Der starke Mann erbebte, als er die heißen Hände des Kindes in die seinen faßte.
»Edgar, mein Junge, mein armer Junge!«
Bange Tage, bange Nächte vergingen. Es war schon spät am Abend, als die Thüre des Krankenzimmers sich leise öffnete, um eine zarte Mädchengestalt einzulassen, eine Gestalt, welche es mit großer Mühe und mit Aufwendung aller Überredungskünste durchgesetzt hatte, hinter dem Rücken des Hausherrn in der Krankenstube erscheinen zu dürfen, um die Nachtpflege mit der Freundin zu teilen. Lily Elsworth war eine andere geworden. Die Stunden der Sorge, die sie am Bette des leidenden Kindes verlebte, hatten ihre ganze frühere sorglose Leichtlebigkeit vertrieben. Aus dem übermüthigen Kobold war eine sorgende, zarte Pflegerin geworden, die mit echt weiblicher Ruhe und Ausdauer ihre selbstauferlegte Pflicht erfüllte. Im Hause lag alles in tiefem Schlummer. Marie hatte sich auf einige Stunden aufs Bett geworfen. Es wachte nur eine: Lily. Das Kind warf sich in wirren Fieberphantasien im Bettchen umher, während er mit heißen Händen wie spielend an der Bettdecke zupfte. Lily beugte sich über ihn, faßte die kleinen Finger und hielt sie in den ihren. Tiefe Stille herrschte im Gemach, da öffnete sich leise die Thüre und Harveys hohe Gestalt überschritt die Schwelle. Sein Auge schweifte besorgt zum Bette hinüber, während sein vorsichtig schreitender Fuß sich demselben näherte, von dessen Seite sich jäh erschreckt die schlanke Gestalt des Mädchens erhob und ihm gegenüberstand.
»Lily – Fräulein Elsworth!«
Der Ruf des Mannes ertönte in unterdrücktem Schrecken durch das Gemach, und in dem Schrecken lag es wie Vorwurf und verhaltene Empfindung zugleich.
»Wie können Sie – wie konnte man Ihnen gestatten? Die Krankheit ist übertragbar – Sie wissen das nicht –«
»Doch, Herr Harvey, ich weiß es!« Sie stand dem Manne gegenüber. Ihre Antwort kam klar und fest und es lag ein eigenes Selbstbewußtes, Bestimmtes in ihrem Ton wie in der Haltung. Der Mann stand einige Augenblicke unbeweglich, sein Auge auf das Mädchenantlitz geheftet, das im Scheine der verstellten Lampe bleich und seltsam schmal erschien. Ein Gefühl von Angst, von tötlichster Besorgnis überkam ihn plötzlich, sein bärtiger Mund zuckte einigemal, seine Augen suchten die ihren.
»Lily,« begann er, und beim Klang seiner Stimme sah sie rasch zu ihm auf, »Lily, ich bin in Angst um Sie – ich –« er stockte.
Ihre blauen Augen sahen gerade in die seinen und schienen mit ihren stummen Bitten seine Angst bannen zu wollen. Sie schüttelte einigemal beruhigend, beschwichtigend den Kopf und lächelte ihn an, und in der Bewegung, in dem Lächeln lag ein so eigenartig weiblicher Reiz, daß es den Mann mächtig und mit unwiderstehlicher Macht zu ihr zwang. Seine Hände umfaßten plötzlich den kleinen braunen Mädchenkopf und hoben ihn zu sich. »Lily,« sagte er, und in seiner Stimme lag unaussprechliche Zärtlichkeit. Sie erwiderte nichts. Sie wandte nur leicht das von ihm umfaßte Köpfchen zur Seite und berührte mit ihrer Wange die weiße Männerhand.
Der Morgen graute. Edgar lag mit geöffneten Augen, in denen der erste Strahl wiederkehrenden Bewußtseins leuchtete, auf seinem Lager. Lily neigte sich über ihn. Thränen entrinnen ihren Augen, als das Kind zu ihr aufsehend mit leiser Stimme »Lily« flüstert.
Auf der Thürschwelle steht eine Männergestalt, dessen Auge gleich dem des Mädchens feucht wird. Seine Blicke gehen von der lichten Mädchenfigur fort zum Kinde und von diesem wieder zu Lily hinüber.
»Gestern Abend schickten Sie mich fort,« sagte er leise, »darf ich nun wiederkommen?«
Sie antwortete sogleich. Sie faßte das Köpfchen des bleichen kleinen Patienten und neigte ihr Antlitz darauf. »Rufe Papa!« sagte sie.
Edgars Augen wanderten zuerst ziellos im Gemach umher, dann blieben sie an den beiden über ihn gebeugten Köpfen haften. »Ich habe geträumt,« sprach er leise, »so etwas schönes, von Mama, sie hatte rosige Flügel und überall waren weiße Täubchen und ein kleines Täubchen reichte sie mir und wie ich es nehmen wollte, da lachte sie und schüttelte den Kopf und dann flog sie fort, und dann kam sie wieder und du kamst auch Papa, aber du hattest jetzt das Täubchen und es war mit einemmale anders geworden, es hatte große blaue Augen wie, wie Lily, und Mama nickte immer und lächelte und – dann war der Traum aus.«
Das Kind schwieg. Harvey faßte seine Hand. »Edgar,« fragte er, »soll Lily bei uns bleiben, immer und ewig?«
Der kleine Patient lächelte. »Ja,« lispelte er, indem er die Augen schloß, »ja, immer und ewig!«
Vor dem Bette stand Harvey, an seiner Seite – Lily. Das erste Morgenrot fiel durch die Ritzen der grünen Fensterläden ins Zimmer und warf goldige Streiflichter auf das Antlitz des Mädchens, das ihr Haupt zu dem Manne erhoben hatte und wortlos seiner Stimme lauschte.
»Lily,« sagte er ernst, »es ist ein Wortbruch, aber sie wird es mir vergeben, wenn sie ihr Kind hört, und nun sprich zu mir, mein Mädchen.« –
Der braune Krauskopf lag an seiner Schulter. Die Mädchenhände lagen auf seiner Brust gefaltet und des Mannes Mund beugte sich herab und küßte die leise geflüsterten Liebesworte von ihren Lippen.
»Mein Mädchen,« sagte er nochmals leise, »mein böses, trotziges, sanftes Mädchen!«
Des Nachbars Junge.
Er war ein verwahrlostes Kind und in dem ganzen Stadtviertel wegen seiner losen Streiche gefürchtet; dennoch zog mich etwas in seinem sommersprossigen, kugelrunden, von roten, struppigen Haaren umgebenen Gesichte seltsam an und ließ mich, wenn er auf den an den Parterrefenstern entlang laufenden Balkons der gleichgebauten Häuser seine halsbrecherischen Gelenkübungen vornahm, interessiert und besorgt zu ihm aufsehen.
Eine Zeit lang pflegte der bewegliche Bursche die gefährlichen Schaustellungen in der Gymnastik an allen Eisengittern und Fenstervorsprüngen den staunend bewundernden Blicken der versammelten Schuljugend zum besten zu geben; seit aber seine Produktionen zu Nachahmungen reizten, die unter den weniger gelenkigen Knaben einige gebrochene Gliedmaßen zur Folge hatten, seitdem die biederen Nachbarsfamilien den verderblichen Einfluß des verwahrlosten Knaben erkannten, war das Machtverbot des »Nichtumgehens« mit Charley Gregor sprichwörtlich geworden, und so begnügte sich der vereinsamte Gymnastiker, seine Produktionen scheinbar zum Schrecken der Vorübergehenden oder zu seiner eigenen Unterhaltung unbeirrt fortzusetzen, bis er eines sonnenhellen Morgens bei einer seiner gewagtesten Verrenkungen (er hing mit einem Bein an der Bretterwand, welche den Garten seines Vaters von dem meinen trennte, während sein niederbaumelnder Kopf sich auf gleicher Linie mit seinen rücklings herabhängenden Armen hin und her wiegte) die Augen aufschlug, und mein erschrecktes Gesicht über dem Fenstersims gebeugt sah. Im Nu schnellte der kleine Mensch hoch – saß fest und sicher auf dem Zaun und lachte mit absichtlich schief gezogenem Munde, in dem die gelblichen Zähne weit auseinander standen, unverschämt dreist zu mir herein, während er sich mit einer unglaublichen Behendigkeit auf dem Zaun entlang schob und sich so meinem Fenster näherte. War es die mir innewohnende weibliche Scheu vor der Roheit des Kindes, war es das instinktive Abwehren der mir drohenden Annäherung, ich machte einen Schritt in das Zimmer zurück; dann aber besann ich mich. Der gänzliche Mangel an Ehrerbietung einer Erwachsenen gegenüber, der sich in seinen dreisten Blicken aussprach, veranlaßte mich, die in mir aufsteigende Empörung zu unterdrücken, und, ganz der Stimme des Mitleids in mir folgend, bog ich mich vor und sprach den Knaben an.
»Ich fürchtete, du würdest fallen!«
Die Antwort war eine rohe Lache, die, kaum aufgeschlagen, ganz kurz abbrach und verstummte. Aus dem unschönen Knabenantlitz schaute mich sekundenlang ein tiefblaues Augenpaar starr, forschend an; dann verschwand der sinnige Ausdruck, der flüchtig auf seinem Antlitz gelegen und machte einem höhnischen, zweifelnden Lächeln Platz.
»Und wenn ich gefallen wäre – who'd care?« (wer machte sich was daraus?)
»Jeder; dein Vater zuerst!«
»Der?« Charley Gregor warf mit einer verächtlichen Lache den Oberkörper rücklings auf den Zaun und blickte aus halb geschlossenen Lidern hervor auf die herabgelassenen Jalousien seines väterlichen Heims; dann schwang er sich wieder auf, schüttelte die buschige Mähne in die Stirn zurück und spie – wie um die Verkommenheit seines Wesens zu demonstrieren – mit einer gewissen Großthuerei weithin über den Garten. Sein Kopf war etwas abgewandt; als er ihn nach kurzer Pause wieder erhob, schien ihn meine fortgesetzte Anwesenheit am Fenster zu erstaunen.
»Bad case – me?« (Verlorne Seele – ich?) rief er kurz, halb fragend, halb behauptend.
»So?« entgegnete ich lächelnd, »weshalb denn?«
»Unverbesserlich!« Er stieß das Wort mit einem Anflug von Stolz hervor und steckte aufrecht sitzend beide Hände tief in die Hosentaschen, bauschte dieselben weit auseinander und klappte sie, mit einem festen kleinen Schlag gegen seinen Körper, wieder zusammen.
»Das Ihr Vogel?« fragte er plötzlich zutraulicher – den Bauer unausgesetzt ansehend. Ich nickte.
»Gekauft?« Die drollige Frage gefiel mir.
»Er gehörte meinem Kinde,« berichtete ich.
Charleys Augen hoben sich fragend.
»Haben Sie ein Kind?«
»Jetzt nicht mehr,« sagte ich leise, »es ist gestorben!«
»So?« Charleys Ausruf war ein Mittelding zwischen Neugierde und Mitgefühl, und seine Blicke begannen über den Hausdächern ziellos umherzuirren und sanken endlich mit salbungsvollem Ausdruck auf seine dickbesohlten Stiefeln herab.
»Viele Leute sterben,« begann er endlich, mit der Miene eines bejahrten Tröster, dem nach langem Suchen das richtige Wort eingefallen ist, »kenne 'ne Menge Leute, die gestorben sind. Viele sterben an Masern. Böse Krankheit – Masern!«
Ich antwortete nichts. Meine Gedanken waren weit zurückgeschweift. Sie hingen an dem Bilde eines kleinen dunkellockigen Knaben, dessen hellklingende Stimme mir durch kurze Jahre das Dasein gelichtet hatte, um dann zu verstummen – auf immer – und mich einsam zurückzulassen. – –
Wie lange ich in stillem Sinnen verblieb, weiß ich nicht. Als ich aufsah, war ich allein. Charley Gregor war geräuschlos verschwunden. Ich dachte eine Weile über sein plötzliches Verschwinden nach, und empfand ein unbehagliches Gefühl von Reue darüber, die rauhen Trostesworte, die, wie ungeschickt sie auch schienen, doch von gutem Willen sprachen, so unerwidert gelassen und – so folgerte ich – das Kind dadurch gekränkt und verscheucht zu haben.
Ich begann mir ernstliche Vorwürfe zu machen, daß ich die weiche Regung des verwahrlosten Knaben zurückgestoßen und ihm vielleicht auf immer den Mut genommen, sie wieder zu offenbaren. Wer konnte wissen, wie tief ihn meine Nichtbeachtung seines wohlgemeinten Trostes geschmerzt – wie zerknirscht –
Mein reuiger Gedanke wurde durch ein dumpfes Gemurmel unterbrochen. Von meinem Fenster aus konnte ich trotz des eingetretenen Dämmerlichts sehen, wie ein Menschenhaufen sich vor der gegenüberliegenden halb verfallenen alten Kirche ansammelte, und besorgten Blickes zur Spitze derselben aufschaute, von wo aus rasch aufeinanderfolgende kleine brennende Hölzchen herniederfielen. Brannte es? War ein Feuer ausgebrochen? Ich bog mich geängstigt weit aus dem Fenster und durchspähte prüfend den oberen zackigen Vorsprung des verfallenen Baues.
War es möglich? Ich stand vor Entrüstung zitternd aufrecht. Dort oben, hinter einer der vorspringenden zerstückelten Figuren versteckt – lugte der rote Kopf Charley Gregors vorsichtig auf die Menge herab, während er mit empörendem Eifer kleine Stücke von der bröckeligen Holzballustrade ablöste – sie mittelst eines Zünders anblies und bedächtig unter die unten versammelte Menge vertrieb. Der leichte Abendwind trug glücklicherweise die brennenden Hölzer hin und her und löschte die bläulichen Flämmchen, bevor sie die Menschen erreichten, wo sie nur noch als kleine Kohlen glimmend zur Erde regneten. Ich sah noch, wie eine ganze Handvoll solcher Funken auf einmal herniederfiel, sah, wie eine vorsichtig kletternde kleine Gestalt mit der Behendigkeit einer Katze die hintere Steinwand entlang – vom Vorsprung zum Fenster und dann weiter abwärts glitt, und, plötzlich inmitten der Menschengruppe stehend, mit dieser hinaufschaute nach der Stelle – von der aus er selbst noch vor wenigen Sekunden die brennenden Hölzer geworfen.
Ich schloß, über die besonnene Schlechtigkeit dieses Knaben entrüstet, das Fenster, und trat, empört über seine klar zu Tage getretene Verderbtheit, mißgelaunt ins Zimmer zurück.
Es war mir unerquicklich, daß mich während der Nacht das sommersprossige Gesicht des »Gregor-Jungen« verfolgte. Bald sah ich ihn an hohen zackigen Felsen hängen, bald auf irgend einem Dachvorsprung sitzen, von dessen Kante aus er die gefährlichsten Sprünge machte, und so überraschte es mich nicht sonderlich, als ich in der Frühe an meinem Schreibtisch sitzend, eine wohlbekannte Stimme in geheimnisvollem Flüsterton rufen hörte:
»Hay Missus!« Ich blickte von meinen Manuskripten auf. Vor der obersten Scheibe meines Fensters baumelten zwei unreinliche Spitzen zweier sehr unreinlicher Stiefel. Es war unschwer zu erkennen, wessen Körper über den dicken Sohlen schwebte. Ich trat auf den Balkon hinaus. An den Stäben des zum oberen Geschosse gehörigen Balkons hielt er sich, während sein herabspähender Kopf eine günstige Stelle zum Hinabspringen zu suchen schien.
»Pleasant morning!« (Angenehmer Tag!) rief er, mit der familiären Miene eines täglich willkommenen Besuchers, und ich vergaß über dem unbefangenen Gruß des Knaben, wie über der beängstigenden Lage seines Körpers meine Indignation von vorher.
»Ein sehr angenehmer Tag, aber du wirst gleich stürzen,« rief ich so ruhig wie möglich zurück.
»Aus dem Weg', ich komme!« Der Warnungsruf kam nicht einen Augenblick zu früh. Der feste kleine Mensch landete geräuschvoll auf dem Balkon und stand an meiner Seite. Mein unerwarteter Gast trat dicht vor die Schwelle meines Zimmers und spähte mit unverfrorener Dreistigkeit in das Innere desselben.
»Hat er hier bei Ihnen sitzen dürfen?«
»Wer?« fragte ich, durch den sinnigen Ernst seines Gesichtes stutzig gemacht.
»Der tote Junge!« Wie schmerzlich mich die rohe Benennung auch berührte, so lag doch in der halb brutalen, halb feierlichen Betonung der Worte etwas Ergreifendes. Ich nickte stumm Bejahung.
»War wohl ein famoser Junge?« Diese Bezeichnung paßte kaum auf das zarte dreijährige kränkliche Wesen, das seine kurze Lebenszeit meist liegend zugebracht. Mein Gast machte sich wie es schien, ein falsches Bild von ihm, das ich für den Augenblick nicht zerstören mochte.
»Weshalb meinst du, daß es ein gutes Kind war?« fragte ich.
Die Antwort kam rasch, bestimmt.
»Cause ye'r sorry!« (Weil Sie traurig sind.)
»Aber das wäre ich doch auch bei dem Verlust eines unartigen Kindes!«
Charley Gregor lachte mich an, als hätte ich einen Witz gemacht. Er stemmte seinen linken Fuß rückwärts gegen die Mauer und schob sich in kleinen Sprüngen stoßweiße vor.
»Sie hatten ihn doch lieb!«
»Ja!«
»Schlechte Jungens mag man aber nicht!« Er sah mich bei dieser Erklärung ganz ernst an, wie um seine Lache von vorhin zu entschuldigen.
»Weshalb denn nicht?« entgegnete ich, »sie sind deshalb doch unsere Kinder!«
Charley Gregor stand ganz still. Er hatte sich etwas abgewandt, so daß ich nicht erkennen konnte, was in seinem Antlitz vorging. Als er es nach längerem Schweigen zu mir wandte, lag darauf ein Ausdruck kindlicher dringlicher Wißbegierde.
»Und wenn er ganz schlecht gewesen wäre, hätten Sie ihn doch lieb gehabt?«
»Gewiß!«
Charley wurde dringlicher. Seine Augen glänzten eigen.
»Und wenn er auf dem Felde Scheiterhaufen gemacht hätte, und Schule geschwänzt, und Milchkannen gestohlen?«
»Auch dann!« Charley zog wieder den schiefen Mund und lachte. Ich blickte mit Wehmut auf den Knaben, der so unbewußt in seinen zweifelnden Fragen eine bittere Herzensklage aussprach. Eine Aufwallung von Mitleid überkam mich. Ich trat ihm näher.
»Gehst du nicht zur Schule, Charley?«
»Manchmal!«
»Weshalb nur manchmal?« Charley warf ein Bein über die Brüstung des Balkons.
»Meistens schwänze ich!« Ich sah voraus, wie die alte höhnische Stimmung ihn zu überkommen drohte und mühte mich, sie fern zu halten.
»Aber das ist unrecht. Das betrübt deinen Vater!« Die rote Mähne flog von der Stirn zurück. Die blauen Augen sahen groß zu mir auf.
»Mein Vater macht sich gar nichts draus!« erklärte er sehr bestimmt.
»Woher weißt du denn das?«
»Er sagt's. Er hat mich aufgegeben. Sagt, aus mir wird doch nichts! Früher hat er gehauen – dann bin ich davongelaufen – dann hat er mich eingesperrt, wenn der Lehrer klatschte, daß ich geschwänzt hatte. Jetzt kümmert er sich nicht mehr drum. ›Thu, was du willst‹, sagte er, und so thue ich, was ich will. Gestern habe ich geschwänzt, heute auch – niemand kümmert sich drum! Kann ich 'mal reingehen?«
Charley Gregor trat, ohne meine Erlaubnis abzuwarten, mit der ihm eigenen Dreistigkeit in meine Behausung ein. Ich habe nie vergessen können, mit welch eigentümlich andächtiger Bescheidenheit sich der brutale Straßenjunge bei diesem seinem ersten und letzten Besuch bei mir verhielt. Die Hände tief in den Taschen vergraben, wie um sich vor »Anfassen« zu bewahren, oder um die Unreinlichkeit zu verbergen, umkreiste er dreimal das Nipptischchen, auf dem die Reliquien meines heimgegangenen Kindes gesammelt lagen.
»Kleiner Schuh!« sagte er einmal halblaut, indem er mit überlegenem Lächeln das kleine lederne Bekleidungsstück betrachtete, »ich kenne ein kleines baby – da unten am Wasser wohnt's – das hat solch kleine Füße. Manchmal gehe ich hin und bringe ihm ein Stück Zucker, und das steckt es auf einmal in den Mund und schiebt die ganze Faust nach. ›Charley‹ kann es noch nicht sagen, es sagt ›Tally‹, und wenn es lacht, sperrt es den Mund ganz weit auf und dann sieht man nur drei Zähne; mehr hat es nicht!«
Es war ein herzgewinnendes Lachen, mit dem er die kleine knabenhafte Beschreibung begleitete, und es erhellte sein Gesicht, wie ein Sonnenstrahl. Ich fuhr ihm lächelnd über das krause Haar, und er sah verwirrt zu mir auf. Seltsam war es, daß sich mir jeder seiner Blicke und jedes seiner Worte so fest einprägten! Ich saß lange, nachdem er mich verlassen, und sann über seinen Besuch nach. Wie anders erschien mir der Knabe jetzt! Und wie schlug mein Herz vor Erbitterung gegen den Mann, den Vater des an Gemüt reichen Knaben, der den Weg nicht fand zum Herzen seines Kindes! Liebte er wirklich das Kind nicht, oder verstand er es nur nicht, das trotzige Wesen desselben zu lenken?
Es war Abend geworden. Die milde Frühlingsluft zog mich hinaus in den Garten. Es war ringsum still, und wider meinen Willen schweiften meine Gedanken zu dem Nebenhaus hinüber. Dort lag alles im Dunkel. Schlief man bereits? So intensiv gespannt horchte ich hinüber, daß ich das Geklirre der Kette an der Gartenthüre des Nebenhauses überhörte, und erst als eine Stimme »Missus« rief, wandte ich mich um und gewahrte meinen Knaben auf der Straße stehend.
»Charley! du?«
»Kommen Sie mal dicht 'ran ans Gitter,« sprach er in seiner kategorischen Art, und ich trat dicht auf ihn zu.
»Ich wollte Ihnen nur sagen, daß das alles eine Lüge war, was Sie mir sagten, und daß es doch einerlei ist, was ich thue. Ich werde Ihnen auch sagen, wieso. Der Lehrer war wieder da und hat geklatscht, und wie er fort war, da ist mir eingefallen, was Sie gesagt haben von schlechten Kindern, die doch geliebt werden, und da bin ich zu meinem Vater 'reingegangen, und habe ihm sagen wollen, daß ich bei Ihnen war und – und – na – so allerhand – wollt' ich ihm sagen – – –«
»Nun, und?«
»Da hat er gesprochen und hat gesagt, er wollte nichts wissen. ›Bist ein Vagabond‹, sagte er – ›ob du auf dem Galgen endest oder im Zuchthaus, das ist mir gleichgültig! Meinetwegen kannst du stehlen oder dich ersäufen, mir ist's gleich, wenn ich dich nur nicht mehr sehen muß,‹ sagte er. – So, und nun bin ich nur gekommen, um Ihnen zu sagen, daß es alles Lüge war, Missus!«
Es war ein seltsam weißes entschlossenes Gesicht, das er mir, vom Mondlicht umflossen, zukehrte, bevor er sich wandte und rasch davonschritt.
Eine mir unklare Angst trieb mich, ihn anzurufen.
»Charley! Charley Gregor!« Ich erhielt keine Antwort. Seine Schritte klangen nur undeutlich zu mir zurück, als ich, ein Tuch über den Kopf geschlungen, von einer unbestimmten Angst gejagt, die Straße entlang eilte.
Warum sagte ich mir nicht einmal: Thörin, was rennst du durch die Nacht? Was kümmert's dich, was drunten am Fluß geschieht? In dem großen dunklen Hause liegt alles im Schlummer, was also treibt dich atemlos dem Ufer entlang, dem kleinen verwahrlosten Knaben nach, der – ich allein wußte es, unter der rauhen Fläche eine wunde, liebebedürftige Seele barg. Schnell! Schnell! Die kleinen Füße laufen behend. Das Ufer ist leer. Kein Mensch, der ihn aufhält!
»Charley! Charley!« Irrte ich, oder wandte sich das Kinderantlitz mit den tiefen Augen noch ein letztesmal zu mir? Ein dumpfer Aufschlag – ein Schrei! – – –
Wo kamen die Menschen her, die sich ans Ufer drängten? Waren es meine Rufe, die sie beschieden? Und der sich da durchdrängte, barhäuptig, bleich, hohläugig – der sich aufschluchzend über die nasse Leiche beugte, die in meinem Schoße lag, war das der Vater, dessen starres Herz den Knaben von sich gestoßen, dessen Worte ihn vertrieben?
»Charley, o Charley!« Der Ruf hallte weithin durch die Nacht, und der ihn ausstieß, hob ein greises, gramgefurchtes Antlitz zu mir auf.
»Ich habe ihn nicht verstanden, Madame!«
Das war's! Alle Bitterkeit schwand aus meinem Herzen. Auf das bleiche Knabenantlitz niederschauend, wiederholte ich leise die Worte:
»Er hat dich nicht verstanden – Charley!«
Die Geschichte einer Wäscherin.
Sie bewohnte ein niederes, aus Brettern erbautes Häuschen in einem der entlegensten Stadtteile, dort wo der große Teich gelegen war, der im Winter zu starrem spiegelglattem Eise zufror und die ganze waghalsige Stadtjugend auf seine glänzenden Flächen lockte.
Ihr Häuschen stand dicht an der Eisbahn, und der Wind heulte oft um die scharfe Ecke, in welcher der einstöckige kleine Bretterbau gelegen war, und rüttelte an den grauen Fensterläden, daß sie geräuschvoll aneinander schlugen und der grauen Außenseite etwas Unheimliches verliehen.
»Ein unfreundlicher Aufenthalt,« dachten die Fremden, welche von ferne das einsame, von den anderen Bauten durch eine kahle Wiese getrennt liegende Häuschen sahen, aber die Schuljugend dachte anders darüber. Die rosige kleine Schar, die auf dem Eise lärmend und jubelnd übereinander purzelte, sich Arme und Beine wund stieß und unter abwechselndem Lachen und Wehgeschrei mit den schmerzenden Gliedmaßen in das Innere des niederen Häuschens flüchtete, um sich Trost zu holen! Diese kleine Schar hielt die zwei spärlich möblierten engen Stübchen mit den weißen Gardinen und dem helllodernden Kaminfeuer für das reizvollste Plätzchen der ganzen Erde. Der feuchte Dunst vom Seifenschaum, der aus dem großen Waschzuber dicht am Fenster emporzusteigen pflegte, hüllte tagtäglich mehr denn ein Dutzend herein- und heraushuschender Kinderköpfchen in seine feuchte Wolken ein, und die leichten Schaumflöckchen, die sich in kleinen flickernden Bläschen auf die zerzausten Lockenköpfchen niedersetzten, zogen mit eigenartigem Zauber die Kleinen stets von neuem an. Oder war es doch nicht der flockige schneeige Seifenschaum, der sie lockte? War es vielleicht jene alte, etwas heisere, ganz unmelodische, aber überaus drollige tiefe Stimme, die von der Ecke her über das plätschernde Seifenwasser fort ihr ernst scherzendes:
»Sieh! sieh! sieh! wollt ihr wohl weitergehen!« ertönen ließ, was solche besondere Anziehungskraft übte?
Mutter Krüger war eine alte Frau. Sie war vor vielen Jahren – die Alten des Städtchens erinnerten sich undeutlich des Tages, unbegleitet und ungekannt in das Häuschen eingezogen, hatte mit einem stillen, Schonung gebietenden Antlitz die freundlichen Annäherungen der geschäftigen Nachbarn abgelehnt, um einsam, wie sie gekommen, in ihren vier Wänden zu verharren. Müßige Zungen ließen es an allerlei verdächtigen Reden nicht fehlen. »Sie ist eine durchgebrannte Frau, sie hat eine ›Geschichte‹,« flüsterten sie unter einander. Aber wenn sie gleich ihre Geschichte hatte – die verschlossenen, wehmütig herabgezogenen Lippen wahrten ihr Geheimnis gut, und mit der Zeit gewöhnte man sich daran, die hinkende Gestalt (Mutter Krüger schleppte das rechte Bein nach) – hinter den weißen Vorhängen des Vorderstübchens unter einer Wolke heißen Dunstes auf- und niedertauchen zu sehen und die energische Handhabung des Waschbrettes bis auf die Straße hinaus zu vernehmen.
Mutter Krüger hatte ihre regelrechten Kunden, solche, die sie allwöchentlich beschäftigten, und die sich aus Interesse für die redlich Arbeitende zu zeitweiligen Besuchen bei ihr herbeiließen. Diese Besuche der guten Stadtdamen waren für Mutter Krüger wenig erfreulich – destomehr aber entzückte sie die immer reichlicher werdende Schar kleiner Leute, die sich mit Leidenschaft an die einsame Frau anschlossen und in ihr die Vertraute allen Kummers und aller Freuden sahen. Wie doch Kinder hinter der verschlossensten Maske ein warmes Gemüt herauszufühlen wissen! Und wie auch wieder so ein Kindeslächeln die Eiskruste eines erkalteten Herzens hinwegzuschmelzen vermag! Von dem gramgefurchten Antlitz schwand mit der Zeit der wehmütige Hauch, und die Kinderwelt meinte, auf Erden keinen so neckischen Mund finden zu können, wie den ihrer alten Freundin, und keine verständnisvolleren Augen als die großen grauen ernsthaften der Mutter Krüger, die – wenn sie mißbilligten – so beschämend blickten. Die kleinen Schulmädchen erinnerten sich recht gut der Sache mit dem Ordnungsheft, das plötzlich vor der Prüfungszeit von den mit Tadeln reichlich bedachten Schülerinnen vernichtet worden war, und wie sie, die Missethäter, aus Furcht vor der ihnen drohenden Entlassungsstrafe drei Tage lang geschwänzt hatten. Mutter Krüger hatte sie gleich so seltsam angesehen, als sie zu ungewöhnlich früher Morgenstunde bei ihr eingetreten waren und verlegener denn sonst ihren Gruß erwiderten. Es war auch wohl ein Zufall gewesen, daß die Alte gerade Zeit hatte, von ihrem Waschfaß fortzuhinken, um sich vor den Kamin unter die kleinen Schelme zu setzen.
Toni Hellmuth erzählte später, wie merkwürdig es ihr gewesen sei, daß Mutter Krüger ihr wiederholt mit der feuchten Hand das Haar gestreift, nachdem sie, gerade sie, es wieder gewesen war, die jenen Schulstreich angestiftet! Ja, sie gestand sogar, daß sie nahe daran gewesen, der guten Alten die Sache zu verraten; aber da war gerade der Krach gekommen –
»Wie wir just um den Kamin so behaglich sitzen,« hatte Toni in ihrer knabenhaften lebhaften Art erzählt, »kam das Gepolter gegen die Thüre, und jede einzelne von uns wußte ganz genau, daß es der Lehrer war, und wie der Blitz waren wir von der Erde auf und hinter den Wäschehaufen versteckt, und da öffnete die Krüger langsam die Thür und richtig – es war der Lehrer!« Das Gespräch zwischen dem kleinen strengen Mann und der einfachen Alten wurde aufs genaueste von den versteckt lauschenden Kindern in der Stadt nacherzählt.
»Daß die Kinder Bertha, Elisabeth und Toni schwänzen – seit drei Tagen schwänzen – das wissen Sie gewiß,« hatte der gestrenge Mann lauernd, fragend, tadelnd gemeint und »Mein Herr« war darauf die ruhige Erwiderung der Alten.
»Und da das Trio bei den Eltern nicht aufzufinden war« – sprach der abscheuliche Mann, unbeirrt von der Zwischenantwort der Wäscherin mit seiner monotonen Lehrerstimme weiter, »so vermuten wir berechtigterweise, daß sie sich bei Ihnen – gute Frau – verbergen – hem! hem!«
»Herr,« hatte der Mutter Krüger leicht vibrierende Stimme gesprochen, »ich sagte Ihnen schon, daß ich von dem begangenen Streich nichts wußte; eines aber ist gewiß,« – hier machte Frau Krüger einen Schritt ins Innere des Zimmers und begann nachlässig den umhergestreuten Wäschestoß so aufzutürmen, daß das rotstruppige Haar Toni Hellmuths mit seinem verräterischen Wulst besser verdeckt wurde – »eines ist gewiß, Herr, unter all den Kindern Ihrer Schule ist kein einziges, das Mutter Krüger so wenig ehrt, um sie zu einer Hehlerin zu machen!«
In dem Zimmer war es still gewesen, nachdem der kleine Mann gegangen. Mutter Krüger war schweigend an ihren Waschzuber getreten. Ebenso schweigend kamen die kleinen Missethäter aus ihren Ecken hervorgekrochen, um sich mit verschämt gesenkten Köpfchen zur Thüre zu schleichen. Mutter Krüger aber hatte erst dann den Blick gehoben, als Toni Hellmuth, auf der Schwelle stehend, mit dunkelrotem verhülltem Antlitz ihr »ich schäme mich, Mutter Krüger,« gestammelt hatte, und Mutter Krüger nickte nur und lächelte sie mit dem alten Lächeln an.
Die kleine Begebenheit wurde nicht vergessen. Kinderherzen sind eigen rachsüchtig im Haß, wie sie eigen erkenntlich sind in der Liebe.
Die Arreststrafe wurde hart zugemessen. Tagelang blieben die Kinder vom Eisplatze und von der kleinen lieben Hütte verbannt, und als sie endlich wieder vor dem Häuschen erschienen, da lag auf den Gesichtern der Ausdruck eines rachedurstigen entschlossenen Vorhabens.
Mutter Krüger stand sinnend am Fenster und blickte auf die Straße hinab. Es hat immer sein Unheilkündendes, wenn Kinder dort, wo sie jubeln könnten, in kleinen engen Gruppen beieinanderstehen und finster – leise miteinander sprechen! Das stille Antlitz, mit den glattgestrichenen weißen Haaren und dem einverstandenen Lächeln sah mit gespannten Blicken auf die Kinder nieder. Vielleicht war es ein Ahnungsgefühl, was sie empfinden ließ, daß es etwas zu verhindern geben dürfte. – Mutter Krüger schloß leise die Gardinen, ging – Besorgungen heuchelnd, auf die Straße. Absichtlich einen Umweg machend, kam sie ganz unerwartet auf die Kindergruppe zu, welche sich froh überrascht der alten hinkenden Gestalt entgegenwarf. Die Stimmen klangen alle durcheinander. Mitteilsamkeit, Schwatzhaftigkeit, Vertrauensseligkeit, alles zusammen sprach sich in den leidenschaftlichen Erzählungen der Kleinen aus, und über alle anderen hob sich die Stimme Toni Hellmuths:
»Er hat uns jeden Tag nachsitzen lassen, und wer, denkst du, hat es verraten, daß wir bei dir waren?« Große Pause. »Der bucklige Zeitungsträger war's!« Dies mit einer staunenden Eröffnungsmiene und geheimnisvoll hastig. »Sie sollen aber beide was abhaben, wir machen uns große Schneebälle und thun diese Steine hinein, und der Lehrer muß doch hier vorüber, wenn er nach Hause will, und dann rufen wir dem Zeitungsjungen von drüben allerhand Schimpfnamen zu, so daß er wütend wird und herauskommt – – na, und wenn der Lehrer seine Steine an den Kopf hat, ducken wir uns ganz klein, so daß er uns nicht sieht und der abscheuliche Zeitungsjunge kriegt die Schuld. So! Ist es nicht großartig?« Das erregte Kindergesicht erhob sich voll rachedurstiger Entschlossenheit. Erst als sie geendet, sah Toni den eigenartig schmerzlichen Ausdruck in Mutter Krügers Angesicht. Die Finger ihrer runzeligen Hand umschlossen jäh und fest die vertrauensvoll in die ihren eingeschlichenen Kindesfinger und Toni sah geängstigt zu ihr auf.
»Was ist's, Mutter Krüger – bist du böse?«
»Böse?« Die alten Lippen sprachen langsam die Silben nach. Die Stimme klang trotz des wehmütigen Zuckens ihrer Lippe – tapfer ermunternd, wie fast: »Wie sollt' ich böse sein – ich denke nur soeben an ein kleines Mädchen, die in meiner Heimatstadt zu Hause war und – aber es ist kalt hier unten, ich hebe die Geschichte von dem armen Mädchen auf, oder – wollt ihr euren Plan verschieben und mit mir –«
»O ja, ja!« Wie gut die Alte ihre Kleinen kannte! Wie wohl sie wußte, daß ein jeder Plan in nichts zerfiel, sobald sie etwas zu erzählen sich bereit erklärte!
Hell prasselte das Feuer im Kamin. Es warf über das Stübchen, in das die Kinder eintraten – seinen goldigroten Glanz.
»Sie hieß Christine,« begann Mutter Krüger fast heiter ihre Erzählung.
»Kein hübscher Name – was? Und nun gar, wenn man ihn abkürzte und Christe rief, und das thaten die Straßenjungen gar gerne, und wenn sie sie ärgern wollten, fügten sie noch ein Wort hinzu und nannten sie ›lahme Christe!‹
Sie war nämlich – habe ich euch schon erzählt, daß sie lahm war? Sie war als Kind gefallen und daher kam es. Manchmal bemerkte man es gar nicht. Wenn sie in den Werktagen in einem alten Rocke der Bäckersfrau – bei der sie Kost und Logis erhielt – umherlief, und die Falten ihr im Schmutz des Weges nachschleppten, konnte man ihr Hinken zu den anderen willkürlichen Körperverdrehungen zählen, mit denen Christe die Nachbarschaft halb trotzig, halb geärgert unterhielt.
Christe war nie zur Schule gegangen. Sie mußte des Morgens und des Abends das frische Backwerk in der Stadt herumtragen und des Mittags lag sie auf den Straßen und trieb aus Langeweile oder aus schlechter Laune allerhand böswillige Streiche. Sie war – was man so einen Taugenichts nennt, und die Nachbarskinder hatten große Angst vor ihr und nur einer – der Kaufmannssohn – ja so, ich muß der Reihe nach erzählen, sonst wißt ihr ja nicht, wie sie zu der Freundschaft mit ihm gekommen war.«
Mutter Krüger atmete tief auf. Ihr Gesicht wurde nachdenklicher – ihr Blick wandte sich dem Fenster zu. Die Straßen lagen im Dunkel. Der Wind hob und fegte die Schneeflocken kreuz und quer durcheinander und warf sie spielend gegen die Fensterscheibe, so daß es in der Stille des Zimmers wie ein schüchternes Pochen erklang.
»Christine hatte ihn eines Morgens auf ihrem Rundgang durch die Stadt in einer Pfütze liegend und laut schreiend gefunden, aus der sie ihn, ohne viel Worte zu machen, herausgezogen und in ihrer derben gutmütigen Art recht ungeschickt unter der Pumpe eines Nachbarhofes gesäubert hatte. Möglich, daß sie ihn dabei geschüttelt oder gezerrt, bis er sein Zetergeschrei erhob. – Die Nachbarn kamen herbeigelaufen und stießen das Mädchen ziemlich unsanft von der Thüre fort. Christine ging trotzig ab. Sie ging an dem Kaufmannsladen nicht mehr vorüber, und wenn der kleine Bursche – der mehrere Jahre jünger war wie das Mädchen – sie anrief, machte sie ihm drohende Zeichen und schüttelte sich vor Abscheu, und wie er einmal über ihr Gebahren hell auflachte und ihr schmeichelnd einen Apfel hinhielt – ging sie – naschig wie sie war, auf ihn zu und aß ihn mit ihm auf. Sie wurden gute Freunde – diese beiden.
An einem Tage schlugen sie sich und dann vertrugen sie sich wieder und wenn sie sich gerade gezankt hatten, ging der Junge zerstreut umher – und vernachlässigte seine Schularbeiten so sehr, daß ihn der Lehrer dafür strafen mußte.
Dies paßte nun aber dem Kleinen gar nicht und eines Tages lauerte er voller Zorn den Lehrer an der Straßenecke ab, um einen ganz abscheulichen Plan, den er sich mit den anderen Knaben ausgedacht hatte – durchzuführen. Sie spannten nämlich eine dünne Schnur über den Weg, den der Mann zu gehen hatte, und was geschah? Der Lehrer denkt an nichts Arges – sieht in der Dunkelheit des Abends die Schnur nicht, stolpert – fällt und – das war das Schreckliche – bleibt wie tot liegen. Ja, ja, – wie tot, und der Junge, der das Unglück angestellt hatte, bekommt große Angst und rennt mit seinen Freunden davon.
Wie nun die Menschen gelaufen kamen, schrieen sie vor Schreck laut auf, und die lahme Christine, die den Lärm hörte, drängt sich heran und beguckt sich neugierig den Menschenhaufen. Wie sie aber dasteht – fällt es plötzlich den Leuten ein, daß eigentlich alle bösen Streiche immer von ihr angestellt wurden, und daß sie sich nun so dreist durch die Menge schob, machte die Menschen erst recht aufsässig.
›Natürlich war es wieder die lahme Brut,‹ schrie eine dicke Frau aus der Menge und
›Sie ist ein gefährliches Geschöpf!‹ riefen andere zurück.
Christine sagte gar nichts. Sie war vielleicht erschreckt oder überrascht oder auch nur zornig auf die Menschen, die so ungerecht auf sie schimpften. Sie biß die Lippen trotzig zusammen und warf den Kopf zurück, und wie man den wirklich schwer verletzten Lehrer aufnahm und forttrug, fielen die Leute über das Mädchen her und tobten – bis man sie festnahm. Das Kind sagte kein Wort. Sie ließ sich von dem herbeigerufenen Beamten abführen, und machte zu all dem Lärmen um sich her ein böses höhnisches Gesicht. Sie that so, als machte ihr die Sache gar nichts aus, und um die Wahrheit zu gestehen – sie machte ihr wirklich nicht viel, weil sie bestimmt erwartete, daß der kleine Kamerad aus dem Kaufmannsladen kommen würde und die Geschichte erklären, – denn Christe war ein gerechtes Mädchen – trotz ihrer Fehler, und daß man andere leiden lassen konnte – für selbst gethanes Unrecht, das konnte sie nicht glauben.«
Die Erzählerin schwieg und sah die kleine Gruppe von Zuhörern aufmerksam und ernsthaft an. Wie still sie saßen! Wie tief befangen die schamroten Gesichtchen sich zu Boden neigten. War's, daß Mutter Krügers Schweigen eine stumme Aufforderung enthielt – war's, daß in dem gerechten Herzen Toni Hellmuths, der Anführerin der Kinderschar – ein Etwas sie zum reuigen Handeln antrieb – das Kind stand plötzlich hochaufgerichtet vor dem Herde – die kleinen Hände griffen halb verlegen, halb mit Ungestüm die Steine auf, die für den geplanten Angriff in Bereitschaft lagen, und stieß sie, einen Seitenblick auf Mutter Krüger gerichtet, mit hastiger Geberde in das Feuer.
»Der erste Tag verging,« sprach die Wäscherin gedankenvoll zur Erde sehend fort, »der erste Tag und auch der zweite – dann der dritte, und – er – kam nicht.«
»O, wie abscheulich!« Der Ruf aus dem Munde des kleinen Mädchens ließ Mutter Krüger aufblicken. Das schmale Fenster rüttelte unsicher in seinen Fugen und eine Zugluft drängte sich durch die Ritzen und wehte die Vorhänge leicht auseinander. Die welken Hände der Alten schlossen sich über ihre Knie und der abwesende Blick ihrer Augen – die eigen verschleierte Stimme, mit der sie weiter sprach, gaben Zeugnis davon, daß sie für sich zu sprechen, sich allein zu sein wähnte.
»Er war feige,« stieß sie düster und kurz hervor, »feige und undankbar. Er bekannte nichts. Der Lehrer starb an den Verletzungen. Sein Tod machte die Leute neu erregt. Zuerst war das Geschehene wie ein Kinderstreich gewesen – jetzt nannte man es ein Verbrechen.
Das Gericht war milde – glaubte milde zu sein – das Mädchen wanderte auf zwei Jahre ins Korrektionshaus. Christine wurde – auf ihr verzweifeltes Leugnen hörte man nicht mehr – in die Anstalt jüngerer Verbrecher geschafft und der Kaufmannssohn blieb, ohne sich durch ein Wort als der wirkliche Thäter zu verraten – daheim.«
»Mutter Krüger – du erzählst doch weiter – es ist nicht das Ende?«
»Das Ende?«
Die Alte wiederholte die Frage der Kleinen halb zögernd. Ihr Blick ruhte auf dem Feuer. »Vielleicht,« sagte sie, »sollte es für euch zu Ende sein, denn das, was folgt – aber nein, ihr sollt das Ganze hören. Das Mädchen blieb zwei Jahre in der Anstalt – zwei Jahre lebte sie unter allerhand kleinen und großen Verbrechern und wie die Zeit herum war – da konnte sie gehen. Wohin? – Danach fragte keiner. Das lahme Ding wollte wohl arbeiten, aber wer traute einem Mädchen, das aus der bekannten Strafanstalt entlassen worden war. Wo immer sie anfragte, jagte man sie höhnend fort. Es wurde ihr schwer gemacht, ihr ehrliches Brot zu verdienen – wochenlang – Monate – sie hatte viele Tage des Elends verlebt und endlich – – kam er.«
Mutter Krügers Auge blickte starr – ihre Stimme sank zum Flüstertone herab – wieder war es wie ein Selbstgespräch, das sie führte.
»Er war groß geworden, der frühere Kamerad – groß und schön, und seine Stimme klang so wahr und reuevoll – es war die erste Stimme, die in ihrem Leben weich und liebevoll zu ihr gesprochen hatte – er sagte ihr, daß er sie überall gesucht, daß er durch sein so feiges Schweigen ihr Leben verdorben, daß er gut machen wollte, was er gethan. Er konnte nicht Ruhe finden, während sie allein und unglücklich blieb und darum müsse sie ihm folgen – bei ihm bleiben – auf immer.
Sie war um Jahre älter als er. Sie hätte daran denken sollen, anstatt – anstatt –.« Die Stimme erlosch. Mutter Krüger hielt, wie sich besinnend – die Lippen geöffnet – dann lachte sie wie in jähem Erwachen, – die Hand auf die Brust, und erhob sich rasch. »Hörtet ihr nichts? Kamen nicht Schritte?« fragte sie seltsam beklommen und ihre Augen wanderten zum Fenster. Immer dichter fiel der Schnee, immer schärfer tobte der Wind. Er stob wie in blinder Raserei die Flocken auf und warf die Fensterläden krachend aus den Angeln. »Es war der Wind!« Die Alte sagte es leise in der den Kindern altgewohnten bekannten lieben Stimme und »es ist spät ihr Kleinen,« fügte sie hinzu, »und die Geschichte ist zu Ende, Sie heirateten sich, diese beiden – und – mein Gott« – die Wäscherin lachte leicht auf und sprach mit geradeaus blickenden Augen, »sie war nicht mehr jung, sie war nicht schön, und er war beides, und es war nicht seine Schuld, daß er eine jüngere fand, die zu ihm paßte und deshalb nahm die Frau mit der traurigen Vergangenheit eines sonnigen Tages ihre paar Habseligkeiten und ging ganz still fort und suchte sich ein neues« – – Die Stimme der Alten stockte.
»Was war das?« Mutter Krüger stand totenbleich aufrecht. Die kleine horchende Schar schob sich ängstlich auseinander, da sich das Antlitz ihrer alten Freundin mit weitgeöffneten stieren Augen auf die Thüre richtete, auf deren äußere Schwelle Männerschritte fielen. Die Hand der Frau hob sich, wie in ahnungsvollem Schmerz und deutete – mit gebieterischer stummer Geste auf das Nebenzimmer, und wie zum Schutze der sprachlos hereinhuschenden gehorsamen Kleinen – schleppte sie mit Aufwendung aller Kräfte ihren zitternden Körper vor die Thüre des Stübchens.
Wie der Wind heulte, wie die Flammen im Kamin hochschlugen, da die Eingangsthüre nach mehrfachem herrischen Klopfen aufgestoßen wurde. Ein Mann bei Mutter Krüger! Ein großer schneebedeckter Mann, mit vorgebeugtem breiten Nacken und einem düsteren, kranken Blick.
»Christine!« Der Ausruf war fast wie ein Schreckensschrei und die aufrechtstehende reglose Gestalt nickte mit bebender Lippe zweimal und wiederholte mit leiser Stimme:
»Ja – Christine!« Mochte es der schmerzliche Tonfall sein, der dem Manne wie eine Ermutigung klang – that es der Blick, der aus dem ergebenen alten Antlitz der Mutter Krüger auf ihn fiel? – Er machte einige Schritte zu ihr hin, blieb jedoch vor der ablehnend erhobenen Rechten stehen.
»Ich habe dich gesucht,« sagte er zögernd, mit gesenktem Auge.
»Zum zweitenmale,« unterbrach sie ihn leise und hart.
»Ich – ich war sehr krank, Christine – ich habe böses erlebt – ich – bin allein!«
Der Kopf der Alten hob sich rasch.
»Und – sie?«
Er lachte bitter auf. »Sie,« erwiderte er höhnisch, »sie wurde meiner überdrüssig!«
Es lag in der heftigen gereizten Sprechweise des Mannes etwas vom gekränkten eigensinnigen Kinde, und seine Haltung der Frau gegenüber hatte mehr vom leidklagenden Sohne zur Mutter, als vom reuigen Gatten zur Gattin. Vielleicht fühlte sie das nicht zum erstenmal heraus, vielleicht klangen darum ihre Worte herber, als sie es wußte.
»Und weiter – was suchst du hier?«
»Was ich suche? Christine, ich war lange krank – ich bin allein –«
»Halt!«
Er wich vor der gebietenden Haltung scheu zurück. Mutter Krüger stand noch immer vor der angelegten Thüre des Nebenzimmers – das ihre Kleinen barg. Jetzt, da sie sprach, zog sie die Thüre ins Schloß und trat dicht vor den Mann hin.
»Sprich nicht zu Ende,« gebot sie kurz, »es wäre vergeblich. Unsere Wege gehen auseinander. Du hast gewählt zwischen uns – du ließest mich gehen. Jetzt bin ich alt und hier drinnen ist's ruhig geworden. Einmal glaubte ich vom Leben etwas erwarten zu dürfen. – Das ist vorbei. Du bist jung – deine Wunden werden vernarben. Unsere Wege gehen auseinander, das ist mein letztes Wort. Ich zürne dir nicht. Gott sei mit dir!« –
Der Wind, der die Hausthüre krachend zuwarf, fegte den nassen Schnee hinter der gebeugten Gestalt des Mannes her, der vor dem Hause stehend einen letzten Blick hinaufwarf auf das matt erleuchtete Fenster des niederen Häuschens. Im Innern des Stübchens lehnte Mutter Krüger mit umflorten Augen an den Rahmen der Thüre – durch die die kleinen Gäste mit scheuem »Gutenachtgruß« eintraten.
»Geht, Kinder, geht! Laßt mich allein!« Langsam entfernten sie sich und als die Thüre ins Schloß gefallen war, ertönte neben der alten Frau eine kleine verschleierte Stimme:
»Mutter Krüger!«
Sie zuckte zusammen.
»Toni? Du?«
Die kleine Mädchengestalt drückte sich eng an die alte Freundin. Mit unendlicher Weichheit legte das Kind ihre Wange an der Wäscherin Hand.
»Geh, Kind, geh!« Die Stimme der Alten war gepreßt, klanglos, und der greise Blick starrte verloren in die Dunkelheit hinaus. Die Kleine drückte sich, der Zurechtweisung nicht achtend, mit feinem Kindesinstinkt das Richtige fühlend, enger an die einsame Alte und blickte mit ihr geradeaus. Im Stürmen des Wetters, unter dem Rascheln der Läden und Thüren hallte auf dumpfem Schnee der Klang von schwer schleppenden aber festen Schritten.
»Er ist fort, Mutter Christine,« sagte sanft das Kind und beim Klang des Namens faßte die Einsame mit einem lauten Schluchzlaut das Kind in die Arme und weinte. Mit ihm zusammen trat sie an das Fenster und blickte lange schweigend in die Nacht hinaus, in der die Umrisse einer hohen vorgebeugten Gestalt in der Ferne sichtbar waren und allmählich im Dunkel der Nacht verschwanden. Und der Wind rüttelte an den Fensterläden um das einsame Haus und drinnen starrte noch lange ein altes gramgefurchtes Angesicht geradeaus ins Leere.
Lora.
Zehn Minuten noch und der große prächtige Dampfer verläßt den Hafen von New-York. Mit mächtigem Gedröhn rollen die schweren Kisten und Koffer den Perron entlang. Schrille Stimmen von kleinen und großen Obst-, Bücher- und Spielwarenhändlern tönen lärmend durcheinander, ein jeder hofft, sein Lager von auserwählt süßem Obst, von pikanter Reiselektüre, von turnenden Hampelmännern und tanzenden Schreipuppen vor Abfahrt des Dampfers zu verkaufen. Noch drängen sich auf dem Verdeck dichte Haufen von Menschen; Verwandte, Freunde derer, die binnen weniger Minuten Abschied nehmen werden, auf Wochen oder Monate, viele für immer. Mit schwerem Getöse rollen große Expreßwagen bis zur Seite des Dampfers heran. Geschäftig rühren sich die Hände der abladenden Arbeiter und der in empfangnehmenden Matrosen, deren aus heiserer Kehle tönender Seemannsruf wie klagend in das Ohr fällt, als traurige Mahnung, daß die Scheidestunde geschlagen. Noch lächeln die Lippen, noch leuchten die Augen; noch ist man ja beisammen. Ja, man scherzt sogar; man tändelt mit den Kinderchen, hebt sie lachend in die Höhe, um ihnen das gewaltige Wasser zu zeigen, in das sie in kurzer Zeit hinausrauschen werden. Einige ältere Leute stehen gebeugten Hauptes und blicken sehnsüchtig zum Lande hin. Soeben sind die Säcke mit Briefen angekommen, und werden mit lautem »Ohoi!« auf die breiten Schultern der braunen Matrosen geladen und aufs Verdeck geschleppt. Die Briefe bilden den Abschluß. Die Post ist angelangt, der Trennungsaugenblick gekommen! Als sei plötzlich ein Unglück eingetreten, das keiner vorausgesehen noch geahnt, bricht nun der Schmerz sich mit Heftigkeit Bahn, und krampfhaft liegen sie sich in den Armen, die vor wenigen Minuten noch gelächelt. Kein fröhliches Auge nun, kein scherzendes Wort mehr. Blasse, tieftraurige Gesichter ringsum .... Ein dichter, schwerer Dampf steigt mit sausendem Gezisch zum Himmel empor. Schrilles Pfeifen durchdringt die eingetretene Ruhe. Dreimaliges Geläute! ... Hellaufschluchzende Laute, ein Taumeln, Drängen, Klagerufe. Nochmaliges Läuten, Kettengerassel. – »Ohoi!« rufen die Matrosen, die Brücke fällt. Das Schiff stößt ab. Am Ufer stehen die Zurückgebliebenen. Thränenfeuchten Auges winken sie und lächeln den Scheidenden zu. Ein jeder sucht das ihm bekannte Auge und hemmt den Thränenlauf, um mit dem Tuche ein letztes Ade zu winken. Langsam, majestätisch gleitet der Dampfer aus dem Hafen.
Am vorderen Ende desselben steht, die Arme über die Brust gekreuzt, den breiten Hut zum Schutze gegen die Sonne tief in die Stirn gedrückt, ein hochgewachsener Mann. Er mochte lange schon so gestanden haben, seine Stellung hatte etwas unbewegliches, gewohntes. Tiefer Ernst prägte sich auf seinen schönen Zügen aus, Ernst und Mitleid. Sein Auge folgte der Gestalt eines Mädchens, das am hintersten Ende des Schiffes gestanden hatte und sich der Heimat zugewendet. Bleich, bebend, dann im heftigsten Schmerz laut aufschluchzend, war sie, als der Dampfer abstieß, auf das dem Lande nächstliegende Ende zugeeilt, hatte, den Oberkörper weit über die Brüstung des Verdeckes gelehnt, mit vorgestreckten Armen, als suche sie in dieser Geberde das Heimatland zu halten, sich dem vollsten Schmerze hingegeben. »Mutter! Mutter!« klagten ihre Lippen, als sie mit aller Kraft sich aufrichtend, das Land ihren Augen entschwinden und die Gestalten ihrer Lieben immer kleiner und undeutlicher werden sah. Als rufe dieser Klagelaut die so schmerzlich Ersehnte herbei, erschien an der äußersten Spitze des Perrons, von welchem das Schiff abgestoßen war, die hohe Gestalt ihrer Mutter. Das ergraute Haupt ihr zugewendet, mit blassem Antlitz, doch mutig ermunternd, traurig ihr zulächelnd, so erblickte das junge Mädchen noch einmal die Mutter, dann brach es mit lautem Aufschrei zusammen.
Der Unbewegliche am andern Ende des Schiffes war mit wachsender Teilnahme den Bewegungen des Mädchens gefolgt. Jetzt machte er einige Schritte, als wolle er ihr zur Hilfe eilen, blieb aber wieder stehen, als er die vielen bereitwilligen Hände sah, welche die Damen, durch den Aufschrei des jungen Geschöpfes von dem eigenen Schmerze abgelenkt, ihr darreichten. Jene richteten die Weinende auf und schienen eindringlich mit ihr zu sprechen. Es waren jedenfalls tröstende, milde Worte, die jedoch ihren Zweck zu verfehlen schienen, denn das Mädchen warf sich, die Hände vors Gesicht schlagend, auf die nahestehende Bank, wies mit heftigen Geberden die ihr zugeflüsterten Worte von sich und wandte den Umstehenden wie ein ungezogenes verwöhntes Kind den Rücken, gab sich dann, mit dem ganzen Eigensinn der Jugend, ihrem Schmerze hin. Verwundert und verletzt traten die wohlmeinenden Damen zurück und ließen sie allein.
Die Tischglocke hatte zum zweitenmale geläutet und noch saß das junge Mädchen auf der Bank. Die Hände ruhten gefaltet in ihrem Schoße. Ihr Auge blickte sehnsüchtig nach der Richtung hin, wo nur ein dunkler Streifen, gleich einer Nebellinie, das Heimatland bezeichnete. Die heftige Bewegung von vorhin hatte ihr das Haar gelöst, das nun in zwei vollen rötlichbraunen Zöpfen auf die Hände herabfiel. Der kleine Mund zuckte und die zarte Gestalt erzitterte noch in der Nachwirkung ihrer Erregung. Den Steward, der an sie herangetreten war mit der Aufforderung, gefälligst zu Tisch zu kommen, entließ sie barsch, dem zweiten, vom Oberkellner geschickten Boten, der frug, ob sie vielleicht oben etwas zu genießen wünsche, entgegnete sie, daß sie nichts wünsche als ungestört zu sein.
Auf der anderen Seite des Verdeckes hallten mit monotoner Regelmäßigkeit Schritte eines Mannes zu ihr herüber und veranlaßten sie, ihre Stellung zu verändern, um den so unermüdlich Marschierenden anzusehen. Es war derselbe, den sie bei Abfahrt des Schiffes so unbeweglich hatte stehen sehen. »Weshalb er wohl nicht zu Tische geht«, dachte sie. Die Schritte kamen näher. Der Mann, der sich allem Anschein nach für den alleinigen Inhaber des Verdeckes hielt, bog plötzlich um die vordere Seite desselben und stellte sich, das ernste Gesicht dem Lande zukehrend, dicht vor die Bank, auf der das junge Mädchen saß. Seine Gestalt versperrte ihr so den Anblick des Landes.
Mit dem eigenen Zartgefühl fein organisierter Wesen, denen es stets peinlich ist, unbemerkt Zeuge irgend welcher Empfindungsäußerung zu sein, fühlte sie sich veranlaßt, ihre Anwesenheit erkennbar zu machen. Eine leichte Bewegung, und er wandte sich um. Das junge Mädchen erblickend, zog er den Hut, trat dann mit einigen entschuldigenden Worten zur Seite. Sein Organ übte einen eigenen Zauber aus. Fühlte das Mädchen das Bedürfnis, mit jemanden zu sprechen, oder weckte der tiefe, volle Ton seiner Stimme ihr Zutrauen, sie wandte dem Manne ihr Gesicht zu und fragte, in der kindlich naiven Art eines Mädchens, das nur den Schmerz voll begreift, der sie selbst betroffen, indem sie ein braunes Augenpaar groß zu ihm aufschlug: »Haben Sie auch Ihre Mutter dort zurückgelassen?«
»Nein,« antwortete die tiefe Stimme, und ein Lächeln flog über seine Züge, das aber sofort wieder schwand, als er ernst fortfuhr, »nein, das habe ich nicht, denn um jemanden, den man liebt, zurücklassen zu können, muß man zuerst jemanden haben.«
Voll Interesse schaute sie zu ihm auf. Mit unverkennbarem Staunen frug sie: »Haben Sie keine Verwandten, keinen Bruder, keine Schwester?«
»Keinen Bruder, keine Schwester. Niemanden, gar niemanden. Sie sehen ordentlich erschreckt aus, mein kleines Fräulein! Sie können sich wohl kaum denken, daß man auf der weiten Welt keine Angehörigen haben kann.«
»Nein,« sagte sie einfach. Dann wandte sie die Augen von ihm ab und ließ den nachdenklichen Blick weit hinausschweifen über das Meer. Er folgte ihren Augen, und etwas näher an sie herantretend fragte er, und aus dem Ton klang es wie Bitterkeit: »Halten Sie sich darum für glücklicher, weil Sie eine Anzahl Menschen um Sie trauernd zurückgelassen und selbst ein trauerndes Herz mit fortgenommen, als z. B. mich, der ich keine Trauer verursache und keine empfinde?«
»O ja,« entgegnete sie rasch, »für viel, viel glücklicher. Wenn Sie nie traurig waren, können Sie nie recht froh gewesen sein, meine ich. Ich kann darüber nichts sagen, doch ich denke es mir entsetzlich öde und einsam, keinem Menschen auf der Welt anzugehören, keinen Menschen zu lieben.« Ihre Stimme hatte unwillkürlich einen leisen schwärmerischen Klang angenommen, der einen seltsamen Kontrast bot zu dem rauhen, dumpfen Schlag der Schraube.
»Öde und einsam,« wiederholte er, »jawohl, das ist es.«
Die Tischzeit war vorüber. Hier und da trat einer oder der andere der Passagiere aufs Verdeck, zog sich jedoch bald wieder in die unteren Räume zurück, da die kühle Abendluft den Aufenthalt auf dem Verdecke erschwerte.
Im Salon unten saßen sämtliche Passagiere der ersten Kajüte und versuchten es, sich auf diese oder jene Art und Weise untereinander bekannt zu machen. Noch schaukelte der Dampfer nicht, sondern glitt leicht wie eine Barke auf glatter See ins Meer hinaus.
Am zweiten Tage trat um 5 Uhr früh ein junges Mädchen leise auf den Fußspitzen gehend, als fürchte sie, die noch sanft in ihren Kojen schlafenden Mitreisenden zu stören, aufs Verdeck. Das kleine Deckhäuschen bot ein Bild wirren Durcheinanders; es wurde geputzt und gescheuert. Draußen angelangt, blickt sie erstaunt gen Himmel; es regnete nicht, und doch war das ganze Verdeck naß. Da hörte sie ein Plätschern, und sich umwendend, gewahrte sie, daß Seeleute das Verdeck reinigten. Mittelst eines Gummischlauches badeten sie dasselbe im wahren Sinne des Wortes; Stühle, Bänke, Fenster, Thüren, alles triefte.
Ein recht unbehaglicher Aufenthalt, dachte sie, und doch der kleinen engen Koje und dem schrecklichen Geruch von Maschinenöl in den unteren Räumen vorzuziehen. Die Kleider hebend, damit sie nicht mit dem feuchten Deck in Berührung kommen, stieg sie grüßend an den Matrosen vorbei bis zur Stelle, wo sie Tags zuvor aufs Land geblickt hatte.
Doch umsonst spähte das Auge nach der Stelle, wo sie ihre Lieben zuletzt gesehen. Wo sie hinblickte, sah sie das Meer und nur das Meer. Hilflos, bang, als bedürfe sie der Stütze, faßte sie nach der Lehne einer nahestehenden Bank; große Thränen füllten ihre Augen, und schmerzhaft zuckte der Mund. Die kleine Hand griff, als schmerze sie etwas, ans Herz und immer bleicher wurden ihre Lippen. Es nahten sich Schritte. Den Kopf wendend, gewahrte sie den Mann, der gestern mit ihr gesprochen. Tags zuvor war er ihr noch fremd gewesen, heute erschien er dem jungen Mädchen wie ein alter Bekannter, wie ein guter Freund. Mit dem ganzen Ausdruck der Wehmut, die sie erfüllte, auf ihn zueilend, ergriff sie mit ihren beiden Händen die ihr entgegengestreckte Rechte des Mannes, während sie ausrief: »Sehen Sie doch nur, wie schrecklich. Wir sind ganz allein und verlassen. Nichts als Wasser, dunkles, schreckliches, schäumendes Wasser. Kein Land! O, wie öde, wie öde!« Thränen erstickten ihre Stimme.
Ihre Hände fest umschlossen, führte er sie an das äußerste Ende des Verdeckes. Sanft, als spräche er zu einem leidenden Kinde, begann er: »Kein Land, das ist wahr, aber nur Wasser, nichts als Wasser, das ist nicht ganz richtig – sehen Sie doch!« Sie hob den Kopf, und folgte mit den Augen der Richtung seiner erhobenen Hand. »Dort oben,« sagte sie leise, »ja, dort ist der Himmel.«
»Sehen Sie also, verlassen sind wir nicht. Das ist derselbe Himmel, den Sie gestern auf dem Lande sahen, und da, schauen Sie 'mal hierher – ein Vogel. Nun, nun lächeln Sie wieder, der Vogel führt Sie dem Lande näher, nicht wahr? Aber das ist eine Täuschung. Diese kleinen Seevögel begleiten uns über's Meer hinüber, und nähren sich während der Reise von den Abfällen des Schiffes.« Leise seufzend heftete sie die Augen auf das grünliche Wasser, dessen weite Flächen sich ins Unendliche auszudehnen schienen. Sie wandte sich wieder zu ihm. »Ich kann nicht dafür,« sagte sie, »mir wird kalt im Herzen bei der trostlosen Leere dort. Mir ist, als ob eine Ewigkeit mich vom Heimatslande trennte, als sei ich so klein und winzig neben dem gewaltigen Meere, und so traurig, so weh ist mir, als dürfe ich nie mehr froh werden.« Der Mann blickte in das feine Gesichtchen, das sich zu ihm hob. Eine seltsame Rührung überkam ihn. »Welch ein Gemisch vom feinfühlenden poetischen Weibe und von reinem Kinde vereint sich in diesem kleinen Wesen,« dachte er. Laut entgegnete er: »Das macht das Neue. Es ist dies gewiß Ihre erste Seereise?«
»Ja wohl, meine erste, und ich hatte es mir so heiter gedacht.«
»Für eine so junge Dame, wie Sie es sind, gehört viel Mut zu dem Entschluß, allein über den Ozean zu fahren und sich den Stürmen des Meeres preiszugeben!«
»Das war Zufall,« erklärte sie. »Ich sollte in dem Schutz einer uns bekannten Familie bis nach Hamburg reisen. Wir leben im Westen, in Missouri, jene in Georgia. Wir verließen die Heimat acht Tage, bevor das Schiff abfahren sollte, um noch einige Städte zu besuchen, denn mein Papa ist Geschäftsmann, und wollte nebst dem mir zugedachten Geleit noch einige geschäftliche Angelegenheiten dortselbst besprechen. In New-York angelangt, erwarteten wir mit Bestimmtheit jene Familie zu finden, die mich mitnehmen sollte. Statt ihrer aber fanden wir unter den aus der Heimat uns nachgesandten Briefen einen, der die Nachricht von der plötzlichen Erkrankung des einzigen Kindes der Familie brachte. Unsere Freunde schrieben, daß sie ihre Reise um einige Wochen hinausschieben müßten und sprachen die Hoffnung aus, daß ich mich dann anschließen würde. Durch unsere frühe Abreise von zu Hause erhielten wir die Nachricht erst am Tage meiner Einschiffung! Es ist also Zufall und nicht mein Verdienst, daß ich allein reise. Zudem wurde uns gesagt, daß die Menschen unter einander sehr liebenswürdig seien auf einer Seereise, und nach Deutschland sollte ich nun einmal, weil ich kränklich bin – so bleich – sehen Sie nur!« Sie zeigte ihm ihre beiden feinen Hände.
Weiß, sehr weiß und wohlgeformt waren sie, und die Augen des Beschauers schweiften unbewußt bewundernd von ihnen weg über die zarte Gestalt des Mädchens, das mit solch reizender Einfachheit ihre Erklärung beendete. Die Sonne war aufgegangen. Ihre warmen Strahlen senkten sich wohlthuend auf die beiden Menschen herab, die wohl mehr als eine halbe Stunde in der feuchten, kühlen Morgenluft gestanden hatten.
»Wann fängt's denn an zu schaukeln,« fragte sie, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander gestanden.
»Das läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen,« erwiderte er, »haben Sie Sehnsucht danach, die Seekrankheit kennen zu lernen?«
»Die fürchte ich nicht,« war die rasche Antwort.
»Sie vertrauen wohl auf den Schiffsarzt?« lächelte er.
»O nein, auf den am wenigsten. Gerade dieses Schiff soll einen abscheulichen Arzt haben. Mir wurde erzählt, er sei ein unfreundlicher, arroganter Mensch, der sich ungern bemühen lasse. Meinethalben mag er's sein, ich werde ihn gewiß nicht belästigen. Kennen Sie ihn?«
»Ja.«
»Ist er so, wie man ihn schildert?«
»Ich weiß Ihnen darauf wirklich keine rechte Antwort. Wenn ich Ihnen sagte, ›ich kenne ihn, er ist ein entsetzlicher Mensch,‹ so könnten Sie glauben, das Urteil entspringe gehässiger Zunge, und sagte ich Ihnen wiederum ›er ist ein durchaus leidlicher Mensch,‹ würden Sie meine Ansicht für maßgebend erachten? Ich glaube nicht.«
»O doch,« rief sie lebhaft, »ich habe zu Ihnen so viel Vertrauen, daß –« sein Auge traf das ihre. Stockend, errötend senkte sie die Blicke und schwieg.
Er legte seine Hand auf die des Mädchens und neigte sich zu ihr, als er leise sprach: »Vertrauen haben ist kein Unrecht, mein kleines Fräulein. Sie dürfen ruhig weiter sprechen.«
»O, ich wollte nur sagen, daß ich Ihnen alles glauben würde, Sie sehen aus, als könnten Sie nicht anders als gerecht sein, aber woher kennen Sie den Arzt? Reisten Sie schon einmal auf diesem Schiff?«
»Mehr wie einmal,« entgegnete er, »und der Arzt mit mir! Versprechen Sie mir,« rief er plötzlich, »im Falle Sie seiner bedürfen, so zögern Sie nicht, ihn zu belästigen!« Seine Stimme hatte wieder den eigentümlichen Wohllaut. Ohne sich darüber Rechenschaft geben zu können, fühlte sie sich in einem Bann, wenn er sprach. Seltsam, ganz seltsam ward ihr zu Mute. Etwas wie Beklemmung, Bangigkeit bemächtigte sich ihrer – sie wollte sprechen und dennoch schwieg sie.
Wieder diese verlockende Stimme. »Nicht wahr, Sie werden nicht zögern, wenn Ihnen etwas ist, den Arzt zu rufen? Sagen Sie nein.«
Sie fühlte seine Blicke auf ihr ruhen; er hielt ihr die Hand hin; wie von einem Magnete gezogen hob sie die Augen zu ihm auf. Dann legte sie schweigend, zusagend ihre kleine Hand in die seine.
Das Frühstück war vorüber. Der Kapitän hatte einige heitere Anekdoten erzählt, die nötige Anerkennung in Form des herzhaftesten Gelächters war ihm seitens der Gruppe von andächtigen Zuhörern, meistens aus älteren Herren bestehend, geworden. Diesem oder jenem Passagiere noch ein freundliches Wort zurufend, war er aus dem Salon in den langen Korridor getreten, wo ihm ein kleines Kind in den Weg kam, das er lachend in die Höhe hob, dann niedersetzte und jagte, dann haschte, dann wieder jagte, zur großen Befriedigung der Mutter, einer bleichen Frau, die lesend im Deckhäuschen saß. Mit dem Kapitän entfernten sich etwa vier Herren, um sich ins Spielzimmer zu begeben. Die weiblichen Passagiere saßen in Gruppen umher, teils mit Handarbeiten beschäftigt, teils lesend oder sich von ihren Kindern erzählend. Eine ganz unerwartete Senkung des oberen Endes des Dampfers ließ in der Thätigkeit der Nadeln, der Augen und der Zungen der Damen eine Stockung eintreten und angstvoll blickte man nach den Kindern.
Am Abend des folgenden Tages bot das Verdeck einen traurigen Anblick.
Mit Ausnahme von zwei Klappstühlen, die tief unter doppelten Plaids und Shawls ihre bleichen Insassen, zwei Herren, bargen, war das Verdeck leer.
Doch nicht, ganz oben an der Spitze des Deckes lag ausgestreckt auf der Bank ein junges Mädchen. Ein Kopfkissen zu Häupten, ein Plaid über die Füße gedeckt, so lag sie mit geschlossenen Augen und bleichen Wangen. In den auf der Brust gefalteten Händen hielt sie ein Buch. Der Wind wehte heftig, die Wellen schlugen hoch und spien wie die ungezogenen Kinder ins Schiff hinein. Ein Steward, der soeben dem einen Herrn einen Cognac gebracht hatte, ihn dann in den unteren Salon geführt, trat auf das junge schlafende Mädchen zu und redete sie an. Sie öffnete die Augen und erwiderte auf seine Frage, ob sie nicht lieber hineingehen wolle, da es anfange zu regnen, höflich aber ablehnend, es sei ihr oben wohler. Dann schloß sie die Augen wieder. Wie lange sie gelegen haben mag, sie wußte es nicht; als sie erwacht, bemerkte sie, daß es tief dunkle Nacht und der Regen heftiger geworden war. Leicht erschauernd versuchte sie, sich zu erheben. Kaum stand sie jedoch, als eine heftige Welle das Schiff hob, dann wieder senkte. Unter dem Einfluß dieser Bewegung mußte sie zuerst einen Seitensprung machen, wurde gleich darauf zurückgeschleudert und zwar in die Arme eines Herrn, der dort erwartungsvoll gestanden haben mußte.
»Nun, wie ist's,« fragte eine wohlbekannte Stimme, »schaukelt's genug?«
Er hielt sie umfangen und wiegte sich von Seite zu Seite harmonisch mit den Bewegungen des Schiffes. Als sie in der tödlichsten Verlegenheit schwieg, beugte er sich herab, um ihr ins Gesicht sehen zu können, und sagte ernst: »Soll ich Sie hinunterführen, mein kleines Fräulein? Nur mache ich Sie darauf aufmerksam, daß die drückende Luft in den unteren Sälen Sie wieder krank machen wird, ich rate Ihnen daher, sich lieber von mir stützen zu lassen und so lange wie möglich oben zu bleiben, wollen Sie?«
Ob sie wollte! In diesem Augenblicke hätte sie ins Wasser springen wollen, wenn er es ihr geraten. Er wartete ihre Antwort nicht ab. Den Arm um ihre Schultern gelegt, führte er sie an das Gitter, welches die erste Kajüte von der zweiten trennt. Dort war sie durch das Deckhaus vor dem heftigen Wind geschützt. Er stellte sich vor, ihre Hand noch immer haltend. »Waren Sie sehr krank?«
»O ja,« sagte sie, »und sehr trostlos.«
»Und Ihr Versprechen, im Falle Sie leiden, mich rufen zu lassen?« katechisierte er weiter.
»Mein Versprechen, Sie rufen zu lassen,« wiederholte sie langsam. »Ich verstehe Sie nicht. O mein Gott – Sie sind der Arzt,« rief sie, und in dem Ton lag ebensoviel Schrecken, als habe sie entdeckt, daß er ein entsprungener Galeerensträfling sei. »O, ich unvernünftiges Mädchen: Sie werden meine unartigen Reden wohl nicht vergessen können?«
»Schwerlich,« entgegnete er lächelnd. »Sie müssen mir schon verschiedenes sagen, bevor ich's versuche. Zunächst möchte ich Ihren Namen wissen, ich lese nie eine Schiffsliste.«
»Lora, Lora Vandyke. Fragen Sie mehr, ich möchte so gern gut machen, was kann ich thun?« bat sie.
»Vor allen Dingen versprechen, fest versprechen, mich baldmöglichst in meiner Eigenschaft als Arzt zu ›belästigen‹.«
»Dazu müßte ich doch erst wieder krank werden,« lächelte sie.
»Sie werden sich dazu keine besondere Mühe zu geben brauchen, die Gelegenheit wird sich bieten,« meinte er.
»Ach, es kommt also noch ärger, noch stürmischer?«
»O ja, bedeutend, bis jetzt war's nur eine kleine Probe, mein Fräulein. Ich sehe Sie schon, wie Sie mit aufgelösten Haaren und bleichen Wangen sich zu mir flüchten werden, hilfesuchend, und ich bin so boshaft, mich auf diesen Augenblick zu freuen.«
»Waren Sie nie seekrank? Wie lange fahren Sie schon?« fragte sie, wie ein Kind, eine Frage über die andere vergessend.