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Ingeborg

Chapter 24: 23
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About This Book

A solitary narrator in a mountain lodge remembers a vivid spring when he encountered a free-spirited young woman from the nearby forest; her singing, rain-damp hair, and teasing claim to have been raised in a noble household persist in his memory. The narrative alternates brief, intimate meetings with extended, lyrical reflections on landscape, seasonal change, and inner longing, showing how fleeting encounters are transformed by recollection. Themes include the tension between solitude and companionship, the pastoral imagination, and the uneasy interplay of social rank and personal feeling, all conveyed through evocative natural description and introspective narration.

19

oppelschlägiger Puls . . . . .

Fassen Sie sich!

Ich lief in den Park hinein, ich mußte in den Park hineinlaufen, auf eine Minute wenigstens.

Es war Nacht im Parke, der Wind warf die Wipfel hin und her. Stimmen waren in der Luft, all die warnenden, drohenden, unglückverheißenden Stimmen, die in meiner Brust geredet hatten, waren in der Luft, im Rauschen der Bäume, im Fallen der Tropfen. Dann erschien plötzlich Ingeborg in der Dunkelheit, sie lächelte, schwang einen Strauß und rief danderadei!

„Fassen Sie sich!“ Ich danke dem Arzte. Karl blickt mich an. Ich lächle, ja, seht ihr es denn nicht, ich lächle, spüre nichts, nein. Und Karl nimmt mich beiseite, drückt mich an die Brust und sieht mich an. „Mut, Axel! Du hast ja Macht über Ingeborg! Hoffe!“ Es gäbe etwas über der Wissenschaft und der Kunst eines Arztes. Worte, Worte!

Ich lächle, ich danke Karl durch einen Druck der Hand. Die Uhren fangen an zu reden, die Kerzen strecken sich zu Feuersäulen — das ist das Zimmer — auf jedem Gegenstande schimmern Ingeborgs Augen, die kleinste Schale ist gefüllt mit süßen Wundern. Ich gehe. Zerreiße du Himmel . . . .

Ich lief im Parke hin und her.

Wer konnte es fassen?

Ingeborg sollte sterben! Ingeborg, die liebliche, schöne Ingeborg!

Ingeborg, die die Sonne liebte und ihre Strahlen in der hohlen Hand sammelte, die die Bäume küßte und mit ihnen plauderte, Ingeborg, die betete und dankte mit den Blicken, die einem Falter nachsahen.

Ingeborg, die Liebe und Wärme in alle Herzen trug, die gütige, die sanfte Ingeborg! Nun sollte sie sterben.

Wer sollte das auch fassen können?

Still würde sie liegen, in die Erde würde man sie betten, da würde sie liegen, still in der schwarzen Finsternis, niemand würde sie mehr sehen! Konnten denn Ingeborgs strahlende Augen erlöschen? Nein, nein!

Niemand konnte das fassen.

Ich schüttelte den Kopf und tastete in die Finsternis hinein. Der Park brauste. In der Ferne bellte ein Hund, heißhungrig, fordernd, wie ein Raubtier. Er würde nicht früher aufhören zu bellen, ehe man seinen Hunger stillte. Ich kam an den Brunnen, und der Brunnen überschüttete mich mit Wasser. Dieses war Ingeborgs Brunnen, da saß sie —

Fassen, fassen! Ein Mann — ja, ein Mann faßte sich, ein Mann!

Der Schmerz packte mich plötzlich an den Schultern und warf mich aufs Gesicht nieder. Ich grub die Zähne in den Sand und schluchzte:

„Ingeborg! Ingeborg!“

Ich richtete mich auf in die Knie und schluchzte, die Rückseiten der Hände gegen die Augen pressend.

„Ingeborg! Ingeborg!“ schrie ich. „Ingeborg muß nun sterben, hört es all ihr Bäume, all ihr Menschen auf der Welt. Ingeborg muß fort!“

Die Wipfel brausten und die Stämme ächzten. Ein Schauer von Regen prasselte über den Park.

Ich raufte mir die Haare, fiel zu Boden und schlug mit Händen und Füßen. Ich jammerte — Mein Gott, mein Gott, was hast du denn vor mit mir?

Ich faßte mich. Weit und still — so weit und still wurde es plötzlich in mir — ich lächelte.

Ja gewiß, ich werde es nicht überleben. In derselben Stunde noch werde ich Ingeborg nachfolgen.

Ich stand auf. „Ich werde es nicht überleben,“ sagte ich vor mir hin.

Das war ein Trost! Ingeborg und ich, waren wir nicht eins?

Sie konnte nicht von mir gehen, ohne daß ich mitging, nein, unmöglich war das!

Ich wurde so ruhig, heiter, wie matt vom Glücke.

Ich ging langsam zurück durch die Allee. Sollte es so sein? Ich liebe das Leben, das Ingeborg mir schenkte, aber es sollte ja nicht sein . . . . .

Plötzlich standen Karls Augen vor mir in der Luft.

„Mut, hoffe! Du hast Macht über Ingeborg!“ Ich sah die Augen und sie bannten mich. Ihr Blick gab mir Kräfte, ihr Blick entzündete mein Gehirn. Aus der tiefsten Dunkelheit in mir rang sich etwas empor. Ich blieb stehen, mein Herz klopfte wie ein Hammer in der Brust. Die Augen, die vor mir standen, sprühten und plötzlich zerriß die Dunkelheit in mir.

Ich erschrak. Was meinten diese Augen? Was meinten —

Wie?

Ein wonnevoller, ein süßer Gedanke. Ein berauschender Gedanke!

Ich breitete die Arme aus. Karls Augen strahlten vor mir, was für Augen waren es doch?

Nein, nein!

Ein berückender, sinnverwirrender Gedanke! Eine Erlösung!

Eine Befreiung, eine Verkündigung!

Konnte denn Ingeborg von mir gehen, da ich doch eins mit ihr war? Wenn ich nun nicht wollte? Wenn ich nun nicht wollte! Ich hatte Macht über Ingeborg.

Das war ein berauschender, ein betäubender Gedanke! Ich glaubte an meine Kraft! Nein! Ich gab es nicht zu!

Ingeborg konnte nicht von mir gehen! — — —

Die Menschen wissen nichts. Dumme und anmaßende Wesen sind die Menschen. Sie behaupten, daß es keine Wunder gibt. Es kann Wunder geben. Sie behaupten, es gibt keinen Gott. Und es kann doch einen Gott geben.

Der Mensch ist mehr als ein Staat von Zellen. Es gibt Stunden, die dem Menschen die Augen eines Sehers und die Zunge eines Propheten geben. Stunden, in denen er an Dinge glauben muß, über die er lachte und über die alle vernünftigen Leute lachen.

In solchen Stunden glaubt er, daß Lazarus wieder zu den Lebenden zurückgerufen wurde, obgleich er schon tot war —

Was glaube ich heute? Ich weiß es nicht. Es liegt viel alltägliches Empfinden über jener Stunde, da ich an alle Wunder und an Gott glaubte, da ich mit Gott rang, ja, da ich mit Gott rang.

Ich besiegte ihn nicht, nein, wenn er nicht gewollt hätte, so hätte ich umsonst ringen können, aber vielleicht achtete er meinen Willen?

Ingeborgs kräftige Natur siegte. Man kann so sagen. Ich glaube es auch, ja, aber ich weiß, daß ich einst etwas ganz anderes glaubte.

Bin ich irrsinnig gewesen? Vielleicht. Vielleicht war all dieser Irrsinn gar nicht notwendig? Vielleicht wäre Ingeborg ganz allein genesen? Ich weiß es nicht. Es gab aber Stunden, da ich wußte, daß es kein Irrsinn war, nein, nimmermehr! Da ich wußte, daß Ingeborg nicht ganz allein genesen wäre.

Alles verwirrt sich in mir. Aber ich glaube, daß der Mensch nur in einer Stunde, nur einer einzigen Minute seines Lebens vielleicht, mehr ist als ein Mensch, viele, viele, ja die meisten Menschen erleben sie nie, diese einzige Minute. Und dann ist er wieder gewöhnlich und selbst über seine göttliche Minute urteilt er gewöhnlich.

