»Welche Frage befehlen Sie, daß ich zuerst beantworte?« fragte er lächelnd.
»Ach, beide.«
»Gut, also beide. Auf meiner ersten Seereise, die ich vor zehn Jahren machte, wurde ich krank. Es war aber auch sehr stürmisch. Ich war auch leidend. Die See hat mich völlig wieder hergestellt.« Sein Ton wurde ernst, wie ihr schien sogar traurig.
»Wo ist Ihre Heimat? ich meine Ihre dauernde Heimat?« fragte sie.
»Eine Heimat habe ich nicht,« klang die tiefe Stimme, »ich sagte Ihnen ja schon, daß ich keine Angehörigen besitze, ich habe auch keine Heimat. Wenn das Schiff vor Anker liegt, und sie alle: Seeleute und Matrosen, zu den ihrigen zurückkehren, verbleibe ich, wie ein bestraftes Schulkind, auf dem Dampfer. Einmal glaubte ich mir eine Heimat gründen zu können« – er seufzte tief – »es ist lange her und das interessiert Sie nicht.«
Sie antwortete nicht. Nur beide Hände legte sie hastig auf seinen Arm, und in den braunen, voll zu ihm aufgeschlagenen Augen lag eine stumme Bitte. Er begann:
»Ich war Student der medizinischen Fakultät. Meine Mutter lebte noch, als ich eines Tages zu einer bekannten Familie gerufen wurde, um mit meinen schwachen Kenntnissen der Medizin auszuhelfen, da ihr Familienarzt verreist und die alte Dame, Freundin meiner Mutter, schwer erkrankt war. An ihrem Bette saß die aus der Pension heimgekehrte Tochter, ein schlankes goldblondes Mädchen, einige Jahre älter als ich. Ich widmete der Kranken meine vollste Aufmerksamkeit. Die Dame genas. Man lobte meine Behandlung und nannte mich ihren Erretter. Der Verkehr unserer beiden Familien wurde inniger. Lea, so hieß die Tochter, war still und ernst. Ich war es auch. Wenn ich öfters in den Dämmerstunden zu ihren Füßen auf niederem Schemel saß und ihr von meiner Zukunft sprach, die ich immer und immer mit der ihrigen verband, und sie stillglücklich lächelnd mit ihrer weißen Hand mir übers Haar fuhr, dann glaubte ich auf der Welt keinen Wunsch mehr zu haben, als daß diese Stunden ewig dauern möchten! Wir hatten niemals von Liebe gesprochen, wozu auch Worte! Wußten wir doch beide und fühlten, was in unseren Herzen lebte. Meine Mutter erkrankte. Ein bösartiges Fieber raffte sie nach drei Tagen unsäglichen Leidens dahin. Lea hatte mir in der Pflege der Verstorbenen treulich zur Seite gestanden. Die Hand der Sterbenden lag segnend auf unseren Häuptern. Ich war allein! Am Tage nach der Beerdigung sprachen wir zum erstenmal bestimmtes über unsere Zukunft. Sofort nach Beendigung meiner Studien, in einem halben Jahre also, wollten wir uns vermählen und das Haus meiner Mutter beziehen.« Er hielt inne, holte tief Atem, fuhr dann langsam fort. »Die Anstrengung der Nachtwache, die starke Nervenerregung, endlich die nasse Fahrt nach dem Kirchhof, alles zusammen mag wohl dazu beigetragen haben, daß Lea, ein schwachorganisiertes, schmächtiges Mädchen, einige Tage nachdem wir die Mutter zur Ruhe bestattet, an demselben Fieber erkrankte und nach acht langen, langen Nächten – fortging – und mich zurückließ, vereinsamt, verzweifelnd. Es hielt mich nicht mehr in der Heimat, wo alles mich an die Teuren erinnerte. Mein Lebensglück war zerstört, ich mußte fort. Ich hatte erfahren, daß ein Kollege von mir als Schiffsarzt angestellt worden war. Auf dem Meere, dachte ich, auf dem wilden brausenden Meer, dort ist vielleicht ›Vergessen‹. Mit fieberhafter Hast warf ich mich über meine Studien her. Ich machte mein Examen. Die höchsten Atteste standen mir zur Seite. In kurzer Zeit erhielt ich die Ernennung zum Schiffsarzt. Als ich in voller Thätigkeit das schöne, unendliche, gewaltige Meer kennen lernte, da fühlte ich zuerst wieder, daß das Leben noch Wert hat. Zehn Jahre sind darüber hingegangen. Ich bin ruhig geworden. Manchmal packt's mich mit unsagbarem Weh – ein Gefühl von Vereinsamung schnürt mir das Herz zusammen, wenn wir uns dem Lande nähern. Draußen auf dem Wasser, da wird's hier drinnen erst wieder ruhiger.« Er hatte die Rechte auf die Brust gelegt und mit einer ihm eigenen heftigen Geberde des Kopfes das volle Haar aus der Stirne geschüttelt.
Es war spät geworden. Sie schwiegen beide. In dem kleinen Deckhäuschen waren die Lichter bereits gelöscht. Der Mann fühlte, wie eine weiche Mädchenhand leicht über sein Haar fuhr, hörte die leise geflüsterten Worte »gute Nacht – ich danke Ihnen« und bevor er es hindern, bevor er ihr behilflich sein konnte, war sie an ihm vorüber in die untere Kajüte gehuscht.
Drei Tage waren vergangen. Sie hatten sich nicht wiedergesehen. Die Fahrt war stürmisch geworden. Die meisten Deckpassagiere lagen krank. Der Arzt hatte alle Hände voll zu thun; vorzüglich fand er unter den Armen im Zwischendeck Beschäftigung. Ein Kind war schwer erkrankt – die schlechte Luft, der ungesunde Dunst des großen, aber niederen Schlafraumes, in dem Männer, Frauen und Kinder nebeneinander zu liegen kamen, hätten den Zustand des leidenden Kindes verschlimmert – es wurde also auf Anordnung des Arztes in das sogenannte »Hospital« geschafft, ein Raum, auf dem Korridor der zweiten Kajüte gelegen, wo es reinlich gehalten, sorglich gepflegt werden konnte, und wo es in der unbedingten Nähe des Arztes sich befand.
Fräulein Lora mußte sehr krank sein. Oft, sehr oft, entschlüpfte er dem Krankenzimmer, um sehnsüchtig suchend das Verdeck zu durchwandern. Vergebens! Sie blieb unsichtbar. Er wurde mit rücksichtsloser Aufdringlichkeit von den Erkrankten der ersten Kajüte in Anspruch genommen, ja, man scheute sich nicht, ihn des Nachts zu überfallen, eines erneuten Anfalls von Seekrankheit halber, gegen die er doch machtlos war; nur die eine, von der er sehnlichst wünschte, gerufen zu werden, sie blieb fern. Einmal erkundigte er sich bei der Mitgenossin von Loras Koje nach ihrem Befinden; er erfuhr bei der Gelegenheit, daß sie nicht seekrank gewesen sei, nur an Kopfschmerzen litte, und nicht zu bewegen sei, aufzustehen, da ihr, wie sie sagte, liegend wohler sei. Er hätte ihr so gern ein linderndes Mittel geschickt; er kannte die Qualen der sogenannten »Seekopfschmerzen«; doch sein Stolz verbot ihm, seine ärztliche Hilfe aufzudringen.
Wieder war es Nacht. Die Reisenden hatten sich zur Ruhe begeben. Alle Lichter waren gelöscht, bis auf das eine, das stets des Nachts im Salon matt zu brennen pflegte. Über den Häuptern der noch nicht Entschlafenen dröhnten geräuschvoll die Schritte der Seeleute, die mittelst einer geknoteten Leine die stündlich zurückgelegte Meilenzahl erforschten. Die Leine mit dem Bleigewicht wurde ins Meer geworfen. Von Knoten zu Knoten zählte eine Meile. In längeren Zwischenräumen wurde die Leine, naß und schwer, von den Matrosen aufgewunden. Vornüber gebeugt zogen sie dieselbe auf ihren Schultern nach sich. Es wiederholte sich dieses Schauspiel täglich einigemale, dennoch entbehrte es nie der Zuschauer, die der Operation mit großem Interesse folgten.
Auf der See, abgeschlossen von alle dem, was in der Welt vorgeht, auf sich selbst und die nahe Umgebung der Mitreisenden angewiesen, hat man naturgemäß ein Interesse für all und jedes. Man klammert sich auf der Seereise an jede Kleinigkeit, die besprochen werden könnte. Da man keine fortschreitenden Ereignisse in Erfahrung bringt, so ergreift man eben die unwesentlichen Dinge, die sich auf dem Dampfer bieten, und behandelt sie mit demselben Eifer, wie man auf dem Lande etwa politische oder Börsenangelegenheiten bespricht.
Zu den spannendsten Neuigkeiten der Reise gehört denn in erster Linie die Zahl von Meilen, die zurückgelegt worden sind, also die Knoten der Meßleine. Darum störten auch in dieser Nacht die dröhnenden Schritte der Matrosen die müden Reisenden nicht, sondern trösteten sie vielmehr mit der Hoffnung, am folgenden Tage eine Neuigkeit zu erfahren.
Eine Stunde später! Der Kapitän mißt mit unruhigen Schritten das Verdeck. Mit zusammengezogenen Braunen blickt er hinaus in die nebelumzogene Nacht. Der erste Offizier nähert sich ihm, erhält einige Anweisungen, tritt dann an seinen Posten zurück. Seinen Regenmantel fester um sich ziehend, besteigt der Kapitän die wenigen Stufen, die zu dem kleinen Pavillon hinaufführen, zu dem nur er selber Zutritt hat, und den er nur dann besteigt, wenn das Schiff seiner speziellen Anleitung und Fürsorge bedarf. Ein heftiger Nordwind hat sich erhoben, der pfeifend das Schiff umkreist. Das Marssegel hatte sich losgerissen, und schlug nun, vom Winde gepeitscht, dröhnend gegen Taue und Mast. Hochauf bäumt sich das Schiff, mächtig rollen und zischen und poltern die Wellen dagegen, und leise, wie eine Klage, tönt der Pfiff des Schornsteins, in abgestoßenen kurzen Tönen, den andern Seglern zur Warnung! Bleich, ängstlich fahren die Passagiere aus ihren Betten, blicken sich an und nicken verständnisinnig; keiner wagt das Wort »Sturm« auszusprechen. Da erscheint die breite Gestalt des Arztes im Salon. Die geängstigten Passagiere erblickend, lächelt er, und auf ihre bangen Fragen, »ob's denn wirklich jetzt schlimm gehe,« beruhigt er sie mit der Versicherung, daß der Kapitän selbst auf dem Pavillon sei und keinen Sturm voraussehe. Das Alarmsignal sei nur um des Nebels willen, der sich übrigens auch schon verziehe. Getröstet legen sie sich wieder zur Ruhe. Nicht so der Arzt. Mit verschränkten Armen lehnt er sich gegen die Wand, die eine Koje von der andern trennt, und blickt unverwandten Auges auf die gegenüber liegende Kajüte, von der soeben eine kleine Hand den schweren Vorhang zurückschiebt und eine Mädchengestalt erscheint: – Lora.
Vollständig angekleidet, das aufgelöste Haar weit über den Rücken hinunterwallend, stand sie einige Augenblicke gegen den Sessel gelehnt, der neben ihr stand. Sie wartete, bis das Schiff das Gleichgewicht wieder erlangt hatte, dann erhob sie den Blick zu dem Manne, dessen Augen mit Teilnahme und Besorgnis auf ihr ruhten, und schritt rasch auf ihn zu. Ohne seine Stellung zu verändern, nur die eine Hand ihr entgegenreichend, erfaßte er sie und zog sie dicht an seine Seite. Keiner von beiden wunderte sich über die Anwesenheit des andern. Es erschien jeder, den andern dort zu finden, gewiß.
Der Dampfer machte einen gewaltigen Satz. Der junge Mann legte seinen Arm um die Schultern des jungen Mädchens, neigte den Kopf zu ihr, und berauschend wirkte der tiefe Ton seiner Stimme auf sie, als er leise sprach: »Fürchten Sie sich, Lora?« Beim Klang ihres Namens zuckte sie leicht zusammen. Den Kopf hebend, erwiederte sie leise, fast schüchtern: »Jetzt nicht mehr.«
»Jetzt nicht mehr,« wiederholte er vorwurfsvoll. »Sie haben sich also gefürchtet und sind nicht gekommen? Krank waren Sie auch, und Sie riefen mich nicht? War das recht?«
»Recht, recht! O Herr Doktor. Wenn Sie mir doch sagen wollten, was recht ist! Als es diese Nacht so recht stürmisch zu werden drohte, da überkam mich plötzlich eine Todesangst, nicht vor dem Sturm, sondern vor mir selber. Ich hatte seit vier Tagen nicht ein einzigesmal an die Meinen zu Hause gedacht. Ich habe des Abends vergessen, für sie zu beten. Ich wußte nichts, als daß ich ein pflichtvergessenes Mädchen bin, und doch konnte ich nicht anders sein, es zwang mich etwas, ich konnte an nichts denken als an« – sie stockte, warf plötzlich beide Hände vors Gesicht – und schluchzte laut. Ebenso rasch aber trocknete sie ihre Augen und sprach leise, bang wie ein Kind: »Wenn ich früher, zu Hause, unartig gewesen war, und es brach plötzlich ein Gewitter los, dann pflegte meine Mama zu sagen: ›Jetzt kommt die Strafe für deine Unart.‹ Ich glaubte auch immer daran, und heute Nacht, als der Wind so heulte, da war mir's als höre ich die Mutter sagen: ›Wer Vater und Mutter vergißt, dem zürnt der liebe Gott‹ – und ich, ich hatte ja alles, alles vergessen, mir mußte der liebe Gott ja zürnen.« Sie hatte die ersten Worte leise, zaghaft gesprochen, jetzt nahm ihre Stimme einen leidenschaftlich erregten Ton an, der sie erschreckt inne halten ließ. Ihre Brust wogte, ihr Atem ging rasch, die kleine Hand, die er wieder erfaßt hatte, zuckte fieberhaft. Sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, fuhr sie fort: »Die Dame, die mit mir die Koje teilt, weinte und betete. Ich versuchte anfangs auch zu beten – aber ich konnte nicht – es trieb mich hinaus – ich wollte – zu Ihnen kommen! Ich wollte Sie fragen, ob's sehr unrecht war, daß ich etwas that, was – was« –
»Lora,« unterbrach er sie und seine Stimme zitterte, »wenn Sie etwas thaten, weil Sie Ihr Herz dazu trieb, dann war es kein Unrecht.« Er stockte, wandte sich plötzlich und schlang beide Arme um sie, während er flüsterte: »Und wenn du seit vier Tagen unaufhörlich an mich denken mußtest, so konntest du nicht dafür, weil du mich liebst, mein süßes Kind, wie ich dich liebe, und weil du mein bist, du kleines, banges Geschöpfchen, mein auf immer und ewig!«
Beide Arme um seinen Hals geschlungen, lag sie an seiner Brust. Eine Weile preßte er sie an sich, dann sprach er: »Nun sieh mich mal an, Lora, mich, den abscheulichen Schiffsarzt, den du so lieb hast, daß du um ihn das Leben vergißt.« Den Arm um sie legend führte er sie an ihre Kajüte, dann blieb er stehen, faßte ihren braunen Kopf zwischen seine Hände, hob ihn hoch, küßte sie auf die Lippen und sagte leise: »Nun wird mein Lorchen wieder an die Mama denken können – nun wird sie auch wieder beten lernen, nicht wahr? Gute Nacht, schlafe jetzt. Ich muß zu einem kleinen kranken Kinde und Lora muß schlafen,« fügte er sanft aber entschieden hinzu, als ihre kleinen Hände die seinen umklammerten, als wolle sie ihn halten, »sonst habe ich morgen zwei Patienten.«
Als der Morgen graute, war das Meer still und glatt, der Himmel wolkenlos. Die Sonne schien hell und warf ihre Strahlen auf das blaue Meer hernieder, daß es wie Gold erglänzte.
Zwei Jahre später. Auf dem Verdeck eines Dampfers, der von Havre abstieß, stehen zwei Menschen eng aneinander gelehnt. Ein hochgewachsener dunkler Mann, ein zartes, schönes Weib. Sein Kopf neigt sich zärtlich zu ihr nieder; er flüstert leise Worte, die sie erröten lassen. Den Arm um sie schlingend führt er sie zur äußersten Spitze des Dampfers und bleibt hinter dem Maschinenhäuschen stehen, um das Meer zu betrachten. Es ist Abend, eben erhellt der Mond das Dunkel. »Sieh doch, Max,« spricht die kleine Frau, den Kopf von seiner Brust hebend und sich über die Brüstung des Schiffes neigend, »sieh doch ins Wasser, ist's nicht gerade als funkelten Sterne dort unten?«
»Jawohl, so sieht es aus,« antwortete die tiefe Stimme des Mannes, »und wenn eine gewisse kleine Dame vor zwei Jahren nicht so verliebt gewesen wäre, daß sie taub und blind wurde für jedes poetische Gebilde auf dem Meere, so hätte sie das wunderbare Spiel der Sterne schon damals kennen gelernt.«
»Daran erinnerst du mich vorwurfsvoll,« schmollte sie, »ich schäme mich des Gefühls durchaus nicht, ich weiß erst, wie süß das Leben ist, seit ich die Liebe kenne.«
»Mein Lorchen!« Seine Stimme hat an Wohlklang nicht verloren, sie wirkte noch ebenso berauschend auf das junge Weib wie damals, als sie, ein halbes Kind noch, sich gegen den Zauber sträubte und wehrte. Der Mond wirft sein gelbliches Licht auf ihre feine Gestalt und erhellt den Glanz ihrer Augen, als sie, sich innig an ihn schmiegend in dem leisen kindlich reizenden Ton von früher spricht: »Max, sage die Wahrheit, liebst du mich ebenso innig, als du damals Lea liebtest?« Er umschlingt sie leidenschaftlich.
»In meinem Herzen,« spricht er, »lebt nur ein Bild, das meiner Frau. Bist du zufrieden?«
Wie ein schmeichelndes Kind lehnt sie den Kopf an seine Brust und streichelt mit der kleinen Hand seinen Arm. »Darf ich nun auch etwas fragen, gnädige Frau?« lächelt er. »Wie steht es mit dem Schiffsarzt? Ist er ein abscheulicher, arroganter Mensch? Lorchen, du hast's doch verdient, daß ich dich, deiner Schmähungen halber, auf ewig an ihn kettete, nicht?«
»Wenn du es darum thatest, so danke ich Gott, daß er mich so strafte,« flüsterte sie leise, innig.
»Meine kleine Heilige!« Sich umschlungen haltend blickten sie lange hinaus in das glänzende sternenbesäete Meer.
Haß und Liebe.
Haß.
»Norine, Norine! Wo steckt sie nur wieder?«
»Ja – ruft Ihr nur!« Die Gerufene hockt – die Füße dicht an den Leib gezogen, eng zusammengekauert – in der dunkelsten Ecke des im Hofe gelegenen Katzenstalles und horcht mit trotzig aufgeworfenen Lippen in souveräner Nichtachtung auf die Rufe der alten Köchin. »Könnt immerfort rufen!« sagt sie entschlossen leise, und ihre jungen Katzen an sich ziehend, brütet sie sich fest und immer fester in ihren Entschluß hinein. Ja – sie war mit sich einig. Sie würde sie nicht empfangen. Es hätte des zufällig von ihr überhörten Ausspruchs der alten Köchin, »daß Stiefmütter alle Hexen seien«, nicht erst bedurft, um sie zu bestimmen, nachdem sie Paul Dierkes, des Bäckers Jungen, hatte auf der Hintertreppe des Ladens sitzen und zur Mittagsstunde eine unbestrichene harte Semmel verzehren sehen.
»Wenn man eine rechte Mutter hat,« philosophierte sie, »so bekommt man ein warmes Mittagbrot in einer Stube, und braucht nicht, wie der arme Paul Dierkes, eine unbestrichene Semmel – – und auf der Hintertreppe« – Norine wußte es eigentlich selbst nicht, wie es unter der Leitung einer »rechten« Mutter zuging. Sie hatte die eigene nicht gekannt – Norine wußte auch nicht, daß der vielbeklagte Paul Dierkes an ebendemselben Tage einige Kuchen aus dem Bäckerladen heimlich entwendet hatte, welcher Thatsache er es dankte, daß er zu Mittag eine Semmel verzehrte, aus Furcht vor der Strafe, die ihn gerechterweise von seiten der Eltern bei seiner Heimkehr treffen mußte.
Norine saß also – während die Stiefmutter erwartet wurde – zusammengekauert in dem Stall bei ihren Katzen. Der aus Brettern aufgebaute, sehr zerfallene Raum mochte vor Zeiten eine Wagenremise vorgestellt haben – spätere Bewohner des Hauses hatten ihn zur Herberge eines Pferdes eingerichtet, und jetzt diente er endlich der Familie Raimond als Holzkammer, während Norine sich darin eine Abteilung für ihre Katzen reserviert hatte – die sie allmählich ausdehnte – so daß nur noch ein geringer Teil des Stalles dem Hause, ein großer aber dem Kinde als Spielort diente. An dieser Stelle durchlebte Norine die Freuden und Leiden ihres jungen Daseins. An dieser Stelle pflegte, fütterte, unterhielt sie ihre alte Mietz und deren schneeweiße Jungen – an dieser Stelle empfing sie, gegen das Verbot des Hauses, ihren Spielkameraden Paul – an diese Stelle endlich trug sie ihren Zorn bei der Vermeldung des väterlichen Entschlusses, dem Hause eine Vertreterin und ihr – Norine – eine zweite Mutter zu geben. Und diese Vermeldung! Sie war ebenso kurz und zerstreut und gütig gemacht worden, wie der Vater eben alles machte, was ihn von seinen Büchern ablenkte. Er hatte allerhand dem Kinde unverständliches gesagt von Vormundschaft einer gebildeten Dame, deren Mutter plötzlich gestorben – von Pflichten als langjähriger Freund der Toten und von ernstester Sympathie und dergleichen mehr. Norine hatte halbverwirrt zugehört und den Vater abreisen sehen, und von irgendwoher war eine Meldung angelangt, die seine Verheiratung ankündete. »Komme in drei Tagen an!« hatte der Bericht gelautet und seither rannten die alte Doris und die schnippische Lisbeth fortwährend treppauf treppab, um zum Empfang der neuen Herrschaft alles »blank« zu machen, wie Doris sagte. Ja, sie konnten rennen! Norine hatte sich die Sache nach allen Seiten beleuchtet – das Endresultat blieb dasselbe. Sie brauchten keine Frau im Hause. Was sollte sie da? Der Vater hatte ja seine Bücher und sein Essen brachte die Doris immer zur rechten Zeit, und seine Kleider wurden auch manchmal gebürstet. – Das hatte Norine gesehen. Wozu brauchte man also eine Frau? Norine hatte gehört, wie eine Nachbarin zur alten Doris sagte, »es sei Zeit, daß das Kind eine Mutter bekäme.« – Das Kind! Damit hatte man sie gemeint. Na, sie wollte ihnen allen schon zeigen, daß sie keine Mutter brauchte, und da konnten Doris und die schnippische Lisbeth sich zum Empfang der neuen Dame immer putzen. Sie rührte sich noch nicht einmal von ihren Katzen weg, und wenn sie noch so zottelig um den Kopf wäre und noch so beschmutzt vom spielen. Norine besah sich die kleinen Hände. Ja, beschmutzt waren sie, aber das war ihr eben recht so. Wen kümmerte es, wenn – horch! Wagengerassel. Norine bog den Nacken horchend vor. Ja – richtig! Da marschierten auch schon Doris und die Lisbeth mit den Feldblumensträußen aus der Küche herauf.
»Norine! Norine!«
»Ja – ruft nur!« Das Kind hat mit dem Ausdruck großer Selbstzufriedenheit ihre Kätzchen an sich gelockt. »Die kann lange rufen,« flüstert sie dem einen Tierchen ins Ohr und kichert verstohlen in sich hinein.
»Norine, der Wagen kommt. Wo bist Du?« Die Stimme erschallt im Hinterhof. Das Kind bleibt unbeweglich sitzen, die Blicke fest und trotzig auf die Thüre geheftet. Sie fährt im nächsten Augenblick zusammen, da Doris vor ihr steht.
»Norine – du läßt mich immerfort rufen. Komm' rasch – der Wagen –«
»Laß ihn kommen!«
»Aber du mußt doch wenigsten gewaschen –«
Das Kind hat sich erhoben. »Ich will nicht!«
Die Alte kennt die Haltung und den Blick. Wenn Norine mit so steifem Körper vor ihr steht – wenn die dunklen Kinderaugen so starr in die ihren sehen – dann ist der Kleinen durch nichts beizukommen. Sie wagt es dennoch mit ganz leiser Mahnung:
»Norine – dein Vater hat gewünscht, daß du –«
»Ich sage dir, ich will nicht!« In den tiefdunkeln Augen blitzt es auf. Die kleinen Hände sind geballt. Doris steht einen Augenblick noch zaudernd vor ihr – dann hört sie nahendes Geroll von Rädern und geht kopfschüttelnd zur Hausthüre hinauf, um dort mit Lisbeth ihre neue Herrschaft zu empfangen.
Norine ist leise auf ihren Platz zurückgekehrt. In ihrem Arm hält sie zwei ihrer weißen Lieblinge – zu ihren Füßen schnurrt die alte Mietz und blinzelt fast verständnisinnig zu der kleinen Herrin auf.
Das Kind ist ernst geworden. Mit vorgebeugtem Nacken horcht es auf das Geräusch, das vom vorderen Hausflur zu ihr dringt. Zuerst Schleifen von Koffern – dann das Öffnen der Salonthüre, die der Thätigkeit ungewohnt, in ihren Angeln knarrt – darauf der Lisbeth piepsende Stimme, die zum Eintreten lud und – – Norine drückte in einer Aufwallung von heftiger Zärtlichkeit ihre Katzen an sich.
»Hört Ihr's? Hörst du's, Mietz, was sie für'n Lärm machen um eine wildfremde Frau, die 'ne Stiefmutter ist und die uns alle hassen wird, und die sofort versuchen wird, uns zu trennen? Paul Dierkes weiß das; er hat's gesagt, daß alle Stiefmütter Katzen hassen und daß sie Euch heimlich fortbringen wird, aber – ich werde aufpassen – ich leid's nicht, mein Mietz, ich leid's nicht!«
Das Kind hatte diese Worte mit energischem Zurückwerfen seines verwahrlosten Köpfchens gesprochen und dann hatte es wieder hinaufgehorcht auf die Stimme »da oben.«
»Das Kind?« hörte sie den Vater fragen, und gleich darauf mit atemloser Spannung die Antwort der alten Doris. Was sagte sie da? »Nicht finden können!?« Norine versetzte ihrer Katze einen verwunderten kleinen Stoß.
»O, Ihr Katzen, hört Ihr's, wie sie lügt, die gute Alte? hört Ihr's? Da, nun geht die Thüre zu. Jetzt sind sie drin. Nein – doch nicht. Da sprechen sie ja noch. Das ist des Vaters Stimme!« Das Kind muß seinen Kopf dicht an die Öffnung der Thüre lehnen, um zu verstehen.
»Hat sich versteckt – sucht doch im Hofe,« spricht der Vater und eine fremde Frauenstimme unterbricht ihn:
»O bitte – laßt sie, ich möchte sie selbst suchen!« Das mußte die neue Stiefmutter sein. Gewiß rückte sie sich ihre blaue Brille zurecht und legte die altmodische seidene Mantille ab. Na – sie sollte nur suchen kommen – das konnte sie ja, aber zum Glück hatte der Stall so verschiedene kleine dunkle Ecken, wo Norine sich mit ihren Lieblingen oft verkrochen und dahin würde Madame mit der Brille und der spitzen Nase wohl – »horch Mietze – ich höre was! Es schleicht ganz sachte an der Holzmauer entlang. Wenn das die Stiefmutter – – Mietze, rasch!«
Kind und Katzen turnten mit unglaublicher Behendigkeit über die umhergestreuten Holzblöcke hinweg, als sich vom Hofzaun her eine Stimme hören ließ und die Gestalt eines Knaben von der Mauer herab sichtbar wurde.
»Norine!« Die Gerufene blieb zögernd stehen.
»Paul Dierkes – bist du's?«
»Ja!«
»Komm' 'rüber!« Es hätte der kategorischen Aufforderung nicht bedurft. Der sehr blonde, sehr gelenke – verschmitzt blinzelnde Bäckerssproß stand schon an ihrer Seite.
»Ist sie da?« Seine Kopfbewegung nach der Richtung des Hauses hin war nicht mißzudeuten. Er meinte die Stiefmutter. Norine nickte.
»Na – wie war's?«
»Weiß nicht,« sagte die Kleine, ein triumphierendes, braunes Gesichtchen zeigend, »ich war nicht drin!«
»Ach was! Donnerschock!« Der Knabe stand ihr gegenüber.
Er blickte mit unverhohlener Bewunderung in das dunkle glühende Gesicht der Kleinen und wiederholte im Flüsterlaut seinen Lieblingsausruf: »Donnerschock!«
Sein Lob that ihr wohl.
»Komm herein,« sagte sie einladend, die Schritte in das Innere des Stalles wendend. Dicht vor ihrem Katzennest blieb sie stehen und wandte den Kopf: »Aber nicht necken,« drohte sie ernsthaft.
»Na, vor mir kannst du sicher sein,« erwiderte der Bursche grinsend, »ich dachte, die Gefahr für deine Katzen käme von dort.«
Norine hatte sich auf die Erde gesetzt und ihre Lieblinge an sich gelockt. Paul stemmte den Fuß auf eine quer über dem Boden liegende Planke und ließ sich herbei, mit überlegenem Blick auf die Tiere herabzulächeln.
»Schade!« sagte er plötzlich, ein ernstes Gesicht ziehend, und das Mädchen sah rasch zu ihm auf.
»Was ist schade?«
»O nichts – ich dachte nur so – wie schade es wäre, wenn die neue Madame es mit den Tieren so machte, wie es meine mit dem Dot« –
»Dot? War das dein Hund?« Der Knabe nickte.
»Was hat sie gemacht?« fragte Norine, gespannt aussehend und Paul machte mit der Hand die rasche Bewegung des Erdrosselns.
»Tot?« fragte das aufhorchende Kind und der Knabe erwiderte trocken: »Mausetot!«
Mit sehr erregtem Gesicht und einer raschen Geberde halb der Angst halb des Zorns umfaßte die Kleine die weiße Katzenfamilie und drückte sie schützend an sich:
»Wenn sie es wagt,« rief sie mit funkelnden Augen, »wenn sie es wagt« – der warnend erhobene Zeigefinger des Kameraden ließ sie abbrechen.
»Es kommt Jemand!« Beide Kinder standen jetzt aufrecht Seite an Seite. Beider Kinder Augen hingen an der niederen Thüre des Bretterhäuschens. Des Knaben Blicke hatten einen lauernden, die des Mädchens einen trotzig herausfordernden Ausdruck. Der Schatten der auf den Weg fiel, zeichnete die Linien einer jugendlich schlanken weiblichen Gestalt. Im Rahmen der Thüre bückte sich ein von dichten Flechten umgebener blonder Frauenkopf.
»Bist Du Norine?« Die Stimme, die da sprach, war ganz dazu angethan, Groll zu verscheuchen. Zürnende Kinderherzen geben sich dem Eindrucke jedoch nicht so leicht hin. Norine stand, die dunklen Augen fest auf die Fremde gerichtet, unbeweglich da. Trotzig, schweigend preßte sie die Lippen aufeinander.
»Also hierher hast Du Dich geflüchtet? Und das ist Dein Freund? Paul – nicht wahr? Siehst Du, Das weiß ich Alles schon!« Der Knabe schoß rasch einen Blick hoch und senkte ihn wieder, dann schob er die Hände in die Hosentaschen und grub etwas verlegen den Absatz seines Stiefels in die lockere Erde ein.
»Sind das Deine Katzen?«
Norine stellte sich plötzlich schützend davor.
»Siehst Du?« flüsterte der Knabe unter vielsagendem Augenblinzeln.
War der jungen Frau die Pantomime entgangen, oder wollte sie nichts gesehen haben? Über ihr Antlitz flog ein leichtes Rot, das sofort wieder verschwand.
»Ich möchte mir Deine Lieblinge gern genauer ansehen,« wandte sie sich an Norine, ohne den Knaben zu beachten, »aber« – hier lächelte sie ein wenig – »ich fürchte mich vor Katzen!«
»Ha – ha!« Es war eine hämische Lache, die der Knabe aufschlug, und seine Dreistigkeit gab dem jüngeren Kinde die Haltung wieder. Sie machte Miene, in sein geringschätziges Lachen einzustimmen, sah aber doch, wie von einem ihr innewohnenden Etwas gedrängt, mit großen Augen zu der jungen Frau auf.
»Magst Du gern Vögel?« fragte diese jetzt, und ohne auf eine Erwiderung zu warten, fügte sie ihrem Satz rasch noch einen bei: »Ich habe noch einen Vogel – einen goldgelben. Wenn Du ihn sehen möchtest – wenn Ihr ihn sehen möchtet« – verbesserte sie sich zögernd, »so könnt Ihr nur mit mir hinaufkommen!«
Nachdem sie gesprochen, wandte sie sich und stieg ohne Weiteres die kleine Treppe hinauf, die vom Hinterhof in das Haus führte.
Die beiden Kinder sahen sich einen Augenblick an.
»Wenn Du gehen willst« – sagte der Junge.
»Na – willst Du denn?«
»Du kannst ja gehen,« gab Paul in unlogischer Erwiderung zurück und gleich darauf, »was ist es denn für'n Vogel?«
Sie hatten sich, indem sie sprachen, gegenseitig der Thüre zugeschoben. Nun, da sie auf der Außenschwelle standen, marschierten sie ohne weitere Kommentare auf die Hintertreppe zu, und waren – ehe sie sich's recht eigentlich bewußt waren – an der offenen Thüre des für die Stiefmutter neu eingerichteten Wohnzimmers.
In der Mitte des behaglichen kleinen Raumes stand die junge Frau. Sie hatte den Rücken zur Thüre gekehrt, während sie, vor einem Vogelbauer stehend, dem zwitschernden Tierchen durch die Goldstäbe seines Käfigs ein Stückchen Zucker hinhielt.
»Kommt nur herein!« sagte sie, ohne sich umzuwenden, und Paul schob Norine mit knabenhaft verlegenem Ellenbogenstoß in das Zimmer. Er folgte langsam und hielt sich – Gleichgültigkeit heuchelnd – in der Nähe des Ausgangs.
»Er heißt Jack – mein Vogel,« sagte die junge Frau, einen freundlichen Blick auf das Mädchen werfend. Da das Kind, ohne seine feindselige Miene abzulegen, stumm zu dem gelben Tierchen aufsah, sprach auch sie während einiger Minuten nichts. Es entstand eine kleine Pause in der das Vögelchen lustig weiter zierpte und an dem Zucker pickte. Plötzlich wurde das Schweigen unterbrochen.
»Woher haben Sie'n?« fragte Paul in dreister Neugier, und die Antwort kam sehr rasch und in eigenartig tiefem Tonfall.
»So?« Es war wieder der Junge, der das kleine Wörtchen in gedehnt gleichgültiger Manier sprach, und Norine stellte – in dem Bestreben, es ihm gleichzuthun – ihre erste Frage. »Wo ist sie?«
»Sie ist gestorben,« erwiderte die junge Frau, und die Kinder bemerkten, daß sie leise – ein wenig heiser sprach. »Sie war lange krank, aber ich mußte ihr jeden Tag den kleinen Jack an ihr Bett stellen, damit sie ihn selbst fütterte. Bevor sie starb, gab sie ihn mir. Du begreifst, wie ich ihn lieben muß – und wie –« sie brach plötzlich ab. Hatte sie doch zu sehr auf das Gemüt des Kindes gerechnet, oder war bei dem trotzig dastehenden Kinderpaar der Begriff »kindliche Liebe« noch nicht erwacht?
Über das Antlitz der jungen Frau zog ein Schatten, als sie sah, wie der Knabe den Mund über den gelblichen Zähnen schief zog – wie dann das Mädchen – einen verständnisvollen Blick zu ihm aussendend – mit ihm zugleich in eine spöttische Lache ausbrach und davonlief.
Im Zimmer stützte sich die junge Stiefmutter schwer auf einen Sessel. »Es ist nicht leicht,« sagte sie leise vor sich hin – und mit der Hand über die Augen fahrend, seufzte sie einigemal tief auf, dann trat sie an das Fenster und blickte in den Hof hinab.
Sie hatte Schweres auf sich genommen. Vielleicht empfand sie das in diesem Augenblicke erst voll und ganz, denn das junge Gesicht hatte einen ernsten, sinnenden Ausdruck angenommen, der sie um Jahre älter erscheinen ließ. Die beiden Kinder waren im Hofe angelangt. Der Knabe hatte sich auf den Zaun geschwungen und Norine lehnte gegen den Bretterbau. Sie mußten wohl von ihr sprechen. Die blonde Frau erkannte es an dem störrischen, trotzigen Blick, mit dem die Kleine das Haus streifte. Wie böse konnte das Kind aussehen! Wie abwehrend kalt war seine Haltung! Wie gerade die Linie, welche die dichten Augenbrauen miteinander verband!
Die junge Frau gedachte der kleinen Mädchenschar, unter der sie seit Jahren als Lehrerin gewaltet, bei der es nur eines günstigen Blickes, eines Lächelns bedurft hatte, um sie weich und gefügig zu stimmen. Das Lächeln war ihr schwer geworden, seit dem Tage, da ihr die Mutter, die lange kränkelnde, gestorben war. Aus ihrem einsamen Herzen heraus konnte sie mutig den Entschluß fassen, einem anderen verwaisten Wesen eine Stütze zu sein, und so willigte sie gern ein, ihre Hand in die des älteren Mannes zu legen. Auf den Widerstand, den ihr sein Kind entgegengebracht, war sie zum Teil gefaßt.
»Das Wort Stiefmutter klingt herb,« hatte sie selbst ihrem Manne gesagt, als dieser ihr flüchtig von dem Trotz des Kindes gesprochen, »ich begreife, daß sie sich gegen mich auflehnt, aber ich werde ihren Widerwillen besiegen!«
Einige Zweifel an dem Erfolg mochten in ihr aufgestiegen sein, als sie so nachdenklich am Fenster lehnte und auf die Kindergesichter hinabsah. Sie öffnete leise die Flügel des Fensters und horchte hinaus auf das Gespräch der beiden.
»Ich wette,« hörte sie den Knaben höhnisch sagen, »ich wette, daß sie die Katzen ertränkt!«
»Nein,« gab das Mädchen kurz zurück.
»Du wirst ja sehen,« reizte er weiter, und vom Zaune sich hinabbeugend, spie er mit Gleichgültigkeit in den Hof hinab.
Die Kleine sann einen Augenblick nach. Dann sah sie auf. Ihre Augen blitzten. »Ich lasse sie nicht hinein,« erklärte sie.
»Ha, sie wird Dich gerade fragen!« Der Hohn, der in seiner Rede lag, machte sie ersichtlich stutzig.
»Wie meine Alte den Dot wegschaffte, that sie's in der Nacht. Deine holt die Mietz auch Nachts!«
Norines Augen wurden groß und finster.
»In der Nacht?« wiederholte sie unsicher – dann in aufsteigender Besorgnis: »da schlaf' ich ja!«
»Ja eben!« Der Knabe weidete sich offenbar an dem Angstblick der Kleinen. Er schielte lauernd auf sie herab und schnellte plötzlich hoch.
»Weißt du,« begann er, »wenn es dir eine Beruhigung ist, so bleibe ich die Nacht hier und halte Wache.«
Norine blickte atemlos zu ihm auf.
»Wo?« sagte sie, über seine unerwartete Großmut verwirrt.
»Ach – ich schlafe im Stall auf der Erde. Uns Jungens« – prahlte er großthuerisch – »uns macht das nichts. Kannst ganz ruhig sein. Wenn sie kommt und deine Katzen holen will – na, laß' mich nur machen. Ist ein Schlüssel drin?«
Es war keiner drin und der Knabe beruhigte sich auch darüber.
»Thut nichts,« meinte er, »ich baue eine Barrikade!«
Es war Abend geworden.
Aus dem Schatten der Finsternis löste sich die schlanke Gestalt der jungen Frau ab. »Der Bösewicht!« sagte sie für sich, einen letzten Blick auf den Stall hinabwerfend, in dessen Inneres der Knabe verschwunden war, und dann stand sie lange regungslos da und starrte in den dunkel werdenden Hof hinaus, bis Norine auf wiederholtes Rufen der alten Doris ins Haus trat; dann eilte sie rasch in den Korridor hinaus dem Kinde entgegen.
»Du gehst schlafen, Norine?« Das Kind sah finster auf.
»Ja,« sagte es kurz im Weitergehen.
»Willst du mir nicht gute Nacht sagen?« Ohne den Blick zu erheben, machte das Kind vor ihrer Zimmerthüre halt. Die Antwort kam hart und frostig.
»Nein!«
»Norine, du« – eine Sekunde lang schoß es glühendrot über Stirn und Wange der Frau, dann sprach sie langsam und sanft weiter: »ich habe dein Gespräch mit Paul mitangehört. Du glaubst doch nicht im Ernst, daß ich deine Katzen –«
Ein heftiges Zuschlagen der Zimmerthüre Norines schnitt der Sprecherin das Wort ab. Norine war drin. Sie stand mit zusammengepreßten Lippen auf der inneren Schwelle und horchte auf die davongehenden Schritte der Stiefmutter.
Sie blieb einen Augenblick mit sich im Zweifel, ob das Triumphgefühl, das sie empfand, wohl ganz berechtigt war.
Liebe.
Es war spät geworden. Norine lag mit weitgeöffneten Augen in ihrem Bette. Die Erregungen des Tages ließen sie nicht schlafen. Es war ihr, als müsse sie wachen, um zu verhüten – nein doch – es war nicht nötig. Paul Dierkes hatte ja versprochen – Paul war ein guter Junge, ein sehr guter Junge, und sie wollte es ihm ewig danken, daß er in dem Stall auf der harten Erde – der Stallfußboden war sehr hart und nicht jeder Junge würde sich eine ganze Nacht hindurch hinkauern, blos um ihr einen Gefallen zu thun; und wach bleiben müßte er auch, denn wenn die Frau wirklich – ob sie wohl wirklich die Katzen so haßte? Ob sie es vorhatte, sie zu töten – zu ersäufen? O weh, welch ein Gedanke! Ersäufen? ihre Mietz – ihre geliebte alte Mietz, und die kleinen weißen Jungen, die so dumm und lieb mit der Schnauze herumleckten, wenn sie ihnen das Milchnäpfchen brachte – und die ganz jämmerlich schreien würden, wenn sie ersäuft – nein, nein – sie sollten nicht – sie durften nicht – Mietz würde auch kratzen – Mietz konnte kratzen, aber vielleicht würde sie die arme alte Katzenmutter heimlich von hinten packen und sie in das kalte Wasser – o nein – nein! Das Kind schrie bei dem Gedanken entsetzt auf. Mit einem Satz sprang es zum Bette hinaus und an das Fenster. Ha, wie dunkel es draußen war! Wie still! Und das Katzenhaus lag so einsam da – und ringsum regte sich nichts – gar nichts – – oder doch? – es regte sich was. Es ging jemand. Eine Gestalt kam die Hintertreppe herab und trat auf die Stallthüre zu – eine Frau war's – sie – die Stiefmutter – o Gott – die Katzen! Wenn sie herunter könnte – aber nein doch – Paul war ja da – Paul würde verhüten – o die böse Frau – die böse – die so gethan hatte, als könnte sie gut sein – gut sein – eine Frau, die den armen Tieren ein Leids anthun wollte – war nicht gut. Nur böse Menschen – nur böse Stiefmütter konnten Tiere hassen, und Katzen waren Tiere so gut wie andere, aber wie sollte sie, eine Stiefmutter, Katzen lieb haben? sie, die nie einen Liebling – doch – sie hatte ja ihren Vogel, dem sie Zucker reichte. Wie würde es ihr vorkommen, wenn jemand ihren Liebling heimlich faßte und – ha – welch ein Gedanke!
Norine stand einen Augenblick sinnend aufrecht und blickte mit finster zusammengezogenen Brauen in den Hof hinab. Der Rachegedanken, der ihr plötzlich gekommen, packte sie wie ein Blitz.
Das war's. Ja – das war's. Wenn sie meine Katzen holt – und – ja doch – da ging sie ja direkt auf den Stall zu, und jetzt – jetzt stand sie am Stalle und sprach durch die geschlossene Thüre auf Paul Dierkes ein, und er? – Paul mußte wohl Antwort geben, denn sie machte eine kleine Pause, als ob sie lauschte, und sprach von Neuem. Norine konnte nichts verstehen – sie starrte angstbeklommenen Herzens auf die Umrisse der Frau und auf die Stallthüre, die sich – war es denn möglich? – plötzlich öffnete, um Paul – Paul selbst herauszulassen. Norines Augen blitzten. Glühend heiß schoß es ihr in die Wangen. Was war geschehen? Was bedeutete das? Was hatte die Frau gesagt? womit dem Freunde gedroht? denn gedroht mußte sie haben, sonst verließ Paul seinen Posten nicht, und da – da standen sie beide – sie mit einem Fuß auf der Schwelle des Katzenhauses und Paul draußen – und jetzt würde sie hineingehen und die armen Tiere – o die Böse! die Schlechte! Norine fuhr mit jähem Ruck in die Höhe – die ganze Entrüstung ihres leidenschaftlich heftigen Herzens im Antlitz.
»Warte, du!«
Über den Korridor huschten leise Füßchen. An den Wänden entlang tappten sich unsichere Kinderhände. Die in weißem Nachtgewand dahinschleichende Gestalt der Kleinen blieb vor der Wohnzimmerthüre der Stiefmutter eine Sekunde lang horchend stehen, dann öffnete sie rasch und hastig und trat ein. Ringsum war alles still. Das Mondlicht fiel durch das offene Fenster und beleuchtete das Innere des Gemaches. Dort in der rechten Ecke stand der Käfig, jetzt mit einem leichten Battistzeug verhangen. Des Kindes Augen starrten – Leidenschaft und Haß im Ausdruck – darauf hin und rasch entschlossen riß sie das Tuch hinweg. Erschreckt flatterte das Tierchen auf und klammerte sich eingeschüchtert an den Gitterstäben fest. Des Kindes Hände faßten nach der Käfigthüre. Des Kindes Augen erglänzten triumphierend, als es, ohne zu zögern, die kleine Pforte öffnete. Anhaben konnte sie dem Tierchen nichts – aber davonfliegen sollte es – fort von ihr – damit sie spürte, was es heißt, seine Lieblinge entbehren.
»Husch – husch!« Die Kinderhand scheuchte, das Tierchen flatterte unstät – zierpte – flog empor – sank herab und endlich ängstlich dem Fenster zu – Fort war es! Norine warf den Kopf zurück. Ihr Atem ging rasch.
»So – du!« Sie flüsterte die Worte mit einem Racheblick auf den Hofraum, dann streifte ihr Auge den leeren Käfig. Die Thüre stand noch geöffnet. Das leere Innere sah still aus wie ein Sarg. Norine wurde es unheimlich, sie tastete sich eilig dem Ausgang des Zimmers zu und schrak heftig zusammen, als ihr auf der Schwelle eine Gestalt entgegentrat.
»Norine!« Der Stiefmutter Stimme. Einen Augenblick des Schreckens und das Kind drückte sich in dem instinktiven Bestreben, sich zu verbergen, in den Schatten der Zimmerecke zurück.
»Norine!« Es war vergebens. Die Frau stand vor ihr. Norine sah auf. Die weiche Ansprache der Stiefmutter ließ sie ein Übergewicht des Rechtes empfinden. Was hatte sie auch anderes gethan, als Rache geübt? Und Rache durfte sie üben – wenn man ihr so viel böses anthat – wenn man ihr ihr liebstes – ihre Mietz – heimlich ah – sie brauchte sich nicht zu verbergen, und wenn die böse Frau sie fragte, wer den Vogel –
»Norine – o Gott – der Käfig!«
Die junge Frau hatte – im Rahmen der Thüre stehend – die Unordnung im Käfig entdeckt – ihr Blick übersah das Ganze und es war ein Weheruf sowohl als eine Anklage, die ihren Lippen entfuhr. »Wer – o wer?« Norine sah einen Moment vor sich nieder. Fehlte es ihr nun doch an Muth?
O nein! Wie um sich in ihrem Entschluß zu stärken, warf sie den dunklen Kopf in den Nacken. Mit lauter Stimme, deren Festigkeit unter dem Auge der blassen Frau ins Wanken geriet, schleuderte sie ihr zornig ihre Antwort entgegen:
»Ich war's. Ich hab's gethan – so!«
»Norine!« Ein einziger schmerzlicher Ausruf – dann herrschte mehrere Sekunden lang im Zimmer Schweigen. Dem Kinde gegenüber stand die junge Frau und lehnte wortlos ihre Wange an den leeren Käfig. Ihre Brust wogte heftig – die bleichen Lippen zuckten. Als sie endlich aufsah, das Kind ansprach, vibrierte ihre Stimme vor unterdrückter Erregung. Es war die resolute Lehrerin, die aus ihr sprach, und die bestimmte Form – die knappe Rede – imponierte ersichtlich der Fremdheit halber dem Kinde.
»Du hast etwas böses gethan,« sagte sie leise und ernst, »vielleicht weißt du nicht einmal, wie bös. Du hast ein Tierchen grausam vertrieben, das ohne die gewohnte Pflege verhungern oder erfrieren wird. Du hast an den armen Vogel nicht gedacht, du wolltest nur mir etwas zufügen. Das kann ich übersehen, denn man hat dich aufrührerisch gemacht – aber du könntest deinen Groll auf mich weiter in grausamer Weise kund thun, und das muß ich verhindern. Gehe jetzt in dein Zimmer zurück – es ist notwendig, daß du den morgigen Tag allein bleibst und über dein Verhalten nachdenkst!«
Seltsam – daß das Kind ohne Widerrede davonging! Seltsam, daß es schweigend sein Zimmer erreichte! Lag in der Haltung der jungen Frau ein etwas, das unwillkürlich Gehorsam forderte? Oder war es die Dunkelheit und die ringsum lagernde Stille, die das Kind verschüchterten? Norine wußte es selbst nicht. Erst als der Morgen anbrach und ihr von Doris das Frühstück überbracht wurde mit der Benachrichtigung, daß sie tagsüber ihr Zimmer zu hüten habe, kamen Leben und Zorn und Trotz mit alter Gewalt über das Kind und in lautem Gepolter schlugen die kleinen Fäuste gegen die von außen verriegelte Thüre. Durch das Haus hallten ihre zornigen Rufe – lauter und lauter werdend. Wie konnte man es wagen, sie einzusperren? Sie wollte doch mal sehen, ob das so einfach ginge.
Heraus wollte sie – sofort heraus! Die Hände schlugen sich rot. Die Stimme rief sich heiser, die Füßchen hatten sich wund gestampft und Norine bedeckte – von leidenschaftlicher, ohnmächtiger Wut übermannt – ihr Gesicht mit den Händen und schluchzte hellauf.
O! wenn doch Paul da wäre! Paul würde schon Rat wissen, Paul würde es ihr schon zeigen – der Bösen – der abscheulichen Frau – sie dachte wohl – man würde sich das so ruhig gefallen lassen. O nein – das würde man nicht. Wenn sie dächte, man wisse nicht, weshalb die Stiefmutter sie einsperren ließ, so irre sie. Sie übersah die Sache ganz gut. Die Katzen sollten 'ran! Wahrscheinlich hatte das Paul gestern abend verhindert, und darum wollte sie heute – aber nein – das sollte ihr nicht gelingen – sie würde – sie würde – Norines Schluchzen ließ einen Augenblick nach. Das thränenfeuchte Gesichtchen hob sich energisch. Ihr Blick traf das Fenster. Dort, von dort aus konnte sie vielleicht – Norine beugte sich hinab. Enttäuscht fuhr sie zurück. Zu hoch! Und kein hervorspringendes Fenstersims – kein Halt. Wie sollte sie da? – horch, was war das? – Wer zischte ihr vom Zaun aus zu? Norine schob in erregter Hast einen Stuhl ans Fenster und sah hinaus:
»Ach – Paul!«
»Pst!« Der Knabe hing an der Außenseite der Holzmauer. Über derselben hob sich ein ungekämmter, blonder Kopf, den er in warnender Geberde nach dem Hause zu bewegte.
»Bin eingesperrt!« klagte Norine, das ablehnende »Pst« im Anblick des Freundes außer Acht lassend, und der Knabe schwang sich auf die Mauer und wiederholte durch Zeichen und Grimassen sein Begehr, von ihr nicht beachtet zu werden.
»Aber ich bin eingesperrt!« schluchzte Norine nochmals auf, »und meine Katzen!« –
Wiederum fuhren des Knaben Hände gestikulierend umher, und Norine glaubte in den Zeichen etwas Beruhigendes über ihre Lieblinge zu verstehen. »Sind sie noch da?« fragte sie ängstlich, und Pauls Kopf gab rasch nickend Bejahung, und Norine sah, wie der Knabe sich abwandte und – war's möglich? – mit zwar verlegener, aber doch richtiger Höflichkeit seinen Hut zum Gruß gegen jemanden lüftete.
»Guten Morgen, Paul!« Der helle Gruß kam vom Hofe herab.
Norine erkannte der Stiefmutter Stimme, und mit neu aufsteigendem bitteren Groll sprang sie vom Stuhl herab und in das Innere des Zimmers zurück.
Was wollte sie von Paul? Wozu war er gekommen? Warum that er so verlegen? Was bedeutete – –?
Norine hörte sie zusammen die Treppe hinaufsteigen, der Frau Stimme klang freundlich – gar nicht böse, und Paul? seine Stiefel knarrten – sie knarrten immer, wenn er leise zu gehen versuchte. Paul sprach wohl gar nichts – Norine hörte nur die andere gehaßte Stimme. Es öffnete sich die Wohnzimmerthüre. Sie schienen beide eingetreten zu sein. Was mochte sie mit dem Jungen wollen? Was hatte sie mit Paul zu reden? Norine kauerte sich vor ihr Schlüsselloch nieder. Die Stimme der Frau drang in halbverständlicher Rede zu ihr:
»Sie führte den Bäckerladen in unserer Stadt, und deine jetzige Mutter war ihre Halbschwester. Deine Mutter hatte sie gern. Ich weiß das genau, denn ich wurde als halberwachsenes Mädchen oft in den Laden geschickt, und dann sah ich es oft, wie deine Mutter, die Bäckerin, ihre Halbschwester im Hauswesen unterwies und ihr die Pflege ihres kleinen Sohnes – das warst du, Paul – anvertraute. Deine Mutter hatte sie lieb – und wenn sie das alles wäre, was du denkst, so hätte deine Mutter ihr nicht sterbend Mann und Kind anempfohlen – und das hat sie gethan. Du hast dich von ihr fern gehalten, seit sie an deiner Mutter Stelle getreten ist, und hast dir eingeredet, daß sie dich haßt. Sage mir nichts. Du hast es durch deine Lebensweise so weit gebracht, daß sie ratlos geworden ist und dich eben laufen läßt und« – die Rede brach ab. Paul machte scheinbar eine Entgegnung. Es gab eine kleine Pause, und Norine hörte einzelne Sätze – doch nicht im Zusammenhang.
»Unwahr von dir! Norine zu lieb – hast du gesagt – ganz unwahr – dich verbergen im Stall – wegen der entwendeten Kuchen – weil du dich fürchtest, nach Hause zu gehen. Gestehe, daß es so war! Ein Junge – Furcht vor Bestrafung. Und dem Kinde einreden – die Katzen – Willst du versprechen? –«
Norine schwirrte es im Kopfe. Soviel hatte sie verstanden, Paul war ein Treuloser. Er hatte nicht Großmut geübt, indem er seine Dienste zur Nachtwache antrug – er hatte sich dienen wollen, und sie hatte er glauben gemacht, daß – daß – ah – der Verräter, der abscheuliche Junge! Und stehlen that er auch – das konnte er nun nicht mehr ableugnen, und jetzt? Wie benahm er sich jetzt? Hockte drin ganz freundlich mit ihr – während sie – o! – sie war eine arme Hintergangene – ein verlassenes Wesen – das keinen wahren Freund hatte. Der Einzige, der immer so gethan hatte, als wenn er's so gut meinte – der war gerad' wie alle andern, und geliebt wurde sie von niemandem – von keinem Menschen – nur von ihren Katzen, und die – wer weiß, ob sie die jemals wiedersehen würde, denn selbst wenn die Frau da drinnen (Mutter würde sie niemals zu ihr sagen) die armen Tiere noch nicht überfallen hatte, so stürbe die Katzenbrut tagsüber vor Hunger – und sie, die sie wie eine Gefangene gehalten wurde, sie konnte dann auch sterben – ja, das konnte sie und das wollte sie auch, denn ohne ihre Mietz, ohne die lieben jungen Mietze konnte sie doch nicht sein – dann würde vielleicht der Paul Dierkes um sie weinen, und die andern auch – und Doris und der Vater – und alle die – die –
Norine kam mit ihrem herzbrechenden Phantasiebild nicht weiter. In heftigem Geschluchze warf sie sich auf die Erde nieder. Das heiße Gesichtchen wühlte leidenschaftlich erbittert auf den vorgestreckten Armen umher, während ihre Thränen unaufhaltsam stürzten. Stunden verstrichen. Das Kind lag regungslos auf der Schwelle, bis ihr, vom Weinen ermüdet, die Augen zufielen und sie unter schläfrigen kleinen Seufzlauten einschlief.
Die Mittagssonne war aufgestiegen und hatte sich wieder gesenkt, als Norine das sehr zerzauste Köpfchen hob und mit weit offenen Augen um sich blickte. Hatte sie Böses geträumt, daß ihre braunen Augen so starr und so entschlossen schauten? Die Lippen preßten sich auf einander und die Gestalt, die sich mit jähem Ruck auf die Füße stellte, blieb hochaufgerichtet, wie um sich gegen eine feindliche Macht zu rüsten, stehen.
»Ich will nicht!« schrie sie, sich plötzlich in losbrechendem Zorne gegen die Thüre werfend. »Ich will hinaus!« Ihre Hände faßten mit Aufwendung aller Kraft die Klinke und rüttelten.
Ein heftiger Ruck. Norine flog gegen die Wand zurück. Die Thüre war offen. Das Kind stand einen Augenblick verwirrt da und starrte geradeaus. Das Schloß war unversehrt. Man hatte also vorher geöffnet. Wie ein nach Freiheit lechzendes Wild schoß sie in den Korridor hinaus und die Treppe hinab. Ihre Katzen! Ihre armen Katzen!
Sicherlich waren sie tot – tot, wie sie im Traum gesehen – mit herabhängenden Pfötchen und geöffneten Mäulchen, und die Stiefmutter, die böse, stand triumphierend daneben, während sie wehklagte – –
Norines Füßchen trabten eiliger treppab. Mit hochklopfendem Herzen und zitternden Händen erreichte sie das Katzenhaus.
»Mietz – Mietz!«
Sie schrie es unwillkürlich – sie blieb vor Angst atemlos an der Thüre des Katzenhauses stehen.
Hatte sie sich getäuscht oder tönte ihr aus dem Innern desselben ein leises »Miau« entgegen? »Mietz!« rief sie noch einmal und ihre Stimme durchflog ein ängstlich freudiges Zittern – »Mietz!«
Sie stand horchend auf der Schwelle. Das Auge gewöhnte sich schwer an das dumpfe Licht. Sie trat näher und spähte hinein. Ein unterdrückter Ausruf des Schreckens zuerst – dann des Staunens entfuhr ihrem Munde.
Vor ihr auf der Erde – auf dem Holzblock, den sie einzunehmen gewohnt war, saß die Stiefmutter, auf ihrem Schooße – sechs weiße Kätzchen, in ihren Händen – sie waren weiß und weich, diese Hände – eine Schale mit Milch und geweichtem Brot.
Die Frau hob bei Norines Eintritt den Kopf. Sie lächelte. Und bei dem Lächeln zog es wie tiefe Beschämung in des Kindes Herz.
Regungslos – reuig – thränenvoll blickte sie in das schöne blonde Frauenantlitz, das mit solch gütigem Ausdruck zu ihr aufsah.
»Komm herein, Norine,« sprach der lächelnde Frauenmund, »die Tierchen wissen, daß ich mich ein wenig fürchte, und darum gewöhnen sie sich etwas schwer an mich – komm' herein!«
Norine regte sich minutenlang nicht. Ein nie gekanntes Gefühl von Weichheit und überströmender Wärme durchflutete ihr Inneres, und in ausbrechendem Gefühl von Reue und Liebe stürzte sie laut aufweinend zu der blassen Frau hin.
»Ich habe gedacht, Sie – du – Sie wären eine böse Stiefmutter!«
»Kind!« Die Frau hielt sie umfangen. Sie hob leise das thränenüberströmte Köpfchen hoch und sah ihr in die Augen.
»Norine – um eine böse Stiefmutter zu sein, müßte ich doch erst eine böse Frau sein, und das bin ich nicht!«
Norine wußte nicht, wie's geschah. Der herzliche Ton ergriff sie seltsam. Mit der ihr eigenen raschen Leidenschaftlichkeit der Bewegung hatte sie den Kopf gewandt und den sie umschlingenden Frauenarm geküßt.
»Jetzt sage ich auch Mutter,« flüsterte sie leise, verschämt, und aus dem über sie gebeugten Antlitz der jungen Frau fiel eine Thräne herab und netzte des Kindes Wange.
Es war dunkel geworden, als Stiefmutter und Kind Hand in Hand den Hof verließen. Norine drückte sich eng an die Frau und zusammen stiegen sie die Treppe des Hauses hinauf. Auf der oberen Schwelle trat ihnen eine Knabengestalt entgegen.
»Paul – Paul Dierkes!« Ihr Staunen war begreiflich.
Paul Dierkes, sauber, gescheitelt, mit blanken Stiefeln und gebürstetem Rockkragen – das war ein Rätsel!
»Ich – ich gehe morgen in Stellung,« stammelte er, ohne aufzublicken und mit verlegenem Schwenken seiner Mütze an die Frau sich wendend – dann schoß er rasch und mutig den Blick hoch und fügte halb leise als Versprechen hinzu:
»Ich werd's gut machen!« Fort war er. Norine sah ihm verblüfft nach. Die junge Frau bückte sich zu ihr nieder und lachte. »Wollen wir's auch gut machen?« fragte sie schelmisch. Das Kind sah einen Augenblick sinnend zu ihr auf und schlang plötzlich beide Arme um den Nacken der Frau:
»Meine Mutter,« sagte es leise – schmeichelnd.
Gesiegt.
Die Klasse ist in Aufruhr. Die bevorstehende Landpartie hat die Knaben elektrisiert. Teils über die Tische gebeugt, teils auf Stühlen und Bänken knieend, hören sie, mit halbem Ohre nur, des Lehrers Worte, die ihnen die Marschordre auseinandersetzen sollen. Ungeduldige Füße schieben sich hin und her, erregte Köpfchen lehnen flüsternd aneinander, da – tönt von draußen schon Musik herein, und jeder Rücksicht bar, stürzt die entzückte Kinderschar sich jauchzend der Thüre entgegen.
»Hurra! 's geht los!« Kurt Henning steht, den andern voraus, im Vorplatz. Den Strohhut hochgeschwungen, das dunkle Antlitz voll Erwartung leuchtend, stürmt er voran, und nur des Lehrers streng befohlenes »Halt!« veranlaßt ihn, den Hut von neuem aufzusetzen, und langsam bis zur Schwelle des Schulzimmers zurückzukehren.
»Kommt alle wieder herein,« befiehlt Herr Karler, lächelnd die erregten Köpfe musternd, »stellt euch 'mal um mich – wir wollen einen Fahnenträger suchen. Wer ist der größte?« Jetzt gab's ein Schieben und ein Drängen um den Lehrer. Die kleinen Hälse recken sich, und alle Knaben werfen – Größe heuchelnd – die Köpfe weit zurück.
»Kurt Henning und Max Roland vor! die andern setzen sich!« Ein heftiges Gemurmel geht von Mund zu Mund – es fliegen unterdrückte widerspenstige Worte durch das Zimmer, und endlich stellt sich die begehrte Ruhe ein.
Kurt Henning und Max Roland stehen Schulter dicht an Schulter. Die hochgestreckten Köpfe beider bilden scheinbar eine Linie. Herr Karler legt gutmütig prüfend seine Rechte auf den Scheitel beider. Das buschige Haar Kurt Hennings drückt sich unter der Berührung nieder.
»Die Mähne täuscht, mein Sohn,« bemerkt Herr Karler, vertraulich über die unordentliche Lockenfülle streichelnd, »Max ist der größere! Hier Max – du trägst die Fahne! Stellt euch auf! Kurt hierher!« Unwillig läßt sich der Gerufene in die erste Reihe stellen. Die braunen Augen schießen unter seiner niedern Stirn hervor empörte, grimmige Blicke auf den blonden Kameraden, der, den andern voran – die bunt geschmückte Fahne trägt.
Das Zeichen ist gegeben. Hellsingend, unter brausendem Trompetenklang marschiert die junge Knabenwelt dem Thore zu. Die Straßen sind gefüllt mit Menschen, die den Zug mit Jubelruf begrüßen. Vor allen andern gelten die Zurufe dem blonden Max, der stolzen Hauptes seine Fahne schwenkt und die entzückte Menge grüßt.
Gleich hinter ihm, den Kopf gesenkt, ein Ausdruck tief empörten Trotzes auf der Stirn, geht Kurt. Er hält die festgeballten Fäuste in den Taschen und gibt dem Ingrimm, der ihn füllt, gebührenden Ausdruck, indem er mit den Stiefeln heftige Staubwolken aufwühlt und so den hintern Reihen ihren Marsch erschwert.
»Kurt Henning!«
Des Lehrers Ruf. Ein rascher Aufblick, dann stößt der Kleine mit einem Ausdruck selbstzufriedenen Trotzes einen letzten Staubwulst auf, bevor er sich dem Schritt der andern anpaßt.
»Aber Kurt, du bist doch sonst nicht trotzig!« Herr Karler steht an seiner Seite. Der Ton, in dem er spricht, ist gütig vorwurfsvoll. Der kleine Bursche senkt beschämt den Kopf, und preßt die Lippen aufeinander.
»Was ist dir denn, mein Junge?«
»Ich – ich wollte so gerne die Fahne tragen!«
»Ja so!« Der gütige Lehrer nickt verständnisvoll. »Ja so – das ist's!« Er klopft dem Kleinen auf die Schulter.
»Weißt du auch, daß es draußen Prämien geben soll? – erobere dir etwas – dann ist die Fahne bald vergessen!«
Kurt sieht rasch auf.
»Für was gibts Prämien?«
»Für Spiele und Wettrennen. Du kannst ja tüchtig rennen!«
Des Knaben Augen leuchten. Er wirft den Kopf zurück.
»Ja – das kann ich,« ruft er entzückt, und gleich darauf fällt seine Miene wieder. Mit einem halben Seufzer schließt er die so froh begonnene Rede: »Max läuft auch gut!« Der Lehrer sieht ihn ernsthaft an.
»Um so größer das Verdienst, wenn du ihn übertriffst! Nur tapfer gewagt! Der Kampf ist gleich!«
Und gleich war er. Mit muskulös entwickelten kleinen Körpern standen die Knaben der ersten Abteilung eine Stunde später nebeneinander aufgestellt, und warteten gespannt auf das Zeichen zum Wettlauf.
Die Hüte liegen auf dem Rasen. Die Jacken hängen an den Büschen ringsumher. Das Ziel ist angegeben. Herr Karler hält die Uhr.
»Eins! Zwei! Drei! Los!«
Der Staub fliegt hoch und legt sich wieder, und in dem Wirbel werden die Gestalten sichtbar, die Kopf an Kopf die Strecke durchlaufen. Drei von den Knaben blieben sofort zurück. Voran – in gleicher Linie – sind nur Kurt und Max. Das Ziel ist nahe. Wild fliegt die lockige Mähne Kurts ihm um das Haupt – die Augen sehen stumpfen Blickes starr hinaus. »Voran! Voran!« tönt es in seinem Innern. Nur wenige Sekunden noch, und er ist Sieger. Dicht neben ihm schallt Maxens Fuß in raschem – im gleichen Lauf mit ihm. Ein kurzer Sprung liegt zwischen beiden. Da – saust mit gazellenartigem Satz Max flugs voraus und steht – einen Augenblick dem andern zuvor – am Ziel.
»Hurrah! Ich! Ich!« Kurt hört's wie durch einen Nebel. Er sieht's undeutlich, wie Max Roland jubelnd seine Arme hochwirft. Die Lehrer und die Klasse nähern sich.
»Tapfer gelaufen beide! Gratuliere Max! Hast dich zu früh aufgegeben, Kurt!« hallt's durcheinander an des erschöpften Kindes Ohr, indes er mit glühend heißen Wangen an einem Baumstamm lehnt und mit den dunkeln Augen fragend, hoffend zu dem Lehrer aufsieht.
»Hat Max den Preis?« Er hört die eigene Stimme nicht. Die kleine Hand wischt mit dem Taschentuch zerstreut die Stirn und sinkt dann schlaff herab.
»Hat Max den Preis?« Er wiederholt es lauter, mit seinen Blicken mehr eindringlich fragend als mit Worten, und da Herr Karler teilnahmsvoll bedauernd mit dem Kopfe nickt – da sich der Knabe von den Augen aller mitleidsvoll betrachtet weiß, kämpft er gewaltsam seine Thränen nieder und sucht heroisch ein einsichtsvolles Lächeln zu erzwingen.
»Vielleicht kriegst du den Preis im Ballspiel!« raunt ihm ein kleiner Knabe tröstend zu, und Kurt schluckt einigemal an etwas dickem in der Kehle, bevor er, immer noch mit feuchten Augen ein halbleises »Ja vielleicht« erwidert.
Wie sie geräuschvoll den siegreichen Max umzingeln! Wie sie voll Jubel ihm den Kranz aufs blonde Haar aufsetzen! Mit welchem Eifer sie den Stift betrachten, der ihm als Prämie eingehändigt worden ist! Kurt siehts von weitem. Er hat vorsätzlich lange Zeit gebraucht, um seine Jacke und den Shlips zu ordnen, um so den Anschluß an die Klasse zu versäumen. Jetzt liegt er hingeworfen auf dem hohen Rasen – von einem Baumstamm liebevoll gedeckt, und läßt den Thränen der Enttäuschung, die ihm in die Augen treten, vollen Lauf.
Wäre er doch gar nicht mitgekommen! Wär' er daheim geblieben bei dem alten Vater, der ohnehin zögernd zugegeben, daß er am Ausflug teilnahm. Er hätte davon auch nicht viel gehabt – im stillen Häuschen bei dem Vater regungslos zu sitzen und zu lesen oder rechnen, wie es stets von ihm beansprucht wurde – beim Vater, der von früh bis spät so emsig schrieb und seinen Sohn kaum je beachtete – und doch! Wie ungleich besser als stets von neuem sehen zu müssen, wie der blonde Knabe ihm den Rang ablief – die Prämien alle nahm, während er sich doch so redlich mühte, einmal wenigstens –
»Ballfangen! Kurt – das Wettspiel! Komm' doch!« Es war derselbe kleine teilnahmsvolle Bursche von vorhin, der seine dünne Stimme fisteltönig hoch geschraubt zu Kurt hinüberklingen ließ, da Kurt sich weder aufhob, noch etwas erwiderte – durchsprang sein kleiner Freund die Strecke, die sie schied – und stand an seiner Seite.
»Kurt, komm' doch!«
»Mag nicht!« Er stieß es mürrisch aus und warf sich unwirsch auf die andere Seite.
»Komm doch!« ermuntert der Herangetretene eindringlich bittend – und da der andere nichts entgegnet, nur heftig mit dem Fuß ausschlägt, verliert der kleine Freund den Mut und schiebt sich rücklings gehend fort – dem Spiele zu.
Kurt liegt eine kleine Weile regungslos – die Augen in die Arme vergraben – auf dem Rasen. Von ferne hallen Rufe heller Stimmen zu ihm – er hört das Aufschlagen der geworfenen Bälle – das Schreien und Fallen und Stoßen der erregten Kinder und zwischendurch des Lehrers Stimme.
»Na – fängt denn keiner?«
Kurt hat den Kopf emporgerichtet. Die dunkeln Augen sehen gespannt dem Spiele zu. Wie sich alle schieben – wie sie rennen, um den Ball beim ersten Wurf zu fangen! War's denn so schwer, daß selbst der Max – Plötzlich mit einem Sprung steht er auf seinen Füßen; noch ehe er selbst sich über sein Vorhaben klar wird – ist er im Kreise derer – die da um den Ball wetteifern. Kühn, aufrecht – fest entschlossen steht der kleine Bursche da. Die Klasse sollte sehen, ob es jedesmal der Max sein mußte, der – –
»Eins! Zwei! Los!« Der Ball fliegt hoch und wieder nieder. Wild schreiend schieben sich die Kinder aneinander. Sie beugen sich zurück und vor und strecken ungestüm die Hände aus, und aus dem dichten Haufen lärmender, erregter Kinder windet sich ein einziges los, streckt sich triumphierend ein energischer Arm empor.
Kurt Henning hat den Ball.
»Er hat ihn nicht beim ersten Wurf gehabt!« ruft eine Stimme laut, und es entsteht ein lautes Lärmen, und Protest erhebt sich.
»Max Roland hatte ihn zuerst; dann fiel er hin – und dann nahm ihn Kurt Henning auf!« schreit der Ankläger von vorhin.
»Lüge!« stößt Kurt ingrimmig aus.
»Keine Lüge – er hat ihn nicht beim ersten Wurf gehabt!«
»Nein – das hat er auch nicht – Max hatte ihn!« schrieen die Kinder erregt und Herr Karler hebt – Ruhe gebietend – beide Hände.
»Kurt soll vortreten!«
»Sage Kurt – hast du den Ball beim ersten Wurf gefangen!«
Des Knaben Augen lodern unheimlich trotzig auf.
»Ich – ich –«
»Er hat ihn nicht gefangen!«
»Max hat ihn gehabt!« ertönen wieder die Anklagestimmen von vorhin.
»Ruhe! Ich frage euch nicht!« spricht ernst Herr Karler. »Kurt wird mir ganz allein die Wahrheit sagen!«
Ein Augenblick der Spannung! In des gefragten Kindes Hirn entsteht ein wüster Kampf. Sagt er »nein«, so fällt die letzte Chance, die ersehnte Prämie zu erhalten – fällt jede Aussicht, einmal von des gestrengen Vaters Mund gelobt zu werden! – sagt er ein »ja«, so spricht sich's morgen in der Stadt herum, daß er – nicht Max –
»Hast du den Ball richtig gefangen, Kurt?« Wie eigen warm des Lehrers Stimme klingt! Wie voll Vertrauen das graue Augenpaar ihn ansieht! Des Kindes Herz versteht den Blick; des Kindes Herz erwidert darauf. Den Kopf zurückgeworfen, daß die Lockenfülle weithin in den Nacken fliegt – die Augen groß und voll zum Lehrer aufgeschlagen, spricht Kurt ein deutliches ernsthaftes »Nein, Herr Karler!«
Die Stille, die dem Worte folgt, wird durch den Lehrer unterbrochen.
»Du bist ein braver Kerl, Kurt Henning!«
Die Dämmerung ist da. Müde und bestaubt marschiert die kleine Schar zur Stadt zurück. Die Frühstücksbüchsen hängen ihnen leer zur Seite.
Kurt Henning hat den Blick mit ernstem Ausdruck auf das kleine Haus gerichtet, das am Thore liegt und das er mit dem Vater bewohnt.
»Worüber sinnst du, Kind?« fragt ihn Herr Karler, dem etwas in dem Angesicht des Knaben zu denken gibt, und Kurt erwidert leise – sehnsuchtsvolle Augen zu dem Lehrer hebend:
»Ich hätte doch so gerne eine Prämie heimgebracht; mein Vater hätte sich gefreut!«
Herr Karler legt die Hand liebkosend auf des Knaben Haupt und gibt ein Zeichen, daß die andern stehen.
»Sag' deinem Vater, daß du ihm die Achtung deines Lehrers mitbringst, Kurt, das wiegt wohl eine Prämie auf! Gut' Nacht, mein Sohn!«
Weiß wohl der kleine Mensch den vollen Sinn der Worte zu verstehen, oder ist's der einfach kindliche Instinkt, der ihn so eigen wonnesam ergreift?
Die kleinen Hände schließen sich fest um des Mannes Rechte und feuchte Kinderlippen legen sich – von einem plötzlichen Impuls geleitet – auf dieselbe nieder.