vision gehabt von fünf Teufeln in Gestalt roter Affen mit schwarzen Augen, die aufgekrochen auf dem Bettrand sassen und den Schwanz auf und ab bewegten.
Als er seine Kräfte wiedergewonnen hat und es ihm gelungen ist, die Geldsachen zu ordnen, erzählt er seinen Traum jedem, der ihn anhören will, und man amüsiert sich sehr darüber!
Von Zeit zu Zeit drückt er seine Verwunderung darüber aus, dass das Schicksal, das ihn bisher begünstigt hat, nun anfängt, ihn zu verfolgen: nichts will mehr gelingen, alles geht schief.
Mitten in diesen Betrachtungen, die von fröhlichem Leben unterbrochen werden, bekommt der Unglückliche, der bei den Mächten in Ungunst geraten zu sein scheint, einen neuen Stoss, der zu fühlen ist. Ein Kaufmann, der zu seinem Kreis gehört, hat sich ertränkt, Schulden hinterlassend; mein Freund hat für ihn auf eine ansehnliche Summe gebürgt und ist in grosser Verlegenheit.
Die Verdriesslichkeiten beginnen nun, und zwar gehörig. Der Körper des Toten spukt in der Küche meines Freundes, und dieser beredet einen jungen Doktor, die Nächte in seiner Wohnung zuzubringen, um das Gespenst zu verscheuchen. Aber die Unsichtbaren nehmen auf nichts Rücksicht, und eines Nachts erwacht mein Freund, um das ganze Zimmer voller Mäuse zu sehen. Von deren Wirklichkeit überzeugt, nimmt er einen Stock und schlägt nach ihnen, bis sie verschwinden.
Das war ein Anfall von Fieberphantasie, aber einer zu zweien, denn am nächsten Morgen erzählt der Kamerad, der im Zimmer nebenan lag, er habe in dem Zimmer, wo der andere schlief, Mäuse piepen gehört.
Wie soll man eine Hallucination erklären, die der eine durch den Gesichtssinn und der andere mit dem Gehör wahrgenommen hat?
Als man indessen am hellen Tage und bei Sonnenschein dieses Abenteuer erzählt, wird es in Lächeln gewendet. Und darauf unterfängt sich mein Freund, die Erscheinung, die er von dem Kaufmann, dem Selbstmörder, gehabt hat, im einzelnen zu erläutern, und er begleitet seine Darstellung mir ausgesucht cynischen Bemerkungen.
—Könnt ihr euch denken, er war ganz schwarz und die weissen Maden wimmelten aus dem Rumpfe hervor.... Als Augenzeuge kann ich berichten, dass er im selben Augenblick, als er diese Worte ausgesprochen hatte, erbleichte, vom Tisch aufstand und mit einer Gebärde des Ekels auf etwas deutete, das auf seinem Teller lag. Es war eine weisse Made, die an einer Sardine entlang kroch!
Am folgenden Tage wird mein Freund genötigt, seine Abendmahlzeit abzubrechen, weil er weisse Maden an einem Stück Küken findet.
Er vermag nichts zu essen, obgleich er sehr hungrig ist, und wird ängstlich, aber nur für einen Augenblick.
—Was bedeutet das? Was bedeutet das?
—Man soll nicht schlecht von den Toten sprechen. Denn sie rächen sich.
—Die Toten? Aber die sind ja tot!
—Gerade deshalb sind sie lebendiger als die Lebendigen.
Mein Freund hat sich wirklich angewöhnt, offen von den Schwächen des Verstorbenen zu sprechen, der ihm trotz allem ein guter Freund gewesen war.
Einige Tage später, als wir auf der Gartenveranda des Restaurants bei Tische sitzen, ruft einer von den Tischgästen aus:
—Seht, die Maus, so eine grosse Maus!
Keiner hat sie gesehen, und man macht sich lustig über den Visionär.
—Wartet nur, ihr werdet sie schon sehen, sie ist dort unter den Brettern! Eine Minute vergeht und eine Katze kommt unter den Brettern hervor.
—Ich glaube, wir haben bald genug von Mäusen! ruft mein Freund aus, augenscheinlich peinlich berührt.
Nach Verlauf einiger Zeit kommt eines Abends jemand und klopft an meine Tür, nachdem ich zu Bett gegangen bin. Ich öffne und befinde mich von Angesicht zu Angesicht mit meinem Freunde, der entstellt aussieht und erregt ist. Er bittet, bei mir auf einem Sofa bleiben zu dürfen, weil ... eine Frau die ganze Nacht hindurch schreit in dem Hause, wo er wohnt.
—Ist es eine richtige Frau oder ein Gespenst?
—Oh, es ist eine Frau, die den Krebs hat und nichts besseres verlangt, als sterben zu dürfen.—Man kann verrückt werden von dem all dem! Und wenn ich meine Tage nicht im Irrenhaus beschliesse, wäre es wunderbar!
Es ist nur ein sehr kurzes Sofa da, und als ich den hochgewachsenen Mann auf einem solchen Ding und zwei daneben gestellten Stühlen ausgestreckt sehe, ist mir, als sähe ich einen Galeerensträfling auf der Folterbank.
Aus seiner hübschen Wohnung und seinem bequemen Bett verjagt, des einfachen Genusses, sich auskleiden zu dürfen, beraubt, flösst er mir Mitleid ein, und ich biete ihm als Zeichen meiner Dankbarkeit mein Bett an. Aber er sagt nein dazu.
Die Lampe muss angezündet sein, er will es, und der Schein fällt dem Unglücklichen gerade ins Angesicht. Ihm ist bange vor dem Dunkel, und ich verspreche ihm, als Nachtwache aufzubleiben.
—Es leidet keinen Zweifel! Es ist eine kranke Frau, aber merkwürdig ist es jedenfalls.
So liegt er und murmelt, bis der Schlaf sich seiner erbarmt!
Ganze zwei Wochen lang musste er nachts auf fremden Sofas Ruhe suchen.
—Das ist ja die Hölle selbst! ruft er aus.
—Ganz mein Gedanke! gebe ich zur Antwort.
Und ein anderes Mal, als sich die "weisse Frau" in der Nacht gezeigt hat, stellt er selbst die Möglichkeit auf, es könne eine Strafe sein. Meiner Rolle getreu, beschränke ich mich auf ein skeptisches Schweigen. Ich will übergehen die Begebenheiten mit dem schreienden Mädchen, die Dazwischenkunft des Polizeiagenten, der als alter Mitschuldiger in einer berüchtigten Sache erkannt wurde; ich verweile auch nicht bei dem Auftreten des Butterhändlers und seiner Tochter, sondern setze ein mit der Erzählung von der Madonna und der Vision, die man auf telepatischem Wege von einer Person in dem Augenblick hatte, als sie starb. Sie ist ganz kurz.
Bei einem Ausflug ins Grüne befindet mein Freund sich in einer kleinen Gesellschaft, die am Ufer eines Sees versammelt ist. In einem Ausbruch guter Laune vergisst er die angstvollen Stunden, die er auszustehen gehabt hat, und wirft folgenden Einfall hin:
—Hier müsste man eine Offenbarung der heiligen Jungfrau in Szene setzen! Es würde ein gutes Geschäft sein, einen Wallfahrtsort anzulegen.
Im selben Augenblick erbleichte er, und zur grossen Verwunderung seiner Begleiter rief er fast in Ekstase aus:
—Jetzt starb er!
—Wer?
—Leutnant X. Ich sah ihn im Todeskampf liegen, das Zimmer, die Anwesenden darin, alles!
Man amüsierte sich!
Als man aber in die Stadt zurückkehrt, begegnet man der Nachricht von Leutnant X's Hinscheiden. Und der Tod war plötzlich eingetroffen, genau um halb acht Uhr, im selben Augenblick, als der Visionär davon Botschaft bekam.
Die Spottvögel wurden von dem Eindruck überwältigt, so dass sie unwillkürlich Tränen vergossen, nicht aus Trauer, da der Tode ihnen ganz gleichgültig war, sondern aus Gemütsbewegung über das Wunder.
Die Zeitungen machen ein Wesen aus dem Geschehnis; die ehrlichen unter ihnen leugnen die Tatsache nicht, die unehrlichen lassen durchblicken, die Zeugen seien Betrüger. Die Folge ist ein Protest meines Freundes, des Ketzers, der den Sachverhalt anerkennt, ihn aber als zufälliges Zusammentreffen auslegt.
Ich gebe zu, dass sich eine gewisse Bescheidenheit in dieser Art verrät, der Mächte Eingreifen in unsere kleinlichen Angelegenheit auszuscheiden, aber dahinter verbirgt sich auch "der Unbussfertigen Verhinderung"; was aus folgender Stelle bei Claude de Saint-Martin hervorgeht:
"Vielleicht hat diese unrichtige Ideenverbindung (dass die Erde nur ein Punkt im Weltall ist) den Menschen zu der noch unrichtigeren Vorstellung geführt, dass er der Blicke seines Schöpfers nicht würdig sei; er hat geglaubt, nur den Mahnungen der Demut zu gehorchen, wenn er sich zuzugeben weigert, dass diese Erde und alles, was das Universum enthält, nur seinetwegen entstanden sei; er hat sich gestellt, als fürchte er zu sehr seinem Hochmut zu gehorchen, wenn er sich diesem Gedanken hingäbe. Aber er hat nicht die Trägheit und Feigheit gefürchtet, die von dieser erheuchelten Bescheidenheit unvermeidlich erzeugt werden; und wenn der Mensch sich heute nicht mehr für den König des Universums halten will, ist die Ursache die, dass er nicht den Mut hat zu arbeiten, um sich die rechtmässigen Ansprüche darauf zu erwerben; dass die Pflichten dabei ihm zu mühsam erscheinen, dass er nicht so sehr fürchtet, auf seine Stellung und alle ihre Rechte verzichten, als sich daran machen zu müssen, um sie in ihrer geltenden Kraft wiederherzustellen."
Zwischen den beiden blinden Klippen, Hochmut und falscher Demut, wer kann wohl das Kanoe finden, das zum Hafen führt?
Indessen habe ich alle Schwächen meines Freundes so vollständig kennen gelernt, dass ich seine nächtlichen oder täglichen Drangsale voraussagen kann, indem ich nur sein Betragen beobachte; was mich zu dem Schlusssatz geneigt macht, dass alle Krankheiten, die ihn treffen, von der Moral herrühren. Aber Moral ist ein Wort, das jetzt herabgesetzt und in den Bann getan ist, und ich bin nicht der rechte Mann, es auszusprechen.
Bei einer einzigen Gelegenheit, als der Unglückliche gar zu sehr bedrückt war, äusserte ich zu ihm, aus Mitleid und um einen Wegweiser aufzustellen:
—Wenn du vor deinem letzten nächtlichen Anfall Swedenborg gelesen hättest, würdest du in die Heilsarmee gegangen oder Krankenpfleger geworden sein!
—Wieso? Was sagt denn dieser Swedenborg?
—Er sagt so viel, und er ist es, der mich davor gerettet hat, verrückt zu werden. Er hat mir den Schlaf wieder geschenkt durch einen einzigen Satz in vier Worten!
—Sag den, ich bitte dich darum!
Der Mut entsank mir, und er hat mir jedes Mal gefehlt, wenn der Besessene mich gebeten hat, diese Losung mitzuteilen.
Hier schreibe ich die vier Worte nieder, die gegen alle Verordnungen der Ärzte aufgekommen sind:
"Tue dieses nicht mehr!"
Es steht einem jeden frei, nach bestem Wissen und Gewissen das kleine Wort dieses auszulegen.
Ich Unterzeichneter erkläre hiermit, dass ich durch Befolgung des obigen Rezeptes Gesundheit und ruhigen Schlaf wiedergewonnen habe.
Der Verfasser.
Das ist ein Bekenntnis! Keine Ermahnung!
6.
Allerlei.
Keiner ist vom Schicksal so geprüft worden, wie der Doktor, von dem ich im ersten Kapitel als dem Haupt des revoltierenden Jugendschwarmes gesprochen habe. Nachdem er unzählige Male umgesattelt hat, ist er Freund der Mässigkeit geworden, mit fast religiösen Grillen. Er gibt zu, vollständig bankerott zu sein, glaubt an nichts und misstraut den Menschen, entblösst wie er ist von den Sinnen, die uns in Stand setzen zu geniessen und zu leiden, gleichgültig gegen alles. Denn er begann damit, dass er sich für die Freiheit des Individuums, für die Befreiung des Volkes und der Frau begeisterte; und er hat die Konsequenzen davon gesehen, die seine Illusionen vollständig zu Fall gebracht haben. Er, der besonders das Ideal vom freien Weibe verwirklichen wollte, hat seine Braut, die er selbst hochachtete, als literarische Mätresse eines jeden Mannes enden sehen, als eine Art prostituierten Bohême-Weibes.
Er ist nun dreissig Jahre alt. Während seines jahrelangen Aufenthaltes im Ausland hat er alle Leiden eines Einsiedlers durchgemacht: Armut, Hunger und Kälte, schäbige Kleider; die Verdriesslichkeiten, die ein schuldenbeladener Mann auszustehen hat. Er hat nachts in Wäldern und offenen Parks geschlafen, aus Mangel an fester Wohnstätte; er hat sich mit Stärke und Gelatine ernährt, die dazu bestimmt waren, in dem Labor gebraucht zu werden, an dem er angestellt war.
Der Hunger aber hat mangelnde Widerstandskraft gegen Alkohol zur Folge, und obwohl nicht Alkoholiker, erlag er den Wirkungen der geringen Menge starker Getränke, die er in der Lage war sich zu verschaffen.
Von seinen Verwandten Wind und Wellen überlassen, kann er sich in einer Heilanstalt für Nervenkrankheiten in Pension geben, dank einem Manne, der ihm so gut wie unbekannt ist und welcher der Swedenborgischen Sekte angehört. (!)
Nach einigen Monaten wurde er als geheilt entlassen und kehrte nach der Universität in Schweden zurück, jedoch weiter zu Enthaltsamkeit verurteilt.
Er war es, der mir Swedenborgs "Arcana Coelestia" lieh, und später "Apocalypsis revelata", Arbeiten, die er selbst nicht kannte, die sich aber in der Büchersammlung seiner Mutter befanden; sie war nämlich Swedenborgianerin. (!)
Noch etwas ist überraschend für mich, der ich bis zu meinem achtundvierzigsten Jahr nie auf Arbeiten von Swedenborg gestossen bin, für die man in den gebildeten Klassen Schwedens offene Verachtung zeigt—dass er jetzt überall auftaucht: in Paris, an der Donau, in Schweden, und zwar im Laufe nur eines halben Jahres.
Mein desillusionierter Freund verhält sich indessen indifferent, trotz den Streichen, die ihm das Schicksal zu wiederholten Malen spielt. Er kann sich nicht beugen und glaubt, es sein eines Mannes unwürdig, vor unbekannten Mächten zu knien; die könnten sich eines Tages als Versucher enthüllen, deren Versuchungen nur Prüfungen sind, denen man bis zum äussersten widerstehen muss.
Ich verberge ihm nicht meine neuen religiösen Ansichten, jedoch ohne auf ihn einwirken zu wollen.
—Siehst du, die Religion ist etwas, das man auf sich selbst anwenden muss; die ist nichts zum Predigen!
Oft lauscht er meinen Worten mit scheinbarer Aufmerksamkeit, und oft lächelt er. Zwei Wochen lässt er sich nicht sehen, als sei er geärgert worden, dann aber kommt er wieder und sieht aus, als habe er über einen Gedanken gebrütet.
In der Absicht, ihm zu Hilfe zu kommen, werfe ich von ungefähr ein Wort hin mit einem Fragezeichen dahinter:
—Es geschieht sicher etwas?
—Ich weiss nicht; aber es ist wirklich zu ungereimt, um mit rechten Dingen zugehen zu können.
—Was ist es denn?
—Jeden einzigen Morgen, wenn ich ins Laboratorium komme, sind meine Sachen in Unordnung gebracht—du kannst nicht glauben, wie es da aussieht!—und der Tisch ist besudelt. Und zwar obgleich ich auf das sorgfältigste dort Sauberkeit zu halten suche.
—Ein Übelgesinnter?
—Unmöglich; denn ich bin der letzte, der den Saal verlässt und der Schuldige würde sogleich entdeckt werden.
—Dann ist es?
—Ja, wer?
—Die Unsichtbaren!
—Nicht dass ich es behaupten will, aber jetzt in letzter Zeit scheint es, als ob mich jemand überwache und meine geheimsten Gedanken zu lesen verstehe. Und im selben Augenblick, wenn ich auf irgend eine Weise über die Stränge geschlagen habe, fasst man mich auf frischer Tat.
—Bist du jemals früher Vorfällen von ungewöhnlicher Beschaffenheit ausgesetzt gewesen?
—Nicht ich, aber meine Mutter und meine Schwester, die Swedenborgianer sind.—Doch warte, ich auch, ein Mal in Berlin vor genau zwei Jahren.
—Erzähle!
—Es war so: ich ging eines Abends in der Nähe von Linden in eine Bedürfnisanstalt; da erblickte ich an meiner Seite einen barhäuptigen Mann von unbestimmten und sonderbarem Aussehen; er hatte einen Knoten hinten im Nacken, und zu meiner Verwunderung jodelte er wie ein Tiroler. Den unangenehmen Eindruck, den dieser Mensch mit seiner Leichenbitterphysiognomie auf mich machte, konnte ich nicht loswerden; um ihn von mir abzuschütteln, verlängerte ich meinen Spaziergang und ging aus der Stadt heraus; schliesslich befand ich mich auf dem Lande. Müde und hungrig trat ich in ein Wirtshaus, wo ich am Ladentisch ein Frankfurter Würstchen und ein Seidel Bier bestellte. "Ein Frankfurterwürstchen und ein Seidel Bier", wiederholt jemand an meiner Seite; und als ich mich umwende, erblicke ich den Mann mit dem Nackenknoten. Vollständig verwirrt, und unfähig zu sagen, warum, ging ich meines Weges, ohne auf das zu warten, was ich bestellt hatte. Ich habe nie näher an diesen bedeutungslosen Vorfall gedacht, aber ich besitze noch einen lebendigen Eindruck davon, und er kommt gerade jetzt in meine Erinnerung zurück.
Als er geendet hatte, bedeckte er die Augen mit beiden Händen, als wolle er das Bild auswischen, indem er den Augapfel rieb, der noch das Porträt der Gestalt festhielt.
An dieser Stelle, während der Leser sich noch des oben Erzählten im Detail erinnert, will ich ein anderes Abendteuer einschalten, das dadurch, dass es mit dem Vorhergehenden in Verbindung gesetzt wird, uns vielleicht dem guten Hafen einen Schritt näher führen wird.
Am ersten Mai ging ich recht zeitig nach dem Park, um zu Mittag zu essen, zusammen mit einem Gymnasiallehrer. Als wir uns an einem Tisch niedergelassen hatten, auf dem grossen offenen Balkon, wo kein Mensch war, empfand ich plötzlich ein Gefühl des Unbehagens, und als ich mich auf dem Stuhle umdrehte, bemerkte ich einen Mann von recht unbestimmten Aussehen, der einen unstäten, unschlüssigen Ausdruck im Blick hatte.
—Wer ist das? Fragte mich mein Begleiter, der alter Lundenser war und die ganze Bevölkerung kannte.
—Ein Fremder, ganz sicher!
Der Fremde, barhäuptig und schweigsam, kam näher, indem er gerade vor mir stehen blieb, betrachtete er mich auf eine so durchdringende Art, dass ich einen brennenden Schmerz in der Brust fühlte.
Wir nahmen einen andern Platz ein. Der Mann folgte uns, ohne sein Schweigen zu brechen. Seine Blicke waren weder böse noch scharf, vielmehr äusserst wehmütig, und ausdruckslos wie die eines Nachtwandlers. Da wurde ich von einer Erinnerung ergriffen, die allzu entfernt war, um bewusst zu sein, und stellte an meinen Tischkameraden die Frage:
—Der Mann gleicht einem unserer Freunde, aber welchem?
—Ja, wahrhaftig es ist ganz offenbar unser Freund Martin mit fünfundvierzig Jahren.
In diesem Augenblick taucht aus dem Chaos meines Innern: die Gestalt von der Bedürfnisanstalt in Berlin und Freund Martin (so hiess der unglückliche Doktor, der mir Swedenborgs Arbeiten geliehen hatte) verfolgt von einem Unbekannten.
Nun hatte der Mann neben uns Platz genommen, aber so, dass er uns den Rücken zukehrte.
Wie gross war meine Verwunderung, als ich einen Knoten im Nacken dieses Menschen bemerkte. Um aber ganz sicher zu sein, fragte ich meinen Kameraden:
—Kannst du den Auswuchs am Hinterkopf dieses Mannes sehen?
—Ganz recht! Ich sehe ihn deutlich. Nun und?
Ich antwortete nicht, weil die Erzählung zu lang geworden wäre, auch war der Lehrer ein erbitterter Gegner des Okkultismus.
Am selben Abend erblicket ich Freund Martin mitten in einem Schwarm Studenten. Ohne Umschweife stellte ich diese Frage an ihn:
—Wo hast du dich mittags zwischen eins und halb zwei aufgehalten?
—Wieso? Warum fragst du das?
Und er sieht verlegen aus, als er das sagt.
—Antworte nur auf die Frage!
—Ich lag und schlief! Und das pflege ich sonst nicht mitten am Tage zu tun, deswegen bin ich verlegen.
—Und du gehst während des Schlafes fort?
—Das sieht so aus, da ich vor einigen Tagen, während ich schlief, das Feuer sah, das im Museum ausgebrochen war. Das ist die reine Wahrheit!
Nach diesem Bekenntnis schilderte ich ihm die Erscheinung im Park und verglich sie mit der Offenbarung in Berlin.
Aber er war zu aufgeräumt, und obwohl dieser Knoten im Nacken ihm schaudern machte, rief er aus:
—Es stimmt, er ist mein Doppelgänger!
Das war ein Gelächter!
Ich halte mich hier einen Augenblick auf, um die üblichen Theorien darzulegen von der Erscheinung, die unter der Benennung Doppelgänger bekannt ist.
Die Theosophen nehmen sie als eine Tatsache an, indem sie zugeben, dass die Seele, oder der Astralleib, das Vermögen besitzt, den Körper zu verlassen und sich in eine quasi-materielle Gestalt zu kleiden, die unter günstigen Umständen für manche sichtbar wird. Alle sogenannten telepathischen Erscheinungen werden dadurch erklärt. Die Schöpfungen der Einbildungskraft haben keine Realität, aber die Visionen, die Hallucinationen besitzen eine Art Materialität. In derselben Weise unterscheidet man in der Optik zwischen virtuellen und wirklichen Bildern, von denen die letzten auf einen Schirm projiziert oder auf einer empfindlichen photographischen Platte fixiert werden können.
Angenommen, ein Abwesender erinnert sich meiner, indem er sich meine Persönlichkeit in seinem Gedächtnis hervorruft: dem Hervorrufenden gelingt es nur, ein virtuelles Bild von mir zustande zu bringen, und zwar durch eine freiwillige und bewusste Anstrengung. Angenommen, eine alte Tante von mir im fremden Lande sitzt am Piano, ohne an mich zu denken, und sieht mich dann persönlich hinter dem Instrument stehen: die Alte hat ein virtuelles Bild von mir gesehen. Und dies hat sich tatsächlich zugetragen, im Herbst 1895. Ich erinnere mich, dass ich damals in der französischen Hauptstadt eine furchtbare Krisis durchmachte, als meine Sehnsucht, im Schosse meiner Familie zu sein, bis zu dem Grad acht über mich bekam, dass ich das Innere des Hauses sah und für einen Augenblick meine Umgebung vergass, indem ich das Bewusstsein, wo ich mich befand verlor. Ich war dort, hinter dem Pianino, in welcher Gestalt es nun geschah, und die Einbildung der alten Frau spielte keine Rolle dabei.
Da sie übrigens in diese Art Erscheinung eingeweiht war und deren Tragweite kannte, sah sie darin einen Vorboten des Todes und schrieb, um zu erfahren, ob ich krank geworden sei!
Um dieses Problem besser zu beleuchten, will ich hier einen Aufsatz von mir einrücken, der 1896 in der "Initiation" stand und Berührungspunkte mit oben angeführten Vorfall hat.
7.
Strahlung und Ausdehnung der Seele.
Beobachtungen nach der Natur.
"Ausser sich sein" und "sich sammeln" sind zwei allgemein übliche Wendungen, die gut die Fähigkeit der Seele ausdrücken, sich auszudehnen und sich wieder zurückzuziehen.
Die Seele schrumpft zusammen vor Furcht und schwillt auf vor Freude, Glück, Erfolg.
Steig allein in einen vollbesetzten Eisenbahnwagen. Keiner kennt den andern, alle sitzen still da. Alle empfinden je nach dem Grad ihrer Empfindlichkeit ein grosses Unbehagen. Da geht ein mannigfaltige Kreuzung verschiedener Bestrahlungen vor sich, die allgemeine Beklemmung erzeugt. Es ist nicht warm, aber man glaubt zu ersticken: die Geister, die zum Übermass mit magnetischen Fluida geladen sind, fühlen ein Bedürfnis zu explodieren; die Intensität der Ströme, verstärkt die Influenz und Condensation, vielleicht sogar von Induktion, hat ihr Maximum, erreicht.
Da nimmt einer das Wort: Die Entladung hat stattgefunden, und die Neutralisation ist eingetreten, wenn sich alle in ein Gespräch ohne Inhalt eingelassen haben, um ein kurz gesagt physisches Bedürfnis zu befriedigen.
Der Einsiedler zieht sich in seine Ecke zurück, schliesse sein inneres Auge und Ohr und vertieft sich in sich selbst, um sich gegen eine neue Influenz zu wehren.
Oder er betrachtet auch die Landschaft durch das Fenster und lässt seine Gedanken umher irren, indem er heraustritt aus dem magischen Kreis für ihn gleichgültiger Menschen, die mit ihm eingeschlossen sind.
Das Geheimnis des grossen Schauspielers liegt in der angeborenen Eigenschaft, seine Seele ausstrahlen zu lassen; dadurch tritt er in Verbindung mit dem Publikum.
Es leuchtet, strahlt um den geistigen Redner in grossen Augenblicken, und sein Antlitz verbreitet einen Schein, der sogar für die sichtbar ist, die nicht gläubig sind.
Der Schauspieler von träumerischer Natur, der eine tiefe Intelligenz besitzt, der viel studiert, aber nicht die Fähigkeit hat, aus sich selbst herauszugehen, wird sich niemals auf der Bühne geltend machen können. In sich selbst verschlossen, wird sein Geist nicht in die Gemüter der Zuschauer eindringen.
Bei den grossen Krisen im Leben, wenn das Dasein selbst bedroht ist, erwirbt die Seele übersinnliche Eigenschaften. Es scheint, als ob die Furcht vor dem Elend die gemarterte Seele treibt, zu entfliehen, um anderswo ein Leben zu suchen, das leichter zu leben ist. Nicht umsonst übt der Selbstmord seine Anziehung auf den Unglücklichen, da er verspricht, die Pforten des Gefängnisses zu öffnen.
Folgendes ist mir passiert vor einigen Jahren.
Ich sass eines Herbstmorgens an meinem Schreibtisch vor dem Fenster, das auf die düstere Strasse einer kleinen Industriestadt Mährens blickte.
Im angrenzenden Zimmer, zu dem die Tür angelehnt war, ruhte meine Frau in kränklichem Zustande, ihr Erstgeborenes erwartend.
Indem ich schrieb, träumte ich mich fort in eine Landschaft, die mehr als tausend Kilometer nördlich lag und die ich wohl kannte.
Während es Herbst war, und hier beinahe Winter, befand ich mich mitten im Sommer unter einer grünen Eiche, von der Sonne beschienen; der kleine Garten, den ich in meiner Jugend selbst bebaut hatte, war dort; die Rosen—ich konnte sie beim Namen nennen—die Syringen, die Jasmine atmeten wahrnehmbar ihre besonderen Düfte aus; ich las Raupen von meinen Kirschbäumen ab, ich beschnitt die Johannisbeerbüsche.... Plötzlich höre ich einen heiseren Schrei, ich finde mich auf dem Fussboden stehen, ein Krampf dreht schraubenförmig mein Rückgrad um, und bewusstlos falle ich auf einen Stuhl nieder, einen unerträglichen Schmerz im Rücken.
Ich erwache zum Bewusstsein und es wird mir klar, dass meine Frau von hinten gekommen war, um mir guten Morgen zu sagen, und ganz leise ihre Hand auf meine Achsel gelegt hatte.
—Wo bin ich?
Das war meine erste Frage, und ich sprach sie aus in der Sprache meiner Heimat, die meine Frau als Ausländerin nicht verstand.
Der Eindruck, den ich von diesem Vorfall bewahrte, war der, dass sich mein Geist ausgedehnt und den Körper verlassen hatte, ohne die Verbindung der unsichtbaren Fäden abzubrechen; ich bedurfte einer gewissen, wenn auch noch so kurzen Zeit, um mich einigermassen zu erinnern, dass ich mich bewusst und unversehrt in dem Zimmer aufhielt, wo ich soeben sass und arbeitete.
Wenn nach den alten Erklärungen meine Seele in sich selbst versunken gewesen, noch in den Grenzen des Körpers geblieben wäre, hätte sie sich mit grösster Leichtigkeit und Schnelligkeit wieder entfalten können, und dies Gefühl der Überraschung während meiner Abwesenheit hätte mich nicht in so hohem Grade gequält.
Nein, ich war abwesend, und die Rückkehr meiner Seele ging auf so plötzliche Weise vor sich, dass ich darunter litt. Aber die Schmerzen waren in der Rückengegend zu merken und durchaus nicht in den Gehirnhalbkugeln: das erinnert mich an die überwiegende Rolle, die man dem plexus solaris zulegte, als ich in meiner Jugend Medizin studierte.
Ein anderes Abenteuer, das mir vor drei Jahren in Berlin passierte, ist für mich ein Beweis, dass die Exteriorisation oder Auswanderung der Seele unter aussergewöhnlichen Umständen stattfinden kann.
Nach erschütternden Krisen, Sorgen und unregelmässigem Leben sitze ich eines Nachts zwischen eins und halb zwei bei einem Weinhändler an einem Tisch, der jederzeit für meinen Kreis bereit stand. Man hatte seit sechs Uhr gegessen und getrunken und ich hatte die ganze Zeit so gut wie allein das Gespräch führen müssen. Es handelte sich für mich darum, einen jungen Offizier, der im Begriff stand, die militärische Laufbahn gegen die des Künstlers zu vertauschen, einen verständigen Rat zu geben. Da er sich zu gleicher Zeit in ein junges Mädchen verliebt hatte, befand er sich in einem äusserst überspannten Zustand; und nachdem er im Lauf des Tages von seinem Vater einen Brief mit Vorwürfen erhalten hatte, war er geradezu ausser sich. Ich vergass meine eignen Wunden, während ich die eines andern pflegte. Es war eine schwere Arbeit, bei der mein Geist sich infolge einer Reflexbewegung erhitzte. Nach endlosen Beweisführungen und Berufungen wollte ich ihn an ein vergangenes Begebnis erinnern, das auf seinen Entschluss einwirken konnte.
Er hatte den fraglichen Auftritt vergessen, und, um sein Gedächtnis zu unterstützen, fange ich an, ihn zu schildern.
—Sie erinnern sich doch jenes Abends im Augustiner-Bräu....
Und ich fahre fort, in dem ich den Tisch bezeichne, wo wir unser Kuvert verzehrt hatten; beschreibe den Schenktisch, die Tür, durch die man herein kam, die Möbel, die Bilder....
Auf einmal schwieg ich ... hatte halb das Bewusstsein verloren, ohne ohnmächtig zu sein, und sass noch auf dem Stuhle. Ich war im Augustiner-Bräu und hatte vergessen, zu wem ich sprach, als ich so wieder anfing:
—Warten Sie! Ich bin im Augustiner, aber ich weiss sehr wohl, dass ich an einem andern Ort bin; sagen Sie nichts ... ich erkenne Sie nicht, aber ich weiss, dass ich Sie kenne. Wo bin ich?—Sagen Sie nichts, das ist äusserst interessant....
Ich mache eine Anstrengung, um die Augen zu erheben—weiss nicht, ob sie geschlossen waren—und ich sah einen Nebel, einen Hintergrund von unbestimmtem Farbenton, und oben an der Decke herab senkte es sich wie ein Theatervorhang: das war die Scheidewand, besetzt von Regalen und Flaschen.
—So! äusserte ich erleichtert, wie nach einem überstandenen Schmerz, ich bin ja bei Herrn F. (so hiess der Weinhändler).
Das Gesicht des Offiziers hatte sich vor Schreck zusammengezogen und er weinte.
—Was, Sie weinen? sagte ich zu ihm.
—Das war unheimlich, antwortete er.
—Was denn?...
Wenn ich diese Geschichte andern Personen erzählt habe, hat man eingewendet, es sei eine Ohnmacht oder ein Rausch gewesen, zwei Worte, die nicht viel sagen und nichts erklären.
Erstens und vor allem wird eine Ohnmacht von dem Verlust des Bewusstseins begleitet, ebenso der Rausch; zweitens von einer Muskellähmung; was hier nicht der Fall war, da ich auf meinem Stuhl sitzen blieb und bewusst über meine partielle Unbewusstheit sprach.
Zu diesem Zeitpunkt kannte ich weder die Erscheinung noch den Ausdruck: Exteriorisation des Empfindungsvermögens. (A. de Rochas, l'Extériorisation de la sensibilité. Paris, Chamuel.) Jetzt da ich sie kenne, bin ich überzeugt, dass die Seele die Fähigkeit besitzt, sich auszudehnen; dass sie sich während des gewöhnlichen Schlafes sehr ausdehnt, um zum Schluss, im Tode, den Körper zu verlassen, keineswegs ausgelöscht zu werden.
Vor einigen Tagen, als ich ein Trottoir hinunterging, sah ich, wie ein Gastwirt vor seiner Tür mit einem Scherenschleifer, der auf der Strasse hielt, laute und böse Worte wechselte. Es war mir unangenehm, die Linie zu durchschneiden, die diese beiden Individuen verband, aber es war nicht zu vermeiden; und ich versichere, dass ich ein starkes Unbehagen empfand, als ich den Raum zwischen den beiden zankenden Männern überschritt. Es war, als zerrisse ich ein zwischen ihnen ausgespanntes Seil, oder vielmehr ginge über eine Strasse, die man von beiden Seiten mit Wasser bespritzt.
Das Band, das Freunde, Verwandte und in höchstem Grad Gatten aneinander bindet, ist ein wirkliches Band, und zwar von einer greifbaren Wirklichkeit.