Wäre Ingeborg tot gewesen, ich hätte sie wieder erweckt, ich hätte ihr Herz wieder in Bewegung gebracht, mit meinem Gedanken, mit meinem Glauben hätte ich sie wie mit Strahlen durchglüht, bis das Herz wieder geklopft hätte. Ich hätte nicht nachgelassen, nein, ich hätte gekämpft bis zum Tode oder bis zum Wahnsinn. Das weiß ich noch. Es war dies meine Stunde!

Ingeborg war nicht tot, aber der Arzt hatte sie aufgegeben. Sie lag lang ausgestreckt, die Augen geschlossen, ohne Kraft. Ihr Körper zitterte leicht im Fieber, vom Kopfe bis zu den Zehen lief das Zittern, herauf, hinunter. Ich saß bei ihr und hielt ihre Hände in den meinigen und dachte nichts als dies: Du darfst nicht von mir gehen! Der Gedanke erfüllte mich mit einer nie gekannten Macht, mein Gehirn war starr, meine Sehnen gespannt, wie Erz war mein ganzer Körper. Ingeborg verfärbte sich, das Fieber wechselte, der Frost schüttelte sie. Ich legte mich zu ihr, neben sie legte ich mich und wärmte sie mit meinem Leibe — ich dachte — immer das gleiche — —

Nein, ich kann es nicht wieder denken. Das ist dies, was man nicht ein zweites Mal denken kann — —

Ich habe gebetet, ich schäme mich nicht es zu sagen. Ich habe nicht zum Gott der Juden oder Christen gebetet, ich habe zu Gott gebetet, dem Einzigen. Der Schweiß stand auf meiner Stirne, er lief mir über das Gesicht. Schrecken, Angst — — —

Es sind geheime Kräfte in der ganzen Natur verborgen, die zog ich an mich, ich lenkte sie durch meine Brust, ich leitete sie in Ingeborgs Körper, den der Tod anfiel, sie, die Kräfte des Lebens, des Bewegens, des Wachsens.

Ich weckte Ingeborgs Seele, die schon entflohen war, ich rief sie zurück, ich ruhte nicht. Ich gab nicht nach. Ich betete und machte den starken Gedanken noch stärker, immer wieder stärker. Meine Seele und die Ingeborgs waren ein feines geheimnisvolles Gewebe geworden, es konnte zerreißen, ja, aber es konnte sich nicht lösen. Wir beide oder keines.

Ingeborg phantasierte, ihre Seele schwankte bis zum Grunde, hin und her wälzte sie sich. Ich sah Gott ins Auge, ich bat ihn, ich drohte ihm!

Ingeborg stieß hastige Worte hervor, eine fremde Sprache schien es mir. Es vergingen Stunden. Dann endlich vernahm ich ein Wort.

„Mutterchen,“ flüsterte Ingeborg.

Und ich legte meine Lippen an ihr Ohr und rief: „Mutterchen ist bei dir! Du bist meine kleine süße Ingeborg!“

Ich umschlang Ingeborg und küßte ihre Wange, die so heiß war wie ein glühender Stein. Ich liebkoste sie, streichelte sie, wiegte sie hin und her.

„Mutterchen ist ja da!“ Ich flüsterte und rief ihr alle kindlichen Kosenamen ins Ohr. So weich machte ich meine Stimme.

Ich beruhigte sie mit vielen Worten, wie eine Mutter ihr Kind beruhigt, und ich sagte ihr hundertmal, daß Mutterchen bei ihr sei.

Ich hatte Ingeborgs Seele gefaßt, ich ließ sie nicht mehr los. Ich lauschte verzweifelt, ich machte mein Ohr ganz scharf, spitzig, denn es war schwer aus den wirren Worten herauszuhören, was diesen fiebernden Kopf beschäftigte. Hin und her ging es. Wie ein Irrlicht in der Nacht irrte Ingeborgs Gedanke, dahin, dorthin, und es war übermenschlich schwer, ihm zu folgen und ihn für einige Sekunden festzuhalten. Die Schule, Graf Flüggens Schloß, der Wald, wirre Kindheitserlebnisse, Axel, Karl, der Park, die Statue in der Allee, Tiere, Pazzo.

So vergingen lange Stunden. Und wie ein Mensch einem Tollgewordenen durch Gassen, Felder, Hecken, Feuer und Wasser nachrennt und ihn zu haschen sucht, so folgte mein Gedanke dem irrenden Gedanken Ingeborgs.

Ich hörte wohl, daß der Regen gegen die Scheiben trommelte, daß der Wald brauste und der Donner rollte. Aber all das war in weiter Ferne.

Es gelang mir, Ingeborg beim Sonnenschein und den Blumen und den Vögeln festzuhalten. Ich ahmte das Rauschen der Bäume, das Pfeifen der Amseln, das Zirpen der Grillen nach, und das Lachen von Kindern, Frauen und Knechten.

Ingeborg wurde ruhiger. Ihr Blick haftete an meinen Augen und ich mußte die Augen scharf und stechend machen, um den glitzernden zitternden Blick Ingeborgs zu bannen. Ich sprach, lachte, rief und preßte Ingeborg an mich. Man sah es ja, daß ich Ingeborg festhalten konnte! Sie gehörte nun schon mir und ich ließ sie nicht mehr los. Meine Kräfte wuchsen, die Hoffnung ließ sie wachsen.

Ich wußte nicht, wie diese Nacht verging. Zuweilen polterte es, als stürze der Himmel zusammen, bläuliches Licht flog über die Wände, im Walde knatterte es. Es prasselte gegen Scheiben, als regne es Zähne, der Sturm setzte sich auf das Dach des Hauses, hopste wie ein Reiter darauf herum und johlte, er peitschte das Haus, daß es klatschte. Glas klirrte. Der Regen schwieg, der Wind schob das Haus vor sich her, hinein in den Wald, über den schwarzen kochenden brodelnden Wald flog der schreckenbleiche Mond, verfolgt und gebissen von langgestreckten Wolkenhunden. Wieder rauschte es, an den Scheiben floß das Wasser herunter.

Fieber, Schüttelfrost. Ich wärmte sie. Ich küßte sie. Ich sprach, ich lachte, schrie — — — Nein, ich solle nicht versucht haben, das Undenkbare wieder zurückzurufen. Es martert mich. Von allem, was ich früher und später erlebte, ist nichts entsetzlicher, nichts martert meine Gedanken so als die Erinnerung daran.

War es Irrsinn, was ich tat? Ich weiß es nicht.

Nein, es war nicht Irrsinn, nein — — —

Ich sprach von mir. Ich erzählte der empfindungslosen Seele von unserem Sommer, von unserer Liebe, unseren Nächten, stundenlang. Ingeborg wurde ruhiger. Dann geschah etwas — es war das Schrecklichste — —

Ingeborg blickte mich mit sprühenden Blicken an.

Sie flüsterte. „Karl — Karl!“ flüsterte sie.

Sie sprach von Angst und Liebe. Und ich beruhigte sie.

„Karl liebt dich ja. Bin ich nicht bei dir, Karl?“

Aber sie war voller Angst. Sie sprach und fieberte. Sie könne mir nie folgen, ich solle es doch nicht verlangen! Da sei ja auch Axel, und auch Axel liebe sie.

„Ach, gehe nicht, gehe nicht. Karl!“

„Karl wird immer bei dir bleiben, Ingeborg!“

Ingeborg weinte und lachte.

Ja, ja, aber Axel wird sie nicht fortlassen. Er wird sie in sein Zimmer sperren.

Nein, Axel habe es mir gesagt, er würde sie fortlassen, ganz gewiß. Wohin sie auch wolle. Er würde sie keineswegs in sein Zimmer sperren.

„Du bist schön, Karl! Ich liebe, liebe dich! Verrate es Axel nicht!“

Sie umschlang mich und mein Herz blieb mit einem Ruck stehen bei dieser Umarmung.

Ein violetter Blitz erhellte das Zimmer, zuckte unaufhörlich, aber es schien als wolle er nicht mehr erlöschen. Und Ingeborg küßte mich, während der Blitz um sie leuchtete, sie küßte mich fieberhaft rasch und es kam mir vor als küsse sie mich hundertmal. Ihr Gesicht war weiß wie Kreide und hell wie Brillanten waren ihre Augen. Plötzlich wurde es schwarze Nacht, der Donner knatterte, als springe ein diamantener Blick eine klingende Stahltreppe hinab, so klang er. Im Walde brach ein Baum entzwei und eine tiefe unheimliche Stille folgte dem Gesplitter. Dann rauschte es, als schütte man Schäffer von Wasser vom Dach auf die Straße.

