Da öfters Menschen von reifern Jahren ihre Handlungen mit wenig Vorsicht und Klugheit unternehmen und verrichten, so ist es nicht zu verwundern, daß junge, von aller Erfahrung noch entblößte Menschen in diese Fehler verfallen. Die täglichen Beispiele beweisen solches zur gnüge; allein gewisse Fehler, die aus jugendlicher Unbedachtsamkeit begangen werden, lassen sich um so viel mehr entschuldigen, weil das Herz keinen Antheil daran hat, und man also der Tugend nicht ganz entsaget.
Die Heldin, deren merkwürdige Begebenheiten hier vorgetragen werden, war eine der, sowohl durch Verdienste als häufige Unglücksfälle berühmten Prinzeßinnen jener Zeiten, in welchen tugendhafte Handlungen noch unter dem Joch der Barbarei lagen. Ihre erhabene Geburt, ihre ausserordentliche Schönheit, und über dieses alles, ihr erleuchteter Geist, zeichnete sie vor allen andern ihres Geschlechts aus. Ihr Betragen mit dem strengen Richterauge betrachtet, solte man urtheilen, daß Liebe und Unbeständigkeit bei ihr Fehler des Temperaments waren, allein untersucht man ihre Handlungen, so wird man finden, daß sie weit mehr wegen ihres vielfältigen Unglücks zu bedauern als zu schelten war.
Jacobine, Prinzeßin von Baiern und Gräfin von Hennegau, war die einzige Tochter und Erbin Wilhelms des IV. von Baiern, Grafen von Hennegau, Holland, Friesland und Zeeland, und der Margaretha Herzogs Philipp des Kühnen von Burgunds Tochter, Uhrenkelin Kaiser Ludwig des V. von welcher sie 1401. gebohren ward. Ihre erhabene Geburt und der Glanz ihres Hausses, veranlaßten, daß die mächtigsten Fürsten, sich schon in ihrer zarten Jugend um sie bewarben. Karl VI. König von Frankreich, gab sich für seinen Sohn Johann, Dauphin von Vienois, um ihren Besiz besonders viele Mühe, und die Verlobung erfolgte auch wirklich im Jahr 1406. da Jacobine erst fünf und der Dauphin, der 1398. gebohren, acht Jahr alt war. Ob nun gleich die förmliche Vermählung weit hinaus gesezet wurde, so betrachtete man doch Jacobine von Stund an, als Königin von Frankreich, und erwies ihr gleiche Ehrerbietung. Der König von Frankreich stund mit dem Grafen von Hennegau in dem besten Einverständnis, allein der Dauphin und seine Braut, kannten sich nur daher, daß man öfters von dieser Verlobung in ihrer Gegenwart sprach.
Da nun die Liebe an diesem Bündnis keinen Antheil hatte, so wollte sie bis zur Vollziehung der Vermählung dennoch nicht unthätig bleiben, sondern ihre gewöhnliche Streiche spielen. Johann von Burgund, Herzog von Brabant, der wenig Geist aber desto mehr Ehrgeiz besaß, nahm auf einige Zeit seinen Auffenthalt zu Bergen. Da Jacobine und er leibliche Geschwisterkinder waren, berechtigte ihn dieses, den beständigen Zutritt bei ihr zu haben. Die Gräfin von Hennegau liebte ihn als ihr eigenes Kind, weil er der Sohn ihres Bruders war, und sie hätte daher sehr gewünscht, daß die beträchtlichen Güter ihrer Tochter lieber ihm als dem Dauphin zugefallen wären.
Der Herzog von Braband war eines ziemlich guten Ansehens, und dabei sehr reich; allein sein Verstand war eingeschränkt, und er hatte einen so wunderlichen Sinn, daß auch die Allernachgiebigsten mit ihm nicht auskommen konnten.[A] Dem ohnerachtet verliebte er sich auf das heftigste in Jacobinen; allein seine Leidenschaft hatte nicht jene zärtliche Empfindungen, die vermögend sind, das Herz des Gegenstandes zu rühren.
Um diese Zeit 1407 ereigneten sich in Frankreich Vorfälle von grosser Wichtigkeit für das Haus Burgund. Ludwig, Herzog von Orleans, hatte sich die Schwachheit seines Bruders, des Königs Karl, zu Nuze gemacht, und durch einen Anhang von mehr als sechshundert Edelleuten sich fast der gänzlichen Regierung bemächtiget. Dieses erwekte Eifersucht bei dem Herzog Johann von Burgund, der gleichfalls Antheil an der Regierung haben wollte. Ob nun gleich diese Zwistigkeiten durch Vermittelung ihres Oheims, des Herzogs Johann von Beri, waren beigelegt und beide Prinzen vereiniget worden; so lies doch Johann von Burgund den Herzog von Orleans den 23ten Nov. bei der Pforte Barbette in Paris meuchelmörderischer Weise umbringen.[B]
Die hinterlassene Gemahlin und Kinder des Herzogs von Orleans suchten diesen Mord zu rächen; der Herzog von Burgund der sich nach Flandern geflüchtet hatte, vertheidigte sich schlecht, und die Gräfin von Hennegau, seine Schwester, war natürlicher Weise auf seiner Seite. Da aber der König von Frankreich die Anverwandten der Dauphine schonen wollte, trieb er diese Sache nicht eifrig, sondern wünschte einen Vergleich.
Der junge Herzog von Brabant und Jacobine, die noch keinen Antheil an diesen Zwistigkeiten nehmen konnten, vertrieben sich die Zeit während man am Hof Karls VI. von nichts als Blut und Mord sprach, mit unschuldigen Spielen. Denn nachdem der Herzog von Burgund dem Bischof zu Lüttig, Johann von Baiern, gegen seine aufrührerische Unterthanen beigestanden, und diese vor Mastricht den 23ten Sept. 1408. geschlagen und vertrieben hatte, kam er mit gewafneter Hand nach Paris, vertheidigte sein Verbrechen, zog während der Schwachheit des Königs[C] die ganze Regierung an sich, verübte grosses Unheil im Königreich, und entzündete dadurch den noch unter der Asche glimmenden bürgerlichen Krieg an allen Enden des Königreichs.[D]
Ob nun gleich der junge Herzog von Brabant Jacobinen auf das heftigste liebte, hatte sie doch nicht die geringste Gegenliebe noch Neigung zu ihm. Alle seine Tritte misfielen ihr; denn in allen seinen Handlungen herrschte ein so albernes Wesen, das ihn ihr unerträglich machte. Jacobine wurde nicht anderst als mit dem Namen Dauphine benennt, daher erwies man ihr auch, als der Gemahlin des zukünftigen Thronfolgers eines mächtigen Königreichs die gebührende Ehrerbietung, und ihre guten Eigenschaften verdienten auch dieses hochachtungsvolle Betragen.
Der Graf von Hennegau bemerkte durch seine Scharfsichtigkeit die Leidenschaft des Herzogs von Brabant leicht. Er sagte daher eines Tages zu seiner Gemahlin: Ich fürchte, diese jungen Leute, die nicht für einander bestimmt sind, dürften am Ende zu vertraut miteinander werden; ich ersuche Sie also, nöthige Maasregeln zu nehmen, damit diese Vertraulichkeit nicht zu weit gehe. Sie wollen, antwortete die Gräfin, Sachen sehen, die mir gar nicht bedenklich scheinen; und wie können Sie begehren, daß Kinder, die Blutsfreunde sind, sich einander gleichgültig begegnen sollen? Glauben Sie mir diese Art angenommener Vertraulichkeit, führt öfters weiter als man glaubet. Ihre Tochter gehöret weder Ihnen, mir, noch sich selbst mehr; ich verlasse mich auf Ihre Klugheit und beschwöre Sie, alle Sorgfalt zu gebrauchen, ihre Aufführung zu beleuchten, damit mir kein Verdruß daraus erwachse. Aber Graf! was wollen Sie daß ich thun soll? antwortete sie, und was kann ich desfalls zwei noch unschuldigen Kindern verständliches sagen? Sie glauben sie unschuldiger als sie würklich sind, fuhr der Graf fort; denn, obgleich der Herzog von Brabant keinen glänzenden Verstand hat, ist er doch der Liebe fähig; meine Tochter hat schon zu viel Geist, und ich würde verzweifeln, wenn ihr Jemand Empfindungen beibrächte, die sie einzig und allein gegen den Dauphin haben soll. — Ihre Vorsicht scheinet mir ganz unzeitig zu sein, erwiederte die Gräfin; jedoch um Sie zu befriedigen, will ich das Betragen meiner Tochter und meines Neffen genau beobachten; allein, in Wahrheit! ich wünschte nicht, daß man Ihr Mistrauen und Ihre unnüze Vorsicht gewahr würde. — Thun Sie nur was ich begehre, schloß der Graf, und sein Sie unbekümmert, was andere seltsames in meinem Betragen finden mögen.
Nach dieser Unterredung gieng die Gräfin in der Dauphine Zimmer, die man eben ankleidete. Sie sahe heute ausserordentlich schön aus, und der Herzog von Brabant betrachtete sie mit solcher Aufmerksamkeit, daß er die Ankunft der Gräfin von Hennegau kaum gewahr wurde. Sie scheinen mir sehr tiefsinnig zu sein, Herr Herzog! redete sie ihn an; haben Ihnen Ihre Lehrer eine so wichtige Lexion aufgegeben, oder Sie angewiesen, Betrachtungen über die Frau Dauphine zu machen? Ich finde meinen Vortheil besser ihre Reize zu bewundern, erwiederte er, als ein unnüzes Thema auszuarbeiten, und hierinn ist mein Herz allezeit mit meinen Augen übereinstimmend. Die Gräfin verwundert über diese Erklärung, antwortete: Da Sie die Dauphine nicht ewig beschauen können, rathe ich Ihnen sich in Zeiten und nach und nach an ihre Abwesenheit zu gewöhnen; denn es ist nicht wahrscheinlich, daß Sie dieselbe nach Paris begleiten werden. Gehet sie ohne mich dahin, äuserte der Herzog weiter, so muß ich sterben; warum haben Sie sie dem Dauphin versprochen, der sie nicht kennt und der sie nie so inbrünstig, wie ich lieben wird? — Ihre kleine Thorheit kann groß werden, erwiederte die Gräfin; Sie werden nicht mit nach Frankreich gehen; denn Sie müssen notwendiger Weise in Ihren Staaten zurück bleiben. — Ha! ich werde sicher dahin gehen, rief er aus, und sollte es nur sein um den Dauphin zu bekriegen. Mit diesen Worten entfernte er sich, und die Gräfin sahe nur zu gut ein, daß ihres Gemahls Furcht gegründet war. Sie redete hierauf die Dauphine folgender Weise an: Gefällt Ihnen der Herzog so gut wie Sie ihm zu gefallen scheinen, und würden Sie es gerne sehen, wann er die Waffen gegen Ihren Gemahl ergriffe? Lachend antwortete die Prinzessinn ich schäzze den Herzog als einen Blutsfreund von Ihnen, und weil Sie ihm besonders gewogen sind; allein da ich dem Krieg feind bin, würde es jederzeit gegen meinen Willen sein, er möge auch bekriegen wen es seie. Begegnen Sie ihm nicht streng, sezte die Gräfin hinzu; allein lassen Sie sich nicht zu vertraut mit ihm ein. Die Dauphine versicherte, daß sie diesem ohne Zwang folgen werde, und daß sie bis jezt noch nichts empfunden hätte, das ihrer Schuldigkeit entgegen wäre. Ohnerachtet nun die Gräfin von Hennegau durch diese Unterredung von der Leidenschaft des Herzogs überzeugt war, wollte sie doch ihrem Gemahl nicht eingestehen, daß er recht geurtheilt habe.
