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Junge Triebe: Roman cover

Junge Triebe: Roman

Chapter 45: 44
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About This Book

The narrative sketches tense domestic life in a middle‑class household where a strict, domineering father presides over meals and discipline while a tender but anxious mother tries to shield her sons. The eldest endures obedient, fearful restraint, the middle boy meets authority with mischief and simmering resentment, and the youngest is openly indulged, provoking envy and humiliation. Episodic domestic scenes — especially at the table — trace small cruelties, sibling rivalry, and the uneven distribution of affection, offering an intimate study of family power dynamics and their effects on children's behavior and inner lives.

44

Ein Frühzug gleitet aus dem Kleinstadtbahnhof. Der Morgennebel läßt den Kohlenrauch nicht verfliegen. Es riecht nach Reise und Abschied. Die müde Herbstsonne malt Perlmutterglanz auf Dächer und Türme. Sie grüßen von weither, wie seliges Land. Ist das die Heimat?

Fritz beugt sich ein letztesmal zum Fenster hinaus. Da sieht er weit weg, verschwimmend schon, ein weißes Tüchlein wehen. Das ist die Schwester — und wütende Sehnsucht überfällt ihn, nach den guten, dunklen Augen, die nur Treue kennen. Was könnte ihm die Fremde bieten, das besser wäre? — Angst schleicht sich an. — Und der Vater — wie müde und weich war der Abschied! „Wir sehen uns wohl nicht mehr, mein lieber Junge,“ hat er gesagt. „Halt dich brav — vielleicht geht’s jetzt!“ Das klang wie Eingeständnis eigener Ohnmacht — und quälend hatte der Junge die Härte vermißt, die er am Vater, bei allem Trotz und Haß, doch immer geliebt hat. Immer geliebt hat. —

Die Kleinbahn bleibt zurück — der Schnellzug auf der Hauptstrecke klirrt durch weites Land. Die große Stadt wird im Wagen von Bahnhof zu Bahnhof durchquert. Die Universität dort. — Student? — Halber Pennäler!

Und wieder ein Schnellzug mit riesenhafter, kegelspitzer Maschine, stiernackig, und langgestreckten Wagen, die lautlos aus der weiten Halle schwimmen. Und was sich nun zu beiden Seiten im Abenddämmern dehnt, Felder, Büsche und ferne Waldberge, das ist Neuland, ist die Fremde. Die Nacht bringt zerrissenen Schlaf.

Im Frühlicht flammen Schneeberge auf, mit Almen an ihrem Fuß und Dörfern von nie gesehener Bauart. Und Menschen, die ihrem Tagewerk nachgehen, unbekümmert. Kann diese Natur Alltag werden?

Dann die Grenze, fremde Uniformen, unverständliches Wortgewirr. Der Junge fühlt sich sehr einsam, und doch dem Neuem fiebernd hingegeben. Beschämt fast gedenkt er der Vaterstadt — ein Backsteinhaufen inmitten flacher Rübenfelder, zwecksüchtig dem nüchternen Heute untertan: die alten Gräben eingeebnet, Wälle und Basteien geschleift, die alten Häuser niedergelegt oder zu Mietskasernen entwürdigt. Zerstört, erstickt, in Zweckformen gepreßt alles, was von der Altvordern behäbiger Lebensfreude künden könnte. Geschichte? Eine trockene Wissenschaft!

Hier aber lebt ein reiches Gestern, lebt fort, noch in des letzten Bettlers Haltung und Gebärde! Verwittertes Mauerwerk übt im Verfall noch Herrenrecht, fordert Ehrfurcht. Und wucherndes Leben in jedem Blatt, und Sonne, Sonne in nie geahnter Glut.