Alexander und Buzephalos.
Blaß und blau, dünn und mager stand der kleine Stadtjunge am Gatter und guckte nach den Schafen, die in der Nähe weideten, bereit, über den Zaun zu setzen, wenn sich eine Gefahr zeigte. Er überlegte, ob es nicht mit dem Widder möglich sein sollte, seinen großen Plan von Alexander und Buzephalos ins Werk zu setzen.
Da kam ein kleiner untersetzter, breitgebauter Bursche daher, braun und schwarz auf einmal, die Hände wie ein Erwachsener bis an die Ellbogen in den Hosentaschen, mit langen Hosen, die einen ledernen Hosenboden hatten, und mit wiegenden Schritten nach Art der Erwachsenen.
Der Stadtjunge fühlte unwillkürlich nach, ob er noch seinen Skalp hätte, und setzte die Mütze so, daß er nicht zu sehen war.
Vielleicht war es ein Indianer? Man mußte auf dem Lande auf alles gefaßt sein. Nein, die gingen nicht so gerade drauf los, wenn sie auf dem Kriegspfad waren — dieser lief gerade auf ihn zu.
Der Bauernjunge blieb stehen, spuckte wie ein Großer aus dem einen Mundwinkel und hütete sich, den Hosenboden zu zeigen. Es war zu dumm mit dem Hosenboden; keiner der andern Jungen hatte einen solchen, und es hatte auch einen Tanz gegeben, bis die Großmutter das Leder hatte darauf setzen dürfen. Aber es war noch schlimmer, daß gestern beim Gewitter der Blitz hineingefahren war. Der Knecht auf Opsal hatte es deutlich gesehen, wie er hineinfuhr — ja, er wußte selbst, daß das Leder den Blitz anzog —, und die Hosen waren seitdem so schwer gewesen. Und jetzt bliebe der Blitz darin, bis sie entzwei gingen, hatte der Knecht gesagt; aber dann verschwände er auch mit solcher Eile, daß der ganze Kerl umfiele.
Bist du der Stadtjunge, der den Sommer auf Opsal liegen soll, um fett zu werden?
Ja.
Ja, du siehst auch aus, als ob du es nötig hättest.
Nein, das war kein Indianer, das war eher ein verkleideter Räuber.
Der Bauernjunge betrachtete ihn von oben bis unten. Er schien ihm nicht gerade ein forscher Kerl zu sein; es konnte nicht schwer sein, ihn durchzuprügeln. Aber wie furchtbar fein er war! Nirgends ein Lederfleck.
Hast du deine guten Hosen auch Werktags an?
Hm, er war gewiß ein verkleideter Räuber, wie sie in Italien zu Hause sind. Fiel die Lederhose von ihm ab, so stand er sicher in voller Rüstung da mit goldenem Gürtel und Pistolen. Es war am besten, sich nicht ängstlich zu zeigen; mutige Jungen gefielen den Räubern.
Ich könnte noch einmal so feine Hosen haben, wenn ich nur wollte. Und mit verächtlicher Kopfbewegung wandte er sich gleichgültig um und sah wieder nach den Schafen.
Der Bauernjunge wandte sich auch nach dem Zaun um, stützte sich mit dem Ellbogen dagegen und legte die Backe in die flache Hand.
Was du auch für feine Hosen hast — einen so riesengroßen Widder hast du doch noch nie gesehen, nicht wahr?
Aber ich habe den Elefanten gesehen; der ist dreimal, ja hundertmal so groß.
Aber nicht so stark. Ich kann ihn gerade festhalten, wenn ich ihn an den Hörnern packe, und dann ist er wütend.
Aber der Elefant ist so stark, daß hundert Mann, ja noch mehr dazu gehören, um ihn festzuhalten. Er könnte dich weit, weit wegschleudern, — ungefähr eine Meile weit.
Hm! Glaubst du vielleicht, ich wäre nicht stark?
Nicht so stark.
Da spuckte der Bauernjunge in die Hände, ging einen Schritt vorwärts, und stellte sich in Bereitschaft.
Soll ich dem lieben Gott deine Schuhsohlen zeigen?
Das klang drohend. Dem Stadtjungen fielen auf einmal alle Gefahren ein, denen seine Helden, Robinson, Karl von Rise und Gustav Vasa ausgesetzt gewesen waren. Als er auf das Land reiste, hatte er sich genau ausgedacht, wie er sich gegen Indianer und Räuber schützen wollte; aber er konnte sich auf keinen einzigen Kniff besinnen. Es pflegte auch immer Hilfe zu kommen von irgendeinem, der im Hinterhalt lag! Er spähte schnell umher, ob nicht wenigstens Netta, das Kindermädchen, das mit war, um auf ihn aufzupassen, im Hinterhalt lag; aber er sah nur den Widder, der aufmerksam geworden war und den Kopf mit den großen krummen Hörnern emporgerichtet dastand und sie anstarrte.
