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Ingeborg

Chapter 10: 9
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About This Book

A solitary narrator in a mountain lodge remembers a vivid spring when he encountered a free-spirited young woman from the nearby forest; her singing, rain-damp hair, and teasing claim to have been raised in a noble household persist in his memory. The narrative alternates brief, intimate meetings with extended, lyrical reflections on landscape, seasonal change, and inner longing, showing how fleeting encounters are transformed by recollection. Themes include the tension between solitude and companionship, the pastoral imagination, and the uneasy interplay of social rank and personal feeling, all conveyed through evocative natural description and introspective narration.

Zusammenhang? War kein Zusammenhang da?

„Ich mußte doch mein Lächeln begründen, Sie blickten mich an, dann glaubte ich Ihnen sagen zu müssen, weshalb ich lächelte. Es war vielleicht ungeschickt von mir.“ — —

Wir kamen an Graf Flüggens Schloß. Die Pfeiler des Gitters trugen Löwen aus Stein, die zwei Wappen vorhielten. Mit Moos bedeckt waren die Löwen, als habe man Kübel von Schlamm über sie gestülpt.

Ingeborg bot mir die Hand. Ich blickte sie an. Sie verstand meinen Blick recht gut. Sie senkte die Augen, dann sagte sie: „Ich habe Harry Usedom mein Wort gegeben.“

Ich verneigte mich. Ich verneigte mich tief, mein Unglück drückte mich nieder. Ich war voller Demut.

„Ich wünsche Ihnen Glück!“ sagte ich mit ruhiger, tiefer Stimme und nahm den Hut ab.

Ich ging . . . . .

Ich ging hinein in den Wald, stolperte hin und her, wußte nicht, ob ich nach rechts gehen sollte oder nach links. Es war auch einerlei.

Ich lachte leicht auf, wie einer der friert. Hahaha, lachte ich, hahaha!

Aber gleichzeitig hatte ich den Drang in mir, mich auf den Boden zu werfen und liegen zu bleiben.

Dann besann ich mich auf den Weg und steuerte meinem Hause zu.

Es war spät, die Sterne tauchten am Himmel auf.

Etwas Weißes saß auf der Treppe meines Hauses. Es war Ingeborg.

Sie erhob sich und eilte auf mich zu.

„Nein! Nein!“ rief sie.

Sie kam zu mir her, faßte leicht meinen Arm und blickte mir von unten herauf in die Augen. Wie war der Blick? Voller Suchen, voller Staunen, voller Glanz. Sie lächelte und schmiegte sich an mich.

Ich legte meinen Arm um sie und küßte sie auf den Mund.

8

ie oft küßte ich Ingeborg? Ich habe es nicht gezählt. Auch Ingeborg hat es nicht gezählt.

„Siehst du nun?“ sagte ich und küßte sie.

Sie lächelte verzückt und bot mir den Mund und die Stirne zum Kusse. „Du sagtest, du könntest nicht mehr lieben!“

„Ja, siehst du nun?“ sagte ich und küßte sie.

Ach, nach Hause, nach Hause, nein, nein. Jetzt nach Hause? Nein, nein! Wer denkt auch daran? Du? Nein, nein, keiner denkt daran.

Wie war dieser Abend? Er war wie der Wind, der über Blumen gegangen ist. Er war wie der Traum von zwei Vöglein, die in einer Rosenhecke schlummern. Gott sandte uns ein Lächeln und Grüße, viele Grüße.

Die Sterne kamen herauf, haha! Blau und voll geheimnisvoller Liebe war der Himmel. Wir saßen unter einem blühenden Apfelbaum, er schäumte von Blüten. Die weißen Blüten und der blaue Nachthimmel, es war Tausendundeinenacht, es war Himmel.

Ich sah Ingeborg an und sagte: „Schön, schön, schön bist du! Du verschenkst Himmel!“

Und ich schüttelte den Apfelbaum, da fielen die Blüten über Ingeborgs schönen Scheitel.

Ingeborg sagte: „Nein, du bist schön! Du weißt es nicht. Du bist so schön, als wärst du kein Mensch! Deine Augen sind so warm und rein, du hast Kinderaugen, weißt du es?“

Nein. Mein Herz pochte.

„Ich glaube, du könntest sterben unter Mörderhänden und deine Augen würden sich nicht verändern. Solche Augen hat Jesus Christus gehabt, ich weiß es!“

Mein Herz pochte.

In meinem Kopfe sprühte es. Ich hatte einen weißen Stern in meinem Kopfe.

„Höre, süße Ingeborg,“ sagte ich, „was denkst du! Eben fällt mir eine Legende ein. Gerade in diesem Momente. Es ist die Legende von der Mutter Gottes und dem erfrorenen Weinstock.

Du mußt sie hören, denn sie paßt so gut. Denke dir, alle Weinstöcke treiben und grünen, nur einer nicht. Er ist erfroren. In einer Nacht packte ihn der Frost. Ich erzähle schlecht, ach, entschuldige.

Ja. Aber da kam die Mutter Gottes des Weges daher, und nun höre: wie an den Fenstern hundert Augen erscheinen, zieht die Königin vorüber, so schlugen plötzlich Blüten aus allen Reben, und wie Kinder die Ärmchen ausstrecken, kommt die Mutter gegangen, so streckten sich überall Ranken und Blätter nach der Mutter Gottes aus. Verstehst du?“

„Schön! — Wo hast du sie gehört, die Legende?“

„Gehört? Nein, sagte ich nicht, daß sie mir eben einfiel, diese Legende, in diesem Augenblick?“ — —

Es ist spät. Gute Nacht, gute Nacht, gute Nacht! Hat jemand eine Ahnung, wie leise man gute Nacht sagen kann? Immer leiser und leiser und doch hört man es noch. Und wie man es sagen kann? daß es soviel bedeutet! — — — „Gute Nacht, du mein Himmelreich!“ — — — —

Ich war allein. Plötzlich stand Pazzo vor mir und blickte mich an. Niemand hatte ihn mehr gesehen. Ich ging nach Hause, durch den stillen weiten Wald ging ich nach Hause. Mitten im weiten feierlichen Walde begegnete mir Gott.

Bist du es, Axel? sprach Gott zu mir.

Ich kniete nieder. Ja.

Gott hauchte mir seinen Atem ins Gesicht.

Ich ging. Auf einer Lichtung begegnete mir der Frühling. Nackt und keck. Er kicherte. Verstehst du mich? sagte er. Er hatte hellgrüne Augen. Ja, sagte ich und lächelte, zuerst den kleinen Apfelbaum an der Parkmauer, dann Liselotte — — —

Ich habe meine Dinge vor mit dir! sagte der Frühling und kitzelte mich unter dem Kinn, daß ich lachen mußte.

Ich ging hin und her im stillen weiten Walde.

Jemand begegnete mir.

Bist du es wieder?

Ja, ich gehe rings im Kreise, sprach er.

Ich kniete nieder. Er berührte meine Lider mit dem Finger, da sah ich meine frohen Tage vor mir liegen. Meine Augen wurden feucht.

 

Ich bin glücklich, kann es ruhig sagen. Ich liege im Grase vor meinem Hause, es duftet, ich rieche Harz und Waldmeister. Die Maikäfer segeln über den Himmel, sie schwirren über meinem Kopfe. Die ganze Nacht hindurch liege ich da und sehe mir die Sterne an. Wenn ein Stern blinzelt, so muß ich ebenfalls blinzeln, silberne dünne Finger fahren nach meinen Augen. Wenn ein Stern zittert, so spüre ich das leise Zittern in der Mitte meines Herzens.

Ich sehe in die Sterne und mein Herz klopft. Es durchrieselt mich, die Sterne liebkosen mich.

Ich höre den Frieden da droben. Er lispelt.

9

er Tag graut. Nebel ziehen. Ein Mann sitzt auf der Höhe. An seiner Lodenjoppe hängen feine Tauperlen, er hat den Hut aus der heißen Stirne gerückt. Der Nebel zieht in Schnüren an ihm vorüber.

Es blitzt in der Nebelwolke, blitzende Schwerter fahren hin und her. Der Nebel zerreißt, Tannenwipfel tauchen empor, sie glühen rot. Durch einen Riß blickt ein Streifen blauen Himmels, ein Eck fahlgrüner Wiese, kleine Bauernhäuser mit blinzelnden Fenstern. Langsam weicht der Nebel zurück in die Wälder, die letzten Fetzen schlüpfen ins Geäst der Buchen.

Der Mann blickt über das Tal. Es ist wie eine große Muschel, in der alle Farben zusammenfließen. Eine Reihe von Schnittern schwingt tief unten in gleichmäßigem Takte die Sense. Die Fenster der Bauernhäuser sehen mit leuchtendem Staunen in die aufsteigende Sonne. Der Wald trieft und atmet tief auf in der Wonne des Erwachens. Es klingelt im Walde von hellen Vögelstimmen.

Des Mannes Augen sind geblendet vom Lichte. Die Sonne ist noch nicht rund, da kommt ein Mädchen aus dem Walde. Sie ist naß vom Tau wie Blumen und Gräser. Sie läuft, daß die Röcke fliegen.

