WeRead Powered by ReaderPub
J'accuse (Ich klage an): Zwei Jahre in französischer Gefangenschaft cover

J'accuse (Ich klage an): Zwei Jahre in französischer Gefangenschaft

Chapter 9: Uzès!
Open in WeRead

About This Book

Der Autor berichtet in Form von Tagebuchaufzeichnungen und authentischen Briefkopien von zwei Jahren französischer Kriegsgefangenschaft nach der Gefangennahme in Marseille. Er schildert Transport und Unterbringung auf Insel- und Festungsgefängnissen, wiederholte Durchsuchungen, Entbehrungen, körperliche und seelische Leiden sowie demütigende Behandlung durch Bewacher. Neben Alltagsbeschreibungen von Krankheit, Versorgung und Kameradschaft reflektiert er über Pflicht, Standhaftigkeit und das Bemühen, innere Würde trotz aussichtsloser Lage zu bewahren. Beglaubigte Dokumente und Vermerke ergänzen die Chronik und führen zur Darstellung einer späteren amtlichen Anerkennung als Offizier.

Uzès!

Doch nun zu Uzès! Ich will das tägliche Lagerleben kurz abmachen, um den Leser nicht zu langweilen, wie wir uns gelangweilt haben. Der Grundzug des Lebens in Uzès bestand in einer großen Oede, unterbrochen von Ereignissen der traurigsten Art, zum großen Teil Nachwehen von Casabianda.

Unser Einzug in Uzès fand am 4. Mai 1915, abends 7 Uhr, unter dem Jubel der Bevölkerung statt. Ein Gejohle, Pfeifen, Brüllen, Kreischen, Zischen, Heulen empfing uns, wie beim Einzug in Korsika, nur näher und daher sinnbetäubender, daß selbst die stärksten Trommelfelle kaum standhielten. Wir dankten nach beiden Seiten für die lärmenden Huldigungen, fanden aber kein rechtes Verständnis bei der exaltierten Menge, außer daß uns einige Damen ihre Zungen grüßend entgegenstreckten und Grimassen schnitten, die auch bei dem fahlen Laternenlicht ihre Gesichter nicht verschönten. Gegen 8 Uhr gelangten wir durch einen Toreingang auf einen Kasernenhof von 70 Meter Länge, 30 Meter Breite, der schwach erleuchtet war. Wir erhielten zu essen und wurden dann namentlich ins Bureau gerufen. Der Kommandant sagte zu mir auf deutsch: „Sie sind bestraft, nicht wahr?“ Ich bejahte das und er fragte warum? „Weil ich mich um Hilfe an den Herrn Generalgouverneur wandte gegen die Prügelstrafe, welche einige Offiziere in Casabianda gegen uns Gefangene eingeführt haben.“ Er kannte die Sache und es war mir schon gesagt, daß er auf meiner Seite stand. So beschied er mich auf morgen. Wir gingen dann nach oben, erhielten ein Zimmer zu zehn Mann, darunter Moritz, Bonitz, Schmidt, Schaaf, Pasch, von Maltzahn, Spangenberg, Hirschfeld, fanden für jedes Lager Strohmatratze, Strohsack, Schlafsack und zwei Decken vor. Das Zimmer war geräumig und nicht unfreundlich und wir schliefen gut, doch wußte ich, daß ich mein Lager wieder mit einem weniger freundlichen vertauschen müßte, denn noch fehlten neun Tage Kerker. Am nächsten Morgen erfuhren wir das eine, daß wir in ein ganz gutes Lager gekommen waren, und daß es wohl kein Lager in ganz Frankreich gäbe, das Casabianda an die Seite zu stellen wäre. Wir drei Schwerverbrecher, Baron von Weichs, Dr. Steinbrecher und ich, wurden zum Arzt geschickt, der Kommandant hatte vielleicht gedacht, uns so von der Fortsetzung der Strafe zu befreien. Der Arzt fand bei den anderen etwas, bei mir nichts, was ihn nicht hinderte, uns alle drei als haftfähig zu erklären. Der Kommandant sagte uns denn auch sehr liebenswürdig, er könne die Strafe nicht aufheben, weil sie vom Generalgouverneur verhängt sei, er wolle sie uns aber leicht gestalten. Dann rief er uns alle und sagte in einer Ansprache, er wüßte, wie schlecht wir es in Casabianda gehabt hätten, und er wolle sorgen, daß wir es hier besser haben. Im Grunde hat er das gehalten und ist wohlwollend geblieben. Wir konnten uns über das, was an Maßregeln von ihm ausging, nicht beschweren. Was an Ungerechtigkeiten, Repressalien usw. kam, ging nie von ihm aus, und als er seine Stellung verließ, erfuhren wir, wie sehr ein Lagerleben vom guten oder bösen Willen des Kommandanten abhängt. Auch Offiziere und Mannschaften benahmen sich zu damaliger Zeit nicht ungebührlich, wir waren ja auch nicht verwöhnt in Casabianda. Am Abend wanderten wir in den Kerker, das war freilich ein Unterschied gegen Casabianda. Ein heller, großer Raum mit Lagerpritschen. Decken nahmen wir uns mit, wie wir wollten. Der Kommandant besuchte uns am zweiten Tage, gab uns eine Kiste Papier, wenn wir arbeiten wollten. So sind die neun Tage hingegangen, wir kamen zwei bis drei Stunden auf den Kasernenhof, durften auch in die Kantine, und wenn die Wanzen auf den Pritschen nicht gewesen wären, so hätten wir keinen Nachteil gegen die anderen Gefangenen empfunden, die mit ewigen Revisionen und Appellen geplagt wurden. Die Wächter kannten den Grund unserer Bestrafung und benahmen sich durchaus gebührlich. Später sind Freiheiten, wie wir sie genossen, nicht mehr gewährt, auch kamen viele Gefangene in die Einzeldunkelzellen. Die Bestrafungen waren in Uzès etwa so zahlreich wie in Casabianda, nur handelte es sich in den ersten Monaten meist um kurze Ordnungsstrafen. Am 14. Mai endete unsere Kerkerzeit und das Lagerleben begann von neuem.

