„Aha! Aha! Ja, das sitzt schon tiefer, das Glück! Gratulation, Gratulation!“
„Danke, danke!“
Ich mußte mich abwenden. Plötzlich hatte ich Tränen in den Augen. Wie dumm das war!
Der Kleine blinzelte. Er schüttelte eigentümlich den Kopf. „Was ist mit dir?“ sagte er. „Du bist so sonderbar — so sonderbar bist du — ei, ei —?“
„Es ist nichts,“ rief ich und lachte und warf den Kopf zurück in den Nacken.
„Desto besser. Es schien mir so — auch dein Lächeln ist so eigentümlich. Lebe wohl! Noch eines, eine Aufrichtigkeit ist die andere wert, Freund! Sieh mich nur an, mein Gesicht, meine geschorenen Haare. Wenn du nicht blind bist, so weißt du, aus welchem Krankenhaus ich komme. Vier Jahre! Es war ein schlechter und leichtsinniger Streich. Vorbei, vorbei — lebe wohl.“
Wir schüttelten uns die Hände.
Der Kleine stieg mit raschen Schritten ins Tal hinunter. Er wandte sich dazwischen um und jauchzte und schwang den Hut.
Und ich schwang den Hut und jauchzte Antwort.
Bald sah ich ihn nicht mehr, er tauchte in die Dämmerung unter.
Aber ich hörte noch lange Zeit den jauchzenden Gruß und ich antwortete, bis ich nichts mehr vernahm.
Ein herrlicher Tag!
33
Der Brief ist geschrieben, das Medaillon ist fortgeschickt. Viele Mühe hat mir dieser Brief gemacht. Nun, ich schreibe selten Briefe. Aber dieser Brief durfte nichts von Traurigkeit enthalten, es hat seinen Grund, er durfte auch nichts von Fröhlichkeit enthalten, es hat seinen Grund. So schrieb ich von Pazzo. Daß Pazzo sich verlaufen gehabt hätte, sechs Wochen strolchte er umher, aber jetzt wäre er hier. Aber er sei krank und verstört. Zuweilen knurre er sogar, wenn man ihn streichle, mürrisch sei er wie ein rechter Kranker. Er habe Falten zwischen den Augen bekommen, ein wirkliches griesgrämiges Gesicht. Aber ich hoffe, daß es nun bald eine Wendung zum guten nehme mit Pazzo. Und nun viele Grüße, viele, viele Grüße an euch, ihr lieben Freunde.
Ja, bei Gott, was sollte ich auch anderes schreiben? Der Brief ist geschrieben, das Medaillon ist fortgeschickt. Gerne hätte ich es behalten. Ich sah es mir gut an, bevor ich es einpackte. Ingeborg hatte Karl, hatte Gespräche und Lachen, ich hatte — nun, Ingeborg brauchte es. Gut.
Ich behielt nun nur noch ein kleines Väschen aus grünem Glase von Ingeborg zurück. Alles andere war eingeschlossen worden in Ingeborgs Gemächer. Diese Gemächer waren verschlossen für immer und die Schlüssel lagen in einem Schranke alter Kleider.
Ein neues Leben mußte begonnen werden!
Aber das grüne Väschen hatte ich zurückbehalten. Es stand auf dem Flügel und ich sah es an, so oft ich vorüberging. Es hatte Form und Farbe einer unreifen Zitrone, goldne Reifchen am Rande. Es war körnig wie rauhes Eis.
Die Tage gingen.
Ich dachte, daß vielleicht bald wieder ein Brief von Ingeborg käme. Ich habe deinen Brief und das Medaillon erhalten, so würde Ingeborg wohl schreiben. Ich saß in meinem Zimmer und blätterte in den Mappen, vielleicht kam der Brief, oder ich ging in den Wald und wenn ich zurückkehrte, lag der Brief da. Man konnte es nicht wissen.
Die Tage gingen. Trübe Tage. Der Wind heulte und warf schmutzige Blätter gegen die Scheiben, daß sie kleben blieben. Alles welke Laub kam aus den Wäldern auf der Wiese vor dem Fenster zusammen und führte Tänze auf. Es war eine hohe, wirbelnde Säule, die tanzte, sie tanzte in den Wald hinein. Die Bäume standen kahl und man sah plötzlich den Turm der Dorfkirche zwischen den Ästen. Die Herbstzeitlosen waren verwelkt und verfault, es gab keine Blumen mehr.
Eine große schwarze Krähe wiegte sich auf dem obersten Zweig einer Buche, der blaue Rauch kleiner Feuer stieg aus dem Walde.
Schwere Wolken schleppten sich über die Berge, sie blieben in den Wipfeln hängen und zuweilen regnete es Tag und Nacht in Strömen, so daß man glaubte, das Schloß würde fortschwimmen.
Oft trat die alte Maria ins Zimmer. Ich sah auf ihre Hände. Sie hielten ein Tablett, einen Teller für Pazzo, einen Schlüsselbund.
Nur Geduld, Geduld. Ingeborg hat viel zu tun. Sie schrieb es ja. Mein Tag ist ausgefüllt mit Gesangstudien. Ich habe einen sehr talentvollen Lehrer, den Komponisten Holger Hunt, er ist ein Bekannter von Karl. Gegenwärtig komponiert er eine Oper, Merlin heißt sie. Er ist sehr streng und ich muß viel arbeiten.
Einmal aber würde sie schon Zeit finden.
Ich verbrachte meine Tage in der Bibliothek. Ich hatte viel zu lernen, es gab der Wunder unzählige in den Büchern.
„Pazzo was ist mit dir?“
Pazzo liegt auf der Decke vor dem Kamin und öffnet die Augen. Er ist krank und ein starrer, gläserner Ausdruck liegt in seinem Blick. Er frißt fast nichts und ist schrecklich mager geworden. Und nun ist er so schwach, daß er kaum mit den Ohren zucken und den Schwanz bewegen kann.
Wenn ich ihn berührte, so sträubten sich die Haare auf seinem Rücken und er knurrte mürrisch. Niemand durfte in seine Nähe kommen und er fraß nur aus meiner Hand. Kam eine Dienerin, um Holz in den Kamin zu legen, so blies er zornig durch die Nüstern und zeigte die Zähne.
Der Zustand des Tieres machte mir große Sorge. Aber wiederum zerstreute mich die Pflege des Hundes und ich pflegte ihn, wie eine Mutter ihr Kind pflegt.
„Es wird schon gehen, nur Mut, Pazzo!“ sagte ich und kauerte auf dem Boden vor ihm. „Nur Mut, mein Liebling!“
Aber es ging nicht besser, nichts wollte helfen, und in einer stürmischen Nacht erhob sich Pazzo plötzlich und schlug laut an. Es war ein heiseres Kläffen, wild und hungerig.
Ich saß am Schreibtisch und las. Ich las in der Bibel, die Geschichte der herrlichen Esther, der Königin. Neben mir stand der Leuchter und mein Schatten fiel groß und phantastisch an die Wand.
Vielleicht hatte der Schatten Pazzo erschreckt, oder das Klappern der Zweige vor dem Fenster.
Und ich beruhigte Pazzo, indem ich freundlich auf ihn einsprach.
Aber Pazzo bellte abermals, scharf und feindselig, und dieser Laut war so fremdartig und entsetzlich, daß es mir kalt über den Rücken rieselte.
„Ruhe, Pazzo!“ rief ich.
Pazzo stand mager auf hohen, dünnen Beinen und seine Haare waren gesträubt. Seine Augen funkelten grün und gelb, wie die Augen von Katzen, denen man in dunkelen Gassen begegnet. Geifer hing aus seinem Munde und tropfte auf den Boden.
Das war . . . . .
Sobald ich mich bewegte, zog er die Nase in die Höhe, so daß der Oberkiefer blinkte. Er fauchte wie eine Katze.
Nun ist Pazzo toll geworden! dachte ich und der Schmerz wollte mich überwältigen. Es kam so plötzlich! Ich hatte Mühe mich zurückzuhalten und mich nicht vor dem Hunde niederzuwerfen und ihn zu umschlingen.
Da kam Pazzo gesenkten Hauptes, die Augen stechend wie Brillanten, auf mich zu. Es mußte sein.
Ich nahm das Buch vom Schreibtisch und schleuderte es ihm mit aller Gewalt an den Kopf. Pazzo sprang zurück und kläffte, daß es hallte.
Dann tat ich es. Ich nahm den Revolver aus dem Schubfache.
„Komm Pazzo, mein Liebling!“ sagte ich und zielte auf Pazzos Stirne. Die Tränen trübten meinen Blick.
