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Ingeborg

Chapter 32: 31
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About This Book

A solitary narrator in a mountain lodge remembers a vivid spring when he encountered a free-spirited young woman from the nearby forest; her singing, rain-damp hair, and teasing claim to have been raised in a noble household persist in his memory. The narrative alternates brief, intimate meetings with extended, lyrical reflections on landscape, seasonal change, and inner longing, showing how fleeting encounters are transformed by recollection. Themes include the tension between solitude and companionship, the pastoral imagination, and the uneasy interplay of social rank and personal feeling, all conveyed through evocative natural description and introspective narration.

25

n jener Nacht lag ich ausgestreckt in meinem Zimmer und rührte mich nicht. Ich lag und blickte zur Decke empor und rührte mich nicht.

Da schlich es, es knisterte und rauschte. Ingeborg glitt neben mir auf den Boden.

Sie umschlang mich und küßte mich, sie küßte jede Stelle meines Gesichtes, meinen Hals, meine Hände. Sie weinte, ich hörte es nicht, aber ich spürte ihre Tränen. Sie badeten mein Gesicht, meinen Hals, meine Hände.

Mir war so wohl, so wohl. Ich dankte ihr. Ich wurde fröhlich, glücklich war ich. Mehr, mehr dachte ich.

Dann flüsterte sie: „Ich erinnere mich freilich daran, wie wir unter dem blühenden Apfelbaum saßen. An alles, alles erinnere ich mich, Axel. Ich werde nichts vergessen, nichts.“

Und sie erzählte von unserem Frühling, unserem Sommer immerzu, jede Einzelheit.

Mir war so wohl, so leicht . . .

26

euer Morgen kam — er mußte kommen, die Sonne mußte aufgehen. —

Die Sonne geht auf und die Fenster des Schlosses strahlen, als sei es zu einem Feste beleuchtet.

Es ist kühl und im Tale ziehen Nebel. Feucht riecht der Wald, es glitzert und Tau perlt an den Gräsern. Spinnengewebe hängen an den Brombeerbüschen und zwischen den Halmen, und in jedem liegt ein ovaler Tautropfen wie in einer feingesponnenen Wiege.

Es rasselt, der Wagen fährt vor. Ich trete aus dem Hause, Pazzo folgt mir. Ich spreche mit dem Kutscher. Mägde schleppen das Gepäck.

Da kommt Ingeborg die Treppe herunter, sie knöpft sich die Handschuhe zu. Sie trägt einen breiten Hut und das ist auffallend, denn den ganzen Sommer über trug sie nie einen Hut. Der Hut verändert sie, der Reisemantel, fast wie eine Fremde sieht sie aus.

„Ein schönes Reisewetter, Ingeborg“, sage ich. Ich lächle, ich will es ihr leicht machen.

Ingeborg hat Tränen in den Augen.

„Verzeih, verzeih“, flüstert sie und beschwört mich mit den Blicken.

„Beruhige dich, Ingeborg!“

„Ich kann ja nicht anders. Es ist mein Schicksal!“

„Wohl weiß ich das.“

Die Pferde scharren mit den Hufen. Pazzo bellt und umkreist den Wagen. Der Kutscher sitzt steif und bereit zur Fahrt.

„Adieu, Ingeborg!“

„O, Axel!“

„Grüße Karl!“

„Ich danke, Axel!“

„Wenn du mich besuchen willst, ich freue mich immer über deinen Besuch, du weißt es.“

„Freilich, freilich besuche ich dich. Bald besuche ich dich.“

„Wenn du ausruhen willst, nirgends ist es stiller als hier, du weißt es.“

„Ich denke daran. Schreibe bald, Axel! Versprich es!“

„Ich werde schreiben.“

Hastig nestelt Ingeborg an den Handschuhen und zieht sie von den Händen.

„Lebewohl, Axel!“

„Ingeborg, lebewohl!“

Wir küssen uns. Ich stehe auf dem Trittbrett des Wagens und Ingeborg umschlingt mich mit den Armen. Unter dem Hoftore stehen Knechte und Mägde, die begreifen nichts.

Die Pferde ziehen an, der Wagen rollt die Straße hinab.

Pazzo heult kläglich, bellt, blickt auf mich.

Adieu! Adieu!

Ingeborg steht im Wagen und winkt mit dem Taschentuch.

Noch sehe ich ihre Augen deutlich und den bittenden Ausdruck des Antlitzes, das unter dem breiten Hute leuchtet. Golden schimmern die Lockenbüschel. Nun sehe ich die Augen nicht mehr, etwas Blasses schimmert unter dem Hute. Das weiße Tuch weht.

Der Wagen biegt um die Ecke, ganz klein ist er geworden.

Eine weiße Taube flattert im Walde, ein Beschläge blitzt, nichts ist mehr zu sehen. Wald, Wald, Wald —

Pazzo winselt und kläfft. Er springt an mir empor.

„Pazzo!“

Pazzo fliegt in großen Sprüngen den Berg hinunter. Das ist noch ein letzter Gruß, nicht?

Adieu, Ingeborg! — —

Ich habe einen Geschmack auf den Lippen.

27

un ist Ingeborg fort. —

Ich sehe einen Mann, der die Stufen zum Hause emporsteigt. Er steigt und steigt, wieviele Stufen sind es doch? Er blickt nicht zurück. Er steht vor der Türe, öffnet sie, sie ist schwer. Er blickt nicht zurück. Er verschwindet im Hause. Er steigt die Stiege empor, er geht den langen weißen Korridor entlang. Er bleibt stehen, die Augen fallen ihm zu.

Dieses ist ein Mann, der alles was er besaß, verlor. Er erblaßt. Es sind zwei Worte an eine weiße Türe gekritzelt. Er sieht über sein Zimmer. Es ist sein Zimmer. Da sieht er nun, sieht in sein Zimmer und wagt es nicht, es zu betreten. Er wagt es nicht, nein! Dieses Zimmer ist leer, leer.

Schreien, lachen, niederstürzen? Wie? Nein, nichts von alldem. Ein Zittern in den Händen, ein Beben der Knie, das ist alles. Verzweifelte Gebärden in mir, tief in mir. Wirre, jagende Bilder in meinem Kopfe, sie zerbrechen, andere kommen, zerbrochene. Sie zerbrechen.

Ich setze mich in einen Stuhl. Ich lächle.

Ich habe einen Geschmack auf den Lippen. Adieu, adieu. Ich nehme Abschied. Tautropfen, bittende Augen, eine nackte Hand. Eine Stimme.

Sie schwebt über mir wie Gesang. Ich verneige mich vor der Stimme. Ich lächle. Ich stehe auf dem Trittbrett und lege meinen Arm um Ingeborg.

Wie verzweifelt das Lächeln hin und her irrte auf ihrem Antlitze? Und ihre Augen, die segneten, segneten! Gelobet seist du in alle Ewigkeit, Ingeborg! Ich liebe dich.

Mein Herz krampft sich zusammen, es wird dunkel in meinem Kopfe. Ja, nun ist sie fort. Ich habe alles verloren, was ich besaß.

Ich stehe auf. Es dreht mich im Kreise. Vor meinen Augen wird es schwarz. Soll ich niederstürzen? Dürfte ich es doch! Ein klein wenig. Einmal zusammenbrechen, schreien, eine Sekunde nur. Nein, ich tue es nicht, ich stehe aufrecht, ich kämpfe. Ich beginne zu wandern. Meine Wanderung beginnt.

Sie dauerte Wochen, Monate, nun begann sie.

In den Wald? Nein, da ist sie. Vielleicht gar in die weißen Zimmer? Wohin? In den Keller? Da ist sie auch.

Was ich gewesen bin, was ich war, was ich sein konnte, Sonne, Glück, Schönheit, Reichtum. Alles verloren. Vorbei das Wandeln.

Nein, ich brach nicht zusammen, ich schluchzte nicht, ich grub nicht die Nägel in die Schläfen. Das ist nicht wahr, ich tat es nicht. Ich zerriß ein Taschentuch in Streifchen, das tat ich, ja, das!

Ich wanderte. Wenn ich nur gehen durfte.

Auf der Straße waren die Spuren von Rädern und Hufen zu sehen. Fußspuren. Ich entdeckte meinen Schuhabdruck, ich entdeckte ihren Schuhabdruck. Ich sah ihn an. Ich fühlte beobachtende Gesichter hinter mir, deshalb ging ich. Morgen würde man diese Spur im Staube nicht mehr sehen. Sie hat sich in mein Gedächtnis eingegraben, oft träumte ich von der Spur im weißen Staube. Ich ging in den Wald, stand stille. Adieu, adieu, immerzu nahm ich Abschied. Ich ging zurück ins Haus, kam wieder zum Vorschein, stand wieder bei der kleinen Spur im Staube.

Der Wagen kam von der Station zurück. Der Kutscher sprang vom Bock und ein Knecht kam und spannte die Pferde aus.