Wenn ich die Wahrheit bekennen soll, so muß ich gestehen, daß nach den ewigen Aufregungen vergangener Tage die Oede von Uzès fast unerträglich war. Wir waren so ganz heraus aus dem gewohnten Getriebe, kein Korporal setzte uns bei dem ersten Widerstand den Revolver auf die Brust, Schüsse fielen selten und auch nur dann, wenn ein kriegsunkundiger Kämpfer sein Gewehr laden und die Sicherung probieren wollte. Das tägliche Theater fehlte, das unseren Nerven so unbedingte Gewohnheit geworden war. Uns war zumute wie in einer Abstinenzkur, wir hatten sogar einen Korporal, der uns ein gewisses Wohlwollen entgegenbrachte. Das verstößt so gegen alle Regeln und Kriegsgesetze des jüngsten Krieges, wie wir sie bisher in Frankreich erfaßt hatten. An Strafen fehlte es, wie gesagt, nicht; aber es fehlte ihnen so der intime Reiz der Gemeinheit, sie waren nicht einmal immer ungerecht, und es hatte nicht einmal jeder Korporal das Recht, dem ersten besten boche, wenn es ihm gefiel, an die Gurgel zu springen und mit ihm abzufahren. Hier pfiff nicht einer auf den anderen, es herrschte etwas wie militärische Ordnung, und daran muß man sich nach so strapaziöser Zeit erst langsam gewöhnen. Auch der Kerker war, wie ich schon sagte, so gar nicht romantisch, wie in Casabianda, mit verfaulten, dumpf riechenden Mauern und Ungeziefer jeder Art. Die paar Wanzen, was ist das? Auf die Gefahr hin, daß meine Leser einschlafen, will ich mich zwingen, einen Tag der Gefangenschaft zu schildern, den ich ebenso den 1. Juni wie den 20. August oder den 23. Oktober nennen kann. Was galt uns überhaupt ein Datum? Ein Traum war alles und wir ersehnten das Erwachen. „Nur mit Entsetzen wach’ ich morgens auf, ich möchte bittre Tränen weinen, den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf nicht einen Wunsch gewähren wird, nicht einen.“ Also zur Prosa, die besser hierherpaßt. Morgens um 5 Uhr, auch 5½, selbst 6, je nach dem Gang der Sonne, tönt das Signal „Wecken“. Jeder regt, reckt sich und legt sich auf die andere Seite des traurigen Strohlagers, denkt noch zwanzig Minuten nach, erhebt sich, meist der gewohnten Reihenfolge nach, der Langschläfer folgt dem Kurzschläfer. Neben dem Lager steht ein Schälchen Kaffee, seiner braunen Farbe wegen so genannt, den mit dem Wecksignal der Diensthabende in die hingestellten Gefäße gegossen hat. Man greift dazu, ich habe mich an den Verzicht gewöhnt. Einige stürzen sich darauf, essen und trinken dazu, ehe sie sich die Zähne geputzt haben, aber das schwarze Brot, welches eine Nachahmung des K. B. sein soll und extra gemacht ist, uns zu ärgern, wirkt der Zahnbürste ähnlich. Also wir erheben uns, greifen zum gefüllten Eimer, wenigstens die, welche sich einen gekauft haben, zu Handtuch, Seife, Glas, Pebeco, Zahnbürste und gehen in den Waschraum, dessen Fülle und Akustik gräßlich ist. (Ich selber war so undiszipliniert, daß ich die Reinigungsprozedur im Zimmer vornahm.) Dann kam der Diensttuende und reinigte das Zimmer, erst trocken, dann naß. Wir Begüterten stellten Vertreter, da uns die Arbeit nicht so recht von der Hand ging, unsere Burschen machten unsere Lager zurecht, zuletzt ging alles in eiligem Tempo, denn schon erklang eine Stunde nach dem Signal „Wecken“ das zweite Signal „erster Appell“. Wir stellten uns vor die Lager in Reih und Glied und die Regierung nahte, die mit Herrschermiene die Meldung des Zimmerchefs entgegennahm. Dann kam ein solennes Frühstück, Tee, Kaffee, Kakao, je nach dem Sortiment der braven Alten in der Heimat, die mich reichlich versorgt hatte. Dann verteilte sich der Schwarm. Es gab Unterrichtsstunden. Moritz unterrichtete im Englischen, leider nur kurze Zeit, Bonitz im Spanischen, ich nahm Unterricht in Stenographie und später im Neugriechischen und Türkischen, fast alle Sprachen wurden unterrichtet, auch gab Rektor Kalb für die weniger Gebildeten Elementarunterricht, Mathematik usw., was dem Herrn, der sich auch sonst große Verdienste um das Lagerleben erworben hat, besonders gedankt wurde. Der morgendliche Frühgang hatte bei sieben Lokalitäten und über fünfhundert, welche Anwartschaft darauf geltend machten, recht große Schwierigkeiten. Wie eine Schlachtreihe aufgepflanzt, lauerte man auf das Erlösungswort: Ablösung vor; wohl dem, der nach Scheffelscher Sangesweise altphilosophischem Grundsatz der Guanovögel folgen konnte! Aber auch dort war die Einrichtung, so primitiv sie war, doch golden gegen die in Casabianda. Dann kam ruhige Zeit des Arbeitens oder Lesens, anfangs auf eigenem Stuhl am eigenen Tisch, bis das verboten wurde. Ich schrieb mein Tagebuch, mit dem ich später so traurige Erfahrungen gemacht habe, und wenn ich so im Freien saß und schrieb, dann vergaß ich bisweilen das Elend der Gefangenschaft. Ich selber war dienstfrei von jeglichem Dienste. Für die anderen kam um 8½ Uhr das Signal „Turnen“, das war für uns insofern unangenehm, als wir um diese Zeit nicht im Freien sitzen durften. Im Freien — nun, das Wort mag hingehen, der Himmel war über uns, und etwa zehn Bäume gab es auch auf dem Hofe, sonst war der Ausblick freilich durch Haus und Mauer versperrt. Nach einer Stunde wurde das Turnen abgeblasen, wieder nach einer halben Stunde wurde zum Brotempfang und dann zum Essen geblasen.

Meist wurden inzwischen noch einmal die Korporalschaftsführer zusammengeblasen, um Spezialaufträge in Empfang zu nehmen. Beim Essensruf vereinigte sich alles, was essen wollte. Man mußte auf Empfang der Portion meist so etwa zwanzig Minuten warten (das ist später dadurch vereinfacht, daß die einzelnen Zimmer durch Vertreter das Essen in Eimern für jedes Zimmer holen ließen), aber es lohnte sich, besonders wegen des Wechsels im Menü. Montags gab es Fleisch mit Sauce und Kohlsuppe, Dienstags auch, Mittwochs dasselbe, Donnerstags auch, Freitags Stockfisch oder Sardinen und Sonnabends und Sonntags Fleisch mit Sauce und Kohlsuppe. Wir upper ten thousands hatten eigene Art, den Leib zu pflegen. Einige aßen extra in der Kantine, andere kochten selbst oder ließen sich kochen. Zu den letzteren gehörte ich und ich bin nicht schlecht dabei gefahren. Der Mittagstisch, wie ich ihn mit einigen kurze Zeit in der Kantine hatte, wurde bei der dauernden Steigerung der Lebensmittel zu teuer, so daß wir uns derlei nicht mehr leisten konnten, besonders seit die Auszahlungen aus dem eigenen Depot immer mehr beschränkt wurden. Au titre de repressalies wurde überdies bald in der Küche nur dreimal wöchentlich Fleisch verabfolgt und das Brot wurde täglich ungenießbarer.

Der Leser verzeihe mir, wenn ich immer wieder abschweife, die Oede des Alltags in Uzès wirkt noch in der Erinnerung wie Augustgewitterschwüle, und jede Abschweifung ist mir, auch wenn ich mich zwingen will, beim Thema zu bleiben, wie kühlender Wind.

Also weiter: Um 10¾ wurde wieder geblasen, diesmal zum wirklichen Appell. Ich schrieb damals an meine Frau, sie möchte sich doch beizeiten eine ordentliche Trompete anschaffen, denn es würde mir unmöglich sein, ohne das nötige Geblase mich zu Bett zu legen, mich zu erheben, mich zu waschen, zu essen, Nachmittagsschlaf zu halten oder gar aus ihm wieder zu erwachen. Gleich nach dem Appell ertönt das Signal: Die Kantine ist eröffnet. Sechsmal am Tage gibt es Kantinensignal: dreimal Kantine offen, dreimal Kantine zu. Um die Stunde wird Zeitung verkauft und nun stürzen wir uns auf die neusten Nachrichten. Das war zu Zeiten des russischen Feldzuges die schönste Stunde des Tages neben der Abendstunde, wo wir den „Radical“ nach dem Abendappell lasen, der anfangs starke Artikel brachte, dann zahm wurde und aus der Hand fraß. Um ½2 dumpfes Signal: Antreten zum Vortrag. Dahin gehe ich fast nur, wenn ich muß, und ich muß, wenn ich selber spreche. Es ist das nicht selten, weil ich zu den Berufsvortragenden gehöre. Später, als die Möglichkeit zu neuen Themata sich immer mehr erschöpfte, habe ich mich gänzlich emanzipiert. Ich sprach abwechselnd über Medizin und Literatur, bereitete mich wenig dazu vor. Das Publikum ist selten gewählt, es gilt mir als eine Uebung zum freien Sprechen. Ich nehme es keinem übel, der nicht in meine Vorträge kommt, wie ich vice versa dieselbe Rücksicht gegen mich verlange. Aber doch hat es einen gewissen Wert, daß solche Vorträge gehalten werden, es gehört durchaus zum Stil. Ich möchte, ohne jemand zu kränken — mich selber nun schon gar nicht —, behaupten, die Vorträge bilden die Höhe des Stumpfsinns, denn bekanntlich kann man, ohne eine Bibliothek zur Hand zu haben, etwas Wissenswertes kaum bringen, da hier und da Lücken sich zeigen, die aus dem Gedächtnis nicht auszufüllen sind. Nach dem Vortrag der übliche Spaziergang zwischen vier oder sieben Mauern, immer auf und ab und ab und auf, und nun blüht der Stumpfsinn: die Zeitungen und neusten Nachrichten werden besprochen. Da ist Herr A., der hat eigene Interessen und weiß, der Friede steht nahe bevor, weil dadurch seine finanziellen Verhältnisse gebessert werden; da ist Herr B., der genau weiß, daß der Krieg noch zwei Jahre dauert; Herr C., der von Hause im bekannten Hieroglyphenstil der Gefangenen Nachricht erhalten hat, daß Onkel Ruß am Abschnappen und Tante Fränzchen schwerkrank ist, oder daß Onkel Polnickel aus der Hauptstadt ausgezogen ist, womit der Fall Warschaus gemeint ist, den wir schon seit Wochen wissen; Herr D., welcher wieder einmal einen Beitrag zu seiner zahlreichen Korrespondenz mit der amerikanischen Botschaft zu Paris bespricht, von dem er nun endlich Erfolg erwartet; Herr E., Journalist, der mathematisch sicher nachweist, wie sich die Balkanstaaten, jeder einzeln, verhalten müssen und werden, und sich doch immer irrt. Prophezeien ist sehr schwer, nach der Tat schon weniger. Besser man wartet ab und behauptet dann, man habe das alles vorher gewußt. — Nach 19 Monaten der Gefangenschaft hat der französische Staat sich überzeugt, daß meine Patente und Papiere, die ich im Anfange meiner Gefangenschaft eingereicht hatte, wirklich in Ordnung waren, und mich, nachdem ich, wie Schmidt, der in der gleichen Lage war, etwa wöchentlich Eingaben gemacht hatten, als Offizier anerkannt. Ich kam dann mit Hauptmann Engelhard in ein Zimmer und genoß aus vollem Herzen die Ruhe.

