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Irmela / Eine Geschichte aus alter Zeit cover

Irmela / Eine Geschichte aus alter Zeit

Chapter 26: Widerstreit.
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About This Book

Ein Mönch namens Diether sitzt an einem Pfingstabend im Kreuzgang eines Zisterzienserklosters und lässt sich von Nachtigallengesang und Frühlingsdüften in eine Erinnerung führen, die er den jungen Gesellen erzählt. Die Rahmenerzählung wechselt in Rückblenden zu früheren Ereignissen am Kloster, zur strengen Leitung des Abtes Albrecht, zu Bauarbeiten und zum Alltag der Gemeinschaft, und konzentriert sich auf eine prägenden Begegnung mit einer Frau, deren Name seine Gefühle weckt. Die Erzählung verbindet Klosterleben, persönliche Erinnerung und die Spannung zwischen Regel und menschlicher Sehnsucht in einer historischen Atmosphäre.

 

 

 

 

Sechstes Kapitel.

Widerstreit.

 

ewißlich ist’s nichts Sonderliches, daß ein müßiger Mann den Sonnenstrahl betrachtet, der durch’s Fenster strömt und die Stäublein darin, wie sie hin und wieder schweben. Und ich durfte müßig sein in jener Nachmittagsstunde, da ich im Chor unserer Kirche ins Gestühl niedersaß dem Bilde gegenüber, das ich eben vollendet hatte. Es war die Nachmittagsstunde eines heißen wolkenlosen Sommertages, unlange vor dem Feste St. Johannis Baptistae; auch in der Kirche war die Luft fast schwül, draußen regte sich kein Laub, und nur das Flattern geängsteter Schmetterlinge unterbrach die Stille, die durch die Wärme aus ihren Puppen heute hervorgelockt sein mochten und nun, die Freiheit suchend, gegen die Scheiben flogen, oder auch, weil sie die bunten Gläser für leuchtende Blüthen hielten. Sonderliches also war es nicht, daß ich malmüder Mann der sommerlichen Ruhe rings umher behaglich mitgenoß, die Hände ineinander gelegt hielt und den spielenden Sonnenstrahl betrachtete, der drüben vom Fenster her hart neben mir auf das Schnitzwerk am Gestühle gieng. Doch ich betrachtete ihn und betrachtete ihn auch wieder nicht. Mein Auge blieb daran haften, aber meine Gedanken thaten nicht also. Er war ihnen wie eine Brücke, auf der sie die Fahrt nahmen, woher er kam: hinaus in die Weite. Allda besuchten sie manche wohlbekannte Stelle. Es war, als ob derselbe Sonnenstrahl sie ihnen beleuchtete, den jetzt meine Augen hier in der Kirche vor sich sahen.

»Zeuch in Frieden zurück in Dein Kloster!« hatte Brun gar freundlich zu mir gesagt zur Letze, da wir schieden, und hatte wie zum Segen seine Hand erhoben. – »Zeuch zurück, Diether, in Deinen Frieden, und auch die Erinnerung an all’ das, was Du auf Deiner Fahrt hier bei mir und anderswo erlebt, störe ihn Dir nicht! Jeder Tag hat seinen Ruf zu gewohnter Pflicht. Überhöre keinen; und in solchem Gottesdienst wird Dir allzeit die Gegenwart freundlich bleiben auch im Ernst und in der Mühe, sie wird Dir nicht verleidet werden durch ungeduldiges Hinausschweifen in die Zukunft, noch wird, was in der Vergangenheit hinter Dir liegt, Dein Wünschen und Wähnen zu eig’ner Qual gefangen nehmen!« Dann hatt’ er mir auch gesagt, ich sollte die Aventiure, so mir begegnet war, und all’ meine Fahrt als das ansehen, wozu sie mir auch ursprünglich bestimmt gewesen: als etwas, das nicht mich angienge, mein Sinnen und Meinen, sondern allein nur meine Kunst, mit ihr desto besser Gott zu dienen.

Nach solchem Rath hatt’ ich denn treulich gethan, und mich däuchte, er war mir trefflich gediehen.

Ich hatte mir fürgesetzt, von Allem, was sich mit mir zugetragen hatte, so es möglich wäre, gegen Niemand im Convent zu reden: ich würde denn gedrungen dazu. Denn ich wußte wohl, daß dann des Fragens kein Ende sein würde, auch des Spottes nicht und des Verdachts. Nur wie ich vor Abt Albrecht bestehen sollte mit meiner Beichte, wenn er mich vor sich erfordern würde zur Rechenschaft von meiner Reise und von dem, was ich ausgerichtet – das schuf mir Noth. Mein Bleiben auf Elzeburg, und daß ich mir die Verwechselung so lang gefallen ließ, die Ursach’ auch, aus der ich dahin gerathen, meine Gesellung zu den zween Fahrenden: wie konnt’ ich denken, dies Alles dem Gestrengen so glimpflich fürzubilden, auch wenn ich dabei der besten Kunst brauchte, die ich vermöchte, daß er darob seine Gunst nicht von mir wendete, mich hart anließ’ und gar in die Geißelkammer schickte zur Pön und Büßung.

Damit aber war es mir viel besser gerathen, als ich mich deß versehen hatte. Denn da ich wieder gen Maulbronn kam und in den Klosterhof trat, und die Brüder, eine gute Zahl, mich sogleich umringten, so Viele meines Kommens wahrgenommen, und ich von allen Seiten hörte: »Salve, Diethere!« oder: »Quid novi?« oder: »Heah, Diether, wie hast Du ein ander Aussehen gewonnen auf der Fahrt!« und da beinahe ein Getümmel entstund von der Menge der Herzulaufenden und dem »Diether«-Rufen – so merkt’ ich allsogleich, daß es heut an Abt Albrecht’s Regiment fehlen müßte, denn es war die Stunde des Tages, da sonst keiner der Brüder, zwingende Ursach’ ausgenommen, sich in Hof und Kreuzgang zeigen durfte. Wie ich denn des Abtes drohende Gestalt nirgend aus einer Pforte oder zwischen Pfeilern hervortreten sah, fragt’ ich nach ihm. Da thaten sie mir Bescheid, daß er, hochwichtige Rechte unseres Klosters zu verfechten, gen Pforzheim gezogen wäre, allda mit etlichen hohen weltlichen Herren zu handeln, die sich unterwunden, unseres Stiftes Privilegien anzutasten. Unser Prior, dem er zumeist vertraute, wäre auch mit ihm, und so möcht’ ich mich um deswillen nichts besorgen, sondern unter ihnen bleiben und von meiner Fahrt erzählen. Da sagt’ ich ihnen, vom weiten Wege wär’ ich übermüde, und ob sie nicht wüßten, daß zu dem Willkomm’, damit man den Waller begrüße, bevor Allem sich die Atzung schicke, die man ihm erbiete. »Und wenn Ihr mir die gegönnt habt«, sagt’ ich, indem ich dem Refectorio zuschritt, »so seid gefüge und laßt mir heute die Ruhe, die ich Wegmüder wohl mir verdienet habe.« Da meinten Etliche, ich wäre wohl gar stolz worden, die Meisten aber lachten und sagten, man sähe, daß ich in des Bischofs Pfalz die höfischen Sitten erlernet hätte.

Nun ward mir nicht um ein Kleines sänftiglicher zu Sinne, daß ich dergestalt heut und morgen des Erscheinens vor des Abtes hellem Auge überhoben war; und wie ich mich der Brüder, sonderlich der Neugierigen unter ihnen auch ferner erwehrte, ihnen von meinen Aventiuren nichts zu verrathen, auch dazu ward mir Rath. Denn andern Tages früh, sogleich nach der Matutin, überkam ich den Befehl, den der Abt für mich zurückgelassen hatte: ich sollte, sobald ich von meiner Fahrt heimgekommen, schier ungesäumt mich an mein Malwerk in der Kirche machen und dasselbige also fördern daß die Verzögerung, so ihm durch mein Abwesen widerfahren, nach Möglichkeit wiederum eingeholt würde.