Ich fragte den Kutscher: „Wo ist Pazzo?“

Der Kutscher hatte ihn nicht mehr gesehen. An der Station sah er ihn zum letztenmal. Weiß der Teufel wo der Hund steckt. Ja, weiß der Teufel — haha!

Dieser Wagen war fürchterlich leer. Ein elender Anblick war dieser leere Wagen. Glatt waren die Polster, nichts war auf den Polstern zu sehen.

Ein Knecht kam mit der Bürste.

„Laß es. Schiebe den Wagen in die Remise. Eine Decke darüber, so wie er ist. Der Wagen ist altmodisch, ich habe einen neuen bestellt.“

Ich trat ins Haus.

„Daß du mir etwas Ordentliches kochen läßt, Mütterchen,“ sagte ich zur alten Maria. „Ich habe einen schrecklichen Hunger, bin heute früh aufgestanden.“

Die alte Marie hatte etwas auf dem Herzen. Man sah es gleich an der Art, wie sie sich umwendete.

„Sprich nur.“

Auf wielange die Herrin fortreise?

Das könne man nicht so genau sagen. Vielleicht einen Monat, vielleicht ein Jahr. Sie sei nach Paris gereist.

„Nach Paris?“

„Ja, verstehst du, um das Singen zu lernen.“

Aber das könne sie doch schon.

„Mütterchen, haha, gelungen sprichst du daher. Wie kannst du über diese Dinge sprechen?“

Freilich könne sie schon singen, schön sogar, sehr schön. Aber es muß alles gelernt sein, heutzutage, auf den Schulen. Siehst du, du kannst sehr klug und gelehrt sein, warst du nicht auf vielen Schulen, so glaubt es dir kein Mensch und du hast nichts davon.

So ist es auch mit dem Singen.

Der Tag ging langsam. Ich hatte nichts zu tun. Langsam drehte sich der Schatten der kleinen Birke im Kreise. Pazzo war noch nicht da.

Also an der Station sahst du ihn zuletzt?

Ja, Herr.

Und dann nicht mehr?

Nein, Herr.

Ich stahl mich in die Remise. Ich lüftete die Decke, die über den Wagen gebreitet war. Bestaubt stand er da. Ich suchte in den Polstern, Staub um die Knöpfe, sonst nichts. Es war nichts zu finden.

Ich nahm den Hut und Stock und pfiff. Ich erinnerte mich, daß Pazzo ja nicht da war. Ich lächelte. Ich stieg die Straße hinab, dieselbe Straße. Deutlich konnte ich die Räderspuren herausfinden, auch Pazzos Spur. Er war gehetzt. Wie große Ausrufezeichen sahen seine Spuren aus. Ich kam an die Stelle, wo er den Wagen eingeholt hatte. Der Wagen hatte gehalten, Pazzo war in den Wagen gesprungen. Das sah ich alles aus den Spuren. Im Dorfe verschwand die Spur des Wagens, hinter dem Dorfe tauchte sie wieder auf. Sie zog mich durchs Tal, über den Berg hinüber, an Rote Buche vorbei. Da waren alle Läden geschlossen. Sie zog mich bis zur Station. Ich stand am Perron und blickte dem Geleise nach. Ein Beamter trat heraus und grüßte.

„Ich suche meinen Hund,“ sagte ich.

Ja, ach ja, dieser Hund. Es sei eine Wirtschaft gewesen. Der Hund wollte nicht außen bleiben. Er habe geheult und gewinselt. Die Fürstin wäre ganz ergriffen gewesen.

Soso.

Ich ging die Geleise entlang. Hier lag Sand, ich konnte Pazzos Spuren nicht entdecken. Diese Geleise. Sie glänzten. Ich berührte sie mit dem Finger. Ich sah ihnen nach. Sie erschienen mir so sonderbar. Sie zogen mich, zogen mich. Ich rollte auf ihnen dahin, flog, flog. Ich sah einen grellgelben riesigen Eichbaum am Bahndamm. Ich sah ihn mir an. Gewiß war er ihr aufgefallen.

Ich wurde zu einem Eisenbahnzug, sauste, flog durch die Wälder und Wiesen, die Wälder und Wiesen drehten sich mir entgegen. Wieder, da stand ich auf einer Station und sah auf einen Kopf hinter einer Scheibe. Ein runder, feiner Kopf, glatte goldene Haare, Lockenbüschel, die bis zur Schulter herabfallen.

Dann ging ich quer durch den Wald nach Hause. Immer stand ich auf dem Trittbrett des Wagens. Es jagte in meinem Kopfe. Meine Hände zitterten.

 

Ich hatte im geheimen gehofft, Pazzo anzutreffen. Er war noch nicht zurückgekommen. Nun, Geduld!

Ich hatte nicht daran gedacht, daß die Sonne untergehen würde, daß die Nacht heute kommen könnte. Aber alles ging seinen Gang, als wäre nichts geschehen. Plötzlich wurde alles rot, durchtränkt vom Blute der Sonne. Auch meine Hände. Friede und Schönheit überall, meine Brust tobte. Dann sah ich es mit Grauen dunkel werden, immer dunkler. Asche fiel auf die Erde. Finstere Schatten hoben sich aus den Wäldern, irrten hin und her und kauerten sich nieder. Es wurde still, so still wie es nie war. Schweigen, Schweigen. Nicht jenes Schweigen, das man noch hört, nein, ein tieferes unhörbares Schweigen, ein grauenhaftes Schweigen, das mich lähmte. Leer, alles leer.

Nun brach die Nacht an. Pazzo war noch nicht zurückgekehrt. Ich ging hin und her. Ich wartete, ja, worauf wartete ich denn? Ich wartete darauf, daß das Haus über mich zusammenbräche. Ich ging gedankenlos an den Flügel und schlug eine Taste an. Es war ein heller Ton, Ingeborgs Ton war es. Jeder Mensch hat seinen Ton. Mußte ich auch gerade Ingeborgs Ton unter den Finger bekommen.

Ich zündete eine Kerze an, aber die Flamme flüsterte, sie sprach, ein Gesicht erschien in der Flamme. Ich verlöschte sie wieder, viel zu viel wußte die Flamme.

Ich ging hin und her. Es war dunkel. Ich trat ans Fenster. Alles war schwarz. Selbst die Luft war schwarz. Die Sterne fielen vom Himmel und zersprangen auf den finsteren Äckern.

Mich fror.

Plötzlich sah ich ein Zimmer vor mir, eine Lampe war darin, zwei Menschen unter der Lampe, ein Gesicht rückte in den Lichtkreis. So deutlich sah ich es. Ich schloß die Augen.

Ja, Karl konnte Ingeborg haben, wenn Ingeborg nur wollte. Er ganz allein, ja. Er hatte nie ein Glück gekannt, Hunger und Sorgen und Nächte voller Arbeit, er hatte Ingeborg nötig. Dann war es Karl, der Dichter! Ich dagegen, wer war ich gegen Karl?

Ich würde auch allein leben können — ja auch allein, dachte ich und ging mit steifem Körper hin und her. Mich fror. Alles war leer, alles. Ich dachte an die Fußspur im Staube, an die Geleise in der Sonne. Ich sah wie jemand die Handschuhe abstreifte. Ich sah ein Gesicht, das in der Ferne entwich, ein Paar Augen, die kleiner und kleiner wurden. Ein Tuch flatterte im Walde.

Ich preßte die Finger auf die Augen und drückte die Daumen gegen die Schläfen. Ich saß und dachte, dachte, dachte immerzu.

Da hörte ich ein leises Wimmern, als ob ein Kind wimmere.

Ich erschrak.

Ich stand auf, räusperte mich und ging wieder auf und ab. Mein Glück, meinen Sommer im Kopfe, Ingeborg, jeden Schritt, jedes Lachen im Kopfe und das andere im Kopfe, so ging ich hin und her. Ich hatte ja seit einigen Tagen gewußt, daß das andere kommen würde, daß diese Nacht, da alles leer war, kommen würde, ich hatte es gewußt, meine Seele gewappnet — aber — —

Nein, nein, nein!

Ich stand in meinem Zimmer, preßte die Hände auf die Augen und sagte immer das gleiche Wort. Nein, nein, nein . . .

Die Nacht verging, der Tag graute.

Wie verging diese Nacht? Gott weiß es. Auch ich weiß es. Ich denke nicht daran. Ich habe mich nicht auf den Boden geworfen, ich habe mir nicht die Haare gerauft und die Brust zerfleischt, nein, wer dies behauptet, der lügt. Ich hatte nur etwas Blut am Kinn, das war alles.

Die alte Maria entdeckte es, ich hatte es nicht weggewischt. Ich lächelte, so gut es ging, es wollte nicht gut gehen, diesmal, nein, aber doch brachte ich es fertig.

„Ist Pazzo nicht gekommen?“ Nein.

„Der Schlingel!“ sagte ich und lächelte. Ich sah mein Gesicht dabei, wie ich es sagte, mein Lächeln. Meine Stimme hatte sich verändert.

Die alte Maria starrte mich an und ging rückwärts zur Türe hinaus.

Natürlich, ich konnte nicht wie ein Bräutigam aussehen. — — —

Erst einige Tage danach fand ich es: viele, viele meiner Haare waren weiß geworden. Ich war sehr betrübt darüber.

28

s kamen die Tage des lauten Schmerzes.

Allmächtiger Geist über den Sternen, Vater der Menschen, habe Erbarmen mit mir. Ein neues Herz, ein neues Hirn! Ich flehe dich an, ein neues Herz, ein neues Hirn! Erbarme dich meiner! — —

Ein Gebet war in mir, meine Lippen flüsterten es nicht, meine Seele sprach es. Einst lag ich in der Nacht im Walde, da hörte ich, wie meine Seele es sprach, ich lauschte, ich verstand. Es waren diese Worte.

Ich dachte, ich könnte nicht unglücklicher werden, als ich in jener ersten Nacht war. Ich dachte, ich hätte den tiefsten Grund des Unglücks erreicht. Nein. Es sollte in die Tiefe mit mir gehen, jene erste Nacht war die erste Stufe, dann ging ich Stufe um Stufe abwärts, immer tiefer, immer tiefer.

Ich habe die Hände gerungen, ich lag Nächte hindurch im Walde und preßte die Zähne zusammen, ich irrte umher, durch Nacht und Regen, mit verwirrtem Sinn. Die Bäume woben sich zu Ingeborgs Antlitz, die Wälder, die Wolken, wo ich hinsah, da war es, da lächelte es, da schimmerte es. Ich sah es im Sternenhimmel. Und schloß ich die Augen, so war es in mir, in mir da funkelte Ingeborgs Antlitz in den Farben des Brillanten. Überall waren Rufe, überall ein Flüstern, ein Lächeln, Worte, Gesang.

Daß ich doch krank würde! Krank, lange Wochen und dann erwachte, erneuert, gesund — — o, o! Daß ich doch körperliche Schmerzen zu ertragen hätte, die mich vergessen ließen, was da innen so wehe tat.

Einmal hagelte es, ich weiß es, ich nahm den Hut ab, die Schloßen schlugen mich auf den Kopf, ins Gesicht, auf die Lippen und Augen, es war wie eine Züchtigung, die der Himmel über mich verhängte. Das tat gut. Ich verstand viel, viel, was ich nie verstanden hatte. Die Klöster, wo sie kein Wort mehr sprachen, nur knieten, knieten, lange Gänge entlang rutschten auf den wunden Knien, ich verstand die Flagellanten, die sich den Rücken geißeln, die Einsiedler in den Wüsten. Das war eine Wonne, o, das war ja eine Wonne gegen all das andere, gegen das da innen.

Ich verstand die Trinker, die Verbrecher, die Elenden, die Verworfenen.

Ich erinnerte mich an Harry Usedom, wie er vor uns im Walde stand und mit den Fingern auf sein Herz trommelte. Ich erinnerte mich an Claire Davison, wie sie vor mir stand, einst, wie sie drei Worte sagte: Leben Sie wohl! Ich verstand sie nicht, nicht diesen Blick. Ich habe gesündigt an ihr, schwer gesündigt.

O, wenn dich einer liebt, so sei gütig und schonend gegen ihn, wandere, wandere, bis du ihn findest, wirf dich in die Knie und danke ihm!

Ich irrte umher. Tage und Nächte. Lange Tage kam ich nicht in mein Haus zurück. Lange Tage kam ich nicht in eine menschliche Wohnung. Ich war da tief drinnen im Walde. Ich redete mit mir, mit den Bäumen — —

Ein neues Herz, ein neues Hirn! Es betete in mir, betete — —

Ich habe Ingeborg oft gesagt, daß ich sie liebe. Nein, ich liebte sie nicht. Ich glaubte es, ja, ich log nicht, aber ich liebte sie in dem Augenblick erst, da sie mich verließ. Ich wußte nicht, was Liebe ist, nein. Nun wußte ich es. Ich fand kein Wort mehr für diese Liebe, die die richtige war. Flammen, Brausen, das war sie. Sie zerriß mein Herz. Es war, als schnitten Messer kreuz und quer in meinem Herzen. Das war sie.

Ich ging durch den Wald, es war Nacht, es brauste im Walde, die Blätter fielen.

Ich ging, ich ging neben Ingeborg einher. Ich sprach mit ihr. „Ich liebe dich,“ sagte ich, „Ingeborg, jetzt, ja, jetzt liebe ich dich! Jetzt bist du in mir, jetzt — keine Worte —“ Die Tränen stürzten mir aus den Augen. Ich kniete nieder und drückte die Stirne in den Boden.

„Jetzt liebe ich dich, Ingeborg, jetzt.“ Es stach in mein Gesicht, Nadeln stachen und Ästchen, ich drückte die Stirne tief hinein, es schmerzte, ich hob das Gesicht, es war gespickt mit Nadeln.

„Jetzt liebe ich dich, Ingeborg! jetzt!“ — — —

Wenn aber Gott aus seinem Sternenwagen gestiegen wäre zu mir herab in den Wald, wo ich litt und verzweifelte, wenn er es getan hätte und gesagt: Ich will dir ein neues Herz geben, ein neues Hirn! Siehe, jetzt lösche ich alles aus, alles.

Nein, nein, mein Gott, tue es nicht!

Das hätte ich geschrien.

Die Tage gingen, ich wurde ruhiger.

Ja, es ist wahr, mein Herz zitterte noch, es war, als verändere es seinen Platz in der Brust, es war, als fräße etwas daran, als hinge etwas Schweres mit scharfen Zähnen an meinem Herzen, es ist wahr, ich erwachte oft des Nachts, weil ich weinte, ich schlief auch wenig, aber ich war doch ruhiger geworden.

 

Ich begegnete Harry Usedom im Walde.

Wir sahen uns an. Wir grüßten. Wir gingen aneinander vorüber.

29

rauer erfüllte mein Herz. Eine schwere, tiefe Trauer, sie erfüllte mein Herz, stieg bis in den Hals, die Augen, ich dachte, es würden Tränen aus meinen Augen fallen, sobald ich den Kopf neigte. Deshalb neigte ich ihn nicht, ich ging aufgerichtet einher.

Das war der Herbst. Das Laub färbte sich, es war als schicke die Erde ihr Blut in die Äste, auszublicken, auszuspähen, da der lange Winterschlaf kommen sollte, wo sie nichts mehr wußte. Der Wind wehte, und das Laub fiel. Zuerst von den obersten Ästen, dann bis tief herunter. Die Bäume standen kahl, nackt, sie grämten sich, sie verzweifelten, sie resignierten. Sie lächelten in der matten Sonne, wie Sterbende lächeln. Es gab einzelne Blätter, die sich verzweifelt wehrten und nicht fallen wollten. Aber der Wind riß und riß und endlich riß er sie doch los und warf sie roh triumphierend in die Luft. Und mir war es, als höre ich die flatternden Blätter schreien. Die Vögel sammelten sich, sie schrien, lärmten und eines Tages schwangen sie sich in die Höhe und zogen fort.

Es wurde stiller, stiller. Auch die Grille zirpte nicht mehr des Nachts. Es war ein Weinen im Walde, ein unterdrücktes Schluchzen irrte in der Mitte des Waldes.

Von den Kastanien vor dem Hause fielen die Blätter, es knallte, eine Frucht zerplatzte auf den Stufen. Nun hingen nur noch einige Blätter daran, sie sahen aus wie verkrümmte, vertrocknete Hände. Das Haus stand kahl da, nackt, geschoren, bloßgestellt, es war größer geworden, größer und öder.

Das ganze Tal machte den Eindruck eines Zimmers, dem man Vorhänge, Teppiche und Bilder genommen hat.

Schmutziggraue Wolken schleppten sich über das Tal. Ich dachte an die schaumigen, weißen Wolken des Sommers, die über den blauen Himmel schwebten, Verzierungen gleichsam, ein Schmuck des Sommers. Ich dachte an den Herbst im vorigen Jahre, der mein Herz entzündet hatte mit seiner Glut, seinem Stolze, seinem jauchzenden Tode.

Ich war traurig, ich empfand nichts mehr, keine Farben, keine Gluten, es war auch alles schmutzig, müde, es war ein Herbst, der einen häßlichen, feigen Tod starb.

Ich ging durch den Park, der ganz ohne Laut dalag. Es war ein Friedhof, in dem ein großer Toter schlummerte. Ich kam vorüber an der Statue, dem Brunnen, an der Grotte stand ich ein Weilchen still. Der Tropfen fiel. Ich ging durch das Pförtchen hinaus in den Wald. Da war ein Pfad und ich lächelte und sagte: „Hier gingst du, gütige Ingeborg, in jenen Nächten —“

Ich sagte es mit sanfter Stimme und es tat mir wohl, es recht gütig zu sagen, als höre es Ingeborg, die Gute.

Ich legte die Handfläche an den Boden und streichelte ihn. Vielleicht huschte hier Ingeborgs Fuß darüber? Man kann es nicht sagen. Ich fand einen Kiesel, der in den Pfad getreten war. Vielleicht hatte Ingeborgs Fuß ihn in den Pfad getreten? Sollte ich ihn mitnehmen? Nein.

Aber ich wandte doch um und nahm ihn mit.

Vielleicht? Niemand kann es sagen.

Heilige Erde, heiliges Land, heiliger Wald! Ich kniete nieder und küßte den Boden des Waldes. Heiliges Land, hier wandelte ihr Fuß! heilige Bäume, an euch ging sie vorüber!

Und die Bäume, die der Herbst geschändet hatte, wiegten sich traurig hin und her und klagten leise. Sie trauerten mit mir und der ganze Wald flüsterte Ingeborgs Namen. Ich ging durch den Wald und lauschte. Es tat wohl, daß alles mit mir trauerte.

Ich erschrak, sah ich einen Stein, auf dem wir saßen, ich erschrak, sah ich einen Baum, den wir beide kannten. Ich freute mich, ich litt.

O hört, ich fand eine hohe, ernsthafte Edeltanne im Walde, worunter wir einst saßen, als es regnete. Ingeborg lugte aus dem Versteck hervor und haschte mit dem Munde nach Regentropfen. Ich liebe die kleinen Regentropfen, sagte sie. Und dann zählte sie alles auf, was sie liebte, während der Regen herabströmte und wir unter einem Wasserfall saßen.

Ich liebe die kleinen Regentropfen, Axel, ja. O, ich liebe Wind und Wetter, ich liebe Hagelschlag und Schnee, ich liebe die Sonne über alles, die Wolken, die Bäume und das Rauschen der Bäume, ich liebe über alles die Vöglein und ganz besonders die Johanniswürmchen, auch die Blitze, sie lachen mich ja an, und dich, dich, Axel, dich mehr als alles, alles, mehr als tausend Sonnen und mehr als alle Sternennächte und das wildeste Gewitter —

Ich ging vorüber an der Edeltanne und lächelte, aber ich mußte den Kopf zurückbeugen.

Es sang kein Vogel mehr im Walde, nein.

Ich ging bis an Graf Flüggens Schloß, sah das Tor mit den bemoosten Löwen, die die Wappen hinhielten, ich ging durch unser Birkenwäldchen, ich kam an unseren Apfelbaum. Kahl stand er. Braune, lederne Blätter baumelten an den Stielen. Im welken Grase lagen verfaulte Früchte.

Einst, im lichten Frühling, da schüttelte ich ihn und es fielen die Blüten über einen goldenen Scheitel — —

Ich ging auf die Höhe, wo die Bank stand. Das Tal lag da wie durch gelbes Glas gesehen. Welk und müde und leuchtend, wie das Antlitz eines Sterbenden, das ein eigentümliches Licht ausstrahlt. Die Wiesen waren braun und sumpfig, Herbstzeitlosen standen darauf. Die Gruben waren mit welkem Laube gefüllt, sie waren Gräber, der Sommer lag darin, Hoffnung und Freude des Sommers und sein Duft. Neben der Bank stand eine Distel, sie sah aus wie der graue Kopf eines alten, schmutzigen Weibes mit gesträubten Haaren. Die Felder waren gemäht. Die Stoppeln taten mir weh, es war mir, als ginge ich mit nackten Füßen über die Stoppelfelder. Ich dachte an den Frühling, da die Saat aufging, so jung so grün, sie kitzelte mein Herz, und dann, wie es wuchs und sie die grünen Fahnen aussteckte und schwenkte vor Freude. Dann kam die Zeit, da das Tal wie in einer großen Pfanne briet und jeder Punkt der Luft zu singen begann, da wurde der Weizen blinkend wie Messing und das Korn rot wie das Fell des Fuchses. Das war ein Grüßen und Nicken und Verneigen, wenn wir durch die Felder gingen! Und die Grillen zirpten in den Feldern, das klang als wären tausend winzige Schmiede tief in der Erde beschäftigt, feines Silber zu hämmern. Dann kamen die schlimmen Tage, die Sichel rupste und rauschte und eines Tages lagen die Ähren da, gefällt, steif, auf dem Gesichte, wie erschossene Soldaten. Das schmerzte uns beide sehr.

Ich stand im Winde, die Feder auf meinem Hute schnurrte, mitten im kahlen Herbste, und dachte an den Sommer und die Stoppeln schmerzten mich, wie Krüppel kamen sie mir vor.

Ich ging weiter.

Ich ging umher, besuchte alle Bänke, Steine, Lichtungen, die von Erinnerungen umschwebt waren. Es gab viele heilige Orte im Walde, solche, die ich nicht betrat, ich sah sie nur aus der Ferne an. Schwermütige Geheimnisse waren in meiner Brust.

Meine gewöhnlichen Wege waren das.

Dann wurde es dunkel, die Sonne verschwand bald und nach kurzem Abschiede hinter den Bergen.

Es war Herbst, Herbst. Der Wind wehte kalt. Gewiß würde es bald dunkel und kalt sein auf der Welt, auf lange, lange Wochen. Alle Dinge froren schon, die den Winter ahnten und die finsteren Nächte.

Es war lange bis zum Frühling.

Ich blickte in den Wald hinein, der braunschwarz in der Tiefe war. Ach, traurig sah es da drinnen wohl aus. Und ich dachte — wie ich darauf kam, weiß ich nicht — ich dachte — so kann es wohl sein: Unter einem faulen Pilz, da sitzt ein Zwerg im finstern Walde und er flickt zähneklappernd den Wintermantel aus Maulwurfspelz. Eine Schnecke leuchtete ihm.

Ich werde sterben, klagt die Schnecke.

Ich werde leben, erwidert der Zwerg und seine Zähne klappern. Ihr Schnecken habt es gut! Es ist lange bis zum Frühling!

Ich trat ins Haus. Vielleicht war auch ein Zwerg im Walde, ein grauer, müder Zwerg, der sich eigenhändig in die Erde einschaufelte.

Es war so stille im Hause und überall schien einer zu stehen, der etwas sagen möchte. Ich pfiff.

Eine Tür öffnete sich und der kahle Kopf der alten Maria erschien kugelrund in der hellen Spalte.

„Ich bin es,“ rief ich laut. „Hat man die Zeitungsannonce wegen Pazzos besorgt?“

„Ja, Herr.“

„Dann ist es gut. Er wird nun bald kommen, unser guter Pazzo. Haha. Gute Nacht, Mütterchen!“

„Gute Nacht auch, Herr.“

Nun kam die Nacht, die lange Nacht.

Ich schlief sehr wenig in diesen ersten Wochen. Ich saß in der Bibliothek und las. Ich spielte Klavier. Da kam dann Ingeborg aus allen Tönen, in allen Gebärden, es war schön, aber oft mußte ich aufhören.

Ich saß auf dem Fenstersims in den weißen Zimmern und wartete auf den Morgen. Ingeborg war um mich.

Ein Duft von Waldmeister war in den weißen Zimmern, er war mir früher nie so stark aufgefallen. Am Morgen, da wohnte die Frühsonne darin. Es tummelten sich Milliarden blitzender Fünkchen in den weißen Räumen, sie flogen mir in die Augen, so daß ich sie geblendet schließen mußte. Nachts da zitterte ein gespenstisches, mattes Licht über allen Dingen und die welken Sträuße in den Vasen und Krügen begannen zu duften. Ihr Geruch war der Geruch der Vergangenheit, man wußte: hier hat jemand gewohnt. Entblätterte Rosen lagen auf dem Boden, gelber Blütenstaub auf der Tischdecke. Ein feiner Geruch von Ingeborgs Gewändern und ihrem Nacken, ihren Haaren schwebte aus den toten Möbeln. Ich saß auf dem Fenstersims, im blauen Mondlicht und plauderte mit ihr. Ganz wie einst. Wir führten Gespräche und ich ahmte Ingeborgs Stimme nach, so gut es ging. Wir führten mitunter scherzhafte Gespräche, ich stellte mich ungeschickt, unwissend. Wir lachten. Wir plauderten.

Der Mond geht auf, ich sage:

„Der Mond ist ein Brief von Silber, den die Sonne an die Erdenkinder schreibt, weil sie verreist ist, Ingeborg.“

Alte Worte.

„Soll ich dir den Mond schenken, Ingeborg?“

Ingeborg lacht. „Ich schenke dir die Schmetterlinge von hundert Sommern, Axel. Willst du?“

Alte Worte.

Zuweilen schauere ich zusammen. Es ist so stille in den weißen Zimmern und ich spreche mit einem Gespenste.

Ich schlich herum in diesen Zimmern, schlich, flüsterte.

Ich betastete die Möbel. Es gab ein Kissen, in dem zuletzt ihr Kopf geruht hatte. Man sah es — — —

Diese Zimmer zogen mich immer wieder und wieder an! Hier war ihre Stimme, ihr Gesang! Oft fingen die Zimmer ganz deutlich zu singen an. Die Türe, die zum Schlafzimmer führte, stand halb offen, sie schien sich zu bewegen und noch leise zu knarren. Ich entdeckte Spuren ihrer Schritte auf den Teppichen, ich fand ein Löschblatt, auf das ein Tannenbaum gekritzelt war, eine Kuh, ein Monogramm, geflochten aus A und I. Auf einem Tische lag ein Buch Karls, viele Stellen waren mit feinen Strichen angemerkt. Ich fand auch ein goldenes Haar zwischen zwei Seiten. Wie erschrak ich da, als ich ganz plötzlich dieses goldene Haar fand!

Ich hatte es vielleicht geküßt, ja sicherlich, es war um meinen Nacken geschlungen gewesen. Diesen ganzen Tag wühlte ich in goldenen Haaren, ich badete mich darin, ich ließ sie über mein Gesicht streichen.

Ich fand eine Stelle in Karls Buch, die Ingeborg angestrichen hatte. Sie hieß: Wir sahen uns an. Deine Seele umschlang die meinige und sie wollten sich nicht mehr lassen und doch standen wir viele Schritte voneinander entfernt. Dann gingst du. Auch ich ging. Wahrhaftig, wie zwei Fische im Meer zogen wir aneinander vorüber. Das ist Menschenart.

Ich hörte Ingeborg seufzen. Ich entfloh.

Es sang in der Nacht. Herrlich sang es. Ich erwachte und lauschte. Die Stimme entfernte sich. Ich lächelte und preßte die Hände auf das Herz. — — —

In einer Nacht, da bellte ein Hund vor dem Hause. Ich sprang aus dem Bette. War es Pazzo? Nein, es war nichts zu sehen. Nun heulte es ganz tief im Walde. Ich kleidete mich an und lief in den Wald hinein. Ich pfiff.

Nichts regte sich als das Geräusch der fallenden Blätter.

30

ines Nachmittags fielen zwei Menschen in mein Haus, zwei Menschen, die lachten und guter Dinge waren.

Harry Usedom mit dem schmalen hohen Frauenkopf und ein rothaariger Irrwisch mit Sommersprossen, treuherzigen Augen und einer kleinen Nase, eine Eggern-Weikersbach, Isabella hieß sie. Sie war eine Kusine von mir. Schülerin von Usedom, jetzt seine Frau.

„Er hat mich aus Verzweiflung geheiratet!“ sagte sie. Sie lachte, konnte keinen Augenblick still sitzen und schob ihren Hut hin und her auf dem Kopfe.

Harry Usedom sprach und sprach. Sie unterhielten mich beide, lachten, bestellten Kaffee und Wein und Kognak, und taten, als ob sie sich einnisten wollten. Ich merkte recht gut, daß sie gekommen waren, um mich zu zerstreuen.

„Wir werden dir den ganzen Mozart vorspielen, Axel.“

Ich versuchte fröhlich mit ihnen zu sein, mit ihnen zu plaudern, es ging nicht. Ich lächelte hie und da.

Isabella schlug Harry Usedom auf den Mund, wenn er keck wurde.

Nun, sie gingen wieder.

„Wir kommen jeden Tag, Axel! Nur keine Ausflüchte!“

Sie gingen, Isabella kam nochmals zurück.

Sie umschlang mich und schmiegte sich an mich. „Höre,“ sagte sie, „was ist doch mit dir? Wie siehst du aus? Du siehst ja wie eine Leiche aus! Ganz grün und wächsern. Axel, beichte!“

Ich lächelte.

„O, Axel, bessere dich. Was warst du für ein lustiger Kamerad, früher. Ich sagte zu allen Leuten, das ist gar nichts, da solltet ihr Axel sehen! Nun Adieu, du!“ — —

Ich besah mich im Spiegel. Ja, ich sah wie eine Leiche aus. Woher kam es? Kam es daher, daß ich immer mit einem Gespenste lebte? — — —

Sie kamen wieder, Usedom und Isabella, ich war nicht zu Hause. Sie luden mich nach Rote Buche ein. Sie schickten den Wagen, der mich abholen sollte.

Nein, ich ging nicht.

Merkten sie es denn nicht, daß ich keine Menschen sehen konnte?

31

as Schloß lag im kahlen Bergwalde, im Regen, im Winde, geduckt unter den schleppenden Wolken, es sah verlassen aus. Es war still wie ein Haus, in dem jemand gestorben ist.

Die Tage waren lang und die Nächte noch länger. Es regnete und wehte, die Welt hatte ihre trübste Seele.

Diese Tage und Nächte waren nicht leicht zu ertragen.

In den schönsten Stunden, da träumte ich, daß Pazzo zurückkäme und ich mit ihm sprechen könnte, in den schönsten Stunden, da träumte ich von Ingeborg. Ein Rausch brauste durch die weiten Säle, die Blumen der Tapeten blühten wieder, die Gesichter an den Wänden lächelten wieder, es brannten viele Kerzen in meinem Zimmer und ich ging trunkenen Herzens hin und her. Es war Sommer.

Ingeborg lacht und fragt: „Wie oft wirst du mich heute noch küssen?“ Ich stehe vor ihr und meine Brust ist weit. „Tausendmal!“ sage ich. Und Ingeborg schlägt die Hände vors Gesicht, schüttelt sich und lacht.

Es ist Sommer und im Parke singen die Vögel, daß man glaubt, einer schüttele ein Bündel heller Schellen wie verrückt in der Hand.

Die Sonne funkelt. Hallo! Ein Regenbogen ist das Tor zu diesem Hause!

Die Kerzen erlöschen, eine um die andere, es wird dunkeler um mich und dunkler in meinem Herzen.

Ich sitze vor der letzten Kerze und sehe zu, wie sie kleiner wird. So vergeht die Zeit, sie schmilzt und man sieht es.

Ich bin allein, die Gäste gingen.

Und ich denke: schwer ist das Leben, es stellt schwierige Aufgaben. Suche dir ein Glück, o Mensch! Lebe ein Glück, o Mensch! Lächle wieder, nachdem du vor Glück geschluchzt hast, o Mensch!

Spricht das Leben und zuckt mit keiner Wimper.

In einer Nacht, da der Wind an den Scheiben rüttelte, verfiel ich auf den Gedanken, an Ingeborg zu schreiben. Ich schrieb die ganze Nacht hindurch und mein Herz wurde leichter. Ich schrieb:

Ingeborg, Ingeborg, warum hast du mich verlassen? Ja, warum? Habe ich dich nicht geliebt, war es nicht schön in diesem Frühling und Sommer? Ich frage dich, es soll kein Vorwurf sein, nein. Du sahst Karl, du sahst Karls wirkliches Gesicht, sein wirkliches. Dann mußtest du wohl. Ich schreibe an dich. Du wirst diese Briefe nie erhalten, aber es ist so verlockend schön, an dich zu schreiben.

Wüßtest du, wie einsam es bei mir ist. Nichts regt sich in den Zimmern. Ich schlage die Türen zu, ich pfeife, aber die Stille schlägt darauf um so furchtbarer über mich zusammen. Wüßtest du, was ich alles erdulde! Vielleicht kämst du auf eine Stunde zu mir. Vielleicht schriebest du mir ein paar Worte. Ja, du bist so gütig, du würdest es gewiß tun. Wüßtest du nur alles.

Ingeborg, sei gegrüßt! Ich denke immerfort an dich. Du mußt es mir nicht verübeln in diesen ersten Wochen. Sobald ich einmal nicht mehr Abschied von dir nehmen werde, wird es besser gehen.

Ingeborg, ich sehe dich. Du lächelst und aus deinen Augen springen Funken, hell wie die Funken, die aus einem Steine springen.

Ingeborg, du bist ein goldener, runder Ring, du bist eine goldene Kugel, ja, das bist du, denn die Kugel ist die Handschrift des Schöpfers, du bist wie die weiche Luft im Frühling, wenn der Schnee zerrinnt, Ingeborg. Du bist eine weiße Glockenblume voller Tau.

Wieviel schreibe ich dir doch, Ingeborg! Aber es ist erst zehn Uhr und die Nacht ist lang. Nun schreibe ich dir noch ein Stückchen.

Ingeborg, so fahre ich fort, ich fühle es, wenn du an mich denkst. Ich lese, aber da werde ich plötzlich unruhig, du stehst hinter mir, du streichst leise über meinen Scheitel und berührst die abstehenden Härchen, wohl fühle ich es.

Ingeborg, es kann sein, daß dein Antlitz in der Luft schwebt oder nur der Glanz deiner Wange, ein Lächeln deines Mundes. Ingeborg, höre, manche Nacht kommst du zu mir und legst mir zwei Tränen unter die Augenlider. Da erwache ich dann, denn die Tränen fangen an zu glühen, und ich finde sie auf meiner Wange.

Ingeborg, zuweilen sprichst du mit mir, du sprichst wie jemand, der sich abwendet und fortgehen will. Axel, so flüsterst du, weshalb gehe ich doch von dir? Wie schön war unsere Liebe!

Das Schicksal winkte.

Ich wollte dir nicht wehe tun. Axel.

Nein, nimmermehr, du Gute, wie könntest du es doch gewollt haben. Gehe hin und freue dich. Alles wird gut sein, lasse nur noch einige Tage verstreichen. Bis ich nicht mehr Abschied von dir nehme, weißt du — — —

Ingeborg, Ingeborg, fielen mir doch rasch zehntausend schöne Namen für dich ein!

 

Ingeborg kämmt sich die Haare. Ich denke daran.

Ingeborg liebte es, sich die Haare zu kämmen, sie konnte Stunden damit zubringen. Und ich konnte stundenlang zusehen.

Es waren so viele Haare! Es waren Bäche, sie rieselten, stürzten über ihre Schultern, über ihre Brust, wenn sie den Kopf schüttelte, so bewegten sie sich von oben bis unten, wie Flammen wehten sie. Sie konnten das Gesicht einhüllen, daß es wie aus einer Höhle blickte. Dann schimmerten die Augen so stolz und gütig.

Sie bändigte die freigelassenen Haare mit der Hand und drehte den Kopf nach links, während sie mit dem Kamme durch die Haare fuhr. Ich habe nie gesehen, daß sie den Kopf nach rechts gedreht hätte. Und es knisterte.

„Heute knistert es besonders stark!“ sagte Ingeborg. Die Haare lagen auf meiner Hand, ein Netz, ein Gespinst, sie waren weich, sie schmeichelten. Man konnte sich nicht denken, was es ist, Haare, nein, etwas ganz Wunderbares war es.

Dann wurden sie gefesselt und in den Nacken gewunden. Ich sah ihnen nach. Ingeborg kämmt sich die Haare. Ich denke daran. Stunden vergehen. Es ist eigentümlich, ganz unbedeutende Dinge können zu Ereignissen werden.

Aus einer Zeit, da ich einen gespitzten Mund küßte und ausrief: Alle Tage ist nun Hochzeit, du!

 

Ich habe einen Geschmack auf den Lippen.

Zuweilen vergeht er, aber er taucht immer wieder auf.

Ich fühle ihn des Morgens, wenn ich aufstehe und das ist mein ganzes Glück für den Tag. Es kann sein, daß ich den Geschmack auf den Lippen verliere, aber ich träume des Nachts von ihm, ich erwache, er ist auf meinen Lippen. —

Dann wage ich es nicht wieder einzuschlafen. — — —

Was soll ich tun? Soll ich lesen? Ich begreife ja keine Zeile. Soll ich Klavier oder Geige spielen? Ingeborg ist ja in jedem Tone. Soll ich den Wald ausrotten, eine Wiese entwässern, einen Kanal graben für die Schiffahrt und den Handel?

Soll ich fortreisen, in die Ferne, bis dorthin, wo die Bahn aufhört und dann wandern, wandern —?

Ja! aber wenn es Ingeborg einfiele, mich auf Edelhof zu besuchen? — — —

Ich mußte in dieser Zeit viel an die Geschichte von Hermann Ecke denken, den Gutsherrn auf Entenweiher, den seine Frau verließ.

Zur Zeit von Ingeborgs Genesung hatte ich sie Ingeborg erzählt. War es nicht sonderbar? Ahnte meine Seele voraus, was kommen sollte?

Ich mußte oft an die Geschichte denken von Hermann Ecke, der glaubte, daß Eva wieder zu ihm käme.

Einen Rosengarten legte er ihr an, er baute eine Veranda für sie. Immer frische Sträuße in den Vasen, eine brennende Lampe die ganze Nacht in ihrem Zimmer.

Hurtig, hurtig, ihr Leute.

Ja, nun konnte Eva kommen.

Sagt der Freund zu Hermann Ecke: Kommt sie auch? Hahaha, antwortet Hermann Ecke. Das ist alles, was er antwortet.

Freilich kommt Eva wieder. Herrliches habe ich erlebt, wird sie sprechen, alle haben mich angebetet.

Königin, dein Thron ist bereit — ah, ein Narr! Ja, Hermann Ecke ist ein Narr. Aber ein glücklicher Narr ist er. — — — — — — — — — — — — —

In einer Nacht schrie der Hirsch in den Bergen. Ich stand am Fenster und horchte auf seinen Schrei.

Da stieg er in meinem Herzen auf der Gedanke, zum erstenmal, ganz deutlich, fordernd und stark. Ich rang mit ihm. Wochen und Monate habe ich mit ihm gerungen, mit diesem Gedanken.

Ich war traurig, traurig.

Ich ging in Sack und Asche einher. Ich lachte nicht mehr, ich lächelte selten. Ich liebte es, zu tanzen und zu jubeln vor Freude, ich liebte es, prächtige Gedanken im Kopfe zu tragen, ich liebte es, mein Herz klopfen zu hören. Ja, in jenem Sommer, da waren Symphonien in mir, Symphonien, ohne Ende, ohne Ende.

Nun war ich aus meinem Reiche vertrieben, ein Bettler, der sich dahinschleppte, Hunger in den Augen.

Einst wandelte ich, jetzt kroch ich.

Möchte doch die Sonne erblinden, möchte doch die Welt zerfallen in Schutt, Schutt.

Die Hand des Schicksals hat mein Gesicht zerknittert, es erscheint mir fremd. Meine Augen sind zusammengerückt und sie stechen, eine tiefe Falte spaltet meine Stirn, meine Lippen hat die Bitternis gesäumt.

Ich bin unglücklich.

Es ist ein kleines Wort. Wehe, wenn du einmal nichts anderes mehr sagen kannst als dies.

32

n der Nacht, da der erste Reif fiel, hatte ich einen herrlichen Traum. Ich träumte, Ingeborg stünde an meinem Bette. Ich sah sie stehen, es war wie im Sommer, der Mond schien durch die Kastanien und der Boden des Zimmers sah aus wie ein Spiegel, der in tausend Stücke zersprungen war. Auch Ingeborg glitzerte. Ich erwachte: da war es leer und kalt um mich. Ich stand auf und ging den Berg hinunter, über das Tal. Ich stieß auf Geleise. Die Geleise waren bereift.

Es kamen zwei glückliche Tage. Zwei Tage mit Wangen wie der Mai und leichten Füßen wie die Sonnenstrahlen.

An einem Tage kam Pazzo zurück. Am andern traf ein Brief von Ingeborg ein.

Ich stand am Fenster und blickte die Straße hinab. Die Straße herauf kam ein Jäger mit seinem Hunde. Nein, es war kein Jäger, er hatte kein Gewehr und ging auch nicht wie die Jäger gehen, es war ein Hirte mit seinem Hunde. Nein, es war auch kein Hirte, ein Bahnwärter war es, man sah es an der Mütze, und dieser Hund war nicht der Hund des Bahnwärters, dieser schleichende, magere Hund war ja Pazzo.

Ich riß das Fenster auf und pfiff. Der Hund stellte die Ohren, bellte matt und trabte müde heran.

„Kommen Sie herein! Herein, mein Freund!“ rief ich dem Bahnwärter zu.

Pazzo kam kläffend die Treppe herauf und sprang an mir empor. Er sah verändert, ja ganz entstellt aus. Dann winselte er und kroch um meine Füße. Er heulte kläglich, legte sich auf den Boden und schlug mit dem Schwanze.

„Was ist mit dir, Pazzo? Deine Augen sind ganz trüb.“

Der Bahnwärter trat ein.

„Paulus schreibe ich mich,“ sagte er. „Ich habe den Hund eingefangen. Er sprang hin und her mit den Zügen, immer am Bahndamm entlang.“

„Am Bahndamm? Jawohl. Ein guter Hund!“

„Ja, ein guter Hund. Aber er ist krank. Frißt nichts!“

„Das wird schon wieder werden, was, Pazzo?“ Pazzo schlug mit dem Schwanze und winselte.

Er sei immer am Bahndamm hin und her gelaufen. Barbeck von Unternzell habe gesagt: Hast du den Hund gesehen — ein weißer Jagdhund —

„Nehmen Sie Platz! — Wein! — Bitte, erzählen Sie.“ Der Mann, der sich Paulus schrieb, erzählte ausführlich von dem weißen Hühnerhund.

Er habe ihn in das Gärtchen eingeschlossen und auch eine Kiste für ihn hingestellt. Aber nun, ein schwieriger Fall! Wem gehörte dieser Hund, der nicht auf den Namen Waldmann oder Feldmann, Nero oder Packan hörte? Kein Halsband, nichts. Er mußte weit her sein, war vielleicht aus dem Zuge gesprungen. Nun, er wohne einsam, komme nur alle Sonnabend ins Dorf. Sagt der Wirt vom schwarzen Bären: Paulus, da steht es. „Nun, ich mache mich auf und bringe den Ausreißer gleich selbst her. Ich habe freie Fahrt.“

Die Erzählung währte lange Zeit, aber dann ließ ich mir noch ausführlich über Einzelheiten berichten.

Also was ich nun schuldig sei, fragte ich.

Der Bahnwärter schmunzelte, leckte den Schnurrbart und drehte die Mütze zwischen den Fingern.

Nun, der Hund habe keine Störung ins Haus gebracht. Gefressen habe er auch nicht viel. Er wolle halt sagen — er wolle es dem gnädigen Herrn selbst überlassen.

„Ein Vorschlag.“

„Sagen wir im ganzen fünf Mark.“

Ich lächelte. „Aber bitte —?“ sagte ich. Er sollte Pazzo nicht umsonst gepflegt haben!

„So sagen wir in Gottesnamen drei Mark. Ich versäume auch einen halben Tag. Verköstigung auswärts —“ Ich mußte lachen. Der Bahnwärter bekam einen roten Kopf.

Ich mußte immer mehr lachen. Da saß ich nun, zitterte vor Freude und er verlangte fünf Mark! Das war unerhört. Er hätte mein Vermögen verlangen können, ich hätte es ihm gegeben. „Erlauben Sie, mein Freund,“ sagte ich zu ihm, „es ist mir nicht zuviel, sondern zuwenig. Ich könnte Sie nun betrügen und fünfzig Mark geben — Sie würden zufrieden sein — aber es wäre Betrug. Denn dieser Hund da, jawohl dieser Hund da, ist kein gewöhnlicher Hund, nein!“ Ich erzählte nun, was das für eine Rasse sei, daß er mir schon über fünfzigtausend Mark an Prämien eingebracht habe, demnächst nach Amerika eingeschifft werde zu einer internationalen Hundeausstellung.

Es fiel mir schwer, nicht herauszulachen, denn das Gesicht des Bahnwärters wurde länger bei jeder Prämie. „Die beste Zeit des Hundes ist ja vorüber,“ schloß ich. „Er kann noch einige Prämien bekommen, ja. Ich würde ihn nicht für fünfzigtausend Mark hergeben. Ein Gerichtstaxator würde den Wert des Tieres auf etwa dreißigtausend Mark schätzen. Sagen wir zwanzigtausend. Nun haben Sie gerichtlich zehn Prozent des Wertes eines Fundgegenstandes zu beanspruchen, ich bin bereit, Ihnen zweitausend Mark auszubezahlen. Sind Sie damit zufrieden?“

„Nonono?!“

„Kein Scherz, ich kann Ihnen die Prämiierungs-Urkunden zeigen, wenn Sie es wünschen. Ich will Sie nicht betrügen.“ — Ich sprach leichthin, aber in überzeugendem Tone.

Der Bahnwärter lachte wie besessen, stand militärisch stramm, legte die Hand an die Mütze, warf mir Kußhände zu. Dann rannte er wie verrückt den Berg hinunter, er verlor dreimal die Mütze.

Wie er sich freute! Zweitausend Mark! Es gibt Leute, denen kannst du ganz Indien und das Paradies dazu schenken, und sie werden nicht einmal rot.

Ich riegelte die Türe ab.

„Pazzo, Pazzo!“

Ich warf mich auf den Boden und weinte und lachte vor Freude.

„Ja, Pazzo, du gute Seele, mein Freund. Du guter Pazzo — immer am Bahndamm entlang, hin und her —“

Pazzo leckte mir die Hand und das Gesicht ab und wedelte und bellte. Ich sah ihn mir an. Was wußte er alles. Hätte er reden können!

Er war nicht ganz gesund. Halb verhungert war er.

Aber nun war alles gut. Hahaha!

Pazzo war da, Pazzo! —

Gib einem Menschen Indien und das Paradies dazu, die tausend schönsten Frauen der Welt — ein Herz beginnt zu schlagen, wo sie dich berühren, an jeder Stelle deines Körpers — er errötet nicht einmal. Gib ihm eine Zeile, ein Wort von der Geliebten, er wird bleich vor Freude.

Ja, ein Brief kam, von Ingeborg. Ich saß in meinem Zimmer und pflegte Pazzo. Pazzo schlief ununterbrochen und wandte den Kopf zur Seite, wenn ich ihm Wein reichen wollte oder gehacktes Fleisch. Seine Augen waren rot unterlaufen. Aber bald würde er gesund sein und dann war eine schöne Zeit gekommen. Wir würden den Winter ertragen können zusammen, die Tage, die Nächte, alles.

Da kam ein Brief. Die alte Maria reichte ihn mir, sie tat, als sei es gar nichts besonderes — und ich las die Aufschrift: er war von Ingeborg —

Der Bote hat ihn nicht umsonst gebracht.

Freunde, Freunde, Freunde und liebe Leute allesamt auf der Welt. — Nein, stille, stille!

War das Ingeborgs Schrift? Ja, das war sie. Ruhte hier Ingeborgs Hand? Ja, ja. Ingeborgs Lippen haben den Brief zugeklebt.

Weißt du, wie das ist, wenn einem Unglücklichen eine Freude zuteil wird? Es ist eine Sonne um Mitternacht, es ist als ob Gott selbst zu ihm eintrete, es ist — — nein, stille!

Ich nahm den Hut und ging in den Wald. Pazzo? Aber Pazzo blinzelte nur und lugte und bewegte den Schwanz ein wenig. In den Wald. Denn der Brief mußte im Walde gelesen werden. Noch war er nicht dunkel genug, noch war er nicht schön genug. Hurtig!

Immer tiefer ging ich in den Wald hinein, den Brief in der Hand. Da begannen ringsumher Glocken im Walde zu läuten. Die Erde läutete und die Bäume.

Ihre Wipfel schwangen sich hin und her und läuteten.

Ich ging dahin, getragen von dem Summen der dumpfen, feierlichen Glocken, sie läuteten, läuteten. Und ich suchte mir ein verstecktes Plätzchen, streckte mich ins Moos und lauschte auf das sonderbare, summende, feierliche Läuten um mich her.

Schön war es, hier zu liegen und zu lauschen und Ingeborgs Brief anzusehen.

Hallo, Ingeborg!

Ingeborg schrieb nur wenige Worte. Ich solle ihr vergeben — — Hört, das ist Ingeborg! — Sie habe nicht gewagt, an mich zu schreiben — Hört ihr es? — Karl lasse grüßen, sie bitte um einige Kleinigkeiten. Ob sie mich nicht bitten dürfe, ihr das Medaillon mit dem Bilde ihrer Mutter zu schicken. Sie könne nicht leben ohne das Medaillon.

Viel zu tun habe sie. Gesangstunde. Karl arbeite fortwährend und nur ein Stündchen könnten sie am Abend zusammen sein. Aber sie sei sehr glücklich.

Das Medaillon sollte sie mit der nächsten Post bekommen. Ich trug es um den Hals, versteckt unter dem Kragen, aber sie konnte es haben. Was sie wollte, alles!

Schreibe bald, Axel.

Ja, heute noch wollte ich schreiben.

Ich bin tief in den Wald hineingegangen, Ingeborg, würde ich schreiben, der Wald begann zu läuten. Sonderbar war es, unvergeßlich. Ich habe mich sehr gefreut, wie habe ich mich gefreut!

Ja, ein herrlicher Brief würde es werden.

Hin und her streifte ich im Walde. Gab es heute einen glücklicheren Menschen auf der Erde? Nein, nein! Wer das behauptete, der kam nicht aus den finsteren Nächten hervor.

Vergessen waren die finsteren Nächte!

Den ganzen Nachmittag trieb ich mich im Walde umher und ich war ausgelassen wie ein Knabe. Hundertmal las ich Ingeborgs Brief. Immer noch läutete der Wald. Es war ein herrlicher Tag, der mit sanfter Dämmerung zu Ende ging.

Es begann zu rieseln im Walde, als regne es.

Ich kam auf die Bergstraße. Aus einer gelben, großen Wolke fiel der Regen in dünnen Schnüren durch die blaue Dämmerung. Blaue Adern zuckten über den Weg. Das Laub auf der Straße und zwischen den Bäumen erschien wie ein schöner Teppich.

Ein Schritt klang auf der Straße und ich wandte mich um. Ein schmächtiger Mann mit bleigrauem Gesichte und kurz geschorenen Haaren kam die Straße herauf. Seine großen Augen flammten. Er schwang den Hut in der Hand und ging langsam, wie von schwerem Unglück gebeugt. Aber als er näher kam, bemerkte ich, daß er nur langsam ging, um ein wenig zu ruhen. Er kam wohl weit her. Seine Schuhe waren ganz weiß vom Staube, mit schwarzen Sternchen darauf, vom Regen. Er hatte das verhärmte Gesicht eines Mönches und die leuchtenden Augen, die frei und klar in die Welt sahen, beleuchteten es.

„Grüß Gott!“ rief der Mönch und schwang den Hut.

„Grüß Gott!“ antwortete ich.

Der Wanderer blieb stehen und blinzelte.

„Ha!“ rief er, „ein herrlicher Regen! Wie! Diese Luft! Dieser Regen — der reinste Wein!“ Er blinzelte, nickte, drehte den kahlen Schädel nach links und rechts und blinzelte wiederum.

„So ein Baum! Was? Eine Buche! Weiß der Himmel, diese Welt ist ein einziges Wunder!“

Schön sei diese Welt, ja.

Ich lachte.

Der Wanderer setzte sich in Bewegung und ich ging neben ihm her.

„Diese Farben! Rot, gelb, grün, wie du sie nur denken kannst. Ungeheuer schön! Der Wald groß, frei, verstehst du, Freund, der Himmel so hoch! Obschon es regnet. Hoch! hoch! Gott, wie hoch ist dein Himmel!“

Er jauchzte und schwang den Hut.

„Gott, wie hoch ist dein Himmel!“ rief er und breitete die Arme aus.

Da sprang ein Eichhörnchen über die Straße.

„Teufel!“ schrie er. „Hast du es gesehen? Ein verteufeltes Tier, einen Schwanz wie eine Fahne! Und — ratsch! — wie geschickt den Baum hinauf. Rings herum — holla! Dort sitzt es. Siehst du? Ein Eichhörnchen. Weiß der Himmel, ein feines, listiges und kluges Tierchen. Hab viele Jahre keins gesehen. Ah! — ha — ha — es flog!! Flog von einem Baum zum andern, gute fünf Meter unter Brüdern!“

Schritt auf Schritt brach der bleiche kleine Mann in Ausrufe des Entzückens aus. Er sah aus, als sei er jahrelang krank gelegen und habe erst heute wieder die dumpfe Krankenstube verlassen.

„Ein Frosch, du! Wohin, mein Herr? Hoppla!“

Ich lachte. Ich konnte mich nicht genug wundern über den sonderbaren Wanderer und nicht genug freuen über seine Fröhlichkeit. Wahrhaftig, zu keiner gelegeneren Stunde hätte er mir begegnen können! Ich war heute aufgelegt zu einem Gespräche, lange Wochen hatte ich mit keinem Menschen mehr gesprochen.

Ob er krank gewesen wäre? fragte ich.

Ja, schwer krank. Aber nun sei er wieder gesund! Niemand glaube, wie glücklich er sei. Es gäbe keine glücklicheren Menschen auf der Welt.

„Wie?“

Der Wanderer blieb stehen und blinzelte und lachte. Es war sonderbar, zu sehen wie dieses verhärmte Gesicht mit den grauen Tränenfurchen lachte. Ein Strich waren die Augen und augenblicklich darauf große, leuchtende Räder.

„Sieh mich an, Freund! Ein Bild! Etwas Seltenes, sage ich dir. Weißt du, mit wem du gehst? Vielleicht hältst du mich für einen Narren? Kurz und bündig, sieh mich an, der glücklichste Mensch der Welt steht vor dir!“

Ich schlug ihn mit der flachen Hand auf die Schulter, daß der kleine Geselle fast in die Knie brach.

„Das trifft sich gut, Freund“ rief ich lachend aus und verbeugte mich tief. „Ich bin dein Bruder. Ebenfalls der glücklichste Mann der Welt!“

Hehehehe!

Hahaha!

Wir lachten und es schien als machten wir einander große Verbeugungen, so schüttelte uns das Lachen. Standen mitten auf der Straße, im Herbstwald, im Regen, und verneigten uns.

„Ja“ sagte ich, „glaubst du es nicht? Lieber Freund, was ich für ein Glück hatte! Ich bin ein Bahnwärter bei Unternzell. Sehe immer einen Hund am Bahndamm laufen, ich fange diesen Hund, Waldmann rufe ich, Feldmann, fange ihn wie gesagt und bringe ihn seinem Herrn. Hast du das Schloß gesehen, da drunten?“

„Ja, schönes Schloß!“

„Nun höre weiter. Ich bringe ihm den Hund. Was verlangst du, fragte er. Ganz kurz, wie die reichen Leute sprechen, er wollte eben ausfahren mit seiner Frau. Lieber, was er für eine schöne Frau hat, sage ich dir! Schlank, blond und ein gewinnendes Lächeln. Die Locken hängen über die Wangen, wie man es bei Kindern sieht. Augen hat sie, klein und frisch, hellblau wie Vergißmeinnichte. Eine Stimme wie ein Vogel. Wenn sie nur spricht — —“

„Also was verlangtest du?“

„Ich verlange also fünf Mark. War es zuviel?“

„Wielange hattest du den Hund in Pflege, darauf kommt es an.“

„Sechs Wochen!“

„Dann ist es nicht zuviel.“

„Was meinst du aber was passierte? Der Herr lachte gerade heraus. Und auch seine schöne Frau lachte. Noch nie habe ich eine Frau so lachen gehört. Du, Ingeborg, sagte der Herr, fünf Mark verlangt er. Die schöne Frau sagte darauf, daß ich verrückt sei. Und beide lachten. Was meinst du aber, daß sie mir gaben?“

„Zwanzig Mark?“

„Zweitausend!!“ Ich schrie es, daß der Wald hallte.

„Hoho! hehehe! Sachte, sachte!“ schrie der Kleine, ebenso laut.

„Ja, zweitausend Mark. Du kannst sie sehen.“ Ich zog meine Brieftasche heraus.

„Hier sind sie. Siehst du? Also keine Lüge. Du hast keine Vorstellung, was das für ein Hund war! Ein preisgekröntes Vieh, überall preisgekrönt. Nächstens kommt er nach Amerika.“

Sehr merkwürdig. Höchst eigentümlich.

„Ja, Glück muß der Mensch haben, so laufen ihm preisgekrönte Hunde ins Haus. Was sagst du jetzt, wenn ich behaupte, der glücklichste Mensch der Welt zu sein?“

„Gehen wir weiter,“ sagte der Wanderer, „im Gehen spricht sich’s ebenso gut. Selbst wenn ich annehme, daß es so ist, so ist dein Glück doch nicht so groß, wie das meinige. Es ist mehr äußerlicher Natur. Geld macht kein Glück. Du kannst dir viel schönes und nützliches dafür anschaffen, stimmt. Aber mein Glück sitzt tiefer, das sitzt mitten im Herzen, da zittert es, da drinnen, ja! Ich bin wiedergeboren, verstehst du, habe Leben und Freiheit, ich wandere durch die schöne Welt, wandere noch vierzehn Tage, dann bin ich bei meiner Frau, habe zwei Kinder, die nun schon in die Schule gehen. Ein Mädchen, ein Knabe. Das ist etwas anderes, nicht? Du hast alles vielleicht auch —“

„Gewiß, gewiß! Nur in die Schule gehen meine Kinder noch nicht. Hm. Ich verstehe dich schon, du hast deine Gesundheit wiederum, das Wiedersehen zu Hause nach langen Jahren, ja, aber trotzdem bin ich sehr glücklich, Freund, sehr glücklich. Sage, ist es bei dir ebenso, wenn ich glücklich bin, so möchte ich anderen gerne eine Freude machen.“

Eine allgemein menschliche Eigenschaft sei dies.

„Nun höre. Ich hätte ebensogut nur tausend Mark bekommen können. Wie wäre es, wenn wir teilten? Ich brauche das Geld nicht.“

Der Wanderer blinzelte und lachte. Er klimperte mit der Hand in der Tasche und es klang nach harten Talern.

Er schnalzte mit der Zunge. „Da, habe Geld, brauche keines,“ sagte er. „Ich bin so glücklich, daß das Geld bei mir keine Rolle spielt, Freund. Alles steht gut, meine Frau hat sich eine Strickmaschine angeschafft, ist sehr geschickt und fleißig.“

Ja, wenn er nun so stolz wäre —

„Lassen wir uns die Stimmung nicht verderben,“ sagte der Kleine, „weil wir doch die glücklichsten Menschen der Welt sind. Du hast ein gutes Herz, du bist auch glücklich, ja, denn sonst würdest du nicht so lächeln. Ich kenne Lachen und Lächeln der Menschen genau, ich war da, wo man selten lacht, verstehst du. Du bist so glücklich, daß du Scherze treiben mußt. Sieh, Bruder, ich sehe deine Hände an. Du bist kein Bahnwärter, nein —“

Haha!

„Nein. Hat ein Bahnwärter eine Brieftasche? Wo hast du das schon gesehen? Ein Bahnwärter spricht auch ganz anders. Ich bin Reisender und kenne die Bahnwärter also besser als du. Wer sollte auch so ein Narr sein, daß er zweitausend Mark bezahlt, wenn man ihm seinen Hund zurückbringt? Wir sind doch nicht in Amerika! Ich weiß wohl, daß du aus dem Schlosse da drunten bist, vielleicht der Herr selbst —?“

Ich lachte.

„Schlaukopf, Schlaukopf! Soll ich jedem sagen, weshalb ich glücklich bin?

Nun, dir kann ich es sagen, das mit dem Hunde war freilich Lüge. Aber ich will dir die Wahrheit sagen. Ich habe heute einen Brief von meiner Frau erhalten. Sie ist im Bad. Ein Kind hat sie geboren, einen Knaben!“