Um 3 Uhr war Paketverteilung. Die Liste der Begünstigten stand von Mittag an am schwarzen Brett angeschlagen. Zur selben Stunde — später wurde das anders — war auch Postverteilung. Das waren die Höhepunkte des Tages, und bemitleidenswert die, welche von keiner Seite bedacht waren. Ich hab’ es oft auf Kirchhöfen gelesen und erinnerte mich jetzt, wenn ich sie auch nicht mehr geschmackvoll finde, an die Inschrift: „Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, er ist nur fern; tot ist nur, wer vergessen wird.“ So geht es auch uns lebendig Begrabenen. Solange wir den Unseren wirklich fehlen und immer wieder Liebeszeichen von ihnen erhalten, rechnen wir uns noch zu den Scheintoten und arbeiten noch am Erwachen. Traurig daran sind die, welche kein Band an die Heimat fesselt, trauriger die, bei denen das lange Fernsein das Band lockert oder gar zerreißt. „Alle nicht, die wiederkehren, werden sich der Heimat freuen.“ —

Zuerst kleine Pakete, die werden schneller befördert als große oder gar Briefe, und dann ersehen wir aus der Adresse einen Gruß, der uns wenigstens sagt, daß der Aufgeber lebt und gesund ist. Sie enthalten meist Frühstückstaschen, aber das Wichtigste an ihnen ist doch Handschrift und Poststempel. Wenn wir die vielen Todesnachrichten hören, die unsere Genossen im Lager erhalten, so freuen wir uns doppelt über jede frohe Nachricht. Die Bestimmungen und Repressalien verändern sich im Lager von einem Tag auf den anderen. Der kluge Mann baut vor und sorgt, daß er im Falle der Not in seinem Depotkoffer Vorrat finde. Was heute gilt, gilt morgen nicht. Ich war, dank meiner braven besseren Hälfte, immer reichlich versorgt und kam nur dann in Not, wenn meine Freilassung etwa sicher war, das war zufällig beide Male um die Weihnachtszeit, man erwartete mich mit Sicherheit zu Hause.

Weihnachten.

Unter gleichem Franzmannsjoch
Winkt der zweite Weihnachtsbaum;
Träum’ ich? Wach’ ich? Immer noch
Schreckt mich’s wie ein wüster Traum.
Und ich hör’ die Mär erschallen —
Nie wird sie zur Wahrheit werden —
Von dem Frieden auf der Erden
Und der Menschen Wohlgefallen.
Nein, ich mag den Baum nicht seh’n,
Der zum zweitenmal mich narrt;
Weihnacht will ich heut’ versteh’n:
Schwert am Knauf, nach Preußenart!
Mag, wer will, von Liebe sprechen
Mitten in Gewitterstürmen,
Wo sich Leib und Leiber türmen,
Wo im Hassen Herzen brechen!
Keinen Baum, nicht hier und dort,
Der die Friedensbotschaft trägt;
Wilder Haß für heut’ das Wort,
Den ich Tag für Tag gepflegt,
Daß ich ihn den Kindern bringe
Und nur denke, ihn zu mehren —
Kindeskind soll ihn noch ehren —
Jenen Haß, der Frieden zwinge!

Was Repressalien sind, läßt sich schwer beschreiben. Wir haben eigentlich den Eindruck gehabt, daß wir in puncto Repressalien immer die Dummen waren. Ein Franzose schreibt, daß er im deutschen Lager nur schwarzes Brot bekommt, das er nicht mag. Sofort bekommen wir aus Reziprozität auch nur schwarzes. Da man aber schwarzes Brot hier nicht backen kann, so kommt eine Masse heraus, die die Därme zu wildester Tätigkeit aufstachelt. Im deutschen Lager bekommen die Franzosen Bier; sofort dürfen wir auch Bier haben, keinen Wein, der naturgemäß hier billiger ist als Bier, weil er Nationalgetränk ist wie bei uns das Bier. Das Bier ist in Deutschland gut und billig, hier unerschwinglich teuer und schlecht.

Doch zurück zu den Paketen. Neben den Familiensendungen kamen auch Liebesgaben in unser Lager, recht reichlich. Meist vom „Roten Kreuz“, auch von Privaten, die natürlich unter die Bedürftigen verteilt wurden. Aber einmal fiel auch für mich etwas ab, und das erzähle ich, weil es mich in so trostloser Zeit wirklich gefreut hat. Hauptmann Engelhard, mit dem ich später das Zimmer teilte, erhielt von der Vorsteherin der Gundelfinger Schule in Basel ein Paket mit Waschlappen, welche die kleinen Mädchen ihrer Schule für die armen Gefangenen gestrickt hatten; davon gab er mir einen zugleich mit dem Briefe der kleinen Spenderin, der also lautete:

Ich bin ein kleiner Stumpen
Und habe gestrickt vier Lumpen
Für die gefangenen Soldaten,
Die auf ihre Freiheit warten,
Daß sie sich können waschen rein,
Wenn sie siegreich wieder kehren heim.
Mit Gruß Luise Schnetzler, Basel.

Ich antwortete ihr umgehend.

Nachmittags um 4½ blies es „Kantine offen“, um 4¾ „Essen“, um 5½ „Kantinenschluß“, um 6 oder 7 „Aufs Zimmer“, um 6½ oder 7½ „Abendappell“, um 8½ „Lampen auslöschen“, kurz, es blies den ganzen Tag. Wenn die Lampen, die wir natürlich, wie das Petroleum dazu, selbst bezahlten, gelöscht waren, dann setzte die staatlich gespendete Zimmerbeleuchtung ein. Das war ein kleines Oellämpchen mit Schwimmer und leuchtete gewaltig durch die Räume. Man konnte es auch auslöschen, das machte keinen Unterschied. — Also unerbittlich ins Bett, um den Stumpfsinn des durchlebten Tages noch einmal in Gedanken durchzukosten. Ich bin gewohnt, abends zu arbeiten und spät zu Bett zu gehen; aber auch bei der geistigen Degeneration, der wir hier unrettbar verfallen müssen, ist es mir doch unmöglich, einigen Schlafkünstlern gleich, die es auf etwa fünfzehn Schlafstunden tags und bei Nacht bringen, mehr als sechs oder höchstens sieben Stunden zu schlafen. So denke ich nach, und das ist gefährlich. Manchmal schreibe ich auch noch einiges nieder; ich habe sogar gelernt, im Dunkeln zu schreiben. Von Stunde zu Stunde unterbricht mich ein seltsamer Ruf draußen. Ein Posten fängt an zu rufen: „Sentinelle, prenez garde a vous“. Der andere gibt es dem nächsten weiter, und so fort. Ob sie sich gegenseitig wecken, weiß ich nicht; es muß aber doch wohl nötig sein. Der ewig gleichmäßige Ruf schreckt mich nicht mehr auf und stört mich nicht. Ich genieße immerhin eine oder einige ruhige Stunden, die dem Heim, den Meinen und den... (Bricht ab.)