Ich schoß, Pazzo sprang zur Seite, wankte und fiel zusammen. Er bekam noch eine Kugel durchs Ohr. Er zuckte, spreizte die Beine und bog den Kopf zurück. Er war tot, seine Augen starrten gläsern auf die Quaste eines Sessels, die baumelte. —
Das waren die Augen, die Ingeborg zuletzt gesehen hatten . . .
Eine Stimme im Hause schrie und kreischte. Ein Laufen in den Gängen. Dann kamen einige Mägde ins Zimmer gestürzt, dürftig gekleidet, ohne anzuklopfen. Sie starrten mich wie versteinert an.
„Tragt ihn hinaus,“ sagte ich, „verscharrt ihn.“
Sie nahmen Pazzos Körper und schleppten ihn aus dem Zimmer. Sein Kopf hing nach unten und er starrte mich an, bis er in der Türe verschwand. —
Er war ein solch schönes und treues Tier, so klug, liebenswürdig, höflich. Er hatte solch klare, vergnügte Augen, sein Fell war so weiß und weich. Und die Sprünge, die er machen konnte! Er schwebte in der Luft, flog, und er konnte sausen, daß seine Ohren wie weiße Fähnlein flatterten. Er hatte ein paar schwarze Kleckse an der linken Flanke — als habe jemand ein Tintenfaß nach ihm geworfen, so sagte Ingeborg. Er war so dankbar, bei einem Worte, da leuchteten seine Augen, und bei zwei Worten, da tanzte er, und bei drei Worten, da legte er sich einem zu Füßen und schlug mit dem Schwanze. — — —
Nun war ich allein. Tag für Tag, Nacht für Nacht.
Das Leben war nicht leicht zu ertragen.
Ich schüttelte den Kopf und lächelte: Welch ein Winter! Ich mußte viel an Hermann Ecke denken, den Herrn auf Entenweiher, den Eva verließ.
Vielleicht hat Hermann Ecke auch einen Hund gehabt, der toll wurde? Nun kannte ich Hermann Ecke genau. Ja, ich sah ihn vor mir.
So, so, ja so sieht er aus! — Wenn du einem begegnest, fahl sein Gesicht, die Augenbrauen hochgezogen, groß und verwundert seine Augen und ohne Blick, ein wundes Lächeln auf den Lippen: Das ist er!
Da ist seine Geschichte. Ich schrieb sie, weil mich der Kummer niederdrückte.
Ein Mann wandert durch sein Haus und sinnt. Das ist Hermann Ecke. Was sinnt er doch? Es ist kalt in seinem Hause, er kann die Hände durch das Feuer strecken, ohne daß es wärmt. Es ist still. Die Nächte tragen Schrecken und Finsternis um das Haus gleich einem schwarzen Sarge, dem der Wind jammernd folgt.
Es ist Nacht, Hermann Ecke trägt eine Kerze in der Hand und wandert. Hin und her wandert er und sucht. Was sucht er doch?
Eva ist nicht hier, nein.
Eine Mücke summt im Zimmer. Hermann Ecke lächelt. Eine Mücke, sagt er und sieht der kleinen Mücke nach. Er kommt an einem Spiegel vorüber und schließt die Augen, er will sein Gesicht nicht sehen.
Er trägt ein Licht in der Hand, es flackert und Laute kommen aus der Flamme. Er erschrickt und wendet sich um, ein Schatten duckt sich hinter den Schreibtisch. Er geht weiter, aber er fühlt, wie sich der Schatten aus dem Verstecke reckt. Er sieht ihn wachsen, über die Wand, die Decke und eine dunkle lange Hand greift nach seinen Haaren, wie ein verkohlter Arm baumelt es über ihm.
Da schreit er.
Was ist Herr?
Nichts, danke.
O!
Hermann Ecke steht am Fenster und blickt auf die Straße hinab. Klingen nicht Schlittenglocken durch die Winterstille? Ein Wagen saust daher. Wohin? Zu Nachbar Dohn.
Kam da nicht ein Bote? Er taumelte vor Erregung und schwenkte ein Tuch in der Hand. Nein, es ist ein Betrunkener, der ein weißes Bündel trägt. Vielleicht kommt er von einer Hochzeit.
Ist es heute nicht, ist es morgen.
Überall ist er zu sehen, Hermann Ecke. Im Walde, im Felde, im Dorfe. Aber er lächelt nicht mehr, er ist bleich, und groß und verwundert blicken seine Augen. Er geht einher, als suche er etwas auf dem Boden.
Hermann Ecke geht zu den Knechten und Mägden in die Gesindestube, er will sich unterhalten mit ihnen. Er spricht und sie antworten. Immer mehr spricht er, immer weniger sprechen sie. Er sitzt und redet, redet. Alle sehen ihn an. Er geht.
Es ist dunkel, ein dunkler feuchter Abend, ohne Mond, ohne Sterne, feucht, schwarz, und nasser Schnee treibt über die Straße. Hermann Ecke geht ins Dorf hinab und tritt in die Schenke.
Junges Volk ist da versammelt. Knechte und Mägde. Die Dirnen legen die Köpfe gegen die Schultern der Burschen oder sie sitzen ihnen auf den Knien.
Ein Bursche in Hemdärmeln, den Hut im Nacken, spielt die Zither.
Guten Abend, ihr Leute, sagt Hermann Ecke.
Guten Abend.
Die Zither klingt und der Bursche singt. Er singt von einem Stier und einer scheckigen Kuh und daß eine Dirne dabeistand und sie lachte dazu.
So singt er, und die Mägde lachen, und die Burschen fassen sie um den Leib.
Da ist ein kleiner Bursche, ein Schneider, der den Mund weit aufreißt. Er behauptet keine Knochen zu haben. Er hat keine Knochen, prügeln kann man ihn, er spürt keinen Schmerz. Zwei packen ihn an den Händen und Füßen, schwingen ihn hin und her und schleudern ihn gegen die Türe, daß sie kracht. Er steht auf. Nichts hat er gespürt, er hat keine Knochen.
Die Knechte lachen, daß es dröhnt, und die Mägde kreischen.
Hermann Ecke lächelt. Er bezahlt und geht. Gottes Friede sei mit euch ihr guten Leute, spricht er.
Einige kichern und einer sagt: Amen!
Wenn sie alt geworden sind, so werden sie wissen, was es bedeutet, wenn einer sagt: Gottes Friede sei mit euch, ihr guten Leute.
Hermann Ecke wandert durch die holperigen dunklen Gassen des Dorfes. Wo ein helles Fenster ist, dahin schleicht er. Wie ein Dieb schleicht er um die Bauernhöfe und er blickt verstohlen in die erleuchteten Fenster. Eine Bäuerin knetet Teig und rollt ihn mit einem Holze aus, ein Bauer steht am Bette und entkleidet sich langsam. Eine junge Mutter badet ihr Kind, es strampelt, daß das Wasser gegen die Scheiben spritzt. Hin und her schleicht der Dieb und an dem hellen Fenster bleibt erstehen. Da sitzt ein Knabe und lernt. Er bewegt die Lippen und Hermann Ecke hört, daß er lernt. Dann versteht er des Knaben Worte. Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth und alle Lande — heilig, heilig ist der Herr Zebaoth und alle Lande sind seiner Ehre voll. Heilig, heilig — Mutter! ruft er plötzlich laut, es steht wer am Fenster!
Der Dieb verschwindet in die dunkelste Gasse.
An einem Zaune wispert es. Der Dieb steht hinter einem Holzstoß und hört, was die beiden dort wispern. Es ist dunkel, aber er sieht ihre Gesichter und ihre Hände. Der Bursche nestelt am Mieder des Mädchens, es schimmert aus dem Mieder. Da knackt ein Ästchen.
Hm, sagt der Bursche und läßt die Hände sinken und geht näher.
Der Dieb springt in den Wald hinein. Atemlos.
Hermann Ecke.
Hermann Ecke irrt hin und her. Er kniet im dunkeln Wald und spricht.
Ich knie hier. Ich knie hier ganz allein im Walde.
Die Tränen laufen ihm über die Wangen.
Ich knie hier, ganz allein —
Hermann Ecke.
Hermann Ecke, mein Bruder, härme dich nicht!
Hermann Ecke keucht und er gräbt die Nägel in seine Brust. Er schreit: Ewige Seligkeit allen Menschen und mir eine ruhige Stunde!
Willst du nicht Gift nehmen — Gift —?
Hermann Ecke, mein guter Bruder, verzweifle nicht!