„Ich wollte auf dich warten!“ ruft sie, daß es klingt, „ich wollte zuerst da sein!“

Sie lacht, sie weint, sie stürzt sich an des Mannes Brust.

Des Mannes Hände zittern.

Die Sonne geht auf und scheucht die Nebel in die Wälder, wir gehen durch den Wald, die Sonne sinkt hinter goldenen Höhen, wir gehen zusammen, wir zwei. Wir blicken in die Höhe, die Wipfel der Buchen sind durchsichtig, hellgrün wie Wasser, wir gehen wie in einem hellgrünen Meere, dessen Grund die Sonne erleuchtet.

„Es ist Mittag,“ sagen wir.

Tag um Tag. Mein Herz klopft.

Wir treffen uns auf der Bank auf der Höhe. Ingeborg erzählt mir, wie sie zur Bank eilt.

Ja, zuerst geht sie schnell, sehr schnell, dann läuft sie und zuletzt fliegt sie durch Dick und Dünn und es geht immer noch zu langsam.

Ich lächle.

„Ich habe die ganze Nacht gesessen und an dich gedacht!“ sage ich.

Ingeborg nimmt das Kettchen mit dem goldenen Medaillon vom Halse und drückt es mir in die Hand.

Hastig, als könne es jemand sehen.

„Nimm,“ sagt sie, „nimm! Ich habe nichts, das mir mehr wert wäre.“

„Erlaube, daß ich die Spitze deines Schuhes küsse!“ sage ich.

Ingeborg kommt am Abend in den Birkenhain vor ihrem Hause, sie trägt ein kleines Heft in der Hand.

„Nimm,“ sagt sie, „nimm! Es ist ein Schulheft, ein kleines Heft, vielleicht macht es dir Freude?“

Ich muß mich abwenden. Ich danke Ingeborg im tiefsten Herzen. Ich nehme den Hut ab und gehe neben ihr her.

„Warum trägst du den Hut in der Hand?“ fragt Ingeborg.

„Es ist schwül im Walde,“ erwidere ich.

Ingeborg zieht eine Photographie aus der Tasche. Sie lacht.

Da steht er, die Geige in der Hand und sieht uns an mit seinen großen Frauenaugen.

Ingeborg lacht. „Er ist dumm und hochmütig,“ sagt sie und zerreißt das Bild kreuz und quer.

Die Stücke wirft sie ins Gebüsch.

Ich lache. „Ja, er ist dumm und hochmütig,“ sage ich.

„Ich möchte dir alles schenken, was ich habe!“ sagt Ingeborg.

Ich weiß nicht, was ich darauf erwidern soll.

Ich drücke ihr die Hand.

„O!“ sagt sie und schließt halb die Augen. „Ich träume.“

 

Meine Augen sahen in die schöne Welt und ich hatte das tiefe Gefühl, daß ich zu ihr gehörte und mich nicht zu schämen brauchte.

Mein Herz war schwer und reich und es füllte mir die Brust mit süßer Bürde. Dankbarkeit und Staunen und Liebe war mein Herz in dieser Zeit.

Ich sah Ingeborgs schwebende Gestalt neben mir hergehen und staunte und war dankbar, jenem Geiste dankbar, der sie mir schickte in diesem Frühling, ihr dankbar, daß ich neben ihr einhergehen durfte. Ich wünschte mir nichts anderes, als neben ihr einhergehen zu dürfen. Das war Glück!

Ich konnte einschlafen, während ich neben Ingeborg einherging, die Besinnung verlieren, ich hatte keinen Gedanken mehr im Kopfe, keine Klarheit. Klarheit? Ach — hahaha — — nein, ich war betäubt, kein Gedanke, keine Klarheit.

Ingeborg fühlte meinen Blick, sie kam heran, gab mir die beiden Hände und blickte mir in die Augen und lächelte. So standen wir lange, Gott weiß wie lange, wir wußten ja nichts mehr.

Ich kannte ihre Augen ganz genau. Oft dachte ich, immer dachte ich an ihre Augen. Sie sind wie Türkise, glänzende Türkise, aber was will das sagen? Es ist ein eigentümlicher, suchender, strahlender Blick in ihnen, etwas Blitzendes, ich besinne mich, in meinem Kopfe ist es wie ein Wetterleuchten. Ich habe den Ausdruck ihrer Augen vergessen. Ich sehe sie wieder an, diese Augen ja, es ist etwas Blinkendes, Schimmerndes in ihren Augen, niemand kann es im Gedächtnis behalten. Ihr Gesicht ist schmal, spitzig dem Kinn zu, es lugt aus den goldenen Quasten hervor, die über die Wangen herabhängen und nahezu die Brust berühren, wenn sie den Kopf senkt.

Ihre Wangen sind schmal und leicht gerötet, sie bekommen Grübchen, sobald sie lächelt.

Ein verzücktes Lächeln hat sie und alles lächelt an ihr, sobald sie lächelt, nimmermehr kann ich dies Lächeln vergessen, es umschwebt mich Tag und Nacht. Ich kenne es gut, aber jeden Tag erscheint es mir neu. Jeden Tag entdecke ich es, dieses Lächeln, und es rinnt durch mein Blut, daß es heiter und fröhlich wird.

Heute denke ich, ein goldener Ton ist über ihr Gesicht gebreitet wie über die Bildnisse alter Meister. Und morgen denke ich: ja, etwas von dem Golde reifer Ähren ist über ihr Gesicht gestreut. Und übermorgen denke ich, daß sie die Farben der Wiesen und Felder im Gesicht hat, das Gold der Ähren, das Blau der Vergißmeinnichte, das Rot der Erdbeeren. Ingeborg, Ingeborg . . . .

In dieser Zeit schrieb ich einen Brief an meinen Freund, den Dichter Karl Bluthaupt. Ich bin glücklich, schrieb ich, komme sofort! Ich bin sehr glücklich, große Dinge geschehen, ich wohne auf der Sonne, in einem Garten auf der Sonne, in der Nachbarschaft der schönsten Engel, ich bin glücklich, komme sofort.

Noch viel mehr schrieb ich. Nun, Freund Bluthaupt war ein Dichter, der wird wohl verstehen, wenn er liest: ich bin glücklich, ich bin sehr glücklich. Ein Meer von Glück ist über mich gestürzt, ich bin glücklich . . . .

Zwei Stunden hatte ich zu gehen, um diese Botschaft meines Glückes zur Post zu bringen. Ich ging in der Nacht, lachte und schwang den Brief hin und her.

Ich bin glücklich, wohne auf der Sonne, in einem Garten auf der Sonne. Ein Bach von Glück bewässert diesen Garten, die Blumen lachen. Näheres mündlich — — — — — — — — — — — — — — —

 

Wir gingen durch den Wald, einen hohen Tannenwald. Pazzo spitzte die Ohren und blieb stehen.

Er schlug an.

„Ruhe, Pazzo,“ rief ich.

Pazzo gehorchte, schlich zu mir heran und blickte ins Dickicht.

„Es ist jemand im Walde,“ sagte ich. „Es ist ein Mensch im Dickicht, kein Tier, ich kenne Pazzo.“

Ingeborg sah mich an und erblaßte. Wir gingen weiter.

„Laß uns ins Freie gehen,“ sagte Ingeborg. Sie zitterte.

Vielleicht sei es Usedom gewesen?

Sie legte die Hand auf meinen Arm und sah mich prüfend an.

„Was denkst du?“

Ich lächelte. „Schön bist du, Ingeborg! das dachte ich. Gütig bist du, Ingeborg!“

„Laß es dir erzählen, Axel. Höre mir zu. Er schleicht herum, ich weiß es. Seit ich ihn kenne, schleicht er mir nach. Schon als Knabe war er so. Er ist so aufdringlich und so hochmütig. Ich fürchtete mich früher vor ihm, besonders vor seinen Händen fürchtete ich mich. Ich habe nichts mit ihm gehabt, ich haßte ihn. Ja, es ist wahr, zuweilen liebte ich ihn auch. Damals war ich ein dummes Mädchen, ich war stolz auf ihn. Er bekam immerzu Blumen von den Frauen geschickt, er warf sie weg. Er hatte eine Busennadel von einer Königin, er schenkte sie einem Bauernknaben. Ich will mir auch nichts von einer Königin schenken lassen, sagte er. Das gefiel mir, ich war ja so töricht damals. Ich hatte es gerne, wenn er vor mir stand, dann sahen seine Augen aus wie die eines Hundes. Es ist alles Verstellung, er ist so hochmütig und dumm. Immer spricht er von sich, von seinen Konzerten und daß die Leute an den Bahnhöfen stünden, um ihn zu erwarten. Er weinte immer vor mir. Ich weine vor dir, sagte er, tausend und abertausend Frauen gäben ihr Leben für mich und du blickst mich nicht an.“ — —

Einige Tage darauf gingen wir wieder durch den Wald, und wieder schlug Pazzo an. Es war in einem Walde hoher dicker Buchen. Pazzo bellte und sprang in den Wald hinein. Harry Usedom kam hinter einer Buche vor.

„Rufen Sie Ihren Hund zurück!“ rief er und zog die Hände an sich.

Er stand am Wege und sah Ingeborg an.

Sein Gesicht war fahl, grau, tiefe Ringe zogen um seine Augen, die matt glänzten.

Sein schmales Gesicht sah aus wie das einer Frau, die dem Tode nahe ist. Seine Lippen zuckten, er hatte die Linke auf das Herz gelegt, und die Finger begannen nervös zu trommeln.

„Ich suchte Sie seit vielen Tagen zu sprechen,“ sagte er, „ich wollte Ihnen nur dies sagen: Sie haben ein kurzes Gedächtnis, Fräulein Ingeborg!“

Er griff an den Hut, wandte sich um und ging mit schnellen Schritten in den Wald hinein.

„Komm,“ sagte ich zu Ingeborg, indem ich meine Hand sachte auf ihre Schulter legte.

Ingeborg war bleich, sie sprach lange nichts. Dann sagte sie:

„Ich liebe ihn doch.“

Ein Stich fuhr mir ins Herz, ich nahm sachte die Hand von ihrer Schulter.

„Nein, nein! Laß doch deine Hand da. Ich liebe ihn noch ein wenig, er tut mir leid, aber ich liebe dich ja tausendmal mehr, tausendmal mehr. Küsse mich Axel, sei gut!“

„Ich liebe dich,“ sagte ich und küßte sie. O, o, nun sei alles gut.

„Ich erschrak, Axel. Nun sollst du alles hören. Ich habe ihm mein Wort gegeben — es war einige Tage nachdem ich dir auf der Höhe gesagt hatte, daß ich dich liebte. Er kam zu mir in den Garten. Man sieht Sie ja jetzt so selten, sagte er. Ich gehe viel spazieren. Ja, fuhr er fort, die Krone eines Fürsten ist mehr wert, als der Ruhm eines Geigers. So dumm und plump war es. Aber ich war in diesen Tagen unglücklich und hilflos, deshalb zürnte ich ihm nicht. Ich lachte. Was sagen Sie da! rief ich und lachte. Ach, Usedom, wie töricht können Sie doch zuweilen sein. An diesem Abend gab ich mein Wort, aus Trotz geschah es. Er legte seine Hand auf meine Schulter, und ich dachte an dich. Das sollte er sehen, dachte ich, das sollte er nur sehen! Ich ging mit Usedom im Walde herum, nur um dir zu begegnen und dich zu verletzen. Du wirst das nicht verstehen, nein, du nicht. Ich war unglücklich und gedemütigt, ich war verwirrt im Kopfe. O, wie gerne wäre ich damals mit dir gegangen, gleich zu dir hingegangen, und ich sah dich kaum an und sprach mit Pazzo — — —“

Wir sitzen in der Sonne auf einer Wiese. Ingeborg singt leise und bindet einen Strauß aus Feldblumen. Ich liege im Grase und lausche und sehe zu, wie Ingeborg den Strauß bindet. Nie in meinem Leben hörte ich solch eine Stimme, nie in meinem Leben habe ich so etwas Schönes gesehen wie Ingeborg. Ihre Wimpern sind golden und lang. Es ist, als ob sie eine kleine Sonne unter den Lidern habe, die hervorstrahle. Ihre Brauen sind golden, regelmäßig und hochgeschwungen, goldene Bogen, man sieht jedes einzelne Härchen. Wie mit einem Pinsel scheinen sie gezeichnet und eines Japaners Hand schien den Pinsel geführt zu haben. Ihre Stirne ist hoch und rein und dahinter stecken all die vielen Gedanken, die sie selbst noch nicht kennt. Ingeborg dreht den Strauß hin und her und drückt ihn mit mütterlicher Liebe gegen die Brust. Es singt ein Vogel im nahen Walde, Ingeborg hält inne und lauscht.

Sie fühlt meinen Blick, hebt die Lider und lächelt mir zu. Sie beschäftigt sich wieder mit ihrem Strauße, vergißt mich ganz, macht ein rundes Kindermäulchen und lächelt die Blumen an und singt leise.

Sie ist fertig. „Ist er schön?“ fragt sie.

„Ja!“

„Nun, so nimm ihn! Aber hüte ihn gut.“

Ingeborg ist die Mutter der Blumen und Vögel und sie streichelt die Bäume. Sie kennt alle Kräuter, die Namen aller Vögel, aller Büsche. Sie blickt in die Wipfel der Bäume, als sehe sie Gesichter, und ich habe sie dabei ertappt, daß sie mit Blumen plauderte wie mit Kindern.

Ingeborg ist im Walde geboren.

Ich sehe sie heute, ich sehe sie morgen, jeden Tag sehe ich sie. Jeden Tag glaube ich sie zum erstenmal zu sehen. Und mein Herz bebt nicht minder, kommt sie daher, als am ersten Morgen.

In dieser Zeit lag ich oft lange über Mitternacht vor meinem Hause im Grase. Silbern schimmerte das Tal und die Wölkchen am Himmel. Dunkele Vögel strichen lautlos über den Wald, Leuchtkäferchen segelten vorüber, zuweilen setzten sie sich in meine Nähe und ich ließ sie nicht aus den Augen. So klein wie sie waren, so stumm und prächtig. Sie liebten sich und sie waren so glücklich wie ich großer Käfer. Ich sah ihnen nach, bis sie in der Dunkelheit der Gebüsche verschwanden. Viele Käferchen, Nachtfalter und Motten mit silberigen Flügeln waren unterwegs.

Ich lag und dachte an Ingeborg, dachte an mich und mein unfaßbares Glück. Der Friede des schimmernden Tales zog in mein Herz.

Es war ein solch tiefer Friede, wie ich ihn nie gekannt hatte. Mein Herz strömte über. Und ich stand auf und erhob die Hand und segnete die Welt. Ich dachte: Frieden in alle Menschenherzen, süßen Frieden. Glückliche Stunden allem was da lebt, dem ärmsten Manne im fernsten Lande, dem kleinsten Wurm in der dunkelsten Erde. Feuer dem Frierenden, Brot dem Hungernden, einen sanften Tod dem Mörder, gute Fahrt dem Seemanne auf dem Meere!

Ich lag bis spät nach Mitternacht im Grase und ich hatte das Gefühl dahinzuschweben.

Friedlich schwebt die Erde ihre Bahn, dachte ich. Und ich öffnete die Lippen und flüsterte: „Friedlich schwebt die Erde ihre Bahn.“ —

In dieser Zeit, ja, was war doch alles in dieser Zeit!

Ich legte mich schlafen und zählte die Minuten, bis ich sie wiedersehen sollte. Ich ging noch einmal durch den roten Tag und sammelte. Ich fühlte den Druck ihrer Lippen auf meinem Munde, meine Hände behielten den Druck ihrer Hände in der Erinnerung. Die Wärme ihres Atems war in meinem Gedächtnis, die Weichheit ihrer Haare, der Glanz ihrer Augen, das Lächeln ihrer Wangen.

Dann schlief ich ein und im Traume begegnete mir Ingeborg wieder. Von Stunde zu Stunde erwachte ich, ich blickte in die Sterne empor, sie funkelten, sie leuchteten, sie flackerten, sie erblaßten — endlich!

Und Ingeborg sprach: „Am Tage gehe ich umher, als ob ich träumte. In der Nacht gehe ich im Traume umher, als ob ich wachte.“ Ingeborg sprach: „Alle Dinge sehe ich in hohem Glanze. Nie war der Himmel blauer, nie war der Wald grüner. Ich sehe alle Dinge wie mit Regenbogenrändern. O, Axel, dir danke ich alles!“

Ingeborg, Ingeborg, du Liebling Gottes, du Schmuck der Welt!

Die Tage zogen vorüber, wie Rosenblätter einen Bach hinabtreiben, so still, so schön und kaum gesehen, so waren diese Tage.

Das Tal schaukelte wie eine goldene Wiege, der Wald rauschte wie eine Orgel, die Vögel sangen als hätten sie diamantene Schnäbel.

Und Ingeborg jubelte: „Immer blauer wird der Himmel, immer süßer wird dein Mund!“

10

ch liebe dich.“ Wie schön ist es, das sagen zu können, wie schön ist es, das zu hören —

Es ist ein kleines, kleines Wort, aber jeder muß es einmal sagen und jeder hört es einmal. Wenn eines Menschen Herz aufspringt im Frühling, so muß er es sagen. Er kann ein Tyrann sein mit blutschwarzen Gedanken, er kann ein Forscher sein, der immer über seinen Büchern sitzt, es kommt seine Stunde.

Er vergißt alles, sein Sinn wird dunkel, und sein Mund spricht das kleine, kleine Wort. Schöne, ewige Gedanken kann einer im Kopfe haben, er kann ein großer Mann sein, an den viele denken tagaus, tagein, es kommt seine Stunde und er findet nichts als dies kleine, kleine Wort.

Es ist alt und tief, birgt des Menschen ganzes blutrotes Herz, all sein Glück, all seinen Jammer, bei Tag und bei Nacht wurde es gesprochen, geflüstert und geknirscht wurde es, wird gesprochen werden immerfort, immerfort, solange die Lerche im Äther trillert. — — —

Sei gegrüßt, Ingeborg! Ich liebe dich, kannst es glauben.

Ich gehe hin und her, sehe viel in den Himmel empor, sehe viel ins Weite. Lächle. Stehe vor einem Stein am Wege und lächle. Ich bin nie müde. Nein, es gibt nun keine Müdigkeit mehr. Ich schlage die Augen auf und es ist hell und weit in meiner Seele.

Immerzu habe ich Gedanken im Kopfe, herrliche Gedanken, reich ist mein Gemüt, reich und heiß. Wie ein Dichter fühle ich mich, durch dessen Herz große Werke brausen.

Über die Parkmauer spritzen hohe Wogen von Blüten, weiße, rote und violette und zitronengelbe, in meinem Garten stehen viele Blumen, wie wehende Feuerchen sehen sie aus, brennende Lunten, Sonnenflocken, wie rote Münder, wie Augen, ja, auch wie Augen sehen sie aus. Der Frühling hat seine Feuer in den Bergen angezündet und sie brennen Tag um Tag. Er wirft Herzen von Menschen, Rehen und Vögeln, Wünsche von Blumen, Schmetterlingen und Bäumen in seine Feuer, daß sie brennen.

Der Hirsch schreit im Walde.

Ich gehe durch die brennenden Feuer des Frühlings und lächle.

Zuweilen habe ich wunderliche Gedanken! Eine rote schaumige Abendwolke steht über den Bergen, wie ein leuchtendes Schneegebirge. Möchte ich nicht auf der Spitze dieser Wolke stehen und den Hut schwingen? Ich sehe mir den Mond an und es geht mir durch den Sinn, daß ich auf dem Rande des Mondes stehen möchte und die Erde grüßen.

Herrliche Tage und Nächte. Das Herz hüpft mir in der Brust, ich lache vor mich hin.

Niemand weiß es, nein, keine Seele ahnt es, deshalb lächle ich auch vor mich hin.

Ich sitze in meinem Zimmer, es wird Abend. Wollte doch die Nacht schneller kommen! Könnte ich doch eine dunkle Decke über die Erde breiten. Es ist soviele Ungeduld in mir, niemand weiß ja, worauf ich warte.

Schweigen ringsum, die Nacht kommt.

Ich zünde eine Kerze an und setze mich vor die Flamme. Ich höre mein Herz pochen. Ich warte.

Es schreitet wohl irgendwo ferne im dunkeln Wald? Es eilt —?

Ich warte. Ich habe Geduld, Geliebte, übereile dich nicht . . .

Da flüstert es, etwas Helles tritt in den Rahmen der Türe.

Ingeborg!

Ich gehe hin, gleite in die Knie, auch sie kniet nieder und wir küssen uns, beide kniend. Wir schmiegen Wange an Wange, pressen Brust an Brust.

„Nimm Platz!“ sage ich leise.

„Ja!“ antwortet Ingeborg ebenso leise. Mich trifft ihr leuchtender Blick.

Ich lege meinen Arm um sie. „Du bist bei mir, es ist tief in der Nacht. Ich danke dir, Ingeborg.“

„Wir sind ganz allein.“

„Ja!“

„Niemand weiß, daß wir beisammen sind.“

„Niemand!“

„Ingeborg, ich liebe dich sehr, du weißt es.“

„Ja, ja!“

Ingeborg nickt, sie zieht meine Hand an die Brust.

„Ich habe nur dieses Kleid an,“ flüstert sie und lächelt mir zu.

„Du bist gut, Ingeborg!“

Wir lächeln. Unsere Augen sind ohne Lider, die Wimpern zucken nicht mehr.

Ich stehe auf und blase die Kerze aus.

Nun ist es ganz dunkel. Die dunkelblaue Nacht blickt herein. Ein Stern wandert vorbei, leuchtet uns bis auf den Grund unserer Augen.

Ingeborgs Zähne schimmern, ihre Haare sprühen golden auf.

Die Wohlgerüche des Waldes und des Feldes hauchen durch das Fenster und sinken über uns. Aus dem Garten duftet ein Mandelbaum. Feine Geräusche erwachen, bald nah, bald fern. Bald im Wipfel der Kastanie am Fenster, bald in den Ställen, ein Klirren, ein Schlürfen, die Nacht klingt leise. Die Ruhe horcht. Alle kleinen Geräusche halten an sich, keines will den Anfang machen, die Ruhe zu stören.

Unsere Stimmen sinken zu einem Lispeln herab, nicht lauter als das Rieseln eines Brunnens.

„Meine Wangen sind heiß!“ sagt Ingeborg. Sie ist stolz darauf.

„Ja,“ erwidere ich, „deine Wangen sind heiß, Liebste.“

„Darf ich über deine Brüste streichen?“

„Sie gehören dir!“

„Es ist süß, über deine Brüste zu streichen.“

„Es ist süß, wenn du es tust.“

Wir schwatzen lange Zeit. Die kleinen Geräusche erwachen. Wir rühren uns nicht. Unsere Herzen pochen dumpf.

„Wie schön!“ flüstert Ingeborg. „Noch nie war es so schön und so traut!“

Traut! sagt sie. Das ist ein wunderschönes Wort.

Ein bleierner Ton fällt in der Ferne. Die Uhr im Dorfe drunten schlägt. Es ist so still im Tale, daß man die Uhr weit hinein in die Wälder hört.

Ingeborg zuckt zusammen.

„Wir haben Zeit,“ flüstere ich.

Ingeborg nickt.

Eine Geschichte erwacht in meinem Kopfe, als ich sage: wir haben Zeit.

„Wir haben Zeit — wir haben Zeit. Höre, süße Ingeborg, ich denke an zwei junge Menschen, die auf dem Meere segeln. Es ist die Tochter eines Fürsten und ein junger Goldschmied. Er hat der Tochter des Fürsten ein Geschmeide überbracht, da sahen sie einander. Höre, sie liebten sich und entflohen über das Meer.

Unser Schiff ist wie eine Wiege, die zwei Kindlein schaukelt, flüstert die Geliebte. Der Gespiele erwidert:

Das Meer ist unser Brautbett, der Himmel der Dom mit abertausend Kerzen, die zu unserer Hochzeit angezündet wurden.

Ja, sagt die Tochter des Fürsten und schmiegt sich an den Geliebten, Gott trägt uns auf seiner Hand über das Meer!

Höre, süße Ingeborg. Der Steuermann kommt und spricht:

Herrin, ich finde kein Ziel. Wir müßten längst am Ziele sein, viele Wochen sind wir unterwegs.

Hahaha — wir haben Zeit!

Der Steuermann kommt und spricht:

Herrin, ich finde kein Ziel. Meine Haare sind schneeweiß. Dreißig Jahre segeln wir. —

Hahaha — wir haben Zeit!

Hundert Jahre vergehen, tausend Jahre vergehen. Hahaha, wir haben Zeit! —“

Ingeborg lächelt.

„Du sprichst, daß mir das Herz stehen bleibt,“ sagt sie.

Ich neige mich vor, daß ihr Haar meine Wange liebkost, ich schließe die Augen dabei.

„Wir haben Zeit!“ flüstert Ingeborg und lacht leise.

„Ja!“

„Es ist schön, im Dunkeln zu sitzen und die Sterne wandeln draußen vorbei.“

„Ja, es ist unsagbar schön.“

11

as dachten sich wohl Knechte und Mägde, die im Hause hin- und hergingen? Sie blickten mich an und dachten, daß sich mein Verstand verwirrt habe. Sie begriffen nicht, weshalb die Treppe mit Blumen bestreut war, als ob eine Hochzeit wäre, sie begriffen nicht, daß im Zimmer des Herrn ein Teppich aus Kornblumen gebreitet war, heute, morgen aus Mohn, und an einem andern Tage aus Birkenlaub.

Dieses Haus war weiß Gott ein verzaubertes Haus! Oft öffnete ich die Türen aller Zimmer und ging durch alle Zimmer hindurch. Hin und her, mit einem von Freude und Freiheit geschwellten Herzen.

Die Blumen der Tapeten schienen lebendig geworden zu sein und zu duften, die Bildnisse der alten Herrschaften mit komischen Hüten und Frisuren lächelten. Liselotte, geborene Weikersbach, blinzelte mir zu. Ich stellte mich vor sie und lächelte. Ja, sagte ich, konnte dir leider die Treue nicht halten, Liselotte, so ist die Liebe!

Eine ganz sonderbare Luft webte durch dieses verzauberte Haus.

Diese Luft barg Ausrufe, Flüstern, Blicke, das Schimmern von Zähnen, das Knistern eines schnellen Schrittes. Viele Geheimnisse waren in dieser Luft verborgen, leises Lachen, verliebte Worte, Lider, die sich bewegen, Arme, die einen Nacken umschlingen, das Rot eines Mundes, das Blitzen eines Ringes. Man dachte an nichts, plötzlich hörte man seinen Namen, die Luft rief ihn, plötzlich sah man einen Mund, der ein Licht ausbläst, man erblickte sich selbst, wie man gerade in einem Spiegel seine glücklichen Augen studiert. Die Luft spiegelte das.

Den ganzen Tag ging die Sonne in diesem Hause spazieren, sie stieg durch die Fenster ein, durch die Schlüssellöcher der Türen. Dann kam die Dämmerung und eine kurze Zeit war alles still und tot. Doch sobald der Mond und die Sterne heraufkamen, wurde es wieder lebendig in diesem Hause. Fünkchen sprangen über die Tische und Sessel, es knisterte und etwas kletterte an der Tapete herunter, etwas Silberiges spielte mit einer Quaste, und die Quaste begann zu baumeln.

Im Dorfe drunten schlug die Uhr. Eins, zwei, drei — zehn. Im Dorf drunten schlug die Uhr. Eins, zwei — elf.

Ein Hauch wehte durch das Haus. Es knisterte, eine Treppe knarrte, ein Schreiten, ein Flackern und Schweben — Ingeborg war da!

Es raunte in meinem Zimmer, es wisperte, flüsterte und lachte. Ganz als ob ein kleiner Springbrunnen sänge und kichere. Gewiß waren die Herrschaften mit den sonderbaren Kleidern und Frisuren aus den Rahmen gestiegen und gaben sich Stelldichein in meinem Zimmer.

In vielen, vielen Nächten kam Ingeborg zu mir. Mein Herz klopfte in den langen Stunden des Wartens. Mit einem Jauchzen empfing sie mein Herz. Ja, wie begrüßten wir uns doch? Als seien wir lange Jahre getrennt gewesen und hätte die Sehnsucht unsere Liebe geglüht und gestählt und vertausendfacht.

Ein Ineinandertauchen der Blicke, gestammelte Worte, ein Kuß auf die Fingerspitzen, das war unsere Begrüßung. Gar oft sagten wir gar nichts, wir gaben uns die Hände und lächelten uns an, lange Zeit.

Ingeborg kam aus dem Walde zu mir, in stiller Nacht, ich durfte ihr nicht entgegengehen, ich durfte sie nicht begleiten.

Nein, nein, ich bin deine wilde Geliebte, wohne im Walde, komme und gehe — verstehst du?

Sie sagte es nicht, wenn sie kam. Ich durfte es nicht wissen. Zuweilen sagte sie: heute komme ich nicht, aber es war kaum Mitternacht, da war sie bei mir.

„Ich hätte nicht schlafen können, Axel!“

„Dank, Dank, süße Ingeborg! Ich saß hier und dachte an den letzten Blick heute Abend. Er hat mein Herz glühend gemacht. Ingeborg, hüte dich! Ich werde dich in meinen Armen erdrücken.“

„Ja, ja!“ Sie läßt den Kopf in den Nacken fallen und schließt die Augen. Ihre Zähne lächeln.

„Das werde ich alles Ernstes tun, hüte dich, Ingeborg! Ich liebe dich, du weißt es. Du kannst mit mir tun, was du willst, Ingeborg. Das ist keine Redensart, nein, es ist Ernst, du kannst mich blenden lassen, ich klage nicht, nein, ich lächle. Du kannst mich in den Boden hineintreten, alles was du willst, kannst du. Aber hüte dich, meine Liebe ist gefährlich! Mein Herz ist rot, blutig rot und wild!“

„O, Axel, wie gut muß Gott sein, daß er uns ein solches Glück schenkt!“

Ich erwidere: „Er liebt alle Liebenden, mußt du wissen. Seht, sagt er zu seinen Engeln, sie lieben einander! Und die Engel sagen: gelobt seist du, du Vater der Liebe, du bist ein guter Gott, ja!“

Die Nacht vergeht, die Nacht vergeht.

Heute verging die Nacht schneller als gestern, morgen wird sie schneller vergehen als heute, übermorgen schneller als morgen.

Wir plaudern. Wir schweigen. Wir lauschen auf das Lied des Vogels, der im stillen Parke von seinem Glücke singt. Die Nacht vergeht.

„Horche doch, was der Vogel singt, Axel! Hörst du alles? Nun sang er deinen Namen —“

Ingeborg sieht mich an — „bleibe so“, sagte sie, „bleibe so — schließe die Augen — lächle ein wenig, so! Überirdisch siehst du aus! Bleibe so, rühre dich nicht!“ Sie gleitet in die Knie und flüstert:

„Bleibe so, ich will dich ansehen“ — Sie streicht mit dem Finger über meine Hand, ganz leise.

„Ich liebe deine Hand, Axel — ich liebe jedes Härchen deiner Hand, jeden Nagel, bleibe so, bleibe so — ich will deine Hand liebkosen —“.

Ich sitze mit geschlossenen Augen. Meine Hand wird leicht in die Höhe gehoben, Ingeborgs Lippen berühren sie — es durchschauert mich. Es ist ein erstickter Schrei der Wonne in meiner Kehle —

Die Nacht vergeht, der Morgen dampft. Ein helles Kleid verschwindet im Dampfe des Morgens. Ich nehme mein Gewehr und wandere in den Wald hinein. Tief im Walde fallen zwei Schüsse.

Was hat der Herr geschossen?

Nichts, nichts.

Ich treffe nichts, schlechte Augen, sodann zittere ich auch etwas, von der kleinen Pfeife rührt es her. — — —

Ich begegnete ganz zufällig Graf Flüggen im Walde, als ich mein Gewehr spazieren trug. Wie ein Zwerg kam er daher mit langen schlenkernden Armen. Er ging immer, als suche er etwas auf dem Boden.

„Hören Sie doch nur, was für ein sonderbares Geschöpf diese Ingeborg da ist!“ sagte Graf Flüggen und seine Äuglein blinkerten. „Tag und Nacht läuft sie im Walde herum. Ja, hihi, auch in der Nacht.

Schon jeden Sommer trieb sie es, aber Heuer treibt sie es doch toll. Schläft im Walde, das Mädchen, schläft im Walde.“

Ich lachte.

Graf Flüggen lachte ebenfalls. Er hustete, so lachte er.

„Aber — aber natürlich“ — er schlug die Hände an die Schenkel — „sie ist im Walde geboren.“ —

„Im Walde fand ich sie. Ganz wie in einem Märchen saß sie da, blond, ein Zöpfchen wie ein Schwänzchen, sang, sang, daß man es meilenweit hörte. Wie heißt du? Ich heiße Ingeborg Giselher. Wer ist dein Vater? Er haut Bäume um für die Schiffe und meine Mutter ist aus Dänemark. Sie sprach so klug und munter, daß mir das Herz aufging. Bist du vielleicht der Waldgott, sagte sie. Ja. Nun, dann kenne ich dich. Ich habe dich vor drei Tagen gesehen, mit einem Buschen auf dem Kopf und einem großen Prügel in der Hand. — Hi hi hi — — du singst, Ingeborg? Ja, ich werde eine Sängerin, die Mutter hat es gesagt. Dann zeigte sie mir auch einen hohlen Baum, in dem gerade zweitausend Zwerge zu Mittag aßen. Seine Tochter ist krank, sagte sie. Wessen Tochter? Nun, die vom König Waps. Sie liegt da. Wo? Nun in der Spinnenwebe. Sie hat Husten . . . . Ja, was ist uns Ingeborg geworden, meiner Gattin und mir? Hihi — eine Freude für unsere alten Tage, eine Lust, ein Vergnügen — —.“ Er kicherte, nickte, Tränen liefen über seine Wangen.

Immerzu sprach der alte Mann von Ingeborg. Er war etwas schwatzhaft geworden in den letzten Jahren. Aber ich hörte zu, meinetwegen.

„Ja, ja, schläft im Walde, fast jede Nacht. Nun, sie soll ihre Freude gerne haben, unsere Ingeborg.“

Da stieß mich der Teufel ins Genick und ich sagte:

„Vielleicht hat sie einen Geliebten, den sie besucht? Wie?“

Graf Flüggen pfiff durch die Zähne und blinzelte.

„Welch ein Einfall! Nein, nein, eine falsche Vermutung — er ist ja sehr begabt und hübsch, aber es fehlt ihm — ja, er ist kein Mann — er ist leidend, sehr krank, glaube ich. Nun, denken Sie, schon mit zwölf Jahren schleppten sie ihn von Stadt zu Stadt. Nein nein, welch ein Einfall von Ihnen!“

Graf Flüggen lachte.

Auch ich lachte.

„Besuchen Sie mich doch! Keine Zeit? Ich glaube auch unsere Ingeborg wird sich freuen. Sie sagte neulich, weshalb sieht man Fürst Axel so selten?“

Ich würde wohl bald wieder vorsprechen.

„Viele Grüße an Fräulein Ingeborg.“

„Danke, danke. Das wird sie freuen, ja gewiß. Sie hat mir einmal etwas von Ihren Augen gesagt, kann es Ihnen nicht sagen, junger Freund — hihi —

Früher stellte sie sich unter Ihnen so etwas wie einen Ritter Blaubart vor, ganz sicherlich, wie in den Märchen — dann bekam sie Sie zu Gesicht, vorigen Herbst. Papa, sagte sie, nun und dann sagte sie eben das von Ihren Augen. — Adieu, junger Freund. Weidmannsheil!“

12

ote Tage! Blaue Nächte! Schön ist das Leben! Die Tage sind ein Rausch, die Nächte ein Märchen. Die Tage sind Singen und Lachen, die Nächte sind Küsse, die Tränen des Glückes aus zuckenden Wimpern trinken. Die Tage sind eine große rote Sonne, die Nächte ein blaues Lichtchen Mondenglanz in einem Auge ohne Grund.

An einem Sonntage kam ein Mann zu mir, der aus Haaren, Harz und Honig war. Ich stand am Fenster und sah ihn die Bergstraße heraufkommen. Ein dicker Stock ging neben dem Manne her. Dieser Stock machte noch größere Schritte als der Mann und war immer um einiges voraus. Der Mann stand still und stieß den Stock in den Boden.

„Ist der Herr zu Hause?“ rief er über die Wiese.

Ja, der Herr sei zu Hause.

Sofort begann der Mann wieder auszuschreiten, er steuerte auf die Türe zu, und Mann und Stock verschwanden im Hause.

Es pochte laut, und ein bärtiger haselnußbrauner Kopf mit leuchtenden wasserblauen Augen erschien in der Türe.

„Guten Tag auch,“ sagte der Mann und trat ein, den Stock in der Hand.

Er sei ein Holzfäller, komme aus dem Walde und heiße Fürchtegott Giselher.

„Willkommen!“ sagte ich und streckte dem Besuche die Hand hin.

„Keine Übereilung, Herr!“ sagte der Mann, der aus dem Walde kam. Er zog sich einen Stuhl näher zur Türe, ließ sich gemächlich nieder, den Hut auf dem Schoße und den dicken Stock über den Knien. Er blickte durch mein Zimmer, das ein Museum auserlesener Gegenstände war, und lächelte geringschätzig.

Er hatte einen Kopf wie ein Apostel, sein Gesicht verschwand nahezu in dem Kranze rußiger, zackiger Haare, zu dem sich Haupt- und Barthaare vereinigten. Die Brauen, die Federn ähnlich waren, hingen halb über seine wasserblauen, treuherzigen Augen. Der Mann hatte große Hände, Äxte waren sie gleichsam, sie waren voller Risse und Sprünge, die Nägel abgeschabt und braun.

„Ja, ich komme aus dem Walde“, sagte der Bärtige und blickte mich an. „Ein weiter Weg hieher, ein weiter Weg. Aber es ist schön durch Gottes Natur zu wandeln, allezeit ist es schön, etwa nicht?“

Es sei schön, durch Gottes Natur zu wandeln, da habe er recht.

Der Mann zog ein großes blaues Schnupftuch aus der Tasche und schnäuzte sich geräuschvoll.

„Das Getreide steht gut, die Kartoffeln sehen gut aus. Ein wenig Regen noch. Nun, der Herr über Mensch und Vieh wird es wohl einrichten.“

Er wickelte das Schnupftuch zusammen, wiegte den Kopf hin und her und lächelte.

Also er sei Ingeborgs Vater. Ingeborg kenne ich doch, wie?

„Gewiß, gewiß!“

„Hm. Der Herr Graf ist ein biederer Mann mit einem Herzen, das Gott gefällt. Er hat Ingeborg zu sich genommen und sie zu einer feinen Dame erzogen — das ist alles schön und recht. Sie hat einen klaren Kopf, Ingeborg, das hat der Herr Graf in der ersten Stunde gemerkt. Wer ist dein Vater? hat der Herr Graf sie gefragt. Er haut Bäume um für die Schiffe und meine Mutter ist aus Dänemark, hat sie ihm geantwortet. Sie gefiel ihm, in Sonderheit ihre Stimme hat ihm recht gefallen — alles schön und recht, es fressen viele Mäuler aus meiner Schüssel. Ein Mensch muß auch etwas wissen in unserer Zeit. Das haben wir nicht im Walde. Alles schön und recht. Ich habe sie nicht gerne hergegeben, aber es war ja viel besser für sie und Eigennutz ist nichts nutz. Nun, nun, nun, ich konnte sie ja auch oft sehen, ich fragte, was mit dem Waldschlag am Weiher sei, ich fragte, was mit der Streu sei, — ich hatte Holz zu fahren — ja, es gab immer dann und wann einen Grund ins Schloß zu kommen, ja, ja, ja, gut.“

„Alles schön und gut“, sagte Fürchtegott Giselher und wiegte den Kopf auf den breiten Schultern hin und her.

„Alles schön und gut, ja ja.“ Fürchtegott Giselher räusperte sich und nahm den dicken Stock in die Hand und schwenkte ihn ein wenig auf und ab.

Er blickte mich an und murmelte etwas in den Bart. Dann blies er durch die Lippen, daß der Schnurrbart flatterte.

„Alles schön und gut, aber zuweilen denke ich, daß es vielleicht besser für Ingeborg gewesen wäre, wenn sie nicht ins Schloß gekommen wäre. Lieber arm bleiben, aber richtig im Herzen, als eine feine Dame werden — nun nun, hm, verstanden?“

„In den Wald, mein Herr, da kommt die Sünde nicht. Hören Sie, Herr, im Walde — ha — dada, was ist im Walde? Was ist im Walde nicht, sage ich. Schweigen, dunkel, grün und ein Specht klopft. So! Ich sitze vor meiner Hütte und es wird Abend. Es gibt keinen Abend in Städten und Schlössern, nur im Walde. Da ist er. Du kannst ihn anfassen, er sitzt neben dir auf der Bank! Es saust im Walde, es duftet im Walde, Harz tropft von den Bäumen. Herr, wie saust der Wald! Ich höre es. Fünfzig Jahre lebe ich im Walde und nun höre ich, wie er saust. Es saust ringsumher. Der Wald spricht! Worte gehen mir durch den Kopf, Worte wie sie in den Büchern stehen. Ich sitze auf der Bank und klopfe mit der Pfeife den Takt. Ich klopfe den Takt mit der Pfeife, ich will die Worte aussprechen — — fort sind sie. Hahaha! Ich bin nur in der Dorfschule gewesen, nur in der Dorfschule — Herr, wo ist der Feiertag so schön wie im Walde? Ich habe ein frisches Hemd an und meine besten Kleider, ich sitze vor der Hütte und horche auf das Rauschen der Bäume. Ah! Hört ihr es? Es säuselt. Die Wipfel verneigen sich. — — Das ist der Herr!! Der Herr geht durch den Wald, und ich höre es. Ich stehe auf, nehme den Hut ab und sage — — Herr?! — Ich höre ihn, höre seine Worte, und ich strecke die Hand aus und spreche zu den Bäumen — zu den — — — ich spreche zu ihnen —“

Der Mann aus dem Walde saß steif und mit ausgestreckter Hand und strahlenden Augen, gerade als ob er zu den Bäumen spräche.

„Es werde Licht! sage ich. Licht! Verstehst du, Sohn des Himmels, was das ist? Licht! Es werde Licht! Ich höre Stimmen, ganz deutlich, ich lausche. Ich höre sie ganz deutlich. — — Ich lausche — — fort sind sie. Das ist der Wald.“

Und Fürchtegott Giselher sprach noch lange über den Wald, er sagte, daß am Sonntag alte Männer und Frauen zu ihm kämen und er ihnen die heilige Schrift auslegte. Woher habe er aber diese Gabe, die heilige Schrift auszulegen? Von Gott und vom Walde! Dann rückte er auf dem Stuhle zurecht und sagte: „Ich bin von Gott geschickt, um dir das zu sagen. Es ist noch Zeit umzukehren. Bei den Büchern und nackten Frauen an den Wänden ist Sünde, im Walde ist Gott. Zwischen dir und mir ein Abgrund, mein Freund!“

Seine Augen funkelten, er zog auf dem Boden einen Strich mit dem Stock. „Hier arm, hier reich, hier Gott, hier Teufel. Jawohl!“ Er schüttelte den Kopf, daß seine Haare flatterten, und fuhr in erregtem Tone fort: „Die reichen Leute sind für die Hölle. Reich und gottlos ist ein Ding. Meine Tochter wurde reich, nun, ich ließ sie nicht von mir und ihrer Mutter, auf daß sie auch gottlos werde! Sie hat arme Eltern, die im Walde wohnen, da kann sie nicht gottlos werden, nein!“

Hier nahm ich das Wort. Das sei sie doch wohl nicht geworden?

„Nicht!?“ Fürchtegott Giselher lachte grimmig.