Ich freue mich der Einsamkeit, die ich mir dadurch künstlich herstelle, daß ich durch Decken und Mäntel mein Lager von dem der anderen abschließe. Dann bin ich so ganz für mich und denke mit Hamlet: Ich könnte in einer Nußschale eingesperrt sein und mich für den König der Könige halten, „wenn nur die bösen Träume nicht wären“. Und die bösen Träume, die mich quälten, waren den seinigen nicht so fern, die Qualen des Unfreien, gekränkter Ehrgeiz. — Wie hätte ich das erbärmliche Leben und mit welchem Stolze hätte ich es ertragen wollen, wenn die verdammte Frage „Wozu“ mir nicht immer wieder entgegengegrinst hätte. Was Selbstbetrachtung und Selbsterziehung sein sollte, artete in bösen Stunden in fressenden Neid aus auf die, die etwas einsetzen durften. In Casabianda hatte ich es gelernt, mich zu überwinden und falschen Stolz niederzuzwingen, in Uzès war ich davon ganz geheilt; aber das eine verwand ich nie, und die heiße Sehnsucht, der Traum meiner Freilassung würde doch wahr werden, wiegte mich zuletzt in ruhigen Schlaf. Ja, ich träumte oft und viel von den Meinen zu Hause, bis das Wecksignal mich herausriß in die dumpfe Resignation des neuen Tages. Man hat mich oft getröstet: Wenn Sie gar nicht daran denken, just dann wird es Ihnen gehen wie den anderen, die freikamen. Schlechter Trost! Ich denke Tag und Nacht, im Stehen und im Gehen, im Wachen und Schlafen nur das eine: die Freiheit. Im Schlafe träume ich, wie meine Frau mich in Konstanz empfängt, oder wie ich im Lazarett arbeite, wie ich heimatlichen Boden als jämmerlich Freigelassener betrete, da die Arbeit beendet ist. Wenn also meine Befreiung nur überraschend kommen kann, so werde ich wohl darauf verzichten müssen und weiter träumen. — — —

Nachspiele von Casabianda.

Wie ich schon sagte, wir waren in der ersten Zeit in Uzès weit besser aufgehoben als in Casabianda; das merkten wir drei Schwerverbrecher am meisten, als wir im Gefängnis zu Uzès die letzten neun Tage unserer Kerkerhaft abbüßten. Wir hatten es kaum schlechter als die anderen und brauchten uns um kein Signal zu kümmern. So entging uns denn auch die Entwicklung der ersten Eindrücke in Uzès. In uns hallte noch die entrüstete Erinnerung an Casabianda nach, und wir sollten die Folgen noch schwer spüren. Das erste und traurigste Nachspiel von Casabianda war Krankheit und Tod von Moritz. Ich habe Edgar Moritz aus Hamburg des öfteren erwähnt; wir waren zusammen von Barcelona auf der „Sister“ gefahren, hatten schon den ersten Abend, Moritz, Schmidt, Heller, Kratt, Bonitz und wir, die vier letzteren mit Familie, die ersten zwei ohne, einen recht vergnügten Abend in halbbanger Erwartung auf dem Schiffe verlebt. Nachher bildeten Moritz, Schmidt, Bonitz und ich engeren Zusammenhang. Ich schloß mich mehr und mehr an den vornehm denkenden, gemütvollen Mann an, der gleichaltrig mit mir auch gern von den Seinen sprach und mit tiefster Anhänglichkeit dem Hause verbunden war. Es war ein Mensch, dessen Seele zu feinen Klang hatte, und das Saitenspiel zerbrach in so rauher Wirklichkeit. Der Gefangenschaft und ihren täglichen Entbehrungen, ihren Aufregungen und Demütigungen war er nicht gewachsen, das fühlte er selber immer wieder. Aber die Gefahr suchte er, wo sie nicht drohte. In ihm lebte die Idee, er würde der Malaria zum Opfer fallen, die in Casabianda grassierte, und deren Wiederkehr im Sommer zu erwarten stand. Die französische Regierung schien geneigt, den Gesuchen des korsischen Deputierten nachzugeben und uns auch im Sommer zur Bearbeitung des Landes auf Korsika zu lassen, gleichviel, ob wir der Malaria erlagen. Die amerikanische Botschaft ist damals wohl eingeschritten und hat es erreicht, daß wir nach Uzès gebracht wurden. Wie oft sagte Moritz: „Ich wäre gerettet, wenn wir von hier fortkämen!“ Die drohende Reihe der Typhuserkrankungen, teilweise durch den Tod unterbrochen, hatte sich nicht geschlossen, und doch sprach der unregelmäßige Verlauf der letzten Fälle schon für ein Weichen der Epidemie. In der gefährlichsten Gegend unseres Schlafraumes in Casabianda lag Schmidt; die Erkrankungen an Typhus waren im unteren Schlafraume und gerade hier bei weitem die häufigsten. Schmidt aß meist mit Moritz zusammen, dann kamen Bonitz und ich. Ich büßte schweren Kerker, und vielleicht war das meine Rettung.

Während meiner Kerkerzeit erkrankte Schmidt, als wir schon glaubten, die Epidemie sei erloschen. Die Symptome traten sehr schwer auf; der Arzt (Marcantoni war lange entlassen) nahm ihn ins Hospital, diagnostizierte Typhus und behielt ihn dort bis zum Umzug nach Uzès. Ich erschrak, als ich ihn wiedersah, so war der korpulente Mensch heruntergekommen.

Beim Auszug aus Casabianda war Moritz ein anderer geworden. Ein Druck war von ihm genommen; er war jetzt sicher, daß er seine Familie wiedersehen würde, eine Hoffnung, die er in Casabianda ganz aufgegeben hatte. Er war wie ausgewechselt, auch im Ponton, wohin wir zunächst für vier Tage geschafft wurden, war er vergnügt. In Uzès sah ich ihn wiederum die ersten neun Tage nicht, da ich hinter Schloß und Riegel saß. Bald nachdem ich herausgekommen, fiel mir bei ihm ein gereiztes, empfindliches Wesen auf; er konnte leicht in Streit geraten, was früher nie vorkam, und vertrug keinen Widerspruch. Ende Mai notierte ich mir, daß bei Moritz der begründete Verdacht auf Typhus bestände. Bald setzten Kopfschmerz und Temperatur ein, und eines Mittags trat eine erschreckende Untertemperatur mit Kollapserscheinungen auf. Der Arzt nahm ihn ins Lazarett, nachdem ich ihm die Reihenfolge und den Charakter der Typhusfälle in Casabianda auseinandergesetzt hatte, besonders Schmidts Fall, glaubte ihn aber nach einigen Tagen entlassen zu dürfen, nachdem er nur niedrige Temperaturen fand mit Nachmittagssteigerungen. Mir war gerade das verdächtig, und der Irrtum war verhängnisvoll, wenn auch wohl das Schicksal nicht mehr abzuwenden war. Er kam auf das Zimmer 63, wo nur zwei andere Herren noch schliefen, und durfte sich eigenes Bett kaufen. So war er verhältnismäßig nicht schlecht untergebracht. Ich war fast jede Nacht bei ihm; er war durchaus kein leichter Patient... Bald traten dauernde Delirien ein, und bei seinem Auszug in das Garnisonlazarett — der Sterbende in einer gewöhnlichen Droschke — nahm ich Abschied von ihm; Lähmungen traten auf und alle Erscheinungen eitriger Meningitis. Etwa drei Wochen später starb Edgar Moritz.

