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Irmela / Eine Geschichte aus alter Zeit cover

Irmela / Eine Geschichte aus alter Zeit

Chapter 36: Einkehr.
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About This Book

Ein Mönch namens Diether sitzt an einem Pfingstabend im Kreuzgang eines Zisterzienserklosters und lässt sich von Nachtigallengesang und Frühlingsdüften in eine Erinnerung führen, die er den jungen Gesellen erzählt. Die Rahmenerzählung wechselt in Rückblenden zu früheren Ereignissen am Kloster, zur strengen Leitung des Abtes Albrecht, zu Bauarbeiten und zum Alltag der Gemeinschaft, und konzentriert sich auf eine prägenden Begegnung mit einer Frau, deren Name seine Gefühle weckt. Die Erzählung verbindet Klosterleben, persönliche Erinnerung und die Spannung zwischen Regel und menschlicher Sehnsucht in einer historischen Atmosphäre.

In der Welt.

 

chwerlich zog Jemand wanderlustiger seine Straße an jenem Novembertage als ich, nachdem ich Maulbronn verlassen hatte. Es mochten seitdem zween Tage verstrichen sein oder drei. Allgemach waren mir die schweren Gedanken vergangen; die lang entbehrte Freiheit, die Erfüllung sehnlicher Hoffnung und heute das klare röthliche Sonnenlicht, das die Welt beschien, machten mir das Herz froh und leicht. Munter schritt ich hindann. War ich nicht auf dem Wege nach Speyer, allda vom Bischof weitere Vollmacht zu erhalten für meinen ritterlichen Stand, und gedacht’ ich nicht von dort aus mich an Graf Eberhard zu wenden, seinen Rath zu erbitten, wie ich mich weiter hielte, und winkte mir dann nicht noch ein anderes, ersehnteres Wiedersehen?

Weil mein Blick mit Lust um sich schaute und des freien Umblickes mit Freuden genoß, so hatt’ ich der Stunden unterm Wandern nicht geachtet, wie sie dahin gegangen waren. So brach der Abend herein, und ich wußte noch nicht, wo ich die Nacht zur Herberge liegen sollte; Stadt oder Dorf waren nirgends ringsum zu sehen. Mein Mundvorrath war zu Ende, und ich begann die Müdigkeit meiner Glieder zu fühlen.

Indem sah ich durch die Abenddämmerung über ein blaches Feld ein Feuer leuchten, das am Fuße eines Hügels angezündet war, der die Flamme etlichermaßen vor dem Winde schützte.

»Vielleicht ist’s ein Hirt, der dort sich seine Abendkost rüstet«, dacht’ ich. »Er mag Dir wohl auch Rast und Erwärmung an seinem Feuer und einen Imbiß gönnen, so Du ihn darum ansprichst.«

So bog ich dahin vom Wege ab.

Als ich nahebei kam, trieb mir just der Rauch in’s Angesicht, daß ich nicht wohl aufsehen konnte. Wer aber da der Flamme pflegte, das ward mir mit dem ersten Gruß bewußt, den ich hörte:

»Geschwind, Klingsohr, Gesell, Sieh da!
Er selbst: lupus in fabula!«

Allsogleich darauf fühlt’ ich mich von dem Gerufenen an beiden Händen erfaßt und unter überlustigen Sprüngen näher gezogen, indem er sang:

»Nun fiedelen und tanzen wir, heisa, hopei!
Herr Diether, der Junker, Herr Diether ist frei!«

»Gelt, mein Tannhäuser!« sagt’ er dann zu seinem Gespons, indem sie beide eine wollene Decke an die bequemste Stelle neben dem Feuer spreiteten, »das hätten wir nicht gedacht, daß der werthe Junker uns die Sach’ so leicht machen würde. – Ho, ein gutes Glück! Eine treffliche Conjunctio! wie die Astrologi sagen. – Möcht’ ein Kalendarium haben, die Zeichen einzusehen, wie sie heute stehen. – Gewißlich im besten Aspect; geschickt zu großer Unternehmung! – Ah, Herr Diether! Die bleibt ungethan, und wenn sie uns den Stein der Weisen zu gewinnen brächte, nun wir Euer theilhaftig worden sind.«

Und er schüttelte mir wieder die Hand und der Tannhäuser auch.

»Ihr scheinet meiner gedacht zu haben«, fragt’ ich, selber schier erstaunt über die unverhoffte Begegnung, indem ich, wie sie es wollten, zwischen ihnen niedersaß.

»Ob wir des Junkers gedacht haben, Gesell!« sprach da der Kurze und stieß den Angeredeten hinter meinem Rücken an. »Nur gedacht?! – Gesprochen haben wir von Euch, Herr, alltag und heut sonderlich und eben jetzt wieder! Und, Junker, ich sag’ Euch: immer in solcher Meinung, wie sie treuer nicht sein könnte, wenn Ihr schlecht unser Kunstbruder wäret und nicht hochbürtigen Stammes.«

»Seid von Herzen bedankt dafür«, sagt’ ich, »aber der Singekunst denk’ ich auch jetzt nicht zu entsagen, habe ich sie letzthin gleich nicht geübt.«

»Die Kunst verbrüdert, aber mehr
Doch scheidet Ansehn, Stand und Ehr,«

sprach der Tannhäuser dazwischen und war nachdenklich.

»Fürwahr! so ist die Welt gericht’t,
Doch unser Junker Diether nicht«,

sagte Klingsohr ihn begütigend. – »Nein! Ihr nicht, um den wir uns gegrämet haben und gesorgt, seitdem sie Euch von uns rissen und wir trotz all’ unserer harten Arbeit und Zauberkunst und Alrune Euch dahinten lassen mußten, wo Ihr zuvor gesessen, eingethan und versperrt! Ihr nicht!«

»Ach, Junker«, fuhr Klingsohr fort, »wie schön hatt’ ich Euch allbereits hinaus, und wie balde wären wir hinunter gewesen, aber das Fräulein – das Fräulein!« – dabei sah er mich von der Seite an und winkte mit dem Finger. – »Ach, Junker, es war da auch ein Zauber, der Euch zurückhielt und ein stärkrer als meiner, der Euch des Gefängnisses entledigen sollte.«

Und er lachte und schlug, als wüßt’ er genug von derlei Sachen, um sich ihrer noch zu verwundern, mit seiner Hand scherzweise auf mein Knie.

»Jungfraunlieb ist fahrend Hab,
Heut Herzliebster und morgen: schab ab!«

sang der Tannhäuser, als thät er’s in Gedanken.

War ich über Klingsohr’s Rede roth geworden, so verdroß mich seines Gesellen Liedlein. »Schweig!« gebot ihm der Magus, der meinen Ärger wohl vermerkte. »Schweig, Gesell, und laß mich dem Junker vermelden, wie wir keine Ruh’ gehabt haben, bis wir für gewiß über ihn erkundeten, was aus ihm geworden; wie wir endlich überein gekommen sind, nach ihm zu spüren in Maulbronn, müßt’s selber unter seines Abtes Bettsponde sein. – Ach, Junker, wir dachten nicht anders, als es wär’ Euch Luft und Licht versagt und Ihr hörtet außer der Litanei, die Ihr selber singen müßtet, nur die Mäuslein pfeifen Tag und Nacht. ’s ist uns drüber, Junker, manches Mal die Lust vergangen am Essen – und am Trinken auch.«

»Daran verloren unterdessen
Nicht viel die Kehle noch der Bauch,«

sagte Tannhäuser und winkte abwehrend mit der Hand.