Die Dauphine, die nunmehr heranwuchs, ward von Tag zu Tag reizender, und desfalls allgemein bewundert. Die Leidenschaft des Herzogs von Brabant nahm, wegen der beständigen Gegenwart eines so liebenswürdigen Gegenstandes, immer mehr zu; allein sein von Natur widriges Betragen, leistete ihm in seinen jugendlichen Begierden bei dieser zärtlichen, doch lebhaften Prinzeßin, schlechte Dienste. Er sprach viel, allein die Gaben des Ausdruks fehlten ihm. Mit ausserordenrlichem Vorurtheil von sich war er eingenommen, und doch beobachtete man an ihm nichts, als ein hochmüthiges und widerwärtiges Betragen.
Der Graf von Hennegau, den seine Gemahlin endlich die Leidenschaft des Herzogs eingestanden hatte, fand für nöthig, da die Zeit sich nahete, wo seine Tochter dem Dauphin zugeführt werden sollte, den Herzog von Brabant zu entfernen. Er veranstaltete daher seine Zurückberufung. Bei dieser Gelegenheit verübte dieser junge Liebhaber die ausschweifensten Thorheiten. Er weinte, man muste ihn mit Gewalt fortbringen; ja! seine Wuth brach sogar in Vorwürfe und Drohungen aus. Der Gräfin, die ihn bedauerte, gieng es sehr zu Herzen; allein die Dauphine blieb ziemlich gelassen, und man sahe wohl, daß sie keine Gegenneigung für ihren Vetter hatte.
Die Zwistigkeiten zwischen dem Herzog von Burgund und dem Prinzen von Orleans dauerten beständig fort; jenes Verbrechen erweckte Grausen und Empfindungen des Mitleidens bei den Theilnehmenden. Der König, der zum strafen zu schwach war, und sowohl den Beleidiger als die Beleidigten schonen wollte, blieb saumselig, den Mord seines Bruders zu rächen und hielte seine Neffen nur mit eitlen Vertröstungen auf.
Endlich nahete die Zeit, wo die Dauphine ihrem Gemahl zugeführt werden sollte. Der Graf und die Gräfin von Hennegau, die grosse Neigung zur Pracht hatten, verschaften ihr einen glänzenden Hofstaat; und Jacobine, die nun an einem der glänzenden und artigsten Höfen Europens auftreten sollte, verabsäumte keine Mittel, die ihre natürliche Schönheit noch besser erheben konnten. Man hatte zu ihrem Gefolg verschiedene der schönsten Fräuleins ernannt; unter solchen war eine mit Namen von Degre ihre vertrauteste, und dieser waren die grösten Geheimnisse der Prinzeßin nicht unbekannt. Also Madame! sagte sie einige Tage vor der Abreise zu ihr, werden Sie in kurzem dem Dauphin zugehören, und der arme Herzog von Brabant wird in Verzweiflung fallen. Sein Temperament ist nicht so heftig, antwortete die Dauphine; sein Leichtsinn der mir bekannt ist, wird seine erste Neigung durch neue Gegenstände leicht unterdrücken und ihn heilen, und ich versichere dich, daß er mich jezt schon vergißt. — Dieser Meinung bin ich nicht, Madame! erwiederte von Degre; allein das kann ich mit Zuverlässigkeit versichern, daß, da ich so grossen Antheil an allem was Sie betrift nehme, mir auch alle, die Sie lieben, nicht gleichgültig sein können. — Um Dich wegen dieser guten Empfindungen zu belohnen, erwiederte die Dauphine scherzend, wünscht ich, daß Du die unumschränkteste Beherrscherin des Herzog von Brabant wärest, und mit Vergnügen würde ich Dich Rang und Glük mit ihm theilen sehen. Das Erröthen der von Degre überzeugte die Dauphine, daß ihr dieser Wunsch nicht misfiel; allein jene stellte sich ganz schamhaftig und antwortete der Dauphine: Sie spotten meiner Madame! übertriebener Eifer ziehet mir diese Beschämung zu; ich weis meine Hofnungen besser einzuschränken, und die von Degre haben keine vornehme Ketten genug um Herzoge von Brabant zu fesseln. — Nun gut Thörin! fuhr die Dauphine fort, Du magst böse oder nicht böse sein, nichts destoweniger war es mein völliger Ernst, wenn ich wünschte, daß Du eine Fürstin und meine Anverwandtin würdest. Und ich Madame! sezte von Degre Hinzu, wünsche, daß Sie im Besiz des Dauphins, zu einer der glücklichsten, da Sie schon eine der vollkommensten in der Welt sind, werden mögen.
Endlich trat die bestimmte Zeit (1417) ein, in welcher die Dauphine ihrem Gemahl zugeführt werden sollte. Der Graf und die Gräfin von Hennegau begleiteten sie nach Compiegne, wo ihrer der Dauphin erwartete. Die Zusammenkunft dieses jungen Paars, war zwar nicht ausserordentlich feurig; allein doch nicht ganz gleichgültig. Der Dauphin war liebenswürdig und die Prinzeßin, seine Braut, besaß unzählbare Reize. Die Königin von Frankreich, unter Begleitung des Herzogs von Tourraine, ihres Sohnes, des Herzogs von Britanien, und mehrerer Prinzen empfingen sie zu Senlis. Das beiderseitige Vergnügen wurde durch vielfältige Veränderungen in Lustbarkeiten gefeiert, über welche die Dauphine viel Zufriedenheit bezeugte. Die Königin und die Gräfin erwiesen sich gegenseitige Freundschaft,[E] und nachdem man verschiedene Tage in Fröhlichkeit zugebracht hatte, gieng die Königin zurück nach Paris, der Dauphin mit seiner Gemahlin nebst der Gräfin ihrer Mutter aber nach Compiegne. Der Graf von Hennegau, der, wichtiger Angelegenheiten wegen, nach Paris gegangen war, entfernte sich, auf gewisse Warnungen, die man ihm eines Verdachts wegen beibrachte, gleich wieder. Da er nun durch die Heirath seiner Tochter sich den Dauphin ganz eigen gemacht hatte, gieng er mit der Hoffnung, ganz seine Absichten zu erreichen, zu ihm nach Compiegne; allein das Verhängniß drohete Frankreich und dem Grafen von Hennegau mit grossen Unglücksfällen. Bei seiner am 5ten April erfolgten Ankunft, fand er den Dauphin an einem vorgeblichen Halsgeschwühr in den lezten Zügen liegen, welcher gleich hernach seinen Geist aufgab, und durch diesen unerwarteten Todtesfall verschwanden zugleich alle weitere grosse Aussichten für den Grafen von Hennegau. Traurig und schmerzhaft für beide Familien, war dieses Absterben, das ganz Europa in Verwunderung sezte. Die Dauphine, deren Schmerz um so grösser war, da sie wirklich anfieng ihren jungen Gemahl zu lieben, gieng, statt nach Paris, mit ihrer Mutter zurück nach Bergen. Der Dauphin wurde ganz stille und eiligst in der Abtei Cornelien zu Compiegne begraben, welches den Verdacht seines schleunigen Todes um so mehr bestätigte; wie dann auch niemand zweifelte, daß er durch geheime Cabale des Herzogs von Brabant sei hingerichtet worden.
Des Glückesunbestand hatte Jacobine, zu einem denkwürdigen Bild des Leidens bestimmt; auf diesen Verlust erfolgte gleich ein, für sie noch weit schmerzhafter Schlag. Denn er legte den Grund zu allen ihren künftigen Widerwärtigkeiten. Der Graf von Hennegau ihr Vater, der durch den Tod des Dauphins schmerzlich gerührt war, wollte in der Einsamkeit einige Linderung suchen. Er gieng desfalls nach Bouchain; allein statt dessen, vermehrte sich vielmehr seine Betrübnis dergestalt, daß er wenige Tage nach seiner Ankunft starb. Sein Leichnam wurde in die Franziskaner-Kirche nach Valencienes gebracht. Durch diesen Tod war nun seine Gemahlin eben so, wie seine Tochter zur Wittwe geworden. Jacobine, die einzige und rechtmäßige Erbin aller seiner Staaten, wollte solche daher, und vermöge ihrer Gerechtsame, in Besiz nehmen; sie fand aber an Johann von Baiern, Bischoffen zu Lüttig, ihrem Oheim, unter dem Vorwand einer ungleichen Theilung der Verlassenschaft seines Vaters, des Herzog Albrechts von Baiern, einen heftigen Widerstand und Verfolger. Dieser Johann von Baiern, der den Bischofsstaab niedergelegt und sich mit der Wittwe, Anton Herzogs von Brabant, Bruders des Herzogs von Burgund, verheurathet hatte, machte nunmehr seine Ansprüche mit dem Schwerd gegen seine Nichte geldend.[F] Die Verlegenheit, in welche diese beiden Wittwen hierdurch versezt wurden, war nicht gering. Um aus derselben zu kommen war ein kräftiger Vorstand nöthig; die Gräfin von Hennegau war daher bedacht, solchen durch eine andere Verheirathung ihrer Tochter zu verschaffen. Sie hatte den Herzog von Brabant immerfort auf das zärtlichste geliebt. Bewust war es ihr, daß seine Liebe zu Jacobinen noch nicht erloschen war. Er war ihr Anverwandter, und stand wegen seines grossen Reichthums in gewissem Ansehen. Dieses alles, und da sie ausserdem noch glaubte, sich ihm gefällig zu erzeigen, bewog sie, ihm ohnverzüglich den Antrag zu thun. Entzückend nahm er ihn an; und da die Gräfin von dieser Seite gesichert war, fehlte nichts weiter, als ihrer Tochter gleiche Gesinnungen beizubringen; sie verabsäumte daher nicht, sie auf das schmeichelhafteste zu bereden. Sie sehen, sagte sie zu Jacobinen, in welchen Abgrund von Verlegenheiten und Unruhe der Bischoff von Lüttig uns stürzet; sein Verfahren wird uns unglücklich machen, wo nicht gar, ganz unterdrücken; durch des Dauphins Tod sind Sie frei; Sie können daher einen andern Gemahl wählen, und sehr würden Sie mich verbinden, wenn ihre Wahl auf den Herzog von Brabant fiel. Die Begierde, Ihnen gefällig zu sein, ist meine Hauptbestrebung, erwiederte Jacobine; allein Madame! welche Hülfe können Sie von einem jungen, unerfahrnen Mann, wie der Herzog ist, erwarten. Seine Geistesgaben sind ausserdem sehr eingeschränkt; aufrichtig gesteh’ ich und bin dessen überzeugt, daß unsere Angelegenheiten unter einer dergleichen Leitung schief gehen würden. Ausserdem sind wir zu nahe verwandt, als daß wir uns ohne Erlaubnis und Einwilligung der Kirche ehelich verbinden könnten. Ist es dann unumgänglich nöthig, daß ich mich verehliche? Der Dauphin und mein Vater haben kaum die Augen geschlossen; unsere Thränen rinnen noch, und Sie denken schon an ein Eheverlöbnis. Ich muß gestehen, erwiederte die Gräfin, daß alle Ihre so eben gemachte Einwendungen den Schein einiger Wahrheit haben; allein ob solche in unserer izigen Lage der Staatsklugheit gemäß sind, ist eine andere Frage. Der Herzog von Brabant muß einzig und allein nach unserm Rath und Willen handlen; je weniger er aus selbst eigener Gewalt und Einsicht auszurichten vermag, desto mehr bleibt er uns unterwürfig. Urtheilen Sie selbst nach dem Betragen des Bischoffs von Lüttich, ob es rathsam sei, sich mit ehrsüchtigen und unternehmenden Fürsten in solchen Fällen einzulassen..... Aber Madame! unterbrach Jacobine, wann ich mich mit Ihrer Erlaubnis freimüthig erklären darf, muß ich gestehen, daß es ein trauriger Zustand ist mit einem fast blödsinnigen Menschen, der nichts aus eigenem Verstand unternehmen kann und doch seinen Leidenschaften ergeben ist, Zeitlebens verknüpft zu sein. Alle das hieraus entstehende Ungemach und die Schande würde auf mich fallen; ich beschwöre Sie daher, in dieser Sache meinem Gehorsam keinen weiteren Zwang anzulegen. Sie werden beleidigend, Madame! erwiederte die Gräfin weinend. Wie! weil Sie der Herzog von Brabant aufrichtig liebte, weil er mehr zärtlich als lebhaft in der Liebe war, betrachten Sie ihn, — mich dieses Ausdrucks zu bedienen — wie ein unvernünftiges Thier, und urtheilen das Schimpflichste von ihm. Mus man eben albern sein, Ihre Verdienste schäzen zu können? Haben Sie etwas mehr Erkenntlichkeit gegen seine ersten und reinen Triebe, und denken weniger an sonstige gute Eigenschaften, die er Ihrem Vorgeben nach haben sollte. Die Kirche wird keinen Anstand nehmen, und ohne grosse Schwierigkeiten kann man sie zur Einwilligung bringen; — Wir haben tausend Beispiele von dergleichen Ehen. — Hierauf umarmte sie ihre Tochter, die die Achseln zuckte, und wohl einsahe, daß sie am Ende ihrer hartnäckigen Mutter den Willen thun, und sich ihrem Eigensinn aufopfern müste.
