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Junge Triebe: Roman cover

Junge Triebe: Roman

Chapter 73: 72
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About This Book

The narrative sketches tense domestic life in a middle‑class household where a strict, domineering father presides over meals and discipline while a tender but anxious mother tries to shield her sons. The eldest endures obedient, fearful restraint, the middle boy meets authority with mischief and simmering resentment, and the youngest is openly indulged, provoking envy and humiliation. Episodic domestic scenes — especially at the table — trace small cruelties, sibling rivalry, and the uneven distribution of affection, offering an intimate study of family power dynamics and their effects on children's behavior and inner lives.

72

Der Bankdienst beginnt zu drücken. Wohl hat der Direktor unversehens eingegriffen und über Monsieur de Bergasse hinweg eine gerechtere Arbeitsteilung verfügt, wonach Fritz nun mit dem Triestiner in der Expedition und der eigentlichen Korrespondenz abwechselt. Ist aber der Unterschied so groß, ob man Briefe, ewig dieselben langweiligen Sätze, auf der Maschine schreibt, oder ob man die fertigen nur faltet und in Umschläge steckt? Ewig das öde Einerlei — wie ein Eichhörnchen in der Trommel; es krabbelt wütend und kommt doch nicht vom Fleck. Das als Beruf? — Auch hier wird es übrigens mißbilligend bemerkt, daß Fritz keine Zeitungen lesen will. Zeitungen — geschmacklose Lügen in schlechtem Stil, kleinliche Fehden, Ränke, Winkelzüge, — matter Abklatsch der alten Condottieri!

„Als Geschäftsmann kommen Sie ohne Zeitungen einfach nicht aus,“ sagt der Direktor. Als ob er, Fritz, Geschäftsmann wäre oder auch nur werden wollte! Er will, weiß Gott, was anderes, er will ...

Ja, er will Antwort geben auf die Frage, die er immer dringlicher, immer quälender aus allen Dingen herausfühlt. — Ein Falkenschrei, der die Mittagsrast nach langem Wüstenritt durchzittert; ein letzter Sonnenstrahl auf einsamer Palmenkrone; eine Herde, die durch goldrote Staubwolken heimzieht, der sinkenden Sonne zu; und fernes Schakalgebell in nächtlicher Wüste, und vieles, vieles andere, das ihn im innersten berührt, ihn erbeben läßt in dem Gefühl: nun finde die rechte Antwort und du kannst einen Zauber lösen, kannst ein entrücktes Königsschloß wieder erstehen lassen, die Steine zu reichem Troß wandeln, die Herde zu streitbarem Heer, den Falken aber, den Vogel der Sehnsucht, zur schönsten Prinzessin. Finde die rechte Antwort — finde die Antwort!

Zutiefst in seinem Koffer bewahrt er ein Heftchen, das mancherlei Ergüsse birgt. Er hält es sorgsam geheim. — Ein dichtender Bankbeamter! — Die andern würden ihn tothacken, wie Sperlinge einen gelbgefärbten Artgenossen. — Und die Antwort, das Zauberwort, das er finden will, steckt in keinem der linkischen Versuche. Woran es fehlt? Wie innig empfindet er die Natur, nun, da der drückende Zwang von ihm genommen ist; wie glühend erfüllt ihn der Gedanke an Gitta, Gitta ...

Was aber dann in Worten vor ihm steht, klingt matt, farblos, abgebraucht.

Es genügt wohl nicht, die Sprache neu zu erleben, hergebrachte Formen mit eigenem Sinn zu füllen, fremde Lügen zu empfangen und eigene Wahrheiten zu gebären? — Wer bist du, Würmchen, daß du das All neu erdenken, freventlich mißachten willst, was ungezählte Geschlechter vor dir erdacht, erkannt, geglaubt haben?

Lernen ... lernen ... Aber hieße das nicht wieder Schule, Zwang, Unfreiheit? Oder gibt es eine Freiheit, die sich fügen kann, weil sie jedem Zwange überlegen ist?

Hierin versagt seine geheime Beziehung zu Gitta — er vermag ihre Meinung nicht zu ergründen. Wenn er von Zukunftsmöglichkeiten spricht, hört sie zu, gewiß nicht gleichgültig, doch ohne Beifall, ohne Widerspruch. Als er ihr einmal, beinahe heftig, ihre Kälte vorwirft, sagt sie: „Ich schwärme nicht für Luftschlösser! Das Wünschen alleine tuts ja doch nicht!“ — In jähem Trotz gibt er bissig zurück: „O bitte — ich werde auch alleine mit mir fertig!“ „Hoffentlich,“ lächelt sie und ein rätselhafter Blick läßt ihn verwirrt erröten.