Behender, dünkt mich, bin ich nie auf’s Gerüst hinangestiegen, als dazumal, und lieber hab’ ich nimmer darauf mit Stift und Pinsel geschafft, noch eifriger. Und das nicht allein darum, weil ich, so lang’ ich droben weilte, vor aller Bedrängniß durch lästige Frager geborgen war; – denn Niemand durfte mich aus sonderlichem Untersagen des Abts da heimsuchen, er mußte denn zu Hilf’ und Handreichung von mir begehrt sein – sondern ich erfand auch eben da, wie weise Brun bei meinem Abschiede mir gerathen. Ja, noch trefflicher wies sein Rath sich mir aus, als er wohl selbst gedacht hatte. Denn diese Arbeit, dazu jeder Tag mich rief, lenkte freilich all’ meine Gedanken auf sich und forderte mein Vermögen, es gänzlich daran zu kehren. So wurde mein Gemüth vom unruhigen Schweifen durch sie heilsam zurückgehalten. Aber da bewies Frau Kunst an mir Unmüßigem noch eine besondere Tugend. Denn sie versagt denen, die sie meinen und minnen, nichts von Allem, wonach sie Herze tragen, und freiet sie doch zugleich von vergeblichem Sehnen darnach und seiner Unlust. – Sie läßt die Seele der Dinge, daran sie hängt, genießen, als wären sie beständig gegenwärtig, und kein Herbst drohte den Blüthen und keines Todes brauchten sie sich zu entsetzen; damit mein’ ich gar nicht, daß die, so einer edlen Kunst rechte Jünger sind und mit solcher Gotteskraft begabt, Leid und Mühe in der Übung solcher Gabe nicht kennen: der Wiederhall von der Menschheit Weh und Wonne, ja von Himmel und Hölle ertönet wohl lauter in ihrem Herzen als in anderen; aber das sag’ ich, daß die Bilder der Dinge in ihrem Gemüth sich spiegeln können in all’ ihrem unterschiedlichen Licht und Glanz, und dennoch das Herz davon nicht verwirrt wird, sondern in der Stille bleiben kann und edlen Freiheit.

Also, ist mein Wähnen, geschah auch mir in jenen Wochen nach meiner Wiederkunft, da ich das Bild malte im Chor vom englischen Gruß. Ohne Absicht gerieth es mir da nach dem Bilde, das ich von den draußen erlebten Maientagen in der Seele trug, und je eifriger ich allen Fleiß zu meiner Arbeit kehrte, desto näher brachte sie mir das Erlebte, und Vergangenheit und Gegenwart, Thun und Betrachtung flossen in Eins zusammen und störten sich nicht. Da geschah’s auch, daß, wie ich die sel’ge Gottesmutter auf das Bild gebracht hatte, die hehre Fraue Irmela’s Züge an sich trug, und ich hielt’s nicht für sündlich, sondern setzte mit Freuden die Glorie um’s Haupt aus lauterem Golde; denn ich gedachte, daß wir ja auch das Heiligste nicht anders bilden können, als indem wir Gottes Creatur dafür zum Gleichniß erkiesen. Ich malte aber auch unter das Laub, so die heilige Maria überhängt, ein Gezweig blühenden Flieders und zu der Lilie im Gefäß that ich ein Reis mit röthlich schimmernden Apfelblüthen. Solches und Anderes fügt’ ich hinzu, nach dem Bildniß, das ich von Elzeburg mit mir gebracht hatte.

Als es nun Alles vollendet war, mit größerem Fleiß und eifrigerem Trachten das Beste meines Vermögens zu thun, als ich je zuvor an ein Bild gekehrt, däuchte mich’s wohl gerathen und ich dachte: »Was gilt’s! Schwerlich hätte Abt Albrecht dem welschen Bilde, nach dem er mich ausgesandt, eine bessere Zierde für unsere Kirche verdankt, als er nun gewonnen hat!«

Mit solchen Gedanken saß ich nieder in’s Gestühl an jenem Vormittag mit dem Behagen Eines, der sein Werk vollbracht hat und nun ganz der Ruhe genießt. Aber da zog der Sonnenstrahl meine Betrachtung hinweg vom Bilde und lenkte sie hinaus, und zum ersten Mal nach meiner Heimkunft, dünkt mich, stieg in mir die Frage auf, ob ich wohl für immer von dieser bunten Welt draußen und von Elzeburg und ihrem Ingesinde sollte geschieden bleiben. Irmela’s Zuversicht kam mir in Gedanken, die sie bezeugte, da sie mir beim Scheiden die Hand bot, daß sie mich um die Sonnenwende zu Speyer wieder zu sehen gedächte, als ihrem Ohm gesindet. Ich mußte auch gedenken, wie sie sagte, sie verhoffe noch manche Lieder von mir zu hören und fröhliche. »Wie wird sie sich verwundern«, dacht’ ich, »wenn sie vernimmt, ich sei entschwunden«, und ich fragte: »ob sie dann auch meiner Bitte sich erinnern wird, die ich that, nimmer schlimm von mir zu halten?« Und ich wünscht’ es mir also. – »St. Johannistag ist nahe«, dacht’ ich wieder, »nun wird das Mägdlein auf sein gen Speyer; leichtlich ist sie schon allda. In der Kurzweil’ und im fürstlichen Glanz des Hofes wird sie die enge Burg am stillen Wiesenthal bald vergessen haben – und, eitler Diether, noch bälder Dich!«

Da wandte ich mich hinweg vom Sonnenstrahl, denn er, so schien’s mir, lockte meine Gedanken auf diese Bahn, und ich beschloß, solchem Sinnen nicht ferner nachzuhangen. Brun’s gedachte ich und seiner Mahnung, da er mich von sich ließ; ich gedachte auch der traurigen Geschichte, die er mir erzählt hatte. Wie war er doch selbst von ihr so bewegt worden und wie eindringlich warnte sie mich! Am Tage nach jener Nacht, da ich ihn so gar verändert und erschreckend gesehen, hatte er Alles dessen, was er da gethan und gesprochen, nicht mehr gedacht, als wär’ es von ihm vergessen wie ein Fiebertraum, aber mit viel freundlichen Worten hatte er meine Lust gelobt in’s Kloster zurück und sie gemehrt. Auch hatt’ er mir gesagt: diesmal sollte unser Wiedersehen nicht aufgespart bleiben, bis ich auf’s Neue eine Verwandlung leiden und die Flucht geben müßte, denn dann würd’ er und gewißlich ich auch sie nimmer wünschen; sondern um meinetwillen wollt’ er unterweilen aus seiner Waldestiefe herfürtauchen und mich heimsuchen im Kloster. Einem alten Waldbruder würde der Convent den Eingang nicht versperren. Um den Johannistag wollt’ er mich sehen. Dessen gedacht’ ich jetzt und wie übelgethan es von mir wäre und Zeichen eines unverständigen Sinnes, wenn ich des treuen Berathers vergäße, den ich mir gewonnen hatte, und außer seiner Gunst von meiner Reise sonst noch etwas mehr begehrte, als was sie mir droben für mein Bild eingebracht hatte. – »So will ich denn«, sagt’ ich bei mir, »in dieser Sommerzeit nur des Alten harren und sonst nichts suchen zu schauen von Allem, was jetzt das Sonnenlicht mir gezeigt.«

Ich hatte mich wohl kaum erhoben und gedachte die Kirche zu verlassen, als ich im Laienchor feste und eilige Schritte hörte, und gleich darauf durch das Lettnerpförtlein Abt Albrecht und hinter ihm der Prior sichtbar wurden. Er war immer ein Herr von wenig Worten, und so mocht’ er auch von Andern keins zum Überfluß hören. So fragt’ er nach kurzem Gruß allsogleich, wie’s mir mit dem Bilde gerathen wäre. Ich verneigte mich und wies hinauf. Er betrachtete das Werk aufmerksam und rief dann nach kurzer Weile:

»Ei, Diether! Das ist Dir trefflich gerathen, und an dem Eifer, mit dem Du daran geschafft hast, vermerke ich mit Freuden, wie fördersam Dir die Reise gewesen ist. Zwar«, fuhr er fort, » ich sehe, Du hast von dem Deinen hinzugethan, aber ausbündig herrlich muß das Muster sein, nach welchem Dir hier dies Bild unserer lieben Frau gelungen ist, und nicht zuviel nach meinem Wahn hat man mir die hohe Kunst des welschen Meisters gerühmt.«

Und er betrachtete wieder das Bild.

»Wir sind wohl zufrieden mit Dir«, sagt’ er dann noch, indem er sich zu mir kehrte – »erwarten nun aber, daß Du nicht minder Eifer und Kunst an dem Werke beweisest, das Dir noch zu thun vorhanden ist. Hier, weißt Du, sollen die heil’gen drei Könige fürgestellt werden (und er zeigte auf die Stelle der Wand), wie sie gezogen kommen, den Gottessohn anbeten und ihre Gaben opfern. Dies sei das Bild, Diether, das Du nun angreifest. Und ohne Verzug! Denn wenn Du Profeß thust, muß zu mehrerer Ehre solcher Feier all’ diese heil’ge Zier von den Wänden auf Dich herniedersehen, der durch Gottes Gabe und Gnade sie dahin gebracht hat.«

»So eben zur Stunde, ehrwürdiger Vater«, sagt’ ich bescheiden, »hab’ ich das Letzte dort am englischen Gruß gethan.«

»So ruhe heut«, sagt’ er wieder, »und heb morgen mit den heil’gen drei Königen an.«

»Noch weiß ich nicht, wie ich’s am Besten angreifen mag, und die Königliche Pracht fürzubilden dünkt mich schwer zu sein, der ich des ritterlichen Wesens wenig erschaut habe.«

»Doch mancherlei davon, Diether, ist sonder Zweifel Deinem Auge kund worden auf Deiner Fahrt, und wie hier am englischen Gruß der Gewinn spürbar ist, den Deine Kunst aus Deiner Wanderung gezogen, so verhoff’ ich, wird auf dem Bild von den Weisen aus dem Morgenlande noch mehr davon sichtbar werden. – Wohlauf, Diether! sei Dir heute Freiheit gewährt, durch Feld und Wald zu streifen. Brauch’ solcher Muße, dem Werke nachzusinnen, das Dir nun obliegt. Ist es nur erst in Deiner Seele lebendig, so werden die Hände bald nachfolgen, es zu gestalten. Nur zögere nicht und laß Deine Kraft nicht erlahmen. Was etwan durch Dich von Gebhardus Episcopus aus Speyer mir entboten ist, darüber sollst Du mir berichten, wenn ich Dich mit Nächstem darum vor mich fordere. Denn zur Zeit liegt Anderes zu Recht zu bringen uns hart an.«

Damit winkt’ er seinem Begleiter, hub zu Gruß und Segen die Hand gegen mich, und als ich aufsah, schritten sie schon das Pförtlein hinaus, durch das sie gekommen waren.

Da verließ auch ich die Kirche. Nach des Abtes Rath und dem Antriebe meines eigenen Herzens eilt’ ich die Klostermauern hinter mir zu haben. Wacker waren meine Schritte, da ich den Weg hinan schritt gen Bretten, und doch hatt’ ich kein Ziel. Mich trieb’s nur zur Bewegung, und zu rasten wär’ mir unmöglich gewesen. Und ob ich gleich mit allem Fleiß mein Gemüth dahin zwang, über das Bild zu sinnen, das ich allsofort zu malen anheben sollte, so gelang es mir damit nicht, meine Gedanken zur Ruhe zu bringen und zum stillen Aufmerken, wie meine Hand das Alles gestalten möchte. Sondern immer wieder schweiften sie hinaus und zurück in die Welt, der ich ungedacht eine Weile zugesellt gewesen war. Ja, das Sinnen über das Malwerk selber, so mir aufgetragen war, half ihnen heute auf diesen Weg. Denn so oft ich mir die heiligen Waller fürstellte mit ihrer reichen Pracht, und mit ihnen den reisigen Troß; immer wieder waren es da Gestalten von Elzeburg, die dahin zogen, zierlich geschmückt, und dann schienen sie mir mit ihren Fähnlein zu winken, als grüßten sie herüber und riefen: »Irmela der Herrin fahren wir entgegen!« Dann war’s, als müßt’ ich selber mich zu ihnen gesinden und ich sähe mich da auch unter dem Troß.

Da sprach ich zu mir: »Diether, es taugt Dir heut hier außen nicht, mach’ Dich zurück in die Abtei, schleuß Dich ein in Deine Zelle, nimm Kohle und Stift zur Hand, und hefte Dein Auge stracks nur auf’s Papier, so werden die schweifenden Gedanken zur Ruhe kommen!« Aber dem Willen folgte die That nicht, und statt umzukehren, schritt ich fürbaß, als würde ich vor mir stärker gelockt.

Nun machte der Weg, den ich zog, eine Wende und lenkte zwischen felsigten Bergen in ein Thal hinein, das mit grünem Wiesenplan gar freundlich sich vor meinen Blicken aufthat. Hier wandelt’ ich zumeist schon im Schatten, der die Hitze des allgemach sinkenden Sommertages milderte, indeß droben auf den Höhen das röthliche Gestein, von hellem Grün dicht belaubten Buchenwaldes umgeben, im Glanze der Sonne desto leuchtender herniedersah. Mir zur Seite floß ein rauschendes Wasser. Seine Wellen hüpften in Sprüngen dahin, als lüden sie mich ein auszuschreiten ihnen nach, und wüßten mir noch Schönes zu zeigen. Und fürwahr! darin trogen sie nicht. Denn nicht gar lange war ich das Thal hindurchgezogen, da that sich mir ein Bild auf, unmaßen lieblich dem Auge anzusehen. Hier waren die Bergzüge noch höher, aber sie stiegen zu beiden Seiten sanfter hinan und hatten in ihre Mitte, als wollten sie es beschirmen mit Riesenarmen, ein Dörflein genommen. Das hieng an der Lehne eines waldigen Hügels, aus dem ein Felsen steil emporstarrte. Auf diesem Felsen ragte eine bethürmte Burg, gar trutzig über die Dächer unten hinausschauend in die Ferne, dem wachsamen Hirten gleich, der sich bewehrt hat, seine Heerde vor dem Wolf zu schirmen. So friedlich und sicher lagerten sich hier die Häuser an den Bergeshang, der die Burg trug, dicht zusammengedrängt, und nur hie und da lugte noch ein Dach weiter unten im Thal zwischen breitwipfligen Nußbäumen hervor. Rebenpflanzungen und Ackerfelder bis oben an den Waldrand der Berge, wohlbestellte Gärten und fette Weiden um’s Dorf her bezeugten, daß es diesem Winkel der Erde nicht am Segen des Himmels, noch am Fleiß der Menschenhände fehlte.

Froh überrascht von dem unerwarteten Anblick hielt ich meine Schritte an. Noch besser sein zu genießen, klomm ich einen Pfad hinan, der die Höhe aufwärts führte zur Seite meines Weges. Da gewann ich bald vom Vorsprung eines Felsens ein herrliches Lugaus. Burg und Dorf und Gärten und Wiesen, in vielen Schlingungen vom fließenden Wasser durchzogen, und weiterhin ringsum die Höhen, hier sanfter anschwellend, dort schroffer emporsteigend, zumeist herrlich prangend mit reifenden Saatfeldern und weitästigen Obstbäumen, dazu die mächtigen Waldungen, die oben die Bergrücken bekrönten und auch, wo Schluchten und Klüfte waren, bis unten zur Wiese sich hinabsenkten: Dies Alles übersah ich nun mit einem Blick und es däuchte mich, als schaut’ ich ein Bild, gemalt von des besten Meisters Händen. Da zog sich auch der Weg, den ich gegangen war, weiter zwischen Wiesen und Gärten an dem Burgberg vorbei in das Dörflein hinein. Drüben, wo es zu Ende war, ward er wiederum sichtbar, wie er zum Thal hinausführte, das da als in einem Bogen sich abschloß. Die Straße theilte sich dort, so daß ein Arm zur Rechten des Wassers blieb und mit diesem zugleich, sich allgemach krümmend, hinter einem Berge verschwand, der da steil aus dem Wiesengrunde emporstieg. Quer durch diesen Wiesengrund linkswärts zweigte sich von dem ersten Weg ein zweiter ab; den führte eine stattliche Brücke über das Flüßlein, und darnach schien er in das Gebirg gen Mittag hinaufzuleiten. –

Wie ich so all’ dies mit Muße von meiner Höhe aus betrachtete und mich recht eine Freude durchdrang über die stille Herrlichkeit der Gotteswelt vor mir, da ward mir’s gewiß: Dies wäre mir nicht vergeblich gezeigt. »Könntest Du«, sagt’ ich zu mir, »Etwas ersinnen, was wohlgefälliger anzuschaun wäre und würdiger, die Stätte vorzustellen, da die heiligen Könige dem Gotteskinde und seiner Mutter begegnen – als hier dies bergumschlossene Gefild? He, Diether! Nun präge Dir all’ diese Augenlust recht tief ein in Dein Gemüth nach Gestalt, Licht und Farbe; denn traun! wenn jetzt der Abendstern schon erblinkte und schickte seine Strahlen von dort oben: auf eine minder wonnesame Welt, wähn’ ich, säh’ er nicht hernieder, als damals der Wunderstern, der über Bethlehem stille stund.« Solches sagt’ ich zu mir und ließ meinen Blick über Alles wandern, was da zur Weide vor ihm ausgebreitet war. Drüben vom Abend her, wo der Weg hinausführte aus dem Thal, quoll zwischen den Bergen, die dort ein wenig auseinanderwichen, ein breiter Strom goldenen Lichtes herein und streifte die Baumwipfel des Waldes und traf auch die Zinnen der Burg. Von da, dacht’ ich, sollte nun die reisige Schaar heranziehen, so die Helden der Gottesminne geleitet, und wie würden sie voll Freude jauchzen, wenn sie hier das Ziel ihrer Fahrt ersähen. Und wieder stellten sich die Gedanken von vorhin ein, wie ein erwünschtes Ding es doch wäre, wenn ich selber da heute so mitreiten könnte über Berg und Thal, und zöge durch die geschmückte Welt zur Sommerzeit. –

Träumt’ ich da, oder befieng ein Zauber meine Sinne, der mir zum Spott vor’s Gesicht brachte, was doch nicht war?! Denn siehe! Dort drüben auf dem Wege zum Thal hinein kam’s hervor, zuerst nur undeutlich zu sehen zwischen den Waldbäumen, dann glänzend im Sonnenlicht, ein reisiger Zug, stattliche Reiter voran und, wie ich am blitzenden Zierrath erkennen konnte, den Mannen und Rosse trugen, herrlich geschmückt. Wappenherolde schienen die Vordersten zu sein, denn sie waren reich in Purpur und Gold gekleidet; sie trugen ein Banner, und von den Häuptern ihrer Pferde nickten bunte Federbüsche; ihnen folgten gewappnete Knechte zu Fuß und andere reitend auf Rossen, die auf’s Zierlichste aufgezäumt waren. Darnach kamen Ritter und Herren, alle prächtig angethan, nicht gerüstet, sondern als hätten sie sich einem Feste entgegengeziert und an Seide, an Sammet und an köstlichen Fellen und Borten nichts gespart. Unter ihnen war auch Einer, der saß gemächlich auf weißem Zelter: nach Hut und Gewand sah er aus wie ein hoher geistlicher Herr; Diener führten sein Thier. Nach diesen kamen Saumthiere, mit allerlei Gezeug und Geräth hochbeladen, wie zur Lagerung und Hofhaltung, zu Gezelt und Küchenwerk bestimmt, und letzlich zog ein bunter Haufe allerlei Volks hinterher, wie sich allweg solcher Leute genug zusammenfinden, wo immer es etwas zu schauen, vielleicht auch zu gewinnen gibt. So entfaltete sich dieser Zug, aus dem Walde herfürkommend, und war nun ganz sichtbar auf dem Wege, den er erfüllte.

Schon wähnt’ ich, sie würden ihre Fahrt etwan hinein in’s Dorf nehmen und hinauf zur Burg oder an mir vorüber; aber da sie an die Scheide des Weges gekommen waren, wandten sie sich linkswärts zur Brücke und zogen da die Straße quer durch’s Thal in das Gebirg’ hinauf. Staunend ruhte mein Auge auf all’ der ritterlichen und lustsamen Pracht, wie ich zuvor ihres Gleichen nie ersehen hatte, und haftete so viel möglich an jedem Einzelnen, bis auch der Letzte aus dem Zuge hinter den Bergen verschwunden war. Das war bald geschehen und drüben war mir der Weg wieder so einsam wie vordem.

Wohl durft’ ich mich da fragen, ob’s Wirklichkeit gewesen wäre, was ich erschaut oder nur Wahn und Einbildung. Doch solcher Zweifel ward mir bald benommen, denn ich sah zween Knappen zurückkehren sogleich darauf, und als solche, die zu einer Botschaft ausgeschickt sind, die Straße heranreiten, welche in’s Dorf führte. Sie mußten frohe Märe zu bringen haben und selber frohen Muthes sein; denn Alt und Jung, so auf der Dorfstraße zusammen kam, durfte die fremden Gäste fragen und gewann, wie ich an dem Winken und Rufen der Leutlein wahrnahm, schier guten Bescheid. Der eine der Beiden lenkte seitwärts hinan zur Burg, der andere ritt weiter fürbaß.

Als ich sah, daß er den Weg zog, den ich gekommen war, und also an mir vorüber mußte, stieg ich behend von meiner Warte hinab, und da er nahte, schritt ich ihm entgegen, grüßte ihn mit Züchten und fragte, ob er mich wohl bescheiden wollte, welcherlei Herren das gewesen wären, die da mit also stolzer Pracht hindurchgezogen, und was wohl ihrer Reise Ziel. Auch sagte ich noch dabei: ich hielte wohl, es müßten vor Andern auserlesene Ritter sein, und gewißlich war’s ein hohes Freudenfest, dem sie in solchem Schmuck entgegenführen.

Da erwiederte der Gefragte: »Ihr habt meiner Treu mit Beidem das Richtige getroffen, wenn anders eine Hochzeit ein Freudenfest ist und ein Bischof und Grafen und Herren ihr Bestes thun, sie stattlich auszurichten.«

Darnach sagt’ er mir, daß sie von Speyer kämen, dahin die junge Braut zu geleiten, welche Conrad, dem Neffen des Bischofs Gebhard, bestimmt wäre. Der Bischof selber führte ihr den Bräutigam zu, und manch’ Edler wäre noch in seinem Gefolge. Hier unweit sollte die Begegnung stattfinden und einen herrlichen Empfang wollte man der Braut und ihrem Geleite bereiten. »Da wird es,« schloß er, »an Ehr’ und Herrlichkeit nicht fehlen, noch an edler Lustbarkeit und ritterlichem Spiel, wie es Brauch ist in deutschen Landen, wenn man höfische Tugend und milde Sitten beweisen will; so wird’s auch Euch nicht reuen, geistlicher Bruder, wenn Ihr anders Euch solchem Weltwesen nicht ganz widersagt habt, da das Fest mitzuschauen und nach Eurem Theile seiner Freude mit zu genießen. Gewiß! Ihr bringt genug der Erinnerung heim, davon noch lange zu zehren hinter den Mauern Eures Klosters.«

Darauf trieb er sein Roß an und trabte von dannen. Das war mir leid, denn was er mir berichtet hatte, gieng mir näher zu Herzen, als er’s denken konnte, und gerne hätt’ ich von ihm noch mehr erfragt.

