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Junge Triebe: Roman cover

Junge Triebe: Roman

Chapter 12: 11
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About This Book

The narrative sketches tense domestic life in a middle‑class household where a strict, domineering father presides over meals and discipline while a tender but anxious mother tries to shield her sons. The eldest endures obedient, fearful restraint, the middle boy meets authority with mischief and simmering resentment, and the youngest is openly indulged, provoking envy and humiliation. Episodic domestic scenes — especially at the table — trace small cruelties, sibling rivalry, and the uneven distribution of affection, offering an intimate study of family power dynamics and their effects on children's behavior and inner lives.

11

Fritzl fieberte leicht: Erkältung, verdorbener Magen, jede stärker blutende Schramme — alles ging bei ihm mit jähem Fieber einher. Der Vater, wie so viele Ärzte, schätzte Kranksein im eigenen Hause nicht, schalt zunächst immer über Verweichlichung und Schlappheit, wurde wohl auch heftig oder schlug zu, wenn Beschwerden weinerlich oder irgendwie übertrieben geäußert wurden. Nur in ernsteren Fällen ließ er sich zu genauer Untersuchung herbei und begleitete die Diagnose stets mit einem bärbeißig-spaßhaften Scheltwort: „Masern hat der Schafskopf!“ — Weit herum gesucht und gepriesen wegen seiner ruhigen Freundlichkeit am Krankenbett, schien er der Familie gegenüber von der Anschauung auszugehen, daß Krankheit, wenn nicht eine Schande, so doch Verschulden des Betroffenen, Dummheit, Unvorsichtigkeit, keinesfalls aber ein Anlaß zu Mitleid oder Bedauern sei. Ein rechter Bub zumal sollte Kleinigkeiten allein abmachen. So konnte es geschehen, daß er leichte Fälle mit einem Donnerwetter abwies: „Geh’ weg, Lehmpatzen, du bist nicht mein Sohn!“ —

Die Mutter war leichter zu überzeugen. Bei aller Unterwürfigkeit brachte sie es doch über sich, ohne ausdrückliche Ermächtigung, manchmal sogar gegen das Donnerwort: „Gar nichts fehlt dem Jammerlappen!“ einen heulenden, bebenden, heißen Buben ins Bett zu bringen und mit Umschlägen, Tee und Zärtlichkeiten zu behandeln. Mit Zärtlichkeiten. — Weit mehr Frau als Mutter, ahnte sie nur dumpf, daß die jungen Wesen oft und oft mit Husten und Fieber nichts weiter verlangten, als ihr Recht auf Zärtlichkeit, das ihnen in dem kaltgeordneten Hause ständig verkümmert wurde.

Felix hätte sich leidenschaftlich gerne pflegen lassen, doch war er scheu und fürchtete den Vater viel zu sehr. Max, als der herzhafteste der Brüder, liebte das Bettliegen und Gepäppeltwerden nicht. Fritzl aber gab gern und willig nach. So konnte er sich gelegentlich in die Zeit zurückversetzt fühlen, da er der verhätschelte Liebling war. Wenn es auch nur die Mama war, die ihm schön tat. —

Dazu kam noch, daß er das Fieber liebte. War er zu Bett gebracht, dann hob leise erst, bald stärker sein Blut zu singen an. Das Kinderzimmer verlor sein altvertrautes Gepräge, fremd und prächtig standen die Dinge um ihn her, die Tapete wurde zum Wald, von allerlei Getier belebt, wurde zur dichtgedrängten Ritterschar, ihm untertan. Die Luft, seltsam körperlich, schwamm von Harmonien. Das Ticken der Uhr, fernes Wagenrollen, das leise Reden der Brüder, die bei der abgeblendeten Lampe am Mitteltisch saßen, klangen zu rauschender, überirdischer Musik zusammen. Das gedämpfte Licht tat den Augen angenehm wehe. Schloß er aber die Lider, so stellte sich alsbald ein Bild ein, das er über alles liebte: ein weiter, glattgepflasterter Platz, auf den in langen, dichtgedrängten, glasharten Schnüren und Strähnen vielfarbiger Regen niederfiel, in allen Farben, blau, rot, gelb, grün, Regen, Regen. In gesunden Tagen konnte er mit keinen Mitteln eine Vorstellung dieses Bildes wiedererwecken. An jedem Fieberabend genoß er es mit neuer Freude.