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Japanischer Frühling: Nachdichtungen Japanischer Lyrik cover

Japanischer Frühling: Nachdichtungen Japanischer Lyrik

Chapter 101: GELEITWORT
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About This Book

A volume of German renditions of short Japanese lyric poems that favor impressionistic brevity and precise imagery. The pieces rely on seasonal and natural motifs—blossoms, moonlight, mountains, snow—to evoke states of love, longing, exile, battle and mourning. Voices range from formal to intimate and include both named and anonymous attributions, producing a collage of moods rather than continuous narrative. The structure emphasizes concise snapshots, ritual gestures and everyday sensations that together suggest transience and quiet emotional depth.

GELEITWORT ANMERKUNGEN ANORDNUNG

GELEITWORT

Die japanische Lyrik lässt sich gut mit den japanischen Tuschzeichnungen vergleichen: sie gibt, gleich jenen, mehr Andeutung als Ausführung, sie will in aller Kürze einen fest umrissenen Eindruck erreichen, sie hat einen vorwiegend impressionistischen Charakter. Wir finden in ihr, gerade wie in den japanischen Zeichnungen, vor allem die Liebe für das Zarte und Blütenhafte, für Frühling, Blumen und feinen Duft. Die einzelnen Persönlichkeiten treten in dieser lyrischen Kunst nicht stark hervor, im Gegensatz zur chinesischen.

Japan ist das Land der Gelegenheitsdichter. Wir besitzen Gedichte von Kaisern und Kaiserinnen, Hofleuten, Gelehrten und Kurtisanen. Im zehnten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung war die Dichtkunst in Japan so verbreitet, dass sich der Kaiser Daïgo veranlasst sah, ein "Ministerium für poetische Angelegenheiten", wie wir heute sagen würden, einzusetzen. Ein solches Ministerium gibt es jetzt nicht mehr, aber die Freude an der Formung kleiner Gedichte ist in Japan noch heute allgemein.

Seit alters her gibt es für das japanische lyrische Gedicht nur eine einzige, streng bewahrte, klassische Form: Tanka oder Uta genannt. Ein solches Tanka besteht immer aus einunddreissig Silben, die sich auf die fünf Zeilen des Gedichtes folgendermassen verteilen: 5-7-5-7-7.

Das Tanka ist reimlos. Die japanische Sprache ist für den Reim nicht geschaffen, denn sämtliche Worte endigen auf einen der fünf Vokale a, e, i, o, u. Wollte man also reimen, so müsste man immer wieder zu den gleichen monotonen Reimen einfacher Vokale greifen, und das wäre auf die Dauer mehr grotesk als schön. Nein, die Aufgabe des japanischen Dichters ist es im Gegenteil, die einzelnen Zeilen seines Tanka möglichst auf verschiedene Vokale endigen zu lassen, um so eine möglichst grosse Reichhaltigkeit an Klängen zu erzielen.

Die Regeln des Tanka wurden schon 700 Jahre vor unserer Zeitrechnung durch Sosano-Ono-Mikoto, einen Dichter des heroischen Zeitalters, fixiert. Im Jahre 905 nach Christi Geburt wurden sie durch den Dichter Tsurayuki, den ersten Minister der Poesie unter Kaiser Daïgo, in der Vorrede zu jener berühmten ersten grossen Anthologie, welche sich Manyoshu nennt, befestigt. Diese Regeln wurden nie einer Veränderung unterworfen und sind heute genau dieselben wie vor 2600 Jahren. In alten Zeiten pflegte man auch mehrere Utas zu längeren Gedichten zusammenzusetzen (Naga-Uta). Seit dem sechzehnten Jahrhundert beschränkte man sich, besonders in Scherzgedichten, nicht selten auf die ersten drei Zeilen eines Uta, um Gedichte von besonders epigrammatischer Kürze zu bilden. Das sind die einzigen Varianten der alten Form,—wenn man von Formvarianten hier überhaupt sprechen kann.

Die ausserordentliche Kürze des Uta oder Tanka hat ihre Nachteile. Die Dichter wollen möglichst viel in einem solchen Kurzgedicht ausdrücken und werden nicht selten dunkel durch übertriebene Kondensierung. Kommentatoren haben alte berühmte Tankas immer wieder ausgelegt, und über den Sinn so mancher Gedichte aus klassischer Zeit hat man sich bis heute nicht einig werden können.

Die Blütezeit der japanischen Lyrik liegt weit zurück. Die erste klassische Epoche wird repräsentiert durch die schon erwähnte grosse Anthologie Manyoshu ("Sammlung der Myriaden Blätter"), die vermutlich durch den Sammeleifer des Dichters Yakamochi zusammengebracht und im Jahre 759 abgeschlossen wurde. Sie vereinigt in 20 Büchern 4500 Gedichte; aus der grossen Zahl der in ihr vertretenen Dichter ragen neben Yakamochi vor allem der Elegiker Hitomaro, der Landschafter Akahito und der Realist Okura hervor. Hitomaro gilt in Japan als der grösste Dichter der Nation. Man hat ihm Tempel errichtet, und sein Leben, von dem man wenig weiss, ist durch die Legende phantastisch ausgeschmückt worden. Es geht das Gerücht, ein Poet brauche nur Hitomaro anzurufen, um ein gutes Gedicht bilden zu können.

Die Dichter der bald folgenden zweiten, "goldenen" klassischen Epoche sind uns in einer anderen, 1100 Gedichte umschliessenden Anthologie, im Kokinshu ("Sammlung alter und neuer Gedichte") erhalten, das im Auftrage des Kaisers Daïgo durch den Dichter Tsurayuki gesammelt und im Jahre 905 beendet wurde. Hier sind neben dem zarten Tsurayuki besonders der mannhafte Henjo und der schwermütige Prinz Narihira zu nennen, dessen hervorragende körperliche Schönheit noch heute sprichwörtlich in Japan ist.

Manyoshu und Kokinshu sind die wichtigsten aller japanischen Anthologien, deren später, zumeist auf Veranlassung der Kaiser, noch viele hergestellt wurden. Auch die Lieder unseres Buches gehen zum grossen Teil auf jene beiden unerreichten klassischen Sammlungen zurück.

Der Blüte folgte ein trostloser Verfall. Hundert Jahre etwa hielt sich die Dichtung noch auf einem würdigen Niveau, dann gelangte ein öder, pedantischer Formalismus zur Herrschaft und legte alle freien poetischen Regungen jahrhundertelang in Fesseln. Das Versemachen wurde als eine erlernbare Beschäftigung betrachtet, die man nach bestimmten starren Zunftgesetzen auszuüben hatte, wie es ja auch in Deutschland eine Zeitlang Sitte war. Auch in Japan wurden, genau wie bei uns, Sängerwettstreite (Uta-Awase) veranstaltet, die sich übrigens bis in die neueste Zeit erhalten haben und die eine allgemeine Veredelung der Poesie im Lande bezwecken sollten, während sie in Wirklichkeit gerade das Gegenteil zur Folge hatten. Sogar den Frauen wurden solche Sangeswettstreite eingeräumt, auf denen zumeist recht alberne Themata zu Utas poetisch "verarbeitet" wurden. Der Preis der Sieger bestand darin, dass ihre Poesien dem Kaiserpaare vorgelesen und zugleich mit den eigenen Gedichten des Kaisers oder der Kaiserin veröffentlicht wurden.

Die eigentliche Entwickelung der japanischen Literatur seit der klassischen Zeit bis heute hat dem Roman und dem Drama gegolten, aber nicht der Lyrik. Motoori Norinaga, eine energische Kämpfernatur, die man etwa mit Lessing vergleichen kann, hat sich gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts leidenschaftlich bemüht, dem schrecklichen Formelwesen der japanischen Liederdichtung ein Ende zu bereiten; sein Streben war auch von einigen Erfolgen begleitet, aber eine wirkliche Blüte hat die japanische Lyrik bis heute nicht wieder zu erreichen vermocht, auch nicht durch jene von Europa beeinflussten revolutionären Versuche, dem Versbau neue Formen zu erschliessen, die von einigen kühnen Dichtern der letzten Zeit ausgegangen sind.

Was die Nachdichtungen des vorliegenden Bandes angeht, so habe ich, obwohl ein Freund konzentrierten Ausdrucks, erst in zweiter Linie auf Knappheit der Form gehalten und vor allem der Klarheit und Durchsichtigkeit mich befleissigt. Hätte ich überall die Knappheit der Originale beibehalten wollen, so wäre ich oft gezwungen gewesen, den Gedichten erklärende Fussnoten beizugeben, und auf diese Weise wäre die Lektüre recht umständlich und überhaupt eine andere geworden, als ich mir für diese Verse wünschte. Mir lag daran, Gedichte zu bilden, die durch sich selbst einen poetischen Reiz ausüben sollten, und ich möchte hoffen, dass von der japanischen Farbe wenigstens so viel auf sie übergegangen ist, wie man bei derartigen Nachbildungen verlangen muss.

Die Vorbilder für meine Nachdichtungen sind vor allem in der Geschichte der japanischen Literatur von Karl Florenz zu finden; auch die kleinen Bücher von Enderling, Hauser, Kurth und Lange habe ich verwertet.

Hans Bethge

ANMERKUNGEN

Zur Aussprache: ch lautet wie tsch, j wie dsch, y wie deutsches j, sh wie sch; s ist scharfer dentaler Zischlaut (wie in Hast), z weicher dentaler Zischlaut (wie in Sohn): r ist Zungen-r.—Die Vokale sind kurz; ei lautet wie e.

Seite 5. Fragment eines grösseren Gedichtes.

Seite 7. Dies Gedicht steht an der Spitze der Sammlung Manyoshu.

Seite 8. Muneto soll Aïnos zu Vorfahren gehabt haben. Er wurde deshalb von den Höflingen gehänselt und richtete dieses Gedicht an sie.

Seite 13. Fragment eines längeren Gedichtes an den Prinzen Takechi.

Seite 14. Ozi wurde, da er Ansprüche auf den Thron geltend machte, gefangen genommen und auf Befehl der Kaiserin Taizyo hingerichtet, im Alter von vierundzwanzig Jahren. Das "Trübe Lied" soll er im Angesicht des Todes gedichtet haben.

Seite 16. Akahito steht in der Schätzung der Japaner gleich neben Hitomaro. Die beiden berühmten Dichter werden "die beiden Weisen" genannt.

Seite 35. Naniwa, von je wichtig für die Schiffahrt, ist das jetzige
Osaka.

Seite 37, 38. Frau Onono Komachi war ebenso berühmt durch ihre
Dichtungen wie durch ihre Schönheit und ihren Leichtsinn.

Seite 49. Frau Ise war die Geliebte des Kaisers Uda, dem sie auch ins Exil folgte; sie soll nach dem Tode ihres Freundes im Elend gestorben sein.

Seite 105. Das Yehon Chitoseyama, erschienen 1740, ist eine Sammlung didaktisch-moralischer Gedichte.

ANORDNUNG

CHRONOLOGISCH

MOTOORI NORINAGA (1730-1801)
  Die Seele Japans. Als Motto
AUS ARCHAISCHER ZEIT
  Die schöne Nuna-Kawa-Hime
KAISERIN IWA NO HIME (4. Jahrhundert nach Chr.)
  Die Wartende
KAISER YURYAKU (451-479 nach Chr.)
  Liebeswerbung
MUNETO (7. Jahrhundert nach Chr.)
  Der Glückliche
PRINZESSIN NUKADA (2. Hälfte des 7. Jahrhunderts)
  In Erwartung
OKURA (etwa 660-733)
  Das Elend der Welt
HITOMARO (etwa 662-709)
  Einsam
  Die Geliebte im Segelboot
  Kriegszug
OZI (663-687)
  Trübes Lied
KAISER MOMMU (697-707)
  An den Schnee
AKAHITO (Mitte des 8. Jahrhunderts)
  Der Fuji-Yama
  Betrachtung
MUSHIMARO
  Die Trauerweide
EDELDAME ISHIKAWA (8. Jahrhundert)
  Der Mond
KIBINO (gestorben 775)
  Frühlings Ende
OKISHIMA (8. Jahrhundert)
  Frühlings Ende
YAKAMOCHI (gestorben 785)
  In der Fremde
  Heimweh
FUJIWARA NO HIROTSUGU
  Der Blütenzweig
TABITO
  Der Freund des Weines
UNBEKANNTE DICHTER aus der Sammlung MANYOSHU
    (abgeschlossen im Jahre 759):
  Am Ufer
  Bitte an den Hund
  Der Teich
  Trennung
  Vertrauen
  Über die Heide
  Bangnis
  Die schöne Kurtisane
  Qualvolle Eifersucht
  Vergebenes Bemühen
  Wunsch
FRAU KOMACHI (gestorben etwa 870)
  Die Träume
  Einsam
HENJO (815-890)
  Das Lotusblatt
  Familienstolz
PRINZ NARIHIRA (825-880)
  Schwermut
  Tagelied eines Mädchens
  Liebeskummer
TOMONORI (845-905)
  Sehnsucht nach der Nachtigall
  Dauer im Wechsel
  Gleiche Sehnsucht
OCHI (9. Jahrhundert)
  Die Wildgans
OTOMO KURONUSHI (2. Hälfte des 9. Jahrhunderts)
  Frühlingsregen
FRAU ISE (um 900)
  Betrachtung
MITSUNE (859-907)
  Trübsinn
  Heute!
  An einen Freund
TADAMINE (868-965)
  Erinnerung
  Frommer Wunsch
  Haltlos
FUKAYOBU
  Das klagende Herz
MASAZUMI
  Die allerersten Blüten
KI NO ARITOMO
  Dauernde Erinnerung
TSURAYUKI (882-946)
  Jubel
  Blüten und Herzen
  Schnee im Frühling
  Blütenschnee
ATSUTADA (gestorben 943)
  Seitdem ich dich liebe
  Gesteigerte Sehnsucht
UNBEKANNTE DICHTER aus der Sammlung KOKINSHU
  (abgeschlossen im Jahre 905):
  Ankunft des Frühlings
  Liebe
  Das Alter
  Lieben und Sterben
  Das Mädchen auf der Brücke
  Liebesqualen
  Herbst
  Schatten
  Schnee
  Immer wieder
  Schlaflos
  Unerwiderte Liebe
  Sehnsüchtiger Gedanke
  Der duftende Ärmel
KANEMORI (10. Jahrhundert)
  Das Kopfkissen
  Heimliche Liebe
UNBEKANNTE KURTISANE
  Bei Betrachtung des Mondes
OKI KASSI
  Unmöglichkeit
TERANGE
  Schwermut
SIGEYUKI
  Verzweiflung
UNBEKANNTE DICHTERIN (10. Jahrhundert)
  Die Verlassene
FRAU IZUMI SHIKIBU (um 1000)
  Noch einmal
FRAU INNO BETTO (12. Jahrhundert)
  Dieselbe Nacht
FRAU HORIKAWA (12. Jahrhundert)
  Erregung
FUJIWARA NO TOSHINARI (1113-1204)
  Jammer der Erde
SAIGYO (1118-1190)
  Gedanken
  Schwermut
  Vom Mond
  Abschied von den Blüten
  Blüten
KIUTSUNE (13. Jahrhundert)
  Das Alter
SONE NO YOSHITAKA
  Steuerlos
SAKINO DAISOJO GYOSON
  An die Kirschenblüten
PRINZ MUNENAGA (1312-1385)
  An die Wildgänse
UNBEKANNTE DICHTERIN (16. Jahrhundert)
  Liebesbrief
AUS DEM SINGSPIEL MIIDERA (17. Jahrhundert)
  Vergebenes Warten
VOLKSLIED
  Um mit dir zu leben
KURTISANE SEGAWA (18. Jahrhundert)
  Der Liebeslaut
UNBEKANNTER DICHTER (18. Jahrhundert)
  Die Weide im Wind
UNBEKANNTER DICHTER (18. Jahrhundert)
  Nach dem Bade
AUS DEM BUCHE YEHON CHITOSEYAMA (18. Jahrhundert)
  Beschränkung
UNBEKANNTER DICHTER (18. Jahrhundert)
  Leichtes Spiel
SANDARA (18. Jahrhundert)
  Die Morgenglocke
YORIKITO (19. Jahrhundert)
  Täuschung