Aber der ritterliche Zug und was ich von ihm erkundet hatte, das kam mir auf meinem Heimwege nicht aus dem Sinn. Wieder waren meine Gedanken nach Speyer gelenkt, wo ich um diese Zeit auch weilen sollte, wenn ich nicht von den Elzeburgern mich losgerissen hätte, und ich fragte mich, ob Irmela wohl schon allda wäre mit ihrem Ohm oder ihr diese hochzeitliche Fahrt gälte. Schalt ich mich dann wegen solchen Fragens, das mir doch zu nichts diente als zur Mehrung meines unruhigen Muthes, so half solche Scheltung nichts. Denn immer wieder sah ich vor mir die Ritter und Mannen und plagte mich mit der Frage: »Ist’s Irmela, der sie entgegen ziehen?« –

So war denn mein Zweifel und meine Unruhe groß, da ich spät gen Maulbronn zurückgelangt war, und vor Herzensschwere und Widerstreit in meiner Seele durchwachte ich diese ganze Nacht. Ich erfand in mir die heftigste Lust, noch einmal mich aufzumachen und unter dem Volke das Fest mit zu schauen, ob ich da die Elzeburgerin sehen möchte, vielleicht als die, der zu Ehren all’ diese herrliche Pracht gezeigt ward. Und ich sagte mir, daß es ja nichts Arges wäre, das mich triebe, der Gelegenheit zu brauchen, das Mägdlein unvermerkt wieder zu sehen, ja, daß freilich das Gegentheil verwunderlich sein würde, und Zeichen eines blöden Sinnes; ich fand auch, daß jenes Thal mit der ragenden Burg noch einmal zu erschauen und dann das ritterliche Fest, mir weidlich am Bilde zum Guten gedeihen würde. Hatte mich doch der Abt selber dahin gewiesen, draußen zu suchen und mich umzuschauen, wie ich dem neuen Bilde am besten rathen könnte. Wenn mich aber so mein Sehnen schuldlos däuchte und daß es nicht noth wäre, meinem dahin gerichteten Gemüthe zu wehren, so warnte mich alsdann eine andere Stimme in meinem Herzen gar ernstlich, als wär’ es doch nur eine Versuchung, die mich hinauslockte, um mich in Schaden und Unseligkeit zu stürzen.

Und eine Bangigkeit kam über mich, als ob es mir übel gerathen würde, so ich hinzöge. Als es aber lichtmorgen worden war und ich im Klostergarten der würzigen Luft genoß, da schöpfte meine Brust auch, däuchte mich, wieder frischen Lebensmuth, und es schien mir, die ruhelose Nacht hätte mich furchtsam gemacht, und ich sah nichts Schlimmes in meinem Wunsche.

Zwar an jenem Tage that ich ihm noch nicht Genüge. Sondern, wie sie mir in der Erinnerung lebte, zeichnete ich die Gegend, die ich gestern mir zum Bilde auserwählt, mit allem Fleiß, und auch die heiligen Wallfahrer mit ihrem Troß entwarf ich auf der Stelle, wo mir der festliche Zug erschienen war. Unmüßig war ich den ganzen Tag, daß ich morgen die Versäumniß mir desto weniger zum Vorwurf zu nehmen brauchte. Was ich dann an auserlesener Pracht und zierlichem Schmuck beim Feste sehen möchte, das wollt’ ich mir wohl in der Erinnerung bewahren und für’s Bild verwenden. Denn nur einen halben Tag gedacht’ ich aus zu sein und den nächsten wieder im Kloster meiner stillen Arbeit obzuliegen. Je fester nun so mein Wille sich dahin kehrte, die Spiele mit anzusehen, die der Braut zu Ehren sollten gefeiert werden, und mich des Dinges weiter zu erkunden, und je mehr ich dabei Irmela’s gedachte, ob und wie ich sie wohl wiederfinden würde, desto heiterer schien mir die Fahrt, die ich vorhatte, als wär’ ich auch zum Feste geladen, und mich däuchte, wenn ich zu Roß da hinauf zöge, so hätt’ ich das auf Elzeburg also erlernet, daß ich keinem der Herren zur Schande da sein würde.

In solchem Muthe machte ich mich denn Tags darauf, noch ehe man Mittags zur Speisung im Refectorio zusammenkam, von dannen. Dem Pförtner sagt’ ich, meiner Kunst zu Dienst müßt’ ich aus sein und am Abend würd’ ich wiederkehren. Daß mir solche Freiheit verstattet war, mehr als den Brüdern, deß waren sie gewohnt im Convent, und so ward ich auch heute nicht weiter gefragt und schritt ungehindert durch die geöffnete Pforte.

Draußen in einem der letzten Häuser, die um’s Kloster gebaut sind, wohnten alte Leute, die der Abtei hörig waren. Es war ein Ehepaar, Mann und Weib wohlbetagt. Ihnen gieng ich nie vorbei, ohne einzutreten in ihre Hütte oder wenigstens durch’s Fenster sie zu grüßen. Es geschah immer zu ihrer großen Freude; denn in meinen jungen Kinderjahren war ich in ihrer Pflege gewesen, und noch immer hegten sie eine sonderliche Liebe zu mir. Bei ihnen hatt’ ich, da ich von Brun wiederkam, das köstliche von Irmela mir geschenkte Kleid niedergelegt. Denn Brun zwar, der mir einen klösterlichen Rock angezogen hatte, dem ähnlich, den ich sonst zu tragen gewohnt war, wollte, daß ich das zierliche Gewand bei ihm für immer zurückließe. Aber da ich wünschte, es zu behalten, weil mir zu meiner Malkunst solch’ auserwähltes Kleid leicht noch nütze werden könnte, so willigte er ein und ich trug’s im wohlverhüllten Bündlein mit mir. Niemand hätte mir wehren können, es mit mir in’s Kloster zu nehmen und mit dem anderen Geräth und den Kleinoden meiner Kunst zu bewahren, aber ich hatt’ es doch für viel gerathener gehalten, um alles Verdachts desto lediger zu bleiben, es nicht allsogleich mit hinein zu bringen. Und so hatt’ ich Irmela’s Gabe bei den Alten in Verwahrung gethan.

Zu ihnen gieng ich denn hinein, und gerne gaben sie mir, wie ich’s heischte und unversehrt, das wohlverwahrte Kleid zurück. »Mir ist’s bestimmt zu tragen«, dacht’ ich. »Zwar die Kunst, mit der ich mir’s verdient zum Lohn, gedenk’ ich nicht mehr zu üben; aber wenn je, so mag es mir noch einmal dienen heute auf dieser Fahrt. Ist ihr Ziel heimlich, so sichert mir wohl dies Kleid, wenn’s Noth ist, meine Heimlichkeit.«

Und so nahm ich’s mit mir.

 

 

 

 

Siebentes Capitel.

Beim Feste.

 

s war noch hoch am Tage, denn ich war rüstig zugeschritten, als ich wieder zur Seite des Baches das Thal durchzog, von dem aus ich zum Dorf gelangen sollte, das so sicher sich lagert um die bethürmte Burg. Je näher ich dem Orte kam, desto merkbarer ward es, daß heut den Leutlein und der Gegend umher ein seltner Festtag angebrochen war, den mit zu feiern Keiner versäumen wollte, der wohl auf war und gerne fröhlich. Allerlei Volk zog, wie ich wohl sah, demselben Ziele nach wie ich; und gar am Orte selbst, als ich darkam, fand ich der fremden Gäste viele. Die Lustbarkeit der Herren mußte wohl bekannt worden sein aller Orten ringsum. Da waren Junker und Knechte, Bürger und Bauern, auch fahrende Sänger, Luftspringer, Gaukler und Hebräer, und was sonst Leute dem Gewinne nachgehn, wo müßiges Volk sich zusammenfindet, das die Lust an der Kurzweil der Sparsamkeit vergessen läßt. Alle zogen sie hindurch der Brücke zu jenseit des Dorfes, und auch von drüben ward der Haufe durch Gäste vermehrt, die den Weg zogen, auf dem ich die Herren hatte quer durch’s Thal reiten sehen.

Ich hatte mich, da ich durch’s Dorf schritt, Bauern zugesellt. Von ihnen erfuhr ich, daß heute Morgen die Braut und ihr Geleite unweit des Ortes angelangt und vom Bischof und den Herren mit ihm herrlich empfangen worden wäre. Alsbald hätten die Speyerischen die Ankömmlinge zum Lustlager geführt, das sie zugerichtet, allda zu rasten und die Begegnung fürstlich zu feiern.

Wie die Braut geheißen würde und woher sie käme, konnt’ ich nicht erkunden; doch bezeugten sie, das volle Lob, das edlen Sitten und prangender Jugend gebühret, würde von der Sage der Leute ihr zuerkannt.

Unser Weg führte uns im Bogen aus dem Thal eine nicht kleine Höhe hinan. Weil die Bauern da oben zu ihrem Ackerwerk hinaufziehen mußten, wie sie mir sagten, so war die Straße breit und sanft ansteigend bereitet und gemächlich aus ihr zu schreiten. Hoher Buchenwald zu Seiten unseres Weges hinderte den Ausblick. Um so mehr war ich betroffen von der weiten Fernsicht, die mir sich darbot, da ich auf dem Scheitel des Berges angelangt war und aus dem Wald in’s Freie trat. Da sah man weithin Gebirg’ und Land, und unten vor sich das muntere Thal mit Burg und Dorf auf und nieder, wie es von den Bergen anmuthig umkränzt war. Aber auf dies Alles blieb mein Blick nur einen Augenblick hingelenkt; denn das Bild, das ich in der Nähe vor mir sah, nahm all’ mein Aufmerken gefangen.

Da lag vor mir weit hingestreckt ein Wiesenplan, der beinahe die ganze Breite des Berggipfels einnahm. Sonst besuchte diese Stätte wohl nur der Hirt mit seiner Heerde, wenn er sie hinauf zur Weide trieb, oder auch die Bauern kamen dahin zur Grummetzeit, und wenn sie auf den anliegenden Feldern ackern oder ernten wollten. Aber heut’ gieng’s auf der Höhe ganz anders, lärmend und fröhlich zu. Zu Haufen stunden da die Menschen umher, thaten sich gütlich und hatten ihre Kurzweil, die gekommen waren, das Lustlager der Herren und Ritter und was dabei an Festlichkeiten vorkommen würde, mit anzusehen. Da verführte männiglich, wie es zu geschehen pflegt, wenn die Menge müßig ist und in Erwartung neuer Dinge, ein Getöse rings um mich her, da ich unter sie schritt, daß es schier in meinen Ohren erbrauste. Ich merkte bald, daß der Meisten Augen und Sinne nach jener Seite gerichtet waren, wo ich gleich anfangs, da ich die Aue übersah, das Lager der Herrschaften wahrgenommen hatte.

Da war unter einem Nußbaum, der hoch und weit seine dichtbelaubten Äste streckte, und etwas in der Mitte der Bergwiese stund, von seinem Stamme aus ein Überdach aus buntem Gewebe gespannt mit purpurnen Quasten, das vorne Stäbe trugen, die in Gold und Silber erglänzten. Unter diesem Überdach zur Erde waren Teppiche gebreitet mit schimmernden Borten; darauf stunden Sessel, die auch mit kunstreich gesticktem Zeuge überdeckt waren; als das Meisterlichste aber in zierlicher Arbeit und reicher Pracht mußte Jedermann die Decken auserkennen, so von der Höhe des Daches zur Erde niederhiengen und hinten den Raum abschlossen: sie schienen aus lauter Seide, Purpur und Gold gewebt zu sein. Als ich mit Staunen all diese edle Kunst betrachtete und Einen, der mir zunächst stund, fragte, was wohl des Gezeltes Bedeutung wäre, sagt’ er mir, das wäre für die Braut bestimmt, von da aus den Spielen zuzuschauen, die zu ihren Ehren würden gehalten werden. Die reichen Decken aber hätte der Bischof aus seiner Hofhaltung von Speyer hergeführt. Daß ich da wieder vom Bischof Gebhard hörte, schuf mir wenig Freude, und mahnte mich daran, daß ich sicherer anderswo weilte, als wo er mir begegnen könnte oder ich ihm; doch er kannte mich ja nicht von Person, und wie sollte mich Irgendwer aus der Menge herausfinden, so ich mich nur klüglich hielt. Zudem wuchs mir heftig die Neugier, da ich von der Braut hörte, ihren Namen zu erkunden und ob es wohl Irmela wäre. So lugt’ ich denn mit Eifer nach vorn, vielleicht da unter den Knechten, die hin und wieder liefen, einen vom Elzeburger Gesinde zu erkennen. Mit meiner hohen Gestalt sah ich, wenn ich mich ausreckte, leicht über die Häupter der Meisten. So erblickt’ ich denn, ungehindert von dem Haufen, der mich umdrängte, Alles, was da für die Herren und ihre Gäste hergerichtet war. Ich sah reiche Gezelte und unter grünem Gezweig Tische, das Mahl zu halten. Seitwärts im Schatten des Waldraines stunden Rosse und Saumthiere, mit Halftern an die Äste der Bäume gebunden, oder an eingezäunten Stellen grasend.

Unweit von da waren von Brettern Tische und Bänke für die Knechte hergerichtet, und unterschiedliche Rauchsäulen, die hie und dort hinter Bäumen emporstiegen, ließen erkennen, daß man zum Mahle rüstete; wie denn auch jetzt schon unter einer schattenden Buche ein Schenke aus einem großen Faß Jedermann, der aus dem Volk da hinzutrat, den Becher oder Krug füllte. Wiewohl nun da die Geschäftigkeit der Diener um die Zelte und Tische groß war, und auch ritterliche Herren, in reichem Schmuck gekleidet, sichtbar wurden, so konnt’ ich doch aus der Menge Keinen unterscheiden als einen Solchen, den ich vordem schon gesehen hätte. Aber all’ dies Wesen und Leben vor mir erschien meinen Neulingsblicken doch so werth der Betrachtung, daß ich nur immer unverwandt hinstarrte und mit Herzklopfen nach den Zelten, ob etwan aus deren einem die Braut schreiten möchte.

So mocht’ ich höher denn sonst mich gereckt haben, gar nicht achtend, ob ich nicht auch selbst ringsum Allen so bemerkbar würde, als ich hinter mir eine Stimme vernahm, von der ich gewiß war, daß ich sie nicht zum ersten Mal hörte.

»Sieh dort den Mönch, der mit uns briet
Dein Gänslein, eh’ uns Krumholz schied.«

Darauf kam die Antwort:

»Wie Dir sein Kleid auch wohlgerieth:
Ihm liebt nicht mehr, Gesell, Dein Lied.
Drum fort, daß er uns nicht ersieht!«

Geschwind hatt’ ich mich bei dieser Wechselrede, deren Sinn mir nur allzuverständlich war, umgewandt; aber gar eilig befolgte das ungleiche Paar den Rath des Kleinen, und nur noch einen kurzen Augenblick sah ich die Beiden, wie sie sich mit Ungestüm durch die Menge hindurch drängten, in der sie sogleich darauf verschwunden waren. Da mußt’ ich bei mir lachen, daß hier Jemand vor mir die Flucht gab, dem doch selber nichts mehr Noth that, als unbemerkt zu bleiben und unerkannt. Und so gedacht’ ich hinfort fürsichtiger zu sein und mich sorglicher unter dem Haufen verborgen zu halten.

Aber da geschah es, daß, mir zum Wenigsten ganz unerwartet, drüben um die Gezelte eine Bewegung nicht kleine entstund und Diener in bunten Röcken unterschiedlicher Farben, wie die Sitte ist bei solchen Festen der Ritterschaft, hervorsprengten und mit Stäben, die sie in Händen schwangen, die umherstehenden Leute zurücktrieben, daß vor uns der ganze Platz frei würde. Wie nun von den also Bedrängten der Eine hier und der Andre dahin lief, und ich, des Dinges ungewohnt, zuerst nicht wußte, wohin ich mich wenden sollte und hernach öftermalen immer wieder an einen Wärtel gerieth, der mich dann mit Schelten zurücktrieb, so fiengen die Leute an über dies Spiel zu lachen, was mich noch mehr verwirrte, so daß ich endlich gar nicht mehr durch die Vordersten durchbrechen konnte und Allen sichtbar vorn unter den Ersten stehen bleiben mußte.

Doch im nächsten Augenblick waren Aller Augen nur vor sich nach den Zelten gerichtet, sich nichts entgehen zu lassen, was da vorgieng. Da traten zuerst die zween Wappenherolde hervor, die ich schon unten im Thale gesehen hatte, stellten sich an den Eingang des einen sonderlich geschmückten Zeltes, richteten ihre Banner auf, setzten ihre Hörner an den Mund und ließen die ertönen, daß es ringsum aus dem Wald und trüben von den Bergen wiederhallte. Da ward Alles still, und heraus traten aus demselben Gezelt der Bischof Gebhardus Spirensis, auf dessen Ornat ein Kreuz mit Edelsteinen funkelte, das da an güldner Kette ihm an der Brust befestigt war, und ihm zur Seite ein junger Ritter, stolzen und strengen Aussehns, über dessen Schulter nach fränkischem Schnitt an seidnen Schnüren ein Mantel hieng von Sammet und köstlichem Zobel. Dieser Ritter, so hört’ ich, war Gebhard’s Neffe, reich an Gütern und aus fürstlichem Hause; ihm hätte der Ohm selber die Braut geworben, die jetzt gen Speyer geleitet würde, und Wunder hörte man von dem Mahlschatz sagen, der ihr bestimmt wäre.

Während dem schritten die Beiden, die Herolde voran und in ihrem Gefolge Herren und Junker und dem Zuge zur Seite Knechte mit Hellebarden oder gezogenen Schwertern, einem gegenüber aufgeschlagenen Zelte zu. Allda machten sie Halt und zween Edelknaben giengen hinein. Alsbald stießen die beiden Herolde wiederum in ihre Hörner, daß es laut erscholl. Da wurden die Zeltvorhänge zurückgeschlagen und heraus ward die Braut geführt; ihr folgten Dienerinnen. O, ich erkannte sie wohl und Den, der sie an der Hand führte, ob auch gleich, seitdem ich sie zuletzt gesehen, eine große Veränderung mit ihr vorgegangen war! Ihre Schönheit, däuchte mich, war strahlender geworden: nicht Dank der Pracht, welche die Maid da trug; denn Wer mochte noch dem seidenen Gewande mit den gestickten Borten, dem edlen Gesteine am purpurnen Gürtel und dem sonstigen Geschmuck einen Blick gönnen, wenn er nur einmal dies Angesicht geschaut hatte, das da vom Schleier umwallt leuchtete, wie wenn Lilien und Rosen zusammenstehen. Sondern was nach meinem Wähnen ihrer Schönheit zur Erhöhung diente, war, daß sie all’ der Zier, mit der man sie heute sah, nicht zu begehren noch zu bedürfen schien, und daß sie auf die Herrlichkeit, die sie hier umgab, kein größeres Aufmerken hinkehrte, wie mich däuchte, als damals auf ihre einfache Tracht, in der ich sie in Elzeburg zu sehen gewohnt gewesen war. Und dies eben schien mir als eine Veränderung in ihrer Seele, daß sie an der gegenwärtigen Pracht keinen größeren Antheil nahm, die doch, als ich wähnte, vor wenigen Wochen über den geringsten Theil dieser Augenweide der kindlichen Freude viel gezeigt hätte.

Als die Maid hervortrat, neigte sich vor ihr Ritter Conrad mit zierlichem Gruß, den sie mit Züchten erwiederte, wie sie auch mit Ehrerbietung vor den Bischof trat. Da ward von allen Seiten ein freundlich Grüßen gethan. Darnach trat der Bischof der Braut zur Seite, sie zu geleiten, als der die größte Ehre an diesem Tage gebührte, und zu ihrem Ohm Eberhard gesellte sich der Bräutigam. Hernach folgten die Andern in ihrer Ordnung. So begaben sie sich allsammt nach dem Sommerzelt, das am Nußbaum ausgespannt war, wo auf den Sesseln Irmela in der Mitte und ihr zu beiden Seiten der Bischof und der Graf sich niederließen. Hinter sie stellte sich Conrad und sonst zween oder drei der Edelsten aus Gebhard’s Gefolge. Die Andern alle, Ritter, Junker und Knechte, ordneten sich, ein Jeglicher, wie ihm gebührte, diesen Herrschaften zur Rechten und zur Linken.

Wie ich das Alles betrachtete, wundert’ ich mich, wie wenig doch Irmela, der zu Genieß dies Gepränge bereitet war, die Glückseligkeit einer Braut sehen ließ; wie selten sie des Mannes achtete, der ihr zum Gemahl erkoren war, und nur wenn er mit ihr redete; wie liebevoll sorglich aber oft ihr Ohm sich zu ihr wendete und wie freundlich jedesmal ihr Angesicht lächelte, wenn er’s that, als sollt’ er nicht zweifeln, daß sie ganz glücklich wäre.

Nun gab der Bischof ein Zeichen, die Diener geboten dem Volke Stille und einer der Herolde trat vor, verneigte sich gegen die Herrschaften im Gezelte und rief dann, zum Volk gewandt, mit lauter Stimme folgendermaßen:

»Nachdem es seiner bischöflichen Gnaden geliebt hat, ihren Neffen, den trefflichen Ritter Conrad, von Gernstein zubenannnt, auf seiner fröhlichen Brautfahrt hierher zu begleiten, haben Sie zu mehrerer Ehre dieses Tages und zur Erhöhung werther Lustbarkeit nach alter Sitte öffentliche Spiele halten wollen. Und weil denn die vieledle Braut« (hierbei neigte der Herold sich gegen das Fräulein) »der preislichen Singekunst sonderlich zugethan ist, lassen Seine bischöfliche Gnaden zuvörderst Alle, die in der Singekunst etwas vermögen und sich deß getrauen, hiermit zum Wettkampf entbieten, darin ihr Bestes zu versuchen. Ein Kranz und silberner Becher ist der Preis. Die holde Braut selber wird die Gabe darreichen Dem, den sie als Sieger auserkennt.«

Darauf schwieg dieser Herold und trat zurück an seinen Ort. Da winkte der Bischof einem Edelknaben, der hinter im stund. Der kam hervor, bog vor Irmela das Knie und bot ihr in silbernem Gefäße, das er in Händen trug, ein weißes Blatt und Griffel dar. Sie nahm Beides, reichte es aber hinter sich dem Gernsteiner. Der besann sich nicht lange, beschrieb das Papier und legt’ es wieder in die Schüssel. Nun gieng der Knabe, nahm das Blatt heraus und übergab es dem andern Herold. Nachdem dieser gethan, wie der erste, entfaltete er das Papier, erhub seine Stimme und las, was da geschrieben stund:

»Woraus die Herzensliebe zumeist Gedeihn gewinnt!« Das ist’s, worauf die Singer Antwort geben sollen, wer die beste findet. Wohlauf denn, wer hoher Ehren begehrt! – Zum Sinnen ist eine kurze Frist verstattet!«

Dies schien mir nun eine geschickte Zeit, mich von der Stelle hinweg zu machen, auf der ich stund. Nicht allein des Bischofs wegen, wenn ihn etwa die Lust ankäme, nach dem Klösterling zu fragen und mich vor sich zu bescheiden, sondern ich scheute mich nicht weniger, in dieser meiner Tracht von der Jungfrau Irmela erkannt zu werden; und nahe genug war ich ihr da. Ich sucht’ also und fand, da nun eine Zwischenzeit, bis sich das Wettsingen anheben sollte, gegeben war, eine Gasse durch die Menge und war bald im Walde ihr entgangen. Aber vom Schaun der Herrlichkeit wie von der Erwartung, was nun folgen sollte, war mein Gemüth so erregt, daß es mir eine Pein schien, dem Spiele fern zu bleiben. Auch war mir, ich wußte selber nicht warum, Irmela’s Anblick hier im festlichen Glanz so leid wie lieb gewesen, aber ein sehnendes Verlangen zwang mich zurück, sein ferner zu genießen.

So hieng ich zwischen der Lust, mich wieder hinzukehren, und der Sorge, durch meine Tracht in Beschwerniß zu gerathen. Da vernahm ich von ferne den Schall der Hörner und den Ruf des Heroldes, daß das Spiel begönne. Alsbald sucht’ ich mir einen sicheren Versteck unter überhängendem Gestein. Daselbst legt’ ich meinen Klosterrock ab, verbarg ihn wohl und kam in der Singertracht herfür, die ich mir in Elzeburg zum Lohne verdient hatte.

Eilig kehrt’ ich nun zurück und mischte mich unter’s Volk wie vorhin, nur daß ich so weit wie möglich von meinem ersten Standorte fern blieb und mich weislich nicht unter die Vordersten drängte.

Schon hatte das Wettsingen seinen Anfang genommen und unter den Zusehern, acht’ ich, merkte Keiner eifriger darauf, als ich. Wie viel Singer vortraten, ihr Vermögen zu erproben, weiß ich nicht. Sie zeigten Alle ihre beste Kunst. Auch der Lange, mein einstiger Reisegesell, der mich mit in die Waibstädter Händel gebracht hatte, kam, sich Kranz und Becher zu ersingen. Ich bückte mich, da er in den Kreis trat, denn mir schien, als säh’ er sich sorglich um und schritte nur zögernd hinzu; aber der Kurze hinter ihm, sah ich wohl, trieb ihn vorwärts mit Ermunterung und Spott. Wohl durfte sich der Fiedler sehen lassen, denn Frau Aventiure war ihm, nach seinem Kleid, das er jetzt trug, zu urtheilen, hold gewesen, wenn er’s anders seiner Kunst verdankte. Daß die nicht kleine war, ward auch am Spruch offenbar, den er hören ließ. Lautes Lob erscholl, da er zu Ende war.

Derweilen saß Irmela, das Haupt ein wenig auf den linken Arm stützend, und regte sich nicht. Ihre Augen waren gesenkt, und nur selten ließ sie einen Blick über den Singer gehen, der vor ihr stund. An dem Allen war zu spüren, wie aufmerksam sie auf das Gesungene hörte, und wie sie nachsann über das, was ihr Ohr vernahm. Doch ihr Eifer, Alles recht zu erfassen, schien mir kein anderer, als den sie damals erzeigt hatte, da sie von mir die alten Mären vernahm, von Sifrit, dem kühnen Recken. Sie hatte wohl Freude daran, aber Herz und Sinn giengen ihr dahin nicht. Sie achtete auf die Kunst, die da bewiesen ward; aber ihr Gemüth, schien es, war nicht vertraut mit dem, was sie hörte. Daß sich das Fräulein also erzeigte, däuchte mich verwunderlich und nicht so gethan, wie ich mir’s von einer jungen Braut gedachte, die zu ihrem Trauten Herzenliebe trüge.

Nun wuchs aber auch mir unterm Hören der Eifer um die Sache, der sich da die Singer beflissen. Sie gaben auf die Frage, so ihnen gestellt war, unterschiedliche Antworten. Der Eine rühmte Ehre und tugendliche Sitten, als wodurch der Liebe Gedeihn erwüchse; der Andere strich dazu die Freude aus und hochgemuthes Leben; ein Dritter Herzensreinheit und Treue falschesfreie; ein Vierter glückselige Schönheit und frohe Jugend. Und zuletzt wandten sie immer ihren Spruch auf das Brautpaar vor ihnen, als bei dem solche Gaben und Tugenden im Überschwang zu finden wären, und ließen es ihm an keinem Lobe fehlen. Doch davon schien sich Irmela nichts anzunehmen, nicht zwar aus Stolz, sondern als wüßte sie nicht, warum sie solchen Ruhm sonderlich werth halten sollte.

Da rief der Herold wieder, ob noch Einer da wäre, der sich des Singens unterwinden wollte. Denn so Viele zuerst in den Ring getreten waren, die hatten nun Alle das Ihre gethan und stunden seitwärts, des Richterspruches harrend. Wie Alles stille blieb, geschah es, als ich wahrnahm, zum ersten Male, daß Irmela ihre lichten Augen aufhub und frei umschweifen ließ über die Menge.

Da schlug mir mein Herz hoch auf, denn mir war’s in dem Augenblick nicht anders, als erwartete sie mich zu sehen. Und so that ich ohne Wahl einen Schritt vorwärts. Wie diese meine Bewegung nun gerade auf den Ruf des Herolds geschah und nach meiner Tracht die Leute mich wohl für einen Singer halten konnten, der zu diesem Feste seinen besten Schmuck angelegt, so wichen sie seitwärts und riefen den vorn Stehenden zu, das Gleiche zu thun und mich durchzulassen. Da war auch schon ein Diener zur Stelle und schuf mir Raum, mich in den Ring zu geleiten.

Noch stund ich im Zweifel, was ich thun sollte. Aber als ich nach dem Herrensitz hinblickte und sah, wie Irmela, das edle Kind, mit Freuden mich gewahrte und mit stummem Gruße mir zu winken schien, da hätte keine Scheu und kluge Fürsicht mich zurückgehalten; und nur heftiges Sehnen überkam mich, ihr noch einmal nahe zu sein, wohl zum letzten Mal, und mit der Kunst, durch die ich ihr werth geworden war und die ich ihr verdankte, ihr zu gefallen und sie zu grüßen auf Nimmerwiedersehn!

So beschloß ich denn, wohl darauf zu achten, daß ich mich nicht verriethe, nahm all’ meinen Muth zusammen und schritt, dem Diener nach, ziemlicher Weise in den Kreis. Vor der Laube angekommen, neigte ich mich vor Allen und vor der Richterin in diesem Wettspiel sonderlich. In ihrer Miene las ich freilich ein fragendes Staunen über mein plötzliches Verschwinden und meine unerwartete Wiederkehr; aber war da ein Zweifel, so ward er überglänzt vom freundlichen Willekomm, das, wiewohl nur leise, mir ihr Auge sagte. Davon gewann mein hochsteigendes Herz Vertrauen zu meiner Kunst, und wie ich schon zuvor während dem Hören mein Sinnen auf die Frage gelenkt hatte, darauf im Liede zu antworten war, so fügten sich jetzt Wort und Weise in meiner Seele selbst zu einander.

Ich ließ mir von einem der Singer, die da gesungen hatten, eine Laute reichen, griff in die Saiten und that ein kurzes Vorspiel. Darauf hub ich an und sang also: