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James Watt und die Erfindung der Dampfmaschine cover

James Watt und die Erfindung der Dampfmaschine

Chapter 18: Prozesse.
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About This Book

Die Biographie schildert den Lebensweg des schottischen Ingenieurs James Watt von Jugend, Lehrzeit und Tätigkeit als Universitätsmechaniker bis zu den technischen Durchbrüchen, die zur Einführung des getrennten Kondensators und zur Verbesserung der Dampfmaschine führten. Sie erläutert Modelle und Weiterentwicklungen wie Drehbewegung, Doppelwirkung und Dampfsteuerung, dokumentiert Patentrechtsstreitigkeiten und die Kooperation mit dem Industriellenpartner Boulton und nennt weitere Erfindungen. Technische Erklärungen werden durch zahlreiche Abbildungen ergänzt. Abgerundet wird die Darstellung durch Reflexionen über die Konsequenzen der Maschine für Bergbau, Verkehr, Industrie und die wirtschaftlich-soziale Organisation.

Wie fast alles Neue, hatte auch die Wattsche Kondensatormaschine gerade in zünftigen Kreisen ihre Gegner, die mit überlegener Miene erklärten und im Lande aufschrien, diese Maschine stelle so hohe Anforderungen an genaue Werkstättenarbeit, daß keine Werkleute noch Werkzeugmaschinen ihnen entsprechen könnten, und daß daher die Maschinen selbst sich nie bewähren würden. Boulton und Watt konnten mit Ruhe gegen derartige Aussprengungen ihre Erfolge reden lassen. In ganz England und bald auch im Ausland wurde bekannt, was die Maschinen in den Cornwaller Bergwerken leisteten. Mancher Besitzer von Kupferwalzwerken oder Mühlen oder wer sonst auf Wasserräder als Betriebskraft angewiesen war, wünschte sich im stillen, wenn Dürre oder Frost das Wasserrad zum Stillstand brachte, ebenfalls die Vorteile der neuen Dampfmaschine, die die Grubenbesitzer ihr nachrühmten. Die Dampfmaschine konnte Tag und Nacht, winters und sommers arbeiten. Frost oder Dürre ließ sie, bei aller Wärme, »kalt«. Obwohl nun Watt angesichts der vielen neuen Aufgaben wenig Lust hatte, die Dampfmaschine auch für andre Betriebe einzurichten, so drängte ihn doch Boulton unaufhörlich, diesem Gedanken näher zu treten. Boulton sah voraus, daß das Bergwerksgeschäft, der Absatz für Grubenbezirke, ein zu beschränktes Feld sei. Er wollte die neue Maschine für alle möglichen Gewerbebetriebe verwendet sehen, und Watt mußte nachgeben. Vor allem war es nötig, die hin und her gehende Bewegung der Balanciermaschine in eine drehende zu verwandeln. Man hatte damals noch keine Erfahrung auf diesem Gebiete, so daß selbst ein so gewiegter Ingenieur wie Smeaton, dem Watt nachrühmt, daß »seine Lehren und Beispiele sie alle zu Ingenieuren gemacht hätten«, 1781 erklärte, eine Dampfmaschine sei niemals als Ersatz eines Wasserrades für den gleichmäßigen Betrieb zu gebrauchen, dabei sei es ganz einerlei, ob sie mit Kurbel oder sonst etwas zur Erzeugung der Drehbewegung versehen sei.


Drehbewegung, Doppelwirkung, Steuerung, Drosselklappe.

Schon 1771 sprach Watt sich dahin aus, daß man bei der Verwendung einer Kurbel eine drehende Bewegung erzeugen könne. Später, als er sich schon lange vom Sohoer Werk zurückgezogen hatte, äußerte er sich über den wirklichen Erfinder der Kurbeldrehbewegung als einen Mann, der leider nicht göttlich gesprochen worden sei, obwohl er die gewöhnliche Fußdrehbank erfunden habe. Diese Kurbelbewegung auf die Maschine zu übertragen, hätte nicht mehr Erfindungsgeist erfordert als der Gedanke, ein Brotmesser zum Käseschneiden zu verwenden. Durch die Versuche Watts, mit der Kurbel bei der Dampfmaschine Drehbewegungen zu erzielen, wurden Fremde, die fast immer bei Boulton und Watt Neues auszuspionieren suchten, aufmerksam gemacht. Und eines Tages ließ sich der Birminghamer Knopffabrikant Pickard, dem durch Washborough, einen sonst fähigen Erfinder, die Sache zu Ohren gekommen war, ein Patent auf die Anwendung der Kurbel bei der Dampfmaschine geben. Da Watt dies Patent nicht anfechten wollte, weil er seinen zahlreichen Feinden damit vielleicht einen Anlaß bot, unter Berufung auf Scheingründe auch seine eigenen Patente anzufechten, so war er jetzt von der Benutzung seiner eignen Idee ausgeschlossen. Von verschiedenen Arten, eine Drehbewegung zu erzielen, die er sich 1781 patentieren ließ, verwertete er praktisch das sogenannte Sonnen- und Planetenradgetriebe (Abb. 18), das eigentlich Murdock erfunden haben soll, auf den wir noch zurückkommen werden. Vermutlich sah sich Watt als den geistigen Vater dieser Erfindung an, die sofort wieder aufgegeben und durch einfache Kurbelbewegung ersetzt wurde, als das Pickardsche Patent erlosch. Im nächsten Jahre (1782) nahm Watt ein Patent auf die doppeltwirkende Maschine, deren Idee er schon fünfzehn Jahre vorher ausgesprochen hatte. Jetzt wurde, wie schon beschrieben, auf beiden Seiten des Kolbens der Dampf und ebenso auf beiden Seiten die Luftverdünnung durch Kondensation benutzt. Solche Maschinen konnten auch bei kleineren Ausmessungen mehr leisten als die einfachwirkenden. Aber es bedurfte bei ihnen auch wieder neuer Erfindungen in Einzelheiten. Hier wendete Watt zuerst die Geradlenkung der Kolbenstange, das Wattsche Parallelogramm an, auf das er, obschon nicht um Ruhm besorgt, am stolzesten zu sein gelegentlich vorgab. Bei diesem Parallelogramm (Abb. 19) dürfte auch sein Freund Robison ein kleines Verdienst haben. Vor vielen Jahren, als Watt noch Meister in Glasgow war, hatte Robison ihn angeregt, einen perspektivischen Zeichenapparat durch Verwendung einer Parallelogrammvorrichtung zu verbessern, und Watt war mit Erfolg dieser Anregung nachgekommen. Das Patent auf die Lenkergeradführung fiel in das Jahr 1784. Die Dampfverteilungsvorgänge bei der doppeltwirkenden Maschine veranschaulichen uns die Abb. 16 u. 17. Bei Abb. 17 muß man sich vorstellen, daß der Steuerbaum auf die Handgriffe mit seinen Knaggen oder Zapfen aufdrückt und dadurch eine Drehung der Steuerwellen verursacht. Oben und unten befinden sich je zwei Ventile untereinander, ein Ein- und ein Auslaßventil. Wie Abb. 17 zeigt, sind abwechselnd zusammen oben das Einlaß- und unten das Auslaßventil, oder umgekehrt oben das Auslaß- und unten das Einlaßventil geschlossen. Gewichte, die an den scheinbar abgebrochenen, senkrecht herabhängenden Stangen hängen, bewirken, sobald der daumenartige, kurze Hebel der Steuerwelle aus der ihn festhaltenden Klinke befreit wird, das Öffnen der Ventile.