„Ich verrate es Axel nicht, liebste Ingeborg. Nein, nein, kein Wort sage ich ihm.“

„O, o!“

„Du wirst immer bei mir sein, Ingeborg! Hörst du es! Hahaha, welch ein schönes Leben werden wir zwei haben. Sieh, so wird es sein, gib acht, ich werde dir die Hände und Wangen küssen, ich werde dich auf die Arme nehmen und in die Höhe heben — ich werde —“

Und ich sprach und sprach — wie schön sie es mit Karl haben solle.

Ingeborg lauschte auf mich. Sie atmete gleichmäßig und ihre Augen glitzerten nicht mehr.

„Schlafe nun, mein Mädchen, schlafe nun. Gute Nacht! süße Ingeborg, schlafe nun — der Regen rauscht — hörst du?“

„Schlafe, schlafe“ — — —

Der Tag graute. Die Lampe sah rot aus, blaues Licht sickerte durch die Scheiben.

Ingeborg lag still und atmete leise.

Sie schlief.

Ingeborg schlief.

Ach, käme doch die Sonne heute!

Stunden verrannen und die Sonne ging auf.

„Sonne, Sonne!“ rief ich leise und küßte den ersten Strahl. Ich öffnete das Fenster. Der Wind hat nachgelassen, wie gut das war. Die Luft war herrlich, naßgewürzt. Diese Luft würde Ingeborg vollends heilen. Vereinzelte Tropfen fielen aus dem Himmel. Sie glitzerten in der Sonne. Es regnete Honig. Die Straße war zerwühlt und Bäche stürzten den Berg hinunter. Die Wiese vor dem Hause war mit Schlamm und Sand überschwemmt.

O! die kleine Birke lag zerfetzt auf dem Rasen und die Bank, die ich mit Ingeborg zimmerte, war verschwunden, nur die Pfähle standen noch und ein Splitter des Sitzes hing an einem herab.

Weiter unten lag der Wipfel eines Apfelbaumes auf der Straße, wie in einem Bache lag er da. Ein Bauernknabe kletterte auf ihm herum.

Da begann Ingeborg wieder zu flüstern und zu sprechen und ich beruhigte sie wie in der Nacht. Das Fieber war nicht mehr so heftig, aber es nahm meine ganze Kraft in Anspruch.

So verging der Tag und die nächste Nacht, die voll wilder Schreie und Hilferufe war, als würden Leute drinnen im Walde erschlagen, und voller Stöhnen, als habe man Menschen an die Bäume genagelt.

Am andern Morgen fühlte ich mich aufgehoben und ich erkannte Karl. Sie hatten die Türe erbrochen.

„Ingeborg schläft,“ sagte er, „es geht besser!“ Er stützte mich und führte mich hinaus. Und ich hatte das Gefühl, als sei ich ein Greis, schneeweiße Haare, zitternde Füße, ein gekrümmter Rücken.

Es war ein Winken in mir, ein Leuchten, eine Drohung, eine drohende Faust wuchs aus meiner Seele, ich sah sie — aber ich lächelte —

Ich fühlte nicht mehr, was mit mir geschah.

20

emand rüttelte meinen Arm und ich hatte das Gefühl, als sei ich ein Baum, der geschüttelt werde.

Ich schlug die Augen auf, so gut es ging, aber sie fielen mir sofort wieder zu.

Eine tiefe Stimme sprach, ich hörte meinen Namen und etwas von Ingeborg. Es war mir aber alles einerlei, nur Ruhe wollte ich haben, und ich sank wieder in eine wohltuende Finsternis und Erstarrung zurück. Man schüttelte mich nach langer Zeit wieder am Arm und diesmal hörte ich Karls Stimme. Karl sagte, daß es gut stünde mit Ingeborg. Es sei Zeit aufzuwachen. Ich öffnete die Augen und sah einen rothaarigen lachenden Kopf dicht vor mir. Es war Karl. Ich hatte wiederum vergessen, daß Karl eben zu mir sprach. Da schlief ich schon wieder. Wasser plätscherte und etwas Kaltes und Nasses fuhr über mein Gesicht. Ich duckte mich zusammen, aber das Nasse verfolgte mich, und ich schlief und dachte, daß das keine Neuigkeit sei, daß es gut stünde mit Ingeborg. Die Sperlinge pfiffen es am Dache. Doch war irgend ein Schrecken in mir, als ob etwas Furchtbares geschehen wäre. Dieser Schrecken weckte mich plötzlich auf.

„Wie geht es Ingeborg?“ fragte ich.

Es ginge vorzüglich. Sie schlafe ruhig.

Weshalb erschrak ich doch? dachte ich. Etwas Furchtbares muß geschehen sein, aber wenn es gut mit Ingeborg geht, was sollte dann noch Furchtbares möglich sein?

„Du hast drei Tage geschlafen, Axel,“ sagte Karl und lächelte gütig. Sein Lächeln war so schön und fein, daß es mir wie eine Liebkosung erschien.

Ich erhob mich mühsam. Ich war sehr müde und mein Kopf war wie mit Blei ausgegossen. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen.

Aber Ingeborg war ja gerettet!

Ich saß auf dem Bettrande und lächelte. Ich vermochte das Glück nicht zu fassen.

Und Karl zog mir die Strümpfe an, der Dichter Karl Bluthaupt half mir in die Strümpfe! — — —

Freudenfeuer auf den Bergen! Tanz, Spiel und Gesang! Gold in die Hütten der Armen!

Zwei Tage und zwei Nächte brennt lichterloh ein Wald auf der Höhe, mein Wald. Die Feuerwehren aller Dörfer sind ausgerückt mit vielem Getute und Gerumpel. Laßt ihn brennen! Laßt ihn brennen! Lichterloh flammt der Wald durch die Nacht. Weithin muß man es sehen.

21

ngeborg sitzt auf der Veranda, ein Tuch um die Schultern geschlungen. Sie ist bleich und man glaubt, das Blut in den Adern der Schläfen und der Hand laufen zu sehen. Mit staunenden großen Augen blickt sie in die Bäume, die in der Sonne eingenickt sind, auf die Wiese, die duftet und leicht schwankt im Schlafe, hinab ins Tal. Dort stehen kleine Pferde und Wagen und kleine Wesen sind beschäftigt, Heu auf die Wagen zu schichten. Zuweilen blitzt etwas auf, ein Beschläge, eine Gabel, eine Sense, feine verwehte Rufe dringen herauf.

Nach den Tagen voll ziehender Gewitter, folgten Wochen herrlicher Sonne, jener Sonne, die flimmernd rot und gleichmäßig über der Erde liegt, wenn der Sommer zu Ende geht.

Die Schwalben schossen schrillend in der Luft, bald schmal wie Fische, bald wirbelnd wie kleine Turbinen. Bald schwebten sie alle auf eine Stelle zusammen, bald verteilten sie sich blitzschnell nach allen Richtungen über das ganze Tal. Sie schrien, sie konnten wie ein Pfeil in die Höhe schießen, sie konnten wie ein Stein herunterfallen, um plötzlich die Flügel auszubreiten und ruhig zu schweben wie ein Raubvogel.

Und Ingeborg hat Tränen in den Augen, sieht sie die Sonne, und Tränen in den Augen, hört sie die Schwalben schreien.

„Ich bin ganz weich, wie ein Kind,“ sagt sie und eine Träne fällt auf ihre Hand. „Nie war mein Herz so voller Staunen und Dankbarkeit.“

Ich sitze bei ihr, plaudere oder schweige, je nachdem Ingeborg es wünscht. Schönere und leisere Stunden habe ich nicht erlebt als die Tage von Ingeborgs Genesung. Ich bin still vor Glück geworden und meine Brust ist immer voll von Tränen, ohne daß ich weinen könnte.

Ich und Karl sind bemüht, Ingeborg tausend Gefälligkeiten zu erweisen in einer Art, die wenig auffällt. Immerfort sind Ingeborgs Zimmer mit Blumen geschmückt und auf Teppichen weißer Rosen wandelt sie. Karl bringt von seinen Spaziergängen den ganzen Wald ins Haus, Sträuße von roten und schwarzen Beeren, die den Saft und den Wohlgeruch des Sommers bergen.

Ja, Karl ließ sich sogar dazu herbei, Ingeborg Stellen aus seinen Büchern vorzulesen, die sie besonders liebte. Seine ruhige Stimme, sein abgeklärtes Wesen wirken wohltuend auf Ingeborg, sie scheint kräftiger zu sein in Karls Nähe. Und wenn Karl lacht, so macht sie Miene herauszulachen und ihre Wangen bekommen Farbe.

„Hast du es gehört, Axel, heute sagte Herr Karl liebe Frau Ingeborg zu mir — haha! Er hat es noch nie gesagt.“

Ich räume die Mappen aus und bringe die herrlichsten Bilder zu Ingeborg, Bilder von denen man träumt, sieht man sie einmal, und lege sie vor ihr auf, wie ein Museum ist es. Oder ich spiele Klavier, alle Stücke die Ingeborg liebt, und durch die geöffneten Fenster dringt es wie eine warme liebkosende Welle, die sie badet wie die Sonne.

Müde ist Ingeborg vom Sehen. Sie schließt die Augen und legt den Kopf ins Kissen zurück und sagt „Erzähle Axel.“

„Wie war die Legende von dem erfrorenen Weinstock? Und die von den Liebenden auf dem Meere? Erzähle Axel, ersinne etwas.“

Ich blicke Ingeborg an und hundert Geschichten fallen mir ein. Und ich erzähle. Ich erzähle ihr die Geschichte von dem Priester mit dem silbernen Herzen, ich erzähle ihr die Geschichte von Karin, der um die halbe Erde wanderte um zu seinem Weibe zu kommen. Ich erzähle ihr die Geschichte von Hermann Ecke, dem Gutsherrn auf Entenweiher, den Eva verlassen hatte. Sie lebten glücklich, Eva und er, aber Eva ging von ihm zu einem andern. Warum? Niemand weiß es. Wird sie immer bei dem andern bleiben? Nein, sie wird wohl zurückkommen zu Hermann Ecke.

Und er wartet, Hermann Ecke, daß sie wiederkäme. Einen Garten legt er ihr an, eine Terrasse baut er ihr. Jahre vergehen. Wo ist Eva? Sie kommt nicht wieder. Aber er wartet und die Jahre vergehen. Lange Jahre war er traurig und niedergeschlagen, aber seht ihn jetzt, straff und aufgerichtet geht er einher mit leuchtenden Augen. Es fragt der Freund: Glaubst du denn, daß Eva wiederkommt? — Hahaha, antwortete Hermann Ecke. Sonst nichts. Hermann Eckes Haare werden weiß. Es fragt der Freund: Was wirst du sagen, wenn Eva wiederkommt?

Königin, werde ich sagen, erwidert Hermann Ecke, dein Thron steht bereit. Laß uns von den kommenden Tagen reden.

Traurig lächelt der Freund, Hermann Ecke hat den Verstand verloren.

Eine Lampe brennt in Evas Zimmer, Sträuße prangen fortwährend in den Vasen. Hermann Ecke steht jeden Abend auf dem Turm und blickt die Straße entlang, ob kein Wagen kommt. Nein, es kommt kein Wagen.

Der Freund sieht Hermann Ecke an und denkt: Bald stirbst du jetzt. Dein Herz ist schwach. Er sinnt.

Ja, Eva hat eine Schwester, die muß kommen, um ihm von Eva zu erzählen und ihm zu sagen, daß sie bald käme, Eva. Die Schwester kommt und spricht mit dem Freunde. Eva ist tot, arm und verlassen ist sie gestorben. Sagen sie ihm das nicht, Beste, spricht der Freund, sagen sie ihm, daß sie in Glanz und Glück lebe und viel gefeiert werde. Bald käme sie zu ihm.

Ja!

Da tritt er ein, Hermann Ecke. Und er richtet die Augen auf die Schwester — er rückt die Brille zurecht — siehst du es —? seine Augen füllt ein überirdischer Glanz. Er breitet die Hände aus — siehst du es? —

Evas Schwester! flüstert der Freund.

Hört es Hermann Ecke? Nein.

Er spricht: Königin, dein Thron steht bereit, laß uns von den kommenden Tagen reden!

Hermann Eckes letzte Worte waren das. — —

„Was sagst du dazu, Ingeborg?“

Ingeborg nickt, sie lächelt und ihre Wimpern zittern und werden feucht.

„Erzähle Axel! Ersinne etwas!“

Die Stunde ist golden, die Sonne segnet die Welt. Ein Lächeln liegt auf allen Dingen, selbst auf den Spitzen der Gräser. Die Wälder nahe und ferne sind wie hohe Wogen flüssigen Goldes. Ein goldener Himmel, und ein goldener Funkenregen, der zur Erde sinkt. Im Westen liegen schmale Wolken gleich großen glühenden Scheitern, darauf verbrennt die Sonne und ihr Feuer lodert über den Himmel. Goldene Blätter zittern im goldenen Himmel, man sieht die Zweige nicht, an denen sie hängen. Wie eine Grotte mit goldenen Säulen, gefüllt mit funkelndem Geschmeide ist der Wald drüben anzusehen. Dort gehen Pferde und ein Knecht, golden sind die Pferde, golden der Knecht. Ein goldener Wind weht und goldener Tau tropft von den Bäumen.

Ich sehe auf Ingeborg, deren Antlitz und Hände die Sonne durchleuchtet. Von der Farbe des alten Goldes ist das Haar und ein feines Gespinst von Feuer zittert darüber. Sie hat die Lider geschlossen, aber sie erscheinen so dünn, daß man die Augen darunter zu sehen vermeint. Ein müdes glückliches Lächeln schwebt auf ihrem schmalen Gesichte, wie es nur die Genesenden und die Wöchnerinnen haben und die Liebenden am Morgen einer trauten Nacht.

Pazzo liegt zu ihren Füßen und sie hat die Füße auf seine atmenden Flanken gestellt.

Und ich blicke auf Ingeborg und beginne mit leiser Stimme:

„Diesmal erzähle ich dir von einer schönen Königin, weil ich gerade an eine schöne Königin denke. Es ist die Königin, die sie „goldenes Herz“ nannten. Silvia hieß sie. Sie war Nicolo Dandoldis Weib, jung, Nicolo alt. Nicolo hieß der Einäugige mit dem siegreichen Schwert, im Volke der Schlaflose. Später der Wortbrüchige. Du wirst gleich hören weshalb. Er war sehr grausam, wie alle Könige in den Legenden und man sagte, wenn er soviele Ellen tief in die Hölle käme, als er Menschen getötet habe, würde er vom Lichte nicht mehr sehen, als eine Nadelspitze ausmacht.

Natürlich kommt auch ein Page darin vor, du wirst es gleich hören, Ingeborg. Der Page hieß „Auge“, denn schöne Augen hatte er, das wußten alle Frauen.

Schön sind deine Augen, sagte Silvia, als sie ihn zum erstenmal sah. Wie im Traume sprach sie. Goldenes Herz liebte Auge, und Auge liebte goldenes Herz.

Sie trafen sich im Garten der Frauen und saßen die Nächte hindurch unter den Büschen, im verschwiegenen Schatten, den der Palast über den Garten warf. Da saßen sie und plauderten, und ich wußte alles was sie einander sagten. Auch Ingeborg wußte es und sie lächelte. Wieviele Nächte saßen sie da! Aber der Priester umschlich sie und in einer Nacht, die herrlich und duftend war wie keine, da geschah es. Zur Zeit der ersten Kirschenblüte hatten sie sich zuerst gesehen, als die Kirschen sich röteten, war es schon geschehen um sie.

Sie sollten sterben.

Der König lud allen Adel ein, wie zu einem Feste, und sie saßen gekleidet in den Glanz eines vielhundertjährigen Reichtums in den Galerien. Von weitem mochten sie wohl erscheinen wie Körbe voller Blumen, die die Gärtner zum Verkaufe ausstellten.

Silvia und der Page wurden hereingeführt, da erbleichten alle und ihre Gesichter wurden so weiß wie die Kerzen, die die Mönche trugen. Als die beiden niederknieten und die Henker hinter sie traten, da wurde es so still, daß jeder sein eigenes Herz klopfen hörte.

Der König sah aus wie eine Reliquie aus gelbem Wachse, wie sie in den Kirchen zu sehen sind. Silvia sah so schön und rührend aus, daß im Herzen des Königs ein Kampf zwischen Liebe und Rachedurst entstand.

Und er rief: „Der Königin steht eine Bitte frei! Doch das Leben des Buhlen bleibt in meiner Hand“.

Es war stille und die süße Mädchenstimme der Königin sprach: „Ich bitte, daß man den Sklaven, der des Nachts so traurig am Lido singt, in seine Heimat sendet“.

Der König lachte heiser.

„Der Königin steht eine Bitte frei“, rief er abermals und seine Stimme keuchte.

Da bat goldenes Herz, daß man sie vor dem Geliebten töte. Sie wollte nicht hören, wie sein Haupt fiel.

Aber der Geliebte widersprach. Sie solle den Himmel länger sehen als er, sagte er. Lange Zeit stritten sie hin und her, jeder wollte zuerst sterben. Die Frauen in der Galerie weinten. Und abermals machte sich Silvia bereit zu sterben.

Da erhob sich der König und beugte sich über die Galerie und keuchte und rief: „Der Königin steht noch eine Bitte frei!“ Und er bohrte seine Blicke in Silvias Augen.

Aber Silvia sprach nicht die Bitte aus, die er erwartete.

„Ich bitte meine Schuld bekennen zu dürfen“ sagt sie.

Der König fiel in den Sessel zurück und nickte.

Es war ein eigentümliches Sündenbekenntnis, Ingeborg, du wirst es hören.

Silvia begann und sagte, daß sie jung wäre und die Muttergottes bäte, ihr zu vergeben, daß sie erst siebzehn Jahre alt wäre.

„Lieber hätte ich siebzig Jahre alt sein wollen, als ich Königin würde. Aber möge mir die Muttergottes gnädig sein, daß ich jauchzte, so jung zu sein, als ich den Geliebten erblickte. Denn bei den Wunden des Erlösers, wäre ich alt gewesen, aus Gram darüber wäre ich in derselben Nacht gestorben.“

Und sie erzählte, wie sie den Geliebten zum erstenmal sah.

„Er stand im Saale der gewebten Wände, wo so viele Herren und Frauen lautlos tafeln und lachen, daß man glaubt zwischen Gespenstern zu gehen und einem bange wird. Da sah ich ihn und er verneigte sich vor mir, und ich erschrak. Weiß nicht weshalb.

Schöne Augen hast du! sagte ich zu ihm. Bei Gott ich wußte nicht, was ich tat. Erst später fiel mir ein, was ich gesagt hatte.

Ziemt es sich für eine Königin, stehen zu bleiben und solche Worte zu sprechen? Gewiß nicht. Ich tat es.

Ich konnte nicht von der Stelle gehen, zitterte und lachte. Ziemt es sich für eine Königin zu lachen wie ein Kind? Aber ich tat es.

Ich traf ihn wieder an der silbernen Treppe, er legte Kissen in die Barke des Königs. Er war sehr blaß.

Weshalb bist du so blaß? fragte ich.

Und er erwiderte: Ich bin so blaß, weil ich ein Mädchen liebe und es ihr nimmermehr sagen kann.

Ich erschrak nicht — Haha — nein, denn ich wußte wohl, wer das Mädchen war.

Würdest du das Mädchen küssen, wenn du könntest?

Das würde ich bei Gott tun.

So küsse mich.

Er küßte mich. Freunde, es war am Tage, es war angesichts des Palastes, die Möven haben es gesehen, die Fische im Meer und Gottes tausend strahlende Augen, nur euch hat Gott die Augen versiegelt.“

Und ich erzählte, daß goldenes Herz fortwährend von dem Geliebten und ihrer Liebe gesprochen habe und nicht müde geworden sei, die Schönheit des Geliebten, seine Augen, seine Lippen, seine Hände, seine Stimme zu preisen und die Süßigkeit ihrer Liebe zu besingen. Ja, so sprach sie, daß die Mönche und Nonnen sich abwendeten.

„O, ihr Frauen dort oben!“ rief sie. „Seht mich Gefallene! Aber ich sage euch, nimmermehr möchte ich mit euch tauschen. Gerne würde ich sterben für jedes seiner Worte und für jede Wimper seiner Lider. Wie glücklich wäre wohl jede von euch, könnte sie diese Worte sprechen! Haha! Ihr würdet keine Reue empfinden, hätte er einmal nur seinen Arm um euern Nacken gelegt, die tiefste Hölle würdet ihr lieber ertragen, als daß ihr einen seiner Küsse entbehrtet. Ich weiß es, ja, ja, ja!“

Also sprach Silvia und sie konnte nicht aufhören von dem Geliebten zu sprechen und den Herrlichkeiten ihrer Liebe.

Sie sprach nicht, nein, sie jauchzte. Sie lachte und weinte während sie sprach und ihre Wangen rötete das Glück.

Auge aber weinte vor Seligkeit hinter der Kapuze, die sie ihm über den Kopf gezogen hatten, und er weinte so sehr, daß die Steine zu seinen Füßen dunkel wurden, trotzdem die Sonne brannte.

Die Gäste zitterten. Der König krümmte sich unter Silvias Worten und erstarrte, immer mehr.

Tiefe graue Furchen entstanden in seinen Wangen und an den Schläfen.

Dann machte sich Silvia wieder bereit zu sterben. Sie war so schön und ihr Antlitz so heiter, so strahlend, als würde sie dem Geliebten vermählt und ginge es nicht in den Tod.

Die Henker lauerten des Winkes, aber da hob der König wiederum die Hand.

„Halt! halt!“ rief er keuchend und sann nach. Und er wandte sich zu den Gästen. „Seht! Seht! Seht doch wie lieblich sie ist! Wie schön sie ist! Wer sah je ein solch schönes Weib?“

Und er beugte sich weit über die Brüstung und flüsterte: „Noch eine Bitte steht dir frei, herrlichste Silvia, jede Bitte, welche es auch sei — bei meiner Ehre!“

Die Gäste jubelten.

Was denkst du nun, daß Silvia bat? Ja, was gab es auch anderes zu bitten, wie?

Aber als sie die Lippen zu diesem Wunsche öffnete, überfiel den König plötzlich der alte Grimm.

„Tötet sie, tötet sie!“ keuchte er und bewegte die Arme, als schleudere er Steine auf sie.

Silvias Haupt sprang über das Schwert.

Und als sie Auges Haupt abschlagen wollten, da fanden sie, daß er schon tot war.

„Er ist schon tot, Herr!“ schrie der Henker. „Die Furcht hat ihn getötet.“

Die Furcht — —

„Was sagst Du dazu Ingeborg?“

Ingeborg schwieg. Ingeborg schüttelte den Kopf.

„Du mußt sie entkommen lassen, Axel, willst du?“

„Ja!“

Und ich erzählte von der Stelle an: die Gäste jubelten. Und Silvia sprach: „Bist du so gnädig, Herr, so lohne es dir Gott. Schenke uns beiden Leben und Freiheit“.

Der König lächelte und nickte.

Da schmetterten Posaunen und die Gäste jubelten, daß die Dächer der Galerien in die Höhe flogen, und alles ging zum Mahle. —

Ingeborg lächelte.

Es war eine goldene Stunde und die ganze Welt, die Wälder, das Tal, das Schloß, Ingeborg und ich und Pazzo zu Ingeborgs Füßen, alles war aus Gold, und der goldene Regen fiel immer noch langsam vom Himmel. Ich fühlte, daß mein Herz golden war und es begann leise zu klingen wie eine Glocke.

Ingeborg lächelte. Sie lächelte noch nicht wie früher.

„Schöner als all deine Legenden ist die von Axel und Ingeborg. Ingeborg war dem Tode nahe, aber Axel pflegte sie mit solcher Hingabe, daß sie genas und nicht sterben konnte. Gibt es eine schönere Geschichte? Nein, nein . . . . . .“

Diese Stunde war golden und meine schönste Stunde war es.

Schöner als deine Legenden ist die von Axel und Ingeborg . . . . .

O, Ingeborg. — — — — — — — — — — —

Die Tage gingen und Ingeborg wurde mit jedem Tage kräftiger und gesunder. Aber doch sprach sie noch nicht wie früher, aber doch lachte sie noch wie früher.

Müde war Ingeborg noch.

Ingeborg ging umher und sann. Stundenweit ging sie in den Wald und sann. Ihr Antlitz war gebräunt wie im Sommer, da die Sonne brannte.

Was sann Ingeborg doch?

Ich lag viele Nächte und schlief nicht.

Ingeborg war noch nicht die alte.

Die Vögel sangen nicht mehr wie früher. Die Felder waren gemäht.

Ich lag viele Nächte und schlief nicht. Aber am Tage überfiel mich oft die Müdigkeit und ich mußte schlafen. Ich fuhr oft aus dem Schlafe empor, Träume marterten mich. Ich träumte immer wieder und wieder von jener Nacht, da ich um Ingeborgs Leben kämpfte. Schrecken jagten durch meine Seele. Es erhoben sich Fäuste und schlugen mich nieder — und ich erwachte.

Ich vernahm Stimmen, drohende Stimmen, ich vernahm ein Brausen und das Brausen sprach: Du hast es gewagt!

Hatte ich etwas Böses getan?

Ich sah schlecht aus, als ob ich krank wäre. Zuweilen hatte ich auch Fieber.

Wie war meine Seele? Wie das Tal war sie, Sonne und Wolkenschatten, jagende Wolkenschatten, ich freute mich über die Sonne, ich griff nach ihr, wollte sie bannen, ich war glücklich, ich dachte nicht an die Schatten. Nein, ich wollte nicht an sie denken.

Ingeborg liebte mich. Sie küßte mich tausendmal. Aber ihre Lippen küßten anders, es war ein anderer Kuß.

22

s gab eine fröhliche Nacht, eine Nacht voller Gesang, voller Lachen, voller Blicke, Küsse in der Luft.

Der Himmel tiefblau, Sterne, viele Sterne, Friede ringsum, heiliger Friede, im Walde, im Tale. Hundert Kerzen brennen in meinem Zimmer, wir feiern das Fest der Genesung.

Lachen, Gesang, fröhliche Worte und Wein.

Was geschah alles in dieser Nacht? Ich weiß es nicht mehr. Wir waren fröhlich und guter Dinge, hundert Kerzen brannten in meinem Zimmer. Wie ein flammendes Blumenbeet, weiße Stengel, brennende Blüten.

Es blitzte und funkelte, nie habe ich eine solche Helle wieder gesehen, solche Augen, solche Lippen, solche Hände, nie wieder.

Wir tranken, Ingeborg und ich und Karl. Karl lachte, trank auf Ingeborg, auf mich, auf alle Heiligen, die im Kalender stehen.

Er las eine kleine Geschichte vor, eine geniale, feine Arbeit. Sie hieß „Der Verschwender“.

Ich liebe die Verschwender, die Verschwender, die immer verschwenden, Gold, Gedanken und Gefühle, die alles, alles und immer verschwenden!

Ja, das war Karl! Ich hasse die Bürger, die Krämer, die Rechner, nieder, nieder mit den Bürgern, ja, nieder mit den Bürgern!

A bas, à bas!

Das war Karl.

Wir tranken auf das Wohl der Verschwender, wir tranken auf den Untergang der Bürger.

Ingeborg sang. Sie sang nie so schön wie in dieser Nacht, zum erstenmal dachte ich nicht mehr, daß es Ingeborg war, die da sang, es war eine Stimme, die Stimme einer Sängerin. Ich war fröhlich, leicht war mein Herz. Alles war vergessen, alle Schatten. Hatte ich an Schatten gedacht? Ich war wohl töricht.

Ingeborgs Blick suchte den meinigen, er sprühte Verführung. Ingeborg küßte mein Ohr, als ich am Flügel saß und Karl es nicht sehen konnte. Ich schrie leicht auf. Der Flügel kicherte und lachte.

Ich hörte Ingeborgs alte Stimme wieder, ich sah Ingeborgs alte Augen.

Karl sprühte von Ideen und wir lachten und staunten in einem fort. Er erzählte eine Geschichte von den Obdachlosen, traurige und abscheuliche Einzelheiten, aber er erzählte sie so, daß wir über alles lachen mußten.

Die Nacht verging.

Ein Hahn krähte. Da brachen wir alle in Gelächter aus, aber niemand hätte den Grund angeben können, weshalb wir lachten, denn der Hahn krähte wie ein ganz gewöhnlicher Hahn. Ich erhob mich.

„Freunde,“ sagte ich, „hört! Ich mache euch einen Vorschlag. Ihr seid Freunde, du Ingeborg und du Karl, ich wünsche, daß ihr Geschwister seid. Könnt ihr das, so nennt euch du!“

Ingeborg wurde verlegen. Ihr Blick flackerte. Karl sagte, daß er mir danke, das könnten sie ja einmal versuchen.

Und Ingeborg sagte: „Ja“ und lächelte.

„Gut!“ rief ich. „So küßt euch.“ Ich lachte. Es wurde still.

Welche Kinder sie doch waren, diese beiden!

Ingeborg blickte Karl an, und diesen Blick kannte ich. Ich hatte irgend ihn einmal gesehen, ja, es war droben auf der Höhe, damals als der Wind wehte.

„Nun, so küßt euch doch!“

Karl nahm Ingeborgs Kopf sanft zwischen die Hände und sah sie an. Er wurde bleich und seine Augen strahlten. Er sah schön aus, verlegen und triumphierend zugleich. Das war Karls wirkliches Gesicht. Und er küßte Ingeborg auf den Mund. Ingeborg errötete. Sie schloß die Augen.

Dann waren sie beide verschämt und still.

Solche Kinder waren sie.

„Man muß neue Kerzen aufstecken,“ sagte Ingeborg verlegen, und Karl goß sich das Glas voll und trank auf mein Wohl, mit verlegener Miene. —

Später befahl ich den Wagen und wir fuhren hinein in den Wald, der Tag kam herauf.

Ingeborg wurde still und schläfrig und schloß die Augen.

„Bist du müde, Ingeborg?“ fragte ich.

„Nein,“ sagte Ingeborg. „Ich bin gar nicht müde.“ Sie lächelte mit geschlossenen Lidern. — — — — —

Ingeborg geht herum und hat ein Lächeln auf den Lippen, Träume in den Augen. Wenn ich sie anrufe, so erschrickt sie und sie lächelt mir zu.

„Woran denkst du, Ingeborg?“

Ingeborg lächelt und geht.

„Ich sage es nicht, Axel,“ sagt sie und lächelt über die Schulter zurück.

23

ngeborg sang und plauderte. Es war Ingeborgs alte Stimme. Ich hörte einen Schritt über den Korridor eilen, es war Ingeborgs alter Schritt. Ingeborg ging über die Wiese, ich rief sie an, sie wandte sich um, es war Ingeborgs alte Bewegung.

Ich war glücklich, wie im Sommer, ja, aber doch überfiel es mich mitunter, eine leise grundlose Angst, ein Gefühl des Schwindels. Ich dachte, es käme noch von jener Nacht her — ich war nicht mehr so gesund wie zuvor. Dann ereignete sich etwas. Es war an einem Nachmittag.

Ich ging durch den Park, Karl und Ingeborg zu suchen. Sie wollten ein wenig rudern auf dem See. Karl war mit seiner Arbeit fertig, er war unermüdlich im Vergnügen wie in der Arbeit, es mußte immer etwas geschehen. Immerzu war er unterwegs, sein Lachen klang herzlich und laut. Das Kind, das im Dichter steckt, beherrschte ihn in diesen Tagen.

Ich ging durch den Park, ja. Ich war nicht fröhlich, ich wußte nicht weshalb. Aber ich entdeckte, daß der Herbst kommen wollte. Welke Blätter hingen da und dort, die Wipfel waren so dicht, daß man nur kleine, schimmernde, helle Sternchen des Himmels sah, die Bäume hatten alle Kraft entfaltet.

Ein süßer, schwerer, welker Geruch fiel aus den Wipfeln, es roch fast wie in einem Sterbehause. Und es sauste immerzu im Parke. Das war das Sausen des Herbstes, so leise, so müde, so gleichmäßig.

Ein Vogel pipste in seinem Neste. Er wetzte den Schnabel hin und her. Das gab einen leisen, rührenden Ton, es klang als sei der Vogel allein und verlassen im Parke. Der Herbst war im Blute des kleinen Vogels, er wußte nicht, wovon er singen sollte.

Ich kam an den See, Ingeborg und Karl waren nicht zu sehen, der Kahn lag trocken am Ufer. Ich bog in einen schmalen Pfad ein, der mit Moos überzogen war, und überlegte, wo die beiden wohl stecken möchten, da sah ich unerwartet Ingeborgs Gewand durch die dichten Gebüsche schimmern. Ich freute mich. Sie sitzen in der Grotte, dachte ich und beschleunigte meinen Schritt.