Der Bauernjunge streckte den Arm aus, um ihn vor der Brust zu packen.
Da fiel ihm plötzlich etwas ein, was er in der Schule gehört hatte. Er heftete die großen, erschreckten Augen auf seinen Gegner und sagte:
Sklave, wagst du es, Hand anzulegen an Cajus Marius?
Der Bauernjunge ließ den Arm sinken. Dieser seltsame Ausspruch kam ihm gänzlich unerwartet. Es ging wohl auch nicht recht an, ihn durchzuprügeln. Er trat ein paar Schritt zurück, und im selben Nu bekam er einen Stoß auf den Hosenboden.
Es war der Widder, der sich in den Streit mischte.
Da bekam der Stadtjunge Mut; es war ja gerade wie in den Geschichten: die Hilfe kam unerwartet. Jetzt würde er schon gewinnen — wenn auch nicht gerade den Skalp nehmen, so doch jedenfalls ihm einen Denkzettel geben. Der Widder ging ein paar Schritt zurück und die Reihe kam jetzt an ihn. Da bekam er einen Stoß mitten vor den Bauch, so daß er neben seinem gefallenen Gegner lag.
Mit einem Satz waren sie beide über den Zaun, sie wußten nicht wie.
Das erste, was der Bauernjunge untersuchte, war, ob seine Lederhose ein Loch bekommen hatte.
Dann drohte er mit geballter Faust durch den Zaun.
Das sollst du nicht umsonst getan haben, du Schweinehund.
Der Stadtjunge zog ein etwas langes Gesicht, doch dies gab ihm wieder Mut. Es war, als ob sie sich auf einmal ganz gut kennten und gute Kameraden geworden wären.
Hat er dir weh getan?
Ach nein, es muß anders kommen, ehe es weh tut. Er drohte wieder: Ich werde dich schon zähmen!
Als der Stadtjunge das Wort zähmen hörte, tauchte gleich sein Lieblingsgedanke wieder in ihm auf:
Ob sie Philipp und Alexander sein sollten und der da Buzephalos?
Davon wußte der andere nichts; er kannte keinen andern Philipp als den Apostel Philippus und dann Philipp Storsveen, und Alexander und Buzephalos hatte er nicht einmal nennen hören.
Darüber konnte der andere ihm Bescheid geben. Philipp war König von Mazedonien; das war ein Land weit, weit von hier, gerade so weit auf der andern Seite der Stadt, und es war lange her, sicher über hundert Jahre, und Alexander war dort Kronprinz. Philipp hatte ein Pferd, das sie Buzephalos nannten, und das konnten sie nicht zähmen, so sehr sie sich anstrengten.
Da muß es ein Pferd aus Valders gewesen sein; denn das sind die schlimmsten.
Nein, es war ein Araber.
Nun, das wäre so ziemlich derselbe Schlag, soviel er wenigstens wüßte.
Das war es wohl auch, und es war so toll und wild, daß es über alle Gartentore und Zäune in der Stadt sprang und Kirschen fraß. Dann berief Philipp sein ganzes Volk, den Diener und den Kutscher und die Generäle und die Minister und die Feuerwehr und die Schutzleute, und sagte, sie sollten so viel Elfenbein bekommen, wie sie zu tragen vermöchten, wenn sie den Buzephalos zähmten.
War er nicht selber Manns genug, sein Pferd zu zähmen?
Doch; aber für ihn, den König, ging es nicht an. Dann begannen sie; die Generäle zuerst; sie dachten nun einmal, sie wären die besten; aber viele von ihnen kamen gerade hinauf, da warf sie Buzephalos auch schon ab, daß es nur so rauchte. Selbst der Kutscher, der die beiden andern Pferde auf einmal lenken konnte, kam nicht weiter als bis ans Tor.
Dann kam Alexander an die Reihe. Er nahm Anlauf und saß mit einem Satz im Sattel, — nein, das ist wahr, einen Sattel hatte er nicht. Und dann ging es fort — aber Alexander blieb sitzen — über die Gartentore und über die Hausdächer, und schließlich waren sie verschwunden.
Blieben sie weg?
Sie warteten sicher über eine Stunde. Da kamen sie denselben Weg zurück, und da war Buzephalos so zahm, daß er sich hinlegte wie ein andres Kamel.
Hm! Ganz so toll trieb es der Braune auf Opsal nicht, als sie ihn im Frühjahr zähmten. Aber sie mußten den Stangenzaum anwenden. Das hat Alexander wohl auch getan.
Ja, davon wußte der andere nichts.
Doch, das hatte er ganz bestimmt getan. Und dann war es nicht so gefährlich. Vor dem Stangenzaum mußten sie klein beigeben, wie ausgelassen sie auch waren, — wenn sie ihn nicht auf die Zähne zu nehmen verstanden. Aber den Kniff kannte wohl Buzephalos nicht, denn den kannten nur die ausgefahrenen Hemärkingsmähren.
Es dauerte nicht lange, bis sie einig waren, diesen Plan auszuführen. Sie nahmen gleich die Titel an. Der Stadtjunge sollte selber Philipp von Mazedonien sein und der Bauernjunge Alexander, und jetzt hieß es immer nur König und Prinz. Netta mußten sie als General verwenden, und Alexander glaubte schon, daß er seine Großmutter bewegen würde, die Feuerwehr zu bilden. Die Zaunpfähle sollten die Schutzleute sein. Mazedonien sollte sich gerade vom Zaun bis an den Kuhstall erstrecken, und die Scheunenbrücke sollte das Schloß sein; da sollte der Thron errichtet werden. Alexander mußte genau lernen, wie er sich als Prinz zu benehmen, das Zepter zu berühren, und sich vor dem Thron zu verneigen habe. Dann verfaßte der Stadtjunge den Aufruf an das Volk von Mazedonien, und am nächsten Tag sollte Buzephalos gezähmt werden. Darauf trennten sie sich mit königlichem Gruß und hochtrabenden Titeln.
Alexander hatte bis spät am Abend damit zu tun, seiner Großmutter dies alles zu erzählen, und schließlich bekam er auch ein halbes Versprechen von ihr, daß sie als Feuerwehrmann mitmachen wollte, wenn gutes Wetter wäre. Aber wieviel er auch davon sprach, wie sie angezogen sein und wie sie aussehen sollten, so konnte er seine Großmutter doch nicht dazu bringen, sich über die Hose auszusprechen. Er hielt es indessen für so selbstverständlich, daß er die neuen Hosen anhaben müßte, wenn er Alexander sein sollte, daß er in dem sicheren Glauben einschlief, sie wäre derselben Meinung. Aber am Morgen, als er angezogen werden sollte, kam die Großmutter doch mit der Lederhose.
Ob sie nicht mehr wüßte, daß er Alexander sein sollte?
Doch, aber Großmutter meinte, daß diese gut genug wäre. Die Sonntagshosen müßten geschont werden.
Das ging aber nicht an, Alexander hätte keine Lederhosen.
Wenn er so schlimm war, seine Kleider zu zerreißen, so hat er schon auch welche gehabt, als er klein war.
Ja, aber Philipp von Mazedonien war auch klein; er hatte keine.
Es wäre etwas anderes mit den Stadtleuten, sie wären ständig im vollen Staat.
Sie müßte doch verstehen, daß das nicht anginge. Der Blitz wäre auch hereingefahren. Sie könnte den Knecht auf Opsal fragen.
Er sollte das nicht glauben; sie hätten ihn nur zum Besten.
Ja, sie sollte sehen, wenn sie ein Loch bekäme, so —
— Ja, dann wäre es am besten, wenn es die alten Hosen wären; — und er mußte sie trotz allem anziehen.
Es war unglaublich, wie lange Großmutter brauchte, bis sie fertig war! Er hatte Zeit, es sich viele Male hin und her zu überlegen, wie er Buzephalos am besten lenken sollte, und er hatte sich schon längst einen Knoten ausgedacht, mit dem er das Tau so fest machen wollte, daß das Horn eher abgehen würde, als daß der Knoten aufginge.
Endlich war Großmutter fertig, und sie zogen zusammen den Berg hinunter.
Im Hof trat ihnen Philipp von Mazedonien und sein General entgegen, die dort auf sie warteten. Philipp hatte eine rote Papierkrone auf dem Kopf, ein Schwert an der Seite und einen abgebrochenen Harkenstiel in der Hand. Das war Mazedoniens Zepter. Er streckte dem edlen Prinzen als Zeichen seiner königlichen Gnade das Zepter entgegen, daß er es berühren sollte; doch Alexander war von dem Staat so geblendet, daß er es vergaß. Oben auf der Scheunenbrücke war der Thron errichtet. Es war ein Stuhl mit einer Fußbank darauf.
Philipp begann seine Befehle zu erteilen. Großmutter bekam den Befehl, Buzephalos zu holen und ihn an den Zaun zu binden.
Dann bestieg Philipp von Mazedonien seinen Thron. Er schwang sein Zepter, blickte über Mazedoniens Land und Leute und hielt folgende Rede:
Meine Generäle, Minister, Kutscher, Feuerwehrleute und Schutzleute! Ich, König Philipp, der Größte von Mazedonien tue hierdurch kund, daß ich meine königliche Gnade und hundert Ellen Elfenbein dem geben werde, der mein wildes Pferd Buzephalos, das im Schloßhof festgebunden steht, zähmen kann.
Netta und Großmutter zogen sich auf die Scheunenbrücke zurück, wie ihnen befohlen worden war.
Darauf blickte er sich vorwurfsvoll um:
Wagt es niemand? Sind alle Mazedonier solche Feiglinge? Wenn ich nicht König wäre, würde ich es selbst tun.
Da trat Alexander vor. Er verneigte sich ehrerbietig vor dem Throne. Philipp streckte sein Zepter aus, und er berührte es.
Das ist recht, mein Prinz, jetzt kann ich sehen, daß es noch Männer in Mazedonien gibt.
Alexander machte kehrt und näherte sich Buzephalos, der dastand und am Tau riß. Er machte runde Ellbogen und schlenkerte mit den Armen.
So groß war er sich noch nie vorgekommen. Er konnte es nicht lassen, einen verstohlenen Blick auf Philipp und Mazedoniens Volk zu werfen, und der Mund war breiter und lachender, als es sich streng genommen für einen Prinzen ziemte. Jetzt sollte er doch einmal zeigen dürfen, was er für ein forscher Kerl war.
Er biß die Zähne zusammen und nahm einen so kräftigen und tiefen Anlauf, daß die Hosen fast hinten aufstießen. Es mißglückte.
Ja, das hatte er sich gedacht; sie waren zu schwer, weil der Blitz darin war.
Er versuchte es noch einmal. Und diesmal gelang es.
Da saß er. Der Widder machte einen Satz, doch da er nicht los kam, drückte er sich an den Zaun, so daß Alexander Gelegenheit bekam, das Tau zu lösen. Er löste es und warf im selben Nu wieder einen Blick auf die Mazedonier.
Doch da sprang das Hinterteil von Buzephalos auf einmal in die Luft, und das Tier lief ein paarmal um sich selbst. Alexander schreckte zusammen, so daß er das Tau los ließ und sich mit beiden Händen an der Wolle festklammerte.
Philipp sprang auf den Thron hinauf, schwang das Zepter und rief:
Suche dir ein anderes Königreich, Alexander, Mazedonien ist für dich zu klein.
Jetzt flog Buzephalos in langen Sätzen immer schneller und schneller davon; bald war er ganz hinter den Ställen verschwunden. Alexander hing fest, und das letzte, was sie sahen, war eine breite Lederhose, die zwischen dem Halse und der Lende von Buzephalos hin und her geworfen wurde, als er sich über die Grenze von Mazedonien hinaus begab.
Nach kurzer Zeit kam er wieder auf der anderen Seite vom Hauptgebäude zum Vorschein und lief dann in rasender Eile um das Vorratshaus herum. Alexander hing noch immer darauf, und da der Widder ihn nicht los werden konnte, schlug er wieder den Kurs über die Grenzen von Mazedonien und gerade auf das Schloß zu, ein. Er wollte zu Leuten kommen und nahm seine Zuflucht zur Großmutter.
Da verlor Philipp völlig den Kopf. Er erhob sich auf dem Thron und schleuderte sein Zepter gegen das Tier.
Buzephalos erschrak, machte eine schnelle Wendung und stieß gerade gegen den Thron von Mazedonien, so daß dieser umfiel, erschrak immer mehr und sprang mit einem gewaltigen Satz die Brücke hinunter.
— — Als Buzephalos weiter galoppierte, war er allein.
Netta nahm sich des gefallenen Königs Philipp an, der Nasenbluten hatte und weinte, und Großmutter lief schnell hinunter, um nach Alexander zu sehen.
Der erhob sich mit königlichem Zorn, zeigte mit der einen Hand einen Riß in der Hose, und mit der anderen drohte er der Großmutter:
Das hatte ich dir gleich gesagt, Großmutter, es geht nicht an, Alexander zu sein, wenn man eine Lederhose hat, in die der Blitz gefahren ist.