»Ah, ah, Junker!« sprach Klingsohr wieder; »Er red’t nur so – nur aus Bescheidenheit, sag’ ich Euch; nur aus Bescheidenheit. – Ein kaiserlich Mahl hätten wir uns versagt für Euch – und heut, ja heut möchten wir eins halten für lauter Freuden, daß Ihr wieder heraus seid. – Sagt’ uns nun, wie ist’s Euch gelungen damit, Junker? Aus einem Thurm Einen von dannen bringen, freilich, ist auch ’ne Sach’! Aber aus ’nem Kloster sich davon machen, wenn sie erst einen redlich eingefangen haben und mit Geißelung und Pön ihn christlich bedienen – ha, ha! – das nenn’ ich eine rechtschaffene Kunst.« Und er schüttelte sich vor Lachen. »Ihr versteht sie, Junker! Ihr versteht sie! Welche habt Ihr gebraucht? Des Nachts entwischt, he? oder am Tag die Wächter getäuscht, oder Gewalt geübt oder –«

»Nichts von dem Allen hab’ ich geübt, noch sonst keinerlei Widerrecht«, gab ich ihm zur Antwort; »sondern nachdem ich des Klosterlebens entlassen, bin ich nach eigener Wahl gegangen und frei öffentlich.«

»Die Welt ist böse aller Orten
Und selten gut;
Gern weilt’ ich hinter Klosterpforten
In sichrer Hut«,

sagte der Tannhäuser und sah sinnend in’s Feuer.

»Wie, Junker?« fragte Klingsohr und sperrte vor Verwunderung seine kleinen Augen so weit auf, als er’s vermochte, »wie? Ihr seid nach Urtheil und Recht losgegeben?«

»So ist’s«, sagt’ ich, »und anders nicht. Der Bischof selber hat sich bei des Ordens Oberhäuptern für mich eingelegt, daß nach meines Vaters Willen geschehe. Darnach hat das General-Capitel der Cisterzienser es verwilligt, und hier bin ich auf dem Wege gen Speyer, allda von Herrn Gebhard die Vollmachten zu empfahen, und was sonst nöthig ist zur Wiedererlangung meiner ererbten Rechte zu betreiben.«

Auf diese Worte schlug der Kleine die Hände zusammen und rief:

»O Wunder groß! Nun dies geschah,
Wähn’ ich, der jüngste Tag ist nah!«

»Was ist da so größlich zu verwundern«, fragt’ ich wieder, »daß man mildiglich handelt und nicht so gar nach dem strengen Recht, so Keinem dabei zu nahe geschieht?«

»Herr, Herr!« rief der Klingsohr. »Ihr kennt der Welt Lauf nicht; Ihr kennet ihn bis auf’s Härlein nicht, sag’ ich, Klingsohr! – Entweder die Welt hat sich geändert und die heilige Kirche dazu – oder Ihr seid ein Sonntagskind, eine weise Frau hat Euch zur Tauf’ gebracht und ein Nix war zum Gevatterschmause geladen. – Sonst steckt noch was dahinter, sag’ ich Euch; könnt’ ich’s nur ausfindig machen.«

Dabei lupfte er seinen Hut, strich mit der Hand durch sein Kraushaar und sah mit gespitztem Munde den entschwebenden Rauchwolken nach. – Ich wußte zu seinem seltsamen Wesen, das er zeigte, nichts zu sagen und schwieg.

»Und was gedenkt Ihr, wenn Ihr beim Bischof Alles nach Wunsch ausgerichtet habt«, fragt’ er, sich wieder zu mir wendend, »was gedenkt Ihr hernachmals zu thun, Junker, so man das wissen darf?«

»Warum nicht, Klingsohr!« gab ich ihm Bescheid. »Dann gedenke ich Herrn Eberhards Gunst und Beistand zu suchen –«

»Wozu?« fragte er rasch. Ich war von der Art, wie er das Wort sprach, ein wenig gewirret; doch faßte ich mich und sagte: »Zu Vielem; zu Allem, deß ich Neuling in der Welt an Rath und Führung brauchen werde, denn meinen Vater weiß ich nicht zu erlangen.«

»Zu weiter Nichts? Junker, zu weiter Nichts?« fragt’ er wieder.

»Wie wunderlich Ihr seid!« sprach ich. »Zu was noch sonst?« – Aber ich mocht’ ihn dabei nicht ansehn; denn ich wußte wohl, daß er mit seinen Blicken auf mich hielt.

»Dann rath’ ich Euch, Junker!« hub er wieder an – »brauchet Herrn Eberhards nicht! – Was wolltet Ihr, da Euch die Flügel losgebunden sind, noch fürder hier herumschleichen, als stünd’ Euch draußen nicht die weite Welt offen? – Seid Ihr nicht selber gewitzigt genug, Eurer Sache zu helfen, und werdet Ihr nicht Freunde, Euch beizustehen, bald genug finden, so Ihr sie weislich prüfet? – Wär’ ich, Herr Diether, an Eurer Statt, ich rüstete mir in Speyer alsbald ein hübsch’ Pferd und durchzöge die Lande der Christenheit: wo Kurzweil zu finden, Ehre zu erjagen wäre, da macht ich Halt, und, glaubt mir’s, Junker! wenn Ihr so thut, so werden, wenn ein Jahr herum ist, allerorten die Männer, so des Ritterthums verstehen, Euch rühmen – und gar die edlen Frauen! – ah, Junker, Ihr seid ein glückseliger Mann, denn die Frauengunst, Junker –«

»Was sollt’ ich mich nicht zuvörderst zu Herrn Eberhard wenden und die Elzeburg meiden?« sagt’ ich, ihn unterbrechend.

»Nur allda den Grafen heimzusuchen, Junker Diether?« und mir schien’s, als winkte Klingsohr seinem Gesellen, wohl acht zu haben, da er so fragte.

»Nun, ihn und das Fräulein auch«, erwiederte ich kurz.

»Wenn Ihr nur nicht just um sie des Frauenzimmers da zu wenig findet« – meinte Klingsohr.

»Oder aus der Ritterschaft einen zuviel«, fuhr der Tannhäuser fort.

»Ich versteh’ Euch nicht!« rief ich ärgerlich.

Da sang der Lange:

»Gar manchem Mann
Bleibt’s Herz gesund,
Nur wenn ihm, was ihn nah geht an,
Nicht wird auch kund.«

»Wahr, Bruderherz, wahr ist Dein Spruch!« rief Klingsohr. »Drum sag’ ich:

Nimm jede Gunst, wie sie Dir ward,
Und baue nicht auf ferne!
Du findst zuletzt die Schale hart
Und Bitterkeit im Kerne!«

»Nicht zuletzt nur!« sagte der Singer wieder und schüttelte sein Haupt, als wär’ ihm an All’ dem in keiner Weise gelegen:

»Frauengunst, –
Blauen Dunst
Ich acht’ sie.
Wer begehrt,
Was da werth,
Verlacht sie!«

Da mocht’ ich dies ihr Räthselspiel, mit dem sie, wie ich wohl vermerkte, auf mich zielten, nicht länger ertragen. Ich sprang vom Sitze zwischen ihnen ärgerlich auf, sah sie finstrer Miene an und sagte: »Ich bitt’ Euch, Freunde, lasset ab von solchem Gespräch; denn es ist mir verdrießlich zu hören. Sagt mir frei offen, was Ihr wisset von Elzeburg, das mir Hinderung sein sollte, dorthin mich zu wenden.«

Auf solche Worte gab sich der Tannhäuser das Wesen, als nähm’ er sich meiner Rede nicht an und müßte sein Gefährte alleine zusehen, wie mir zu antworten wäre.

Der aber stellte sich vor mich hin, blickte scharf in mein Gesicht und hub also an: »Junker Diether, seht Ihr! Euch ist’s um des Grafen Schutz und Beistand allein nicht zu thun! Noch eine andere Gewalt zieht Euch nach Elzeburg. Schaut nicht weg! Ach, ich verarg’s Euch nicht. Kein Christenmensch darf’s Euch verargen, der das Fräulein gesehen hat und was Huld sie Euch erwiesen. Und ich – wie sollt ich’s, der ich vom minniglichen Abschied weiß, den Ihr von ihr nahmet? O, Herr! so etwas vergißt sich nicht. Wie? Zum Wenigsten in Euren Jahren nicht. Es spinnt seine Fäden zart und gülden wie Sonnenstrahlen durch die Werke des Tages und durch die Träume des Nachts – immer fester, immer zäher – und um’s Herz wickeln sich die Fäden, bis es sich gar darin verstrickt – und die Einsamkeit ist die Spinnerin. – Nicht so, Junker, nicht so? Ah, Ihr wagt nicht zu leugnen – es braucht’s auch nicht gegen den Klingsohr – es braucht’s wahrlich nicht? – Nun denn, Junker, hört wohl zu! – Aber zuvor versprecht mir Eins! Laßt den Boten seine Botschaft nicht entgelten. ’s wär Unrecht; es wär’ gegen uns wahrlich groß Unrecht! Denn so Ihr’s heut erfahret, und Ihr nehmt’s auf mit ziemlichem Verstand und als ein Mann, der seine Fahrt durch die Welt ruhmeswerth und klüglich ausrichten will, so werdet Ihr Euch in’s Künftige viel nutzlos Weh und Ach ersparen und die Sprüchlein, die Ihr von uns zur Stunde gehört habt, werden mit ihrer Weisheit an Euch nicht verloren sein. – Wohl! Nein, nicht wohl; Euch wird’s übel dünken, so übel, daß Euch die Wiederfahrt gen Elzeburg gar verleidet wird: und just das ist’s, was ich Euch vorhin rieth. – Also, Junker, Euer Graf möcht’ jetzt für Euch die Zeit nicht haben und seine Nichte desgleichen nicht. ’S sind zur Stunde andere Gäste willkommen in Elzeburg. Wir, mein Gesell hier und ich, zogen vorbei da jüngst vor etlichen Tagen. Es geht da hoch her, in lauter Lustbarkeit. Warum auch nicht? Der Gernsteiner hat seine Braut wiedergewonnen und ihren Mahlschatz dazu – so doch Beides, wie es das Ansehen hatte, ihm eine Weile verloren war. – Ist nicht erneute Liebe zwier so heiß? Und kann man sich über die Glückseligkeit, die jetzt das Fräulein neben ihrem Bräutigam merken läßt, verwundern, so man bedenkt, er möchte sonst besorgen, sie gedächte Eurer etwan – und ist doch schon bereits vier Monde her oder fünf, seit sie Euch nimmer gesehen. Stellt’s Euch nur für! fünf Monde!!« –

»’ne lange Zeit
für eine Maid,
Zweimal eine Ewigkeit.«

sagte der Tannhäuser dazwischen.

»Ja, mein Treu, Junker, das ist’s«, sagte Klingsohr bestätigend. »Ihr seid zu lang ausgeblieben.«

»Ihr seid unrecht berichtet«, rief ich, »gewiß, Ihr seid es in dem, was Ihr da von Elzeburg sagt. Ich glaub’ es nicht, es kann nicht sein. Ist aber Eure Rede dennoch nach der Wahrheit, so werd’ ich’s in Speyer erfahren. Bis dahin, bitt’ ich Euch, laßt uns der Sache nicht mehr gedenken, sondern des Mahles, so Ihr etwas zuzurüsten habt, daß wir unser Herz stärken und dann des Weges weiter ziehen.«

So sprach ich. Aber mein Gemüth gedachte gar anders. Inwendig war’s mir, da ich diese Zeitung von Irmela vernahm, als erschallte aller meiner Freude recht das Grabgeläute und wäre mein froher Muth mitten in’s Herze getroffen. Ich saß schweigend nieder und mochte auch nicht ferner auf die Beiden merken, wie sie ihr Küchenwerk angriffen. – Darum war mir’s lieb, daß sie fragten, ob ich, derweilen sie zurüsteten, auf das Feuer Acht haben wollte.

Der Abend war schnell dunkel geworden und die Rauchwolken wirbelten im röthlichen Glanze weithin sichtbar empor. Ich blickte ihnen nach unverwandt, wie eine nach der andern sich dahinwälzte und immer wieder gleich dieser im Dunkeln sich spurlos verlor. Sollte so auch der helle Glanz der Glückseligkeit, der mir im Herzen aufgegangen war, trüb und trüber werden und endlich in Nacht verschwinden? O, ich fühlte, das könnte nicht sein. Ich fühlte, wenn sie, der all’ mein Herz in Treue zugethan war, mir verloren wäre, wenn sie mein vergessen hätte, dann müßte mir die Welt immer öde bleiben und ich aus ihrem Glück verwiesen. Aber, sollt’ es denn Wahrheit sein, was ich gehört hatte? Sollten diese lieblich lichten Blicke, sollte dieser lächelnde, falschesfreie Mund, sollte der innigliche Druck dieser Hände mir gelogen haben? Sollte dies Alles, was mich umgewandelt hatte und mein innerstes Sinnen und Meinen bezwungen, ihr nur Spiel gewesen sein? Konnte sie sich von mir kehren und nicht darnach fragen, daß die tiefe Wunde, so ich von ihr empfangen, immer offen stehen würde? Nein, es war nicht möglich! Und unmuthig stieß ich in die Flamme, daß die Funken mit Geprassel stoben und zuckend in der Luft auf und nieder fuhren, ehe sie verloschen. Ihnen glichen die Gedanken, die mir jetzt wild durch’s Herz strichen. Wie? Wenn man die Maid wider ihren Willen zwänge zum verhaßten Ehebunde? Wenn unsere Heimlichkeit kund geworden wäre und sie wähnte, ich bliebe festgehalten im Kloster und sie harrte mein umsonst? – O, dann wollt’ ich jeglich Wagniß bestehen, sie zu befreien, und keine Fährniß sollte mich schrecken, gerieth ich gleich in die Irre und mein Pfad in die Nacht.

Da blickte mich ein theures Angesicht wie aus einem Spiegel traurig und liebreich an. Immer mit den aufsteigenden Flammen schwebt’ es empor; es winkte und warnte und rief mich leise mit süßem Namen. – »Unser kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald verschwunden. Denke, daß es heut geschieht.«

Und ich saß und sah in’s Feuer, wie die Flammen züngelten und die Wolken röthlich dahin zogen, bis die Nacht sie verschlang. –


In Speyer, als ich dargekommen war, war es mir mit meinen Sachen wohl gerathen. Ich hatte die Bestätigung meiner Freiheit und meines ritterlichen Standes erlangt. Das Lehn, in Schwaben gelegen, so mir zugestanden war, ward mir überantwortet, und was weidliche Leute und Geschlechter in der Stadt waren, von denen ward ich aufgenommen und ehrlich angesehen; sie litten mich allenthalben gern und wähnten nicht anders, denn daß ich bald zu hohen Ehren kommen würde. Doch that ich dazumal Alles mit halbem Herzen; denn die Gewißheit, daß Irmela Ritter Conrad freien würde, wie mir die Fahrenden das berichtet, hatt’ ich bald nach meiner Ankunft in Speyer erlangt. Davon erstarb mir die Freudigkeit, und von dem großen Leide, das ich da gewann, konnt’ ich mein Gemüth nicht hinwegziehn. Doch schöpft’ ich noch ein kleines Tröstelein. Denn wie? Ich mußt’ es ja glauben, was sie Alle sagten, und glaubt’ es doch wieder nicht. Von ihr selbst, dacht’ ich, will ich’s erfahren. Hinaufzuziehen gen Elzeburg, deß unterwand ich mich nicht, denn ich besorgte, ich möchte nicht vor sie gelassen werden und dem Gernsteiner dann begegnen, der dort weilte, wie ich hörte. So schrieb ich einen Brief an die Maid, darin ich ihr meine Erledigung aus dem Kloster vermeldete und ihr theuer schwur, meine Treue würd’ ich ihr ewiglich halten und wie mein Gemüth unbeweglich auf demselben Sinn stünde. Darnach ließ ich sie wissen, wie große Sorge und Zweifel ich gewonnen hätte, da mir die Sage von ihr zu Ohren gekommen wäre, daß sie dem Gernsteiner mit Nächstem sollte angetraut werden, und ich bat sie beweglich mit dringenden Worten, daß sie mir doch ihres Herzens Willen und Meinung kund thäte, und ob sie, wie ich wohl glaubte, zu solchem Ehestande gezwungen würde. Dann wollt’ ich alle Macht daran setzen, so oder so ihr zu helfen und mir. Nur das eine selige Wörtlein möchte sie mir schreiben, daß ihr Sinn und Wille unverändert wäre, gleich wie sie in meinem Herzen beschlossen bliebe ewiglich.

Solchen Brief gab ich Klingsohr, daß er ihn sicher und geheim überbrächte, auch die Antwort, welche er erlangen würde, heimlich hielte. Denn die beiden Fahrenden waren mir gen Speyer gefolgt.

Mit Ungeduld wartet’ ich des Bescheides. Es währte nicht gar lange, daß ich ihn durch Klingsohr erhielt. Es waren nur wenige Worte, die sie mir überschickte, aber solche, die wie der Frost im Märzen jedes noch keimende Blümlein meiner Hoffnung und Zuversicht ertödteten. Sie bat mich um Gottes Willen, ihr nie wieder mit keinerlei Botschaft oder Brief zu nahe zu kommen, noch etwa selbst sie heimzusuchen; sie wünschte mir von Gott und seinem himmlischen Heer alle Genüge und Freude allerwegen; aber wir müßten geschieden bleiben forthin, und sie bäte mich, ihrer zu vergessen; denn das sollt’ ich wissen: sie reiche aus keinerlei Zwang dem Gernsteiner die Hand als ihrem Ehegemahl, sondern willig und aus freiem Erbieten. Der reiche Christ möge meiner Seele pflegen hier und dort. Dies wäre ihr letzter Gruß.

Von Stund’ an hatt’ ich keine Ruhe mehr in Speyer, und alle Lust an Freud’ und Festlichkeit, ihrer mit zu genießen, war mir verdorben. Wo ich immer weilte, giengen die schweren Nachgedanken mit mir an die hohe Wonne, die sich in Weh verwandelt hatte, und oft, wenn ich mitten unter Menschen war, die mich fröhlich sein hießen, ward ich etwas inne von dem, was Herr Albrecht mir gesagt hatte, daß man sich auch in der Welt und ihrem Geräusch einsam fühlen könne. –

Da reichte eine Traurigkeit der andern die Hand; denn der Schmerz um Bruno, meinen Vater, überkam mich mit neuer Gewalt. Ich schalt mich unkindlichen Sinnes, daß ich mich unbeständiger Frauenliebe hätte trösten wollen und ihr noch Raum gelassen in meinem Herzen, da ich allein seiner hätte gedenken sollen, wie ich ihn wiederfände und aus seinem Kummer um mich befreite. So bist du jetzt betrogen, sagt’ ich mir, dieweil du eitlem Glück nachgelaufen bist und hast die ächte Treue nicht genugsam geschätzet. Und wiederum dacht’ ich: wenn du ihn gefunden haben wirst und bekennest ihm das Glück, so du verloren, und das Leid, so du gewonnen hast: dann wird’s dir leichter zu tragen sein; du wirst wiederum einen guten Muth und Freudigkeit gewinnen, wenn seine Liebe und sein Lob dich anspornt.

So faßt’ ich denn nichts Anderes zu Sinne, als Herrn Bruno zu erkunden, wo er weilte, auf daß ich ihn heimsuchte und er meine Losgebung aus dem klösterlichen Stande erführe. Ich nahm Urlaub von Speyer und zog zuvörderst gen Schwaben, daselbst das mir zugetheilte Erbgut einzunehmen; ich verblieb da nur kleine Zeit, richtete die nöthigen Sachen aus nach erfahrener Leute Rath, wie es während meinem Abwesen gehalten werden sollte, und setzte auch Klingsohr und seinen Gesellen in ein Leibgedinge, so lange sie lebten, wofern sie des seßhaften Lebens anstatt des schweifenden sich annehmen wollten, worein, wie es schien, der Tannhäuser mit Freuden willigte, aber der Magus nicht so völlig.

Als ich solchermaßen meine Sachen beschickt hatte, richtete ich mein Angesicht stracks gen Mittag, nach Welschland zu ziehen. Da führte mich mein Weg über Gebirg und Thal, auf felsigten Pfaden an steilen Klippen vorbei und durch dunkle Wälder, grüne Auen und fruchtbares Gelände; ich kam in manche volkreiche Stadt und sah der Menschen Weise aller Orten, nach ihrer Müh’ und Plage, Tugend und Kunst.

Ich nahm der Armuth in den Hütten wahr, wie sie um die Nothdurft des Lebens das ganze Leben hindurch ringet und die Geduld dazu nur von der Gewohnheit lernet und von der Hoffnung, daß sie mit dem Tode erledigt wird. Ich klopfte auch an das Thor mancher Burg, manches stolzen Hauses und manches gastlichen Klosters. Weltliche Herren, kühn von Thaten und klug von Rath, Geistliche frommen Wandels lernt’ ich kennen, wie auch ihr Widerspiel. Auch sah ich in deutschen wie in welschen Landen der wohlgezogenen Maide genug, die schöne Huldgestalt zierte und edle Sitten. Da geschah es mancher Orten, daß man mich nicht allsofort fürder ziehen ließ, sondern mich zu weilen drängte, frohen ritterlichen Festen beizuwohnen. Was nur den Augen lustsam zu schauen war und den Ohren zu hören, wonach das Herz gelüstete; das war mir da zum Genieß bereit. Aber wenn ich alsdann auch, daß ich nicht unhöfisch erschiene und blöden Sinnes, mein Vermögen bewies in derlei Spielen, wie es der edelbürtigen Jugend geziemt, so war doch mein Gemüth nicht dabei, und man sah mich selten froh.