Er hat ein glückliches Ende gehabt; seine Delirien führten ihn immer zu den Seinen. Er sprach nur von seiner Freilassung, diktierte an seine Frau, drängte immer wieder, daß ja das Automobil pünktlich zur Stelle wäre, daß ich seiner Frau drahte, sie solle ihn an der Grenze erwarten. Immer wieder mußte ich telegraphieren und bestellen. Der Arzt sagte ihm auf seine Frage, daß die französische Regierung seine Freilassung dekretiert habe, und so zog er glücklich von uns. Am 24. Juli 1915 fand der arme, zerstörte Geist, der einer zu schweren auf ihn gelegten Last nicht gewachsen war, die Ruhe.

Ein trauriges Nachspiel folgte: wir wollten unserem Freund das letzte Geleit geben, und das wurde nicht bewilligt. Der Kommandant meinte, er sei für unsere Sicherheit verantwortlich und fürchte die Bevölkerung von Uzès, welche uns feindlich gegenüberstände.

Die Bitte, wenigstens eine Abordnung zu gestatten, die aus dem mitgefangenen Pfarrer Hommel, mir und einigen anderen Freunden bestünde, wurde nach Anfrage in Marseille gleichfalls abgeschlagen, auch die letzte Bitte, man möchte den Sarg auf dem Wege zum Kirchhof in den Kasernenhof zur Einsegnung der Leiche und Feier tragen lassen. So mußten wir uns mit der letzten, kümmerlichen Erlaubnis abfinden, eine Feier auf dem Kasernenhofe zu veranstalten zur Zeit, wo der Tote auf dem Kirchhofe sang- und klanglos verscharrt wurde. Am 25., nachmittags vier Uhr, fand die Leichenfeier statt; es wurden Lieder gesungen, dann sprachen Pfarrer Hommel und zum Schluß ich. Ein Eichenkreuz hatten wir auf dem Grabe errichten lassen, das Mitgefangene geschnitzt haben, einen Kranz aus der allgemeinen Sammlung auf sein Grab gelegt. Heute, wo wiederum acht Monate nach seinem Tode vergangen sind, so schwerer Erlebnisse voll, freue mich fast, daß er die Ruhe gefunden hat.

Zwei Tage darauf begruben wir einen anderen Mitgefangenen, Pagel, der auch dem Typhus erlag. Der letzte schwere Ausläufer des Typhus betraf Bonitz, welcher wieder in Uzès neben Moritz gelegen hatte. Der Arzt nahm ihn gleich in das hiesige Lazarett; ich besuchte ihn täglich, und er überstand die Krankheit nach monatelangem, schwerem Lager und Rezidiv. Lange hat es gedauert, ehe er sich einigermaßen erholen konnte; aber vor dem Aergsten blieb seine Familie bewahrt.

Noch ein anderes Nachspiel von Casabianda hat schweren Eindruck auf mich gemacht, wenn es sich auch glücklicher löste, als wir fürchten mußten. Es betraf meinen jüngsten Freund und Kerkergenossen, Leutnant Balduin von Herff, der bisher so tapfer dem Schicksal, das schwer auf ihn einstürmte, widerstanden hatte. Wie bekannt, hatte er dasselbe Verbrechen begangen wie ich, er hatte die ganze Prügelaffäre seinem Vater, Professor der Gynäkologie in Basel, berichtet und den Bericht mit Urin unsichtbar geschrieben. Am Tage, als wir nach Uzès abmarschierten, soll er, wie wir später hörten, freigekommen sein. Aber schon zog sich neues Verderben über seinem Haupte zusammen. Der juristische Grundsatz, „ne bis in idem“ schien den Franzosen nicht geläufig. Am Tage, als zwei unserer mitgefangenen Zivilisten, Schielke und Rau, welche dasselbe Verbrechen wie von Herff begangen und es ebenso bereits abgebüßt hatten, in Uzès aufs neue eingekerkert wurden, um vor das Kriegsgericht nach Marseille zu kommen, konnten wir dasselbe wohl auch von Herff annehmen, der in Casabianda zurückgeblieben war. Es war wirklich so, wie ich aus späteren Nachrichten erfuhr. Ob au titre de repressalies oder aus welchem Grunde plötzlich ein so scharfes Vorgehen gerechtfertigt erscheinen sollte, weiß ich nicht; jedenfalls wurde den Dreien aus ihren Schriften ein Strick gedreht und dieser zu einem Prozeß wegen Spionage verdichtet.

So standen die Sachen, als am 16. Juli im „Eclair“, der Zeitung, die wir täglich lasen, folgendes stand:

Eclair, 16. 7.

Wegen Spionage zum Tode verurteilt.

Marseille, den 15. Juli.

Früh am 15. Juli hat der vereinigte Kriegsrat im unteren Fort St. Nicolas unter dem Vorsitz des Oberstleutnants Kervall die Todesstrafe gegen von Herff, Rau, Otto, Schicht, angeklagt, mit Angehörigen einer feindlichen Macht einen Briefwechsel unterhalten zu haben, um ihnen Aufschlüsse über die französischen Armeen zukommen zu lassen, ausgesprochen. Die Verhandlung fand unter dem Ausschluß der Oeffentlichkeit statt.

Selten hat eine Nachricht so erschütternd auf mich gewirkt. Ich hatte zusammen mit ihm gefühlt und gelitten, und sollte nun dies das Ende dieses tapferen Menschen sein? Daß er auch an der französischen Wand ganz der alte bleiben würde, wußte ich freilich. Am nächsten Tage wurde uns beim Appell verkündigt: Laut „Eclair“ sind die Gefangenen Schielke und Rau des hiesigen Lagers zum Tode verurteilt. — Also auch Herff! Glücklicherweise hat sich die Nachricht nicht bestätigt, sie war einfach erlogen. Ich erfuhr das in einem weiteren Brief durch Herff selber.

Schielke und Rau kamen bald zurück. Der Prozeß der Drei war niedergeschlagen. Grimms Berufung wurde verworfen; er wurde aber, was wir kaum zu hoffen wagten, zu zehn Jahren Zwangsarbeit begnadigt. Unerhörte Strafen wurden gegen Ritter und Teichert ausgesprochen; beide wurden zu je zehn Jahren öffentlicher Arbeit verurteilt. Durch Herffs Vater erhielt ich Neujahr 1916 die Nachricht, daß er gut aufgehoben und gesund sei. Von Ritter und Teichert haben wir nichts mehr gehört!

Meine Anerkennung als Offizier.

Eines der Lieblingslieder meiner Frau, welches sie auch oft sang, weil ich es gern hörte, war ein Wiegenlied mit entzückenden Versprechungen für ein Kind, das schlafen soll, und der Schluß war immer wieder: „Bleibe nur fein geduldig.“ Wie oft, wenn uns die Ungeduld plagte, wenn dies oder das uns an den Rand der Verzweiflung brachte, trösteten wir uns: Es wird ja werden, „bleibe nur fein geduldig“. Nie hatte ich diesen Trost so nötig gehabt als in der Gefangenschaft. Weit hinter das Ziel, frei zu werden, trat das andere, als Offizier, wie es mir zukam, anerkannt zu werden. Ich habe schon geäußert, wie furchtbar mich die Gleichheit mitnahm. Wir kämpften weidlich und mutig gegen unseren Unstern und haben unsere Anerkennung als Offizier in neunzehn Monaten so etwa wöchentlich beantragt. Versprochen wurde sie uns noch häufiger. Zu uns gesellte sich in Casabianda Oberleutnant Spangenberg, und da bildeten wir zu dreien ein schönes Gespann derer, die nicht anerkannt werden sollen oder müssen. Und doch hatten wir unsere Papiere in tadelloser Ordnung; ein Zweifel an unserer Charge konnte gar nicht da sein und war nicht da. In Casabianda war das nicht so schlimm; da gab es keine Offiziere; aber in Uzès waren schon einige anerkannt und genossen Ausnahmestellungen. Da war also unsere Stellung weit peinlicher. Nach der Marcantoniaffäre, also im Dezember 1914, war es, wo der Kommandant mir zugesagt hatte, ich solle nach Corté in ein Offizierslager, um der schwierigen Stellung dort zu entgehen. Von da erwartete ich solche Beförderung etwa täglich, geradeso oft, wie meine Freilassung, bis schließlich der Humor obsiegte und ich mich, wie auch meine Leidensgenossen Spangenberg und Schmidt, mit dem Schicksal aussöhnte, nicht ohne die wöchentlich fälligen Anträge zu machen und mit stiller Erwartung, es könne doch einmal anders werden; „bleibe nur fein geduldig“. Und es kam wirklich anders, und seitdem haben wir drei Leidensgenossen uns den Kinderglauben des Wiegenliedes, den wir schon fast verloren hatten, wiedergewonnen. Zuerst wurde, ich glaube es war im Dezember 1915, also nach einer Gefangenschaft von 1½ Jahren, Schmidt ins Bureau gerufen und ihm mitgeteilt, seine Papiere, die unauffindbar erschienen, seien zwar noch nicht gefunden, aber seine Angaben seien durchaus glaubwürdig und es werde ihm Offiziersbehandlung zuteil werden. Er zog nun in das Chambre des Officiers. Aber der Ausgang dieser Sache war peinlich genug. Der Kommandant hatte wohl aus eigener Machtvollkommenheit gehandelt, und als ein neuer Kommandant kam, wanderte Schmidt in sein altes Mannschaftszimmer.