Ein Vogel zwitschert vor Hermann Eckes Fenster und Hermann Ecke lächelt. Er denkt an alte Dinge. Der Vogel fliegt fort, nichts ist mehr zu hören.
Eva war ein solcher Vogel, denkt Hermann Ecke. Wenn ein Vogel vor deinem Fenster singt, so kannst du zuhören und dich freuen und dem kleinen Vogel danken. Du kannst ihn nicht halten, mit Worten und Bitten und feinem Kuchen nicht — er fliegt fort und singt vor einem andern Fenster.
Hermann Ecke kann kein Glück mehr finden, es ist vorbei.
Ihr Menschen, ihr Menschen, ich frage euch, was wißt ihr? Ihr habt Weib und Kind und könnt es küssen. Ich habe nichts als leere Zimmer. Auch habt ihr euer Glück nicht mit Eva gelebt! Was wißt ihr also?
Nichts wißt ihr!
Hermann Ecke, mein guter, guter Bruder . . .
Daß er nicht immer so verzagt und traurig blieb, das weißt du. Und wie er starb, weißt du auch.
Er starb den seligen Tod.
Hermann Ecke.
34
Als der Schnee zu fallen begann, kam zu mir ein unglücklicher Mensch und weinte vor mir.
Es war die ausgelassene Isabella mit den brennendroten Haaren und den treuherzigen Augen.
Sie weinte, knetete das Taschentuch und weinte es naß.
„Ich habe im Scherz gesagt, er hat mich aus Verzweiflung geheiratet, es ist kein Scherz mehr. O, bin ich unglücklich! Ich habe einen Verrückten zum Manne. Er redet des Nachts im Schlafe, zankt sich mit einer Frau, nennt sie Lügnerin und weint und sagt Liebste, Schönste! Nein, Harry ist verloren, ich sehe es ein. Ich bin ein Surrogat, sonst nichts. Denke dir, ich bin ein Surrogat!“
Sie weinte, weinte.
„Harry ist verloren. Er ist schon seit Jahren verrückt. Wenn er lacht, so ist er betrunken, er trinkt zwanzig Gläschen Kognak an einem Tage! Er kann nicht mehr Geige spielen, sie würden ihn auslachen. Er war aber ein Phänomen! Seine Kompositionen sind nichts wert. Nur manchmal spielt er gut, da spielt er am Abend und ich sitze und höre ihm zu. Er blickt mich an. Ich spiele nicht für dich, sagen seine Augen. Und einmal da sprach er es auch aus — er wollte nicht, aber er sagte es —“
Sie weinte, weinte. Ich unterbrach sie nicht. „Ach, ein paar Wochen, da war es wunder — wunderbar schön! Er sagte, daß ich ihn gerettet habe. Aber nun — er ist tagelang fort, mit dem Automobil. Denke dir, er, der so nervös ist, daß er über keinen Steg gehen kann, jagt durch Nacht und Schnee. Wohin? Ich weiß es nicht. Dann kommt er zurück, dann lächelt er vor sich hin — seine Augen glänzen. Das, das kann ich nicht mit ansehen, dieses Lächeln, diesen Glanz — o!“
Sie weinte, weinte.
„Er ist solch ein guter Mensch, solch ein seelenguter Kerl — so mußte er werden. Ich habe ihn gesehen, vor Jahren, er spielte, ach, das war Jugend, leichter Sinn, Glänzen, Strahlen — und jetzt — —“
Ich fragte sie: „Weshalb verläßt du ihn nicht?“
Sie sah mich an. „Wie? Ja, ich liebe ihn ja!“
Dann sagte ich: „So sei so gut zu ihm als es dir möglich ist. Muntere ihn auf, reise mit ihm, reise wohin er will —“
„Ja, aber, hörst du, Axel, was bekomme ich aber für alle Liebe, ich?“
„Du kannst um ihn sein,“ antwortete ich.
Sie sah mich an. Sie verstand es nicht.
„Ich werde zugrunde gehen!“ weinte sie. — — —
Ein großer Zauberer hat ein Buch geschrieben, so süß und schön, daß wer es liest sterben muß. Alle lesen es, obgleich sie wissen, daß sie dann sterben müssen.
35
Es ging nicht besser mit mir, nein.
Ich dachte es zuweilen, aber ich täuschte mich. Ich arbeitete viel. Ja, ich kann sagen, nie in meinem Leben habe ich soviel gelesen und studiert wie in diesem Winter. Ich studierte ferne Länder, lernte ihre Sprachen, denn es konnte sein, daß ich bald dorthin reisen würde, wohin keine Geleise mehr laufen. Ich habe keinen eigentlichen Beruf, keine besonderen Anlagen und Talente, ich habe keine Lust und keine Zeit dazu. Ich bin aus altem Geschlechte, degeneriert, gehöre zu jener Klasse der Luxusmenschen, die allmählich ausstirbt. Ich wünsche es nicht; aber man wird bald nur noch Gemüse pflanzen und Rindvieh züchten, der Mensch wird praktisch.
Ja, ich habe viel gearbeitet.
Ich arbeitete, um mich zu vergessen. Ich ging auf die Jagd, wanderte mich müde, ich war ruhig. Aber plötzlich tauchte Ingeborg vor mir auf, so herrlich, so wunderbar — dann war die Ruhe vorbei, der Schmerz schüttelte mich und ich wußte, daß ich immer noch auf dem Grunde lag und nie mehr Frieden haben sollte da drinnen.
Ich schrieb viele Briefe an Ingeborg, ich sandte sie nicht ab, nur um Ruhe zu bekommen, schrieb ich sie.
Ich schrieb einen, der lautete:
Ingeborg, es ist ein finsterer Gedanke in mir, mit dem ich immerzu ringen muß. Er lockt mich, er gaukelt mir Dinge vor — er winkt und ruft — ich ringe mit ihm, es ist schwer, es ist ein verzweifelter Kampf!
Hilf mir! Jeden Tag bekommt der Gedanke mehr Kraft. Er lockt nicht mehr, er höhnt und spottet und lacht. Er triumphiert im geheimen.
Ich schrieb einen, der lautete:
Komme, Ingeborg, Ingeborg! Ich breite die Arme aus! Komme, hier ist deine Heimat.
Komme, komme, eine Pforte aus Rosen will ich bauen, jeder Baum im Walde soll eine lichte Flagge haben, tausend Kerzen zünde ich dir an in jedem Saale, ich will niederknien und deine Füße mit Tränen baden und mit Küssen trocknen. Ingeborg will ich sagen, bist du da? Gebenedeiet seist du, ich bin dein!
Komme, komme, Ingeborg, ich bin auf dem Grunde, ich kann nicht mehr, ich flehe dich an um ein Wort, ein einziges Wort.
Mit Tränen in den Augen schrieb ich diesen.
Dann schrieb ich einen, zerknirscht, bleich: Ingeborg, nicht von Liebe spreche ich heute zu dir.
Nein, ich will dir beichten, Ingeborg, beichten! Ich habe verbrecherische Wünsche, Ingeborg, verbrecherische Gedanken. Ich möchte meine Hand um deinen Gürtel legen und dich an mich pressen. Einmal noch! Ich möchte deinen Scheitel ansehen, leicht darüber streichen über deinen schönen, göttlichen Scheitel. Ich möchte dich auch auf den Mund küssen, nur einmal noch — einmal noch! Ja — haha — so bin ich nun! Ingeborg, einmal möchte ich noch meine Lippen auf deine Brust pressen — einmal noch möchte ich eine Stunde um Mitternacht bei dir sein —
Es ist auch ein böser Gedanke in mir aufgewachsen, ein Unkraut, ich kann nichts dafür, eine böse Hand säte es. Ich dachte: vielleicht hast du schlecht an mir gehandelt?
Da begann mein Herz zu klopfen und es klopfte so fürchterlich, einige Minuten lang, daß ich bestraft genug war. Verzeihe!
Ich liebe dich. Ich küsse oft meine Kissen, die Stelle — — —
Dann schrieb ich einen, ich schrieb ihn mitten im Schrecken: O, ihr Freunde, ihr! Wüßtet ihr es! Ich empfinde jeden Kuß, ich empfinde jeden Händedruck, jeden Blick. Er fällt mir wie ein glühender Tropfen auf mein Herz. Ich empfinde alles, alles, was martert ihr mich denn! Ihr quält mich zu Tode, zu Tode, zu Tode!!
Ich arbeitete, arbeitete, sah nicht links noch rechts, vergrub den Kopf in die Hände. Manche Zeile las ich zwanzigmal, ich zwang mich.
36
Es war Nacht im Walde, nur den Schnee sah ich. Es ging ein Schritt neben mir her. Es war in der Nähe meines Hauses. Es ging eine Stimme neben mir her. Sie flüsterte. Ich wollte sie nicht hören. Sie flüsterte: „Ich habe sie gesehen, sie trägt einen breiten Pelzkragen, grau ist er. Sie sieht so schön und eigenartig aus, daß alle Leute nach ihr blicken. Einer ging neben ihr her, er war groß, machte große Schritte. Er war rothaarig.“
Mein Atem stockte, mein Herz schlug. Ich lauschte, wollte aber doch nicht zuhören. Die Stimme lockte.
„Ich habe sie oft gesehen, oft. Ich sah sie auch mit Holger Hunt, dem Komponisten. Sie bewundert ihn, ich sah es an einem Blicke. Haha — ich betrachte sie, fahre ganz langsam, ich trage eine Brille, eine Kapuze, niemand sieht mich. Eine großartige Erfindung, das Automobil.“ Ich bog zur Seite. Die Stimme ging neben mir her. „Ich sah ihre Hand, sie streifte den Handschuh ab, um Geld aus dem Täschchen zu nehmen Ihre Hand war schneeweiß. Ihr Hals ist frei, auch im Winter. Ich hab ihr dicht in die Augen gesehen — Himmel! diese, diese Augen! — sie mußte warten, bis mein Wagen über die Straße gefahren war. — Haha, ich wollte Ihnen das schon längst erzählen, ich lief immer um Ihr Haus herum, traf Sie nicht. Ich gehe gerne um dieses Haus herum, ja, es ist so eigen, sich vorzustellen — gewiß — man kann sie nicht mehr vergessen, nein. Sie vergißt leichter, ha! Sie lebt tagweise. Stimmt es? Sie ist lieblich wie ein Kind und grausam wie ein Kind — sie lügt — sie kann keine Blume zertreten, aber einen Menschen zu Tode peinigen —“
Ich lief weg, hinein in den Wald.
Ich schickte einen Boten nach Rote Buche mit einem Briefe, darinnen stund: Ich gehe nur noch mit geladenem Gewehre im Walde!
Harry Usedom schickte mir eine Antwort: Vergebung, Vergebung, das wollte ich doch nicht.
Ich verachtete ihn. Aber ich vergaß nicht, wie berückend seine Geige einst im Walde klang, als er das weinende Glück spielte. —
Einige Wochen darauf erfuhr ich, daß Harry Usedom einen Selbstmordversuch gemacht habe. Er hatte sich aus dem Fenster gestürzt. Er hatte sich schwer verletzt, aber es war nicht lebensgefährlich.
Es war als ob etwas über mich sänke, immerzu, immer dichter, ich wehrte mich, aber es lähmte mich, immer undurchdringlicher wurde es.
In Nacht und Grauen wird einer versinken, einer, ich weiß es!
37
Es ging in die Tiefe. So begann es — —
Ingeborg ist zurückgekehrt. Ist es möglich?
Ich saß im Zimmer und hörte weder den Wagen, noch Schritte. Da ging die Türe und Ingeborg stand auf der Schwelle.
Sie war in einen dicken Reisemantel gehüllt und ihr Gesicht verschwand fast ganz im Pelzkragen. Rot vor Frost war dieses Gesicht, ein kleines, erfrorenes, lächelndes Kindergesicht.
„Hahaha!“ lachte Ingeborg. „Kennst du mich nicht mehr?“ Ich begriff all das nicht. Ich stand auf und lächelte. Ich bewegte die Lippen, aber ich vermochte nicht zu sprechen.
Und Ingeborg lachte wieder und sagte, daß sie nun auf Besuch zu mir komme, wie sie es versprochen habe. Zwei Monate lang.
„Hahaha, ja, grüß Gott, Axel!“
Ich gebe ihr die Hand, ich kann noch nichts denken. Auf dem Pelze und den goldenen Locken Ingeborgs zerschmilzen kleine Schneesternchen. Ingeborgs Stimme ist kräftiger und tönender geworden.
„Grüß Gott! Ingeborg —“
„Ja, ja ja — Axel, Axel! Bekomme ich denn keinen Kuß? Küsse mich doch. Ich freute mich seit Wochen auf diesen Kuß.“
Mein Herz steht still. Ich küsse Ingeborg auf den Mund und verliere die Besinnung —
Da erwachte ich.
Ich lag im Zimmer auf der Ottomane. Es dämmerte. Auf den naßschwarzen Ästen der Kastanien lag Schnee, ein Sperling schaukelte auf einem Ästchen und Schnee stieb herab.
„Ich finde keine Ruhe mehr!“ flüsterte ich. Ich war totmüde, einige Tage und Nächte hatte ich nicht mehr geschlafen. So heimtückisch arbeitete es in mir, am Tage konnte ich mich betäuben, solange ich wachte, aber im Traum, da war ich wehrlos. Ich sprach mit mir. „Ich finde selbst im Schlafe keine Ruhe mehr — es bleibt mir nichts anderes übrig. Nein, ein Fürst tut es nicht, ein Bankier kann es tun — ein Fürst nicht. Ach, das sind einfältige Redensarten. Nun hat der finstere Gedanke doch gesiegt!“
Ich stehe auf, krame im Schubfache des Schreibtisches und verlasse das Haus. Blaue Winterdämmerung ringsum. Alles schläft, Bäume, Tiere, nur ich kann nicht schlafen. Bald werde ich es können. Der Schnee leuchtet blau, wie Stahl fast, die Abendkälte hat ihn mit einer dünnen Eiskruste überzogen, die unter den Schritten kracht. Ich gehe an der Statue vorüber, einen Eisbärenpelz hat sie um die Schultern geschlungen, als ging sie ins Theater. Pst! hat sie nicht pst! gerufen? Im runden Brunnen sprudelt schwarze Tinte, die eiskalt glitzert. Der Brunnen ist mit dickem Eise bedeckt wie mit Aussatz.
Ich eile durch den Park, zur Grotte, wo der ewige Tropfen fällt. Kupferrot steigt der Mond hinter den Stämmen empor, in Dunst gepackt. Der Schnee ist mit schmutzigem Blute getränkt.
Die Grotte ist still. Der Tropfen schweigt, der Tümpel ist gefroren. Ein toter Frosch ist im Eise zu sehen, er zeigt den gelben Bauch. Die Grotte ist mit Eis überzogen und eine Säule aus Eis, einer großen geronnenen Kerze ähnlich, hängt vom Felsen zum Tümpel.
Ich setze mich in den Schnee. Ich berühre einen Busch und Schnee stiebt über mich und fällt mir ins Genick, sodaß ich zusammenschaure. Ich nehme den Revolver aus der Tasche.
Alles ist Schnee und Eis.
Umsobesser, geht es mir durch den Kopf, ich konserviere mich besser, übrigens liegt dort auch schon einer. Schade, daß ich keine gelbe Weste anhabe! Wer hätte gedacht, daß die Geschichte so leicht ist?
Ich setze den Revolver an die Schläfe und schließe die Augen.
Tick! Der Revolver versagte. Ich blicke in die Trommel. Ich sehe die Kugel.
Und ich setze wiederum den Lauf an die Schläfe. Da berührt jemand meine Schulter und ich blicke mich um. Das verhärmte Gesicht des glücklichen Wanderers nickt traurig über mir.
„Bruder, Bruder,“ spricht er sanft und hebt den Zeigefinger mitleidig drohend empor, „es gibt weitaus schlimmere Dinge als ein Weib zu verlieren. Vier Jahre Kerker, Bruder, das ist hart. Ach, ohne frische Luft, ohne Himmel, ohne Freiheit, Bruder weitaus schlimmer ist dies!“
„Schere dich zum Teufel!“ schreie ich und presse den Revolver auf das Herz. Aber der Wanderer wirft sich über mich und umklammert mein Handgelenk. Ich keuche.
„Laß los!“ Ich ringe mit ihm. Ich nehme alle Kraft zusammen, ein Ruck noch und mein Arm ist frei —
„Laß los.“
Ich erwachte.
Ich lag immer noch auf der Ottomane. Ich schauderte zusammen.
Aber jemand stand im Zimmer, in einen dicken Mantel eingehüllt, einen großen Hut auf dem Kopfe. Er hatte ein rotes aufgeblasenes Gesicht mit heimtückischen kleinen Chinesenaugen. Er stand am Flügel, nahm das grüne Väschen in die Hand, steckte es ein und schlich sich hinaus.
Ich fuhr auf. Ich hörte wie eine Türe vorsichtig zugemacht wurde.
Jemand war eben im Zimmer gewesen. Der Knecht, den sie den Mönch nennen. Ja! Er hatte das Väschen gestohlen.
Ich blickte auf den Flügel: das Väschen war fort!! Träumte ich? Nein, ich träumte nicht mehr. Ich hatte zwei Träume hintereinander geträumt, den von Ingeborg, den von der Grotte. Das wußte ich genau und ich würde es nicht wissen, träumte ich noch. Ich sah ja, konnte mich anfassen, fühlen.
Das Väschen war fort! Lange Wochen stand es doch auf dem Flügel!
Ich rannte aus dem Zimmer, die Treppe hinab, über den Hof. Groß und messinggelb stand der Mond über dem Walde in einem violetten Himmel. Der gelbe Schnee knarrte unter meinen flüchtigen Schritten. In den Ställen klirrten Ketten und die Pferde stampften.
Ich eilte ins Haus und riß die Türe zur Gesindestube auf. Da saßen sie alle im Tabaksqualm, Knechte und Mägde und flochten Strohbänder. Sie rauchten, lachten und erhoben sich, als ich eintrat.
Ich warf die Türe ins Schloß. Es wurde so stille, daß man hörte, wie die Kühe nebenan das Heu aus dem Barren rupften.
Dort stand auch er, der Mönch, im dicken Mantel, den er Sommer und Winter trug, und den großen Hut auf dem roten Kopfe. Wie immer schlug er den Blick zu Boden. Ich trat auf ihn zu und schüttelte ihn leicht am Arme.
„Da bist du ja!“ sagte ich und lachte höhnisch.
Der Knecht hob furchtsam die Lider und blickte erschrocken auf mich. Die Röte wich aus seinem Gesichte und die dicken Backen zitterten. Er senkte die Lider, schneeweiß lagen sie in seinem fahlen Gesichte.
„Schon lange habe ich ein Auge auf dich, du!“ sagte ich. Alle standen sie ringsumher erschrocken, mit großen Augen und geöffneten Mäulern.
„Ja ja,“ murmelte der Mönch. „Hole den Schandarm!“
„Du hast es getan? Wie?“
Der Knecht fiel in die Knie und sagte: „Ich habs getan. Ich bereue es. Zehn Jahre habe ich dran gewürgt.“
„Was tat der Mönch?“ fragte einer.
„Er hat gestohlen!“ rief ich. „Ein Väschen.“
Gestohlen? Nichts habe er gestohlen.
„Jetzt leugnet er wieder, hoho!“ rief ich und ich bewegte die Hand so schnell vor dem Gesichte des Knienden, daß sie dreißig Finger bekam. „Eben gestand er es ein, jetzt lügt er frech. Höre, du, ich lasse dich auspeitschen, daß dir Hören und Sehen vergeht!“
Aber da bekam ich Mitleid mit dem Knechte, der in seinem dicken Mantel vor mir kniete und den Kopf neigte. Er hatte sogar den Hut abgenommen, seine Haare waren weiß wie Mehl.
Ein armer Mensch war das. Wie schlecht bin ich doch geworden, daß ich ihn so anschreien konnte. Wie schlecht! Schlecht mußte ich also auch noch werden!
„Höre,“ sagte ich, „was fällt dir ein. Ich tue dir nichts. Gib nur das Väschen her. Hast du es vergraben? Sag es?“
„Ich habe das Ding nicht gestohlen.“
„Vor einer Minute hast du es aus meinem Zimmer gestohlen.“
„Herr, er war diesen ganzen Nachmittag und Abend mit keinem Fuß aus der Stube.“
Alle sagten es.
„Nicht? Nicht?“
Also hatte ich doch geträumt. Aber das Väschen stand ja nicht mehr auf dem Flügel.
Der Knecht erhob sich und setzte den Hut wieder auf den Kopf.
Und mir fiel ein, daß ich das Väschen heute morgen in den Schreibtisch geschlossen hatte, damit es die Magd nicht unglücklicherweise zerbräche.
Ich erbleichte. Stille war es.
„Verzeihe mir,“ sagte ich zu dem Knechte und verließ die Stube. Alle Augen folgten mir.
Ich stand im Hofe unter dem dunklen Himmel, aus dem die Sterne wie Eis heruntertropfen.
Meine Füße zitterten.
„Was ist das? Was ist das?“ flüsterte ich und ging müde ins Haus zurück. —
38
Ich erkrankte. Diese Reihe von Tagen, bis ich müde zusammenstürzte, bis ich liegen blieb und mich nicht mehr rührte, sie ist in meinem Gedächtnis ausgestrichen!
Ich erkrankte.
Wie lange lag ich krank? Ich weiß es nicht. Dann erwachte ich wieder. Eine Stimme flüsterte. „— Du Herr, der du Berge versetzen kannst und Mauern einstürzen mit dem Atem deines Mundes, nimm dich des armen Kranken an, auf daß er genese —“
Ich hob die Lider. Ich lag im Bette, am Fenster saß die alte Maria, eine große Brille auf der Nasenspitze und betete. Wie Stricke lagen ihre gebleichten Haare auf dem runden rosigen Schädel. Wo hatte ich dieses Rosige schon gesehen und dieses Kränzchen? Richtig, bei Spanferkeln, genau so, von hinten gesehen.
Und ich lag stille, es machte mir Freude zuzuhören, wie jemand mit seinem Gotte sprach, für mich, immerzu für mich. Ich kicherte beinahe, so schön hörte sich das an. wie Maria Gott pries, als wolle sie ihn durch Schmeicheleien willfähriger stimmen, und dann um meine Gesundheit flehte.
„Die Sonne steht still auf dein Geheiß —“ Tatata, dachte ich bei mir.
„— und Tote stehen auf, auf dein Wort —“ Tatata, dachte ich bei mir.
„Sieh auf den armen Kranken und schicke ihm Gesundheit —“
Nach Belieben, dachte ich bei mir. Es war mir so leicht ums Herz und ich war zum Scherzen aufgelegt. Ich schlief wieder ein und als ich aufwachte, war es Abend geworden. Maria saß bei einem Lichte und betete immer noch.
Und ich schlief wieder ein und erwachte am lichten Morgen.
Nun war ich gesund. Ich stand auf und kleidete mich an. Ich war gesund und frisch, wie neugeboren und wollte singen. Aber gerade in dem Augenblicke, da ich beginnen wollte, konnte ich nicht singen. Es war eine eigentümliche Traurigkeit in mir, die mich nicht singen ließ.
Was aber war das doch für eine Traurigkeit? —
Tiefer Winter. Tiefer Winter.
Säcke voll Schnee hat der Himmel über die Wälder geschüttet, die Bäume sind starr und glashart. Ein roter Mond geht auf, eine rote Sonne kriecht durch den dunstigen Tag. Wie Grotten aus blauem Eise sind die Nächte. Der Schnee knarrt, im Walde bellen die Füchse. Sonst regt sich nichts mehr. Die Kälte zerfrißt die Augen. —
Heute schien die Sonne durch den Dunst und das Tal glitzerte weithin vor Freude. Eine Ahnung vom Frühling zitterte tief in der Erde.
Ich sah in die Sonne, es war mir als müßte ich durchsichtig sein wie Glas. Sie wärmte so ganz anders als das lustigste Feuer. Und ich dachte, daß der Frühling schön sei. Ein blühender lachender Apfelbaum am Wege, eine lachende Sonne, eine lachende Wiese, ein Hirtenmädchen, das den Mund bis zu den Ohren verzieht und lacht, ganz wie die Sonne, das ist der Frühling.
Ich schlüpfte in die Lodenjoppe, zog die hohen Stiefel an, nahm den Stock und das grüne Hütchen und ging.
Ausgestorben liegt das Haus, ausgestorben liegen die Ställe und Scheunen, mit dicken Polstern weißen Schnees bedeckt. Sie sind in die Erde gesunken. Die Fenster sind schwarz. Vieh und Pferde sind verkauft, Mägde und Knechte sind fortgegangen.
Nun, ich hielt sie nicht. Sie wollten sich einen andern Dienst suchen. Zu einsam sei es hier oben im Bergwalde. Ich hielt sie nicht auf.
Nur die alte Maria ist bei mir geblieben. In Tücher eingehüllt sitzt sie in ihrem Kämmerchen, wie eine Kastanienverkäuferin in der kalten Straße. Sie wird alt und friert. Am Abend jedoch fällt ein gelber Lichtfleck auf den Schnee des Hofes, aus dem Fenster der Gesindestube. Wer ist noch in der Gesindestube?
Der Mönch. Hin und her geht er, im Mantel, den großen Hut auf dem Kopfe.
Er hat keine Ruhe. Er büßt für etwas. Wofür? Niemand geht das etwas an.
Ich schwinge den Stock und gehe hinein in den stillen Wald. Ich lächle. Ich rücke den Hut zurück und möchte lachen und singen. Aber sobald ich die Lippen öffne, um zu lachen und zu singen, hält mich etwas zurück. Ich weiß nicht was es ist.
Es ist ein eigentümliches Gefühl.
Was ist es doch für ein Gefühl? Rührung, Ergriffenheit, Traurigkeit, Freude?
Von allem ein wenig.
Zartblau ist der Schnee im Walde zwischen den fahlen gefleckten Stämmen der Buchen. Gelbe Wege, gelbe Streifen, das ist die Sonne. Der Himmel schimmert weiß. Die Wipfel der Bäume sind wie in dicke Watte gepackt. Ein Ästchen rührt sich, eine kleine weiße Schlange gleitet herab. Von vielen Büschen sieht man nur noch einzelne Zweigchen, die aus dem Schneehaufen hervorlugen. Über den Weg laufen Spuren von Rehen und Füchsen. Ein Häufchen Krähenfedern liegt im Walde. In der Ferne lacht ein Häher.
Die Gräben sind gefroren und wenn ich mit dem Stocke auf das Eis stoße, so fallen lange Scheiben splitternd ins bereifte Gras. Ein spiegelglatter Tümpel. Ich nehme einen Anlauf und sause darüber hinweg.
Es ist nicht kalt. Die Luft ist frisch und so oft man sie einatmet, glaubt man Eiswasser zu schlürfen.
Da liegt eine Wiese am Waldesrande, sieht aus wie das reinlichgedeckte Bett eines Riesen. Im Sommer stehen gelbe Blumendolden darauf, aus denen der Honig tropft.
Honigtröpflein heißt die Wiese.
Und ich denke an den Sommer. Schweiß, Honig und Feuer ist der Sommer, denke ich, und ein heißer Kuß im Traume.
Ich gehe durch den Wald, stundenlang, auf, ab, auf, ab. Ich muß tüchtig ausgreifen, der Weg bis zum Revier Otternbrücklein ist weit.
Einsam ist es, einsam und feierlich. Der weiße Tod haust im Walde.
Ich komme in fremdes Gebiet. Axtschläge fallen im Walde. Das ist wunderschön, so still, so feierlich und diese Axtschläge. Man glaubt das Herz des Waldes schlagen zu hören. Das Gefühl, daß ein Mensch in der Nähe ist, tut wohl. Man will nichts von ihm, man sieht ihn gar nicht und doch tut es wohl, zu wissen, daß dort einer ist.
Ja!
Da erschrecke ich und trete hinter einen Baum. Ein Wolf! Nein, ein Fuchs. In weitem Bogen zieht er vorüber, den dicken Schwanz durch den Schnee schleifend.
Ich lächle. Weshalb fürchtete ich mich? Nie in meinem Leben war ich furchtsam.
Ich greife tüchtig aus. Hochwald. Das ist Revier Otternbrücklein. Dort liegt die Hütte des Holzfällers.
Vater Giselher sitzt vor der Türe in dunkler Sonntagskleidung. Ernst ist sein Gesicht und er sieht weder nach rechts noch nach links. Seine derben Hände liegen auf den Knien, sie ruhen wie er.
„Guten Tag, Vater Giselher!“ rufe ich und schwinge den Hut.
„Guten Tag.“
„Ich kam lange nicht dazu, dich zu besuchen, Vater Giselher,“ sage ich. Ich komme in Verlegenheit.
Selbstsüchtig seien Jugend und Glück. Hätten nicht Augen und Ohren für andere.
Ja, er zürnt immer noch, weil wir den Pfarrer nicht nahmen, damals. Er blickt weder nach links noch nach rechts.
Aber der Tod gebiete Versöhnung. „Meinen Dank, daß du kommst. Tritt nur ein, da drinnen liegt sie.“
„Wer?“
Wer lag da drinnen?
„Ihr Tagwerk ist vollbracht. Vierzehn Kinder hat sie geboren und großgezogen. Ihre Pflicht ist erfüllt. Der Herr weiß was er tut.“
Ich atmete auf, ich trat in die Hütte. Es war düster hier, eine hohe Kerze brannte. Daneben schimmerte das friedlich schlummernde, hohlwangige Gesicht einer alten Frau. Die Frau lag langgestreckt in einem breiten, derben Sarge. Ihr Mund war einwärts gezogen und fast kreisrund, der Tod hatte alles spitzig gemacht, die Nase, die Backenknochen, das Kinn. Die Hände lagen im eingefallenen Schoße der Toten, gelb mit blauen Nägeln.
Um den Sarg herum saßen still, die Hände gefaltet, die Kinder der Toten. Es mochten ihrer wohl zehn sein, in allen Größen, Mädchen mit hellblonden abstehenden Zöpfchen und Knaben mit nußbraunen Gesichtern und wirren Haaren. Ein schlankes Mädchen von siebzehn Jahren saß auf einem Stuhl und stopfte einen Strumpf. Ihr zu Füßen kauerte ein kleines Kind, das mit Bohnen spielte. Alle hatten rote Ohren und rote Nasenspitzen, denn es war kalt in der Hütte. Sie wandten mir die Gesichter zu, als ich eintrat, aber sie regten sich nicht. Sie blieben still, die Hände gefaltet.
„Ich bin Ingeborgs Mann,“ flüsterte ich dem Mädchen zu, das den Strumpf stopfte. Ich schämte mich, dies zu sagen.
„Mutter ist tot — hohoho!“ schluchzte das Mädchen und große Tränen fielen auf den Strumpf herab.
Hohoho — weinten sie alle ringsum und sie hörten auf, als die Schwester aufhörte.
Das Kind am Boden kroch unter den Sarg, eine Bohne war fortgerollt.
Und die Tote lächelte friedlich im Lichte der einzigen Kerze.
Da liegt sie! Ingeborgs Mutter ist das!
Das ist ja Ingeborgs Mutter! Sie ist tot. Seht, die Ingeborg geboren hat, ist gestorben!
Ich konnte mich nicht halten, ich brach in Schluchzen aus.
Das ist ja Ingeborgs Mutter!
Ist das nicht die Stirne Ingeborgs? O, ja! Ach, das ist Ingeborgs Kinn!
Ich schluchzte und beugte mich über die Tote und streichelte ihre kalten feuchten Wangen.
Ingeborgs Mutter ist das ja!
„Ich muß mich schicken,“ sagte das älteste Mädchen. „Gleich werden sie da sein, um Mutter zu ho — ho — holen.“
Ob ich ihr nicht helfen wolle, Mutter den Strumpf anzuziehen.
O, ja, gerne wolle ich ihr helfen, Mutter den Strumpf anzuziehen.
Der Strumpf war naß von den Tränen des Mädchens. Ich betrachtete sie.
„Wie heißt du?“ fragte ich und lächelte leise. Es war so manches in diesem Gesichte —
„Maria — ach nun ist Mutter tot!“
„Willst du nicht zu mir kommen, Maria?“ flüsterte ich. Die Stimme wollte mir versagen. Ich hatte vergessen, daß eine Tote im Zimmer lag. „Mein Hauswesen führen?“
Sie brauchten sie hier.
Ich sah mir die Geschwister an. In jedem Gesichte fand ich etwas — etwas —
Vater Giselhers tiefe, ruhige Stimme wurde hörbar vor der Türe, Hüsteln und Sprechen.
Vater Giselher öffnete die Türe. „Tretet ein!“ Durch den Spalt sah man den Kopf eines Schimmels, daneben das runde frostrote Gesicht eines Bauernburschen. Eine Anzahl alter Männerchen und Weiberchen trat ein, so daß das Gemach voller Menschen war. Sie flüsterten, hüstelten und eine Frau begann zu weinen, es klang wie Gekicher.
Ein Greis sagte mit näselnder halblauter Stimme: „Da liegt sie nun, unsere Mutter Giselher.“
Und ein weißhaariges verwachsenes Mütterchen zischelte: „Einen schönen Tod hat sie gehabt,“ und alle nickten mit den Köpfen.
„Sie ruht in Gott.“
Vater Giselher schob sich durch die Gruppe. Er nahm ein dickes Buch zur Hand und stellte sich hinter die Kerze. Seine Gestalt war aufrecht wie immer, und sein bärtiger Kopf saß fest und gefaßt auf den breiten Schultern.
Klar und hell war sein Auge.
Und er schlug das Buch auf und begann zu lesen. Wir standen um den Sarg und hatten die Hände gefaltet, die Greise und Mütterchen, die Kinder, und auch ich hörte zu mit gesenktem Kopfe, mit gefalteten Händen, wie die andern.
„Es stehet geschrieben in Gottes Wort,“ las Vater Giselher, „in den Psalmen Davids, Psalm 39, Vers 6 bis 8: Siehe meine Tage sind einer Hand breit bei Dir und mein Leben ist nichts vor Dir. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben! Sela. Sie gehen daher wie Schemen und machen sich viel vergebliche Unruhe, sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird. Nun Herr, wes soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.“
Vater Giselher schloß das Buch. „Ich hoffe auf dich! Brüder und Schwestern im Herrn — eitel sind unsere Hoffnungen dieser Erde, wes soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.“ Vater Giselher sprach und sprach. Laut und markig klang seine Stimme und seine wasserblauen strahlenden Augen wanderten im Kreise umher.
Vater Giselher sprach lange von den Tugenden der Gestorbenen und der Herrlichkeit des himmlischen Reiches und Gottes hoher Gnade. Wenn er den Namen Gottes oder des Erlösers aussprach, so neigten die Männer und Weiber den Kopf.
Dann schwieg er und nach einer kurzen Pause begannen sie alle wie auf ein Zeichen das Vaterunser zu beten. Allen wurden die Augen naß, nur Vater Giselhers Auge blieb trocken.
Vater Giselher trat an den Sarg und sprach: „Ich sehe dich an und ich sehe dich nicht zum letzten Mal. Ich werde dich da droben wiedersehn, so wahr Gott ist, und Freude wird in unsern Herzen sein.“
Der Sarg wurde geschlossen und hinausgetragen und auf den Karren gelegt. Der Bauernbursche sagte: hüh! und der Schimmel wieherte und stampfte durch den Schnee.
Neben dem Sarge schritt Vater Giselher, das Trüpplein der Kinder folgte ihm, dann kam der Zug der alten Weiber und Männer und weit hinter allen ging ich.
Maria und das kleine Kind blieben in der Hütte zurück. „Adieu, Maria,“ sagte ich leise und sah sie an. Sie hatte goldene Haare und blaue Augen — —
Der Schimmel stampfte durch den Schnee und nickte bei jedem Schritte mit dem Kopfe, die Kinder trippelten und die alten zusammengeschrumpften Männer und Weiber humpelten und hinkten, in Tücher eingehüllt, hinter dem schwankenden Sarge einher.
Der Wald begann ringsum zu rauchen. Feiner Schnee fiel.
Es ging steil bergab.
Da kam aus der Tiefe das wehmütige Bimmeln einer Glocke.
Die Kinder begannen bitterlich zu weinen.
Und ich preßte die Hände vors Gesicht und weinte wie die Kinder. Ich weinte leise, damit mich niemand hörte. Leise und unaufhörlich, und je mehr ich weinte, desto leichter wurde es mir im Herzen und ich wähnte nimmermehr aufhören zu können zu weinen.
Vor mir her schwankte der Zug, die Greise und Mütterchen, die Kinder, der Sarg. Feiner Schnee fiel vom Himmel.
Aus dem Tale rief die Glocke.
Und ich weinte, weinte, immerzu und immer heftiger, weinte, weinte — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
39
Der Frühling kommt. Der Sommer kommt.
Wohnt denn niemand in diesem Hause? — Nein!
Scheiben sind zersprungen, die Dachrinne hängt über das Dach, viele Läden sind geschlossen und Sperlinge nisten darin.
Der Sommer geht. Es kommt der Herbst.
Wohnt denn niemand in diesem Hause? Nein!
Der Winter kommt. Still liegt das Haus im Walde.
Es kommen Leute, pochen, pochen —
Es wohnt niemand in diesem Hause.
Nein!
Wie dieses Jahr verging? Ich sage es nicht. Nein, ich sage es keinem Menschen, selbst Freund Karl nicht, nicht einmal mir. Es ist ausgelöscht, dieses Jahr. Ich habe alles, alles vergessen, ich weiß nichts mehr. Ich weiß, daß ich herum ging, sorgfältig gekleidet und rasiert, daß ich immer über Büchern saß. Was tat ich in den Nächten? Das habe ich vergessen. Ich legte ein Rosenbeet an im Parke, das kann ich gestehen, ich kann auch gestehen, daß in den weißen Zimmern des Nachts eine Lampe brannte. Zuweilen. Nicht in jeder Nacht. Ich kann auch gestehen, daß ich zuweilen des Abends zu den Giebelfenstern hinausspähte, die Straße hinunter und wartete, übrigens nicht jeden Tag. Es standen auch dann und wann frische Sträuße in den weißen Zimmern.
Ich kann auch gestehen, daß am 25. Mai Tag und Nacht eine Kerze in meinem dunklen Zimmer brannte und ich — nein!
Ich bin nicht über den Park hinaus gekommen, nicht aus dem Hause. Ich hatte keine Lust.
Die Türe des Hauses war abgeschlossen, niemand kam herein. Der alten Maria und dem Mönche hatte ich meine Befehle gegeben und sie gehorchten!
Ich sah alles, was die Bergstraße herauf kam. Nichts konnte mir entgehen.
Eines Tages kamen ein Herr in Reisekleidern und eine Dame mit brennend roten Haaren die Bergstraße herauf. Sie war ebenfalls in Reisekleidern. Ich sah sie kommen, stand hinter der Türe, Angst erfüllte mich. Sie pochten, pochten. Die Angst in mir wuchs, mein Herz stand still, ich hielt den Atem an. Nein, ich habe nichts mehr mit den Menschen gemein, ich kann nie mehr offen mit einem Menschen reden, selbst mit Freund Karl nicht, nie mehr.
Der Herr sagte: „Ist er doch verreist?“ Die Dame sagte: „Bestimmt nicht!“
Dann sagte der Herr: „Wir wollen es unter der Türe durchschieben. Er wird sich freuen darüber.“
Eine Weile verging, dann schoben sich Zeitungen herein. Die Spitzen dünner, weißer Finger erschienen. Die Dame sagte leise: „Er tut mir leid!“
Sie meinte mich . . . . Ich atmete wieder.
Es waren große englische Zeitungen. Eine Visitenkarte lag dazwischen. Wir kommen eben von London! Herzlichen Gruß!
Ich las diese Zeitungen: „Tristan und Isolde“ — „Merlin“ von Holger Hunt — — Ingeborg Hunt-Giselher.
Triumphe, Triumphe! —
Sonst geschah nichts in diesem Jahre. Doch, es kam ein Buch von Karl.
Karls neues Buch. Es hieß „Sturm“. Es waren knorrige Eichen, die brausten und knarrten, sich schüttelten und lachten. — Seht!
Das Jahr verging. Ich habe vergessen, wie. Dann sah ich wieder mit andern Augen in die Welt.
Der Frühling kam wieder! Abermals kam er.
40
Es ist Frühling.
Ich sitze auf der Treppe meines Hauses und rauche aus meiner kurzen Pfeife. Lustig wirbelt der Rauch heraus. Die Sonne scheint, die Welt ist grün. Grün und durchsichtig wie Glas ist die Wiese, das Laub der Buchen. Blau und durchsichtig wie Glas ist der Himmel. Die Sonne scheint. Die Vögel singen, Tau tropft aus den Bäumen.
Ich rauche die Pfeife und lächle.
Schön ist die Welt! Schön ist das Leben!
Da liegt das Tal, schimmernd und grün. Aus dem Walde drüben winkt eine kleine Fahne.
Die Apfelbäume blühen an der Straße. Ein Wegmacher scharrt auf der Straße, das Messingband auf seinem Hute funkelt wie ein Kronenreif.
Friede und Schönheit sanken vom Himmel auf die Erde, denke ich. Die Sonne schüttet brennenden Wein aus Kannen über die Welt, wie ehedem.
Ich lächle.
Die Bergstraße herab kommt ein Mädchen, ein schlankes Bauernmädchen, ein weißes Tuch um den Kopf geschlungen, ein Bündel in der Hand. Golden funkelt es unter dem Kopftuche.
Es nickt herüber zu mir, seine Zähne blitzen und seine Augen.
Kind, Kind, was funkelst du mit den Augen und lächelst? Gehst in den Wald und suchst nach einem Geliebten? Es ist Frühling, nimm dich in acht, Kind!
„Guten Morgen!“ ruft das Mädchen mit klingender Stimme und geht die Straße hinab.
Und ich stehe auf. Diese Stimme —
Habe ich plötzlich Feuer im Kopfe?
Und ich lächle und stoße einen Schrei aus, wie ein Falke, der sich im Äther wiegt.
Ich gehe ins Haus und reiße mir alle weißen Haare aus. — — — — — — — — — — — — —
Die Dämmerung sinkt über das Tal, alles ist still, das Dorf schläft.
Ich sitze auf einem Brunnen, der vor der Hütte steht, weit draußen vor dem Dorfe.
Der Brunnen plaudert und mein Herz bebt.
Ein Mädchen tritt aus der Hütte, mit einem Kruge in der Hand.
„Guten Abend, Maria.“
Das Mädchen schrickt zusammen und lugt unter dem Kopftuche hervor. Auf dem Kopftuche sind graue blasse Sterne zu sehen.
Golden funkelt es unter dem Tuche.
„Guten Abend, Herr Schwager.“
„Ein schöner Abend, Maria?“
„Ja!“
„Wie schön, Maria! Es ist Frühling. Ich bin hierhergekommen, um mit dir zu sprechen. Ein Wegmacher hat mir gesagt, wo du jetzt wohnst.“
Ob ich ihr etwas von Ingeborg zu sagen habe? „Nein, nein! Sprechen wir nicht von Ingeborg. Wir wollen von uns beiden sprechen, haha! Aber da du von Ingeborg sprichst, so kann ich dir schon etwas sagen. Sei stolz auf Ingeborg, hörst du, sie ist ja deine Schwester. Sie feiern sie, sie beugen die Knie vor ihr. — Aber sprechen wir nicht von ihr. Sprechen wir von uns!“
Marie läßt den Krug voll Wasser laufen und der Krug gluckst, lacht und singt, immer heller.
Was ich wolle?
Mit ihr sprechen!
Aus der Hütte ruft eine Stimme.
„Der Bauer ruft.“
Im Walde liegt eine kleine Wiese und Maria pflügt, eine Kuh zieht den Pflug.
Ich trete aus dem Walde, das Gewehr auf der Schulter.
„Da bin ich wieder,“ sage ich fröhlich. Unbefangen und jung mache ich meine Stimme.
Maria schweigt.
„Neulich kam der Bauer dazu — haha! Schön ist es heute, wie! Die ganze Welt brennt!“
Ich blicke unter das weiße Kopftuch Marias.
Ja, ich sei zu ihr gekommen, gerades Weges zu ihr, sage ich und lege sanft meine Hand auf ihre Schulter.
Maria sieht mich erschrocken an. Es glitzert in ihren Augen.
Ja ja, gerades Weges zu ihr!
„Ich liebe dich Maria, kannst es glauben!“
Maria senkt rasch den Kopf. Blaßblaue Sternchen sind auf dem weißen Kopftuche Marias zu sehen.
„Ich liebe dich, Maria — was sagst du dazu? Nie — nie habe ich ein Mädchen so sehr geliebt.“
Ich sage es ganz leise und lächle nicht mehr. Meine Augen sind feucht.
„Ich bitte Euch, Herr —“
„Haha, hörst du nicht, daß ich du zu dir sage? Du sollst in mein Haus kommen, die Herrin sollst du sein, Maria — sprich doch —“
Maria blickt mich an und ihr Gesicht ist so weiß wie das Kopftuch.
Es ist stille. Ein Vogel singt. In der Ferne bläst ein Hirt die Flöte.
Dü — düdüdü — düdü — hell klingt es, nach Liebe und Glück.
Maria weicht langsam zurück, als habe sie Furcht vor mir.
Ich lächle.
„Du bist ganz bleich, Maria. Ich habe dich erschreckt. Wie ungeschickt war ich doch.“
Sie solle mir doch die Hand geben.
„Nein, nein!“
Maria weicht zurück. Sie sinnt nach, sie sinnt so lange nach, daß mir bange wird. Dann sagt sie, und das Blut kehrt in ihre Wangen zurück:
„Ich bitte Euch, geht. Das kann ja nicht sein“ sagt sie hastig. „Seht doch, Herr, überlegt es Euch, ich bin eine Bauernmagd, Ihr seid ein Fürst, ein Schloß habt Ihr, Felder und Wälder —“
Maria spricht es gütig und sanft.
„Haha.“ Ich lache.
„Was den Fürsten anbelangt — so ist das — eine Form — das ist — und —“
Ich nicke und gehe. Ein Gedanke jagt durch meinen Kopf.
„Auf Wiedersehn, Maria!“ Ich verschwinde im Walde. Man muß nicht blöde sein gegen junge Mädchen. Frisch angepackt, immer los aufs Ziel!
Ich gehe nach Hause und schreibe einen Brief und siegle ihn mit dem Wappen.
Ich trete in den Hof, den Brief mit dem großen Siegel in der Hand. Ich gehe ans Fenster der Gesindestube und poche.
Der Mönch kommt heraus und nimmt den Hut ab.
Ich sage zu ihm: „Siehst du diesen Brief hier? Den trage in die Stadt. Er gehört an den Notar. Verliere ihn nicht, denn es steht auch für dich etwas darin. Ich habe dich einmal unrecht behandelt vor all dem Gesinde, ich habe es nicht vergessen — auch hast du Pazzo immer so freundlich gestreichelt. Ich habe es beobachtet. Auch die alte Maria habe ich nicht vergessen. Eile.“
Es ist Nacht. Dunkel liegt die Erde und hell ist der Himmel und er glitzert von Sternen.
Ich sitze auf der Bank unter der Birke und blicke auf das Schloß.
Ich lächle. Ein kleines Glück. Hörst du, was klopft in meinem Herzen?
Ich denke an eine kleine Hütte im Walde, an den Geruch des Düngers, an eine hübsche Kuh. An ein Gesicht beim Scheine der Kerze. Wie schön wird es sein, wenn ich dieses Gesicht ansehen darf!
Träume wiegen sich in meinem Kopfe. Wie lieblich sind die Frauen! Wenn sie nur guten Tag sagen! Wie das klingt! Wenn sie schlafen — es atmet unter der Decke, es atmet so!
Ich blicke auf alle Fenster des Schlosses. Noch ist nichts zu sehen. Aber plötzlich ist ein Zimmer beleuchtet, noch eines, wieder eines. Eine Scheibe klirrt und Rauch fährt heraus.
Das Schloß steht in Flammen.
Hunderttausend rote Derwische heulen und tanzen in den Sälen und auf dem Giebel.
Da wird die Türe aufgerissen und lautschreiend rennt eine Gestalt im Hemd heraus. Es ist die alte Maria. Sie schreit und läuft über die Wiese, die Straße, in den Wald hinein. Ihr Hemd leuchtet rot und weht um die dünnen nackten Beine.
Ich hatte gar nicht an sie gedacht.
Ein herrlicher, frischer Morgen. Rauch zieht über den Wald.
Ich trete aus dem Walde auf die Wiese, Maria pflügt.
„Da bin ich, Maria.“
Maria nimmt die Schürze vors Gesicht und bricht in Schluchzen aus. „O, Herr, Herr, was habt Ihr getan?“
„Siehst du es nun, daß ich dich liebe?“ frage ich leise. Ich bin das Gras zu ihren Füßen.
„O, Herr, Herr, was habt Ihr doch getan!“
Ratlos stehe ich da. Die Kuh dreht den Kopf und blickt mich an. Ein Vogel singt. Wie gestern bläst des Hirten Flöte in der Ferne.
„Höre, Maria,“ sage ich, „weine nicht. Welch gutes Herz hast du doch, Maria. Ich liebe dich, — nun —?“
Maria weint in die Schürze.
„O, Herr, Herr! Was habt Ihr doch nur getan!“
„So sei nur stille, Maria. Siehst du, eine Hütte werden wir haben, eine Kuh. Schön wird es sein. Wenn die Vögel singen, wenn der Regen rauscht —“
Maria schüttelt den Kopf.
Ich erblasse, ich fühle es. Wie? denke ich und erblasse.
Ich spreche.
„So sage, Maria, was ist dir? Kannst du mich nicht lieben? Ich sah es ja neulich deinen Augen an — Ingeborg — haha, wie sage ich, Maria —“
Maria schüttelt den Kopf.
„O, Herr, Herr.“
Ich stehe still. Meine Lippen zucken. Ich bin wie verzweifelt, einen Augenblick.
„Liebst du einen andern, Maria, sag es?“ frage ich leise. „Sage es offen.“