Sonderlich in Florenz, der Toskaner Stadt, ward ich wohl aufgenommen und nach Ehren als ein Gast gehalten, der dahin in ein edles Haus gewiesen war. Ich verblieb in dieser hochberühmten Stadt zur Lenzzeit zwo Wochen lang, vielleicht auch drei. Dort pflegen sie mächtig des edlen Gesanges, und was die besten Meister solcher Kunst und zierlicher Rede sind in Welschland, die sind allda zu Hause; ja, so hoch angesehen ist die Kunst bei männiglich, daß auch Fürsten und Herren zur Kurzweil nicht zusammenkommen, es sei denn, daß sie mit Liedern und Gedichten mancher Hand sich erfreuen. So wollten sie wohl auch von mir ein deutsches Lied oder Spruch. Ließ ich sie dann derlei hören, so konnten sie sich nicht genug verwundern, zuvor die Frauen und Maide, warum ich Junger nicht fröhlichere Weisen brächte, und fragten, aus was Ursach das geschähe. Ich wollte nicht ungefüge sein, sie unbeschieden zu lassen und sang:

Ihr fraget mich,
Warum mein Lied
In Maienluft nicht heitrer klinget,
Da uns der Lenz der Wonne viel beschied
Und Rose sich um Rebe schlinget.
So frag’ auch ich:
Mein Herz, o gib,
Warum Du traurig so, die Kunde:
So manche Gunst Dir ja zur Hage blieb,
Willkomm’ne Gab’ beut jede Stunde.
»Wenn eine Wolke nur
Der Sonne Licht verdunkelt,
Glänzt auf der weiten Flur
Kein Halm, der noch im Thau erfunkelt.
Schwebt auch in Freuden sehr
Ein Herz: ist ihm Frau Minne
Ungnädig: immer mehr
Wird dann ihm sorgenhaft zu Sinne!«

Darnach ließen sie ab, mich ferner zu fragen. –


Sobald es angieng, schickte ich mich zum Urlaub von Florenz und trachtete eilend gen Rom. Als ich angelangt war in dieser ersten Stadt der Christenheit, die der Apostelfürsten Gebeine hegt und vieler Heiligen, die da gemartelt wurden, konnt’ ich doch mein Herz nicht darbringen, so großen Heilthümern nachzugehn, noch sonst die Herrlichkeiten zu beschauen, die dort zu finden sind, sondern mein einziges Verlangen stund nach meinem Vater. Je länger, je heftiger hatte mein Sehnen nach ihm zugenommen. Von den Augustinerbrüdern, zu denen ich mich begab, erfuhr ich, daß er schon vor Winter, da er seine Sache, die er beim heiligen Stuhl betrieb, zu erlangen verzweifelte, hinweggezogen wäre aus der Stadt, trüben Muthes, und Keinem sich vertrauet hätte, nach welchem Ziel ihm sein Sinn stünde. Doch wäre unlange Einer aus des heiligen Franzen Orden, dem Mutterkloster der Barfüßer zugehörig, bei ihnen zur Herberge gelegen, der hätte ihnen von einem Deutschen gesagt; das möchte wohl Herr Brun sein.

Alsbald hatt’ ich keine Ruh mehr in Rom, ließ die Stadt und wandte mich gen Assisi. Diese Stadt ist zur Seiten des Gebirges gelegen, selber in stolzer Höhe, reich an Kirchen, Kapellen, Stiftern und Klöstern, mit freiem Ausblick in’s Land hinaus, das da mit Thälern und Höhen, Feldern und Wäldern und mancherlei Flüssen und Bächen prangt als ein Garten Gottes. Auch liegt daselbst in seiner Kirche in der Krypta der seraphische Vater begraben. Im Kloster fragte ich nach Herrn Bruno, ob sie mir Bescheid geben könnten über ihn. Sie sagten, ein Fremder, nach meiner Beschreibung der, den ich suchte, wäre im verwichenen Winter bei ihnen eingekehrt, nach wenigen Tagen aber höher hinauf in die Einsamkeit der Berge gepilgert. Ob er allda noch weilte, das könnte ich am füglichsten von einem Eremiten erfragen, der droben seit vielen Jahren wohnte und der Gegend am Besten kundig wäre, wie auch der deutschen Rede. Zu demselben Einsiedel riethen sie mir zu gehen, auch wollten sie mich durch einen ihrer Laienbrüder dahin geleiten lassen.

Ich that also, verzog nicht und schritt an der Seite des Bruders, den sie mir mitgegeben hatten, hindann.

Doch zuvor war ich in des heiligen Franzen Kirche gegangen, sein Grab zu besuchen und Gott zu bitten, mir auf meiner Fahrt auch ferner beizustehen, daß sie ihr Ziel fände. Da sah ich auch die Krypta und oben die Kirche mit Bildern von hochberühmter Meister Händen herrlich geschmückt. Von ihrer Beschauung gerieth mein Gemüth in große Verwunderung: ich hatte nie zuvor gewähnet, daß Sichtbares mit also starker Gewalt himmlische Dinge bezeugen könnte, und ich gedachte: Glückseliger Mann, der Solches sinnet und bildet! Wie muß er mit seinem Herzen alles Geschaffene umschließen, also daß keine Gottescreatur ihm fremde bleibt; und hinwieder, wie sehnet er sich zugleich aus allem Sinnentrug hinaus und ist in Gottes selige Geheimnisse versenkt! Ja, zwischen seine Seele und ihren Schöpfer darf das Geschöpf nicht scheidend in die Mitte treten, sondern die irdischen Wesen sind gleich den Sprossen der Jacobsleiter, auf welchen die Engel des Herrn herniedersteigen und hinauf; und oben siehet er die Pforte des Himmels geöffnet, auch wenn er hienieden kein besser Lager hat, als das harte eines Steines. –

Der Eremit, zu dem wir uns begaben, hausete in einer Höhle, wie sich dergleichen dorten im Gebirge häufig finden. Es war ein greiser Mann, ernsten und milden Angesichts: einer von den Wenigen, welche die Gebrechen und Leiden, so unser Theil sind, nicht aus eigner Verirrung, sondern aus tiefer Betrachtung und aus lebendigem Mitleid mit fremden Schmerzen kennen und darum sie zu verstehen und zu heilen gleich geschickt sind.

Er grüßte mich freundlich und fragte nach meinem Begehr.

Darauf gab ich ihm Bescheid, sagte ihm, wer ich wäre, und fragte auch, ob er von meinem Vater wüßte und ob es ihm wohl gienge.

Da war er verwundert, mich zu sehen, blickte mich nachdenklich an und sprach also:

»Ja, Herr, ich weiß von Eurem Vater, und wo er ist durch Gottes Gnade, geht’s ihm auch wohl. – Er kam in diese Einsamkeit in großer Herzensschwere, als einer, der des Lebens satt ist und doch vor schmerzlicher Erinnerung und großen Sorgen in Frieden nicht scheiden kann. Die Erinnerung galt seiner Schuld und die Sorge Euch, seinem Sohne. Euer Geschick, Herr, das er nicht hatte wenden können, sah er als eine Strafe an für seine Sünden und als ihren fortwirkenden Fluch. Er verklagte sich hart, daß er beide Mal übel an Euch gethan und nach fleischlicher Wahl, da er Euch in die Abtei zurückgedrängt und Euch Eure Geburt verschwiegen und sodann, da er Eure Lossprechung begehrt hätte. Das wäre Alles Gott mißfällig gewesen und gern wollt’ er zwiefältig dafür büßen; nur daß sein Sohn, des ersten Friedens beraubt, mit weltlichem Trachten und heißen Wünschen im Herzen hinter den Klostermauern sein Leben vertrauern und verzehren müßte: das wär’ ihm eine allzu schwere Pein, die ihn nicht ruhen ließe. Darum hätt’ er sich zum Schwersten entschlossen, Euch ganz zu entsagen und Eurem Anblick; denn einen großen jähen Schmerz überwände die Jugend leichter, als eine immer wieder verzögerte und getäuschte Hoffnung.

So fand ich Euren Vater. Die Tiefe seiner Traurigkeit, die Aufrichtigkeit seiner Buße und die Größe seiner Liebe zu Euch machten ihn mir werth; ich gewann sein Vertrauen und ward sein Berather. Ich sprach zu ihm von der Liebe Gottes, welche die Seele der Kinder nicht für die Missethat der Eltern fordert; daß es Seinen Zorn nicht erwecke, wenn ein Vater seines Kindes Bestes suche, gescheh’ es auch irrender Weise; denn Elternliebe sei göttlichen Ursprungs. Vor Allem erweckt’ ich ihm wieder den Muth zu hoffen für Euch, Herr! – Denn wie das Spinnlein von einem Faden aus, den es befestigt, sein ganzes Gewebe zieht, also mag auch ein zerstoßenes und zerbrochenes Herz an einer wiederbelebten Hoffnung sich zurückfinden in Licht und Leben.

Ich hieß ihn mir von Euch erzählen oft und viel, auf daß seine Gedanken an Euch, die ihn nie verließen, sich mit solchen verbänden, die ich aussprach. Allgemach gewöhnt’ ich ihn daran, Euch im Kloster zu denken, ohne daß Ihr Euch plagtet mit heftigen Wünschen hinaus, und nicht in dumpfer, brütender Traurigkeit, sondern, ungestört durch des weltlichen Lebens Sorg’ und Lust, die hohe Kunst übend und die edlen Gaben brauchend, so Euch Gott verliehen. Ich bracht’ ihn dahin, ein Vertrauen zu fassen, daß seine Gebete für Euer Glück und Heil, die er unablässig Gott darbrachte, erhört würden im Himmel. Und so stieg auch seine Seele über sich, über ihre Schuld und Fehle, Sorgen und eignen Werke in die Gelassenheit, die sich gänzlich in Gott ergibt und nichts Anderes weiß und will, als Sein Wohlgefallen, weil sie glaubt: das ist die Seligkeit. Er ward ruhiger, wenn auch nicht ruhig, er ward fröhlicher, wenn auch nicht froh, getrösteter, wenn auch nicht trostvoll.

Es gibt Leiden, davon genest die Seele, aber der Leib wird mürb. Ja, sein Siechthum dienet ihr dazu, daß sie ihre Augen desto heller aufthut, ihren himmlischen Ursprung zu suchen und das ewige Licht zu erfassen, das aus dem Herzen Gottes leuchtet. So, Herr, ergieng es Eurem Vater. Habt Ihr vom Demant gehört, daß er die Natur der Sonne an sich nimmt, deren Licht er eingesogen, und selber leuchtet wie sie? So man ihn in Finsterniß bringt, beweist er solche Tugend. Für des Menschen Seele ist Leiden und Todesnähe solche Finsterniß. Alsdann erblindet jeglicher Glast, darin sie sonst stolzirte, blendete und selbst geblendet war; aber was sie von göttlicher Natur in sich aufgenommen hat, das tritt herfür: heiligt, tröstet, überwindet. – Wenn er Euer gedachte, geschah’s mit Wehmuth, aber ohne nagende Vorwürfe. Ja, der solche Hoffnung nie gewagt hatte auszusprechen, weil er meinte, Gott fordere das Opfer gänzlicher Entsagung von ihm, hub zuletzt an zu gedenken: es möcht’ ihm bescheert sein, Euch wiederzusehn.

»O!« rief er, »wenn mein Sohn wiederum froh würde und zufriedenen Herzens, so wollt’ ich den milden Christ bitten, daß ich noch genesen möchte und eine kleine Zeit leben. Dann zöge ich hin zur Lenzzeit, ihn noch einmal zu sehen – nur einmal, ohne daß er darum wüßte. Ich harrte sein am Wege, wo mich Niemand ersähe, bis er käme, und wenn es Abend würde, müßt’ es Mondenlicht sein, daß ich sein Angesicht schauen könnte, ob da keine Spur des frühen Kummers zurückgeblieben; oder ich lauschte unterm heil’gen Dienst im dunklen Gange seiner Stimme – gewiß, ich hörte sie bald heraus – oder käme leise heran und sähe ihm unbemerkt zu, wie er seinen hohen Träumen Gestalt und Leben gibt und seine Augen davon leuchten! Oder ach, ich fände ihn schlafend unterm heißen Mittag im Garten, daß ich ihm sanft das Haupt berühren und eine Blume auf’s Herz legen könnte, und im Gebüsch verborgen, wenn er erwachte, säh’ ich ihn froh erstaunen über die Gabe – und lächeln!«

Und er lächelte selber, seit wie lange zum ersten Male! und seltsam war dies Lächeln. Es spielte noch immer um seinen Mund, als er unbeweglich lag, geschlossenen Auges, und der Odem ihm leiser gieng. Und dies Bild schien ihm vor der Seele zu bleiben. »Nein, nein!« rief er, »’s ist nicht vom Dolch, den ich zückte – Joconda, fliehe nicht! – Es ist eine Rose – Komm – er ist glücklich – unser Sohn!« – Alsdann breitete er seine Arme aus und ließ sie kraftlos zurücksinken, betete leise: »Gott – Gott! – seufzte und entschlief.«

Solches sprach der Greis. Als er ausgeredet hatte, nahm er mich an der Hand und führte mich an einen Hügel nahe bei seiner Siedelei.

Als ich da am Grabe meines Vaters stund, hub ich meine Stimme auf und klagte und weinte über die Maßen sehr.

 

 

 

 

Elftes Capitel.

Einkehr.

 

as ich da empfunden hatte, daran dacht’ ich zurück, als ich zum ersten Mal wieder die Gefilde um Maulbronn erblickte, die mir von Kindheit her so vertraut waren. Jeden Bergzug, jedes Thal erkannt’ ich wieder, obgleich die frühe Dämmerung stark hereinbrach und Nähe und Ferne in ihre Schatten hüllte. Dennoch wie fremd sah mich Alles an!

Wenn ich so umherspähte, hie eine Stelle zu suchen mit meinen Augen, daran sich eine Erinnerung meiner Kindheit knüpfte, und ich fand sie, und dort wiederum eine: so war mir’s nicht anders, als erschräk’ ich über die Entdeckung und müßt’ ich mir erst ein Herz fassen zu meiner Heimath, mich nicht so sehr an sie, als sie an mich zu gewöhnen.

Es war doch kaum mehr als ein Jahr verstrichen, seit ich hinweggezogen war, auf neuer Bahn das Leben zu versuchen: ich war in dieser Frist weit und fern geschweift, aber hier war kein Wald verhauen, kein Feld bereitet indeß, Alles noch wie weiland – und doch, wie fremd, wie fremd!!

War davon etwan der frische Schnee die Ursach, der heute über das wintermüde Land seine Decke gebreitet hatte, die noch eben jetzt von den niederschwebenden Flocken erhöht ward? Freilich war es heuer das erste Mal, daß ich die Erde in solchem weißen Kleide sah, und immer war mir diese ihre Verwandlung zu Herzen gedrungen: aber diese Höhen und diese Thäler, wie oft hatt’ ich sie so gesehen! Was nun im Bilde der Erinnerung mir so gegenwärtig war, warum blickte das so fremd mich an in der Wirklichkeit?!

Schritt ich nicht der Heimath zu, meiner Heimath? – Süßer Name! – Nahte ich mich nicht dem Ziele, deß ich seit Monden begehrte? – Und doch, wo war das freudige Pochen des Herzens, das in der Menschenbrust der Gedanke an Heimkehr weckt und Wiedersehn? Wo das frohe Erjauchzen der Seele, das laut wird, wenn die Wipfel der Bäume auftauchen sollen, unter deren Schatten er die ersten Träume seiner Kindheit träumte, und die Spitzen der Thürme seiner Heimath ihm winken: Willkommen!

Schlich nicht neben der Ungeduld, noch heut unter das Dach der Abtei zu treten, ein seltsames Erbangen eben davor in meine Seele! War es mir nicht lieb, daß mein Weg so einsam war, die Welt ringsum so stille, als wäre sie schlafen gegangen zugleich mit dem Gestirn des Tages, und auch mein Schritt durch den weichen Schnee so geräuschlos, als bliebe mein Kommen dadurch um so gewisser und länger unbemerkt!

Nein, nein! Ich selber war ein Anderer worden, ich selber!

Zwischen dem Diether, der einst hier aufwuchs in Frohsinn und ungestörtem Frieden, der dann erweckt ward zu neuem unbekanntem Genieß und Drang des Lebens, den die Welt hinauszog mit starken Seilen, die sich fest um sein glühend Herze wanden, und zwischen dem, der jetzt durch die stille Dämmerung des Christmondabends schritt: welch’ ein Unterschied! Wenn er sich selbst denn so verwandelt hatte, wenn ihm die Welt eine ander Angesicht zeigte: was Wunder, daß auch nun die Heimath ihm verwandelt schien!

Ich strich mit der Hand über meine Stirn – sie war noch glatt; über die Wangen – sie waren rund und frisch; durch mein Haar – es wehte noch lockig und dicht um meine Schläfe. In meinen Gliedern, ich fühlt’ es, wohnte noch ungebrochen die Kraft der ersten Jugend.

Aber das Herz und sein Dichten: das war nicht das alte mehr.

»Ach, ihr sanft niederschwebenden Flocken, die ihr so weich jedes zarte Keimlein einbettet, daß seinen linden Schlaf nichts störe; die ihr so geschäftig jetzt jede Spur meiner Schritte zudecket, so ich heute wandle, daß ihrer keine auf diesem Wege zurückbleibt: vermöget Ihr denn nicht auch die Spuren so mancher Stunde aus diesem Herzen zu vertilgen, die ihre Wonnen und ihre Wehen ihm allzutief eingedrückt haben, daß es wieder schlage wie vorhin und wiederum heimisch werde in seiner Heimath?«

Aber wollt’ ich das wirklich? Konnt’ ich auch nur wünschen, daß Erinnerung, dies ruhelose Kind von Schmerz und Freude, jemals eingewiegt würde durch das Wiegenlied der unermüdlichen Wärterin Zeit? War das die Ruhe, die ich suchte, da ich am Grabe meines Vaters eins mit mir worden war, in die Stille der Stätte heimzukehren, der ich jetzt entgegenschritt?

Und ich gedachte an jene bittre Stunde.

Als ich damals den Verlust so treuer und starker Liebe beweinte, als ich klagte, daß auch diese freudespendende Sonne, die meinem Leben so unerwartet und verheißungsvoll aufgegangen war, in das Dunkel des Grabes sich gesenkt hatte, ach! so bald und eben zu der Zeit, da ich mit so feurigem Sehnen in ihren Strahlen meinen gedrückten Muth zu laben gedachte: da wirkte der gewaltige Schmerz, der mir durch alle Saiten meiner Seele riß, daß jegliche Thatenlust, mich in der großen Welt zu regen, in mir erstarb. Über mich kam das Gefühl grenzenloser Vereinsamung, alle Freude und Wonne der Erde erschien mir als Schein und Traum, all’ ihre Lust ein Wahn, all’ ihre Hoffnungen Lügen: als das einzig Wirkliche die überall lauernde Larve des Todes, und vom Thun der Menschen das Meiste vergeblich, eitel Alles!

Dennoch war es nicht das dumpfe Verzagen am Leben, noch die furchtsame Flucht vor seinen Übeln und Mühen, auch nicht das Verlangen nach solcher Ruhe, deren der Lebensmüde begehret, wodurch ich in jener Stunde mich zurückgetrieben fühlte in die Heimath. Nein, solche Ruhe sucht’ ich nicht.

Zwar jedes Ziel, mit welchem Gunst und Ehre der Welt mir winken konnten, hatte in jener Stunde der Einkehr in mich selbst seinen Schein verloren. Die tiefe Trauer, die Hand des bitteren Todes hatten ihn ausgethan.

Aber siehe! ein ander Ziel war mir in jener Nacht des Grames aufgeleuchtet: hehr, herrlich und heilig! – Ihm nachzutrachten, daran war alles Weh, das ich geschmeckt hatte, keine Hinderung, sondern Weihe und Antrieb war es dazu. Gab es für mich nicht noch ein ander Thun und Wirken als das, so mir nun verleidet war? Hatte mir Gott nicht die Kunst verliehen, was ich im inwendigen Geist hegte, zu bilden und so mich über die Erde zu erheben und des Lebens Noth und dennoch im Herzen die Freude an Gottes Werken zu bewahren?

Da schauten mich die heiligen, stillen Gestalten, so ich unten in St. Franzisci Kirche gesehen, wieder grüßend an; sie sagten mir von einer Welt, von der die sichtbare um uns her mit ihren langen Ängsten und kurzen Freuden nur ein Gleichniß und eine Weissagung ist; von einer Welt, die nur in den Ahnungen und Hoffnungen der fühlenden und guten Menschen lebt, aber aus den Bildern der Meister, die Gott mit Kunst begabt hat, tröstend und ermuthigend zu uns herniederwinkt. In ihr wird kein Leid, das durch ein Menschenherz geht, vergessen, und keine Zähre in der Menschheit Angesicht wird verachtet, aber auch in jeder spiegelt sich ein Strahl himmlischen Trostes, und über alles Weh sieht man den Glast der ewigen Liebe gebreitet.

Und siehe! wie mein Vater in seiner letzten Stunde mich gesehen hatte: nicht hinbrütend in träger Ruhe, sondern erglühend von hohen Träumen, denen in Bild und Ton Gestalt und Leben zu geben die Seele ringt, und in solchem Trachten, dem alle Creatur Gottes dient, in verborgner, bescheidner und stolzer Stille verharrend, unbedürftig der Welt und ihrer Güter: so sah ich mich nun selbst, so wünscht’ ich mich zu sehen.

Und ich war in die Knie gesunken und hatte Gott im Himmel gedankt, daß ich also einen Willen, ja eine heilig ernste Freude zu leben und zu wirken wieder gewonnen; ich hatte seine große Güte angefleht, Er möchte in so gethanem Fürsatz mich beständig verharren lassen und unwankend erhalten, daß ich in solchem Dienst all’ mein Genügen fände; ich hatte Ihm gelobt, dazu in die Stille und Verborgenheit des Klosters zurückzugehn, wohin nun Sein Walten, wie das letzte Denken meines Vaters und das fromme Gelübde meiner Mutter mich wiesen.

Mit solchem Sinn hatt’ ich mich aufgemacht und war aus Welschland wiederum heimgezogen. Ich mied, Denen wieder zu begegnen, die mich kannten; denn ich wußte, Ihrer Viele würden mich von dem Ziele, das ich erwählt hatte, wiederum abzuwenden trachten, als wäre nur von der unmäßigen Traurigkeit mir dazu gerathen; und es war und blieb doch mein fester Wille.

Ich hatte auch, da ich wiederum in Deutschland angelangt war, mein Erbgut aus meinem Besitz entlassen und dabei allen Grundholden, so darauf saßen, eine merkliche Erleichterung in ihren Frohnden und Lasten erwirkt, auch dafür gesorgt, daß ein Stift, das da nahebei gelegen war, für festbenannten jährlichen Schoß und Zins männiglich von meinen Leuten in Alter und Siechthum pflegen mußte und was preßhafte Leute waren, aufnehmen. Desto mehr trugen sie Leide, daß sie meiner als ihres Herrn so geschwind wiederum beraubt werden sollten, und als ich von ihnen Urlaub nahm, wünschten mir Alle Gottes Geleit immerdar, und Manche wehklagten um mein Scheiden mit vielen Thränen; die beiden Fahrenden aber nicht also, denn sie waren mit dem wiederkehrenden Lenz davongezogen und hatten lieber ihr Geding als ihr gewohntes Schweifen missen wollen; doch sicherte ich ihnen ihr Ausgesetztes, daß sie es wiederum erhielten, so sie wiederkehrten. –

So zurückgewendet waren meine Gedanken, da ich zur winterlichen Abendzeit die Gefilde Maulbronns vor mir liegen sah.

Wenn da die wechselnden Erinnerungen auftauchten und im bunten Gedräng an meiner Seele vorüberzogen, konnt’ ich mich wundern, daß ich als so sehr ein Anderer heimkehrte, und daß ich deß jetzt beim Anblick der alten Stätten mehr inne ward, als vordem? Doch ich wollte diesen Erinnerungen nicht wehren, mich zu besuchen, auch ferner nicht. Sie Alle sollten mir helfen aussprechen, was das Menschenherz zumeist bewegt und was es über sich hinaushebt; sie sollten haften in meiner Seele, bis sie, gereinigt von allen Schlacken, ein verklärtes Leben wiedergewönnen in den Gebilden meiner Hand.

Sie Alle? Auch die, welche mich in so heitre und hohe Wonnen zurückrief und zugleich in das Nachgefühl so grausamer Enttäuschung? Schwebte nicht jetzt wieder ihr winkend Bild meiner Seele vor, schön wie der Mond und prangend in blühender Jugend, aber auch ernst und nur in Schwermuth lächelnd wie er! »O«, dacht’ ich, »so traurigen Blickes sah ich sie nie, und nur der Wahn malt sie mir in diesem Bilde, als fühlte sie noch mit mir das Leid, so ich erfahren, und begleitete mich auf meinen Wegen mit treuem Angedenken, da sie doch ihr eigen Glück erwählt und meiner längst vergessen hat.« Und ich wünscht’ ihr alles Gottesheil und setzte mir vor im Geist, in’s Künftige nie keinerlei Unmuth zu hegen darum, daß sie mich verstoßen hatte; denn ich fand, ohne solchen Willen hätt’ ich keine Ruhe des Gemüths und Frieden zu erhoffen. – Aber ach! dazu war jetzt mein Herz noch nicht geschickt. Es vermochte nicht ihrer zu gedenken ohne ein anderes Weh als das der Trauer und gerieth darüber mit ihm selber in Widerstreit.

»Still«, sprach ich, »die Abgeschiedenheit wird Dich lehren, auch das zu überwinden, und alsdann wird auch diese Erinnerung Dich nicht mehr verwirren.« Aber es war, als spräche eine andere Stimme dazu: »Nein! das wird nicht geschehen.«

Unter solchen Gedanken hatt’ ich die Höhe erreicht, von der aus ich die Abtei vor mir liegen sah in der Abenddämmerung: es war derselbe Ort, von wo aus ich einst, als ich zum ersten Mal hinauszog, mich zurück gewendet hatte, auf die Glocken zu lauschen, die zur Matutin riefen.

War das nicht auch Glockenklang, den ich jetzt vernahm? Wie anders däuchte mich der, als ich ihn gewohnt war zu hören! – Gewiß, es rief zur Vesper! Und ich faltete meine Hände, das Ave zu beten. Doch nein! Das war nicht das Geläut, das täglich zur Abendzeit ertönt. Auch dieser Schall war mir nicht unbekannt. Ein Windhauch brachte mir ihn deutlicher zu Ohren. Ja, es war die Sterbeglocke, die gezogen ward. Davon kam eine große Herzensschwere über mich, und als ich vom klagenden Schall geleitet hinabschritt, bat ich die göttliche Erbarmung, doch heut und immer, wenn der Gedanke an Tod und Grab mir allzuscharf durch die Seele schnitte, mein inwendiges Ohr auch den Harfentönen aufzuthun, die um Seinen Thron die lichten Schaaren beständig erklingen lassen, von solchen Himmelsklängen hier im Dunkel nur ein Weniges zu vernehmen, nur ganz leise wie im fernsten Wiederhall!

Der Thorbogen unterm Thurm an der Brücke stund offen, und der Schnee dämpfte meine Schritte, also daß Niemand mich bemerkte, als ich hindurch schritt. Auch im Klosterhof traf ich auf Niemanden; nur des Pförtners Hündlein kam herzugelaufen, hatte mich erkannt und sprang mit kosender Freude an mir in die Höh’, wie dieser Thiere Weise ist; aber mein Kommen verrieth es nicht.

Ich trat unter die Halle vor der Kirche, Paradies geheißen, dann linkswärts in den überwölbten Gang und durch die Öffnung, welche in die Kreuzgänge führt, die hier den Friedhof umgeben. Zögernd schritt ich vorwärts, und die nun nahe über mir erdröhnenden Schläge der Glocke erschreckten mich seltsam. Nun sah ich, zwischen den Pfeilern stehend, den überschneiten Friedhof und dort drüben die Brüder, einen gedrängten Haufen.

Es brauchte nicht des dumpfen Geräusches der hinabrollenden Erdschollen, das zwischen dem Rufen der Glocke an mein Ohr schlug, um mir kund zu thun, daß man da einen Leichgang gehalten, die Feier soeben beendet hatte und nun die Gruft zuschaufelte. Sie hatten Alle nur Acht auf ihr traurig Thun, und Ihrer Keiner hatte mein Nahen gewahrt. Auch barg mich das Dunkel des Kreuzgangs. Wo es am tiefsten war, da trat ich hin und sah hinüber. Wie manches Mal hatt’ ich als Kind schon diesen Anblick gehabt und da des Rechts genossen, das allein die Kinder mit den Gottesengeln theilen, auch vom Anblick des Todes nicht gestört zu werden in ihrer schuldlos spielenden Freude, weil beide seine bittere Erfahrung nicht kennen. Aber welch’ herbes Weh durchzuckte mich heute!

Nun verstummte das Geläute, und die Brüder erhuben nach Gewohnheit den Gesang: