Groß und weit ist meine Seele geworden. Ein ganzer Weltenraum ist meine Seele nun, voll wiegenden Lichtes. Meine Seele zieht ihre Kreise immer weiter. Ich entdecke mich. Ich staune, staune über mich selbst, bin verwundert über mich selbst. Ich sitze und sehe in mich hinein, blühendes Chaos, wiegende Wunder, Licht und Purpur und sanfte Musik. Ich breite die Arme aus und sehe in den Himmel hinein, nie sah ich tiefer in die Unendlichkeit des Blaus.
Ich breite die Arme aus . . . Da du so schön bist, du großer Gott, wie gütig mußt du sein!
Ich höre mein Blut klingen, es ist rot, funkelt, hat Feuer angezündet, es lacht durch meinen Kopf, es klingt gegen meine Hirnschale, Licht fährt aus meinen Augen.
Ich fühle wie mein Herz das Blut in die Adern schleudert, es rauscht, eine sprudelnde Quelle von Blut bin ich.
Ich fühle das Leben um mich her. Das Leben in einem Halme, einem Blatte, die Säfte pochen, der Halm erschauert, eine Blume schwankt, zuckt vor Wollust zusammen, sie gibt sich hin.
Ingeborg hat den Finger an mein Herz gelegt, da begann es zu schlagen, und nun schlägt es, schlägt es!
Es sind erstickte Schreie der Wonne in mir, mein Blut schreit und ich zucke zusammen — ja — — —
Es gab Stunden, da flocht Gott unsere Seelen zusammen zu einem Wesen. Ein Lächeln entdeckte uns alles was in des andern Brust vorging, wir fühlten es, die Worte brauchten wir nicht. Ich empfand Ingeborgs Stimme als meine Stimme, und Ingeborgs Atemzug war mein Atemzug. Dann brach in meinem Kopfe ein zweites Auge auf, ein schärferes, und dieses Auge blickte hinein in eine zweite Welt, deren Ahnung mich erschütterte.
Wir saßen im dunkeln Zimmer und sahen zu, wie sich eine Blume öffnete. Es war eine weiße Lilie. Sie schälte sich aus ihren Häuten, sie sprengte langsam die Knospe, die Blätter sanken herab, müde befriedigt, voller Lächeln, voller Weinen und Hoffen.
Es dauerte Stunden, bis die Lilie sich entfaltet hatte. Wir erlebten sie. Es war als steige Gott mit dem Dufte aus dem Kelche, als jubele es ringsum, als habe diese kleine Blume eine Erschütterung, eine Veränderung der Welt hervorgerufen. Die Welt hatte einen Schritt vorwärts gemacht und wir fühlten ihn. Keine Blume konnte aufgehen, kein Vogel aus dem Ei schlüpfen, ohne daß alles was lebte, es fühlte, es miterlebte.
Oft eilt ein leises Lachen durch mein Blut, in Stunden, da ich traurig bin, ich weiß wohl woher es kommt, dieses leise Lachen.
Zuweilen erzählte Ingeborg.
„Hoho!“ lachte sie, „das war noch schön!“ Dann lachte sie noch eine Weile für sich und dann begann sie. Sie erzählte immer vom Walde. „. . . . . da stand eine alte, alte Tanne, an der das Moos nur so herunterhing wie graue Bärte. Ich sah sie oft lange an. Einmal nun, da klopfte ich an die Tanne — warum? — das weiß ich nicht mehr. Was meinst du? die alte Tanne sprach! Gott, Axel, ich habe, habe es gehört. Sie sprach mit einer tiefen, tiefen Stimme, wie ein Faß: Willst du Zapfen haben? Dann schüttelte sie sich und es kamen viele, viele Zapfen herunter.“ Tausend solcher Geschichten erzählte sie.
„. . . Da schickten sie mich in die Stadt, weil ich etwas lernen sollte. Ich träumte immer vom Walde. Einmal da träumte ich von einer großen Lichtung, die von Erdbeeren ganz übersät war. Ja, nie habe ich soviele Erdbeeren gesehen. Ich bückte mich, sie fielen herunter, alle, alle, alle, es sah rot im Grase aus, es klebte . . . In der Stadt hielt ich es ein Jahr aus. Dann kam ich zurück. Höre Axel, wie erschrak ich! Der Wald kannte mich nicht mehr. Er zürnte mir, o, wie sah er mich an! Ich weinte. Dann kam ich auf eine famose Idee. Sie schmückten mich in dieser Zeit so. Ich nahm die Kette aus den Haaren, zog mein ältestes Kleid an, zog die Schuhe und Strümpfe aus, brachte mein Haar in Unordnung, und nun lief ich in den Wald hinein und schrie wie toll. Solltest du gesehen haben, Axel, Axel, hoho! Ja, er kannte mich wieder . . .“
„Einmal wieder, da kam ein Mann durch den Wald, ich habe vergessen, wie er aussah, er lächelte und hatte helle Augen. Ich ging mit ihm ein gutes Stück Weges. Er küßte mich auf die Stirne. Ich dachte, ich sei mit Jesus Christus gegangen, und später als ich erfuhr, daß Jesus Christus vor langer Zeit gelebt hatte, trauerte ich. Aber einige Jahre darauf glaubte ich doch wieder, daß mir Jesus Christus begegnet sei und es wurde so licht in meiner Seele —“
„Und jetzt?“
„Frage nicht, Guter!“ Sie brach in Weinen aus und bettete den Kopf an meine Brust.
Nach einer Weile, da sie sich ausgeweint hatte, flüsterte sie: „Du bist der Mann im Walde gewesen, du! Ich erkannte dich wieder, als ich dich zuerst sah. Gehe hin, rede, hilf ihnen, den armen Menschen!“
14
Ich erzähle von meinem Glücke, es ist schön, für mich ist es schön. Nun, seid gütig, laßt mich fortfahren. Ich könnte ja immerzu — tausend Nächte . . .
Wüßtet ihr, wie schön es ist an diese Dinge zu denken! Es lacht in mir, es jubelt in mir, zuweilen laufe ich im Kreise herum, ich weine vor Freude. Oft ist die Freude der Erinnerung größer als der Schmerz, daß all das vergangen ist, und das ist es, weshalb ich erzähle. —
Dies sind die Tage der hohen Feste. Ihr Glanz ist noch um mich und verklärt mir einsame Stunden.
Alles wird Religion, Religion wird alles.
Die Worte ändern den Sinn, die alltäglichsten Worte sind zu Rätseln geworden.
Wir speisen zu Mittag und sprechen alltägliche Worte.
„Das Brot, Lieber!“
„Ja, das Brot, danke. Liebste.“
Was für Worte sind das? Es sind alltägliche Worte, ja, aber es sind verkappte, rätselhafte Worte. Sie heißen: ich liebe dich, Lieber. Sie heißen: ich liebe dich, Liebste.
Aber wiederum, was sind das für Worte? Es sind verkappte, rätselhafte Worte. Sie heißen: Welt, Leben, Tod. Sie heißen: Gott, Ewigkeit, Erlösung. Aber wiederum, was sind das für Worte? Verkappte, tiefe, tiefe Worte. Sie heißen, wer nennt sie?
„Du nimmst Wein, Liebste?“
„Ja, danke.“
„Roten, weißen?“
„Ja, roten, weißen?“
Du nimmst Gift? Ja, ich nehme Gift. Du nimmst ein Glas Tod? Ja, ich nehme ein Glas Tod.
Alle Worte ändern den Sinn.
Wir gehen durch den Wald. Ein Wunder ist der Wald, ein Wunder rauscht durch den Wald. Wir gehen durch die Felder, die Wiesen, ein Wunder sind die Ähren, ein Wunder die kleinste Blume. Alles wird zum Wunder.
„Wir wollen sehen wie die Sonne untergeht, Axel.“
Die Sonne sinkt hinter die Berge.
„O, o!“ Ingeborg preßt die Hände auf die Brust, ihre Augen schimmern.
Es durchschauert mich.
„Axel, der Mond kommt herauf!“
„O, o! Sieh ein kleiner Stern begleitet ihn! Ein großer goldner Stern funkelt dort über den Tannen!“ Sie hat Tränen der Verzückung in den Augen.
Ein Wunder Stern und Mensch — — — —
Ob die Tage schöner sind als die Nächte, ob die Nächte schöner sind als die Tage, wer vermöchte das zu sagen?
Niemand!
Einigemal in der Woche kommt Graf Flüggen angefahren. Er breitet die Arme aus, sieht er Ingeborg, er winkt mit dem Taschentuch, rollt der Wagen in den Wald zurück.
„Du hast mir alles genommen, Axel!“ sagt er zu mir, er zürnt mir im Geheimen. Er geht gebückter, er wird nun plötzlich wirklich alt.
Der Sinn schwindelt mir, denke ich an mein Glück.
Wiederum schrieb ich an Freund Bluthaupt. Komme, komme, schrieb ich. Ich bin glücklich, alles jauchzt in mir. Komme, ich bin verändert, verzaubert und verhext, komme, du wirst deine größte Überraschung erleben — — —
Eines Nachmittags kam Harry Usedom mit einem zerbrochenen Wagen vor mein Haus.
Ich saß auf der Treppe, ließ mich von der Sonne braten, ich wartete auch auf Ingeborg, die im Walde war.
„Ich habe ein kleines Unglück gehabt!“ sagte Harry Usedom.
Die Deichsel des Wagens war zerbrochen. Der Wagen umgestürzt.
„Haben Sie sich verletzt?“ fragte ich ihn. Er war über und über mit Staub bedeckt.
„Nein,“ sagte er und lächelte. „Ich fiel nur auf die Straße. Es ging gut ab.“
Ich bat ihn einzutreten, bis die Knechte den Schaden ausgebessert hätten.
Wir saßen in meinem Zimmer und plauderten.
„Sie haben herrliche Gegenstände hier,“ sagte er und betrachtete alles mit kindlicher Freude. Er sah immer noch bleich aus, aber er ging aufrecht und sprach frei und heiter. Sein Blick fiel auf die Türe, wo die Worte standen: Du gehst Ingeborg? er zuckte zusammen, starrte die Worte an, wurde rot. Dann sammelte er sich wieder und sprach über die Gegenstände, die in meinem Zimmer standen.
Er sprach über jeden einzeln, ließ sich seine Geschichte erzählen, lächelte, hörte aufmerksam zu, aber seine Gedanken wanderten. Der Wagen war ausgebessert.
Harry Usedom ging nicht.
Er sprach weiter über Vasen und Schalen, dazwischen ging er an den Flügel und schlug einige Akkorde an. Er sprach, lachte leise und dazwischen horchte er. Ob ich eine Geige habe? Ich brachte sie ihm und er griff hastig danach und spielte. Er ging langsam hin und her, während er spielte. Er riß in den Saiten, er sang. Seine Augen leuchteten, sie wurden trüb, sein Gesicht spielte mit. Ich verstand wohl was er spielte.
Mitten in seinem Spiele trat Ingeborg ins Zimmer.
Ihr Gesicht glühte, ihre Augen schimmerten licht und blau. Pazzo kam mit ihr herein. Er bellte und knurrte und wollte auf Usedom losfahren.
Usedom hörte augenblicklich auf zu spielen. Er legte die Geige auf einen Stuhl. Dann nahm er sie vom Stuhle und legte sie auf den Flügel. Seine Hand zitterte, so daß die Geige klapperte, während er sie auf den Flügel legte.
„Du hier?“ sagte Ingeborg und streckte ihm die Hand hin.
„Wie geht es?“
„Danke!“ sagte er und es zuckte um seinen Mund. „Ich habe einen kleinen Unfall gehabt mit dem Wagen. Die Deichsel ist gebrochen. Ich verhielt mich etwas hier, wir plauderten — ich bin noch bestaubt — verzeihe — dann spielte ich ein wenig Geige — es war so traulich hier, ich bin immer allein —“ Er stockte, verneigte sich leicht. Er blickte Pazzo an, mit gütigen Augen blickte er ihn an. Er streichelte ihn.
„Bleibe doch, Harry. Spiele weiter.“
„Danke,“ sagte er, „du bist so gütig, so gütig Ingeborg. Ich danke dir von ganzem Herzen — ich will spielen, wenn du es wünschest — sehr gerne —“ Er griff nach der Geige, nahm sie aber nicht.
„Nein,“ fuhr er fort und schüttelte den Kopf, „ich kann nicht spielen, ich kann jetzt nicht spielen — ich erlebe so viel, was ist das für ein Augenblick! Du bist gut — alles stürzt über mich.“ Er schloß die Augen, seine Wimpern wurden feucht.
„Harry!“ sagte Ingeborg gütig zu ihm und berührte seinen Arm.
Da nahm er ihre Hand von seinem Arme, und er stürzte in die Knie.
„— — — nur einen Augenblick — einen Augenblick. Ingeborg —“
Ingeborgs Augen füllten sich mit Tränen, sie lächelte.
„— — — nur einen Augenblick — einen Augenblick, Ingeborg —“
Schluchzen erstickte seine Stimme.
Er stand auf und lächelte, das Gesicht naß von Weinen.
„Verzeihung!“ sagte er, er lächelte wie ein glücklicher Knabe und ging. — — —
„Horch!“ sagte Ingeborg.
Unsere Blicke begegneten sich. Im Walde sang eine Geige. Die Geige jubelte und klang. Es war ganz still und die Geige klang so deutlich zu uns herein, als sänge sie dicht unter dem Fenster. Nie in meinem Leben hörte ich solch ein wunderbares Lied. Das weinende Glück war es.
Ingeborg saß regungslos und blickte mit großen Augen vor sich hin. Dann begann sie zu weinen, sie weinte unaufhörlich in ihre Hände, und das Weinen erschütterte ihren ganzen Körper. Ihre Schultern zuckten.
Das Lied der Geige entfernte sich, es erstarb in der großen Stille.
„Verzeihe, daß ich weinte,“ sagte Ingeborg.
Verzeihe, daß ich weinte, sagte sie!
In drei Nächten erklang die Geige im stillen Walde.
Dann hörten wir sie nicht mehr. Einige Tage darauf kam aus dem fernen Süden eine Karte, sie war an uns beide adressiert. Dank! stand darauf. Sonst nichts.
15
Eines Tags traf Karl Bluthaupt, der Dichter, ein. Das heißt, er kam mitten in der Nacht, hatte alle Züge versäumt, mit vielem Hallo und Lärm weckte er uns aus dem Schlafe.
Nun lebte er oben in den Giebelzimmern des Schlosses und arbeitete Tag und Nacht. Zuweilen kam er zu uns herunter, er lachte, strahlte, berauscht von seinem Werke, dann und wann sah ich ihn im Hofe stehen und mit einer zierlichen hübschen Magd eine Unterhaltung führen. Dieses Gespräch war weithin hörbar und der Wald gab Echo, lachte er. Wiederum konnte er uns begegnen, eine Falte in der Stirne, zerstreut, er grübelte über seinem Werke.
Er war groß, um einiges größer noch als ich, breitschulterig, knochig, er nahm große Schritte beim Gehen. Seine Haare waren dunkelrot, wie Kupfer, wirr, er hatte eine Habichtsnase, dunkelblaue Augen und einen immer offenen, immer lächelnden Mund. Er sah aus wie ein Sänger vergangener Zeiten, der am Tage hinter dem Pfluge einherschreitet und des Abends in der Halle vor den Frauen singt. Sein Wesen war schwer zu erkennen, viele Widersprüche waren in seinem Wesen, er war sehr stolz und doch schüchtern, seine Forderungen waren hart, grausam und doch war er weichherzig, er konnte wie ein Kind sein, tanzen, lachen, es gab Stunden, da war er düster, ernst, es zuckte in seinen Augen, seine Züge fielen ein, er redete sonderbare tiefe Worte, der Geist kam über ihn, er sprach mit sich selbst, mit einem Unsichtbaren. Dann ging er in sein Zimmer und arbeitete. Er konnte von der Arbeit kommen, müde, glücklich bis zur Ergriffenheit, dann sprach er mit feuchter weicher Stimme.
Er war geistig und körperlich mutig bis zur Verwegenheit, immer gut, immer edel, er verlangte nichts von den Menschen, nie, nein. Und gab ihnen immerzu, alles!
Ich liebte ihn. Stundenlang könnte ich von ihm sprechen, wenn einer es anhören möchte.
Ja, er kam mitten in der Nacht, durchnäßt bis auf die Haut, es regnete diese ganze Nacht.
„Hallo!“ rief es.
Ich schnellte in die Höhe, das Blut schoß mir in den Kopf, das war er, dort stand er. Drei Jahre hindurch hatte ich auf ihn gewartet. Ich erkannte seine Gestalt wieder, ich hatte sie ja nicht vergessen gehabt, aber ich erkannte sie wieder. Ich erkannte seine Hand wieder, den Druck seiner Hand erkannte ich wieder. Sie war schmal und knochig, wie ein Skelett fast, Freund Bluthaupts Hand.
„Dir geht es ja gut, verdammt gut!“
Ich erkannte seine Stimme wieder. Wie ich sie liebte, diese kräftige, etwas bäuerische Stimme!
Natürlich ging es auch ihm gut. Immer ging es ihm gut, er konnte am Verhungern sein, er konnte mitten in der Verzweiflung leben; es geht mir gut.
Ich ging rasch zu Ingeborg. „Karl ist da,“ sagte ich zu ihr, lachte und ging sofort wieder hinaus.
Ich ging rasch den Korridor zurück, der Regen trommelte gegen die Scheiben, es war ein wohliges Gefühl, ich fühlte alle Tropfen auf meinem Leibe.
Dann kam Ingeborg. In ganz unglaublich kurzer Zeit hatte sie sich angekleidet. Sie trug ihr schönstes Kleid, es war ganz weiß und schmiegte sich um ihren Körper, sie hatte die Schuhe aus Wieselpelz an, die ich für sie ersonnen hatte, eine Rose trug sie an der Brust und eine in der Hand. Die gab sie Bluthaupt. Ihre Augen waren feucht, sie sprach nichts.
Haha, ja, er war überrascht, ich muß es sagen. Er wurde rot und dann blaß, da sah er sehr schön aus.
Ingeborg bot ihm die Rose, wie ein Kind einem Landesherrn eine Rose überreicht, sie neigte den Kopf dabei zurück, ganz gebogen stand sie da.
Er nahm die Rose, gab ihr die Hand, stotterte etwas.
Er habe keine Ahnung gehabt — nicht die leiseste Ahnung — er bitte um Entschuldigung, aber alle Züge seien früher abgefahren, als man annehmen konnte.
Ich amüsierte mich sehr in dieser Nacht, ich war so glücklich, daß ich mich herzlich amüsieren konnte. Ingeborg blickte Bluthaupt an, seinen Mund, seine Stirne, seine Hände, sie lauschte, wenn er die Lippen öffnete. Er sprach solch einfache Worte.
Sie hatte noch keinen Dichter gesehen und gehört. Sie dachte, die Dichter trügen Rosen in den Haaren und sprächen in Versen. Ich stelle mir die Dichter vor wie etwas Wehendes, etwas Goldenes, so sagte sie einmal.
Wir hatten Bluthaupts Bücher gelesen, zusammen, Kopf an Kopf. Ingeborg sagte: er kennt mich und deutete auf ihr Herz. Wie er die Menschen doch kennt! — Bald wird er kommen, Ingeborg. — Ja, was sage ich zu ihm?
Und nun saß er vor ihr, sie konnte ihn nicht verstehen, sie konnte durch keines seiner Worte, keine seiner Mienen eindringen in ihn, sie grübelte, sie war enttäuscht.
„O,“ sagte sie mir am andern Tage, mit besonders rundem Mäulchen sagte sie dieses O. „O!“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, was kümmern mich diese armen Droschkenpferde, von denen er so viel sprach? Ich bin nun froh keine Droschkenpferde mehr zu sehen! Dann fährt er mit dem Finger in die Luft hinein und lacht. Diese elenden Droschkenpferde! Haha, das ist der Dichter Karl Bluthaupt!“
„Und sieh, Axel, darauf wußte er mir nicht zu antworten, als ich ihn fragte, wie die Frauen seien. Ich wollte nun gerade seine Ansicht wissen. — Er wich aus. Das kann niemand wissen. Man kennt sie nicht, man kennt nur Beispiele. Ich traf ein armes Mädchen, sie ging mit mir. Am Morgen verließ sie mich und eine Stunde später war sie wieder da, sie hatte mir eine Kravatte angefertigt. So sind sie. Und wieder, eine Frau kann heute zu einem Mann sagen, du bist ein Heiliger, du kannst Wunder tun, am andern Tage, du bist ein kleiner erbärmlicher Mensch. Sie sind rührend, wenn sie lieben, interessant, wenn sie hassen. Man kann wirklich nichts bestimmtes über sie sagen.“
Einige Tage später kam sie zu mir, nahm mich am Arm und sagte: „Du Axel, nun habe ich es gesehen!“
„Was hast du gesehen?“
„Daß er ein Dichter ist. In seinen Augen sah ich ein Licht, einen Glanz. Woran er wohl dachte? Seitdem sehe ich das Licht immer wieder. Ich glaube es ist das Bewußtsein der Unsterblichkeit, dieses Licht?“
Einige Tage später, da sagte sie: „Komme, Axel, komme. Es ist etwas ganz Merkwürdiges geschehen. — Höre, es ist sonderbar. Der Knecht, den sie den Mönch nennen, ging an uns vorüber. Bluthaupt betrachtete ihn so sonderbar. Ich lachte. Er trägt Sommer und Winter diesen dicken Mantel und diesen großen Hut, sagte ich. Das ist es nicht, antwortete er, dieser Mensch ist ein Verbrecher. Der Mönch! hörst du, Axel? Ja, er hat ein Verbrechen begangen, einen Mord, aber es ist schon lange Jahre her. Woher er das wisse? Er hat das Gesicht des Opfers in dem seinen, er hat zwei Gesichter, ich sehe es, er dachte immer daran. Woher weiß er nur, daß der Mönch ein Verbrechen beging?“
Ich lächelte. „Glaubst du es denn?“
Ingeborg sah mich verblüfft an. „Ja?“ sagte sie, kindlich verlegen. Und sie fuhr fort: „Hören Sie,“ fragte ich dann, „wenn Sie nun durch die Straße gehen und sehen viele Gesichter?“ Darauf sagte er, dann sehe ich viele Schuld, gewiß. Woher er das habe? Ich habe früher viel mein Gesicht studiert, sagte er, jedes Laster und jede Schuld prägte sich darinnen ab. Er wurde finster, während er dies sagte. Er ist unheimlich! Ich wollte noch mehr wissen. Wenn sie nun im Gesichte Ihres Bruders einen Mord läsen? fragte ich. So würde ich es ihm sagen und mich in acht nehmen. Wovor? Daß ich nicht auch einen Mord begehe. Ich fragte weiter. Wenn er aber Ihre Geliebte ermordet hätte? Was würden Sie tun?
„Ich würde ihn erschlagen, antwortete er, dabei lächelte er, aber ich erschrak über sein Lächeln, er log nicht.“
„Du forschest ihn aus?“
„Ja, ich forsche, Axel!“
Dann sah sie ihn mit der zierlichen kleinen Magd plaudern. Sie sah ihn mitten unter den Knechten stehen, er duzte sie alle. Sie schüttelte den Kopf.
„Er hat hundert Gesichter,“ sagte sie, „ich gebe es auf ihn zu erforschen.“
Seitdem nannte sie ihn den Mann mit den hundert Gesichtern.
Und sie erzählte es mir immer, wenn sie ein neues Gesicht an ihm entdeckte.
Sehr spät erst entdeckte sie sein wirkliches Gesicht, so wie ich es sehe, wenn ich die Augen schließe und an ihn denke. —
Ich erinnere mich eines Abends, da er so wunderbar über die Menschen sprach, über Sehnsucht und Glücksverlangen, über Hoffnung, über Glück, über Verirrung, über ihre Trauer, ihren Schmerz, ihre Einsamkeit, ihre Verzweiflung. Wie ein Künstler in die Saiten greift und Akkorde und Melodien flicht, so flocht er Akkord an Akkord und wir hörten ein Lied über des Menschen Herz, das so wunderbar ist, so wunderbar schön, so wunderbar mild, so wunderbar wild, so wunderbar, so wunderbar . . . . . . .
Ich glaube, daß Ingeborg an diesem Abend sein wirkliches Gesicht entdeckte, ich glaube es, denn sie sprach die ganze Nacht nichts darüber, sie blickte mich nur an und ihre Wangen lächelten. Sie zog meine Hand an die Lippen, sie küßte sie nicht, sie drückte sie nur an den Mund. Sie sann.
Ja, gewiß war es an diesem Abend. — — —
16
Es ist schön an diesen Sommer zu denken, ihn immer wieder zu durchwandern, durch seine Sonne zu gehen, seine Sonne, nicht die eines anderen Sommers. Ich habe ja seine Sonne im Gedächtnis, sie brennt noch auf meinen Händen und glüht noch um mein Gesicht.
Es ist schön diesen kühlen weißen Korridor zu durchwandern, die Türen zu öffnen, zuzuschlagen, zu Freund Bluthaupt hinaufzusteigen und eine Zigarette bei ihm zu rauchen, ja, es ist eine Lust, in diesen Wald dieses Sommers zu gehen, Ingeborg an der Seite, eingehüllt in Ingeborgs Liebe, die so warm ist, so warm.
All das ist schön. Es ist schön, in den verwilderten Park hineinzulaufen, zu rufen, zu singen.
Nun gehört dieser Park Anton Kreidmeier, einem Knechte.
Ich habe nichts vergessen, nein. Manches ist verschmolzen wie ein Schmuckstück, das man ins Feuer warf, aber vieles steht ganz klar vor mir, scharf, einzeln, für alle Zeiten ist es in meinem Kopfe. Ich bin reich, zuweilen schmerzt mich mein Reichtum, aber nur zuweilen.
Ich habe einen schmalen Riß in der Hand, er rührt von Ingeborgs Busennadel her, all die Jahre ist er nicht vergangen. Oft sehe ich diesen Riß an, ganz zärtlich betrachte ich ihn, ja, ich habe ihn schon gestreichelt. Ach, ich weiß, ich habe einem Manne auf einem Schiffe eine Geschichte über diesen Riß erzählt — er sah schlecht — er vermochte ihn kaum zu entdecken — einem mir gänzlich unbekannten Manne, eine rührende Geschichte von einem Hunde, der diesen Riß verursachte, nur um über diesen Riß sprechen zu können, da ich gerade an ihn denken mußte. So bin ich, muß ich an etwas denken, so komme ich nicht los davon, bis ich es hundertmal gedacht habe, ich muß fortgehen, hinauslaufen, immer wieder von vorne anfangen und an das bestimmte denken. Das ist mir geblieben, es ist recht gut zu vergleichen mit dem vernarbten Riß in der Hand.
Ich betrachte diesen Riß, ich fühle ein Paar Lippen darauf, die das Blut aufsaugen, ich sehe sie, diese gespitzten Lippen, diese bittenden lächelnden Augen, die mich von der Seite her anblicken, um Verzeihung bitten für etwas, was nicht der Rede wert ist, ich fühle ein paar Haare, die mein Handgelenk streifen. Ich spüre den Geruch dieser Haare. Worte höre ich. Ich höre das Wort mein. Diese Stimme die es sagt, ist weich und zärtlich, sie spricht noch ein kurzes I nach dem Ei, mei—in spricht sie. Ich könnte diesen kleinen Riß küssen und ihm danken, wäre er nicht auf meiner Hand. Ich tue es nicht. Wer hätte je gedacht, daß dieser unscheinbare Riß, das unscheinbarste Ereignis in einer Stunde, in der sonst noch viel geschah, mir so viel werden könnte, aus einer Zeit, da es viele Stunden gab, viele, viele Stunden, da ich die Stunden nicht zählte? Er ist mir nun alles, ja, ich muß sagen, jetzt in dieser Minute ist er mir alles, mein ganzes Besitztum, mein Liebling, mein Glück! Ich sehe ihn ja wiederum wochenlang nicht. Denke nicht an ihn, habe viele viele andere Dinge, die mich reich machen, in Entzücken versetzen, aber jetzt, ja jetzt ist er mir alles! —
Die Nachtigall hat uns verlassen, die Lerche brütet zum zweitenmal, die Kirschen sind rot. Viele Bäume sind schon geleert. Grüne Äpfel und Birnen, mit Flaum bedeckt, sieht man an den Bäumen. Die Erde fiebert. Sie ist Mutter, milliardenfach Mutter, hat viel zu tun und wird nicht müde, mit heißen Wangen schafft sie.
Die Sonne funkelt, der Himmel ist blau wie Stahl, stille weiße Wolken sind über ihn verstreut wie weiße Segel über ein Meer.
Ich sehe mich herumgehen. Ich trug einen weißen Anzug, meine Hände und mein Gesicht waren braun von der Sonne. Ich ging mit weiter vorgereckter Brust. Ich ging leicht dahin, der Boden wippte unter meinen Füßen, ich war nie müde, ich hatte immer das Gefühl zu schweben. Leicht geriet ich ins Tanzen. Ich ging in meinem Zimmer auf und ab, da passierte es mir oft. Rotes Viereck, blaues Viereck, meine Füße kaprizierten sich auf das rote Viereck. Rotes Viereck rechts, rotes Viereck links, — da tanzte ich schon. Oft schlich ich, ich ging leise, ganz leise. Weshalb aber ging ich doch nur leise?
Ich ging tief hinein in den Wald, wo er dunkel wurde und seltsame glänzende Pilze wuchsen und schillernde Fliegen, dort fing ich an zu singen, ich sang so laut ich konnte, unsinniges Zeug sang ich. Oder ich sang Ingeborgs Namen, ich sang so laut ich konnte und lauschte auf den Widerhall. Ich ging durch den Wald, alle Blätter hätte ich küssen mögen, jedes einzeln, vorn und auf der Rückseite. Viele küßte ich auch. Denn es konnte sein, daß eine plötzliche Welle von Glück über mich stürzte, dann mußte ich wohl oder übel die Blätter küssen.
Ich ging um den See herum, der im Parke lag, ich erinnerte mich plötzlich eines Wortes, eines süßen Wortes, das zwei Lippen mir aufs Ohr küßten.
Die Welle des Glückes stürzte über mich, ich zog die Ringe vom Finger und warf sie in den See, ich zog die Nadel aus meiner Binde und warf sie in den See.
Niemand sah es.
Immerzu sang es in mir.
Wir wollen uns schmücken, mein Mädchen, denn unser Glück ist gekommen! Laß uns Kränze von Rosen auf dem Haupte tragen, da es Sommer ist, gib mir deine Hände, du Liebe, sieh, wir wollen die Arme schwingen und tanzen, da die Wiesen grün sind!
So sang es in mir.
Einmal da stand ich am Fenster und die Sonne ging unter. So schön ging sie unter, das Tal leuchtete, alles hielt der sinkenden Sonne sein Geschenk entgegen, die Gräser funkelnde Rubine, die Wälder goldene Schleier, der Fluß Feuer, ein Winken war es, ein heiteres Abschiednehmen, und die Sonne lächelte und sank. Da kam es über mich, da ich die Freude sah und die Dankbarkeit des Tales und das Lächeln der Sonne, da ich so glücklich war, so reich, ich lächelte, aber es kam über mich, und ich mußte weinen, ich lächelte und weinte zu gleicher Zeit.
Wie ich weinte, faßte mich eine Hand und ein Paar Augen blickten mich an. „Du weinst, Axel?“
Ich lachte, die Tränen spritzten über mein Gesicht, weil ich beim Lachen den Kopf schüttelte, ich zog Ingeborg an mich und sie blieb regungslos bei mir, nur ihre Lippen bewegten sich unmerklich, sie küßte immerzu mein Herz. — — —
Der glückliche Mensch! Ich kann dir wohl sagen, wie er aussieht, wie er außen und innen aussieht!
Schön macht das Glück, weise und gut.
Wie ein junger Gott wandelt er, der Glückliche, er geht nicht, er wandelt. Rosen auf dem Haupte, Rosen auf den Wangen, Rosen in seinem Kopfe, was er berührt, das lebt, was er anblickt, das leuchtet. Feuer ist seine Stimme. Er steht auf seiner Höhe und blickt auf die Dinge und versteht sie, von oben blickt er auf alles und versteht, denn alle Dinge kommen aus Glück und Unglück hervor. Er versteht die großen Herzen und die kleinen, die glühenden und die vereisten, er versteht das Lied des Vogels und eines Dichters Vers.
Wisse, daß er Freude um sich streut, es gibt viele Bettler auf dem Wege des Lebens, und die meisten erkennt nur das Auge des Glücklichen. Er sucht. Er hat einen Feind, den er grimmig haßte, viele Jahre, einen der ihn bitter verriet, er ist glücklich, schreibt an ihn, laß es gut sein, schreibt er an ihn, es ist vergessen, neue Tage sind gekommen. Mit Tränen in den Augen schreibt er es, sein Herz strömt über. Er wandert zu dem Trotzigen, pocht an seiner Türe, pocht und pocht, bis er öffnet. Verzeihe, verzeihe, sagt er, ich, ich war ja schuld —
Schon manch einen habe ich gekannt, der Geld und Gut und Ehre verschenkte, weil er glücklich war, ja der selbst sein Glück verschenkte, da er glücklich war, und arm davontanzte in einem Hemde.
Wisse, so macht das Glück, daß sich einer ans Kreuz schlagen läßt und seinen Mördern nicht flucht, ja, es kann geschehen, daß einer lügt und den Menschen Paradiese erdichtet, weil er glücklich ist.
Eine Lawine von Glück rollt er durch Jahrtausende.
So ist das Glück: Sprichst du davon, so mußt du sprechen, tausend und tausend Tage und Nächte und du findest kein Ende, immerzu mußt du sprechen, immerzu —
Zwei glückliche Menschen wohnen da oben im Bergwalde.
Ich sehe ein kleines Lichtchen brennen in einem dunkelen Zimmer. Ein kleines Lichtchen, ich sehe ein Lächeln, ein Gesicht, das in goldenen Haaren schwimmt.
Ich höre flüstern. „Ich bin dein.“
Ich bin dein, ich bin dein.
Sommernacht, du bist ein dunkelblauer Edelstein.
Sommernacht, du bist ein duftender Hauch aus Gottes Munde. Sommernacht, du bist das klare gütige Auge einer jungen Mutter.
Ist nicht das die Sommernacht, ein warmer dunkelblauer Wald, ein nacktes Kindchen im Moose, das mit einem brummelnden Bären spielt? Ist nicht das die Sommernacht, ein Zwerg sitzt auf einem Brunnenrande und blickt in einen Spiegel? Ist nicht das die Sommernacht — ein Gesang aus der Ferne — ein Winken irgendwo — ein Kuß in der Luft — — ein Seufzen — — ein Blitz von Blut —
Ich bin dein, ich bin dein!
Ich denke an den Leib eines Weibes, der zu blühen beginnt. Das träumte ich einmal, es standen rätselhafte Worte auf den Lidern des Weibes — weiße Augen — Augen wie Lichter —
Ich denke — — Tiefen öffnen sich, die Welt schlägt ihr Auge auf und blickt mich an — ich knie vor Gottes Thron und Gott flüstert mir seine Geheimnisse ins Ohr.
Ich bin dein, ich bin dein!!
Die Welt steht still, es ist weder dunkel noch hell, laut noch leise. Es flüstert.
„Siehst du meine Augen?“
„Ja, ich sehe sie. Sie brennen.“
„Deine Augen sind eine glänzende Nacht. Sterne sind darin.“ Es flüstert.
Es ist ein Sprühen und Schreiten ringsum. Alte uralte Götter wandeln um uns. — —
Sommernacht, du bist ein dunkler Zypressenhain, durch den uralte Götter wandeln mit langen Bärten. Sie tragen die Bärte auf den Armen, um nicht daraufzutreten, es ist dunkel, ihre Augen leuchten — —
Diese Dinge, die kein Mensch erfassen kann, kein Mensch denken kann — —
Der Tag graut, es wispert in meinem Zimmer, es kichert. „Der Mond fällt rückwärts in den Wald,“ sagt Ingeborg und kichert.
„Was sieht er wohl alles in einer Nacht?“ sage ich.
Ingeborg kichert.
„Mir fällt eben ein, Ingeborg, erinnerst du dich, ein Mann hat geschrieben: Des Lebens ungemischte Freude —?“
„Ja, o Axel, ein armer, armer, unglücklicher Mann war das —“
„Hahaha!“
„Sind wir Kinder?“
„Ja, ich bin so fröhlich, so leicht. Ich fliege. Ich könnte ohne Aufhören lachen, lachen!“ — —
Auf der Wiese vor dem Schlosse stand eine kleine schlanke Birke. Sie hatte seidenweiche junge Blätter, die immer etwas zu wispern hatten, und eine Rinde so weiß und weich wie das Fell eines Kaninchens. Vor diese Birke zimmerten wir eine Bank, Ingeborg und ich. Einen Tag brauchten wir dazu, bis wir die Pflöcke zuspitzten, das Brett sägten. Wir lachten viel bei der Arbeit und Ingeborg fieberte vor Eifer.
Viele Abende saßen wir auf dieser kleinen Bank und sahen zu wie die Sonne unterging.
Wir saßen wieder auf der Bank unter der Birke und der Abend begann zu glühen.
„Euch Göttern schreiben wir einen Brief! Wir Ingeborg und Axel!“ sagte ich.
„Beginne Axel!“ sagte Ingeborg.
Und ich begann: „Ihr Götter, ihr guten Götter, ihr habt eure guten und eure schlechten Tage wie wir Menschen. An euern schlechten Tagen, da schafft ihr Menschen mit gewöhnlichen Gesichtern und einer Seele nicht tiefer und wärmer als eine Regenpfütze im März.
Aber an euern guten Tagen, da schafft ihr Menschen mit einem Antlitze, unvergeßlich, mit einer glühenden tiefen Seele. An eurem besten Tage, da schufet ihr Ingeborg.“
„Ihr guten Götter, ihr habt gewiß große Ohren, dann hörtet ihr was Axel sprach und ihr vernahmet seine sanfte Stimme. Seht euch sein Gesicht an und ihr wißt, wie gütig er sein muß.“
„Ihr Götter über den Wolken, ihr kennt Ingeborg wohl, dann begreift ihr auch und ihr verzeiht mir, daß ich nicht mit euch über den Wolken wandeln möchte, trotzdem ihr Götter seid.“
„Das möchte ich auch nicht!“ schrie Ingeborg. „Nein, ihr alten freundlichen Götter. Aber ich bitte euch, straft uns nicht für unsern Frevel!“ — —
Wir saßen wieder auf der Bank unter der kleinen Birke. Die Bank hatte gerade Raum für zwei Menschen.
Es war in der Stunde, da die Sterne noch nicht aufgegangen sind und man sie doch alle mit den Blicken ahnt.
Ich sagte: „Ingeborg, du bist mein Liebling, und mein Herz ist so reich geworden, seitdem ich dich küßte.“
Ingeborg sagte: „O, Axel, ich erschrecke vor Freude, sehe ich deinen Schatten um die Ecke kommen. Das Blut weicht aus meinen Wangen, wenn ich deine Stimme höre. Es ist mir unbegreiflich, daß ich deine Küsse ertrage, ohne zu sterben.“
Ich sagte: „O, Ingeborg, ich bin ein Garten, ein blühender Garten. Ich bin in Blüte, Ingeborg!“
Ingeborg sagte: „Ich sehe alle Dinge verändert, und liebe sie mehr als je. Ich liebe die Steine sogar, die auf der Straße liegen. Auf allen Dingen scheinst du zu sein. Die ganze Welt ist ein Spiegel geworden, der dich mir zeigt. Ich habe dein Lächeln schon im Laube einer Buche gesehen und deine Hand in einer Wiese, die sich bewegte. Ach, käme doch etwas, wodurch ich dir meine Liebe zeigen könnte. Ich würde betteln gehen für dich, von Haus zu Haus —“
Ich sagte: „Ich höre kaum was du sagst, ich höre nur deine Stimme. Sie singt mich in den Tod. Das ist herrlich. Das ist herrlich, die Augen zu schließen und in Gedanken der Linie deines Profiles zu folgen.
Das ist herrlich, deine Haare anzusehen, ich habe jedes Fünkchen deiner Haare im Gedächtnis. Wie sind deine Haare? Sie sind als ob sie überall Augen hätten. Das ist herrlich, deine Wimpern haben einmal meine Schultern berührt, immerzu fühle ich es — jetzt — in jeder Minute —“
Ingeborg sagte: „O, mein Geliebter, wirst du mich immer so lieben?“
Ich sagte: „Warum fragst du, süße Herrlichkeit?“ Ingeborg sagte: „Ich weiß es, ja! Aber doch sollst du mir es im Tage einmal sagen und tausendmal, daß du mich liebst.“
Ich nahm Ingeborgs Hände und legte sie auf meine Brust, ich öffnete das Hemd, so daß sie meine nackte Brust berührten.
Und ich sagte: „Ich werde dich lieben in alle Ewigkeit, ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich — —“
So ist das Glück: Sprichst du davon, so mußt du sprechen, Tag um Tag, Nacht um Nacht, du kannst nimmer aufhören, nein, das kannst du nicht, du mußt sprechen, sprechen — schreien — flüstern — immerzu — —
17
Es zog eine drohende Wolke herauf über unseren Himmel, eine finstere Wolke, sie drückte mich nieder. Ich schlug an meine Brust, brach in die Knie und betete zu dem großen Geiste.
Die drohende Wolke zog vorbei, sie zerschmetterte mich nicht. Lange danach erst kam der Blitz, da der Himmel wieder klar und leuchtend war — —
Ingeborg erkrankte.
So begann es. Wir saßen auf der Wiese am Waldesrande, die Ingeborg Honigtröpflein taufte. Da standen viele gelbe Blumen, aus denen Honig tropfte. Man roch den Honig schon von weitem, ein Heer von Bienen brummelte immerzu auf der Wiese. Da saßen wir in der glühenden Sonne, aber Ingeborg fröstelte.
Wir gingen nach Hause, durch den Park, Ingeborg schmiegte sich an mich. Plötzlich stieß sie einen Schrei aus. In der Allee stand eine Statue, die das Schweigen darstellte, eine Frau, die zwei Finger an die Lippen legte. Die Blässe des Marmors hatte Ingeborg erschreckt. Am Abend erholte sie sich wieder. Karl speiste mit uns, wir waren guter Dinge, plauderten, lachten.
Aber am andern Morgen war Ingeborg krank.
Ich jagte in die Stadt und holte einen Arzt, depeschierte in die Hauptstadt. Der Weg führte durch den sommerstillen Wald, die Vögel zwitscherten. Mein Herz war unruhig, meine Ungeduld flog vor mir her. Ich jagte durch Dörfer und Ortschaften, die Leute drohten mit der Faust. Es kam auf ein Dutzend dieser Bauernkaffern nicht an.
Der Arzt verstand nichts. Auch Karl verstand nichts, oder er stellte sich so.
Ingeborg lächelte.
Es ginge vorüber, heute Abend wolle sie wieder aufstehen.
Niemand schien zu hören, daß sie hastig sprach, fast plappernd wie ein Kind, niemand schien den metallenen Glanz in ihrem Auge zu sehen.
Karl las vor. Ich hörte nicht, was er las, nur dann und wann trat ein Bild vor mein Auge, farb- und konturlos wie ein abgewaschenes Aquarell. Ingeborg schlief ein.
Ich saß allein bei Ingeborg im weißen Zimmer. Die Angst nagte an meinem Herzen. Goldene Dämmerung kam ins Gemach, Ingeborgs Haare glänzten wie Erz. Ihre Brust hob und senkte sich langsam, diese gleichmäßige Bewegung brachte Frieden in mein Herz. Unwillkürlich atmete ich im selben Takte, dann fiel es mir auf, wieder begann die Angst zu nagen. Es wurde dunkel, Ingeborgs Haare schimmerten, die Dämmerung senkte sich immer dichter über sie, es war, als entwiche sie mir. Ich zündete eine Kerze an. Da erwachte Ingeborg.
Sie blickte mich mit großen Augen an und es schien, als besänne sie sich.
„Wie spät ist es, Axel?“ fragte sie.
Der Abend sei eben gekommen.
„Dann muß ich noch lange schlafen,“ sagte Ingeborg. Aber sie schlief nicht wieder ein. Es sei heiß. Ihre Wangen glühten. Ich öffnete ein Fenster, ein kühler Wind wehte, wie nach einem Gewitter, ich mußte es wieder schließen, über den Himmel zogen schwere hängende Wolken, die die Wälder streiften. In der Ferne dampfte es, es regnete. Ich legte kalte Tücher auf Ingeborgs Stirne, aber im Augenblicke waren diese Tücher warm. Ingeborgs Augen waren feuchtglänzend, wie blaues und weißes Email.
„Nun bin ich krank,“ sagte Ingeborg und nickte müde. Sie schloß die Augen.
Die Nacht kam. Karl ließ fragen, ob er mir irgendwie behilflich sein könnte. Nein, danke. Langsam gingen die Minuten. Der Wind wurde stärker, er fauchte gegen die Scheiben, zuweilen murmelte er, als schüttele ihn die Kälte. Es rumorte in den Bergen und Wäldern von fernem, dumpfem Donner.
Es zogen Gedanken hin und her in meinem Kopfe, eine Stimme flüsterte in mir. — —
Das große gelbe Haus mit den vielen Zimmern lag ganz still, als wohne niemand darinnen als die Bilder an den Wänden und Erinnerungen.
Man hörte weder Türen noch Schritte, und der Hof lag ebenfalls ohne Laut wie am Sonntage, wenn das Gesinde in der Kirche war. Nichts rührte sich, kein Ruf, kein Schritt. Dieses Schweigen war hörbar und es kam mir vor als verdichte es sich von Stunde zu Stunde.
Ich setzte einige Uhren in Gang. Nun hörte man nichts als diese Uhren. Das Schweigen aber wuchs, es breitete sich immer dichter um das Haus. Alles schien zu lauschen auf einen Schritt in der Ferne, der näher kam.
Eine Stimme flüsterte in mir. Ich verschloß ihr mein Ohr. Ich wollte sie nicht hören.
Der Arzt aus der Hauptstadt traf ein. Er sagte, daß Ingeborg eine außergewöhnlich kräftige Natur habe. Da flüsterte die Stimme in mir lauter, es waren nun zwei Stimmen, die in mir flüsterten. Ich hörte sie, aber ich glaubte ihnen nicht. Ich ging umher und trug ein gleichmütiges, ja ein zuversichtliches Gesicht zur Schau.
Die Stunden waren endlos. Bis die Nacht kam, bis die Nacht verging! Es waren kühle stürmische Gewittertage, die Wolken fingen sich in den Bergen und fanden keinen Ausweg mehr. Langsam schleppten sie sich im Kreise und knurrten.
Ich schlief nicht. Ich spürte keine Müdigkeit, aber mein Gehör schlief ein. Ich ließ Ingeborg nicht aus den Augen, es gab Kissen zu richten, Fruchtsaft zu reichen, Eis aufzulegen. Ich ließ niemand ins Krankenzimmer außer dem Arzte. Er hatte im Schlosse Wohnung genommen.
Ich trug Ingeborgs fiebernden Körper ins Bad und zurück ins Bett, ich war kräftig, im übrigen war es meine Ingeborg, und niemand hatte ein Recht, sie zu pflegen außer mir.
Schlafen Sie doch! sagte der Arzt. Sie sind selbst krank! Nein! sagte ich.
Es kam eine Nacht, da saß Ingeborg plötzlich steif im Bette mit langem Gesichte, glitzernden Augen, und zählte an den Fingern etwas ab.
„Sieben Zettelchen, es sind sieben!“ rief sie mit der Stimme eines erschrockenen Kindes.
Ich erblaßte. Da war es!
Stundenlang phantasierte Ingeborg, bis sie ermattet in die Kissen zurückfiel.
Viele Stimmen schrien in mir, so laut, daß ich sie hören mußte. Sie ist verloren! schrien sie. Und eine schrie unausgesetzt: Ingeborg! Ingeborg! Und eine betete, betete wirre, entsetzte, hilflose Worte, immerzu.
Tag und Nacht waren die Stimmen in mir.
Pazzo heulte im Hofe. Er ahnte, daß die Herrin in Gefahr schwebte.
Ich taumelte hin und her in meinem Zimmer. Ich weinte nicht, ich klagte nicht, nein, ich betete nicht. Die Stimmen waren in mir. Es war nun auch eine Stimme in mir, die unausgesetzt weinte. Aber ich weinte nicht. Ich taumelte in meinem Zimmer hin und her.
Ich nahm ohne Gedanken ein Federmesser vom Schreibtisch und stieß es mir in die Hand. Ich spürte nichts, es blutete. Ich sah das Blut, ja, ich hatte mir das Federmesser in die Hand gestoßen, wann denn, warum denn?
Es kam noch eine Stimme in mich hinein, die schrie unausgesetzt: Hilfe, Hilfe! Sie rang die Hände, die Stimme rang die Hände. — — —
Ich habe gerungen mit Ingeborg, mit aller Kraft, sie war stärker als ein Mann, ich mußte sie zurückhalten, ich mußte ihr wehe tun. Sie jammerte, jammerte. Sie wollte in den Wald laufen. — — —
Ob etwa eine seelische Erregung vorhergegangen sei? fragte der Arzt.
Liebe, Liebe, mein Bester! — — —
Der Tag kommt und geht. Die Nacht kommt und geht.
Nun lebt kein Schweigen mehr im Hause. Nun lebt der Schrecken im Hause. Wo man hinsieht, kauert er, in allen Gesichtern kauert er und wo man hinhorcht, hört man ihn. Ingeborgs Rufen und Jammern wird für immer in den Sälen des Hauses bleiben.
Der Arzt mißt die Temperatur, zählt den Puls und gibt Befehle. Seine Mienen sind verschwiegen, er zuckt die Achseln.
Ich bin bleich und verstört, ich verstehe nicht, was man zu mir sagt. Mein Körper ist wie gelähmt, ich kann keine Miene mehr bewegen, aber ich schlafe nicht.
Auf einige Minuten überfällt mich hin und wieder der Schlaf, das ist alles. Ich blicke in den grauen Wald, über dem die geballten Wolken hängen, und der Schrecken greift in mein Herz. Ich blicke auf Ingeborg, die ohne Bewußtsein liegt, und es ist mir als presse eine Hand mein Herz zusammen wie eine Frucht.
Wie gut ist Karl! Er schläft nicht. Er sitzt nebenan im weißen Salon, einen großen Atlas auf den Knien und studiert Geographie. Es ist hübsch, wie ein Vogel über die Kontinente da unten zu fliegen, sagt er. Ich weiß wohl, daß ihn die Kontinente gar nicht interessieren, daß er leidet und es niemandem zeigen möchte. Und er beginnt stets von einem ähnlichen Falle zu sprechen, so oft er mich sieht.
„Meine Schwester — zwanzig Tage — welch ein Fieber, Axel! Heute lachen wir, tolles Zeug sprach sie.“
„Mut! Axel, schlafe! Wir wachen ja. Der Alte sagt, Ingeborgs Natur sei außerordentlich kräftig.“
„Es ist schon gut, danke,“ sage ich und begebe mich wiederum zu Ingeborg. Ich friere, meine Kleider sind durchnäßt, aber ich habe ja keine Zeit, sie zu wechseln. Sodann ist es ja auch höchst einerlei, ob meine Kleider naß sind oder nicht. Man mußte an einen Soldaten im Kriege denken, acht Tage keinen Schlaf, acht Tage im Schneegestöber mit zerschossenen Fingern, man mußte an einen Seemann denken, acht Tage Sturm. Meine Füße sind erstarrt, ich fühle den Boden nicht mehr, wenn ich gehe, bergauf, bergab scheine ich zu steigen, oft ist es mir, als ob ich auf den Knien ginge.
Ich weiß nicht wie lang mein Arm ist. Ich halte die Hand hinaus und ich glaube, mein Arm sei so lang, daß ich die Türe öffnen könnte, ohne vom Stuhle aufzustehen. Zuweilen denke ich, ich sei umgefallen und liege auf dem Boden, aber ich sehe doch, daß ich aufrecht stehe. Das Zimmer schwankt wie ein Schiff.
Aber sobald ich bei Ingeborg bin, sammeln sich meine Kräfte und ich verspüre weder Müdigkeit noch Schlaf.
Zuweilen erwachte Ingeborg und sie erkannte mich und sprach einige Worte.
Die Stimmen in mir jauchzten. Alle Stimmen waren zu einer geworden und diese jauchzte, jauchzte.
Ihre Stimme klang verändert, kindlich und ein wenig heiser. Häufig vermochte sie es nicht ihre Gedanken zu sammeln. Aber dann sprach sie durch einen Blick, eine Bewegung der Hand und ich wußte, was sie sagen wollte. Sie war blaß und schmal, die Haare umhüllten ihren Kopf und ihre Schultern.
„Ich bin wohl sehr krank?“ fragte sie. Ich lächelte und entgegnete ihr, daß es nun schon besser mit ihr ginge.
„Axel, ich möchte den Himmel sehen!“
Ich zog die Vorhänge zurück, es regnete, die Wälder lagen grau. Eine hohe dunkle Wetterwolke stand drohend am Himmel und ängstliche Vögel flatterten weiß wie Asche hin und her vor ihr.
„Wie geht es unserer kleinen Birke, Axel?“
„Sie ist traurig, daß sie dich nicht sehen kann, Ingeborg.“
„Was tut sie?“
„Sie steht im Regen, wie ein Kind, das nicht ins Haus kann und wartet. Ihr Stamm sieht schneeweiß aus, ihre Blätter hängen durchnäßt nach unten und regen sich nicht.“
„Ist unsere kleine Bank da?“
„Freilich, Ingeborg. Die Regentropfen zerspringen auf ihr.“
„Wie sieht sie aus?“
„Vielleicht wie ein gelber Hund, der an die Birke angebunden ist und den sein Herr vergessen hat.“
Ingeborg neigt den Kopf zur Seite und lächelt müde.
„Was ist auf der Straße zu sehen, Axel?“
„Tiefe Räderspuren, in denen das Wasser rieselt. Grauer Schlamm ist sie. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Man sieht so wenig, daß du glaubst auf dem flachen Lande zu wohnen.“
„Einen Vogel siehst du wohl nicht, Axel?“
„Doch, Ingeborg. Ein ganz kleiner sitzt dort auf einem Apfelbaum.“
„Er sitzt unter einem kleinen Dache aus Blättern und schaut dann und wann heraus, in den Himmel hinauf, ob es noch nicht bald zu regnen aufhört.“
Ingeborg blickt in eine unbestimmte Weite. Lange. Tränen treten in ihre Augen.
„Nein,“ sagt sie dann, „es ist unmöglich!“ Sie schüttelt langsam den Kopf; es ist als wiege sie ihn hin und her.
„Was meinst du?“
„Ich kann nicht sterben. Es ist unmöglich!“ Ich zwinge mich zu einem Lächeln. Ein krankes, mattes Kindchen sei sie. Ich nehme ihre Hand. Es ist keine Kraft in den langen, abgezehrten Fingern.
„Ingeborg, ich liebe dich.“
Ingeborg nickt müde und lächelt.
„Ja,“ sagte sie, „ja,“ und blickt in die Weite.
Ich rufe Karl. Karl tritt ein.
„Hallo!“ ruft er. „Nun geht es ja wieder gut, Frau Ingeborg!“
Ingeborg lächelt und nickt.
„Ja,“ sagt sie und blickt in die Weite.
18
Es gab einen Tag, an dem sie noch nicht die Augen geöffnet hatte.
Die ganze Nacht hatte sie gefiebert und geredet und phantasiert, nun lag sie vollkommen erschöpft und still.
Ich saß neben dem Bette und beobachtete sie. Ihr Atem ging schnell und leicht, sie war durchsichtig blaß, mit bläulichen Schatten unter den Augen und in den Wangen. Ihre fahlen Lippen waren halb geöffnet und die langen Wimpern schwebten über den Augen, die als ein schmaler Spalt zu sehen waren. Der Puls am Handgelenk zuckte.
Am Vorhange spielte eine bleiche Sonne, es wurde wieder dunkel und abermals spielte die bleiche Sonne an den Vorhängen. Eine Uhr ticktickte. Sie hämmerte und von Zeit zu Zeit begann es im Gehäuse zu sausen und zu klingen. Zuweilen war es mir, als bewege ich mich sehr schnell von der Stelle, als säße ich in einem dahinfliegenden Zuge. Am Vorhange bewegten sich die Schatten von Blättern auf und nieder, sobald die Sonne schien, und dann und wann kamen sie so nahe, daß man deutlich ihre Form unterscheiden konnte. Es waren Lindenblätter mit langen Zähnen am Rande.
Ich sah auf das Zifferblatt der Uhr und entdeckte, daß der Minutenzeiger zuckte wie ein langsamer Puls. Alles im Zimmer begann zu zucken wie Ingeborgs Puls. Plötzlich blieb die Uhr stehen und ich erschrak. Schweigen erfüllte das Zimmer und die Schatten an den Vorhängen regten sich nicht mehr.
Es verging eine unendlich lange Zeit, die mit ganz sonderbaren Dingen angefüllt war. Die kleine dunkle Spalte unter Ingeborgs Wimpern veränderte sich nicht, ihre Lippen schienen erstarrt zu sein.
Ingeborg regte sich nicht mehr, sie lag ganz still und schien länger geworden zu sein. Ich sah immerfort diese kleine dunkle Spalte unter Ingeborgs Wimpern an, sie klaffte, sie war starr. Was ist das? dachte ich.
Ich konnte mich nicht bewegen, ich wollte aufstehen, aber ich war wie gelähmt, ich wollte rufen, aber ich konnte nur die Zunge gegen die Zähne drücken, nicht einmal die Lippen konnte ich bewegen. Ingeborg lag steif und still.
Da hörte ich eine Türe gehen, der Arzt trat lautlos ein. Karl stand unter der Türe, ich sah ihn stehen, obgleich ich nicht hinblickte. Der Arzt trat ans Bett und hob Ingeborgs Hand in die Höhe, diese Hand knickte im Gelenk ab und fiel leblos auf die Decke zurück. Der Arzt blickte mich an, ich nickte. Karl kam, strich über mein Haar, und wieder nickte ich. Der Arzt ging, Karl ging.
Ich begriff nichts. Ingeborg war tot? Nein, es konnte nicht sein.
Es entstand ein Flüstern im Zimmer nebenan, die Türe wurde ein wenig geöffnet und in der Spalte zeigte sich eine Menge Gesichter, die Mägde und Knechte waren es. Jemand schluchzte und einer machte: Pst! ganz leise.
„Klaget nicht,“ sagte ich und stand auf. „Ihr müßt nicht klagen, ihr müßt euern Schmerz mit Würde tragen, Freunde.“
Ingeborg war tot, aber ich empfand keinen Schmerz. Es schien, als sei mein Herz mit Ingeborg gestorben. Die Sonne flutete gegen die Vorhänge und Ingeborg lächelte friedlich, wie ein Kind, das vom Himmel träumt.
Ingeborg ist tot. Ein Mann trägt seinen Schmerz mit Würde.
Weinet nicht, ihr Knechte und Mägde. Ihr müßt euern Schmerz mit Würde tragen.
Man würde Ingeborg in die Erde versenken, oder man würde ihren Leichnam mit Salben durchtränken, um ihn gegen die Verwesung zu schützen. In der Ahnengruft drunten in der Kirche schliefen viele Frauen.
Weinet nicht ihr Knechte und Mägde.
Die alten Diener kamen in Festtagskleidern herauf und fragten, ob sie dem Herren irgendwie dienen könnten.
„Blumen, Blumen . . . . .“
In Ingeborgs Gemächern sieht man keinen Sessel mehr, keine Wand, keinen Teppich.
„Blumen, Blumen . . . . .“
Eine Bahre aus grünen Zweigen.
Ich denke nach. Nein, ich konnte Ingeborg nicht in die Erde betten. Ich konnte es nicht zugeben, daß sie verweste — nein, bei Gott, nein! Also mußte sie in die Gruft gebettet werden, mit Spezereien getränkt. Aber auch das ging nicht an. Ich hatte Mumien gesehen, die mich mit Schrecken und Abscheu erfüllten. Nein, nein. Auch das ging nicht.
Das Meer? Ein tiefes grünes schaukelndes Grab, ein dunkler immergrüner Wald mit leuchtenden Fischen und Korallenhecken. Aber da würden die Fische kommen. Ich sah, wie sie Ingeborgs Leib umkreisten, immer enger, immer enger —
Nein, nein, auch das ging nicht.
Es gibt nur eines: das Feuer! das Feuer! Ein Grab inmitten donnernder jubelnder wehender Flammen!
Und ich befehle Holz aufzuschichten für ein großes Feuer, das über die Berge leuchten sollte, damit alle es sähen. Auf der Wiese vor dem Hause.
„Tränkt das Holz mit Öl und Wohlgerüchen!“ Ein Teppich aus weißen Rosen bedeckte den Weg, wie ein Bach von Milch floß er aus Ingeborgs Gemächern, über die Treppe, über die Wiese.
Die Stunde kam heran, da sie Ingeborg auf die Wiese trugen und auf den blumenübersäten Scheiterhaufen legten. Ich stand dicht daneben und um Ingeborgs Grab herum standen Knechte und Mägde, abseits stand Karl mit großen leuchtenden Augen.
Der Himmel war grünlichblau wie im Frühling, ein frischer Wind blies, die Vögel sangen im Walde und in den alten Kastanien vor dem Schlosse.
Ich blickte auf Ingeborg, die schlank und schmal in einem Bette von Blumen lag.
Das Feuer züngelte, ich sah nichts mehr. Feuer, Feuer.
Die Flammensäule fiel in sich zusammen und ein dichter brauner Qualm hob sich aus der Aschenstätte, und löste sich auf in feinen Rauch, der über das glänzende Blau des Frühlingshimmels wie ein Schleier zog. Der Schleier zerriß und Stück um Stück zog über das Tal und es sah aus, als ob Schwärme von Zugvögeln hoch oben über den Himmel strichen.
Die Knechte und Mägde sahen dem Rauche nach und weinten still: dort oben zog die Herrin davon! Nie würden sie sie wiedersehn, nie nie mehr.
Sie standen noch immer im Kreise um diese Stätte wie am Morgen, da die Sonne aufging. Viele weinten, da und dort aber stand einer und lächelte: er dachte an die Herrin.
Karl stand und blickte unverwandt auf seine Brust herab. Da lag ein blondes Haar, das das Feuer zu ihm herübergeweht hatte. Er wagte es nicht, sich zu bewegen und sah unverwandt auf das blonde Haar auf seiner Brust.
Vor dem Aschenhaufen lag Pazzo und leckte sich die verbrannten Läufe ab, er heulte dazwischen leise, wobei er den spitzigen Kopf hob und in den Himmel emporblickte. Er hatte den Versuch gemacht in das Feuer zu springen.
Der Rauch wurde dünner und erstarb.
„Sammelt die Asche in silberne Becken!“ sagte ich und streckte die Hand aus. Diese Hand war die Hand eines Greises, welke Haut, krause Adern.
Und ich streute die Asche in den Wind, der sie entführte. So sollte Ingeborg zurückkehren in die Welt.
Der Wind würde die Asche in Blütenkelche streuen, Mädchen auf die roten Lippen, Zechern in die Becher, schlafenden Kindern in die offenen Mäulchen. Und so bald die Nacht käme, würde es zu flimmern anfangen, wie die Kerzen in den dunkeln Höhlen der Kirchen flimmern, in den Wäldern, über den Feldern, in den finsteren Gemächern, hoch in den dunkeln Wolken, tief im schwarzen Meere. Über die ganze Welt würde es flimmern. Ja.
Das war Ingeborg!
Ich wusch die Hände und kniete nieder. Ich breitete die nassen Hände vors Gesicht und weinte.
Ich weinte nicht aus Schmerz, ich weinte, weil ich Ingeborg verschenkt hatte. Ich hätte sie behalten können, seht, drunten in der Gruft der Kirche schliefen viele Frauen, aber ich gab sie her.
Und deshalb weinte ich und ich weinte so sehr, daß mir die Tränen wie Bäche über die Wangen stürzten.
Und während ich weinte, vernahm ich Ingeborgs Stimme, die mich tröstete. Sie rief.
„Axel, Axel!“ rief sie.
Da lächelte ich und nahm die Hände vom Gesicht und lauschte auf Ingeborgs Stimme.
Etwas berührte meinen Arm und ich richtete mich auf und wandte den Kopf.
Ingeborg saß aufgerichtet im Bette und blickte mich an. Die Haare hingen ihr über die schmalen Wangen und ihre Augen waren groß und verwundert auf mich gerichtet. Sie sah aus wie ein schlankes Mädchen von fünfzehn Jahren.
„Axel,“ sagte sie, „warum weintest du?“ Sie sprach mit kindlicher, hoher Stimme.
Ich hatte geträumt und dieser schreckliche Traum stand plötzlich wieder vor mir. O! Ich glitt in die Knie und legte mein Gesicht in Ingeborgs Schoß und schluchzte vor Glück.
„Ingeborg, Ingeborg!“
Ingeborg küßte mir die Haare. Sie atmete tief auf.
„Wie frisch fühle ich mich,“ sagte sie.
„Sage. Axel, warum weintest du? Ich hörte dich weinen, erwachte und sah dich sitzen. Du schliefest, aber die Tränen liefen dir über die Wangen. Sage es mir.“
„Nun weine ich, weil du dich besser fühlst, Ingeborg. Wie herrlich das ist! — Ich weinte, ja, ich träumte. Haha, es war ein konfuser Traum!“ Ich wollte irgend etwas ersinnen, aber nichts fiel mir ein. Das Blut stieg mir ins Gesicht. „Ich träumte etwas aus meiner Kindheit — ich zerbrach etwas — weiß Gott, was ich zerbrach — ich glaube es war eine Vase — was war es doch?“
Immer noch schwankten die Schatten der Blätter an den Vorhängen auf und ab, ich konnte nicht lange geschlafen haben.
„Ich möchte Pazzo sehen,“ sagte Ingeborg. „Welche Freude wird er doch haben.“
Ob sie sich nicht noch ein wenig gedulden wolle? Pazzo ginge es ausgezeichnet.
Geduldig fügte sich Ingeborg.
Es poltere immer. Was sei es doch?
„Gewitter ziehen in den Bergen.“
Wie schade es sei. Gewitter habe sie so gerne. Sie lachte. Ihr Lachen klang fieberisch und es erschreckte mich. Ein metallener Glanz zuckte in Ingeborgs Augen. Aber der war ein Narr, der verlangte, daß sie in einer Stunde gänzlich genas.
Es gäbe wohl auch später noch Gewitter.
Ja, auch das — Hahaha!
Ich gab ihr Fruchtsaft, ein Schlückchen Wein, und nötigte sie auch, ein halbes Ei zu essen. Die andere Hälfte verzehrte ich vor ihren Augen, um ihr zu zeigen, wie rasch so ein halbes Ei im Munde verschwindet.
Darüber konnte Ingeborg nicht genug lachen.
Dann fragte sie, ob Karl abgereist sei.
Nein, natürlich sei er noch hier.
Ob ich es ihr übel nehme, daß sie Bluthaupt einfach Karl nenne?
Aber Ingeborg?
Sie könne Karl gut leiden, haha.
Ich ging hinaus. Ich ging befreit, als habe ich eine schwere Last abgeworfen. Es zuckte alles an mir vor Freude.
„Es geht gut!“ sagte ich zum Arzte und lächelte triumphierend.
Der Arzt sah mich an. Es war ein eigentümlicher Blick, der mich sofort lähmte an allen Gliedern. Auch mein Lächeln lähmte er.
Ich verließ das Zimmer. Der Blick des Arztes weckte alle drohenden Stimmen in mir, alle, alle.