Da die Gräfin von Hennegau ihre Tochter etwas nachgebender sahe, verabsäumte sie nicht, die nöthigen Maasregeln auf Seiten des Herzogs von Brabant zu nehmen. Da er Jacobinen noch heftig liebte, war ihm die Nachricht, daß er noch zu ihrem Besiz gelangen könnte, auch sehr willkommen. Man veranstaltete zu Bergen alles zu seinem Empfang; und die junge Fürstin, die wohl einsahe, daß sie, ohne sich mit ihrer Mutter ganz zu entzweien, nicht anderst konnte, bereitete sich allmählig auch hierzu. Die von Degre, die den Herzog von Brabant so bedauert hatte, da Jacobine dem Dauphin zugeführet wurde, schien, da nun diese Heirath beschlossen war, dieser Fürstin nicht freudig genug darüber zu sein. Wie! von Degre! sagte sie, Du läßt wenig Vergnügen blicken, daß ich deinen guten Freund heirathe; denn nachdem Du mir sonst so vieles zu seinem Vortheil gesagt hast, scheinest du mir jezo eben so traurig als damals, wie ich mich mit dem Dauphin vermählte. Ich nehme dennoch grossen Antheil an dem Glück, das ihm wiederfähret, erwiederte von Degre; allein Madame! würden Sie es jezt gerne sehen, daß ich den kleinsten Plaz seines Herzens einnehme? Ich muß gestehen, antwortete die Fürstin, daß, da er mein Gemahl werden soll, sähe ich nicht gerne, daß er zugleich eine andere liebte; und lächelnd sezte sie hinzu, glaube ich nicht, daß sein Herz von so grossem Werth ist, daß zwei sich darin theilen könnten. Sie verdienen es auch gewis allein zu besizen, antwortete von Degre, und ich bin überzeugt, daß er keiner andern Raum in demselben verstatten wird. Sie sehen jezt, Madame! wie grosse Ursache ich hatte, für ihn zu sprechen, da ihn der Himmel für Sie bestimmt hat. Er kann dir selbst für diese geneigte Gesinnungen Dank abstatten, schloß die Fürstin, und ich werde mir angelegen sein lassen, ihn von Deiner guten Meinung zu überzeugen.
Ob sich nun gleich der Bischoff von Lüttig, unter Begünstigung Kaiser Sigismunds, dieser Heirath mit aller Gewalt widersezte, gab demohnerachtet doch das Konsilium zu Costanz die Einwilligung und Dispensation. Bei der Ankunft des Herzogs von Brabant in Bergen, sahe man unmäßige Freude aus seinen Augen funkeln. Er war jung und wohl gestaltet; Pracht herrschte in seinem ganzen Gefolg. Dieses und das Vergnügen, das man ihm ansahe, unterdrückte, oder verbarg wenigstens in etwas seine Verstandesfehler. Gleich nach seiner Ankunft veranstaltete die Gräfin von Hennegau das Beilager, das sie so sehnlichst gewünscht hatte. Viele Standspersonen und der ganze Adel des Landes wohnten der Feierlichkeit bei; und obgleich Jacobine, mit Widerwillen und nur aus Gefälligkeit für ihre Mutter, diesen Schritt gethan hatte, sahe sie doch bei dieser Gelegenheit reizender als jemals aus. Der Herzog von Brabant hatte daher Ursache, in ihrem Besiz alle Leiden, die er zu der Zeit, da er ohne Hofnung liebte, erduldet hatte, zu vergessen.
Gleich nach den Feierlichkeiten wurde an einem Vergleich zwischen Jacobinen und ihrem Oheim gearbeitet; und die, welche zu der Unterhandlung gebraucht wurden, waren in ihren Bemühungen glücklich, indem sie denselben zu Stande brachten. Diese wiederhergestellte Einigkeit lies demnach heitere Tage vermuthen; allein die angenehmsten und wahrscheinlichsten Hoffnungen werden nicht allezeit nach Wunsch erfüllet.
Während der Zeit, die der Herzog von Brabant an seinem Hof zubrachte, und von Jacobinen, seiner nunmehrigen Gemahlin, entfernet war, schenkte er sein Vertrauen einem, Namens Beghe, den er zu den obersten Ehrenstellen erhoben hatte. Dieser wuste sich dergestalt seiner zu bemeistern, und ihn zu regieren, daß er auch nicht das mindeste ohne seinen Rath unternahm. Da diesem Minister der erhabene Verstand der Herzogin nicht verborgen sein konnte, befürchtete er den Verlust dieses unumschränkten Zutrauens. Ob er nun gleich seine Furcht durch die tiefste Ehrerbiethung, die er der Herzogin bei jeder Gelegenheit erwies, zu verbergen suchte, gab er nichts destoweniger dem Herzog, unter dem Schein der Treue und Redlichkeit, zu verstehen: daß es gefährlich sei der Herzogin in allem nachzugeben, daß die klugen und beherzten Frauenzimmer gemeiniglich sich übermäßige Freiheit nehmen, und daß es schimpflich, ja schändlich für einen Fürsten, als er sei, so ganz nachsichtig zu sein. Des Herzogs Geistesschwäche war nicht frei von Stolz; dieses wuste Beghe wohl; sein Kunstgrif that daher die erwünschte Wirkung. Der ersten Sache, die Jacobine ihrem Gemahl vorschlug, widersezte er sich hartnäckig. Verwundert und verdrossen über dies unerwartete, trozige Betragen, sagte sie zu ihm: Sie müssen blind sein, da Sie die Nothwendigkeit einer Sache nicht einsehen, welche die verdrüßlichsten Folgen für uns haben kann, wenn desfalls etwas versäumet wird, und wenn Ihre Einsichten nicht stark genug sind, müssen Sie sich nothwendiger Weise auf die, welche grössere haben, verlassen. Ich glaube nicht, antwortete er trocken, daß es mir an Klugheit fehlet, und mich dünkt, Madame! daß es Ihnen gar nicht zukommt, mir Geseze vorzuschreiben. Erstaunt rief Jacobine aus: Ha! Mein Herr! wer hat Sie diese Sprache gelehret? Dürfen unsere Vortheile jezt getrennt sein, und müssen wir nicht eine einstimmige Meinung haben? Begeht eine Frau Fehler, wenn sie ihrem Ehegatten Widerwärtigkeiten ersparen will? Ja Madame! erwiederte er noch bitterer; und Weiber haben sich in nichts zu mischen, das über ihre Begriffe gehet. Mit Verachtung erwiederte sie: die Ihrigen sind so gering, daß, wenn unglücklicher Weise, unsere Angelegenheiten Ihrer Leitung überlassen werden sollten, sie ganz schief betrieben würden. — Nach diesen Worten eilte Jacobine, von Schmerz durchdrungen, zu ihrer Mutter, um ihr diesen Vorgang zu erzählen. Die Gräfin von Hennegau aber, die übertriebene Nachsicht für einen Menschen hatte, den sie selbst zu ihrem Eidam erkohr, suchte die Herzogin dadurch zu beruhigen, daß der Herzog sein Betragen von selbst bereuen und zurückkehren würde. Und kaum hatte sie ihn gesprochen, als er alles, was man von ihm verlangte, wirklich that.
Dieses benahm aber der Herzogin den Verdruß nicht, den sie hatte, mit einem so fehlerhaften Gemahl verbunden zu sein. In der Zuversicht, daß die von Degre Theil an ihrem Kummer nehmen würde, öfnete sie derselben ihr Herz; allein diese Treulose hatte schon seit geraumer Zeit ganz andere Absichten. Sie glaubte reizend genug zu sein, einem Menschen, der dem Anschein nach, eines Glücks, das jeder andere beneidet haben würde, überdrüssig war, Liebe einzuflösen. Sie nuzte also das Vertrauen ihrer Gebieterin, mit dem Vorsaz, eigenen Gebrauch davon zu machen, und spielte daher bei der Herzogin die nämliche Rolle, die Beghe bei dem Herzog spielte. Ich glaubte, daß man sich nicht genug beeifern könnte, Ihnen gefällich zu sein, Madame! sagte sie zu Jacobinen, innerlich erfreuet, daß die Uneinigkeit zu Bergen dem völligen Ausbruch so nahe war. Sie sind nicht gebohren, dergleichen beleidigende Widersprüche zu dulten. Wie? der Fürst, der sich in Ihrem Besiz über alle Massen glücklich schäzen sollte, biethet Ihnen schon Troz, und will Sie beherrschen? O Himmel Madame! welchen Wunsch äuserten Sie mir, da Sie mir ehemals den Besiz seines Herzens wünschten; da Ihre Herrschaft von so kurzer Dauer ist, wie lange würde die meinige gedauert haben? Brauchen Sie bei einem so gefährlichen Anfang Ihre ganze Herzhaftigkeit und Klugheit; jezt ist es noch Zeit, wenn Sie nicht ganz unterdrückt sein wollen, Ihre Gewalt fest zu stellen; denn Ihr Gemahl ist Ihnen Ehrerbiethung schuldig; er ist durch Ihren Besiz genugsam dafür belohnet worden. — Bei diesen Reden der von Degre, seufzte die Herzogin ohne Unterlaß; allein jene war, während derselben, auf Ausführung der gräulichsten Bosheit bedacht. Sie war auf das heftigste in den Herzog verliebt; und da sie alle Gelegenheiten nuzte, sein Thun und Lassen auszuspäen, war es ihr nicht schwehr zu entdecken, daß Beghe diesen schwachen Fürsten ganz regierte. Sie sind, sagte sie eines Tages zu diesem Liebling des Herzogs, da er ihr eben einige verliebte Schmeicheleien vorsagte, ganz aus Ihrer Sphäre. Die Sorge, dem Fürsten gefällig zu sein, sollte Sie ununterbrochen beschäftigen, und Sie sollten die Zeit nicht mit Erhebung meiner vorgeblichen Reize verderben. Opfern Sie dem Ehrgeiz dergleichen köstliche Augenblicke nicht auf, und geben Sie mir keine Ursache, mir selbsten etwas auf meine Schönheit einzubilden. — Ich kan zugleich meinem Herrn dienen, erwiederte Beghe, und einer Gebieterin Ehrfurcht bezeigen, wenn Sie wollen die Meinige sein.... Ich! unterbrach sie? Wenn ich Ihnen auch alles verspräche, würde ich doch vielleicht gar nichts halten können; kennen Sie die Frauenzimmer nicht? Einige, erwiederte Beghe; allein ich muß zugleich gestehen, daß deren verschiedene sind, die ich nicht auszuklügeln vermag; zum Beispiel unsere Herzogin. Hat diese nicht einen solchen Scharfsinn, durch welchen sie alle Unternehmungen auszuführen weis; und kan sich wohl jemand rühmen ihre Gesinnungen zu ergründen? Ja! erwiederte von Degre, dieser Kunst kan ich mich rühmen; und ich sage Ihnen mit Zuverlässigkeit, daß sie den Herzog hasset, verachtet, ja! verabscheuet. Halten Sie sich nicht mit Auskramung verliebter Schmeicheleien auf, sezte sie hinzu, benuzen Sie den Wink, den ich Ihnen gebe; aber schonen Sie meine Offenherzigkeit und benehmen mir die gute Meinung, die ich auf ihr Vertrauen seze, nicht. Nachdem Beghe dieser Lasterhaften vielen Dank gesagt hatte, eilte er zu dem Herzog von Brabant, der weder Verstand noch Empfindung hatte, und dessen Liebe mehr eine Wirkung des Eigensinns, als einer richtigen Beurtheilungskraft war. Leicht machte er ihn daher glauben, was er für gut fand; und dieser alberne Fürst glaubte, nach den Eingebungen dieses gefährlichen Menschen: daß ihn die Herzogin nur verächtlich mache, um allein zu herrschen; daß sie schon zu viel Gewalt habe; und daß es aus diesen Ursachen nöthig sei, sich jemanden zu versichern, der alle ihre Handlungen auf das genaueste zu beobachten vermögend wäre. Hierauf schlug der Herzog, wie von ungefehr, zu diesem Geschäft die von Degre vor. Er wuste schon, daß sie aus eigenem Triebe des Herzens darzu geneigt war. Er rühmte, ganz übertriebener Weise, die Schönheit, den Eifer und Verstand dieses Mädchens; und überlies die weitere Einrichtung der Sache dem Beghe. Einige Augenblicke hernach begegnete ihm die von Degre selbst. Er sahe sie jezt mit weit mehr Aufmerksamkeit als vorher an. Sie war schön, jung, sanft und auf ihrer Stirne konnte man die Begierde, ihm zu gefallen, deutlich lesen. Mit vieler Bewegung redete er sie an: Wo wollen Sie hin, mein Fräulein? Was macht Ihre Gebieterin? — Sie ist bei der Gräfin von Hennegau, erwiederte von Degre, und ich gehe, um ihr Bericht wegen eines Geschäfts, das sie mir aufgetragen hat, abzustatten. — Bleiben Sie einen Augenblick, sagte der Herzog, und vergönnen Sie mir ein kurzes Gehör; ich bitte inständigst. — Da es jederzeit meine Schuldigkeit ist, Ihnen zu gehorchen, antwortete sie, bin ich auch jezt bereit, die Befehle, die Sie die Gnade haben werden mir zu geben, zu vollziehen. — Nicht auf diesen Ton nehmen Sie es, mein Fräulein! erwiederte der Herzog; denn wer so reizend ist, wie Sie, der hat keinen andern Befehlen als denen zu gehorchen, welche eigene Schönheit und Anmuth ertheilen. Sie sind schmeichelhaft und werden gefährlich, gnädiger Herr! sagte von Degre mit niedergeschlagenen Augen; ob ich gleich nicht zum Hochmuth geneigt bin, würden Sie mich doch dazu verleiten. Aber weit entfernt, mich durch dergleichen süsse Schmeicheleien blenden zu lassen, welche im Ernst aufzunehmen nur Thorheit von mir sein würde, will ich solche nicht anderst als mit schuldiger Ehrerbietung aufnehmen. — Glauben Sie, fuhr der Herzog fort, daß ich falsch oder heimtückisch sei? Man glaubt, ich wäre unempfindsam; Ihre Gebieterin aber kann das Gegentheil bezeugen und Ihnen Meinungen beibringen, die Ihnen alle Furcht benehmen werden. Ich urtheile nicht nach dem Ausspruch anderer, erwiederte von Degre; in dergleichen Fällen sind meine Augen die sichersten Beobachter. — Nun denn! unterbrach der Herzog, so müssen Sie in den meinigen die Ueberzeugung lesen, daß ich Ihren Reizen Gerechtigkeit wiederfahren lasse, und daß Sie an der Aufrichtigkeit meiner unbegränzten Liebe nicht zu zweifeln haben. — Dieses würde ein Wunder und zugleich eine grosse Ungerechtigkeit sein, erwiederte von Degre, Sie dürfen niemand anderst als die Herzogin lieben; und wenn deren Reize, da es keine vollkommnere giebt, Sie nicht mehr fesseln können, werden es gewis keine andere, noch weniger meine, als welche sehr gering sind, vermögen. — Besser empfinde ich, was in mir vorgehet, als ichs mit Worten auszudrücken vermag, war des Herzogs Antwort; Genug, mein bestes Fräulein! ich liebe Sie von Grund der Seele, und gestehe es ohne weiter gekünstelte Ausdrücke; ersezen Sie durch Güte und ein wenig Gegenliebe, die beleidigende Verachtung, die mir die Herzogin erweiset.
Ob nun gleich die von Degre ihres Sieges gewis war, wollte sie ihre Nachgiebigkeit doch nicht gerade zu den Herzog merken lassen. Sie wollte ihm noch einige Zweifel entgegen sezzen, würde aber doch bei dieser Unterredung ihr Schiksal bestimmt haben, wann nicht eben die Herzogin dazu gekommen wäre. Da diese gar kein Mistrauen hegte, und die Gräfin ihre Mutter sie noch kürzlich versichert hatte, der Herzog habe keine böse Absichten, näherte sie sich mit Freundlichkeit, zu ihrem Gemahl, und sagte: Ich bin recht erfreuet, daß Sie sich mit meiner Gesellschafterin unterhalten; es giebt mir den sichersten Beweis, daß Sie mich nicht hassen. Ohne Zweifel war die Rede von mir, billig ist es also, daß auch ich zu ihrem Vortheil spreche, und Sie, mein Lieber! versichere, daß sie schon bei Ihrem ersten hiesigen Aufenthalt sich Ihrer Angelegenheiten bei mir mit dem wärmsten Eifer angenommen hat. Die von Degre, sich bewust, daß sie eine Person, die so viel Güte und Zutrauen hatte, auf das Schändlichste hintergieng, erröthete, und so unverschämt sie auch war, konnte sie doch die Blike der Herzogin nicht aushalten. Sie neigte ihre Augen, während der Herzog die seinigen beständig auf die Undankbare gerichtet hatte. Da Sie es mir zur Schuldigkeit machen; Madame! der Fräulein von Degre erkenntlich zu sein, sagte er zur Herzogin, bitte ich auf das Angelegentlichste, sie noch mehr zu schäzen, als Sie bisher schon gethan haben, damit durch Ihre gütige Behandlung sie einigermassen für die Verbindlichkeit, die ich ihr schuldig bin, belohnet werde. — Mit freudigem Herzen nehme ich den Befehl an, erwiederte die Herzogin, und das Bestreben, Ihnen gefällig zu sein, verbunden mit der Neigung, die ich schon dazu habe, versprechen der von Degre die glücklichsten und vergnügtesten Tage.
Während dieser Unterredung, die der von Degre so schmeichelhaft war, saugte diese Untreue das ihr angenehme Gift in vollem Maße ein: Der Herzog führte seine Gemahlin in ihr Zimmer zurück, woselbst er aber nicht lange blieb, sondern den Beghe aufzusuchen eilte. Seine Anrede war: Wissen Sie wohl, daß Sie mich eines der schönsten weiblichen Geschöpfe, das bis jezt meinen Augen verborgen war, haben kennen gelehrt? Begehe ich einen Fehler, wenn ich sie liebenswürdig finde, so fällt er auf Sie selbst zurück. Beghe, der nichts sehnlicher wünschte, als daß das Herz seines Fürsten mit einem andern Gegenstand, der die Liebe zu seiner Gemahlin ganz unterdrücke, beschäftiget wäre, rühmte die Schönheit und Annehmlichkeit der von Degre auf eine übertriebene Weise. Dieses und ihr schmeichelndes Zuvorkommen, das sie so eben dem Herzog gezeigt hatte, waren die sichersten Mittel, das noch übrige Ansehen der Herzogin zu stürzen und das ihrige zu befestigen. Sie sind es nicht allein, der die Fräulein von Degre schön findet, sagte Beghe zum Herzog, ich selbst bewundere ihre Reize; es kommt mir daher nicht übernatürlich vor, daß Sie gleichfalls Behagen daran finden: allein ob Sie gleich mein Gebieter und Wohlthäter sind, kann ich mich doch nicht enthalten, eifersüchtig zu sein. — Verlieben Sie sich nur nicht in sie, erwiederte der Herzog hastig, vielmehr, wenn Sie schon in sie verliebt sein sollten, so schlagen Sie dieses ganz aus den Gedanken, und lassen sich nur angelegen sein, mir als treuer Bottschafter in meiner Liebe zu dienen. Allein, gnädiger Herr! sagte Beghe scherzend, wie kann ich Ihre Aufträge in dieser kizlichen Sache besorgen? — Wenn Sie die von Degre ernstlich liebten, antwortete der Herzog, würden Sie mich sehr unglücklich machen, und meine Angelegenheit und mein Vertrauen stünden alsdann in gefährlichen Händen. — Sein Sie desfalls ausser Furcht, gnädigster Herr! erwiederte der Bösewicht; ich gehorche Ihnen unter der Versicherung, daß Sie auch von Seiten der von Degre nichts zu befürchten haben. Denn die Ehre, von einem solchen Fürsten geliebt zu werden, kann ihr nicht anderst als sehr angenehm sein.[G]
In dieser Verfassung stunden die Sachen, und in dieser Lage befanden sich die, welche dabei interessiret waren. Des Herzogs Leidenschaft wuchs dergestalt, und war so sichtbar, daß die von Degre fast den Verstand darüber verlohr, indem ihr nunmehriges Betragen den Schein der Ehrbarkeit nicht hatte. Beghe behandelte diese Intrique mit solcher Behuthsamkeit und List, daß die Klügsten nichts davon entdeckten, und so einsichtsvoll die Herzogin war, dauerte es doch lange genug, bis sie etwas davon merkte. Der Herzog machte der von Degre die kostbarsten Geschenke; allein, auf Anrathen des Beghe, jederzeit durch die Hände der Herzogin; hierdurch wurde, unter dem Schein, ihre Vertraute zu belohnen, diese gute Fürstin hintergangen, und man konnte mit Wahrheit sagen, daß sie mit Blindheit geschlagen sei. Wenn die von Degre durch Jacobinen mit des Herzogs Geschenke überhäuft wurde, nahm sie solche anderst nicht, als mit vielem Stolz und Geringschäzung an. Sie sagte öfters: dieses alles rührt mich nicht, Madame! wenn er Ihnen nicht Gerechtigkeit wiederfahren läßt, und sich als Ihren Sklaven betrachtet. So übertrieben sind meine Wünsche nicht, erwiederte die Herzogin, ich bin zufrieden, wenn wir nur gleiche Zärtlichkeit, Gewalt und Nachgiebigkeit für einander haben; übrigens, wenn er Dir meinetwegen Wohlthaten erweiset, so ist es ein sicherer Beweis, daß er die, welche ich liebe, gleich schäzet, und daß er mich verbindlich machen will.
So hintergieng die Herzogin von Brabant sich selbst; und Beghe, der seine Gewalt durch Hülfe der von Degre täglich zunehmen sahe, wollte sein Ansehen immer weiter und auf den höchsten Gipfel bringen. Dieses verursachte, daß endlich alles, was von angesehenen Personen in Bergen war, anfieng zu murren. Sie erachteten sich verbunden zu sein; dem Hochmuth eines Menschen, dem die Nachlässigkeit des Herzogs volle Gewalt gab, Gränzen zu sezzen, und ihn zu demüthigen. Eberhard, natürlicher Sohn des verstorbenen Grafen von Hennegau, war der Aufgebrachteste unter allen. Geheime Kundschaften, die er hatte, überzeugten ihn, daß Beghe trachte die zwei Fürstinnen unter eine nachtheilige Bottmäsigkeit zu bringen, und da er dies frevelhafte, und das Andenken des Grafen von Hennegau beleidigende Beginnen nicht zugeben wollte, entschloß er sich solches zu verhindern, und den Beghe, es sei auf welche Weise es wolle, von seiner Höhe zu stürzen, der aber dergestallt von Herrschsucht eingenommen war, daß er seinen Weg unbekümmert, was geschehen würde, fortwandelte.
Der Graf von Hennegau hatte Eberharden eine vortrefliche Erziehung gegeben, und ihm beträchtliche Reichthümer hinterlassen; und da er zugleich vielen Verstand und Muth besaß, konnte er sich um so mehr furchtbar machen. Die Güte seines Herzens flößte ihm Abscheu gegen alle Ungerechtigkeiten ein; er konnte daher den Uebermuth des Beghe und die Schwachheit des Herzogs nicht länger ertragen. Leztern selbst zur Rede zu stellen, würde ihm empfindlich gewesen sein, und die Sache nur verschlimmert haben: sich an die Gräfin von Hennegau zu wenden, wäre gleichfalls vergebliche Mühe gewesen. Das sicherste schien ihm daher, sich grade zu an die Herzogin, die ihn sehr hochachtete und viel Vertrauen in ihn sezte, zu wenden. Er redete sie also an: Madame! es schmerzet mich, daß ich genöthiget bin, Ihnen eine kleine Unruhe zu verursachen, um einer weit grössern vorzubeugen, die gewiß verdrüßliche Folgen für Sie haben würde. Die Leichtgläubigkeit des Herzogs, Ihres Gemahls hat die Unverschämtheit des Beghe so weit kommen lassen, daß er sich das Ansehen giebt, als ob ihm jeder, wer er auch sei, untergeben sein müsse. Beständig warnet man mich, daß er sich erdreiste, die wichtigsten Angelegenheiten eigenmächtig auszuführen. Bald wird er Ihnen selbst befehlen, und sich zum gänzlichen Ruin Ihrer Unterthanen bereichern. Die Frau Gräfin von Hennegau widersezt sich im geringsten nicht seinen Absichten, noch der Leichtgläubigkeit des Herzogs, aus welchen beiden die schrecklichsten Folgen und Unordnungen entstehen werden, und wenn Sie desfalls keine Vorkehrungen treffen, wird uns dieser Elende Geseze geben und ganz unterjochen. — Lieber Bruder! erwiederte die Herzogin, ich sage Ihnen den wärmsten Dank für diese aufrichtige Gesinnung, und gewis setze ich ein unbegränztes Zutrauen in Ihre Freundschaft, um derselben meine Angelegenheiten zu übertragen. Dächte mein Gemahl nur einigermassen billig, so würde er solche allen andern Ergözlichkeiten vorziehen; zu meinem grösten Unglück aber, hat mir der Himmel einen Mann gegeben, der weder eigenes Gefühl, vielweniger das geringste für mich hat, da er mir doch wirklich Erkentlichkeit schuldig ist. Ich gestehe Ihnen frei, daß mir der Beghe sehr verhaßt ist. Seine Aufführung, seine Person, sein Stolz, ja! selbst seine scheinbare Ehrerbietigkeit, und kurz, sein ganzes Betragen mißfällt mir. Ich weis, daß er seines Herrn Ohrenbläser ist, und dieser zu allen Niederträchtigkeiten fähige schwache Geist, glaubt seinen Eingebungen, wie einem Orakel. Auf meine Warnungen wird nicht geachtet; und es ist, als ob mein Gemahl verblendet wäre, da er mir sein ganzes Zutrauen entziehet. Wir werden in diesem elenden Zustand schmachten und zu der Zeit, da ich am meisten zu beklagen sein werde, wird es Menschen geben, die grausam genug sind, die Schuld auf mich zu werfen, und meine Aufführung zu tadeln. Meine Mutter ist von den eingebildeten Vollkommenheiten ihres Neffen so eingenommen, daß sie selbst seine Thorheiten vertheidiget. Was soll ich also anfangen, und bei wem Trost und Hülfe suchen? — Bei mir, Madame! erwiederte Eberhard, sollen Sie beides finden. Schon lange mache ich mir Vorwürfe, Ihnen meinen Diensteifer nicht bezeigt zu haben. Man muß sich zuvörderst des Beghe entledigen. — Ach! unterbrach die Herzogin, auf welche Art? — Dieses ist meine Sache, Madame! erwiederte Eberhard. Ach! liebster Bruder! schrie die Herzogin, ich beschwöre Sie, keine Gewaltthätigkeit zu brauchen. Ob ich gleich den Beghe auf das höchste hasse, verabscheue ich doch weit mehr alle dergleichen Verbrechen. Denn ob wir gleich seine gesezmässigen Richter sein können, dürfen wir doch seine Henker nicht werden. — Und wer erlaubt ihm, ein Meineidiger und Verräther zu sein? erwiederte der aufgebrachte Eberhard. Nein, Madame! nein! Sie sind gegen diesen ehrsüchtigen Bösewicht zu nachsichtlich; ungestraft mißbraucht man Ihre allzugrosse Güte nicht. Hierauf, und aus Furcht die sanftmüthige Fürstin möchte sich seinem Unternehmen zu heftig widersezen, eilte er von ihr, um es ungesäumt auszuführen.
Der Herzog von Brabant war auf der Jagd. Seine Abwesenheit war dem Eberhard all zu günstig, als daß er solche nicht gleich hätte nutzen sollen. Er gieng zu dem Beghe, den er vermuthlich um eine neue Treulosigkeit auszusinnen, nachläsig auf dem Faulbett ausgestrekt antraf. In dieser Stellung sahe er ihn mit vieler Verachtung an. Der Oberamtmann von Hennegau, ein kriechendes Geschöpf, des Beghe Vertrauter, war eben bei ihm. Jenen redete er zuerst an: Sie spielen eine saubere Rolle. Beghe ist der Abscheu aller redlich Denkenden, und Sie verdienten wegen der Unterwürfigkeit, die Sie ihm bezeigen, und durch welche Sie seinem unerträglichen Hochmuth steifen, ein ähnliches Schiksal. Hierauf lies der von Rache geleitete Eberhard, den Beghe durch fünf bis sechs Entschlossene, die er zu diesem Entzweck mitgebracht hatte, vermittelst verschiedener Stiche durchbohren, die ihm zugleich die Sprache und das Leben benahmen. Der Oberamtmann war so erschrocken über diese behende That, daß er vor Angst, es möchte ihm ein gleiches widerfahren, fast von Sinnen kam; also weit entfernt den Verschwohrnen die Flucht zu erschweren, erleichterte er vielmehr solche durch seine eigne.
Wie der Herzog von Brabant bei seiner Rückkunft erfuhr, was vorgegangen war, gerieth er in die schrecklichste Wuth, und drohte, sich an jedem, der ihm vorkäme, zu rächen. Die Gräfin von Hennegau, die ihren Tochtermann bei allen Gelegenheiten begünstigte, zeigte ihren Unwillen öffentlich über diese That, und die Herzogin von Brabant war dermassen darüber betroffen, daß sie wie versteinert dastund. Sind Sie es, Madame! sagte ihr Gemahl, die mich hat eines treuen Dieners berauben lassen? und haben Sie mich etwa zu glücklich geschäzet, weil ich mich auf seinen Diensteifer verlassen konnte? Sein Mörder wird nirgends Schuz finden, und nichts wird ihn meiner gerechten Rache entziehen. Was! mich so wenig achtungswerth zu halten: daß die, die ich schätze und liebe, in meinem eignen Hause nicht vor Mord gesichert sind! Was wird man erst mit mir selbst vornehmen? Ich bin mit Feinden umgeben, und nur durch besondern Schuz des Himmels athme ich noch — Ich habe Sie reden lassen, antwortete die Herzogin, weil ihr Zorn ein Strohm ist, dem sich zu widersetzen, vergebliche Mühe sein würde. Es ist wahr, Ihr Liebling ist umgebracht, und ich bin nur in soweit misvergnügt darüber, weil ich dergleichen Greuelthaten hasse; allein wollte der Himmel, er hätte niemals gelebt, so würde sein vergifteter Geist sich weniger in Hennegau ausgebreitet haben. Nicht durch mich, noch auf meine Veranlassung ist er umgebracht worden. Denn vergossenes Blut habe ich jederzeit verabscheuet. Allein bei diesem, Ihnen so nahe ans Herz gehenden Unfall, werden Sie an der von Degre eine mitleidige Trösterin finden. — Unvorsichtiger Weise sprach die Herzogin das leztere; denn man hatte sie von dem geheimen Verständnis des Herzogs mit der von Degre glaubhaft belehret. Ganz wüthend erwiederte der Herzog: Ja! und ich werde Ihre Mitschuldige zu verhindern wissen, daß ihr das nämliche Schicksal des unschuldigen Beghe nicht widerfahre. — Sie werden wohl thun, erwiederte die Herzogin ganz gleichgültig; es ist das Geringste das Sie für ein Mädchen thun können, das Ihnen Ehre, Gebieterin und Reize aufgeopfert hat; denn eines gewissen Umstands wegen bemerke ich, daß leztere ziemlich abnehmen. Hierauf kehrte sie ihm den Rücken; er aber gieng zur von Degre, deren Gesichtszüge und Leibesgestalt sich wirklich verändert hatten, ohne deswegen ihrem boshaften Sinn Gewalt anzuthun, die dann den Beghe, als ihre verlohrne Stütze, mit der heftigsten Gemüthsbewegung beweinte.
Die Gräfin von Hennegau, die den Eberhard nicht liebte, war zum heftigsten gegen ihn aufgebracht. An ihr und ihren Nachstellungen hat es nicht gelegen, daß er dem Volk in Bergen auf dem Blutgerüste wäre zur Schau ausgesezet worden: Allein er war in Sicherheit; und dieses war keine geringe Erleichterung für die bekümmerte Herzogin.
Die an die Stelle der von Degre zu der Herzogin kam, hatte viel Verstand und war tugendhafter. Ohne aufdringlich zu sein, noch sich verdächtig zu machen, hatte sie gleich zu Anfang des Umgangs Beghe mit der von Degre geschlossen, daß ihr beiderseitiges Verständnis böse Absichten zum Grund habe. Sie entdeckte alles, und sie war es eigentlich, die mit einer lobenswürdigen Vorsicht ihrer Gebieterin die Augen öfnete. Die Herzogin, die schon des Kummers gewohnt war, zeigte eben keine grosse Empfindlichkeit bei dieser leztern Beschimpfung; der Herzog war nicht liebenswürdig genug, um jene alle Gemüthsruhe benehmende Eifersucht, die öfters mit dem Verlust des Verstandes vergesellschaftet ist, zu erwecken, allein wenn sie zurük dachte, wie sehr sie dieser Treulose geliebt hatte, kam sie aus aller Fassung; und, da vollends ihre neue Gesellschafterin, die sich Climberge nennte, ihr die Stärke des Leibes der von Degre bemerken lies, betrachtete sie selbige nicht anderst als ein schändliches, undankbares Ungeheuer.
Indessen der Herzog von Brabant den Beghe beweinte, und nur allein für die von Degre lebte, die ihn ganz bezaubert in ihrem Neze hielt, machte die Herzogin ihre Mutter so aufmerksam auf Dinge, die diese ohne nicht ganz von Eigensinn eingenommen zu sein, unmöglich gleichgültig ansehen konnte. Kaum sahe der Herzog seine Gemahlin täglich einmal, da er im Gegentheil seine Zeit ganz bei der von Degre zubrachte. Endlich legte der Herzog alle Verstellung ab, und der von Degre Schande fieng an allgemein bekannt zu werden. Nun Madame! sagte die Herzogin zu ihrer Mutter, Sie haben mich genöthiget, ja gezwungen, dem Herzog von Brabant meine Hand zu geben. Was sagen Sie jezt zu seiner Aufführung, und in der Lage, in welche er mich versezet, wie soll die meinige sein? — Sie müssen sich nicht vorstellen, daß die Ehemänner, besonders die Fürsten sich eben einer so grossen Treue gegen ihre Gemahlinnen befleisigen. Wäre Ihr Vater unter der Zahl der allzugewissenhaften gewesen, so würde der Beghe noch leben, sein Mörder nicht gebohren, und wir in keiner so grossen Verwirrung sein. Verzeihen Sie ihm also diese jugendliche Ausschweifung, die sich mit den Jahren legen wird. — Was! Madame, rief die Herzogin aus, sind es grade meines Vaters Schwachheitsfehler, die er nachahmen soll? Gebe ich auch zu, daß ein Jüngling, vermöge seiner noch wenigen Erfahrung, ausschweifen, und sich, mit Hintansezung seiner Ehre, vergnügen kann, ist es darum unserm Geschlecht, und besonders einem Mädchen, das Sie mir zugesellet haben, das mit mir erzogen worden, das ich allen andern mit Achtung vorzog, das mein ganzes Vertrauen besaß, und das nun der ganzen ehrbaren Welt ein Aergernis ist, erlaubt. Genehmigen Sie auch noch sein jeziges Betragen, oder muthen Sie mir vielleicht gar zu, um ihm gefällig zu sein, die Vermittlerin seiner schändlichen Ausschweifungen zu werden? — Sie reizen meine Gedult auf das äuserste, erwiederte die Gräfin. Ihren Reden nach hat es das Ansehen, als ob Sie sich Dinge in Kopf setzen, die niemals entstehen werden. — Ha! Madame, erwiederte die Herzogin weinend, Sie sahen sie lange zuvor ein; denn die bösen Eigenschaften des Herzogs waren Ihnen zur Gnüge bekannt, und doch zwangen Sie mich, ein Opfer derselben zu werden. — Sie legen mir also die Schuld Ihres Misvergnügens allein bei, erwiederte diese unnatürliche Mutter; Gut! ich werde mich daher von Ihnen entfernen, und da Sie selbst so einsichtsvoll sind, wird es Ihnen ein leichtes sein, dem drohenden Unglück vorzubeugen. — Hierauf verlies sie das Zimmer, und stürzte die Herzogin durch ihre, am folgenden Tag wirklich unternommene Abreise nach Quesnoy, in unaussprechlichen Gram. Du siehest, sagte sie zur Climberge, daß mich alles verläßt, und ich muß fürchten, daß endlich auch Du, wie mein Gemahl, meine Mutter, meine Dienerschaft, ja! öfters mein eigener Verstand, mich noch verlassen wirst. Gerechter Himmel! was habe ich verbrochen, daß du mich mit so viel Unglück heimsuchest? Mein Wandel ist schuldlos, kein Verbrechen habe ich begangen, dennoch sind meine Leiden groß, und bald werde ich, statt wie ich es gekönnt hätte, in gewissem Glanz zu leben, vom Glück ganz verlassen, der Spott und die Verachtung der Menschen sein. Ha! Climberge! wie gepreßt ist mein Herz, und wie schwach sind meine Kräfte, dergleichen harten Prüfungen zu widerstehen! — Ich gestehe aufrichtig Madame! erwiederte die Gesellschafterin, daß Sie nichts weniger, als ein so trauriges Schicksal verdienen; dieses, nebst dem unschuldvollen Bewustsein muß Ihnen die Leiden erträglicher machen. Unterliegt Ihr Muth ganz, so können Sie leicht urtheilen, wie es mit dem meinigen beschaffen sein würde. Ohne ungerecht zu sein, dürfen Sie an meiner aufrichtigen und ehrfurchtsvollen Ergebenheit nicht zweifeln. Setzen Sie mich, theureste Fürstin! auf die Probe. Ich verabscheue die von Degre, deren Betragen jedem Redlichen ein Greuel sein muß, und die wegen ihrer schändlichen Undankbarkeit nicht hart genug bestraft werden kann. Es wundert mich nicht, daß die Tugend eine Buhlerin verläßt, noch daß ein schwacher Fürst sich so weit vergehet, die ehelichen Pflichten hintan zu setzen; aber daß die Frau Gräfin von Hennegau, der Sie leider! zu viel nachgegeben haben, sich unverantwortlicher Weise entfernet, und Sie in einer so traurigen Lage verlassen hat, dieses deucht mir entsezlich zu sein, und ich kann nicht ohne tiefe Wehmuth an dieses Verfahren denken. — Laß mich! rief die Herzogin schluchsend, laß mich, grausames Schicksal! deine ganze Härte fühlen! Unter allen Wegen, die Du mir zeigest, werde ich immer den unschuldigsten einschlagen; bin ich bestimmt unglücklich zu sterben, werde ich doch wenigstens den Trost haben, schuldlos mein Haupt niederlegen zu können. Climberge weinte mit der Herzogin, und sie würden beide wahrscheinlich noch lange in dieser traurigen Beschäftigung geblieben sein, wenn der Herzog nicht dazu gekommen wäre und sie gestöhret hätte. Nun, Madame! sagte er mit stolzem und verachtendem Ton, Ihr mürrischer Sinn hat denn endlich die Frau Gräfin von Hennegau vertrieben; zum Lohn ihrer zärtlichen Sorgfalt muß sie nun den bittersten Schmerz empfinden. Für wen bewahren Sie Liebkosungen, wenn die, die das erste Recht drauf haben, und die Ihnen am schäzbarsten sein sollten, solche entbehren müssen? — Wenn ich aufgelegt wäre mich zu ereifern, erwiederte die Herzogin mit vieler Mässigung, so gäbe mir ihr Betragen Stoff genug. Sie sind der Urheber alles dessen, was vorgeht, und die Quelle meiner Leiden. Meine Mutter hat eigensinniger Weise drauf bestanden, daß ich Sie heirathen sollte, ob ihr gleich Ihre Gemüthsbeschaffenheit nicht unbekannt war. Wie belohnen Sie diesen meinen unglücklichen Gehorsam? Sie beleidigen mich auf hundertfältige Weise; und, nicht zufrieden mich die größte Verachtung empfinden zu lassen, füllen Sie noch mein Haus mit Schimpf und Schande; da Sie unter meinen Augen eine meiner Frauen, die ich am meisten schäzte, verführen. Hohnlachend unterbrach der Herzog: ich rathe Ihnen, noch auf die Liste meiner Verbrechen den Mord des Beghe zu sezen, ob ich gleich solchen Ihrer unmässigen Begierde, allein herrschen zu wollen, zu verdanken habe. In Ansehung der von Degre aber sollten Sie mir billig wegen der Achtung, die ich für sie habe, verbindlich sein, da Sie mir ihre Verdienste öfters angepriesen haben, und mein Herz also hier Ihre Empfehlungen erfüllet, und Ihre Vorschriften befolget hat. — Ha! Grausamer, welche Folgen von Leiden bereiten Sie mir? Ueberflüssig wäre es, Sie an Vernunft, Pflicht und Ehre zu erinnern, denn von allen diesen Dingen wissen Sie nichts, noch weniger sind Sie fähig, solche auszuüben. Fahren Sie in Ihrem feigen und gesezwidrigen Leben fort: triumphiren Sie über meine Enthaltsamkeit, und verstatten mir, der von Degre einen Plaz einzuräumen, den ich mit Widerwillen innen habe, und auf den ich von Grund der Seele Verzicht thue.
Der Unwille verhinderte die Herzogin ein mehreres zu sagen. Sie gieng in den Garten, um in der Einsamkeit ihrem beklemmten Herzen durch eine Thränenfluth Luft zu schaffen. Allein hier fand sie abermal neue Gelegenheit zum Misvergnügen. Die von Degre, deren Schwangerschaft sich nun allgemein offenbahrte, saß unter einem Baum. Mit frecher Stirne trug sie ihre Schande, sie kam nicht mehr zur Herzogin; es war ihr ausdrücklich verboten und ihr aller Zutritt versagt. Sie schauderte und konnte ihren Zorn, bei dem Anblik dieser frechen und ganz unverschämten Kreatur, nicht verbergen. Anfangs wollte sie ihr ausweichen, allein ihr Unwille sezte sie über alle Betrachtungen weg. Schnell gieng sie auf die von Degre los, die kaum eine geringe Bewegung zum Grüssen machte. Ich stöhre sie vielleicht in Ihrem Nachdenken, sagte die Herzogin; allein da Sie meine ganze Glückseligkeit zernichtet haben, würden Sie ungerecht sein, wenn Sie mir diesen geringen Verdruß nicht zu gut halten wollten, da Sie mir durch Ihr Betragen so unendlich grossen verursachen. — Wenn Sie Misvergnügen haben Madame! erwiederte die von Degre ohne alle Ehrfurcht, ganz unbescheiden, müssen Sie sich die Schuld selbst beimessen. — Ich gestehe es, erwiederte die Herzogin. Denn wenn ich nicht blinde Güte und thörigtes Nachsehen für Sie gehabt hätte, würde ich vielen Verdruß überhoben sein. In was vor einem verächtlichen Zustand befinden Sie sich jezt, und wie können Sie mir in solchem unter die Augen treten? Habe ich Sie gelehret dergleichen niederträchtige Handlungen zu begehen; und wer hat Sie sonst dazu angeführet? Noch wenn Sie unvorsichtiger Weise, oder durch Verführung zu Fall gekommen wären, würde man Sie wegen Ihrer Schwachheit bedauern, wenigstens nicht verabscheuen so aber, da Sie selbst den Herzog zu dieser schimpflichen Leidenschaft verführet, sich ihm freiwillig Preis gegeben und ihn zu Bosheiten verleitet haben, deren er bisher unfähig war, verdienen Sie kein Mitleiden. Was für Folgen werden aus diesem strafbaren Verständnis entstehen? Sie werden ohne Zweifel elendiglich umkommen, und Ihr verführter Liebhaber wird in den Abgrund des Verderbens stürzen, den Sie ihm zubereitet haben. — Die von Degre, die sich nun zu Antworten genöthiget sahe, war verlegen, was sie zu ihrer Vertheidigung vorbringen sollte. Glüklicher Weise zog sie der Herzog, den sie von ferne kommen sahe, aus der Verlegenheit. Sie können, Madame! sagte sie mit wenigen Worten, dem Herrn Herzog alles was Ihnen gefällig ist, sagen, ich glaube daß er Sie sucht; und es wäre unbescheiden von mir, Sie in der Unterredung durch mein Verweilen zu stöhren, und Ihnen einen so verhaßten Gegenstand länger vor den Augen zu lassen. Sie kehrte hierauf der Herzogin den Rücken, die einen andern Weg gieng um ihrem Gemahl nicht zu begegnen.
Sobald die Herzogin auf ihrem Zimmer war, lies sie, in Gegenwart der Climberge, ihren Thränen freien Lauf. Ich muß fliehen, sagte sie zu ihr, und sollte mich gleich die ganze Welt tadeln, unmöglich kann ich länger an einem Ort bleiben, wo ich nichts als Gift und Galle einnehme. — Wo wollen Sie aber hin, Madame! erwiederte Climberge, und welchen Entschluß kann ein Frauenzimmer Ihres Rangs bei einer so kizlichen Sache fassen? — Ich weis es selbst nicht, antwortete die Herzogin; allein ich hoffe, daß so bald ich nur aus Bergen bin, der Himmel mir alsdann eingeben werde, was ich weiter thun soll. So hartherzig meine Mutter ist, kann mich doch nichts von der Ehrerbietung, die ich ihr schuldig bin, befreien. Ob sie mich gleich verlassen hat, muß ich sie doch aufsuchen. Rufe den Descaillon. Dieser war der treuste Diener meines Vaters, und noch der Einzige unter den meinigen allen, auf dessen Treue und Redlichkeit ich mich verlassen kann. — Climberge befolgte diesen Befehl; und kaum hatte die Herzogin dem Descaillon ihr Vorhaben eröfnet, traf dieser so geheime und schleunige Anstalten, daß sie schon den andern Morgen mit Tagesanbruch aus Bergen war. Sie gieng nach Quesnoy zu ihrer Mutter, die sich über ihre unvermuthete Ankunft nicht wenig wunderte. Nachdem sie dieselbe mit kindlicher Ehrfurcht umarmt hatte, sagte sie zu ihr: Madame! verdammen Sie meine Reise nicht, und lassen Sie vielmehr meiner Gedult Gerechtigkeit widerfahren. Der Herzog von Brabant behandelt mich mit tirannischer Unanständigkeit; sein Sie billiger und häufen meine Leiden nicht durch harte Gleichgültigkeit. Behält der Herzog volle Gewalt, so wird er mit unserm Eigenthum nicht allein die von Degre, sondern die ganze Rotte seiner nichtswürdigen und unverschämten Höflinge bereichern, wie er es schon gethan hat. — Meine liebe Tochter! unterbrach die Gräfin, Ihr Schmerz rühret mich; ich bin nicht so unmenschlich als Sie es vielleicht von mir glauben, und ich gebe ihnen die Versicherung meiner zärtlichsten Liebe und Theilnehmung Ihrer Leiden. Schon lange sollte die Aufführung Ihres Gemahls meine Langmuth erschöpft haben; allein zur Ehre unseres Hauses müssen wir uns zuvörderst bemühen, ihn durch Gelindigkeit und Güte zur Reue zu bringen. Wir wollen uns hierzu des Herzogs von Burgund, dessen Ansehen etwas vermag, bedienen, und wenigstens die Sache so einleiten, daß man nicht sagen kann, Sie hätten Ihren Gemahl leichtfertiger Weise verlassen. Ich weis zwar, daß Sie gegründete Ursachen dazu haben; allein es werden noch weit wichtigere erfordert, um Sie vor der Welt dieses wichtigen Schritt wegen zu entschuldigen. — Nun gut, Madame! antwortete die Herzogin, handeln Sie nach eigenem Gutdünken. Ihr Wille soll der Meinige sein, und ich will bei Ihnen, als einem ruhigen und unverletzlichen Zufluchtsort, den Erfolg Ihrer Bemühungen abwarten.
Hierauf schrieb die Gräfin von Hennegau an den Herzog von Burgund, ihn von der ganzen Lage der Sache zu unterrichten. In ihrem Schreiben schilderte sie mit vieler Klugheit und Wahrheit das Betragen des Herzogs von Brabant; und Descaillon, der eigends damit abgeschickt war, fügte noch mündlich alles bei, was zum Vortheil der Herzogin gereichen konnte. Auch machte der Herzog von Burgund keine Schwierigkeiten, sich des Zwists zweier Personen, die ihm so naheanverwandt waren, anzunehmen, um sie wo möglich zu vereinigen.
Der Herzog von Brabant, der sich einzig und allein mit seiner gesezwidrigen Liebe beschäftigte, bekümmerte sich wenig um die Abreise seiner Gemahlin. Wie ihm die Vorschläge zur Aussöhnung gemacht wurden, antwortete er schlechterdings: Die Herzogin könne zurückkommen, wann sie wollte; allein seine Beischläferin würde er in kein Kloster schicken, noch seine Lieblinge vom Hof entfernen, wie man es ihm vorgeschlagen habe. — Die Gräfin von Hennegau nahm diese schwürige Antwort für befriedigend an, und verlangte, daß es ihre Tochter auf die Willkühr des Herzogs ankommen und auf seine gegebene Zusicherung nach Bergen zurückgehen sollte; denn man müste ihm die Schande ersparen, als ob er gezwungener Weise hätte nachgeben müssen. Nun verlohr die Herzogin völlig ihre bisher noch gehabte Mässigung. Nachdem sie ihren vergangenen und künftig zu erwartenden jämmerlichen Lebenswandel lange überdacht hatte, faßte sie den Entschluß, nach England überzu gehen. Sie lies sich durch den vertrauten Descaillon nach Calais bringen, wo sie sich einschifte, von dannen sie ohne weitere Hindernis in London glücklich anlangte.
Ob gleich die Kriegsflamme an verschiedenen Orten Europens hell leuchtete, und der Englische Hof, wegen dem Absterben seines Königs Heinrich des V. in Trauer versezt war, herrschte dennoch Höflichkeit und galante Lebensart an demselben.[H] Humphrei, Herzog von Glocester, des verstorbenen Königs Bruder, war damals Regent in England. Dieser Prinz hatte vortreffliche Eigenschaften, aber dabei einen ausserordentlichen Hang zu Liebeshändeln; selten sahe er ein schönes Frauenzimmer, ohne daß sein Herz nicht davon eingenommen ward: Die Herzogin von Brabant traf es daher nicht frei an; ihre Reize aber verdrängten bald alle anderen Gegenstände aus demselben. Verbunden mit majestätischem Ansehen sprach sie mit Ueberzeugungskraft. Ihre Sache war gerecht, und der Herzog, zum Innersten gerührt, gab ihr die Versicherung, daß sie mit Englands ganzer Macht beschüzt und als Königin verehret werden sollte. Diese Versicherungen begleitete er mit noch einigen besondern Versprechungen; und die Herzogin von Brabant konnte dem Himmel wegen dem glücklichen Erfolg ihrer Reise nicht dankbar genug sein. Durch das edelmüthige Betragen und die gefällige Sorgfalt des Herzogs sahe sie bald ein, daß er sich die Beförderung ihres Glücks, wie seines eigenen, angelegen sein lies. Eins der Königlichen Paläste wurde ihr zur Wohnung angewiesen, in welchem sie mit außerordentlicher Pracht und Aufmerksamkeit bedienet ward, und es wurden ihr solche Ehrerbietungen erwiesen, deren sich noch keine Fremde zu rühmen gehabt hatte. Jedermann trachtete sich ihr gefällig zu erzeigen, und ihr den Auffenthalt angenehm zu machen, und sie erkannte bald den Unterschied, der zwischen einem großmüthigen Beschützer und einem unwürdigen Gemahl ist.
Diesen Gegensatz empfand die Herzogin im innersten des Herzens, und die Climberge, die es wohl einsahe, bezeugte ausserordentliche Freude, daß ihre Reize dieses bewirkt hätten, weshalb sie der Herzogin Glück wünschte. Aber liebe Climberge! erwiederte die Herzogin, ich begreife nicht, daß Du wegen einer Sache, die mir neue Verdrüßlichkeiten zuziehen könnte, vergnügt sein kannst. Sind meine Verdienste etwa hier grösser, als sie zu Bergen waren, und glaubest Du, daß meine Flucht mich in Achtung halte? Ausserdem bin ich deswegen von der ehelichen Treue losgesprochen, weil ich mich in einem fremden Staate, den nur eine schmale See von meiner Heimath absondert, befinde; und so ungerecht der Herzog von Brabant auch immer ist, bin ich ihm deswegen weniger Zeitlebens verknüpft? — Nein Madame! antwortete die Climberge, er hat Sie auf eine Weise behandelt, die von aller Schuldigkeit befreiet. Die Kirche, die sie zusammen gegeben hat, ist keine unbarmherzige Stiefmutter; sie kann eine üble Verbindung aufheben; und unzählig gegründete Ursachen sprechen hier zu Ihrem Vortheil. — Schweig! und verschone mich mit deinen Träumereien, erwiederte die Herzogin; ich bin unter einem unglücklichen Gestirn zur Welt gekommen mein Loos ist zu Widerwärtigkeiten bestimmt; und wenn es an dem wäre, daß der Herzog von Glocester einige Liebe zu mir empfände, ich auch gleich von meiner Verbindung mit dem Herzog von Brabant losgesprochen wäre, würde ich mich doch in keine weitere eheliche Sclaverei begeben. Von zwei Gemahlen, die ich in meinen jugendlichen Jahren hatte, starb der eine unglücklicher Weise, kaum daß wir einander kennen lernten, und der andere beschimpfet mich gleich nach unserer Verbindung ganz niederträchtiger Weise. Glaubest Du, daß ich bei einem Dritten ein besseres Schicksal zu erwarten hätte? und würde ich nicht in steter Furcht sein, alle Unfälle, die ich schon erfahren habe, und vielleicht noch stärkere zu erdulden? Nähre daher deine Einbildungskraft nicht weiter damit; nur an mir bist Du mit den Trübsalen bekannt worden. Denn wenn Du sie an Dir selbst erfahren hättest, würdest Du mit mir eingestehen, daß, wenn der Mensch zum Leiden bestimmt ist, ihn nichts in der Welt davor schützen kann. — Also Madame! erwiederte Climberge, Sie wollen vorsetzlich Ihre Leiden durch die Furcht vergrössern, daß die eingebildeten künftigen den vorigen, wirklich schon erduldeten, gleich kommen, wo nicht gar übersteigen würden? Ueberlegen Sie dagegen, daß der Himmel gerecht ist, und Sie vor allem schützen, ja! Ihre bisherigen Leiden auf einmal stillen kann, und wird. Uebrigens sind Sie dem Herzog von Brabant, seiner schlechten Aufführung wegen, keine Schonung mehr schuldig. — Nein! Climberge, unterbrach die Herzogin, wenn ich auch gleich keine Achtung für den Herzog mehr hätte, müste ich doch jederzeit derjenigen eingedenk sein, die ich meiner eignen Ehre schuldig bin. Das Vorgeben, daß ich ihn gegen meinen Willen und gezwungener Weise zum Gemahl genommen habe, würde vor der Welt nicht hinlänglich sein, mich eines solchen neuen Fehlers wegen zu entschuldigen. Ich habe nun einmal diesen Schritt gethan, es wäre aber viel verzeihlicher gewesen, damals meiner Mutter ungehorsam zu sein, als jezt meinem Gemahl zu entsagen, so viel Verdruß er mir auch macht. Ich habe mich auch nicht mit dem Vorsatz ganz los zu sein entfernet, sondern nur um kein Augenzeuge seiner, gegen alle Ehrbarkeit streitenden Aufführung mehr zu sein. Im strengsten Verstand aber hätte ich alles dulden müssen, seine Unbeständigkeit, seine Verachtung, ja sogar die Härte mit der er mich behandelt hat. Genug tugendhafte Frauen haben mir Beispiele in ähnlichen Fällen gegeben; allein ich war zu schwach, ihnen nachzuahmen. — Setzen Sie noch hinzu Madame, unterbrach Climberge, daß Sie auch schwach genug sein werden, sich ganz aufzuopfern; und der eingebildeten Ehre wegen, von welcher heut zu Tage die Tugendhaftesten das Joch abschütteln, wird Sie der Herzog von Brabant nichts destoweniger mit eben der Wuth, mit der er Sie zu Bergen verfolgt hat, ferner verfolgen, und die von Degre wird die Höllenfurie sein, die Sie beständig und überall wo Sie sich aufhalten, quälen und Ihnen alle Drangsale anthun wird.
Der Herzog von Glocester, dessen Bestreben von nun an war, sich der Herzogin von Brabant gefällig zu erzeigen, unterbrach diese Unterredung durch seine Zwischenkunft. Madame! sagte er, ich komme vielleicht zur ungelegenen Zeit: allein wenn ich Sie oft aufsuche, so schreiben Sie es einer heftigen Leidenschaft, der zärtlichsten Liebe zu. All mein Streben gehet dahin, Ihnen überzeugende Beweise davon zu geben; und wollten Sie mich unglücklicher Weise nicht erhöhren, so würde ich der bedauernswürdigste Mensch auf dem ganzen Erdboden sein. — Wenn Sie gleich, Herr Herzog! erwiederte die Fürstin, die wichtigen Staatsgeschäfte, die Ihnen obliegen, nicht dadurch versäumen wollten, daß Sie mir Beweise Ihrer Achtung und gütigen Fürsorge, die Sie für nöthig halten, das bittere meiner Leiden zu versüssen, stetshin zu geben belieben, würde ich Ihnen doch gewis schon grosse Erkenntlichkeit wegen Ihrer Aufmerksamkeit, und dem Zuvorkommen aller meiner Bedürfnisse, schuldig sein. — Die Staatsklugheit, erwiederte der Herzog, ist nicht der Beweggrund meiner Handlungen, sondern die Triebe meines zärtlichen Herzens sind es, die mich leiten. — Unendlich leid würde mir es sein, unterbrach sie, wenn Sie würklich die Empfindungen hätten, die Sie so eben gegen mich äussern. Mein Lebenslauf ist Ihnen bekannt; ich bin zu elend Sie zu begünstigen; denn ob ich Ihnen gleich unzählbare Verbindlichkeiten schuldig bin; so habe ich doch solchen nichts als wahre Hochachtung und unvollkommene Dankbarkeit entgegen zu setzen. — Madame! erwiederte Humphrei, so grosse Verbindlichkeiten, wie Sie glauben, sind Sie mir nicht schuldig: denn nur meine aufrichtige und reine Liebe ist der Zoll, den jedes empfindsame Herz Ihren Vollkommenheiten und Reitzen, zu entrichten schuldig ist. — Meine Reitze, antwortete die Herzogin, sind sehr mittelmässig, und wenn sie ja jemanden zu rühren vermöchten, wünschte ich, daß es einen anderen als einen Fürsten wäre, den ich unendlich ehre und schätze, und dessen Gemüthsruhe mir so angelegen ist. Lassen Sie mich die Last meiner Leiden in Gedult tragen, ohne solche durch neue zu erschwehren, und überlegen dabei, daß Sie durch Stöhrung meiner Ruhe, den Schutz, den Sie mir so großmüthig haben angedeihen lassen, vereiteln und sich verdächtig machen würden. — Sie könnten, Madame! unterbrach der Herzog, ohne sich weiter unglücklich zu machen, meine Glückseligkeit befördern. Der ganzen Welt ist bekannt, wie unwürdig der Herzog von Brabant Ihrer ist. Ausserdem sind Sie in einem Grad Blutsfreundschaft mit ihm verwandt, der eine Ehescheidung noch viel gültiger macht. Ziehen wir desfalls den Pabst Benedickt zu Rath; er ist in dergleichen Fällen nicht allein am besten bewandert, sondern er wird sich auch gewis sehr billig finden lassen. Was haben Sie nachher, Madame! weiter zu befürchten, da Sie von einem Prinzen, der Sie ewig anbetet, beschützet werden, und der Englands ganze Macht aufbieten wird, Ihren Verfolgern, Trotz zu bieten. — Ganz mißfiel Jacobinen (die wir in der Folge nicht anderst nennen werden) dieser Antrag nicht. Der Herzog von Glocester war zärtlich und überaus einnehmend; es war ihr daher nicht zu verdenken, daß sie selbst Verlangen trug, von einem Gemal, den sie niemals geliebt hatte, und welchen sie vielmehr jezt zu hassen berechtiget zu sein glaubte, vor immer geschieden zu werden. Allein der Vorschlag geschahe durch einen Prinzen, den sie noch nicht genug kannte, und der vielleicht mehr durch die Gewalt einer heftigen Leidenschaft hingerissen, als durch Vernunftschlüsse, geleitet, nur die Befriedigung seiner Begierden suche, und nach deren Genuß Treue und Liebe, leicht wieder vergessen konnte. Kurz, unzähliche Betrachtungen sezte sie dem schmeichelhaften Entwurf des Herzogs entgegen. Was! sagte sie zu ihm, wenn der Pabst mich von der Verbindung mit dem Herzog von Brabant lossprechen wollte, so würden Sie Entschlossenheit genug haben, mir Ihre Hand darzubieten? Ja! Madame, unterbrach er mit Heftigkeit, ja! ich würde dieses Glück als das größte meines Lebens schätzen, wenn es mir zu Theil wird, und gewis nach keinem andern mehr geizen. — Sie irren sich, fuhr Jacobine fort, wenn die Erlaubnis zur Ehescheidung hier in London zu haben wäre, würden Sie vielleicht eine ganz andere Sprache führen. Ausserdem muß man auf einem dornichten Pfad nicht so schnell zu laufen wagen; denn hier ist die Rede von einer Sache, die das Gewissen, die Ehre und die Religion betrift; welcher Richter ist dermalen befugt solche zu entscheiden? Wir sehen eine ärgerliche Spaltung in der Kirche; wollen wir solche noch dadurch vermehren, daß wir zur Befriedigung unserer Leidenschaften Hülfe bei einem oder dem andern Theil suchen? Benedickt ist Pabst, und Martin, von vielen unterstüzt, will es gleichfalls sein. Diese geistliche Eifersucht trennt die ganze Christenheit, und welcher von beiden wird wohl vom heiligen Geist genugsam erleuchtet sein, ein gerechtes Urtheil zu fällen? Ruhet er aber auf beiden gleich stark, so haben sie auch gleiche Gewalt, und der eine wird nicht verfehlen, dem andern in allen Fällen, wie der meinige ist, zu widersprechen; die Schande und der Nachtheil aber der für mich hieraus entstehen und auf mich allein zurückfallen würde, wäre unauslöschlich. — Ich glaubte nicht, Madame! erwiederte ganz niedergeschlagen der Herzog, daß Sie in Ihrer dermaligen Lage an dergleichen heilige Spitzfindigkeiten zu denken Ursache hätten. Verzeihen Sie meinen wilden Ausdruck und schreiben ihn meiner schmerzlichen Empfindung zu. Ist es erst von Heute daß dieser Zwietracht in der Kirche entstehet, und haben nicht andere Päbste schon vorher sich in dergleichen Fällen gezankt?[I] Wir haben Beispiele genug. Haben Menschen, sobald sie als Päbste anerkannt sind, die Macht, auf Erden zu binden und wieder zu lösen, warum sollten wir uns bemühen, die Gültigkeit ihres Berufs zu untersuchen? Steht mir Benedickt Ihren Besiz zu, so mag meinetwegen Martin mit seinen Donnerkeilen gegen ihn losstürmen, mein Glück wird nichts destoweniger befestigt sein. Uebrigens, Madame! werden Sie durch unsere Verbindung dem Abgrund aller Leiden entgehen. Ueberlegen Sie, daß von allen denen beträchtlichen Staaten, die Sie ruhig besitzen sollten, Ihnen wenig überbleiben wird. Der Herzog von Brabant, der den größten Theil durch sein unordentliches Leben schon durchgebracht hat, wird den übrigen durch seine Nachlässigkeit, gegen den Herzog von Burgund, der sich solche zuzueignen sucht, schlecht vertheidigen. Ein Mann wie ich, wird sie aber leicht durch Bestrafung ihrer Undankbarkeit und Ehrgeizes zurecht weissen, und niemals werden Sie Ursache haben, die mir erwiesene Güte zu bereuen.