Im Park gab es eine Grotte, ein überhängender Fels, ein kleiner klarer Tümpel darunter, in den von Zeit zu Zeit, in gleichen Zwischenräumen ein Tropfen fiel. Der Tropfen rief im Wasser und in der Grotte ein feines Klingen hervor. Das war eine schöne, geheimnisvolle Musik, die man nicht hören konnte, ohne schwermütig zu werden und über die Rätsel der Welt nachzudenken.

Ich freute mich, dort würde ich sie treffen, diese zwei, die ich so sehr liebte. Weshalb schlug mein Herz so sehr?

Ich hörte Ingeborgs Stimme, die einige Worte sprach. Das war unsagbar schön, die Stimme der Geliebten durch die Stille des Parkes zu hören.

Ich ging leise, vielleicht würde sie wieder sprechen.

Sie sprach wieder und es klang als spräche sie in bittendem Tone.

Ich hörte meinen Namen. Mein Herz begann laut zu pochen. Ich lächelte. Ich stand nicht weit von ihnen entfernt und sie wußten nicht, daß ich da stand. Wie schön würde es sein, ihre Worte zu vernehmen und gar, was sie über mich sagten. Dann wollte ich aus dem Gebüsche hervortreten, wie die Zauberer in den Märchen, und sagen: ganz dasselbe denke ich auch, Ingeborg, oder irgendetwas. Und ich freute mich auf ihre überraschten Gesichter und ihr Lachen.

Ich hörte den Wassertropfen in den Tümpel fallen und dann sprach Ingeborg, und es erschien mir plötzlich, als spräche sie ferne. Und doch stand ich nur wenige Schritte hinter ihnen. Ich sah Ingeborgs Nacken, einige Korallenperlen darauf, ich sah einen Hut, Karls Hut und daneben eine knochige, schmale Hand, die das Gras niederdrückte, Karls Hand.

„Was denkst du aber?“ sagte Ingeborg. „Liebst du mich denn nicht?“

Peng — fiel der Tropfen.

Und Karl antwortete mit ernster, gleichtönender Stimme:

„Ich denke an Axels vornehmes Herz und an die schwere Arbeit meines Lebens.“

Die Lider fielen mir zu und meine Arme wurden steif.

Es verging eine endlose Zeit, dann sprach Ingeborg wieder, noch leiser, noch ferner: „Aber was soll ich tun? Karl, Karl, rate mir doch! Ich ertrage es nicht länger. Ich liebe Axel, ja, gewiß, aber —“

Da gelang es mir, die gelähmten Hände an die Ohren zu pressen. Es wetterte dumpf in meinen Ohren, wie in der Nähe eines Dampfkessels. Leise und vorsichtig schlich ich fort, ich tänzelte fast auf dem glatten Moose. Meine Zähne schlugen aufeinander, der Schmerz fiel wie ein Beil in mein Herz.

Aber was soll ich tun? Karl, Karl, rate mir doch —

Ich eilte schneller, erreichte die breite Allee, es wehte zwischen den Bäumen.

Huh, wie blies der Wind so kalt!

Aber was soll ich tun? Karl, Karl —

Ich wünschte, dem Tode zu begegnen. Ich lief, ich taumelte, ich stöhnte — immer noch hielt ich mir die Ohren zu. — — —

Es liegt ein Mann in der Nacht und findet keinen Schlaf. Er wartet, ob sich nicht eine Türe rührt. Daran dachte ich. Nun wußte ich es.

Lange Zeit verging, dann kamen sie, Ingeborg und Karl.

„Wir haben einen wunderschönen Spaziergang gemacht,“ sagte Ingeborg hastig, „nicht, Karl?“

Karl erwiderte nichts.

Eine Lüge flackerte in Ingeborgs Stimme, ein Geheimnis schwieg in Karls Schweigen.

Ich lächelte, ich beherrschte mich.

„Hungrig werdet ihr sein, Freunde. Kommt!“ sagte ich.

Und ich ging voran und sie folgten mir, Ingeborg und Karl.

24

m andern Tage reiste Karl ab, er ließ sich durch kein Zureden halten. „Ich muß, Axel!“ Ich ließ ihn ziehen, ich liebte ihn. Ingeborg war bleich, ohne Worte.

Die Felder sind gemäht. Die Wiesen sind braungrün. Die Sonne funkelt noch, aber ein leichter Wind weht immerzu, herauf aus dem Tale und verweht die Strahlen der Sonne.

Der Sommer verglüht, der Herbst kommt, bald werden die Krähen schreien, denke ich. Und ich sehe in Gedanken Schnee vom Himmel fallen.

Es ist schwül im Hause und doch zieht es, wo man geht. Die Hände und Füße frieren, ein kalter Atem streicht über den Rücken.

Es ist nun sehr stille geworden bei uns und die Uhren ticktacken, wohin man kommt.

Ingeborg sitzt am Fenster und blickt die Straße hinab, die ins Dorf führt.

Vor dem Hause auf der Wiese steht eine Birke, eine neue Bank, aber es ist eine andere Birke, eine andere Bank.

Ich lächle und sage zu Ingeborg:

„Wie stille ist es bei uns, gute Ingeborg!“

Es sei sehr stille, ja, erwidert Ingeborg und blickt lächelnd zu mir empor.

Ich gehe. Dieses Lächeln tut mir weh.

So vergeht der Tag.

Ingeborg sitzt am Fenster und blickt die Straße hinab, die zum Dorfe führt.

Ich setze mich zu ihr und sage: „Wie man doch Karl vermißt. Ein solch gütiger Mensch, ein solch herrlicher Mensch! Wie schön war er doch anzusehen, wenn er kutschierte! Wie ein griechischer Wagenlenker stand er im Wagen und ließ die Peitsche über den Pferden knallen und schrie, daß die Pferde scheuten und sein langes, rotes Haar flatterte im Winde um sein lachendes, verzücktes Gesicht.“

Ingeborg lächelt und blickt hinab über die düstern Buchenwälder, die sich leise wiegen.

Ingeborg lacht leise.

„Sonderbar war er vor allem, sonderbar in allem, was er tat. Erinnerst du dich, wie er am ersten Abend sagte, die Frauen seien ganz gute Geschöpfe, glaube er. Und er erzählte von einem armen Mädchen, das ihm eine Kravatte geschenkt habe? Wie hörte sich das an! Und zu gleicher Zeit schrieb er an einem Gedichte, zwölf Gesänge zur Verherrlichung der Frau — haha!“

„Ja, sonderbar war er, du hast recht, Ingeborg. Wer ist er doch? Ich habe nie eine Silbe der Klage von seinen Lippen gehört, nie einen Zug des Unmutes bei ihm gesehen. Und doch hat er so viel gelitten. Immer fröhlich ist er und immer schenkt er.“

Darauf spricht Ingeborg und sie zieht bedeutsam die Brauen in die Höhe: „Ein Weiser ist er und ein Kind. O, er ist ein Mensch! Ich habe eine Stelle in einem seiner Bücher gefunden, die heißt: Leiden mußt du können bis zur Verzweiflung und lachen bis zum Irrsinn, ohne zu verzweifeln, ohne irrsinnig zu werden. Das sagt viel von ihm.“

Und Ingeborg lächelt und sieht die Straße hinab und eine kleine Falte ist zwischen ihren Brauen zu sehen. Ihre Lider sind halb geschlossen.

Ich gehe. Diese kleine unterdrückte Falte zwischen den Brauen zerschneidet mir das Herz.

So vergeht der Tag.

Und Ingeborg ist blaß und ein eigentümlicher Schein ist in ihren Augen. Wo sah ich doch diesen Schein schon und diese erstarrte Miene?

Es fällt mir ein: damals auf der Höhe, an jenem Abend, bevor wir uns küßten.

Ingeborg lacht eigentümlich und sagt: „Weißt du, woher die Feuerlilie ihre Glut hat und die Amsel ihren Gesang?“

Nein, das wußte ich nicht. Wie sollte ich wissen, woher die Feuerlilie ihre Glut und die Amsel ihren Gesang hat? Ich hatte mich nie mit diesen Dingen beschäftigt.

„Karl weiß es!“

Karl weiß es. Bin ich ein Dichter? Nein. Karl ist ein Dichter und mußte es wohl wissen.

Ingeborg blickt an mir vorüber, hinunter auf die Straße, die zum Dorfe führt, und spricht:

„Karl hat eine neue Unsterblichkeitslehre gefunden. Wie groß ist ihm der Mensch. Mir verriet er es, mit niemand sprach er sonst davon.“

„Weißt du, wie man sich Zuneigung und Abneigung erklären kann? Er sprach von Geschlechterreihen und daß —“

Was weiß ich von diesen Dingen?

Der Tag vergeht, es weht vom Tal herauf. Grellgelbe Flecken bekommen die Wälder. Ein einzelner brennendroter Baum steht in der Ferne im grünen Walde.

Ich gehe herum und sinne. Ich gehe in die Ställe und sehe den Knechten nach. Ich spreche mit ihnen. Ich gehe in die Scheunen, wo die Futterschneidmaschine surrt. Es treibt mich herum.

Ingeborg! Ingeborg! Jeden Tag gehst du weiter weg von mir, Ingeborg. Bald werde ich dich nimmer sehen. Jeden Tag klingt deine Stimme ferner, es wird ein Tag kommen, da werde ich dich nimmer hören können. Eine fremde Sprache wirst du sprechen.

Eine große Traurigkeit breitet sich in meinem Herzen aus und alles will sie verdunkeln. O, Ingeborg, Ingeborg!

Es treibt mich herum. Ich fasse einen Baum an und sage zu dem Baume: O, Ingeborg!

Hin und her wandere ich. Ich kann mich keinen Augenblick mehr niedersetzen. Ich zernage mir die Lippen. Der Schrecken lähmt mich zuweilen, so daß mein Herz stille steht. Mein Gesicht ist erstarrt, es ist ganz steif geworden. Ich habe das Gefühl, als müßte ich in die Knie brechen. — Zuweilen habe ich es —

Es zerbröckelt etwas. Es zerbröckelt unaufhörlich, ich fühle es, ich höre es, es zerbröckelt um mich, in mir —

Ich schlafe nicht mehr. Ich liege immer, immer wach. In meinem Kopfe jagt es. Gegen Morgen sinke ich vor Mattigkeit in den Schlaf. Ich träume, daß ich weine. Ich höre mich weinen, ich erwache, meine Augen sind trocken, aber es weint in mir. Ich bin erstaunt, ich erschrecke, es weint immerzu in mir.

Ich sehe nicht gut aus. Ich sehe gealtert aus. Ich fühle, wie Ingeborgs Blick auf meinem Gesichte ruht. Ich fühle, daß alle Worte sie reuen, die sie über mein Gesicht sagte. Ich fühle es.

Ich spreche mit Ingeborg. So gütig wie möglich suche ich zu sprechen.

„Erinnerst du dich, wie wir unter dem Apfelbaum saßen, er blühte?“

Ingeborg schweigt.

„Der Sommer war doch schön, Ingeborg?“

Ja, er war schön, sagt Ingeborg mit einer teilnahmslosen, müden Stimme. Gereiztheit verbirgt sich darin.

Das hat mir wehe getan!

Ich gehe. Es treibt mich herum.

Hin und her gehe ich und überall stehe ich und plaudere ein paar Worte mit dem Gesinde.

„Hat sie noch ein wenig Sonne erwischt?“ sage ich zur alten Maria, die am Fenster sitzt und Strümpfe stopft. Ich spreche sanft und ich bin ergriffen, als spräche ich zu meiner Mutter. Ganz eigentümlich ist das.

„Ja, es ist heute warm. Bald wird der Winter da sein, ehe man sich umschaut.“ Sie glaube, daß heuer der Winter früh komme.

„Das glaube ich auch,“ sage ich. „Ich glaube sogar, daß es ein strenger Winter werden wird.“

Die Schlehen hätten so stark geblüht, ja.

Was sie da für einen Vogel habe. Ganz traurig sähe er aus. Er sänge wohl nicht.

„Ein Rotkehlchen, Herr. Singen tut es nicht, nein.“

Sie habe einen Kanarier gehabt, er sei gestorben. Sie glaube, er sei aus Furcht vor der Katze gestorben. Wenn sie das gedacht hätte, wäre die Katze nicht ins Zimmer gekommen. Aber sie könne keinen leeren Käfig sehen, bis ein neuer Kanarier zu haben wäre, wolle sie das Rotkehlchen behalten.

„Höre,“ sage ich, „schenke mir das Rotkehlchen. Ich besorge dir einen Kanarier. Die sind es seit jeher gewöhnt, in Käfigen zu sitzen und singen auch.“

Schon recht.

Ich nehme den Käfig und gehe zu Ingeborg. Ingeborg sitzt am Fenster und blickt in den Sonnenuntergang hinaus. Sanft geht der Tag zu Ende, mit gleichmäßiger Röte im Westen und zitternden Wölkchen am hohen Himmel. Ganz wie ein Frühlingstag. Die Luft weht lau, klingende Rufe zittern aus dem Tale herauf.

„Sieh,“ sage ich.

„O!“ sagt Ingeborg.

„Ein Rotkehlchen gehört in den Wald, nicht in den Käfig, Ingeborg, denke.“

Ingeborg sieht mitleidig lächelnd und voller Liebe auf das Vögelchen, als blicke sie einem armen, weinenden Kinde in die Augen. Eine schöne rote Brust hat der Vogel, in die er den klugen Kopf drückt. Seine Augen sind schwarz wie Beeren und spähen ängstlich.

Ich will sprechen, aber ich kann es nicht.

Auf der Wiese nahe der kleinen Birke steht ein alter Knecht, in zusammengeschrumpften Hosen und blauem Arbeitskittel, er ruft zu einem Bauern auf der Straße hinüber. Von einer Kirchweih erzählt er. Er lacht, aber er bewegt die Arme, als wolle er Streit anfangen.

„Es ist ein armes Vögelchen, ging gerne in die Freiheit,“ sage ich.

Ingeborg denkt, was meint er doch? Sie blickt mich an und ihre Lider zucken verlegen.

Der Knecht auf der Wiese lacht und ruft: „Alle Hohenfichtener sind dagewesen. Eine Hetze war es, haha!“

Hahaha — antwortet es von der Straße her. Und der Knecht bricht wiederum in Gelächter aus. Glücklich und jung lacht er trotz seiner grauen Haare.

„Siehe, Ingeborg, was ich mit solchen eingesperrten Vögelchen tue.“

Ich öffne den Käfig. Das Rotkehlchen steht unter der Türe, pfeift schüchtern und wendet das gereckte Köpfchen nach links und rechts. Glaubt man nicht, man könnte ohne weiteres fortfliegen, denkt es — zit zit! Es betrachtet sich die weite Welt und schüttelt die Flügel.

Ich lächle.

„Es will gar nicht gehen. Aber die Türe steht ja offen. Ich bin doch nicht so grausam, es zurückzuhalten —“

„Geh, kleiner Vogel, flieg!“

Zit! pipst der Vogel. Er blickt rasch zurück, dann gleitet er vom Gesimse und breitet die Flügel aus.

Er fliegt bis zur kleinen Birke, läßt sich nieder und beginnt zu schmettern. Dann schwingt er sich in die Höhe und fliegt hinein ins Tal, berauscht, in großen Bogen. Er begegnet einigen Schwalben und scheint ihnen etwas zuzurufen, denn die Schwalben ändern plötzlich die Richtung und geben ihm ein Streckchen das Geleite.

Ich vermag es nicht, Ingeborg in die Augen zu sehen, und so blicke ich dem kleinen Vogel nach, der in die Freiheit hinausflog. Bald sieht es aus, als fliege ein Schmetterling im geröteten Himmel.

Dann zittert nur noch ein Pünktchen über dem Tale, es tanzt auf und ab.

„Siehst du, ich bin doch nicht so grausam, ihn zurückzuhalten? Ich freue mich mit ihm über seine Freude.“

Da begegne ich Ingeborgs Blick. Sie hat verstanden.

Sie blickt mich an und ich sehe, daß sie irgendetwas tun möchte, um mir zu danken. Aber sie wagt es nicht.

Sie blickt mich nur an.

Wir geben uns die Hand.

Vor dem Hause erzählt der Knecht immer noch von der Kirchweih und dem Tanze in Rotenbuch.

Ich höre es, verstehe jedes Wort, obgleich mein Herz zerbricht.