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Irmela / Eine Geschichte aus alter Zeit cover

Irmela / Eine Geschichte aus alter Zeit

Chapter 38: Beschluß.
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About This Book

Ein Mönch namens Diether sitzt an einem Pfingstabend im Kreuzgang eines Zisterzienserklosters und lässt sich von Nachtigallengesang und Frühlingsdüften in eine Erinnerung führen, die er den jungen Gesellen erzählt. Die Rahmenerzählung wechselt in Rückblenden zu früheren Ereignissen am Kloster, zur strengen Leitung des Abtes Albrecht, zu Bauarbeiten und zum Alltag der Gemeinschaft, und konzentriert sich auf eine prägenden Begegnung mit einer Frau, deren Name seine Gefühle weckt. Die Erzählung verbindet Klosterleben, persönliche Erinnerung und die Spannung zwischen Regel und menschlicher Sehnsucht in einer historischen Atmosphäre.

»Flens ego sum genitus, celebrantur funera fletu, transacta innumeris vita fuit lacrimis, O miserum mortale genus lacrimabile semper, quod factum ex cinere est, solvitur in cinerem.«
(Weinend erblickt ich die Welt, mit Weinen begräbt man die Todten,
Unter viel Thränenerguß schwindet das Leben dahin;
Sterbliches armes Geschlecht, wie bist du beweinenswerth immer!
Was genommen von Staub wandelt sich wieder in Staub.)

Dann ward eine kleine Stille, und der Priester sprach: »Lasset uns beten: Herr, schenke ihr die ewige Ruhe!« Und die Brüder antworteten: »Und das ewige Licht leuchte ihr!«

Darnach hub der Priester wiederum an: »Löse, HErr, die Seele Deiner Dienerin Irmela von allen Banden der Sünde, auf daß sie in der herrlichen Urstände unter Deinen Heiligen und Auserwählten wieder auflebe.« Und der Abt betete: »Leite auch, Herr, unsern Diether an Deiner Hand, und so er erfährt von diesem Begräbniß, so sei’s ihm zum Heil und Segen!« Darauf sprachen sie Amen! und wandten sich zu gehen, denn die Finsterniß war hereingebrochen.

Ich wollte hinzueilen, aber die Kraft entgieng mir und ich sank zur Erde.

»Hilf Gott! Diether, armer Diether!« hört’ ich rufen, als mir die Sinne wiederkehrten. Da winkte Herr Albrecht den Andern, daß sie von mir abließen, richtete mich auf und leitete mich an das frische Grab.

Daselbst schluchzte ich bitterlich an seinem Halse, und er litt es ganz väterlich.

Droben in seinem Gemach, dahin er mich geleitet hatte, wollt’ er nicht leiden, daß ich ihm berichtete von meiner Fahrt und wie es mir damit gerathen wäre, sondern zuvor gab er mir eine Schrift, die wäre für mich bestimmt, sagt’ er, sie zu lesen, – tröstete mich mit lindem Wort und ließ mich allein.

Es war die Geschrift von einem guten Pfaffen geschrieben, dem die selige Maid ihre letzte Beichte gethan hatte mit dem Geheiß, so sie verschieden sein würde, solch’ ihr Wort mit nach Maulbronn zu geben, daß es mir, wenn es Gott so fügte, zu Handen käme: denn dort wollte sie begraben werden.

»Er soll wissen«, hieß es darin, »daß meine Treue gegen ihn alle Zeit unwankend geblieben ist und ich keine größere Glückseligkeit wußte im Leben, als mit ihm unzertrennlich verbunden zu sein. Aber ich ersah bald, daß das nimmer geschehen würde, sondern daß allerdinge über ihn beschlossen war, in seine Losgebung nicht zu willigen, und daß, was man von meiner Herzensneigung zu ihm gespürt hatte, um so mehr zur Ursach’ ward, ihn im Kloster zu behalten. Da war’s mir ein großes Leid, wider seinen Willen ihn da verschlossen zu wissen sein Leben lang, und ich willigte in die mir bestimmte Ehe; aber ich begehrte dafür, daß Diether’s Losgebung vom Bischof erwirkt würde. Ich wußte, daß ich mich damit von Glück und Freude schiede für immer; aber es war mir ein süßer Trost, mit meinem Leide seine Freiheit zu erwerben. Doch daß ich ihn nie wiedersehen dürfte, noch er je erfahren, durch wen er seine Losgebung erlangte, sondern im Wahn verbleiben, als hätt’ ich ihn verstoßen und die Treue gebrochen, daß ich auch gegen den, der mich zum Gemahl erkieste, die Heimlichkeit in meinem Herzen bewahren mußte: dies nagte an meinem Leben allzusehr, und ist Ursach’ worden, daß eine andere Hochzeit für mich vorhanden ist, als die, für welche man mich ausersehen hat. Ich danke Gott im Himmel dafür. Die reinste Wonne, so die Erde gibt, hab’ ich erfahren; sie kann nur kurz sein. Ich bin zufrieden, abzuscheiden; nur um meinen Ohm ist’s mir Leid. Die ewige Dreifaltigkeit mög’ ihn trösten!«

»Mein Gebein aber soll an der Stätte der Urstände harren, die Diether’s Heimath war. Ihm möge Gott des Lebens Glück bescheren und hernach die ewige Seligkeit. Nie soll ihm die Erinnerung an mich hinderlich an einer Freude sein. – Kommt er aber einst zurück nach Maulbronn, weil die Dörner rauher Wege, die er geführt ward, seine Füße zu hart verletzt haben, so schöpfe er aus diesem meinem letzten Gruß eine Linderung.«

»Einstmals zur Maienzeit, als der Wind unter’m Schall der Nachtigall weiße Blüthen über mich schüttete, wünschtest Du mir, Diether, es möchte nie kein anderer Schnee in die sorglosen Tage meiner Jugend fallen, als dieser. Es ist anders worden mit mir! Aber wenn auch Dir der Winter manchen Schmuck des Lebens verdirbt und Du über allzufrüh verwelkte Blumen trauerst, alsdann denke, daß nicht bloß auf jeden Lenz ein Herbst, sondern auch auf jeden Herbst ein Lenz folget. – Gott und Sein Heer lasse mich den gewinnen, der ewig blüht!«

(Allhier endet Diether’s von ihm selbst erzählte Geschichte.)

 

 

 

 

Beschluß.

 

iether schwieg eine Weile, als er mit Erzählen zu Ende war, und auch die beiden jungen Gesellen, die ihm zugehört hatten, wagten nicht, das Wort zu nehmen.

»Das ist nun die Aventiure, die Ihr zu hören begehrtet«, sagte der Alte dann und stund auf vom Steinsitz unter der Halle, als wollt’ er hineingehen der Pforte zu.

Es war zum dritten Male in der Pfingstwoche, daß der Abend die Drei um den Steinbrunnen versammelt hatte am Kreuzgang, der im Viereck den Friedhof der Abtei umgibt, und für den Erzähler wie für seine zuhörenden Schüler blieb die abendliche Stille ungestört; denn nur sanft rieselte das Wasser und nur leise rauschten zuweilen die Blüthengebüsche über den Grüften.

Heut hatten sie länger draußen verzogen denn sonst, und als Diether sich anschickte, zu gehen, sah er schon den Silberglanz des Mondenlichts auf dem Dach der Kirche flimmern und in den Garten herabgleiten, wo er die Wipfel eines dichtbelaubten Flieders mit sonderlicher Helle bestrahlte.

Der Alte blieb stehen und richtete dahin seinen Blick.

»Wie heint die Blüthen leuchten!« sprach er vor sich und schritt durch das Gras langsam der Stelle zu.

Nun stund er dicht am überhangenden Gezweig, der würdige Meister, ihm zur Seite gesellt die Jünglinge.

Da zog eine Wolke wie ein goldumsäumter Schleier über des Mondes leuchtend Angesicht, und ein behendes Dunkel flog von ihr her über das Dach der Kirche und beschattete Garten und Kreuzgang.

»Sie ist sogleich vorüber!« sagte Diether und blickte hinauf.

Als der Glanz wiederkehrte, sahen die Drei zu ihren Füßen einen Grabstein, von weißen Blüthen ganz überdeckt.

Der Alte bückte sich bedächtig und strich sie leise mit der Hand zur Seite. Da ward, eingegraben auf dem moosigen Steine, eine Lilie sichtbar und eine Inschrift. Die Augen der Jünglinge hatten sie bald entziffert.

»Irmela virgo«, lasen sie.

Der Alte sprach’s nicht nach; doch wandte er seinen Blick nicht weg von den halbverwischten Zeichen.

»Laßt uns gehen«, sagte er dann. »Der Thau fällt kühl und die Nacht ist bald herum.« –

Den Grabstein aber und seine Inschrift findest Du in Maulbronn noch heutigen Tages. –

 

 

Gebauer-Schwetschke’sche Buchdruckerei, Halle a. S.

 

 

 

Anmerkungen zur Transkription:

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:

  • S. 61: Urthel --> Urtheil
  • S. 65: vorauf --> voraus
  • S. 108: den Krug, (Komma ergänzt)
  • S. 124: zwischem --> zwischen
  • S. 139: »Nimmer soll dies Kind, das Deine Blutthat mit den Kainsmal des Brudermordes gezeichnet hat ... --> mit dem Kainsmal
  • S. 171: ihr folgten Dienerinnnen --> ihr folgten Dienerinnen
  • S. 193: (denn sie waren mir rucklings gebunden) --> rücklings
  • S. 228: verschwad --> verschwand
  • S. 231: Komma nach 'guter Baum' ergänzt
  • S. 231: Komma nach 'sommerlichen' entfernt
  • S. 233: wollte sein brauchen (Nach 'sein' fehlt Wort)
  • S. 236: Als ich diese Worte hörte, überkam ich eine Freude, --> überkam mich eine Freude
  • S. 270: geschickt. es vermochte nicht --> geschickt. Es vermochte nicht
  • S. 272: solvitur in cinerem.« Anführungszeichen ergänzt.
  • Das Wort Herr wird im Originaltext einheitlich HErr geschrieben (wenn es sich auf Gott bezieht).
  • Ae, Oe und Ue wurden jeweils durch Ä, Ö und Ü ersetzt.