Ein Schwungrad gestaltete den Gang der doppeltwirkenden Maschine möglichst gleichmäßig. Es glich aber nur periodische Schwankungen von Kraft und Widerstand aus, wie sie die Kurbelbewegung mit sich brachte. Für plötzlich eintretende Änderungen des Dampfdruckes oder der Belastung durch die in Bewegung gesetzten oder ausgerückten Arbeitsmaschinen bedurfte es des Regulators (Abb. 20). Er wirkte auf eine Klappe im Dampfzuleitungsrohr, die so verstellt wurde, daß sie mehr oder weniger Dampf durchließ. Die Klappe drosselte einen Teil des Dampfes ab, daher der Name Drosselklappe. Die Änderung der Klappenstellung wird durch eine Hebelanordnung herbeigeführt, auf die die Drehung eines Kugelpaares K K wirkt. Von den Trägern der Kugeln gehen Arme nach der Hülse H, die auf der von ihr umfaßten, durch die Achse des Schwungrades mitgedrehten Stange auf und ab gleitet, je nachdem die Kugeln bei schnellerer oder langsamerer Drehung der senkrechten Stange durch die Zentrifugalkraft weiter aus- oder näher aneinander gehen. Die Hebung und Senkung der Hülse wirkt wieder auf das Hebelsystem, das mit der Drosselklappe D in Verbindung steht. Diesen Zentrifugalregulator übernahm Watt aus dem Mühlenbetriebe.

Den Muschelschieber im Dampfverteilungsraum (Abb. 21), den wir aus Abbildungen der Dampfmaschine in Schulbüchern kennen, hat Watt nicht selbst erfunden. Dies Verdienst gebührt dem als bedeutenden Erfinder bekannten obersten Betriebsingenieur des Sohoer Werkes: Murdock, der 1779 als einfacher Arbeiter bei Boulton und Watt eintrat. Ein herkulisch gebauter Mann, Sohn eines Mühlenbauers und selber Mühlenbauer, fand Murdock bei Boulton sofort Arbeit, als Boulton darauf aufmerksam wurde, daß Murdock einen Hut eigner Erfindung und Herstellung in der Hand trug. Murdock war in den nächsten Jahren der einzige Arbeiter, auf den man sich immer verlassen konnte. Während die andern, stolz auf ihre Stellung in dem berühmten Werke, sich oft gewaltige Räusche leisteten, kam es Murdock nicht darauf an, Tage und Nächte durchzuarbeiten, um einen Maschinendefekt, eine Betriebsstörung in Ordnung zu bringen. Wo alles nichts mehr half, mußte Murdock kommen. Die Grubenbesitzer in Cornwall, mit deren ungeberdigen Betriebsführern Murdock manchen schweren Handel buchstäblich ausboxte, boten ihm eine große Summe, falls er die Überwachung ihrer Maschinen übernähme. Doch Murdock blieb seiner Firma treu. Er baute 1784 das erste Modell einer Lokomotive mit Benutzung der Wattschen Maschine und im Jahre 1785 die erste Dampfmaschine mit schwingendem Zylinder. Auch führte er zuerst in der Fabrik von Soho und in andern Birminghamer Betrieben die Gasbeleuchtung ein. Als er später zum Schutze seiner Erfinderehre von einer Parlamentskommission vernommen wurde, meinte einer der weisen Politiker, Murdock versuche doch zuviel zu beweisen, wenn er sich anheischig mache, ein Licht ohne Docht zu liefern. Auch die Erfindung des D-Schiebers, aus dem sich der Muschelschieber als Dampfverteilungsorgan entwickelte, war Murdocks Verdienst. Er hat viele Jahre lang das Werk in Soho als erster Ingenieur geleitet, eine schlichte, markige, vorbildliche Persönlichkeit, eine würdige Gestalt neben Boulton und Watt.

Watt baute nur sogenannte Niederdruckmaschinen, in denen höchstens 1¼ Atmosphärendruck verwendet wurde. Den Typus von Maschinen mit höheren Dampfspannungen stellt Abbildung 22 dar.

Die Verwendung der Expansion des Dampfes, das heißt der Eigenschaft des Dampfes, im Zylinderraum Arbeit durch Entspannung zu leisten, obwohl die Dampfzufuhr abgesperrt wird, wenn erst ein kleiner Bruchteil des Zylinderraums gefüllt ist, diese in der späteren Entwicklung der Dampfmaschine nach Watt bedeutungsvoll gewordene Eigenschaft des Dampfes beschrieb Watt selber bereits in einem Briefe an Dr. Small im Jahre 1769. »Ich erwähnte gegen Sie ein Verfahren, das mich in Stand setzt, auf ziemlich leichte Weise die Wirkung des Dampfes zu verdoppeln, indem man die Spannkraft des Dampfes, die jetzt unbenutzt im Kondensator verloren geht, wirken läßt. Das würde aber zu große Zylinder erfordern. Die Idee ist daher am ersten für rotierende Dampfmaschinen von Bedeutung. Öffnen Sie das eine Dampfventil und lassen Sie so viel Dampf ein, bis der vierte Teil des in Frage kommenden Raumes mit Dampf gefüllt ist, schließen Sie jetzt den Dampfzutritt ab, dann wird der Dampf fortfahren, sich auszudehnen, und mit abnehmender Kraft seine Wirkung ausüben, bis er mit einem Viertel der anfänglichen Kraftäußerung endet. Die Summe dieser Reihe werden Sie größer finden als ½, obwohl nur ⅓ des Dampfes angewendet wurde. Die Kraftleistung wird allerdings ungleichmäßig sein, doch kann man diesem Übelstand durch ein Schwungrad oder auf andre Weise abhelfen.«

Nachdem die Expansion mit der Sohoer Versuchsmaschine erprobt worden, baute Watt für ein Londoner Wasserwerk die erste Expansionsdampfmaschine mit ⅔ Füllung. Ein Patent auf die Expansionsmaschine nahm er im Jahre 1782. Von der Ausführung dieser Maschine kam er aber bald zurück, weil die Dampfmaschinenwärter lieber mit vollem Dampf arbeiteten. Dafür waren die Verhältnisse des Kessels natürlich nicht vorgesehen, der Kessel lieferte bald nicht mehr genügend Dampf, und Klagen über Klagen liefen bei der Firma ein. So beschloß Watt, keine weiteren Expansionsmaschinen zu bauen, solange mit der Untauglichkeit des Wärterpersonals zu rechnen sei. Dagegen führte sich die doppeltwirkende Maschine mit Drehbewegung rasch in die verschiedensten Betriebe ein, so in Walzwerke und Mühlen aller Art. Für die Gebläse von Eisenhütten war die einfachwirkende Maschine mit hin und her gehender Bewegung verwendbar. Um in London aller Welt vor Augen zu führen, was die doppeltwirkende Maschine mit Drehbewegung leisten könne, errichtete Boulton 1786 unter großen Kosten eine Dampfmühle. Das Kapital wurde von einer Gesellschaft aufgebracht. Diese Dampfmühle, die den stärksten Widerstand der Mühlenbesitzer erfuhr, arbeitete anfangs nicht richtig. Da mußte Murdock herbei, um sie in Gang zu bringen. Die Albionmühle wurde ein Stelldichein für die vornehme Welt. Man bewunderte das neue Werk der Firma Boulton und Watt und wollte sogar ein Maskenfest darin abhalten. Das gestattete aber Watt keineswegs. Einige Jahre warf die Maschine keinen Gewinn ab, obwohl sie in einer Woche Mehl für 150000 Menschen mahlte. Als man hoffen durfte, daß sie sich bezahlt mache, wurde sie böswillig in Brand gesteckt, ein großer Geldverlust für die Gesellschafter. Die Täter ermittelte man nie.


Prozesse.

Vom Jahre 1785 ab begann endlich das Werk zu Soho Überschüsse zu zeitigen. Watt wurde in kurzer Zeit ein vermögender Mann. Er beeilte sich, sein sauer verdientes Vermögen in Grundbesitz anzulegen, so daß er Boulton nicht einmal beispringen konnte, als dieser nach einigen Jahren noch einmal mit großen Geldschwierigkeiten zu kämpfen hatte.

Eine stete Sorge war von den ersten Jahren des Sohoer Betriebes an die Furcht vor unlauterem Wettbewerb gewesen. Man hatte unter verschiedenen Patentverletzungen zu leiden. Die widerrechtlich von Konkurrenten hergestellten Maschinen taugten nichts, und dann hieß es, die Wattsche Maschine enttäusche. Das schädigte natürlich den Ruf der Firma sehr. Mit großer Besorgnis blickte Watt auch auf die Bemühungen fähiger Ingenieure, sein Patent zu umgehen, d. h. ebenfalls eine Wattsche Dampfmaschine zu bauen, aber ohne in juristisch nachweisbarer Form Watts Patent zu verletzen, wenn immer schon die Idee die gleiche war. Jonathan Hornblower war der Ingenieur, von dem man am ehesten Wettbewerb zu besorgen hatte. Schon 1776 baute er eine Maschine mit Expansion. Er benützte zwei verschieden große Zylinder, ließ den Dampf aus dem kleineren in den größeren Zylinder weichen und auch darin auf den Kolben wirken. Diese Maschine wurde 1781 patentiert. Watt sah darin eine Verletzung seines Patentes. Die Hornblowers hatten im Dienste der Firma Boulton und Watt seine Maschine genau kennen gelernt. Im letzten Jahrzehnt des Schutzes für die Wattsche Maschine kam es daher noch zu schwierigen Patentprozessen, die sich jahrelang hinzogen. Die Rechtsanwälte schienen, wie Watt bemerkte, sich verabredet zu haben, den Prozeß zu einer milchenden Kuh zu machen. Und von den Richtern war nicht zu verlangen, daß sie in heißer Inbrunst, dem Verletzten Recht zu schaffen, ihre Pflicht taten. Eine einzige Anwaltsrechnung für Bemühungen in Patentprozessen in den vier letzten Schutzjahren 1796–1800 belief sich auf mehr als 100000 Mark. Nun überlege man aber, was diese Prozesse Männer wie Watt und Boulton noch an Zeit, Aufregungen und Verdrießlichkeiten gekostet haben! Wir begegnen ja im Leben auch andrer höchst verdienter Erfinder solchen Patentprozessen, die Hunderttausende von Mark verschlangen. Die verklagten Patentverletzer erhoben gegen das Wattsche Patent vom Jahre 1769 die lächerlichsten Einwendungen: die Patentschrift sei nicht klar genug, um auf ihrer Grundlage eine Maschine zu bauen. Deshalb verdienten die Patentinhaber keinen Schutz. Ein zweiter Einwand war der, daß Watt seine Einspritzmethode nicht näher gekennzeichnet habe. In dieser Beziehung wollte aber Watt gar nichts Neues erfunden haben. Drittens machte man geltend, Watt habe nicht die Größenverhältnisse angegeben, in denen sich Zylinder, Kondensator und Luftpumpe zueinander befinden. Ferner sollte sich von den verschiedenen Dichtungsmitteln, die Watt erwähnt habe, nur eins, Tierfett, bewährt haben. Und fünftens bemängelten die Verletzer das Fehlen einer Zeichnung oder eines Modells bei der Patentschrift. Aber Watt hatte sich weislich auf Blacks und Smalls Rat gehütet, in seiner Spezifikation eine einzelne Maschine mit bestimmten Abmessungen zu beschreiben. Denn dann wären sofort die Nachahmer gekommen, hätten die gleiche Maschine in andern Größenverhältnissen und mit unwesentlichen Abweichungen gebaut und hätten sich, falls sie verklagt wurden, darauf berufen, die geschützte Maschine sei ja ganz verschieden von der ihren. Deshalb hatte Watt sich eine »Methode« patentieren lassen, den Dampfverbrauch und Brennstoffverbrauch durch gewisse Grundsätze zu verringern, von denen der Kondensator der wichtigste und die ausschlaggebende neue Erfindung war. Watt gibt selbst zu, alles andre an der Dampfmaschine nenne er nicht sein.

Von großem Gewicht im Prozesse gegen Hornblower war das Zeugnis des damals berühmten Professors Robison, der mitten im Winter von Edinburg herbeieilte, trotz körperlicher Leiden vor Gericht eine begeisterte Rede auf Watt zu halten. Obwohl Watt im Prozesse siegte, äußert er doch die Bemerkung, es habe ihm die juristische Zulänglichkeit der Richter nicht gerade imponiert. Mit der Ungunst der Richter war insofern zu rechnen, als Watt und Boulton ein Monopol genossen, und schon von den ersten Dampfmaschinen an die Grubenbesitzer in Cornwall undankbar genug die Inhaber der Sohoer Firma »Monopolisten, Tyrannen, Unterdrücker« nannten. Die Richter hatten vielleicht Verwandte, denen das Patent unbequem war, wer weiß? Schon oft hatten die Richter, die ja in weltgeschichtlich berühmten Prozessen selten die Gelegenheit verpaßten, sich der schlechteren Sache zuzuneigen, in Patentprozessen andrer Erfinder, zum Beispiel Arkwrights, dem Unrecht zum Rechte verholfen. Wenn sich brieflich auch einmal bei Watt die Äußerung findet, daß er mehr auf die Richter als auf die Gesetze vertraue, so ist doch wieder eine andere Äußerung des Erfinders bezeichnend, daß er Prozesse verabscheue und eine Sache für halb verloren erachte, die vor Gericht müsse. Den Eindruck, den Watt von den Spitzfindigkeiten sowohl der Advokaten wie der Richter empfing, kennzeichnen des Erfinders Worte: »Seit ich mich soviel unter den zweifelsüchtigen Gliedern der Juristenzunft bewege, ist es mir wahrhaft unmöglich, eine feste Ansicht über irgend etwas zu gewinnen.« Und wenn Watt später eine übertriebene Rechnung zu bezahlen hatte, pflegte er zu bemerken, »diese Rechnung könnte beinahe einem Londoner Rechtsanwalt Ehre machen«.

Von den im Prozeß gegen Hornblower verhörten gegnerischen Zeugen rührte sich später noch in einem Schmähschriftstücke der als geschickter Mechaniker und Erfinder bekannte Joseph Bramah. Man weiß im Publikum sehr wenig von den Leuten, die als Zeitgenossen eines Genies sich selber für weiser und besser hielten und sich in den unglaublichsten Schmähungen der Männer ergingen, an die sie nicht heranreichten. Welche elende, unreife Bürschchen haben sich sogar dem großen Galilei gegenüber als Meister aufspielen wollen! Welche dreisten Subjekte verhöhnten einen Robert Mayer! Und ein Bramah warf einem Watt Unklarheit, unverdaute, unzusammenhängende, unmögliche Ideen vor, nannte den Kondensator eine verzwickte und fragwürdige Sache: Watt hätte in Wahrheit nichts erfunden, als was dem Publikum mehr Schaden denn Nutzen zu bereiten geeignet wäre! Und in einer 1827 erschienenen Geschichte der Dampfmaschine von Tredgold wird behauptet, die Idee des Kondensators hätte auch einem andern früher oder später kommen müssen, und die Erzgruben wären dann schon lange vor dem Erlöschen des Wattschen Patentes besser entwässert worden.


Andre Erfindungen und Entdeckungen Watts.

Warum hat Watt nicht bereits selber seine Dampfmaschine dazu verwendet, Schiffe und Wagen zu bewegen? Aus dem sehr einfachen Grunde, weil er Geld verdienen mußte, um für seine Familie zu sorgen, und seine ganze Arbeitskraft brauchte, um die Maschinen fertigzustellen, die für die Bergwerke, die Walzwerke, Brauereien, Hochöfen und sonstige Betriebe benötigt wurden. Zwanzig Jahre lang hatte es gedauert, bis er auf einen grünen Zweig zu kommen begann. Zehn Jahre, das heißt: solange die Sohoer Fabrik noch keine Überschüsse erzielte, war Watt dem Namen nach Geschäftsteilhaber von Boulton, im Grunde aber, da er jährlich von der Firma 6600 Mark Gehalt erhielt, deren freilich unentbehrlicher Ingenieur. Indessen haben die Lebensschicksale andrer Erfinder, zum Beispiel Porters, gezeigt, daß kaufmännische Leiter intelligent genug sein können, den besten und unentbehrlichsten Mann aus dem Geschäfte zu drängen. Wäre Boulton nicht mehr als ein reiner Geschäftsmensch gewesen, Watt hätte schwerlich bei ihm ausgehalten. Vorläufig war er ja nur Angestellter und dachte gar nicht daran, immer auf neue Erfindungen auszuschauen, die sich vielleicht erst nach Jahrzehnten verwerten ließen. Lief er ja doch bei jeder Erfindung Gefahr, bestohlen und um die Früchte seines Geistes gebracht zu werden. Als Murdock, nach den Besitzern der beste Mann der Firma, 1784 eine Lokomotive baute, war Watt dagegen, nicht nur, weil er einen Eingriff in seine Patentrechte befürchtete, sondern weil er einen so fähigen und unersetzlichen Mann wie Murdock nicht auf Gebieten sehen wollte, wo er von den dringenden Aufgaben des Tages abgezogen würde. Wenn nun aber Watt auch sich nicht weiter mit der Verwertung der Dampfmaschine für Schiffahrt und Fuhrwerke befaßte, so hat er doch immer noch eine ganze Reihe andrer Erfindungen und Entdeckungen gemacht. Die allerbekannteste und heute in kaufmännischen Betrieben überall verbreitete ist die Kopiermaschine (Abbild. 23). Watt hatte, während er von Boulton getrennt war — es mußte sich ja jahrelang fast immer einer von den beiden im Minenbezirk Cornwall aufhalten, um bei den Maschinen nach dem Rechten zu sehen, — fast täglich ausführliche Briefe an Boulton zu schreiben. Beide Männer standen schriftlich in ununterbrochenem Gedankenaustausch. Da brachte die lästige Pflicht, Abschriften von diesem Briefwechsel zu machen, den Erfinder auf ein mechanisches Verfahren zur Herstellung solcher Abschriften. Die Kopierpresse, anfänglich als Walzenpresse ausgeführt, wurde erfunden. Boulton führte sie 1780 ins Geschäftsleben ein, indem er sie zuerst in London der vornehmen Welt und den Parlamentariern zeigte. Die Maschine begegnete großem Widerwillen. Man fürchtete, die Münz- und Notenfälscher würden das Papiergeld auch mit einer solchen Maschine nachahmen, und an falschem Gelde lief im Lande schon genug um. Einige Tage lang schimpfte ganz London über die Erfindung. Hörte Boulton doch selber, wie man ihn an den Galgen wünschte. Trotzdem trat die Maschine bald ihren Siegeszug um die Erde an.

Für die verschiedenen Typen von Maschinen, die in Soho hergestellt wurden, stellte Watt in Verbindung mit Southern Rechenformeln zur Abmessung der voneinander abhängigen Größen auf. Daß er den gewöhnlichen Rechenschieber durch Zufügung logarithmischer Skalen verbesserte, erinnert uns an Watts Landsmann Lord Napier, den Erfinder der natürlichen Logarithmen, zu dessen Bild Watt von Kind auf im Vaterhause aufgeschaut hatte.

Napier war auch Erfinder der Rechenstäbchen, die die Vielfachen der einzelnen Ziffern bis zum Neunfachen enthalten. Watt aber war eine Zeitlang damit beschäftigt, eine Rechenmaschine zum Multiplizieren und Dividieren zu erfinden.

Das Bestreben, in den Kesselfeuerungen eine möchlichst rauchfreie Verbrennung zu erzielen, führte Watt 1787 im Briefwechsel mit Argand zu Vorschlägen für verbesserte Lampen mit ständiger Ölzufuhr durch ein kleines Pumpwerk mit Federbelastung und Aufziehwerk. Dieser Gedanke ist, wie Prof. Ernst in seiner Arbeit über Watt und die Grundlagen des modernen Dampfmaschinenbaues schreibt, erst vor fünf Jahrzehnten in Deutschland bei der Moderateurlampe verwendet, durch die Petroleumbeleuchtung aber verdrängt worden. Im Jahre 1788 teilte Watt seinem berühmten Freunde Black mit, er habe ein neues Instrument erfunden, das gestatte, sehr einfach das spezifische Gewicht von Flüssigkeiten zu ermitteln. Es war eine sich in zwei Äste gabelnde Glasröhre, die mit der Mündung des einen Astes auf die Einheitsflüssigkeit, mit der andern auf die zu bestimmende Flüssigkeit gesetzt wurde. Dabei standen die beiden Flüssigkeitsspiegel gleich hoch. Saugte man oben an dem gemeinsamen Stiel, so traten die Flüssigkeiten in die Röhrenäste ein, die leichteren höher, die schwereren tiefer. Maß man nun, das Wievielfache der niederen die höhere Flüssigkeitssäule war, so hatte man das spezifische Gewicht der zu bestimmenden Flüssigkeit in Hinsicht auf die als Einheitsflüssigkeit benützte.

Die bleichende Wirkung des Chlors lernte Watt durch einen französischen Freund Berthollet kennen, und er veranlaßte daraufhin seinen Schwiegervater Macgregor, die Chlorbleiche in die Gewebeindustrie einzuführen. Ebenfalls für seinen Schwiegervater tätig war er durch Erfindung der Walzentrockenmaschine mit Dampfheizung (1781). Bis in die letzten Tage seines Lebens beschäftigte er sich mit der Herstellung einer Kopiermaschine für Medaillen und Büsten in Metall, Holz, Stein und Elfenbein. Viele dieser Büsten gelangen sehr gut und wurden Freunden »als Versuche eines jungen Anfängers«, geschenkt, wie Watt scherzend zu sagen pflegte.

Auf seine Erfindungen zur Verbesserung der Nivellierinstrumente, das prismatische Mikrometer, eine Teilungsschraube, die einen Zoll in tausend Teile teilte, und dergleichen wollen wir nicht weiter eingehen. Watt gehörte als Boultons Freund der sogenannten Mondgesellschaft an, einem erlesenen Kreis hervorragender Männer der Wissenschaft und Literatur, der sich zur Vollmondszeit versammelte, damit das große Licht den Heimweg erleuchte. Zu diesem Kreise gehörte auch Priestley, der Verfasser liberaler theologischer Streitschriften, einer Geschichte der Elektrizität und Entdecker des Sauerstoffs, ein ungemein vielseitiger Mann, der sich den glücklichsten Menschen nannte, immer heiter dreinblickte und doch stets in einen Federkrieg verwickelt war. Watt erlebte es mit, daß zur Zeit der französischen Revolution eine betörte Volksmenge unter dem Rufe »Kirche und König« das Haus Priestleys anzündete. Der große Chemiker und Theologe mußte damals fliehen, und tagelang wütete die offenbar von orthodoxen Geistlichen aufgestachelte Menge in Birmingham, so daß auch Boulton und Watt für ihre Sicherheit fürchteten, obwohl sie bekannt dafür waren, daß sie mit »Kirche und König« gingen. Durch Priestley lernte Watt den Versuch kennen, bei dem eine bestimmte Mischung brennbarer und entphlogistisierter (unentzündlicher) Luft (modern ausgedrückt: eine Mischung von Wasserstoff und Sauerstoff oder von gewöhnlicher Luft und Wasserstoff) durch den elektrischen Funken entzündet wird. Dabei wurde beobachtet, daß sich nach der Entladung am Glasgefäß innen Flüssigkeitströpfchen wie Tau ansetzten. Warltire stellte das gleiche Experiment an, um zu sehen, ob Wärme schwer ist oder nicht. Wir müssen uns in diese Zeit zurückversetzen, die noch nicht die Zusammensetzung des Wassers, auch nicht die Natur der Wärme als einer Kraft kannte, sie vielmehr für einen Stoff hielt. Auch Cavendish, der die Zusammensetzung der Luft entdeckt hatte, machte 1781 diesen Versuch, und er beobachtete ebenfalls den feuchten Niederschlag. Cavendish soll sofort vermutet haben, daß das Verschwinden der entphlogistisierten Luft, des Sauerstoffs, und das Erscheinen des wässrigen Niederschlages im Zusammenhang ständen und auf die Zusammensetzung des Wassers hinwiesen. Ende Januar 1784 stellte Cavendish seine Versuche an und gab dann seine Auffassung, daß Wasser aus Wasserstoff und Sauerstoff bestehe, der Gelehrtenwelt bekannt. Vor ihm aber hatte Watt schon als der Mann, der seit Jahrzehnten Zeuge war, wie Wasser in Luft (das heißt in Dampf) überging, herausgefunden, daß, wenn ganz trockene brennbare Luft (Wasserstoff) und ganz trockene entphlogistisierte Luft (Sauerstoff) durch den elektrischen Funken entzündet wurden, nach Abkühlung des Gefäßes die Menge des an der Innenwand des Gefäßes haftenden Wassers nahezu dem Gewicht der ganzen Luft gleich war. Daraus schloß Watt: das Wasser entsteht aus entphlogistisierter Luft (Sauerstoff) und brennbarer Luft (Wasserstoff) oder Phlogiston, das seiner latenten Wärme teilweise beraubt ist und sich mit Wärme und Licht vereinigt hat. »Und wenn Licht nur eine Modifikation von Wärme ist oder ein wesentlicher Bestandteil von Phlogiston, dann besteht reine Luft aus Wasser, das seines Phlogistons oder seiner latenten Wärme beraubt ist.« Das heißt: reine Luft ist Wasser ohne Wasserstoff, also Sauerstoff. In einem Briefe an Priestley setzte Watt 1783 seine Theorie auseinander. Dieser Brief, bestimmt vor der angesehensten Londoner Gelehrtengesellschaft, der Royal Society, vorgelesen zu werden, kam durch Watts eigene Schuld erst April 1784 zum Vortrag, nachdem Cavendish im Januar vorher seine Ansicht gleicher Richtung bekanntgegeben hatte, ohne Watt zu nennen. Watt hat Cavendish des »plagiarism«, des wissenschaftlichen Diebstahls einer Idee, beschuldigt, auch gibt es von ihm folgende briefliche Bemerkung: »Ich hatte, wie andere große Männer, die Ehre, mir meine Ideen gestohlen zu sehen. Nachdem ich meinen ersten Aufsatz über den Gegenstand schrieb, setzte Dr. Blagden (Cavendishs Freund und Vermögenserbe) meine Theorie Herrn Lavoisier in Paris auseinander. Bald darnach erfand Lavoisier sie selber und las einen Aufsatz über den gleichen Gegenstand vor der Königlichen Akademie der Wissenschaften. Seitdem hat Herr Cavendish eine Abhandlung vor der Königlichen Gesellschaft über die gleiche Idee vorgelesen, ohne mich im mindesten zu erwähnen. Lassen Sie uns beide immer in unsrer Vorwurfslosigkeit verharren und solche Verfahren verachten!« Später, nach Jahren, soll Watt sich weniger scharf über Cavendish ausgesprochen haben. Doch ist hier nicht der Ort, diese Frage zu entscheiden. Es genügt, daß Watt unbestritten als erster Entdecker in Frage kommt.

Und nun haben wir noch ein Verdienst Watts zu erwähnen: seinen Anteil an der Einführung eines für Europa und damit für die Erdenmenschheit einheitlichen Maß- und Gewichtssystems. Wir erinnern uns, daß Watt Deutsch lernte, um Leupolds großes technisches Werk »Schauplatz der Maschinen« lesen zu können. Ebenso erlernte er nach Robisons Zeugnis das Italienische. Watt fand beim Studium fremdsprachlicher Gelehrtenwerke den Mißstand, daß zur Vergleichung der Größenangaben immer von einem Land zum andern umgerechnet werden mußte. So schlug er denn schon 1783 vor, man solle von der Längeneinheit ausgehen, zur Gewichtseinheit die mit Wasser gefüllte Kubikeinheit nehmen, die Gewichtseinheit nach dem Zehnersystem von 1 bis 10000 abstufen, die Flüssigkeiten wägen, nicht messen und die Gewichte der Gase auf die Kubikeinheit des Wassers beziehen, so daß spezifische und absolute Gewichte durch die gleiche Gewichtseinheit ausgedrückt würden. Als Längeneinheit sollte das Sekundenpendel gelten, wie es Huygens bereits vorgeschlagen hatte. Statt des Sekundenpendels wurde später von der französischen Akademie der Wissenschaften das Meter gewählt. Schon 1783 brachte Watt dieses Maß- und Gewichtssystem französischen Gelehrten nahe, und da Watt mit Laplace, Monge, Berthollet und andern hervorragenden Franzosen Briefe tauschte, auch bei einem Aufenthalt in Paris persönlich mit ihnen verkehrte, so ist sein Verdienst um diese ideelle Einigung Europas nicht abzustreiten. Auch in dieser Hinsicht hat er fast buchstäblich »Werte umgewertet«.


Watt, Darwins Großvater und Goethe.

Wie hoch Watt seiner persönlichen Eigenschaften wegen auch von dem Großvater Darwins, dem Dichter und Arzte Erasmus Darwin, geschätzt wurde, der ebenfalls der Mondgesellschaft angehörte, geht aus einer Bitte E. Darwins hervor. Für seinen »Botanischen Garten« wünschte er eine von Watt geschriebene, kurze Geschichte der Dampfmaschine, soweit diese Geschichte von Watt selber gemacht worden war. Für die Vorgänger wollte Darwin selber etwas zusammenschreiben. Eine Stelle aus Watts Antwort auf diese briefliche Bitte ist für den Charakter des Mannes bezeichnend: »Bei dem, was ich Ihnen zu schicken gedenke, sollen Sie nicht befürchten, daß ich mich auf Rechnungen oder Mathematik einlassen werde. Meine Seele verabscheut beide und alle andern abstrakten Wissenschaften. Ich werde Ihnen einige Tatsachen mitteilen zur Erklärung einiger Warum und Weswegen, aber ich hoffe, Ihre Zeit nur mit zwei Quartseiten in Anspruch zu nehmen. Die Wahrheit zu sagen, obwohl ich nicht glaube, daß alle Ruhmsucht (vain glory) bei mir erstorben ist, so ist doch der Wunsch nach Ehre fast gesättigt; nichts bleibt jetzt übrig als das Verlangen nach Geld; es zu bekommen, kann ich mir gleichwohl nicht viel Mühe geben. Ich finde nämlich, es kann weder Gesundheit noch Glück kaufen. Deshalb würde ich meinetwegen mir nicht die Mühe machen zu schreiben, was Sie wünschen, aber ich kann mich nicht weigern, auf ein so ehrendes Ersuchen einzugehen. Doch verspreche ich Ihnen, es nur unter der Bedingung zu tun, daß Sie mir kein unmäßiges Lob zollen, wie Sie es letzthin taten, als Sie die Güte hatten, die Maschine im Druck zu erwähnen. Ohne mädchenhafte Schüchternheit zu erheucheln: — Sie machten mich in meinen eigenen Augen verächtlich, wenn ich bedenke, wieweit meine Ansprüche oder die der Dampfmaschine zurückblieben auf der Leiter menschlicher Erfindung — ich, der selber weiß, daß ich dem größten Teile erleuchteter Männer in den meisten Dingen nachstehe! Habe ich mich wirklich ausgezeichnet, so denke ich, es war durch Zufall und durch das Versehen andrer. Bewahren Sie die Würde eines Forschers und Geschichtsschreibers; melden Sie die Tatsachen und lassen Sie die Nachwelt richten. Verdiene ich es, so mögen einige meiner Landsleute, von Patriotismus begeistert, sagen: ‚Hoc a Scoto factum fuit‛ (dies wurde von einem Schotten geleistet).«

In Preußen lebte zur Zeit, da Watt seine Maschinen in Cornwall aufstellte, noch Friedrich der Große. Ihn machte der Geheimrat Gansauge, der auf seinem Kohlenbergwerk bereits eine Feuermaschine verwendete, auf die neue Erfindung aufmerksam, und der alte Fritz beauftragte seine Beamten, alles daran zu setzen, um den Bau der Wattschen Maschinen genau kennen zu lernen. Der Oberbergrat Waitz von Eschen und der Bergassessor Bückling wurden nach England gesandt, die Wattsche Maschine auszukundschaften.

England hatte damals Ausfuhrverbote erlassen und suchte seine Industriegeheimnisse durch hohe, auf ihren Verrat gesetzte Strafen zu schützen. Die preußischen Sendlinge mußten Arbeiter der Sohoer und andrer Werke aushorchen. Bückling soll sogar als Arbeiter in Watts Betrieb gelangt und so genauer Kenner seiner Maschinen geworden sein; schließlich habe er fliehen müssen, um schwerer Strafe zu entgehen. Auch der Freiherr vom Stein wird unter denen genannt, die sich das Werk in Soho besahen. Ein Jahr vor dem Tode des großen Königs wurde bei Hettstedt im Mansfelder Kreise eine einfachwirkende Wattsche Dampfniederdruckmaschine in Betrieb gesetzt. Danach wurden in Oberschlesien bei Tarnowitz Maschinen aufgestellt. Die erste ist wohl die, die wir aus der Eythschen Beschreibung kennen lernten. Goethe hat die Feuermaschine auf einer Reise durch Oberschlesien vielleicht nur an diesem Exemplar kennen gelernt; 1790 schrieb er in das Fremdenbuch, das den Besuchern der Feuermaschine in Oberschlesien vorgelegt wurde:

»Fern von gebildeten Menschen, am Ende des Reiches, wer hilft Euch
Schätze finden und sie glücklich bringen ans Licht?
Nur Verstand und Redlichkeit helfen; es führen die beiden
Schlüssel zu jeglichem Schatz, welchen die Erde bewahrt.«

Indessen war man nicht gerade durch Redlichkeit zu den Feuermaschinen gekommen; und die Schlesier haben sich bei Goethe beschwert, daß er sie »fern von gebildeten Menschen« nennt! Aber diese Zeilen beleuchten noch nicht das Verhältnis des Dichters zur Dampfmaschine oder zu Watt. Vielmehr nahm Goethe Interesse an einer kleinen Dichtung des Harfenmachers J. A. Stumpf, die unter der Überschrift »Der Kampf der Elemente« die Dampfmaschine verherrlichte. Goethe feilte die Dichtung durch und rückte sie in seine Zeitschrift ein, weil sie Zeugnis ablegt, wie mächtig poetische Gemüter von dem neuen Triumph menschlichen Geistes bewegt wurden. So seien diese Verse hier mitgeteilt, als Beweis, wie frühe schon die Poesie der Technik sich regte, die sich erst in jüngster Vergangenheit ein wenig Beachtung erobert, nachdem schon sogar im 16. Jahrhundert der Franzose Nicolaus Bourbon in lateinischen Versen eine Dichtung »Der Eisenhammer« verfaßt hatte (Ferraria, übersetzt und erläutert von Dr. L. H. Schütz, Göttingen 1895): —

»Gott sah, was er gemacht, und siehe, es war gut.
So schrieb ein Mann mit großem Geist und Mut.
Doch diese Lehre will der Welt nicht mehr behagen.
Der Zweifler macht bedenklich bittere Klagen.
Er ruft: Man werfe nur, nur einen flücht'gen Blick
In's Lebensspiel; was blickt man? Menschenglück?
Nein, Not und Tod und Elend sieht man hausen,
Die Elemente stets im Wechselkampfe brausen,
Und Sturm der Leidenschaft, die ewig Feindschaft brüten.
So murrt gar mancher trüb, raubt sich des Lebens Frieden!
Warum denn wurden wir so rund umgeben
Vom rohen Stoff, von Kräften aller Art?
Was will in unserer Brust das stete Streben,
Das sich mit ewig reger Neugier paart?
Gestalten soll der Herr die Erden?
Harrt hier nicht alles auf des Bildners Hand?
Ein Schöpfer soll der Mensch, wie Gott wohltätig werden?
Drum gab er ihm Stoff, Kräfte und Verstand.
So jener Mann, dem manches Werk gelungen,
Und dessen Geist nach Wahrheit stets gerungen,
Geprüft des Feuers, des Wassers Macht,
Kurz, der zuerst das Werk erdacht,
Wie durch der Elemente Kampf,
Des Feuers Wut, des Wassers Dampf,
Der Mensch Gewinn und nicht Verderben fand.
Die Wut des Feuers, des Wassers Macht
Ward von dem Künstler angefacht,
Er trennt durch eine dünne Wand
Die Feinde, die von Wut entbrannt.
Die Flammen an dem Kessel wüten,
In dem voll Zorns die Wellen sieden
Und streben, sich am Feind zu rächen,
Den starken Kerker zu zerbrechen.
Ein blanker Stab steigt magisch hoch empor
Vom Dampf verfolgt, durch ein gewaltig Rohr;
Im Nu stürzt in die heiße Flut
Ein kalter Strom, schreckt seine Wut;
Gleich sinkt der Stab — im Augenblick
Scheucht ihn der heiße Dampf zurück,
Der blanke Stahl steigt auf und nieder,
Belebt zum Streben alle Glieder
Nach einem Ziel, der große Bau
Folgt stets des Meisters Sinn genau —
Wie mancher tadelt nicht den Wunderlauf der Dinge
Und ungeprüft schilt, was er nicht versteht.
Der Forscher sieht entzückt, wie in der Wesen Ringe
Sich Teil und Ganzes stets im schönsten Bunde dreht.«

Daß Goethe an diesen Versen nicht achtlos vorüberging, sollte denen zu denken geben, die vom »öden Materialismus der Technik« reden und es nicht Wort haben wollen, daß hier nicht nur für den Kopf, sondern auch für das Herz etwas entstanden ist. Wenn Goethe im zweiten Teil des Faust seinen Helden die reinste und die höchste Freude empfinden läßt, als dem Meere Land abgerungen wird, so hat die Dampfmaschine bei der Entwässerung der Haarlemer Bucht in Holland gezeigt, wie Land im großen der See abgetrotzt werden kann. Damit begann die Dampfmaschine ja in Cornwall ihren Siegeszug um die Erde, daß sie innerhalb der Bergwerke das Land den Fluten der Schächte entriß.


Watts Lebensabend und Tod.

Im Alter von 63 Jahren hatte Watt noch die Aufregungen eines Patentprozesses zu durchkosten. Ein Jahr später erlosch der ihm gewährte Erfindungsschutz, und damit zog sich Watt ganz vom Geschäft zurück. Sein Sohn James und Boultons Sohn waren schon seit Jahren als Mitinhaber in das Geschäft eingetreten und bewährten sich zur Freude ihrer Väter. Boulton hatte sich auf Watts Ersuchen dazu verstanden, ihm statt des vertraglich zustehenden ⅓ die Hälfte des Reingewinns zu zahlen. So wurde Watt an seinem Lebensabend noch ein reicher Mann, auch seine Gesundheit besserte sich. Wie nach einem regnerischen und stürmischen Tage abends schließlich noch die Sonne hervorkommt und den Mann, der tagsüber stark geistig gearbeitet hat, hinaus ins Freie lockt, so gestaltete sich Watts Leben im ganzen: geistige Freuden bei stürmischen, widrigen Schicksalen, gegen Schluß aber Durchbruch sonnigen Friedens und Wohlstands.

Watts Vater war 75 Jahre alt geworden. Er selber brachte es auf 83. Natürlich sah er die meisten Freunde vor sich aus dem Leben scheiden: den rüstigen Boulton, der 1809 starb, Erasmus Darwin und Black, Robison u. a. Von seinen Kindern überlebte ihn nur der Sohn James aus erster Ehe, der 1848 kinderlos starb. Damit endigte die männliche Linie der Familie Watt, die sich von dem Mathematikprofessor ableitete, dessen Vater noch als Pächter bei Aberdeen in Schottland gesessen hatte. Aus der ersten Ehe waren Watt zwei Kinder in jugendlichem Alter gestorben, ein Kind wurde totgeboren. Aus der zweiten Ehe starben erst eine Tochter an einem Lungenleiden, dann ein herrlich aufgeblühter, mit allen Gaben des Körpers und Geistes ausgestatteter Jüngling ebenfalls an Schwindsucht. Für den greisen Erfinder war es ein schwerer Schlag, an tückischem Leiden einen Sohn hinsiechen zu sehen, von dem die höchsten Leistungen zu erwarten waren. Sein Sohn James hatte eine Zeitlang in der französischen Revolution eine Rolle gespielt. Soll er doch ein Duell zwischen Danton und Robespierre vereitelt haben, von Robespierre aber dann als englischer Spion verdächtigt, in tosender Versammlung den Verleumder zur Seite gestoßen und sich glänzend vom Verdachte gereinigt haben. Vor dem Haß Robespierres mußte er dann fliehen. In England wurde er von Burke als Jakobiner denunziert, vom selben Burke, der einst gegen Watts Patent gearbeitet hatte. Der alte Watt war einige Zeit in großer Sorge über das Schicksal des Sohnes. Offenbar aber hatte James doch Temperament und Anlagen. Wir wollen nicht verfehlen, dies hervorzuheben, denn es ist sehr selten und fast nur in Mathematikerfamilien nachzuweisen, daß vier Generationen oder mehr in gerader Linie immer tüchtige, den Durchschnitt überragende Leute hervorbringen.

Auf seinem Landgute in Heathfield bei Birmingham hatte sich der greise Erfinder eine Schmiede und Werkstatt hergerichtet, und bis ins letzte Jahr hinein beschäftigten ihn allerlei Erfindungen, zumal die oben erwähnte Skulpturkopiermaschine. Alljährlich reiste er einmal nach London, dort an den Schaufenstern und besonders den Buchläden sich freuend, zugleich wahrnehmend, wie seine Dampfmaschine die Welt allmählich umgestaltete. Im Jahre 1802 unternahm er eine Reise nach Belgien, den Rhein hinauf und nach Frankfurt a. Main, dann über Straßburg nach Paris. Kleinere Reisen durch Englands schönste Gegenden brachten Abwechslung in das Leben des Mannes, dem ein Freund nach dem andern im Tode voranging. Daß Watt ein wenig unter dem Pantoffel stand, überliefert uns sein Biograph Smiles. Watts Frau, die Färberstochter, hielt mit militärischer Strenge auf Sauberkeit. Ihren Mann durfte sie im Arbeitskostüm nicht zu Gesicht bekommen. Seine Schnupftabaksdose schloß sie weg, wo immer sie ihr in die Hände fiel. Um des lieben Friedens willen und als weiser Mann fügte sich Watt dem gestrengen weiblichen Regimente. Waren abends Freunde bei ihm zu Gast, so erwartete seine Frau, wenn sie sich aus dem Speisezimmer zurückgezogen hatte, daß er bald nachfolgte. Geschah es nicht, so kam ein Diener und drehte das von Murdock erfundene Gaslicht ab. Und der große Erfinder fügte sich lächelnd: »Wir müssen gehen!« Dafür aber war er in seiner Werkstatt in eignem Reich, und er soll sich dort auch oft Essen gekocht haben, um ungestört bei der Arbeit bleiben zu können. Vielleicht aber lag die hausfräuliche Strenge in Watts eigenstem, gesundheitlichen Interesse.

Im selben Jahre, in dem der erste Dampfer, die Savannah, teilweise noch mit Segelbenützung, den Ozean von Amerika nach Europa durchkreuzte, starb Watt, am 19. August 1819. Seine Geisteskräfte waren ihm bis ans Ende erhalten geblieben. Dankbar segnete er das Leben, das ihm soviel Freude bereitet habe. Ohne schweres Leiden verschied er nach kurzer Krankheit. Neben Boulton wurde er in der Handsworth Church bei Heathfield beigesetzt. Nicht weit davon wurde auch der treue, nie versagende Murdock, der ebenfalls ein hohes Alter erreichte, zur Ruhe bestattet.

Wir wollen nicht lang und breit erzählen, welche Ehren dem großen Erfinder von Gelehrten- und andern Gesellschaften erwiesen wurden. Auch nur erwähnen wollen wir die Aufstellung von Watts Büste in der Westminsterabtei unter den Helden des Krieges, der Dichtung und Wissenschaft. Die von Lord Brougham verfaßte Inschrift feiert den Erfinder als den Mann, der die Hilfsquellen seines Landes erweiterte und die Kraft des Menschen vermehrte. Statt uns aber auf solche Ruhmeshymnen einzulassen, die dem Erfolge oft genug auch da nachtrotten, wo das Verdienst kaum zulänglich ist, wollen wir von Watt lieber damit Abschied nehmen, daß wir uns noch einige seiner Aussprüche merken, damit nicht nur durch sein Werk, sondern auch durch sein Wort der große Mann noch in unsrer Erinnerung lebe. Vielleicht sind es besonders drei Äußerungen Watts, die man sich mit Nutzen merken kann:

Without a hobby-horse, what is life: Ohne ein Steckenpferd, was ist da das Leben?

Nature can be conquered, if we can but find out her weak side: Die Natur kann besiegt werden, wir müssen nur ihre schwache Seite finden.

It is a great thing to know what to do without: Es ist wichtig zu wissen, ohne was man etwas machen kann!


Auf den Gebieten der freien und angewandten Kunst, der Literatur, des Theaters usw. haben wir in Deutschland eine ganze Reihe von Sammelwerken, die in Einzeldarstellungen schildern, was daraus dem Gebildeten zu wissen notwendig ist. Für die Industrie und die Technik, die bestimmenden Faktoren unserer Zeit, fehlen derartige Werke noch vollkommen. Und doch bezeichnet sich unser Jahrhundert selber mit eherner Stimme als

das Jahrhundert der Technik

Ist es da nicht die Pflicht jedes Gebildeten, sollte es nicht das eifrige Streben jedes wahrhaft modernen Menschen sein, dies Jahrhundert in seinem innersten Fühlen verstehen zu lernen? Man wird die Frage selten verneinen, aber man wird meist hilflos dastehen, wenn man diese Erkenntnis in die Tat umsetzen will, weil es keinen kundigen Führer gibt, der hier die Wege weist. Solche Führer

braucht

also unsere Zeit ebenso wie Führer für die Reise nach fernen Ländern.

Führer in die deutsche Industrie u. Technik

wollen nun die Bände sein, die wir unter dem Sammeltitel »Deutsche Arbeit« im Anschluß an unsere »Technischen Monatshefte« herausgeben.

Berufene Fachleute sollen in diesen Bänden darstellen, was sie von ihrem Spezialgebiet für allgemein wissenswert halten. Reiche bildliche Darstellungen werden den Text ergänzen.

Als erster dieser Führer erschien:
J. Kollmann,
Die Großindustrie des Saargebiets.

Mit 1 Karte und 50 Abbildungen, geh. M 2.—, geb. M 2.80.

Demnächst werden sich anschließen:

Die deutsche Schmuckindustrie.
Das rheinisch-westfälische Industriegebiet.
Deutsche Werftbetriebe.
Deutsche Porzellanfabriken.
Der oberschlesische Industriebezirk.
Deutsche Glashütten.
usw. usw.

Der Preis der einzelnen Bände wird je nach Umfang und Ausstattung M 1.— bis M 2.— für das geheftete, M 2.— bis M 3.— für das gebundene Exemplar betragen. So wird auch dem Minderbemittelten die Anschaffung möglich sein und jeder wird sich hier Kenntnisse verschaffen können, die praktisches Wissen darstellen, das sich im Lebenskampf jederzeit nutzbar machen läßt.

In unserer Sammlung

Lebensbilder
aus Industrie und Technik

erschien als erster Band

Max Eyth

ein deutscher Ingenieur und Dichter

Eine biographische Skizze, mit Proben aus
seinen Werken und vielen Abbildungen

von

Dr. Georg Biedenkapp

Abnehmer des Jahrgangs 1910 der Technischen Monatshefte
erhalten den Band kostenlos.

Ladenpreis kart. M 1.—, in hübschem Leinwandband M 1.80

In Vorbereitung befinden sich als weitere Bände der Sammlung

George Stephenson
Alfred Krupp
Leonardo da Vinci
Morse und Reis
John Ericsson

usw. usw.

Die Abonnenten der »Technischen Monatshefte« erhalten die einzelnen Bände jeweils kostenlos oder zu sehr ermäßigten Preisen.

Verlag der »Technischen Monatshefte«

(Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart)