Zweiter Teil
Jakob ringt
(Ein Fragment)
Als ich Ende August 1897 nach Paris zurückkehrte, fand ich mich plötzlich isoliert. Mein Freund der Philosoph, dessen tägliche Gesellschaft für mich eine moralische Stütze geworden war, und der versprochen hatte, mir nach Paris zu folgen, um dort den Winter zuzubringen, hat sich in Berlin verzögert. Er ist nicht imstande, zu erklären, was ihn in Berlin zurückhält, da Paris das Ziel seiner Reise ist und er vor Verlangen brennt, die Lichtstadt zu schauen.
Ich habe nun drei Monate auf ihn gewartet und bekomme den Eindruck, dass die Vorsehung unter vier Augen mit mir hat sein wollen, um mich von der Welt los zu machen, mich in die Wüste zu treiben, auf dass die Zuchtgeister dort meine Seele recht schütteln und sieben könnten. Und darin hat die Vorsehung recht getan, denn die Einsamkeit hat mich erzogen, indem sie mich zwang, auf die mässig zugenommenen Freuden des Verkehrs zu verzichten, und mich jeder Stütze eines Freundes beraubte. Ich habe mich gewöhnt, zum Herrn zu sprechen, mich nur ihm anzuvertrauen, und habe so gut wie aufgehört, Bedürfnis nach Menschen zu empfinden; was mir stets vorgeschwebt hat als das Ideal von Unabhängigkeit und Freiheit.
Selbst dem Kloster, in dem ich den Schutz der Religion und der Geselligkeit für mich erwartete, muss ich entsagen. Das Leben des Eremiten war mir auferlegt, und ich habe es hingenommen als eine Strafe und eine Erziehung, trotzdem es einem hart ankommt, im Alter von achtundvierzig Jahren seine eingewurzelten Gewohnheiten gegen neue vertauschen zu müssen.
Ich wohne in einer kleinen Kamme, eng wie eine Klosterzelle, mit einem vergitterten Fensterloch oben unter der Decke, das auf einen Hof und eine Steinwand mit ungeheurem Efeu geht.
Dort sitze ich nach meinem Morgenspaziergang, bis halb sieben Uhr abends; das Frühstück lasse ich auf einem Tablett herauftragen.
Abends gehe ich aus, um zu Mittag zu speisen, und gehe direkt, ohne mir erst einen Appetit-Likör zu verschaffen, der mir jetzt zuwider ist. Warum ich das kleine Restaurant am Boulevard St. Germain ausgewählt habe, würde mir schwer fallen zu erklären. Vielleicht ist es eine Erinnerung an die beiden schrecklichen Abende, die ich im vorigen Jahre mit meinem okkulten Freund, dem Deutsch-Amerikaner, dort verbrachte, die mich dort fest hext, bis zu dem Grad, dass jeder Versuch, nach einem andern Ort zu gehen, mit einem Unbehagen schliesst, das ich tendenziös nennen möchte und das mich zurück nach dieser Kneipe treibt, die ich verabscheue. Und die Gründe dafür: mein früherer Freund hat hier Schulden hinterlassen, und man hat mich als seinen Begleiter erkannt. Aus dieser Ursache und weil man uns hat deutsch sprechen hören, werde ich als Preusse behandelt, das heisst, sehr schlecht bedient. Es hilft nicht, dass ich stille Proteste einlege, indem ich meine Visitenkarte zurücklasse oder mit Absicht Briefumschläge, die in Schweden abgestempelt sind, vergesse. Ich sehe mich genötigt, für den Schuldigen zu leiden und zu bezahlen. Kein anderer als ich sieht die Logik in diesem Sachverhalt ein, dass es eine Sühne ist für ein Vergehen.... Es ist ganz einfach eine Rechtsübung in untadeliger Form, und zwei Monate lang kaue ich das entsetzlich schlechte Essen, das nach der Anatomie riecht.
Die Wirtin, die bleich wie eine Leiche an der Kasse thront, grüsst mich mit einer triumphierenden Miene, und ich übe mich in mir zu sagen:
Arme Alte, sie hat wohl 1871 während der Belagerung von Paris Ratten essen müssen!
Aber es scheint, als ob sie Mitleid mit mir empfinde, als sie meine dumpfe Ergebenheit und meine Ausdauer wahrnimmt. Es gibt Augenblicke, da sie mir noch bleicher zu werden scheint, wenn sie mich so allein kommen sieht, immer allein, und immer magerer. Es ist nur die nackte Wahrheit: als ich mir nach zwei auf diese Weise verlaufenen Monaten neue Halskragen anschaffte, musste ich an Stelle der Kragen von 47 Zentimeter solche von 43 kaufen, was 4 Zentimeter Unterschied macht. Die Wangen sind hohl geworden und die Kleider hängen in Falten.
Da zeigt man sich auf einmal bemüht, mir besseres Essen vorzusetzen, und die Wirtin lächelt mich an. Im selben Augenblick hörte die Verhexung auf, und ich ging meiner Wege, ohne Groll und wie von einer Last befreit, mit der Gewissheit, dass die Sündenbusse für meinen Teil erfüllt sei und vielleicht auch für den meines abwesenden Freundes. Falls es eine Einbildung von mir war, dass ich schlecht behandelt worden sei, und falls die Wirtin ohne Schuld daran war, bitte ich sie um Verzeihung; dann war ich es, der sich selbst gestraft hat, indem er sich eine wohlverdiente Züchtigung gab.
"Die Zuchtgeister nehmen die Einbildungskraft des Strafwürdigen in Besitz und wirken durch dieses Mittel zu seiner Besserung von der Schlechtigkeit, indem sie ihn alles in entstellter Form wahrnehmen lassen." (Swedenborg.)
Wie oft ist es mir nicht passiert, wenn ich mir eine wirklich feine Mahlzeit hatte leisten wollen, dass alle Gerichte mir Ekel einflössten, als ob sie faul wären, während meine Tischkameraden sich einstimmig in Lobreden über das gute Essen ergossen!
Der "beständig Unzufriedene" ist ein Unglücklicher unter der Geissel der Unsichtbaren, und mit allem Grund weicht man ihm aus, denn er ist dazu verurteilt, ein Freudenstörer zu sein, der, zur Einsamkeit und deren leiden verurteilt, verborgene Versehen sühnt.
So bleibe ich denn mit mir allein, und als ich, nachdem ich ganze Wochen lang nicht Gelegenheit gehabt habe, meine eigene Stimme zu hören, jemand aufsuche, überhäufe ich diesen Unglücklichen so mit meinem Redefluss, dass er sich ermüdet aus dem Spiele zieht und, ohne es zu wollen, zu verstehen gibt, dass er das Zusammensein nicht zu erneuern wünscht.
Es gibt andere Augenblicke, wo die Verlockung, ein menschliches Wesen zu sehen, mich dazu treibt, schlechte Gesellschaft aufzusuchen. Dann geschieht es, dass mitten im Gespräch ein Gefühl des Unbehagens, das von Kopfschmerzen begleitet wird, mich ergreift; ich werde stumm, bin unfähig, ein Wort hervorzubringen. Und ich sehe mich genötigt, den Kreis zu verlassen, der nie zu zeigen versäumt, wie zufrieden man ist, eine unerträgliche Figur, die nichts dort zu tun hatte, los zu werden.
Zur Isolierung verurteilt, unter den Menschen in Acht erklärt, nehme ich meine Zuflucht zu dem Herrn, der für mich ein persönlicher Freund geworden ist; oft ist er zornig auf mich, und dann leide ich; oft scheint er abwesend zu sein, von anderer Seite in Anspruch genommen, und dann ist es noch viel schlimmer. Aber wenn er gnädig ist, wird mir das Leben süss, besonders in der Einsamkeit.
Ein eigentümlicher Zufall hat es gefügt, dass ich mich in der Rue Bonaparte, der katholischen Strasse, niedergelassen habe. Ich wohne gerade der Ecole des beaux-arts gegenüber, und wenn ich ausgehe, wandre ich durch eine Allee von Schaufenstern, wo Puvis de Chavannes' Legenden, Botticellis Madonnen, Raffaels Jungfrauen mich zum oberen Teil der Rue Jacob begleiten; von dort folgen mir die katholischen Buchhandlungen mit ihren Gebetbüchern und Missalen bis zur Kirche St. Germain des Pres. Die Läden mit ihren Andachtsgegenständen bilden von dort ein Spalier von Erlösern, Madonnen, Erzengeln, Engeln, Dämonen und Heiligen, all den vierzehn Stationen in Christi Leiden, der Weihnachtskrippe; dies alles zur Rechten; und linker Hand fromme Bilderbücher, Rosenkränze, Gottesdienstgewänder und Altargefässe, bis zum Saint-Sulpice-Markt, wo die vier Löwen der Kirche, mit Bossuet an der Spitze, den göttlichsten Tempel in Paris bewachen.
Nachdem ich dieses Repertorium der Heiligen Geschichte musternd durchgangen bin, trete ich oft in die Kirche, um mich an Eugène Delacroix' Gemälde "Jakob ringt mit dem Engel" zu stärken. Die Sache ist die, dass diese Szene mir stets etwas zu denken gibt, indem sie gottlose Vorstellungen bei mir weckt, trotz dem Orthodoxen im Gegenstande. Und wenn ich durch die Knienden wieder hinausgehe, bewahre ich die Erinnerung an den Ringer, der sich aufrecht hält, obgleich seine Hüftsehne gelähmt worden ist.
Danach gehe ich am Jesuitenseminar vorbei, einer Art furchtbaren Vatikan, das unermessliche Fluten seelischer Kraft ausdünstet; deren Wirkungen machen sich von weitem fühlbar, wenn man den Theosophen glauben darf. Ich bin nun an meinem Ziel angekommen, dem Luxemburg-Garten.
Schon seit meinem ersten Besuch in Paris 1876 hat dieser Park eine geheimnisvolle Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Es war mein Traum, in seiner Nähe wohnen zu dürfen. Dieser Einfall wurde 1883 Wirklichkeit. Von der Zeit an, jedoch mit Unterbrechungen, ist dieser Garten meinen Erinnerungen einverleibt worden, in meine Persönlichkeit übergegangen. Obgleich in Wirklichkeit nur mässig ausgedehnt, ist er in meiner Einbildung unermesslich gross. Ganz wie die heilige Stadt im Buch der Offenbarung hat er zwölf Tore, und, um die Ähnlichkeit voll zu machen, "nach Osten drei Tore, nach Norden drei Tore, nach Süden drei Tore, nach Westen drei Tore" (Offenbarung, 21, 13). Und jeder Eingang schenkt mir einen verschiedenen Eindruck, der auf Anordnung der Pflanzungen, der Gebäude, der Statuen beruht, oder, auch auf persönlichen Erinnerungen, die damit verknüpft sind.
So fühle ich mich herzensfroh, wenn ich durch das erste Tor von der Rue de Luxembourg eintrete, wo man vom Saint-Sulpice kommt: die efeubewachsene Hütte des Wärters erzählt mir ein nicht herausgegebenes Idyll mit Ententeich und Paulownien. Weiterhin liegt das Museum für die Gemälde lebender Künstler in klaren, sonnigen Farben. Der Gedanke, dass meine Jugendfreunde Carl Larsson, der Bildhauer Ville Vallgren, Fritz Thaulow dort Stücke ihrer Seele niedergelegt haben, stärkt und verjüngt mich; ich fühle die Strahlung ihres Geistes durch die Mauern dringen und mich einladen, Mut zu fassen, da ich Freunde ganz nahe habe.
Weiter hin haben wir Eugène Delacroix, dessen Lorbeeren von Zeit und Nachwelt in Frage gestellt werden.
Das zweite Tor von denen, die nach der Rue des Fleurus gehen, führt mich auf die Rennbahn, die breit wie ein Hippodrom ist und mit einer Blumen-Terrasse endet, wo der Sieg in Marmor als Malpfeiler steht und von wo in der Ferne das Pantheon mit dem Kreuz zu sehen ist.
Das dritte Tor bildet die Fortsetzung der Rue Vanneau und führt mich in eine dämmerige Allee, die sich links in eine Art elysäisches Feld verliert. Dort haben die Kinder ihre Spielplätze und erfreuen sich an den Holzpferden, die mit Löwen, Elefanten und Kamelen zusammengehen, ganz wie im Paradies; weiter hin das Ballspiel und das Kindertheater zwischen Blumenquadraten, das goldene Zeitalter, Noahs Arche: der Frühling des Lebens begegnet mir dort im Herbste meines Lebenslaufes.
Auf der Südseite, nach der Rue d'Assas, geben mir der Obstgarten und die Baumschule ein Bild des Hochsommers; die Blütezeit ist aus! Es ist die Jahreszeit der Früchte; und die Bienenstöcke daneben mit ihren bürgerlich angelegten Einwohnern, die Goldstaub für den Winter sammeln, verstärken den Eindruck des reifen Alters.
Das zweite Tor gerade gegenüber dem Lyzeum Louis le Grand tut eine paradiesische Landschaft auf. Sammetgleiche Grasmatten mit beständig jungem Grün; hier und dort ein Rosenbusch und ein einziger Pfirsichbaum; ich werde nie vergessen, wie dieser eines Frühlings, mit seinen Blüten in der Farbe der Morgenröte geschmückt, mich verlockte, eine ganze halbe Stunde im Anschauen oder richtiger in Anbetung vor seiner kleinen schmächtigen, jugendlichen, jungfräulichen Gestalt zu verweilen.
Die Avenue de l'Observatoire schliesst am Tor des Haupteingangs, das mit seinen vergoldeten Fasces wirklich königlich ist. Da dieses zu majestätisch für mich ist, bleibe ich gewöhnlich draussen stehen: morgens bewundere ich den Palast, abends betrachte ich die Lichtlinien des Montmartre über den Dachstuben und bei klarem Wetter den Grossen Bären und den Polarstern; die kreisen über dem grossen Gittertor, das mir bei meinen astrologischen Betrachtungen zum Mauerquadranten dient.
Die östliche Seite versucht mich nur mit dem Tor von der Rue Soufflot. Von dort habe ich meinen Garten entdeckt, dieses Meer von Grün mit den entzückend feinen Linien der Riesenplatanen und in blauender Ferne voll von Geheimnissen; damals kannte ich die Rue de Fleurus noch nicht, die mir später als Propyläe zu einem neuen Leben so lieb wurde. Dort pflege ich einen Rückblick über die zu Ende gelaufene Bahn zu werfen, die vom Teich unterbrochen wird und auf dieser Seite von dem kleinen David mit dem zerbrochenen Schwert.
Eines Morgens im vorigen Herbst zeigte die Wasserkunst das Schauspiel eines Regenbogens. Das brachte mir den Färbereiladen der Rue de Fleurus wieder in Erinnerung, wo mein Regenbogen ausgespannt war als ein Zeichen meines Bundes mit dem Herrn der Ewigkeit. (Siehe "Inferno".) Wenn ich an den Abhang der Terrasse trete, habe ich an der Statuenreihe von Frauen vorbeizugehen, die mehr oder minder Königinnen oder Missetäterinnen gewesen sind; und ich bleibe an der grossen Treppe stehen, die zur Frühlingszeit von blühenden Rotdorn gekrönt ist, einer Einrahmung zu diesem ausgedehnten Blumenzirkus. Im Herbst bekomme ich von den Granatbäumen und den Rosenlorbeeren (Nerium), hundertjährigen, fast historischen Exemplaren, wie den Fächerpalmen, welche die ungeheuren Chrysanthemum-Rabatten einfassen, um die sich Schmetterlinge tummeln, Turteltauben girren, Kinder lachen, Illustrationen zu den Feenmärchen.
Und oben über den Sykomoren und den Spitzen Klein-Luxemburgs die Zwillingstürme von Saint-Sulpice, die keinen andern gleichen und nicht einmal sich gegenseitig.
Die Nordseite gibt Zutritt durch drei Tore, aber ich mache nur von zweien Gebrauch, weil das dritte von einem Soldaten bewacht wird. Das Tor vom Odeon bildet eine Opernouvertüre: das antike und einzigdastehende Haus, in dem sich alle Göttinnen des Gesanges unter den Arkaden zusammengefunden haben, stimmt zu der soliden Freude des Herzens, das nach Schönheit und Wissen begehrlich ist. Die Ecke der Jugenddichter Murger und de Banville ladet unmittelbar zu jugendlichen Schwärmereien ein, den Träumen des zwanzigjährigen Studenten.
Die Medici-Fontaine, ein ovidianisches Gedicht in weissem Marmor, befindet sich in einer neuen Auflage am Teiche; da bleiben die Raben stumm stehen angesichts der jungen Liebe, die sich ohne Scham vor den Augen des schwarzen Zyklopen (er hat zwei) entfaltet, während das Ganze von jungem Weinlaub umkränzt und von den schönsten Platanen in Frankreich überschattet ist.
Das ist schön! Das ist ein Fest! Ein heidnisches! Orpheisch! Und trauervoll zugleich, wehmütig wie die Elegie von einer Liebe, die eine unglückliche Wendung für Galatea nehmen wird, denn deren Akis wird durch einen Felsblock, den ein Polyphem schleudert, zermalmt werden.
Das letzte Tor, das beim Museum, behält den gemischten Eindruck von dem Geier, der ohne sichtbaren Grund auf das Haupt der Sphinx herabgestossen ist, und von Heros Kuss auf Leanders Stirn, als er von vorzeitigem Tod geerntet wird, infolge eines Unglücksfalls, der leicht vorherzusagen gewesen wäre. Danach nehme ich noch ein wenig Landkennung, indem ich am Museum für zeitgenössische Meister vorbeistreife, und vertiefe mich in die Rosengartenallee mit ihren Zehntausenden von Rosen.
Das ist mein Morgenspaziergang; und indem ich das Eingangstor wähle, stimme ich meinem Gemütszustand nach der Tonweite, die ich wünsche. Für den Rückweg benutzte ich den Boulevard Saint-Michel und fasse die Turmspitze der Sainte-Chapelle ins Auge; die leitet mich zwischen den Blindschären der Eitelkeit hindurch, die in den Ladenfenstern ausgebreitet und den Trottoiren in Form von Freudenmädchen und Kindern der Welt ausgestellt ist. Wenn ich am Saint-Michel-Markt ankomme, fühle ich mich beschützt von dem erhabenen Erzengel, der die Schlange tötet. Nicht der Eidechsenschwanz macht, dass man in diesem Kunstwerk den bösen Geist offen zutage hat; auch nicht die Widderhörner oder die erhobenen Augenbrauen, sondern der Mund, der in den Mundwinkeln nicht schliesst, während die Lippen vorn zusammengekniffen werden, um die vier Vorderzähne zu verbergen. Die Eckzähne können nicht versteckt werden, und das grausame Lächeln, das sich gleichsam abseits Luft macht, enthüllt das unsterbliche Böse, das mit der Speerspitze im Herzen noch höhnisch grinst.
Drei Male in meinem Leben bin ich diesem Munde begegnet: bei einem Schauspieler, einer Malerin und noch einer Frau, und ich habe mich nie darin betrogen.
Der Augustiner-Quai führt mich, nachdem ich einen Blick auf Notre-Dame geworfen habe, durch eine Allee von Büchern und Platanen zur Mündung der Rue Dauphine bei deren Zusammenfluss mit dem Pont-neuf.
Das ist der farbenreichste offene Platz, und er macht mich so froh, dass ich die Lust fühle, mich auf der Terrasse des Weinhändlers niederzulassen und dort das Ende meiner Tage zu erwarten. Eine Landschaftsecke mit den schönsten Platanen; Heinrich IV., diese Inkarnation von Frankreich; und die Naturalienhändler, die hier den Platz der Antiquare mit ihren Kästen einnehmen, in denen man Schmetterlinge, Schnecken, edle oder wenigstens funkelnde Steine sieht; ferner all diese Schilder in lebhaften Farben, Weinflaschen, Gemüse; und vor allem der Gedanke, dass dies der Pont-neuf ist, die schönste Brücke von Europa mit ihren Masken von Waldgöttern, Dryaden, Satyrn, zaubert mich an diesem Platz fest. Oder vielleicht, weil verschiedene frohe Begebenheiten in der Zeit, die vergangen ist, diesen Kreuzweg zum Treffpunkt gewählt haben und weil das Lachen noch in der Luft weht, abgeprallt vom Boden und den Mauern, die seine Wellenbewegungen bewahrt haben.
Das Münzhaus, vornehm, feierlich und schweigsam, ein Palast so gut wie einer, verschlossen, gibt einem keine Ahnung von dem kleinlichen Gold, das in den Kellern angehäuft liegt.
Das Institut, das die Arme dem Louvre zustreckt, gleicht dem Sonnenlustschloss eines Riesen, so hoch sind die Fenster. Und der Palast auf der anderen Seite des Flusses, das ist nicht ein Gebäude, das ist eine ganze Bergkette, wo ein Riese wohnt, ein Nachkomme der Atlantiden, der noch im Schlaf versenkt ist, auf dass er seine Kräfte für den Tag der Auferstehung sammle. Vor einigen Abenden, als ich am Palais Mazerin vorbeiging, war die Sonne hinter den Höhen von Passy untergegangen, aber ihre letzten Strahlen spiegelten sich in den Fensterscheiben des Louvre wieder; und als ich ein Stück weiter gekommen war, sah ich die Fenster der Tuilerien aufglänzen, eins nach dem andern, bis zum Pavillon der Flora. Die magische Wirkung liess mich daran denken, dass Frankreichs Barbarossa erwacht sei, dass Ludwig der Heilige seinen Krönungstag mit einem Galafeste feiere, zu dem alle Monarchen der Erde in Büsserkuttte eingeladen seien, kniend bei der Tafel zu bedienen.
Ich habe nun die mächtige Flutmündung der Rue Bonaparte erreicht. Dieser Hohlweg bildet einen Abfluss für die Viertel Montparnasse, Luxembourg und teilweise Faubourg Saint-Germain. Man muss geschickt manövrieren, um in den Ausfluss hinein zu dringen, versperrt wie er ist von Fussgängern und Fuhrwerken, wo der feste Boden aus einem meterbreiten Trottoir besteht. Indessen bin ich vor nichts so bange, wie vor diesen Omnibussen, die mit drei weissen Pferden bespannt sind, weil ich sie in Träumen gesehen habe; übrigens erinnern diese weissen Pferde vielleicht an ein gewisses Pferd, von dem im Buch der Offenbarung erzählt wird. Besonders abends, wenn sie aufeinander folgen, je drei mit der roten Laterne darüber, bilde ich mir ein, dass sie die Köpfe mir zuwenden, mich mit boshaften Augen ansehen und mir zurufen: Warte nur, wir werden dich schon fassen.
Mit einem Wort, das ist mein Circulus vitiosus, den ich zweimal am Tage durchlaufe. Mein Leben ist in den Rahmen dieser Umlaufbahn so vollständig eingefasst, dass, nehme ich mir einmal die Freiheit, einen andern Weg einzuschlagen, ich in die Irre gerate, als habe ich Stücke meines Ichs, meine Erinnerungen, meine Gedanken, sogar meine Ergebenheitsgefühle verloren.
Eines Sonntagnachmittags im November begab ich mich nach dem Restaurant, um zu essen, allein. Zwei kleine Tische sind auf das Trottoir am Boulevard St. Germain gestellt, zu ihren Seiten stehen zwei grüne Töpfe mit Oleandern und zwei Bastmatten, die Schutzwände bilden, beschatten sie. Die Luft ist weich und still, die angezündeten Laternen beleuchten das lebensvollste kinematographische Bild, da Omnibusse, Kaleschen, Droschken von den Waldparks festlich gekleidete lustige Menschen heimfahren, die singen, Horn blasen und die Fussgänger anrufen.
Als ich mit der Suppe beginne, kommen meine beiden Freunde, zwei Katzen, und nehmen ihre gewöhnlichen Plätze zu beiden Seiten von mir ein, auf das Fleischgericht wartend. Da ich meine eigne Stimme mehrere Wochen lang nicht gehört habe, halte ich eine kleine Rede an sie, ohne Antwort zu bekommen. Zu dieser stummen und hungrigen Gesellschaft verurteilt, wie ich schlechter Gesellschaft ausgewichen bin, in der mein Ohr von gottloser und plumper Rede verletzt wurde, fühle ich eine Empörung in mir gegen eine solche Ungerechtigkeit. Ich verabscheue nämlich Tiere, Katzen wie Hunde, wie es mein Recht ist, das Tier in meinem Innern zu hassen.
Wie kommt es, dass die Vorsehung, die sich Umstände mit meiner Erziehung macht, mich immer an schlechte Gesellschaft verweist, während eine gute eher geeignet sein würde, mich durch die Macht des Vorbildes zu bessern?
Im selben Augenblick kommt ein schwarzer Pudel mit rotem Halsband und jagt meine Freunde vom Katzengeschlecht fort; nachdem er ihre Bissen verschlungen hat, zeigt er seine Erkenntlichkeit, indem er meinen Stuhlfuss nässt; dann nimmt der undankbare Cyniker eine sitzende Stellung auf dem Asphalt ein und dreht mir den Rücken. Aus der Asche ins Feuer! Sich zu beklagen, lohnt nicht, denn es könnte ja geschehen, dass statt dessen Schweine kämen und mir Gesellschaft leisteten, wie sie mit Robert dem Teufel oder Franz von Assisi taten. Man darf so wenig vom Leben verlangen. So wenig! Und doch ist es zu viel für mich.
Eine Blumenverkäuferin bietet mir Nelken an. Warum gerade Nelken, die ich verachte, weil sie rohem Fleisch gleichen und nach der Apotheke riechen! Schliesslich nehme ich, um ihr zu Willen zu sein, ein Büschel, das nach Belieben zu bezahlen ist; da ich die Entschädigung reichlich zumesse, belohnt die Alte mich mit einem: Gott segne den Herrn, der mir so hübsches Handgeld heute abend gegeben hat! Obwohl ich den Kniff kenne, klingt der Segen lange und angenehm nach, denn ich habe ein grosses Bedürfnis danach nach so vielen Flüchen.
Um halb acht machten die Zeitungsverkäufer mit Notrufen La Presse bekannt, und das ist für mich ein Signal aufzubrechen. Wenn ich sitzen bleibe, um noch ein Dessert zu schmausen und ein extra Glas Wein zu trinken, bin ich gewiss, auf die eine oder andere Weise gepeinigt zu werden, sei es von einem Trupp Kokotten, die sich mir gegenüber niederlassen, oder von herumstreichenden Strassenjungen, die mich beschimpfen. Ganz gewiss bin ich auf Diät gesetzt, und wenn ich drei Gerichte und eine halbe Flasche Wein überschreite, findet sich die Strafe ein. Nachdem die ersten Versuche, bei den Mahlzeiten unmässig zu sein, auf diese Weise abgeschnitten sind, wage ich keine Ausschweifung mehr und befinde mich zuletzt wohl dabei, auf halben Sold gesetzt zu sein.
Ich stehe also vom Tisch auf, um mich nach der Rue Bonaparte zu begeben und von dort hinauf nach dem Luxemburg-Garten.
An der Ecke der Rue Gozlin kaufe ich Zigaretten; gehe am Restaurant "Goldfasan" vorbei. An der Ecke der Rue du Four halte ich mich bei einem Christusbild von schlagendem Naturalismus auf. Die Kunst der geistlich Gesinnten hat sich während ihrer Feldzüge gegen die Zola-Literatur der Geister des Realismus nicht erwehren können, und mit Hilfe dieses Beelzebub soll der andere aus getrieben werden. Unmöglich, an diesen Bildern vorbei zu gehen, ohne sie zu betrachten, gemacht wie sie sind nach lebenden Modellen und versehen mit den schreienden Farben des Impressionisten.
Der Laden ist geschlossen, in Schatten gehüllt, und der Erlöser steht da in seiner kaiserlichen Tunika, von den Gaslaternen beleuchtet, sein blutendes Herz zeigend und die Dornenkrone ums Haupt. Seit mehr als einem Jahre werde ich von dem Erlöser verfolgt, den ich nicht verstehe und dessen Hilfe ich überflüssig machen möchte, indem ich mein Kreuz selber trage, wenn es möglich ist. Das ist der Rest eines männlichen Stolzes, der etwas Widriges in der Feigheit findet, seine Vergehen auf die Schultern eines Unschuldigen zu werfen.
Ich habe den Gekreuzigten überall gesehen: in den Spielsachenläden, bei den Bilderhändlern, in den Buchhandlungen, besonders auf den Kunstausstellungen, im Theater, in der Literatur. Ich habe ihn auf meinem Kissenbezug gesehen, auf den Feuerbränden im Kachelofen, im Schnee oben in Schweden und auf den Klippen an der Küste der Normandie. Bereitet er seine Wiederkunft vor oder ist er schon angelangt? Was will er?
Hier im Fenster in der Rue Bonaparte ist er nicht mehr der Gekreuzigte; er kommt von seinem Himmel als Siegesherr, von Gold und Edelsteinen glänzend. Ist er Aristokrat geworden wie das niedere Volk? Ist er es, der "gute Tyrann", den die Jugend sich träumt, ein friedenstiftender, erleuchteter Heros?
Er hat sein Kreuz weggeworfen und das Zepter wieder genommen; zur selben Stunde, wie sein Tempel auf dem Mont de Mars (früher Mont des Martyres genannt) fertig ist, wird er kommen und selbst die Welt regieren; wird vom Thron stossen den ungetreuen Stellvertreter, der es zu eng findet in den elftausend Zimmern, die man in "infamia Vaticani loca" gezählt hat; der sich über seine luxusgefüllte Gefangenschaft beklagt und die Zeit mit kleinen Ausschweifungen auf das Feld der Poesie tötet.
Den Erlöser verlassend, wundere ich mich, als ich zum Saint-Sulpice-Markt komme, dass die Kirche so sehr entfernt zu liegen scheint. Sie hat sich mindestens ein Kilometer zurückgezogen, und die Fontäne im Verhältnis dazu. Habe ich den Sinn für Distanzmessen verloren? An den Mauern des Seminars entlang gehend, meine ich, es nimmt nie ein Ende, so unermesslich kommt es mir diesen Abend vor. Ich wende eine halbe Stunde an, um dieses Stückchen der Rue Bonaparte zu gehen, das sonst nur fünf Minuten erfordert. Und vor mir her schreitet eine Figur, deren Gang und Art mich an jemand erinnern, den ich kenne. Ich beschleunige meine Schritte, ich laufe, aber der Unbekannte setzt seinen Weg mit so genau übereinstimmender Schnelligkeit fort, dass es mir nicht gelingt, den Abstand, der uns trennt, zu verkürzen.
Schliesslich habe ich das Gittertor des Luxemburg erreicht. Der Garten, der bei Sonnenuntergang geschlossen wird, liegt in Ruhe und Einsamkeit, die Bäume sind nackt und die Rabatten von Frost und Stürmen des Herbstes verwüstet. Aber er riecht gut, er dunstet einen Duft von trocknen Blättern und frischem Humus aus.
Der Einhegung folgend, gehe ich die Rue de Luxembourg hinauf und sehe immer vor mir den Unbekannten, der mich zu interessieren beginnt. In eine Pilgerkutte gekleidet, die meiner gleicht, aber von opalweisser Farbe, und schlanker und grösser als ich, geht er vorwärts, wenn ich es tue, bleibt stehen, wenn ich stehen bleibe; er scheint von meinen Bewegungen abzuhängen, und es sieht aus, als sei ich sein Wegweiser. Aber ein Umstand zieht ihm ganz besonders meine Aufmerksamkeit zu, nämlich, dass sein Mantel in einem heftigen Wind flattert, von dem ich nichts merke. Um darüber ins klare zu kommen, zünde ich eine Zigarette an; da ich wahrnehme, wie der Rauch gerade aufsteigt, ohne nach der Seite abzuweichen, wird meine Überzeugung, dass es nicht windig ist, bestätigt. Übrigens rühren sich die Bäume und Büsche drinnen im Garten nicht.
Nachdem wir zur Rue Vavin gekommen sind, biege ich rechts ab und im selben Augenblick finde ich mich vom Trottoir mitten in den Garten versetzt, ohne zu verstehen, wie es zugegangen ist, da die Pforten geschlossen waren.
Vor mir, zwanzig Schritte entfernt, steht mein Begleiter, mir zugewendet, und sein bartloses, blendendweisses Gesicht breitet einen leuchtenden Dunstkreis in Form einer Ellipse, deren Mittelpunkt von dem Unbekannten eingenommen wird. Nachdem er mir ein Zeichen gegeben hat, ihm zu folgen, geht er weiter und führt seinen Strahlenkranz mit sich, so dass der düstere, kalte und schmutzige Garten hell wird, wo er geht. Und noch mehr, die Bäume, die Büsche, die Kräuter grünen und kleiden sich in Blüten, und zwar in einer Ausdehnung, die mit dem Bereich seiner Strahlenglorie übereinstimmt, erlöschen aber wieder, wenn er vorbei ist. Ich kenne die grossen Cannagewächse mit Blättern wie Elefantenohren oberhalb der Statuengruppe Adam und seine Familie wohl wieder, wie das Beet von Salvia fulgens, der feuerroten Salbei, den Pfirsichbaum, die Rosen, die Bananenpflanze, die Aloen, alle meine alten Bekannten und jeder auf seinem Platz. Das einzige ist, dass die Jahreszeiten durcheinander gemischt zu sein scheinen, so dass die Frühlingsblumen gleichzeitig sind mit den Herbstblumen.
Was mich aber am allermeisten verwundert, ist, dass nichts von all dem mich verwundert, sondern dass alles erscheint, als sei es ganz natürlich und wie es sein soll. So, als ich am Bienengarten vorbeigehe, schwärmt ein Bienenschwarm um die Stöcke und nimmt die Blumen daneben in Angriff, aber auf einem so genau abgesteckten Umkreis, dass die Insekten im selben Augenblick, wie sie in den Schatten hineinfliegen, verschwinden, und dass der beleuchtete Teil einer Salbei mit Blättern und Blüten bedeckt ist, während der beschattete Teil welk und vom Reif schwarzgebrannt bleibt.
Unter den Kastanienbäumen wird das Schauspiel hinreissend schön, als unter dem Laubwerk ein leeres Waldtaubennest auf einmal von girrenden Gatten eingenommen ist.
Schliesslich sind wir am Fleurus-Tor angelangt, wo mein Wegweiser mir ein Zeichen gibt, stehen zu bleiben, und in einer Sekunde ist er an das andere Ende des Gartens, ans Gay-Lussac-Tor, versetzt; eine Entfernung, die mir unermesslich erscheint, obgleich sie nur ein halbes Kilometer umfasst; und trotz der Entfernung kann ich den Unbekannten von seinem ovalen Lichtrand umgeben sehen. Ohne ein Wort hervorzubringen, befiehlt er mir mit kleinen Bewegungen der Mundmuskeln, mich zu nähern. Ich glaube seine Ansicht zu begreifen, in dem ich die endlose Allee zurücklege, den Hippodrom, den ich seit Jahren wohl kenne; in der Ferne begrenzt ihn das Kreuz des Pantheon, das sich in blutroter Farbe auf dem schwarzen Himmel abzeichnet.
Der Weg des Kreuzes, und vielleicht die vierzehn Stationen! wenn ich nicht irre. Ehe ich beginne mache ich Zeichen, dass ich sprechen, fragen, Aufklärung erhalten will; und mein Wegweiser antwortet mit einer Neigung des Hauptes, dass er bereit sei, zu hören, was ich vorzubringen habe.
Im selben Augenblick ändert der Unbekannte den Platz, ohne die kleinste Bewegung oder das geringste Rascheln vernehmen zu lassen; das einzige, was ich merke, ist, dass er, als er mir näher kommt, einen balsamischen Duft verbreitet, der mein Herz und meine Lungen schwellen lässt und mir Mut einflösst, den Strauss zu wagen.
Und ich beginne mein Verhör.
—Du bist es, der mich seit zwei Jahren verfolgt; was wünschest du von mir?
Ohne den Mund zu öffnen, antwortet mir der Unbekannte mit einer Art Lächeln voll übermenschlicher Güte, Nachsicht und Bildung:
—Warum fragst du mich, da du die Antwort selbst kennst? Und wie in meinem Innern höre ich eine Stimme widerklingen:
—Ich wünsche dich zu einem höheren Leben zu erheben? Dich aus dem Schmutz zu ziehen.
—Geboren aus dem Schmutz, geschaffen für das Niedrige, mich vom Moder nährend, wie soll ich anders von der Grobheit befreit werden als durch den Tod? Nimm denn mein Leben!—Du willst nicht! Die auferlegten Strafen sollen also die Mittel zur Erziehung ausmachen. Aber ich versichere dir, die Demütigungen machen mich hochmütig, der Verzicht auf die kleinen Genüsse des Lebens erzeugt Verlangen, Fasten ruft Schwelgerei hervor, was nicht meine Haussünde ist; die Keuschheit verschärft die Begierde des Fleisches, die aufgezwungene Einsamkeit erzeugt Liebe zur Welt und ihren ungesunden Vergnügungen, Armut gebiert Geiz; und die schlechte Gesellschaft, auf die ich angewiesen bin, flösst mir Menschenverachtung ein und erregt in mir den Argwohn, dass die Gerechtigkeit schlecht gehandhabt wird. Ja, in gewissen Augenblicken scheint es, als sei die Vorsehung ungenügend unterrichtet von ihren Satrapen, denen sie die Regierung über die Menschenwelt anvertraut hat; dass ihre Präfekten und Unterpräfekten sich Unterschleife, Fälschungen, unbegründete Anzeigen zu schulden kommen lassen. So ist es mir geschehen, dass ich bestraft worden bin, wo andere gesündigt haben; Prozesse gehalten worden sind, bei denen ich nicht nur unschuldig war, sondern noch dazu Verteidiger der Billigkeit und Ankläger des Verbrechens; und gleichwohl hat die Strafe mich getroffen, während der Schuldige triumphierte. Gestatte eine offene Frage: sind etwa Frauen zu Mitregentinnen angenommen worden? Die gegenwärtige Regierungsart scheint mir so reizbar, so kleinlich zu sein, so ungerecht, ja ungerecht! Jedes Mal, wenn ich eine gerechte und gesetzliche Sache gegen eine Frau geführt habe, ist sie, wie gemein sie auch gewesen sein mag, freigesprochen und ich bin verurteilt worden! Du willst nicht antworten! Und da forderst du von mir, dass ich die Verbrecherischen lieben soll, die Seelenmörder, die das Gemüt vergiften und die Wahrheit verfälschen, die Meineidigen! Nein, tausendmal nein! "Ewiger, sollte ich nicht die hassen, die dich hassen? Sollte mir nicht grauen vor denen, die sich gegen dich erheben? Ich hasse sie aus dem Grunde: ich halte sie für meine Feinde." So spricht der Psalmist, und ich füge hinzu: ich hasse die Bösen, so wie ich mich selbst hasse! Und mein Gebet ist dieses: Strafe, o Herr, die mich verfolgen mit Lügen und Bosheiten, wie du mich gestraft hast, wenn ich boshaft und lügnerisch gewesen war! Habe ich nun gelästert, habe ich nun den Ewigen beschimpft, Jesu Christi Vater, den Gott des Alten und Neuen Testamentes? Ehemals hörte er auf die Einwürfe der Sterblichen und erlaubte den Angeklagten, sich zu verteidigen. Höre nur, wie Moses seine Verteidigungsrede vor dem Herrn formte, als die Israeliten Ekel vor dem Manna bekommen hatten: "Warum bekümmerst du deinen Diener? Und warum finde ich nicht Gnade vor deinen Augen, dass du so die ganze Last des Volkes auf mich legst? Habe ich nun alles dieses Volk empfangen und geboren, dass du zu mir sagst: Trage sie auf deinen Armen, wie eine Amme einen Säugling trägt, in das Land, das du ihren Väter zugeschworen hast? Woher soll ich nun Fleisch nehmen, das ich allen diesem Volk gebe? Denn sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch, dass wir essen. Ich vermag nicht allein zu tragen alles dieses Volk, denn es ist mir zu schwer." Ist das nicht Freimütigkeit von einem Sterblichen? Ist sie ganz gebührlich, diese Rede eines zornigen Dieners? Und sein Herr erschlägt den Aufrührerischen nicht mit dem Donnerkeil, sondern lässt sich belehren und nimmt ihm seine Last ab, indem er siebzig Anführer auswählt, die mit Moses die Bürde des Volkes teilen. Des Ewigen Art, das Volk zu erhören, da es ihm um Fleisch zum Essen anruft, ist nur ein bisschen verächtlich, wie die eines gutmütigen Vaters, der sich den Wünschen seiner unverständigen Kinder fügt: "Darum wird euch der Herr Fleisch geben, auf dass ihr esset: Nicht einen Tag, nicht zwei, nicht fünf, nicht zehn, nicht zwanzig Tage lang; sondern einen Monat lang, bis dass es euch zur Nase ausgehe und euch ein Ekel werde." Das ist ein Gott nach meinem Ideal, und er ist derselbe, den Hiob anruft: "O, dass es dem Menschen erlaubt wäre, mit Gott zu rechten, so wie ein Mann tut mit seinem vertrauten Freund!" Aber ohne diesen Zustand abzuwarten, nimmt der mit Unglück Geschlagene sich die Freiheit, Erklärungen von dem Herrn zu verlangen über die schlechte Behandlung, der er ausgesetzt worden ist. "Ich werde zu Gott sagen: Verdamme mich nicht; zeige mir, warum du gegen mich ins Gericht gegangen bist. Kann es dir gefallen, mich niederzudrücken, deiner Hände Werk zu verwerfen und die Absichten der Boshaften zu fördern?" Das sind doch Vorwürfe und Beschuldigungen, die der gute Gott ohne Groll hinnimmt, und auf die er antwortet, ohne sich des Donners zu bedienen. Wo ist er, der himmlische Vater, der zu den Torheiten der Kinder gutmütig lächeln und verzeihen konnte, nachdem er gestraft hatte? Wo verbirgt er sich, der Hausherr, der das Haus in guter Ordnung hielt und die Aufseher überwachte, um Ungerechtigkeiten zu hindern? Ist er vom Sohn abgesetzt worden, dem Idealisten, der sich nicht mit weltlichen Dingen befasst? Oder überlieferte er uns dem Fürsten dieser Welt, der Satan genannt wird, als er nach dem Fall der ersten Menschen seinen Fluch über die Erde schleuderte?
Während dieser meiner unzusammenhängenden Verteidigungsrede betrachtete der Unbekannte mich mit demselben nachsichtigen Lächeln, ohne Ungeduld zu verraten; als ich aber zu Ende gekommen war, war er verschwunden, eine erstickende Atmosphäre von Kohlenoxyd um mich zurücklassend, und ich fand mich einsam stehend auf der düsteren, schmutzigen, herbstschauerlichen Rue Medicis.
Während ich den Boulevard St. Michel hinunterging, war ich auf mich selbst ärgerlich, dass ich die Gelegenheit versäumt hatte, alles rund heraus zu sagen. Ich hatte noch viele Pfeile im Köcher, wenn nur der Unbekannte geruht hätte, zu antworten oder eine Anklage gegen mich zu richten.
Aber im selben Augenblick, wie sich jetzt die Menschenmenge um mich drängt, im starken Schein der Gaslaternen, und alle Realitäten der ausgestellten Handelswaren mich wieder an das Leben in seiner ganzen Kleinlichkeit erinnern, erscheint mir die Szene im Garten wie ein Wunder, und ich eile erschreckt nach meiner Wohnung, wo Meditationen mich in einen Abgrund von Zweifel und Angst versenken.
Etwas trägt sich zu in der Welt, und die Menschen warten auf etwas Neues, das sich in Schimmern hat wahrnehmen lassen. Es ist das Mittelalter, die Zeit des Glaubens und der Glaubenslehre, das in Frankreich wieder im Anzuge ist, nachdem es durch den Sturz eines Kaisertums und eines Miniatur-Augustus eingeleitet worden, ganz wie beim Verfall der Römermacht und den Einfällen der Barbaren; und man hat Paris-Rom in Flammen stehen und die Goten sich im Kapitol-Versailles krönen sehen. Die grossen Heiden Taine und Renan sind zur Vernichtung hinabgestiegen und haben ihren Skeptizismus mit sich genommen; aber Jeanne d'Arc ist wieder zum Leben erwacht. Die Christen werden verfolgt, ihre Prozessionen von Gendarmen auseinander getrieben, während an den Karnevalstagen Saturnalien gefeiert werden und ihre Schändlichkeiten auf offener Strasse ausbreiten, unter dem Schutz der Polizei und mit dem Gelde der Regierung, die den Unzufriedenen zum Trost Circenses bietet, mit oder ohne durch Gladiatoren gefällte wilde Tiere. Panem et circenses, (teures) Brot und Zirkusspiel! Alles ist feil für Geld; Ehre, Gewissen, Vaterland, Liebe, Rechtsprechung: wahrhaftig beweisende und regelrechte Symptome des Auflösungsprozesses einer Gesellschaft, bei der das Wort und die Sache Tugend seit dreissig Jahren in den Bann getan ist.
Das ist doch Mittelalter, Tracht und Haar des Primitiv-Weibes. Die jungen Männer kleiden sich in Mönchskutten, schneiden das Haar mit Tonsur und träumen von Klosterleben; schreiben Legenden und führen Mirakelspiele auf, malen Madonnen und schnitzen Christusbilder, Eingebung aus der Mystik des Magiers holend, der sie mit Tristan und Isolde, Parcifal und Gral verzaubert hat. Die Kreuzzüge beginnen von neuem, gegen Türken und gegen Juden; die Antisemiten und Philhellenen sorgen für die Sache. Die Magie und Alchemie haben sich schon eingenistet, und man wartet auf den ersten beweisbaren Fall von Verhexung, um den Scheiterhaufen zu errichten als Folge der Hexenprozesse. Mittelalter! Die Wallfahrten nach Lourdes, Tilli-sur-Seine, Rue Jean Goujon! Und selbst der Himmel gibt der dumpf und stumpf gewordenen Welt Zeichen, sich bereit zu halten; der Herr spricht durch Wasserhosen, Cyklone, Überschwemmungen, Donnerschläge.
Mittelalter ist der Aussatz, der von neuem auftritt und gegen den die Ärzte von Paris und Berlin soeben ein Bündnis geschlossen haben.
Das schöne Mittelalter, als die Menschen zu geniessen und zu leiden verstanden, als die Kraft und die Liebe, die Schönheit in Farbe, Linienspiel und Harmonie sich zum letzten Mal offenbarten, ehe sie durch die Renaissance des Heidentums, die man Protestantismus nennt, ertränkt und niedergesäbelt wurden.
Der Abend ist da, und ich brenne vor Sehnsucht, die Begegnung mit dem Unbekannten zu erneuern, wohl vorbereitet, wie ich jetzt bin, alles zu gestehen, und mich zu verteidigen, ehe ich verurteilt werde.
Nachdem ich mein tristes Mittagessen eingenommen habe, gehe ich also den Calvarienweg die Rue Bonaparte hinauf. Niemals ist mir diese Strasse so gross vorgekommen, wie jetzt am Abend, und die Ladenfenster gähnen wie Abgründe, in denen Christus in vielfacher Gestalt auftritt, bald gemartert, bald triumphierend. Und ich gehe und gehe, während mir der Schweiss in grossen Tropfen rinnt und die Stiefelsohlen gegen die Füsse brennen, ohne dass ich doch einen Schritt vorwärts komme. Bin ich Ahasver, der dem Erlöser einen Trunk Wasser verweigert hat, und bin ich jetzt, da ich ihm zu folgen und ihm nachzueifern wünsche, unfähig, mich ihm zu nähern?
Schliesslich und ohne selbst zu wissen wie, befinde ich mich vor dem Fleurus-Tor und im nächsten Augenblick im Garten, der dunkel, feucht und still da liegt. Sofort setzt ein Windstoss das Gerippe der Bäume in Zittern, und der Unbekannte nimmt eher Stellung, als dass er sich nähert, in seiner Hülle von Licht und Sommer.
Mit demselben Lächeln wie das vorige Mal, ladet er mich mit einem Zeichen ein, zu sprechen.
Und ich spreche!
—Was verlangst du von mir, und warum plagst du mich mit deinem Christus? Vor einigen Tagen legtest du mir auf unverkennbare Weise "Christi Nachfolge" in die Hand, und ich las das Buch wie in meiner Jugend, als ich die Welt verachten lernte. Wie kann ich recht haben, des Ewigen Schöpfung und die schöne Erde zu verachten? Und wohin hat deine Weisheit mich geführt? Dazu meine Angelegenheiten zu versäumen, dass ich für meine Mitmenschen eine Last geworden bin, dass ich als Bettler geendet habe. Dieses Buch, das Freundschaft verbietet, das den Verkehr mit der Welt in den Bann tut, das Einsamkeit und Entsagung fordert, ist für einen Mönch geschrieben und ich habe nicht das Recht, Mönch zu werden und mich der Gefahr auszusetzen, dass meine Kinder aus Mangel umkommen. Sieh, wohin die Liebe zu einsamen Leben mich geführt hat! Auf der einen Seite befiehlst du ein Eremitenleben, und sobald ich mich von der Welt zurückziehe, werde ich von den Dämonen der Verrücktheit angegriffen, meine Angelegenheiten geraten in Unordnung, und in meiner Isolierung besitze ich keinen Freund mehr, von dem ich Hilfe begehren könnte. Auf der anderen Seite, sobald ich Menschen aufsuche, treffe ich die Schlimmsten, die mich mit ihrem Hochmut quälen, und zwar nach dem Mass meiner Demut; denn ich bin demütig und behandle alle als gleiche, bis sie mich unter ihre Füsse treten; dann benehme ich mich wie der Wurm, der den Kopf erhebt aber nicht zu beissen vermag. Was verlangst du denn von mir? Mich um jeden Preis martern zu können, ob ich deinen Willen tue oder ihn verachte! Willst du mich zum Propheten machen? Das ist zu grosse Ehre für mich, und ich ermangele der Berufung. Übrigens kann ich die Haltung eines solchen nicht anlegen, weil alle Propheten, die ich gekannt habe, schliesslich entlarvt worden sind, halb als Charlatane, halb als verrückte Gesellen, und ihre Prophezeiungen sind nie eingetroffen. Und noch mehr, wenn du mir eine Berufung vorbehalten hast, müsste ich mit der Gnade der Auserwählung beschenkt worden ein; müsste befreit sein von allen verderblichen Leidenschaften, die erniedrigend für einen Prediger sind; meine Lebensbahn müsste von Anfang an unterstützt worden sein, statt dass ich jetzt von der Armut beschmutzt worden bin, die den Charakter verdirbt und einem die Hände bindet. Es ist wohl wahr, und ich gebe es zu, dass die Weltverachtung mich dazu geführt hat, mich selbst zu verachten und meinen Ruf durch Geringschätzung der Ehre zu schädigen; und ich gestehe ein, dass ich mich meiner Person schlecht angenommen habe, aber das ist infolge der Überlegenheit meines besseren Ichs geschehen, das sich aus dem unreinen Futteral erhob, in das du meine unsterbliche Seele gesteckt hast. Schon von den Kinderjahren an habe ich Reinheit und Tugend geliebt, ja das habe ich. Und doch hat mein Leben sich durch Unsauberkeit und Laster geschleppt, so dass ich oft glaube, die Sünden seien als Strafen auferlegt worden, und in der Absicht, dauernden Ekel vor dem Leben selbst zu erzeugen. Warum hast du mich zur Undankbarkeit verurteilt, die ich am meisten von allen Lastern verabscheue? Mir, der von Natur erkenntlich ist, hast du Schlingen gelegt, um mich zu zwingen, in Verbindlichkeit zu dem ersten Besten zu geraten. So bin ich in Abhängigkeit und Sklaverei verwickelt worden. Da die Wohltäter als Entgelt die Gedanken, Wünsche, Neigungen und Ergebenheitsgefühle verlangen, mit einem Wort die ganze Seele, bin ich immer gezwungen worden, mich schuldbeladen und undankbar zurückzuziehen, um meine Persönlichkeit und meine menschliche Würde zu retten; gezwungen worden, die Bande zu zerreissen, die meine unsterbliche Seele zu erwürgen drohten. Und zwar mit der Seelenqual und den Gewissensbissen eines Diebes, der mit fremdem Eigentum seiner Wege geht.
Und jetzt, da ich anfange meine Seele zu pflegen nach den Geboten in "Christi Nachfolge", ist es billig, von einem Menschen zu fordern, dass er sich Gott selbst zum Muster nehmen und sich einbilden soll, imstande zu sein, sich die Vollkommenheit des Vollkommenen zu erwerben? Das heisst ihm Grössenwahn einblasen. Aber wenn er nun durch die Unmöglichkeit, dem Erlöser nachzueifern, zur Einsicht über das Unsinnige seiner Absichten kommt, versinkt er in Verzweiflung und endet damit, in der Erfüllung seiner weltlichen Pflichten und in geistigen Genüssen Trost zu suchen. Wenn die Weisheit dieser Welt der Verachtung wert ist, warum lässt du uns in Schulden erziehen, in denen man Prügel bekommt, um die grossen Gelehrten verehren, die Heroen der Literatur, Künste, Wissenschaft lobpreisen zu lernen? Nein, dem Ewigen nachzueifern ist gottlos, und wehe dem, der sich die Fähigkeit zutraut. Da ist es bescheidener Mensch zu bleiben und sich nach den Besten unter den sündigen Sterblichen zu formen suchen, als davon zu träumen, den Göttern gleich zu werden. In diesem Fall sündigt man wenigstens nicht durch Hochmut, der die Todsünde ist. Jesu Christi Nachfolge macht mich zu einem Heuchler. Indem ich meinen Hass gegen die Bösen unterdrücke, lerne ich Nachsicht gegen die Bosheit und damit gegen mich selbst, während ich in der Tiefe meines Herzens meinen gerechten Unwillen bewahre. Böses mit Gutem vergelten, heisst das Laster, den Hochmut ermuntern; und die Apostel haben mich gelehrt, dass man gegenseitig die Fehler berichtigen soll, und ich versichere, dass meine Mitmenschen mich nie geschont haben.
Genau genommen, habe ich dadurch, dass ich den Königsweg des Kreuzes wählte, mich in die Dornenhecken der Theologie verstrickt, so dass Zweifel, schrecklicher als je, sich meines Geistes bemächtigt und geradezu in mein Ohr geflüstert haben, dass alles Unglück, alle Ungerechtigkeit, das ganze Erlösungswerk nur eine ungeheure Prüfung sei, der man tapfer standhalten müsse. In manchen Augenblicken glaube ich, dass Swedenborg mit seinen grauenhaften Höllen nichts anders ist als eine Feuer-und Wasserprobe, die man durchmachen muss; und obgleich ich in einer Dankbarkeitsschuld, die nie bezahlt werden kann, zu diesem Propheten stehe, der mich vom Wahnsinn gerettet hat, fühle ich in meinem Herzen immer wieder ein brennendes Verlangen, ihn zu verwerfen, ihm zu trotzen, als dem Geist einer Bosheit, der darauf erpicht ist, meine Seele zu verschlingen, um mich zu seinem Sklaven zu machen, nachdem er mich zu Verzweiflung und Selbstmord getrieben hat. Ja, er hat sich zwischen mich und meinen Gott geschlichen, dessen Platz er hat einnehmen wollen. Er ist es, der mich durch die Schrecken der Nacht bezwingt, und mir mit Wahnsinn droht. Mag sein, dass er sein Amt vollbracht hat, mich zum Herrn zurückzuführen, auf dass ich mich vor dem Ewigen beuge! Mag sein, dass seine Höllen nur eine Vogelscheuche sind, ich nehme sie hin als solche, aber ich glaube nicht mehr an sie, und ich habe kein Recht, an sie zu glauben, ohne den guten Gott zu verunglimpfen, der fordert, dass wir vergeben sollen, weil er selbst vergeben kann. Wenn Unglück und Trübsale, die mich treffen, nicht Strafen sind, so sind sie Aufnahmeprüfungen. Ich bin geneigt sie auf diese Weise auszulegen, und Christus mag das Muster sein, da er viel gelitten hat, obwohl ich nicht begreife, wozu so viel Leiden dient, wenn es nicht einen Vordergrund bilden soll, um die Wirkung der zukünftigen Seeligkeit zu erhöhen. Ich habe gesprochen! Gib mir jetzt Antwort!
Aber der Unbekannte, der mit bewundernswerter Geduld zugehört hatte, antwortete nur mit einer Miene milden Spottes und verschwand, mich in einer Atmosphäre zurücklassend, die nach Phenol stank.
Hinaus auf die Strasse versetzt, werde ich nach meiner Gewohnheit wütend, dass ich meine besten Argumente vergessen habe, die immer auftauchen, wenn es zu spät ist; und nun rollt sich eine ganze lange Rede auf, während mir das Herz schwillt und der Mut sich aufs neue hebt. Der furchtbare und teilnehmende Unbekannte hatte mir ja auf jeden Fall zugehört, ohne mich zu zermalmen. Er hat also geruht, auf Gründe zu hören, und er wird jetzt die Ungerechtigkeit erwägen, deren Opfer ich gewesen bin. Vielleicht ist es mir geradezu gelungen, ihn zu überzeugen, da er ja stehen blieb und keine Antwort gab.
Und die alte Einbildung, dass ich Hiob sei, schleicht sich in mein Gemüt. Ich habe ja wirklich mein Eigentum verloren, man hat meine bewegliche Habe, Bücher, Existenzmittel, Frau und Kinder genommen; gejagt von einem Lande zum andern, bin ich zu einsamen Leben in der Wüste verurteilt worden. Habe ich diese Klagelieder geschrieben oder ist es Hiob? "Meine Nächsten haben mich verlassen, und meine Freunde haben mich vergessen. Mein Weib stellt sich fremde meinem Geist, und meine Bitten erreichen nicht die Söhne meiner Mutter. Verachten mich auch die kleinen Kinder. Er hat mich zum Sprichwort gemacht unter den Leuten, und ich bin ein Saitenspiel für sie geworden. Ich treffe nur Verleumder, und mein Auge steht wach die ganze Nacht, während sie meine Seele stechen. Meine Haut bricht und löst sich auf. Wenn ich sage: Das Bett soll mir Trost geben und fortnehmen etwas von er Plage, so erschreckst du mich mit Träumen und beunruhigst mich mit Gesichten."
Das trifft entschieden bei mir zu: die Risse in der Haut, die Träume und die Visionen, alles stimmt. Aber dazu kommt ein Überschuss auf meine Rechnung: ich habe die äussersten Qualen ertragen, als zwingende Umstände, die von den Mächten gelenkt wurden, mich nötigten, die einfachsten Pflichten eines Mannes unerfüllt zu lassen: seine Kinder zu unterhalten. Hiob zog sich aus dem Spiele mit rein erhaltener Ehre, für mich ging alles verloren, sogar die Ehre, und doch überwand ich die Versuchung, mich selbst zu töten: ich besass den Mut, entehrt zu leben.
Alles in allem, ich bin jedoch nicht so verwerflich, und wenn ich der Gnade nicht würdig bin, kann ich Gutes von der Barmherzigkeit geniessen. Fünfundzwanzig Jahre lang habe ich Dienst getan als Henker und mich schliesslich als ein tüchtiger erwiesen, indem ich mich selbst hinrichtete, öffentlich vor den Menschen, die diesen meinen Akt von Selbsterkenntnis mit einstimmigen Beifall begrüsst haben.
Wenn ich in den Missgeschicken und Schiffbrüchen, die mich wahllos getroffen haben, nicht Güte habe finden können, sondern Übelwollen, bin ich schlechter als der untadelige Diener des Ewigen? Die Liebe, die Güte zeigt sich bei uns Sterblichen durch ergebene herzenswarme Handlungen und Worte, und ein guter Vater erzieht seine Kinder mit Zärtlichkeit und nicht mit den raffiniertesten Grausamkeiten!
Wie unbeholfen ich war, dass ich vergass, das alles dem Unbekannten zu sagen. Aber das nächste Mal werde ich den Schaden wieder gut machen.
Drei Monate lang suchte ich vergebens persönliche Verbindungen mit der Swedenborg-Gesellschaft in Paris einzuleiten. Eine ganze Woche gehe ich jeden Morgen nach dem Pantheon hinauf, um die Rue Thouin zu erreichen, wo Kapelle und Bibliothek des schwedischen Propheten liegen. Schliesslich treffe ich jemand, der mir sagt, dass der Bibliothekar nur nachmittags empfängt, gerade zu der Zeit, wo ich allein mit meinen Gedanken sein will und zu müde bin, um Spaziergänge zu machen. Gleichwohl mache ich immer wieder den Versuch, nach der Rue Thouin zu kommen. Das erste Mal fühle ich mich beim Fortgehen unbehaglich niedergedrückt, und am Ende der Saint-Michel-Brücke artete dieses Gefühl zu einer Angst aus, die mich zwang, nach Hause zurückzukehren. Ein ander Mal ist es Sonntag, und man will Gottesdienst halten. Ich komme eine Stunde zu früh, und meine Kräfte reichen nicht aus, eine Stunde auf der Strasse zuzubringen. Das dritte Mal finde ich auf der Rue Thouin das Pflaster aufgerissen, und Arbeiter versperren den Weg mit ihren Gestellen und Gerätschaften. Da denke ich, dass es nicht Swedenborg sein darf, der mich auf den guten Weg führen soll, und unter dem Eindruck dieser Ahnung kehre ich um. Bei der Heimkehr fällt mir ein, dass ich mich von Swedenborgs unsichtbaren Feinden habe betrügen lassen, und dass ich sie bekämpfen muss. Der letzte Versuch wird im Wagen vorgenommen. Dieses Mal ist die Strasse barrikadiert, wie um ausdrücklich meine Absichten zu hindern. Ich steige aus dem Wagen, klettere über Hindernisse; als ich aber an der Tür des Swedenborghauses anlange, sind Trottoir und Treppe fortgenommen. Trotz allem schlage ich mich nach dem Eingang durch, ziehe am Glockenstrang und ... erfahre von einem Unbekannten, dass der Bibliothekar krank ist.
Mit einer Art Linderung in der Seele kehre ich der düsteren und dürftigen Kapelle mit ihren dunklen Fensterscheiben, die von Regen und Staub beschmutzt sind, den Rücken. Es hatte mich immer abgestossen, dieses Haus in strengem, barbarischem, schwermütigem Methodistenstil, dessen Mangel an Schönheit mich an den Protestantismus des Nordens erinnerte, und erst nach ernsten Kämpfen gegen meinen Hochmut verstand ich mich dazu, dort Eintritt zu suchen. Eine Frömmigkeitspflicht gegen Swedenborg, weiter nichts. Als ich mit leichtem Herzen umkehrte, gewahre ich auf dem Trottoir ein verzinntes Eisenstückchen, wie ein Kleeblatt geformt, und aus Aberglauben nehme ich es auf. Und sogleich wird eine Erinnerung zum Leben erweckt. Als ich nämlich das Jahr vorher, den 2. November in dem schrecklichen Jahr 1896, eines Morgens in Klam in Österreich promenierte, ging die Sonne hinter einer Wolkenwand in Form eines Bogens mit kleeförmigen Aussenlinien auf, der von blauen und weissen Strahlen umgeben war. Und diese Wolke glich meinem verzinnten Eisenblech wie zwei Wassertropfen einander gleichen; mein Tagebuch, in dem noch die Zeichnung zu finden ist, kann diese Tatsache bestätigen.
Was soll dies bedeuten? Die Dreieinigkeit, das ist klar. Und weiter?—
Ich verlasse die Rue Thouin, froh wie ein Schuljunge, der einer schweren Aufgabe entronnen ist, weil der Lehrer krank geworden. Und als ich am Pantheon vorbeigehe, finde ich den Tempel geöffnet, das grosse Tor sperrweit auf, und zwar auf eine herausfordernde Weise, die mir zurief: tritt nur ein. Tatsächlich habe ich trotz meinem langen Aufenthalt in Paris niemals diese Kirche besucht, hauptsächlich weil man mir über die Wandgemälde Lügen erzählt und versichert hat, sie behandeln Stoffe aus der Geschichte der Gegenwart, vor der ich Abscheu empfinde. Man denke sich mein Entzücken, als ich eintrete und eine Lichtdusche empfange, die vom Mittelgewölbe fällt, und mich mitten in einer goldenen Legende befinde, Frankreichs heiliger Geschichte, die unmittelbar vor dem Protestantismus schliesst. Die mehrdeutige Inschrift draussen "Aux grands hommes" hatte mich also betrogen. Wenig Könige, noch weniger Generäle und nicht ein Abgeordneter; ich atme wieder. Dagegen St. Denis, die heilige Genoveva, Ludwig der Heilige, St. Jeanne (d'Arc). Nie hätte ich geglaubt, dass die Republik in dem Grad katholisch wäre. Fehlt nur der Altar, das Tabernakel, und an Stelle des Gekreuzigten und der Himmelsmutter ist das Bild einer weltlichen Frau hier von Frauenverehrung errichtet; doch ich tröste mich mit dem Gedanken, dass diese Berühmtheit schliesslich unten in den Kloaken landen wird, wie so viele andere und ehrenvollere. Es ist schön und lieblich, in diesem Tempel, welcher der Heiligkeit geweiht ist, umher zu gehen, aber zugleich betrübt es, wenn man sieht, wie man die Tugendhaften und Wohltätigen enthauptet.
Muss man sich nicht um der Ehre des guten Gottes willen vorstellen, dass alle diese Fälle von schlechter Behandlung, die den Gerechten und Barmherzigen zuteil geworden, nur scheinbare Massregeln sind; und dass, wie wenig ermunternde sich auch der Weg der Tugend zeigen mag, der doch zu einem guten Endpunkt führt, der unserer Auffassung verborgen ist? Sonst müssten die Höllen dieser Schaffots und Scheiterhaufen, die den Heiligen angesichts triumphierender Henker vorbehalten sind, uns auf lästerliche Gedanken bringen über die Güte des höchsten Richters, der die Heiligkeit im Erdenleben zu hassen und zu verfolgen scheint, um sie in einer höheren Welt zu belohnen: "die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten."
Indessen werfe ich, als ich aus der Kirche trete, einen Blick nach der Rue Thouin und wundere mich, dass der Weg zu Swedenborg mich in den Tempel der heiligen Genoveva geführt hat. Swedenborg, mein Wegweiser und Prophet, hat mich gehindert nach seiner bescheidenen Kapelle zu gehen: hat er sich denn selbst verworfen und ist jetzt besser unterrichtet worden, so dass er sich zum Katholiken bekehrt hat? Während ich die Arbeiten des schwedischen Sehers studierte, hat es mich betroffen, wie er sich als Gegner Luther gegenüberstellt, der den Glauben allein pries; und in der Tat ist Swedenborg katholischer als er sich den Anschein hat geben wollen, da er den Glauben und die Werke gepredigt hat, ganz wie die römische Kirche.
Wenn es sich so verhält, dann bekämpft er sich selbst, und ich, sein Adept, werde zwischen Amboss und Hammer zermahlen werden.
Eines Abends nach einem von Gewissenbissen und Zweifeln erfüllten Tag, begab ich mich, nachdem ich mein einsames Mittagsmahl eingenommen hatte, nach dem Garten, der mich an sich lockt wie ein Gethsemane, wo unbekannte Leiden meiner warten. Ich habe ein Vorgefühl der Qualen und kann nicht entfliehen. Ich ersehne sie fast, wie der Verwundete sich einer grausamen Operation zu unterziehen wünscht, die ihm Genesung oder den Tod bringen wird.
Am Fleurus-Tor angelangt, befinde ich mich sogleich drinnen auf der Rennbahn, die in der Ferne vom Pantheon und dem Kreuz begrenzt wird. Vor zwei Jahren bezeichnete dieser Tempel für meinen weltlichen Sinn die Ehre, die "grossen Männern" gewidmet wird; jetzt lege ich das aus: den Märtyrern und den Leiden, die sie ausgestanden haben; so hat sich mein Gesichtspunkt verändert.
Die Abwesenheit des Unbekannten macht mich unruhig und ich empfinde eine Beklemmung der Brust. Einsam und zur Fehde bereit, fühle ich mich aus Mangel an einem sichtbaren Gegner matt werden. Gegen Schemen, Schatten zu kämpfen, das ist schlimmer als gegen Drachen und Löwen! Schrecken ergreift mich, und von dem Mut des Furchtsamen getrieben, gehe ich auf dem schlüpfrigen Boden zwischen den Platanen mit festen Schritten weiter. Ein eingeschlossener Geruch von schmutzigem Kabeljau, mit Teer und Talg gemischt, erstickt mich; ich höre das Schwappen der Wogen gegen Schiffsrümpfe und einen Kai; ich werde in den Hof eines gelben Ziegelgebäudes geführt, ich steige Treppen hinauf und gehe, durch unermesslich grosse Säle und zahllose Galerien, zwischen Schaukästen und Glasschränken voller ausgestopfter oder in Gefässen konservierter Tiere. Schliesslich ladet mich eine offene Tür in einen Saal von seltsamen Aussehen ein; er ist dämmrig und schwach von Lichtflecken erleuchtet, die von einer Menge in wohlgeordneten Schaukästen ausgestellter Münzen und Medaillen reflektiert werden. Ich bleibe vor einem mit Glas bedeckten Kasten in der Nähe eines Fensters stehen, und unter den Gold-und Silbermedaillen wird mein Blick von einer aus anderm Metall, das dunkel wie Blei ist angezogen. Es ist mein Bild, der Typus eines Frevlers und Ehrgeizigen mit hohlen Wangen, zu Berge stehendem Haar und hasserfülltem Mund. Und die Kehrseite der Medaille trägt die Devise: "Die Wahrheit ist immer rücksichtslos." O, die Wahrheit, die den Sterblichen so verborgen ist und die entschleiert zu haben ich übermütig genug war zu glauben, als ich das heilige Abendmahl verhöhnte, dessen Wunder ich jetzt bekenne. Ein gottloses Erinnerungszeichen, zur Unehre der Gottlosigkeit von lästerlichen Freunden errichtet! Es ist wahr, ich habe mich immer wegen dieser Verherrlichung der Brutalität geschämt und mich nicht darum gekümmert, dieses Erinnerungszeichen zu bewahren; ich habe es den Kindern zum Spielen hingeworfen, und es ist fortgekommen, ohne dass ich es vermisst hätte. In gleicher Weise wollte ein schicksalsschweres "Zusammentreffen", dass der Künstler der die Medaille machte, gleich danach geistesgestört wurde, nachdem er seinen Verleger betrogen und Fälschungen begangen hatte. O, diese Schmach! die nicht ausgetilgt werden kann, sondern immer im Gedächtnis bewahrt wird, da das Gesetz gebietet, dass dieses Anklage-Dokument in den Museen des Staates verwahrt wird. Da sieht man die Ehre.
Worüber habe ich mich zu beklagen, da die Vorsehung einer schimpflichen Bitte Erfüllung gewährt hat, die ich in meiner Jugend an sie richtete. Es war um mein fünfzehntes Jahr; müde der nutzlosen Kämpfe gegen das junge Fleisch, das auf Befriedigung der Leidenschaften pochte; erschöpft von den religiösen Konflikten, die meine Seele verheerten, welche lüstern war, das Rätsel des Daseins zu erfahren; in einer Umgebung frömmelnder Menschen, die mich unter dem Vorwand peinigten, meine Seele der Liebe zum Göttlichen zuneigen zu wollen, äusserte ich unumwunden folgende Worte zu einer alten Freundin, die mich zu Tode moralisiert hatte: Ich lasse die Moral fallen, wenn ich nur ein grosses Talent werden kann, das allgemein bewundert wird!—Später wurde ich in meiner Ansicht von Thomas Henry Buckle bestärkt, der uns lehrte, dass die Moral ein Nichts sei, das sie sich nicht entwickle, und dass die Intelligenz alles sei. Und mit zwanzig Jahren lernte ich von Taine, dass böse und gut zwei indifferente Sachen seien, denen unbewusste und verantwortungslose Eigenschaften innewohnten, wie die Acidität der Säure und Alkalität bei einem Alkali. Und diese Phrase, die von Georg Brandes im Fluge ergriffen und ausgearbeitet wurde, drückt ihr Gepräge von Immoralität auf die skandinavische Literatur. Ein Sophisma, das heisst, ein schwacher Vernunftschluss, der fehl geschossen hat, verführt eine Generation von freidenkenden Menschen! Eine solche Schwäche! Denn beim Analysieren von Buckels Epigramm: "Die Moral entwickelt sich nicht, also ist sie indifferent", entdeckt man leicht, dass der Schlusssatz besser so gezogen werden könnte: Die Moral, die unerschütterlich dieselbe bleibt, beweiset dadurch ihren göttlichen und ewigen Ursprung.
Als mein Wunsch endlich erhört wurde, war ich das anerkannte, bewunderte Talent und der verachtetste aller Menschen, die in diesem Jahrhundert in meinem Lande geboren sind. In den Bann getan von den besseren Kreisen, missachtet von dem Geringsten unter den Geringen, verleugnet von meinen Freunden, den Besuch meiner Bewunderer in der Nacht oder im geheimen empfangend! Ja, alle beugen sich vor der Moral, und eine Minderheit verbeugt sich vor dem Talent: das gibt uns manches zu denken über das Wesen der Moral! Und noch schlimmer ist die Kehrseite der Medaille! Die Wahrheit! Als ob ich mich nie der Lüge ergeben hätte, trotzdem ich in dem Ansehen stand wahrhaftiger, aufrichtiger als andere zu sein. Ich verweile nicht bei den kleinen Lügen der Kindheit, weil die so wenig bedeuten, hervorgegangen, wie sie meist waren, aus Furcht oder der Unfähigkeit, die Wirklichkeit von den Einbildungen zu trennen; und weil sie aufgewogen wurden von ungerechten Strafen, die auf falsche Anklagen der Kameraden erfolgten. Aber es sind andere Lügen, ernster wegen der verderblichen Folgen, die das schlechte Beispiel und das Entschuldigen einer schweren Versündigung hervorbringen. Es ist die unwahre Darstellung, die meine Selbstbiographie "Der Sohn einer Magd" über die Krisis der Pubertät gibt. Als ich dieses Jugendbekenntnis schrieb, scheint mich der liberalistische Geist der damaligen Zeit verführt zu haben, mit zu hellen Farben zu malen, in der verzeihlichen Absicht, junge Männer, die einem frühreifen Laster anheimgefallen sind, von der Furcht zu befreien.
Als ich zum Schluss dieser bitteren Reflexionen gekommen bin, schrumpft das Münzkabinett zusammen, die Medaille zieht sich in die Ferne zurück und verkleinert sich zur Grösse eines Bleiknopfes. Und ich sehe mich in einer Bodenkammer auf dem Lande, am Strande des Mälar, in einem Pensionat für Knaben bei einem Künstler, im Jahre 1861. Kinder in ungesetzlichen Verbindungen geboren, Kinder von Eltern, die aus dem Land geflohen sind, schlecht erzogene Kinder, die in zu zahlreichen Familien im Wege stehen, leben hier zusammen, in einen Bodenraum zusammengepfercht, ohne Aufsicht, zu zweien das Bett teilend, einander tyrannisierend und einander misshandelnd, um sich am Leben zu rächen, das so grausam ist. Eine hungrige Herde kleiner Missetäter, schlecht gekleidet und schlecht genährt, ein Schrecken für die Bauern und besonders für die Gärtner. Genug, der älteste in der Bande spielt die Rolle des Verführers, und das Laster nistet sich ein in die junge Schar....
Dem Fall, jawohl dem Fall, folgt unmittelbar die Gewissensqual, und ich sehe mich bei dem schwachen Schein des grauenden Sommertages im Nachthemd am Tisch sitzen, das Gebetbuch vor mir. Schamgefühl und Gewissensqual, trotzdem mir die Natur der Sünde vollständig unbekannt war. Unschuldig, weil ich unbewusst war, und doch verbrecherisch. Verführt und nachher Verführer, Reue und Rückfall, Zweifel an der Wahrhaftigkeit des anklagenden Gewissens! Zweifel, dass ein Gott gnädig ist, der die schrecklichsten Versuchungen für einen Unwissenden auslegt. Für ein Kind, das als einen von der Natur herzlich gern gebotenen Genuss hinnimmt, was das göttliche Gesetz mit dem Tode bestraft. Ohne Schuld vor sich selbst und doch von Gewissensbedenken gepeinigt, die den Unglücklichen der Religion zu jagen; die aber vergibt oder tröstet nicht, sondern verurteilt zu Wahnwitz und Hölle—den unschuldigen Wicht, das Opfer, dem die Kraft fehlt, im ungleichen Kampf mit der allmächtigen Natur stand zu halten.
Das höllische Kohlenfeuer ist angezündet, um bis ans Grab zu brennen, sei es, dass es in der Einsamkeit unter der Asche glüht oder Nahrung von den brennbaren Stoffen eines Weibes holt. Versucht man dieses Feuer durch Enthaltsamkeit zu löschen, so wird die Leidenschaft perverse Wege einschlagen und die Tugend auf unerwartete Weise bestraft werden. Begiesse den angezündeten Scheiterhaufen mit Petroleum, so bekommst du eine Vorstellung von der erlaubten Liebe!
Wahrhaftig, kommt ein Knabe und fragt mich jetzt, den Fünfzigjährigen: was soll man tun? so habe ich nur eine Antwort, nach so vielen Erfahrungen und so vielen Erörterungen und die ist:
—Ich weiss es nicht!
Und suchte mich ein junger Mann auf, um mich zu fragen, was vorzuziehen sei, unverheiratet zu bleiben oder die Ehe einzugehen, würde ich antworten: Das beruht auf Neigung und Geschmack; wenn Sie die Hölle des Junggesellen vorziehen, so wählen Sie die; gefällt Ihnen die eheliche Hölle besser, so treten Sie in diese ein. Für meine Person ziehe ich Gehenna an der Seite einer Gattin vor, weil das ein Paradies zur Folge hat, das allerdings künstlich ist aber entzückend und in dem es Erinnerungen an das goldene Zeitalter gibt: nämlich das Kind.
Ich möchte mich als Verführer der Jugend anklagen, aber kann es nicht, da der Zweck meines Bekenntnisses war, die Jünglinge von der Furcht zu befreien. Befreiung, das war die Losung für die skandinavische Literatur die ganzen achtziger Jahre. Ich befreite die Frauen, mit dem Erfolg, dass die Familienfrauen den Prostituierten gleich wurden und sich gegen ihren Befreier wandten, um ihn mit ihren zerbrochenen Ketten zu schlagen. Ich habe die Elenden und die Unterdrückten so befreit, dass die Gesellschaft von den schlimmsten Unterdrückern regiert wird, die zur Macht gekommen sind. Ich habe die Jugend von Gewissensqual und Verkehrtheit befreien wollen, und die Jugend, die in Laster und Verbrechen versunken ist, klagt mich an, ein Catilina zu sein, und Väter und Mütter haben mich auf den Index gesetzt! Also soll man das Befreien lassen, da das Leben ein Gefängnis ist; was ich nicht wusste; und das entschuldigt mich vor mir selbst, da ich in gutem Glauben und in guter Absicht gehandelt habe, um dem Vorbild des Erlösers zu folgen, der die Ehebrecherin und den Räuber frei sprach. Das einzige ist darin liegt der Hauptpunkt, dass ich die furchtbaren Gewissensqualen verleugnet habe, die den Fall eines Knaben begleiteten, und das ist mea culpa; das lässt mich erröten angesichts der Inschrift der Medaille, die ich nicht selbst besorgt habe.
Zu meinem Sohn möchte ich sagen: Versuch keusch zu bleiben, und auf alle Fälle weiche schlechten Weibern aus, denn die vergiften dich für das ganze Leben und sind besessene Unglückswesen, deren böse Geister auf eine reine Seele übergehen; das ist die Ursache, warum diese Weiber, denen man zu existieren erlaubt, weil es die tatsächlich gibt, Versuchungen ausmachen, denen widerstehen zu können sich ein junger Mann zur Ehre anrechnen muss. Und noch eins, mein Sohn, erliege nicht den Versuchungen einer verheirateten Frau, wenn sie auch deine männliche Eitelkeit reizt, indem sie dich Joseph nennt! Die Ehre gebührt nicht Potiphars Frau, sondern Joseph, dessen Ehrentitel auf den Mann übergeht, der den Mut hatte, dem Erlöser Pflegevater zu bleiben, ohne über seine für einen Mann zweideutige Stellung Unwille zu verraten.
Und an meine Töchter ein Wort, ein einziges: der Altar oder das Gelübde der Keuschheit! Das ist alles! Die freie Liebe und Rechnung der Frau hat es immer gegeben, und die freien Frauen sind Kokotten und Huren, und sie werden es bleiben, so lange die Welt steht; wie auch die ungetreue Gattin ihresgleichen werden wird, oder, richtiger, schlimmer als sie, weil sie einen Mann mordet und die Zukunft ihrer Kinder trübt.
Ich brenne vor Begierde, mich anzuklagen und mich zugleich zu verteidigen, aber es gibt kein Gericht, keine Richter, und ich verzehre mich hier in der Einsamkeit!
Als ich meine Verzweiflung nach allen Himmelsstrichen ausrief, wurde ich in ein Dunkel gehüllt, und als ich deutlicher zu sehen begann, fand ich mich mit dem Kopf gegen einen Kastanienbaum in der Fleurus-Allee lehnend. Es war der dritte Baum vom Eingang gerechnet, und die Allee hat siebenundvierzig auf jeder Seite und neun Bänke sind zwischen die Bäume als Haltepunkte gestellt. Bleiben also vierundvierzig Raststellen für mich, ehe ich die erste Station erreiche.
Einen Augenblick bleibe ich angesichts des ausgedehnten Tränenpfades ganz niedergeschlagen stehen, als sich unter den entlaubten Bäumen eine Lichtkugel nähert, die von zwei Vogelflügeln getragen wird.
Sie macht vor mir in gleicher Höhe mit meinen Augen Halt, und in dem klaren Schein, der sich um die Kugel breitet, sehe ich ein weisses Blatt Papier, das gleich einer Speisekarte verziert ist. Oben steht in rauchgefärbten Buchstaben: Iss! Und unten rollt sich in einer Sekunde mein ganzes verflossenes Leben auf, wie eine mikrographische Reproduktion auf einem ungeheuer grossen Plakat. Alles ist da zu finden! Alle Schrecken, die heimlichsten Sünden, die widerlichsten Szenen, in denen ich die Hauptrolle spiele.... Wehe, ich möchte vor Scham sterben, als ich im Bilde die Szenen sehe, die mein vergrösserndes Auge auf einmal auffasst, ohne lesen und verdolmetschen zu brauchen! Aber ich sterbe nicht, im Gegenteil, während einer Minute, die so lang ist wie achtundvierzig Jahre, sehe ich aufs neue mein ganzes Leben von der grünen Kindheit an bis auf diesen Tag. Mein Gebein verdorrt bis aufs Mark, mein Blut stockt, und vom Feuer der Gewissensqual verzehrt, falle ich mit dem Ausruf zu Boden: Gnade! Gnade! Und ich werde davon abstehen, mich vor dem Ewigen zu rechtfertigen, und ich werde davon abstehen, meinen Nächsten anzuklagen....
Als das Bewusstsein wiederkam, befand ich mich auf der Rue de Luxembourg, und bei einem Blick durch das Gittertor sah ich den Garten grünen, während ein Chor von kleinen lebhaften Spottvögeln mich hinter Buschen und Bäumen grüsst!
Die Rue Bonaparte hinuntergehend, fühle ich mich gegeisselt, und die Schmach weckt den Zorn, und die Widerspenstigkeit beginnt sich zu rühren.—Ich habe gesündigt, zugegeben, und ich bin bestraft worden. Das müsste doch genug sein, um die Zeichen auf der weissen Schiefertafel auszukratzen. Ein guter Vater kann verzeihen, nachdem er gestraft hat, und ich kenne welche, die begnadigen können, ohne Auge für Auge, Zahn für Zahn zu fordern; ich kenne welche, die nie anders strafen als durch milde Worte und nicht weiter davon sprechen, nachdem die Sache einmal ausgetragen ist. Aber ich habe nie einen gesehen, der über die Fehltritte und Versündigungen seiner Kinder Buch geführt hätte.
Der Geist des Aufruhrs erhebt sich wieder, das Gefühl menschlich-göttlicher Würde sagt: "Schwacher, du bist gefallen, du hast dich erniedrigt, als du die Selbstberechtigung deines Ichs gegenüber der der anderen verleugnet hast. Das ist gerade der Kampf des Lebens, der Versuchung sich vor den andern zu beugen zu widerstehen, denn im selben Augenblick, in dem du das tust, hast du dich richtend über den Herrn deines Schicksals gestellt und kriechend unter die andern". Wäre ich Herrscher, würde ich den Aufrührer hassen, aber ich müsste ihm grössere Achtung bezeigen als dem Gehorsamen. Seelenstärke ist schön, und das Schöne ist göttlich. Vor einem Gott, dem weisesten, schönsten und gütigsten, werde ich mich beugen, aber vor schlechten elenden Menschen, die mir gleichen, habe ich nicht das Recht die Knie zu beugen. Für grosse Geister habe ich immer Verehrung gehegt, und es ist eine Lüge, das mir die Fähigkeit zu bewundern gefehlt hat, wenn ich mich auch nicht habe zwingen können, das Kleine zu bewundern. Offen habe ich meine Verehrung ausgesprochen für Männer wie Linne, der Gott gesehen hat, für Bernardin de Saint-Pierre, für Balzac, für Swedenborg, für Nietzsche, dem die Hüftsehne und das Gehirn gelähmt wurden im Titanenkampf.... Aber ich weiss wohl, dass die Götter der Zeit mich vor allem Kleinen auf die Knie haben zwingen wollen, besonders vor allem Minderwertigen, körperlich, sittlich, geistig Schwachen. Aber ich bin nicht Tyrann gewesen, im Gegenteil, ich war mit dabei und führte die Sache der Enterbten, ich war mit dabei und kämpfte im Befreiungskrieg für die Unterdrückten, weil ich nicht verstand, dass sie sich auf dem Platz befanden, auf den sie von der Vorsehung gestellt waren. Ob es geschah, um mir die Folgen dieses Sklavenkrieges zu zeigen, weiss ich nicht, aber immer gab das Schicksal mich einer Sklavenseele in die Hand, die mein Herr wurde, die mich unter ihre Holzschuhe oder ihre Knopfstiefel trat; immer musste ich Stroh und Ziegel tragen für einen rohen ägyptischen Mann, oder für ein Weib, das von meinem Blute lebte und mir das, was übrig blieb, zu meiner Nahrung gab. Schliesslich, weise durch die Lehren geworden, machte ich mich frei aus den Gefängnissen, und da blieb mir nur die Freiheit der Wüste, wo mir wahrhaftig kein Manna und keine Wachteln geboten wurden. Zur Einsamkeit wurde ich verurteilt, und jedesmal wenn ich einen Menschen suchte, um mit ihm zu sprechen, wurde ein ägyptischer Mann gesandt, um mich anzuspucken; ein Unwissender, um mich darüber aufzuklären, wie viel kenntnisreicher der Ignorant sei; ein hoffärtiger Unfähiger, um mir zu sagen, dass ich der Hoffärtigste sei; ein Liederlicher, um mir Tugend zu predigen!—Wer verfolgt mich, wer demütigt mich mehr, als die andern gedemütigt werden? Ist es der Weise, so weiss er, dass ich nicht hochmütig war, und dass ich im Namen dessen stolz war, dessen Sprachrohr ich zu sein glaubte; und er kennt wohl die Bosheit der Menschen, die, wie ich mich auch drehe und wende, bereit sind, etwas gegen mich zu haben. Sage ich, das ich aus mir selbst spreche, so bin ich des Hochmuts schuldig; sage ich, dass ich das Meine von Gott habe, so bin ich der Lästerung schuldig.—Sind alle Menschen gleich, warum hat dann die Vorsehung Gesellschaftsklassen mit einer Rangordnung eingerichtet, wo der eine es besser hat als der andere und Untergebenen befehlen darf, die menschlicher Obrigkeit untertänig sein müssen? Warum werden einige zu Macht-und Ehrenstellen berufen, während andere verurteilt werden, sich andächtig, bewundernd, gehorchend unten zu halten? Ist das Gleichheit, und deutet das darauf, dass alle gleich geschaffen sind? Nein, ich kann weder in der Ordnung der Natur, wo das Rassepferd Namen und Titel, Stammbaum und Bedienung hat, aus Marmorkrippen frist und Alpaka trägt, während der elende Gaul den Strassenkehricht ziehen muss, ein Gesetz des Gleichgewichts sehen, noch in der Gesellschaftsordnung, wo selbst der Geselle seinen Lehrjungen zum Hundsfottieren unter sich hat. Und doch soll ich gezwungen werden, ganz gegen göttliche und menschliche Ordnung, eine Tatsache anzuerkennen, die jeden Augenblick am Tage widerlegt wird, eine Tatsache, die überhaupt nicht existiert! Ist Gott mit sich selbst entzweit oder sind seine Satrapen in Streit geraten? Ist jede Zeitperiode hier eine Anspielung von dem, was da oben vor sich geht? Ist dort auch Parteibildung mit Demokraten-Agitoren und Herrschlüsternen? So will es zuweilen scheinen, denn viele Stimmen sprechen auf einmal: Der Volksführer hört ein Gottesgebot aus den Wolken und er führt die Massen mit heiligem Eifer zu Mord und Brand, und es ist glückt ihm zuweilen, als stehe er unter einem mächtigen Schutz. Ein andermal führt der Volksvergeuder und-bezwinger seine geweihten Scharen unter Anrufung des himmlischen Schutzes gegen die Massen, und sein Vorhaben wird mit Erfolg gekrönt, als ob andere Mächte ihn zum Sieg geleitet hätten! Wehe den Menschenkindern, wenn die Herrscher und Gewalten uneinig geworden sind! Da gilt es, fein zu hören, wenn die Stimmen der Unsichtbaren Gehorsam gebieten, und den richtigen Weg zu wissen, denn der Sieger hat immer recht. Ist es Ragnarök, das bevorsteht oder schon da ist? Kämpfen nicht alle erwachten Göttermächte über den Wolken um die Herrschaft? Pan war ja eine Zeit oben und schien zu herrschen; Jehova hat ja sein auserwähltes Volk beschützt, und Christus hat seine Getreuen nicht verlassen; Allah hat kürzlich die Olympischen bei den Termopylen schlagen können; Buddha drängt sich vor mit einer Gewalt, die den Nazarener einen Augenblick ernstlich bedrohte! Wehe den Menschenkindern, wenn die Mächte kämpfen! Alle rufen sie zu dem Einzigen und Wahren Gott, aber keiner sagt mir, wer er ist! Ist er es, der mit dem Donner und dem Wirbelwind spielt? Aber die bewegten Zeus und Tor auch, und die Theosophen schwören, dass die Unsichtbaren in Hochasien mit diesen Naturmächten zu spielen verstehen, wie Jehova, Osirispriester und Zauberer es vermocht haben sollen. Alle verlangen Zeichen und Wunder, und es geschehen Zeichen und Wunder, aber niemand weiss, wer sie zustande bringt, denn die schwarzen Mächte sind ebenso zauberkundig wie die weissen. Wer ist der Herr, der so mächtig zu den Völkern spricht in diesen Zeiten? Oder wer ist mein Herr? Hat eine Menschenameise nicht das Recht, zu erfahren, wem sie dienen und gehorchen soll, und wie, ehe sie verworfen wird als ungehorsam? Wie oft habe ich nicht den Unbekannten angerufen, deutlicher zu sprechen, und als er schliesslich antwortete, geschah es mit einem Sonnenstrahl, einem Donnerschlag, einem Wassertropfen. Der Herr der Naturkräfte! Gut, ich erkenne ihn an, aber er war es nicht, der mit einen neuen Sinn geben und mich von Begierden, Hass und Hochmut reinigen sollte....