„Nicht, du Sohn der Sünde? — — Ja, Gott hat seine Posten überall ausgestellt. Ich habe einen Brief bekommen von einem Unbekannten —“

„Gewiß,“ sagte ich, „Ingeborg ist meine Braut.“

„Hahaha! Mein Freund, auch Maren war meine Braut! Braut, was sagst du, hahaha. Freund, sage ich dir, jung und schön war Maren, aus dem fernen Dänenlande, sprach so sonderbar, sang wie ein Vogel. Oft kam der Teufel zu mir und wollte mich verlocken. Niemand sieht es, sagte er, sieh wie es die anderen treiben! Aber — ha, acht Jahre haben wir gewartet! — Braut, das ist etwas ganz anderes!“

Vater Giselher lachte, rückte auf dem Stuhle hin und her und legte beide Hände an den dicken Stock.

Ja, deshalb sei er gekommen, Gott freue sich über jedes wiedergefundene Schäflein. Er wolle wissen — er wolle wissen —

Ich lächelte. „Wir werden uns wohl verständigen können“, sagte ich.

Ich beruhigte ihn, so gut ich konnte. Ich wolle mit Ingeborg sprechen.

Alles was er wünsche solle geschehen.

Vater Giselher nickte mit dem Kopfe.

„Ich sehe mit dir läßt sich reden, mein Sohn, gut!“ Er stellte den Stock in die Ecke.

„Ein schöner Tag!“ sagte er, tief aufatmend. „Kostbare Dinge in diesem Zimmer da!“

Nun könne er mir wohl die Hand geben? „Nun schon!“ Vater Giselher drückte mir die Hand.

Wir verlebten einen schönen Nachmittag und Abend zusammen, Vater Giselher und ich. Vater Giselher wollte nicht bleiben, aber ich verstand es ihm zuzureden. So blieb er bis zum Abend und schließlich bis Mitternacht.

Ich liebte ihn. Wäre er nicht Ingeborgs Vater gewesen, so hätte ich allein schon diese Eiche aus dem Walde lieb gewonnen, aber so war er noch dazu Ingeborgs Vater. Und Ingeborgs Vater hätte ich unter allen Umständen geliebt, er hätte ein zwölffacher Raubmörder sein können, ja sogar ein Taschendieb.

Wir plauderten, aßen und tranken. Vater Giselher lehnte jeden Wein zuerst mit einer schroffen Handbewegung ab, aber als ich ihm sagte, daß sogar Jesus Christus nichts gegen das Weintrinken gehabt habe — habe er nicht auf der Hochzeit zu Kana Wasser in feinsten Wein verwandelt? — ließ er sich bewegen. Er trank den stärksten Wein wie Wasser und ich hatte meine Freude an ihm.

Er sprach, sprach von Ingeborg und wie sehr er sie liebe, mit feuchten Augen sprach er. Er sprach von der Welt und wie schlecht sie geworden sei. Er spie voller Verachtung auf den Boden.

„Nun, du mußt wissen, daß ich ein Blatt lese, der Weinstock und die Reben heißt es, der Pfarrer von Heiligenbrunn schickt es mir immer zu, da steht es drinnen, wie schlecht und gottlos die Welt geworden ist. Eieiei — eiei! — Sollte man es für möglich halten? Ein unglaublich verrückter Mann hat behauptet, daß Gott gestorben ist! Gott ist gestorben — wie — aber dieser Narr lebt noch! Er hat es gesehen, daß Gott gestorben ist, er hat ihm die Augen zugedrückt, natürlich! hahaha! Und dabei steht doch schon in der Bibel: ewig, ewig, ewig ist der Herr Zebaoth! Dada! —“

Zum Beispiel sei wiederum so ein falscher eitler Schriftgelehrter und Pharisäer aufgestanden und habe behauptet, jenes Wunder auf der Hochzeit von Kana sei erfunden. Haha! Aber ein Mensch, der Tote auferwecken könne, könne doch auch Wasser in Wein verwandeln? Jedes Kind begreife das!

Wie klug diese Pharisäer doch seien! „Der Herr aber ist allmächtig, er kann meinen Stock in ein Huhn, uns zwei in Gerstenkörner verwandeln, und das Huhn frißt die Gerstenkörner auf. Niemand wird glauben, daß der Stock uns gefressen hat, und doch ist es so. Ja, bei ihm ist kein Ding unmöglich!“

Vater Giselher sprach und sprach, aß und trank. Immer wieder sprach er vom Walde und daß Worte durch seinen Kopf klängen, sodaß er sie fast greifen und festhalten könne. Allmählich nannte er eine Menge von Namen, die mir natürlich fremd waren, er fragte dies und jenes, fragte mich auch, ob ich glaube, daß Peter von der Gaschmühle das Mehl gestohlen habe, oder nicht.

Nein, ich glaube es nicht.

Auch Vater Giselher glaubte es nicht. Nein, nie und nimmermehr, denn er hätte doch Peters Vater gekannt, den ein Baum erschlagen habe in jener Sturmnacht vom 3. November 1867. Ob ich je wieder einen solchen Sturm erlebt hätte?

„Haha! Was für ein Wetter, eiei!“

Vater Giselher ahmte das Brüllen des Sturmes nach, das Krachen der Bäume, das Pfeifen der Zweige, das Schwanken der Tannen. Die Zweige der Bäume stellte er durch die ausgespreizten Finger dar, er ließ sie auf und abschwanken und stieß einige Gläser dabei um.

„Was aber nun das Sonderbare ist, dieser Peter hat das Mehl doch gestohlen, Tatsache! Er hat es selbst eingestanden, zwei Monate hat er bekommen!“

Plötzlich hob Vater Giselher den Finger in die Höhe. Der Wald sauste.

Ein Lächeln verklärte sein bärtiges braunes Gesicht und er bewegte die Lippen und klopfte mit der Pfeife den Takt auf dem Tische.

„Jaja, es leben viele Wunder im Walde“, sagte er dann vor sich hin. „Niemand weiß, weshalb die Eiche knorrig sein muß und die Tanne schlank, weshalb das Rotkehlchen eine rote Kehle hat, niemand weiß das. Warum sind die Leute im Walde gottesfürchtig und gottlos die in den Städten? Antwort? haha!“

Um Mitternacht brach Vater Giselher auf. Ich bot ihm den Wagen an, ich wollte ihn selbst nach Hause fahren.

Nein nein!

„Wenn mir Gott Füße gemacht hat, weshalb soll ich denn fahren? Das ist wider den Sinn. — Nun also, wie es ausgemacht ist: vor Gott und dem Gesetze.“

„Ich werde mit Ingeborg sprechen.“

Vater Giselher ging mit großen Schritten den Berg hinunter und schwang den Stock, daß Funken aus der Straße fuhren. Dann begann er mit lauter Stimme einen Choral anzustimmen. Der Wald hallte. — — —

Am andern Tage traf ich mit Ingeborg im Walde zusammen und ich sprach mit ihr. Mein Herz zitterte, wollte sie doch ja sagen!

Ingeborg senkte den Kopf und blickte auf den Weg.

Daran habe sie nicht gedacht, nein.

Sie zuckte zusammen. „Ja, wer hat ihm denn den Brief geschrieben?“

Unsere Blicke begegneten sich.

Ingeborg erblaßte. — „O,“ rief sie aus und schlug die Hände vor das Gesicht, „welch ehrlose Menschen es doch gibt, pfui, pfui!“

„Sein Unglück hat ihm den Verstand verwirrt,“ sagte ich. „Er wäre gewiß nie einer solchen Schlechtigkeit fähig gewesen. Denke daran, wie tief du ihn getroffen hast.“

„O, wie schlecht, wie schlecht!“

„Die Verzweiflung macht sinnlos, Ingeborg. Schlecht ist er erst geworden.“

Ingeborg sah mich an und ihre Augen strahlten. „Du, du, du bist gut, Axel! Er ist dein Rivale und doch verteidigst du ihn. Du bist gerecht. — Ja, Axel denke nicht, daß ich dich nicht liebe, weil ich nicht gleich ja sagte. Ich wollte deine Geliebte sein, deine wilde Geliebte, die aus dem Walde kommt. So schön war es. —“

„Du kannst es ja bleiben, trotzdem.“

„Du sollst mich immer als deine Geliebte betrachten, Axel. Als nichts anderes!“

„Ja, Ingeborg.“

13

ommer! Unser Sommer. Wir wohnen hoch oben über dem Tale, wie Vögel in ihrem Horste. Wir fühlen uns stolz und frei, etwas vom Stolze und dem königlichen Gefühle der Adler ist in uns gekommen. Tief unten das kleine Tal, Berge, Berge, Wälder, Wälder, soweit wir blicken können. Viele Stunden weit reicht unser Blick, bis zu den fernen hellblauen Höhenzügen, die den weiten Himmel tragen. All das was wir sehen ist für uns zu einem Gesichte geworden, in dem wir lesen, lächeln kann das Gesicht, schmunzeln, es kann hilflos aussehen, es kann vor Zorn und verhaltener Wut beben, todtraurig kann es sein, gleichgültig. Es kann ein Zittern der Rührung über dieses Gesicht rieseln, wenn die feurigen Boten der Sonne am Morgen über den Himmel schweben, das Gesicht kann voller Sehnsucht der scheidenden Sonne nachblicken, verzweifeln, wenn die Sonne gesunken ist, sterben.

Der Mond kommt und kitzelt es, es lächelt, es kichert.

Wie schwebte der Mond in diesem Sommer empor! So frei und stolz und königlich still. Erstaunt sah er zuweilen aus, zuweilen lächelnd wie ein Verschwender, glänzend, als käme er aus dem Bade. Es ging ihm gut. Er blendete wie ein Spiegel aus Silber, in den die Sonne fällt. Alle Sterne waren am Platze, funkelten, er lächelte überlegen.

Die Lerche sang und trillerte in diesen weißen Nächten.

Die Sonne schüttete brennenden Wein auf die Erde, jeden Tag. Es regnete Sonne, in hellen dampfenden Bächen floß sie die vielen Wege und Pfade ins Tal hinab. Ein Dampf von Sonne lag über den Wäldern, ein roter Dampf, in dem lauter kleine Sonnen zitterten. Man mußte die Augen scharf machen und das Licht mit der Hand abblenden, wollte man durch diesen Sonnennebel hindurchspähen. Dann sah man tief unter den schlummernden Wäldern etwas Blitzendes, eine Schlange aus Quecksilber, das war der Fluß. Etwas blitzte, es zappelte, regte sich, das waren Leute, die auf den Feldern arbeiteten.

Es summte, brummte. „Horch!“ sagte Ingeborg. Ja, ich hörte es, es war als ob irgendwo in großer Entfernung eine Dreschmaschine surre. Das war der Sommer.

Der Frühling klingt, der Sommer surrt, der Herbst klagt und murmelt, der Winter schweigt.

Die Wälder schliefen, sie lächelten im heißen Schlafe, heitere Träume hatten sie, der Boden war heiß, als würde Brot auf ihm gebacken. Traten wir plötzlich auf eine Lichtung, so stand das Licht vor uns wie eine Mauer, wir prallten zurück. Die Luft zitterte und farbige Feuerchen tanzten über den Gräsern.

Die Erdbeeren wurden rot, das Korn golden und die Menschen braun. Der Schweiß stand auf ihren Stirnen, in den schweißigen Augen kochte die Sonne. Langsam stiegen die Bauern die Bergstraße herauf und sie blieben oft stehen und fuhren sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Die Bergstraße war schneeweiß, mit hohem Staube bedeckt, und es ging sich auf ihr wie auf Samt. Die Spuren vieler nackter Sohlen hatten sich in ihr abgeprägt, ganz deutlich wie in Mehl.

Das Haus funkelte golden hinter den Kastanien hervor, in seinen Fenstern brannten helle Feuer. Die Wiese stand hoch und unaufhörlich wimmelte sie von Faltern in allen Farben. Ging man durch sie hindurch, so flatterten sie ringsum in die Höhe und es war als verfolgten sie einen. Prächtige Trauermäntel saßen häufig auf der heißen Treppe und sonnten sich.

Im Hause war es heiß und die blendendweißen Korridore mit den vielen Türen waren die einzig kühlen Orte des Hauses. In den Zimmern war es meistens dunkel, da die Läden geschlossen werden mußten. Steckte man einen Finger durch den Fensterladen, so konnte man fühlen, wie die Sonne ihn röstete.

Am schönsten war es im Parke. Der Park war verwildert, alt, einem Urwalde nicht unähnlich mit den dicken bemoosten Bäumen, die von allerlei Schlinggewächsen umsponnen waren. An vielen Stellen vermochte die Sonne nicht durchzudringen, sie stach mit scharfen Nadeln durch das Laub, aber sie hatte nicht die Macht, diese Dunkelheit zu zerstören. Hier war es kühl und feucht, moderig. Alle Wege des Parkes waren verwachsen und man mußte sich mit den Ellbogen Bahn schaffen. Es gab nur einen langen Hauptweg, der zum Schlosse führte. Wie ein Bach floß die Sonne im Zickzack in seiner Mitte. Hier befand sich ein Brunnen, ein rundes Becken, in dem eine dicke kurze Säule Wassers sprudelte. Diesen singenden murmelnden Brunnen, über dem immer Kühle schwebte, liebte Ingeborg ganz besonders. Sie konnte stundenlang auf seinem Rande sitzen und die Hände in das kühle grüne Wasser tauchen und das goldene Netz betrachten, das auf dem Grunde des Beckens zitterte. Es entstand durch die Brechung des Lichtes mit den kleinen Wellen, die ohne Aufhören zum Rande des Beckens eilten, und schien nach Ingeborgs Händen zu haschen.

Da saß sie und träumte, dann wandte sie sich plötzlich nach mir um und lächelte fein und voll unsäglicher Liebe. Ihr Lächeln glänzte zuerst in den Augen, dann glitt es über die Lippen. Die Lippen öffneten sich und ihre Zähne lächelten, ihre Wangen überzog ein besonders gütiges, beinahe kindliches Lächeln.

Dann sprach Ingeborg mit verträumter, weicher Stimme: „Höre wie der Brunnen rauscht!“

Sie deutete mit der Hand die Allee hinunter. Etwas Weißes schimmerte dort im Sonnenlichte, die Treppe, die ins Haus führte. Und sie sprach: „Dort wohnen wir!“ Wie im Traume sagte sie es.

Und ich ging näher, legte die Hand auf ihre Schulter, so leicht es ging und sagte: „Ich liebe dich, Ingeborg.“ So leise es ging.

Ingeborg erwiderte nichts darauf, sie lächelte zu mir empor, nahm meine Hand und legte sie an ihre Brust.

Fühlst du? fragte ihr Lächeln.

Und mein Lächeln antwortete ihr, daß ich es wohl fühlte.

Hörst du, was mein Herz sagt? fragte ihr Lächeln.

Und mein Lächeln antwortete ihr, daß ich wohl hörte, was ihr gütiges, herrliches Herz sagte.

Ingeborg, Ingeborg, wie soll ich doch dein Herz nennen? — —

Ingeborg wohnt in den weißen Zimmern des Schlosses, die gegen Sonnenaufgang gehen. Ich höre sie singen, hell und rein ist ihre Stimme und kräftig, die Wände klingen, und der Wald hallt wie von geschwungenen Glocken, wenn sie drinnen im Walde singt.

Ich sehe auf meine Türe. Da steht: Gehst du, Ingeborg? Und außen an der Türe da steht: Willkommen Ingeborg!

Ich schlafe ein, fünf Minuten schlummere ich, ich erwache, ein großer Brief mit fünf roten Siegeln ist angekommen, oder ein Paket mit Blumen und einigen hübschen Kieselsteinen.

Briefe schwirren hin und her, obschon wir fast stündlich beisammen sind. Aber immer gibt es noch etwas zu sagen, man hat es vergessen, man kann es nicht aussprechen. Es kommt ein Buch mit einer angestrichenen Stelle, oder auch nur ein weißes Blatt Papier, ganz leer, nichts steht darauf, aber näher zugesehen findet man eine kleine matte Stelle.

Ingeborg geht in den Wald, um Blumen zu pflücken, ich sage: eigentlich habe ich nichts zu tun, Ingeborg, ich gehe mit.

Ich gehe um den kleinen See herum, der mitten im Parke liegt. Da kommt Ingeborg daher.

Wohin gehst du, Axel?

Ich gehe um den See herum!

Ich habe ganz den gleichen Weg!

Ich lese aber dieses Buch.

Ich lese ganz das gleiche Buch!

Ich erwache des Morgens, ein Mund küßt mich, Ingeborg steht vor mir zerzaust und naß vom Tau, Blumen in der Hand.

Wo warst du?

Ich schlief im Walde, o herrlich war es. Ich habe oben im Bach gebadet!

Viele Nächte schläft Ingeborg im Walde, oft bekomme ich sie Tag und Nacht nicht zu sehen. Ich sitze und tue nichts, ich warte auf sie. Mein Herz klingt und singt. Mein Sinn wird dunkel — ich fühle, daß sie nun kommt. Da kommt sie aus dem Walde. Pazzo begleitet sie. Er ist von mir zu ihr übergegangen.

Danderadei — danderadei — singt sie und schwingt den Strauß in der Hand. Es klingt wie Fanfaren.

Meine Hände beben, meine Füße zittern, ich gehe ihr entgegen, mit feuchten Augen gehe ich ihr entgegen und ich gehe langsam, weil meine Knie zittern. Außerdem würde ich ja springen, sausen. O, du Herrliche! denke ich, ich flüstere es.

„Ich fand etwas im Walde!“ ruft Ingeborg. „Sieben Zettelchen. Du hast sie geschrieben, Axel! Erst fand ich eines. Ich lese: Ingeborg. Axels Hand, denke ich. Ich suche und finde ihrer sieben. Vergilbt sind sie, aber doch kann ich sie noch lesen. Wann schriebst du sie?“

„Ich schrieb sie einige Tage, nachdem du auf der Höhe mit mir gesprochen hattest, Ingeborg! Ich schrieb viele, viele und streute sie in den Wind.“

„Axel, Axel!“

Ich lasse die Pfeife in das Gras fallen, um unauffällig niederknien zu können vor ihr.

Oft fassen wir uns an den Händen und laufen über die Wiese — durch den Wald und schreien und lachen. Huriho! Hurihohoho!