Einige Wochen darauf schlug für Spangenberg die hohe Stunde, und er trat aus unseren Reihen in die der Begnadeten. Schmidt und ich wiederholten unser Wochenrepertoire. Er hatte wenigstens vorübergehend das Glück genossen, ich noch nie, und da ich von Casabianda her den Brandstempel als „Aufwiegler, Aufrührer und durchaus unglaubwürdig“ trug, so schien es uns schon verständlich, und wir waren überzeugt, daß es sich nie ändern würde. Aber, wie gesagt: „Bleibe nur fein geduldig“. Da geschah etwas Seltsames: Am 29. Januar wurden mit mir vier Herren, Pasch, Doetsch, Holst und Stern, plötzlich heruntergerufen. Einige Korporale kamen hinzu, und wir wurden in ein abgelegenes Zimmer gebracht. Nun, an so kleine Extravaganzen hatten uns unsere Feinde gewöhnt; aber es kam doch mehr, als wir erwarteten: Wir mußten uns in der Kälte ganz nackend ausziehen, wurden durchsucht bis auf die Stiefelsohlen und jede Falte des Hemdes. Dann mußten wir unsere Kofferschlüssel ausliefern und blieben in Polizeigewahrsam, bis die Koffer untersucht waren. In unserem Zimmer hatten inzwischen Posten jede Annäherung an eines der uns gehörenden Gepäckstücke oder an unser Lager unmöglich gemacht. Das größte Gepäck stand im Gepäckraum; der wurde von nun an gleichfalls von Posten bewacht. Aufgepflanztes Bajonett wie immer. — Ja, was war denn los? Waren wir der Spionage verdächtig? Man kannte uns doch lange genug. Daß wir ganz gemeiner Denunziation zum Opfer gefallen waren, das leuchtete uns ein. Einer, Herr Holst, hatte am Tage zuvor Geld gewechselt, dem wurde sein Geld abgenommen; bei Herrn Doetsch und Pasch fand man nichts, desto mehr bei mir. Alle meine Schriftstücke, die ich als Tagebuch gesammelt hatte, Kopien der Briefe usw., hatte ich in ein Kopfkissen eingenäht. Ich wollte nicht, daß es irgendwer lese. In diesem Kopfkissen hatte ich unglücklicherweise noch die Abschrift der rein statistischen Angaben des Herrn Spangenberg, die mir des Datums wegen zur Aushilfe dienten. Als die Vormittagsuntersuchung beendet war und wir erstaunt fragten, was das alles bedeute, lächelte mich Herr H. an: „Nun, bei einem der Herren hat man alle verborgenen Schriften im Kopfkissen gefunden!“ Das konnte nur das meine sein, und man hat mir erzählt, daß dieser Herr bei Durchsuchung meines Lagers erst das eine, dann das andere Kopfkissen aufgetrennt habe. Eine halbe Flasche guten Rotwein, den ich im Koffer aufbewahrte, nahm man gleichfalls mit. Nun hing von neuem ein Damoklesschwert über mir. Daß sie sich meines Buches nicht freuen würden, wußte ich auch, und ich wußte geradeso aus früherer Erfahrung, wie leicht man einem Mißliebigen einen Strick dreht. Nachmittags kam die Untersuchung der großen Gepäckstücke, das war der Reisekorb meiner Frau; darin war nichts; ich hatte alles im Kissen, als dem sichersten Versteck, aufbewahrt. Bei Doetsch war auch nichts, nur bei Pasch fand man einen Teil des Tagebuchs aus Casabianda. Der wurde abgenommen. Nun verlebten wir einige erwartende Tage und Wochen. — Natürlich waren wir im Innersten empört über das Vorgehen. Durften wir denn nicht Tagebücher schreiben? Wer wehrt das Gefangenen? Und daß solche Bücher nicht strotzen werden von Lobeserhebungen über die Vögte, das wird man begreiflich finden. Aber in meinem Buche war alles authentisch mit Kopien der abgeschickten Briefe belegt. Mit den großen Bogen meiner Aufzeichnungen sah ich Herrn H. häufig ins Bureau und auf sein Zimmer gehen, und da wir im Nebenzimmer lagen, so hörten wir abends, wie er seinen Kollegen Teile aus demselben übersetzte. Daß er keine Freude an meiner Gesinnung hatte, glaube ich wohl; aber strafbar konnte nichts sein, und ich war eigentlich im Grunde neugierig, welcher Paragraph für mich herangezogen werden sollte. Daß wir darauf rechnen konnten, heute oder morgen, so oder so, gefesselt nach Marseille zum Kriegsgericht geführt zu werden, war uns klar, und wir bereiteten uns auf solchen Transport vor. Da fiel am Geburtstag meiner Frau, dem 3. Februar, das erste Opfer, das wir am wenigsten erwartet hatten. Am Abend traten die Korporale nach dem Appell in unser Zimmer, und Pasch wurde abgeführt. Dessen Tagebuch war doch offensichtlich im Koffer gewesen, meines verborgen; warum der zuerst? Freilich, daß ich mein Tagebuch verborgen hatte, war klar; ich wollte, daß niemand Einsicht nehmen sollte; es war berechnet, alle Erlebnisse, die ich später Frau und Kindern bringen wollte, festzuhalten. Der Schein konnte immerhin gegen mich sprechen, aber gegen Pasch? — Die Lösung ließ nicht lange auf sich warten. Pasch wurde, wie beim Appell am nächsten Tage bekanntgegeben wurde, wegen Beleidigung des Offizierkorps, der Korporale und der Bevölkerung von Casabianda zu 15 Tagen Einzelhaft verurteilt. Der Kommandant würde die Sache weitermelden und den Antrag stellen, daß der Täter vor ein Kriegsgericht nach Marseille zitiert würde. Das war immerhin seltsam; aber wir hatten zu schweigen. Pasch blieb in strengem Verschluß. Inzwischen war Spangenberg gerufen und verhört, weil auch in seinen Aufzeichnungen manches Tadelnswerte sich fand. Daß er durch mich hereingeritten war, das tat mir herzlich leid; aber schuld war ich nicht; wir hatten so oft unsere Beobachtungen ausgetauscht, und ich wollte gern seine Bemerkungen, die so rein statistisch und sachlich waren, verwerten und sie ihm nachher zurückerstatten. Zwei Tage darauf kam unversehens der langerwartete Abgesandte der amerikanischen Botschaft in Paris, Herr Haseltine, den wir seit fast einem Jahre nicht mehr gesehen hatten, ins Lager. Dem wurden nun unsere Klagen vorgebracht, und auch ich kam zu Wort und bat, wie Schmidt, wir beide, wie immer, wenn sich Gelegenheit bot, um Anerkennung als Offizier. H. bat uns, ihm die Sachen schriftlich zu geben, und so gingen diese Schriftstücke mit der Genehmigung des Kommandanten nach Paris, von neuem. Auch im Kerker war Herr H., und Pasch konnte ihm genauen Bericht über das Vorgefallene geben. Wenige Tage, nachdem er gegangen, kam ein höherer Offizier ins Lager, welcher Spangenberg und mich rief und sagte, er habe unsere Bestrafung beantragt, nicht weil in unseren Tagebüchern Beleidigungen enthalten seien (es stehe uns frei, in Privatnotizen zu schreiben, was wir wollten), sondern weil daraus hervorginge, daß wir die Zensur übergangen hätten. Für Sp. habe er die Entziehung der Vorrechte als Offizier, für mich Gefängnis beantragt. Wir protestierten beide lebhaft, weil wir uns bewußt waren, daß ein solcher Vorwurf uns nicht gemacht werden konnte; aber wir wurden, wenn auch nicht unhöflich, entlassen, und das Damoklesschwert blieb hängen. Vorläufig geschah nichts. Ein Gerücht, Sp. habe zwei Monate Festung und ich vielleicht auch, war unbegründet. — Am 18. Februar wurde ich ins Bureau gerufen und mir die Mitteilung gemacht, daß ich als Offizier anerkannt sei, daß aber infolge des gegen mich schwebenden Falles diese Anerkennung durch den Herrn Kommandanten vorläufig suspendiert sei. Die Verfügung des Kriegsministeriums wurde mir durch Leutnant Millet vorgelesen, von einer Suspendierung stand nichts darin. Ich hatte also endlich, nach etwa 19 Monaten, das Wunderbare erreicht und war nunmehr zwar anerkannter, aber suspendierter Offizier. Wie die Anerkennung des Kriegsministers suspendiert werden konnte, leuchtete mir nicht ein, und nach vierzehn Tagen des Wartens beschwerte ich mich, weil ich noch die alte Behandlung voll und ganz genoß. Zwei Tage darauf war ich anerkannt und genoß Herrenrechte; wir glaubten natürlich, daß damit die Angelegenheit erledigt sei; aber der Mensch denkt...! Ich zog zunächst in das Offizierzimmer; vor allem wurde ich feierlich in meinem alten Zimmer „degradiert“, d. h. die roten Biesen und Tressen, die Gefangenennummer wurden mir abgetrennt und die Mütze ins Lager zurückgegeben. Schmuck- und zeichenlos zog ich in das neue Gemach. Der Kommandant bewilligte schon am nächsten Tage, daß wir beiden Aeltesten, Hauptmann Engelhard und ich, ein eigenes Zimmer bezögen, und nun folgte eine immerhin bessere Zeit, die gut zu nennen gewesen wäre, wenn der Hauptmann nicht so gräßlich geschnarcht hätte. Aber auch das war zu erdulden. Die köstliche relative Ruhe wirkte versöhnend nach so viel Leiden. Ich konnte mich wenigstens isolieren, stand nicht mehr unter dem Befehle der Korporale und fühlte wohl den Unterschied zwischen früher und jetzt. Und, eigentümlich war es, 14 Tage darauf wurde mein intimer Leidensgenosse Schmidt nun endlich auch durch kriegsministerielle Verfügung als Offizier definitiv anerkannt und zog in das Zimmer der anderen Herren. Nun endlich schien es, als sei das Schwert von unsern Häuptern endgültig genommen. Aber... Spangenberg und ich wurden am 28. März morgens ins Bureau gerufen, und es ist nicht oft, daß derlei Gutes bedeutet. So wappneten wir uns mit dreifachem Harnisch und zogen herunter. Da verkündete uns der Kommandant, daß unsere schwebende Affäre nun zum Austrag gekommen sei: der Kriegsminister habe verfügt, daß Spangenberg als Offizier 30 Tage strengen Arrest erhalte, ich als Gefangener 25 Tage Gefängnis. Da inzwischen meine Anerkennung als Offizier erfolgt sei, so habe das Kriegsministerium meine Strafe ebenfalls in 30 Tage Offiziersarrest umgewandelt. Der Dolmetscher gab die in französischer Sprache gegebene Erklärung, die wir so verstanden, wieder, daß wir jeder zu 30 Tagen Festung verurteilt seien, die in Uzès abzubüßen sei. Als Grund unserer Bestrafung verlas der Kommandant, daß wir in unserem Tagebuch die Namen der Elsässer aufgeführt hätten, welche in französische Dienste getreten seien, um sie unserer Regierung bekanntzumachen. Wieder war jeder Protest unnötig. Wir baten beide, man möchte uns beweisen, daß das aus dem Tagebuch hervorginge, und fügten hinzu, daß es sich um Soldaten handelte, die im Feindeslager in deutscher Uniform fahnenflüchtig geworden seien. Wie gesagt, solche Antworten sind unnütz, und der Kommandant tat eben, was ihm befohlen war. So hatte ich zum zweiten Male 30 Tage, aber wie anders als damals! Der Offizier teilte uns jedem ein Zimmer zu, wir durften tun, was wir wollten; unsere Ordonnanzen durften uns bedienen; nur wir waren abgeschlossen von allen anderen. Unser Essen bekamen wir aus der Kantine. Es wurde mir ein großes Zimmer, freilich kahl und lieblos, angewiesen, ich durfte mein Bett, das mir als Offizier zustand, herübernehmen, Speisen und Getränke selber zubereiten oder aus der Kantine besorgen lassen, meine Ordonnanz kam täglich zweimal, das Zimmer zu reinigen und Aufträge entgegenzunehmen; ich durfte zwei Stunden am Tage auf dem Korridor allein und beaufsichtigt spazierengehen, nur das eine war verboten: jeglicher Verkehr mit den übrigen Gefangenen. Nun, wer meine Ausführungen gelesen, mag sich denken, daß mir solche Strafe damals nicht zu schwer schien.

Ich war wirklich von Herzen froh, und nun folgten Stunden köstlichster Sammlung. Zuerst freilich empfand ich, wie sehr das Tosen der bisherigen Tage verwirrt und eine künstliche Energie erzeugt hatte, die, wie ich von anderen gehört, auch nach der Freilassung schwere Reaktion forderte. Ich mußte mich förmlich an die Ruhe gewöhnen und tat das gern, wenn ich auch unter einem mehr körperlichen als seelischen Unbehagen litt, das bisher einer künstlichen täglichen Erregung unterlegen war. Trotzdem hätte ich mit keinem im Lager tauschen mögen, so eigenartig erlösend erschien mir solche Sammlung. Ich las, schrieb, arbeitete und war von Herzen froh, daß erst das Gerassel der Schlüssel Besuch ankündigte und nicht jeder der fünfhundert Mitgefangenen mit einer nichtigen Frage oder Mitteilung in das Zimmer kam. — Aber als ich fünfundzwanzig Tage hinter mir hatte, da war diese Freude verschwunden, und ich stellte fast beschämt vor mir selber fest, daß sich das Bedürfnis doch schon recht bemerkbar machte, mich einmal mit einem der Wenigen, die mir im Lager nähergetreten waren, auszusprechen, das, was ich täglich dachte — und Zeit zum Nachdenken hatte ich reichlich —, im Diskurs zu verwerten und anderer Meinung zu hören. Es kam noch hinzu, und das spürte ich deutlich, daß das Abgeschlossensein von Luft und Sonne — sie schien nur morgens eine Stunde lang in mein Zimmer und auch das durchaus nicht immer, da an den meisten Apriltagen der Himmel bedeckt war — und der Mangel an Bewegung den Körper träge zur Arbeit macht. Das Nachdenken über sich selber, das Rekapitulieren des Gedachten fordert Absatz, und ich erfuhr, daß der Mensch doch mehr Herdentier ist, als er sich selbst gestehen mag. Da nun noch die Aussichten auf baldige Freiheit durch den bevorstehenden Austausch des gesamten Sanitätspersonals wiederum akut geworden waren, so kam das Denken in Gefahr, zu einem Schwelgen zu werden, und das stählt die Energie durchaus nicht. Je mehr sich meine Abgeschlossenheit ihrem Ende näherte, desto ungeduldiger erwartete ich es, wieder hinauszukommen, mich anderen mitzuteilen, selbst nichtige Gespräche zu führen und Gerüchte, seien sie wahr oder nicht, zu vernehmen. Ich versuchte es, mehr Bücher zu lesen, da ich zu Sprachübungen, die ich sonst trieb, nicht die strikte Lernsammlung aufbrachte. Beim türkischen Alphabet ertappte ich mich, wie ich lange schon über die Grammatik hinausgestarrt hatte und meine Gedanken auf Reisen waren, in die Schweiz, nach Deutschland, ins versprochene Kriegslazarett. Aber Bücher — ich nehme einige sehr wenige aus — nützen nichts; sie erzeugten eine größere Nichtachtung meiner selbst und konnten mich auch nicht fesseln. — Man mag mich nicht falsch verstehen. Wenige Tage fehlten, heute, wo ich dieses niederschreibe, zum Ende meiner Festungstid. Es ist selbstverständlich, daß ich diesen übrigen Tagen mit voller Ruhe entgegensehe, und daß sie keinen Einfluß auf mich ausüben können; ich habe andere Zeiten durchgemacht. Ich schreibe meine Empfindungen nur nieder, weil sie für mich eine Erfahrung bedeuten, die mich einigermaßen überrascht hat, und weil sie mich Gefühle verstehen lernten, die den Einsamen überkommen mögen, dessen Einzelhaft über Jahre hinaus, oder — es ist mir dies zur gräßlichsten Vorstellung geworden — für die Zeit des Lebens dauern. Gefühle, wie ich sie heute hege, mögen ein Anfangsstadium bedeuten, was aber für den, welchem lange oder unbeschränkte Einzelhaft bevorsteht, folgen muß, ist mir deutlich vor Augen getreten: Verstumpfung, wenn nicht vorher der Geist stumpf war... Wie lange es dauern mag, ehe ein so sicheres Ziel erreicht wird, das wird vom Individuum abhängen. Ich meine, daß ein geistig Denkender und ein Charakter schneller dazu gelangt, je kräftiger er sich wehren mag, als der Träge. — In Reuters „Festungstid“ las ich die köstlichen Worte: „Minschenverkihr und geiht hei einen ok nichs nich an, frischt dat Hart up; oewer hei is as de Musik, sei möten beid nich too drist warden. — Ne schöne, lise Melodi leggt sich weich an’t Hart, oewer wenn allens um einen rum fidelt und tut’t und trommelt, werden einem de Uhren weih dauhm un ein sehnt sik nah de Einsamkeit!“ —

So ging es mit unserer Anerkennung als Offizier; aber weil wir fein geduldig waren, so kam es eben eines schönen Tages doch so weit. Köstlich war eine kleine Episode, die wenige Wochen vor Schmidts Anerkennung spielte. Ein Kolonel besichtigte das Lager, und sowohl Spangenberg wie ich, die wir damals auf einem Zimmer lagen, traten auf Frage nach Gesuchen usw. vor und sprachen unser Befremden aus, daß wir immer noch nicht als Offiziere anerkannt seien. Er versprach, die Sache in Paris zu untersuchen, und kam auch auf Schmidts Zimmer, der natürlich, wenn es auch nicht gerade Sonnabend, der übliche Tag des Gesuches um Offiziersanerkennung an die amerikanische Botschaft war, sofort vortrat und dem Kolonel erklärte, daß er seit achtzehn Monaten gefangen sei, daß alle seine Papiere in Ordnung seien, und trotzdem habe ihm das Kriegsministerium noch immer nicht Offiziersbehandlung zugesprochen. Der Kolonel sah ihn erstaunt an, dann erwiderte er nach einigem Ueberlegen: „Ja, was meinen Sie denn? Das Kriegsministerium ist mit Arbeit überhäuft und kann sich nicht intensiv um jeden einzelnen Gefangenen kümmern. Wenn Ihnen daran gelegen war, so wäre der Weg doch leicht zu erreichen gewesen, wenn Sie einmal durch die amerikanische Botschaft ein Gesuch in diesem Sinne gemacht hätten.“ Noch stand der Gewaltige, Antwort erwartend; aber dieser ungeheuerliche Vorwurf ließ Schmidt doch bis zur Zunge erstarren. Er war noch starr, als er uns die Begebenheit erzählte. Wir haben selten so herzlich gelacht; wir wanden uns vor Lachen und stellten unter Lachen Schmidt das Zeugnis aus, daß er diesen schweren Vorwurf keinesfalls auf sich sitzen lassen dürfte. Das tat er denn auch nicht, sondern machte am nächsten Sonnabend das übliche Gesuch an die amerikanische Botschaft, diesmal aber im harten Reiterknechtston, ohne Anrede und ohne „vorzügliche Hochachtung“. Spangenberg griff zur selben Formel, und siehe da, es gelang! Wenn auch die Botschaft ihrerseits Anrede und jede Formel vergaß, die Sonne brach doch durch die Wolken, und heute sind wir „anerkannt“ dank der langen Dauer des Krieges, ohne die dies fabelhafte Ereignis natürlich nicht hätte zustande kommen können.

Vielleicht dauert nun die nächste Stufe nicht gar zu lange. Ausharren und immer wieder ausharren! Vielleicht darf ich noch einmal die Hand rühren im Dienste der gewaltigen Zeiten! Es klingt mir in den Ohren, als wenn Frau Armgard mir das Schlaflied sänge: „Bleibe nur fein geduldig“.

Hier endigen die authentischen Aufzeichnungen; was nachzutragen bleibt, ist wenig. Seit der letzten Haftstrafe, während welcher der Gefangene 30 Tage von der frischen Luft abgeschlossen blieb, fingen die Kräfte Dr. Br.s an, nachzulassen. Herr Oberleutnant Spangenberg notierte in seinem Taschenbuche: „Der Sanitätsrat fällt merklich zusammen.“ Trotzdem dachte niemand an einen tragischen Ausgang. Ein Brief aus Uzès, der zum erstenmal beunruhigende Nachrichten über Dr. Br.s Gesundheit enthalten haben soll, erreichte seine Angehörigen nicht. So kam der 8. Juli heran, ein Tag härtester Prüfung; von den Leidensgefährten Dr. Br.s wurden an diesem Tage fast alle, die ihm freundschaftlich nahestanden, von Uzès abtransportiert; einige kamen in andere Lager, die meisten nach der Schweiz. Für sich selbst hatte Dr. Br. den Gedanken, sich als erholungsbedürftig zu melden, stets abgelehnt.

Der Abschied von den Freunden bewegte ihn so tief, daß zum erstenmal in einem Briefe aus diesen Tagen eine bittere Stimmung und Verstimmung zu Worte kommt. Bald jedoch flammt die belebende Hoffnung, seine treue Begleiterin bis zur letzten Stunde, wieder auf: auch ihn trifft das Los, von Uzès zu scheiden; mit zwei Gefährten zusammen wird er für das Offizierslager von Le-Puy en Velay bestimmt, das, seiner Ueberzeugung nach, nur eine Uebergangsstation auf dem Wege nach Deutschland sein kann. In seinen Briefen fehlt jede Nachricht von der Ankündigung und Ausführung des Transports nach Le-Puy. Dagegen schreibt sein Leidensgefährte, Leutnant B.: „Nie habe ich Herrn Stabsarzt so vergnügt gesehen, als bei unserem Frühstück auf dem Bahnhof von Alais, wo wir in einem kleinen Extrastübchen speisen durften.“ Eine Zentnerlast fällt von seiner Seele, als er dem verhaßten Uzès den Rücken kehrt: Nun geht es vorwärts, zu gleichgesinnten Kameraden, zur Heimat, in die Freiheit! Noch einmal siegt der unbeugsame Geist dieses größten Optimisten, wie ihn einer seiner nächsten Jugendfreunde nannte, über alle körperlichen Leiden, über die ersten Anzeichen der Schwäche und der vernichtenden Krankheit.

Der erste Brief aus Roche Arnaud lautet: