Holzvermesser Ole Pedersen.
Das letzte, was ich am Abend vor dem Einschlafen sah — es war in einer dieser herrlichen Sennhütten dicht unterhalb der Rondaneberge — war eine Leiter, die auf den Boden unter dem Dach hinaufgezogen wurde. Einen Augenblick vorher war der Hirtenjunge Ole dort hinaufgekrochen — in vollem Anzug, mit schwarzem Rock und den Strohhut auf dem Kopf, wobei die Bergstiefel mit den großen, blanken Hackeneisen gegen die Stufen der Leiter klapperten. Dann rumorte er eine Zeitlang da oben; er zog wohl die wichtigsten Kleidungsstücke aus. Darauf wurde es still; dann schnarchte er, und bald schliefen wir alle miteinander, die Sennerin in dem einen Bett, ich, der ich auf einer Fußtour war, im andern und Ole auf dem Boden.
Das erste, was ich am Morgen hörte, war die Sennerin, die zum Boden hinaufrief:
Ole, jetzt mußt du aufwachen, jetzt wollen wir gleich die Ziegen melken.
Nichts rührte sich auf dem Boden, niemand antwortete, und die Sennerin machte eine Wendung nach dem Herd, wo der Kaffeekessel schon kochte und brodelte.
Dann fing sie wieder an:
Ole, jetzt mußt du aufstehen.
Keine Antwort. Sie machte sich noch ein wenig unten zu schaffen; dann stellte sie sich gerade unter den Boden und ich sah, daß sie lächelte:
Pedersen, jetzt ist's Zeit aufzustehen.
Heh —? antwortete es oben vom Boden.
Jetzt muß Holzvermesser Pedersen aufstehen.
Niemand antwortete; aber im selben Nu kam der alte Strohhut mitten in die Stube hineingesegelt und blieb in dem breiten Sonnenstreifen liegen, der sich vom Fenster schräg durch das Zimmer zog. Einen Augenblick darauf kam der eine Bergstiefel mit einem schweren Krach hinterher; kurz danach der andere. Dann kam die Leiter, sie wurde vorsichtig vom Boden heruntergelassen und schließlich kam Ole rückwärts heruntergestiegen, die Hosenträger hinten herunterhängend, den schwarzen Rock über dem einen Arm und die zusammengebundenen Strümpfe über dem andern. Er kam in die Stube herunter, schnitt Gesichter gegen die Sonne und dehnte sich nachdrücklich. Darauf setzte er sich auf die äußerste Ecke des Herdes und begann sich anzuziehen. Er löste die Strümpfe voneinander, zog einen an, spuckte in die Hände und zog das Strumpfband lang. Es ging langsamer und langsamer, als er es festband und es ging sehr langsam, als er nach dem andern Strumpf griff. Als er ihn halbangezogen hatte, hörte er ganz auf und neigte sich bedenklich tief nach der einen Seite, als ob er vom Herd herunterfallen wollte; — es war ja auch recht früh am Morgen. Da sperrte er plötzlich die Augen weit auf, biß die Zähne zusammen, zog die Strümpfe mit einem Ruck an und schnürte das Strumpfband ordentlich zu. Im Handumdrehen hatte er die Hosenträger angeknöpft und den Rock angezogen. Dann dehnte er sich wieder und spazierte geradeswegs in die Bergstiefel hinein, die mitten im Zimmer standen und gähnten; sie gingen von allein an. Dann stand er einen Augenblick da und sah den Strohhut an, ging dann hin und schlug die Tür weit auf. Darauf kam er noch einmal zurück, blickte wieder den Hut an:
Der elende Hut! damit versetzte er ihm mit dem Fuß einen Stoß, daß er aus der Tür flog, ging selbst nach und machte die Tür hinter sich zu.
Als ich aufgestanden war, erfuhr ich von der Sennerin, warum Ole Holzvermesser Pedersen hieß; — ja, sein Vater hieß Peder, mit Pedersen hatte es also seine Richtigkeit; aber Holzvermesser war er nun doch nicht. Bei der Holzvermessung im Frühjahr hatte einer der Vermesser Pedersen geheißen, und Holzvermesser waren die großartigsten Menschen, die Ole gesehen hatte. Er war den ganzen Tag dabei, und plötzlich ging er hin und gab dem Holzvermesser die Hand:
Guten Tag, ich höre, wir haben denselben Namen.
Nein, was du nicht sagst, heißt du auch Pedersen?
Ja, und darum wollte ich fragen, ob du mich nicht als Holzvermesser annehmen könntest?
Nein, das kann ich nicht, solange du den Hut da hast, — dies geschah im frühsten Frühjahr, und Ole hatte schon den Strohhut aufgesetzt — du mußt eine Talermütze aufhaben, um Holzvermesser zu werden, — ja, und schwarzen Rock.
Seit der Zeit konnte Ole seinen Hut nicht recht leiden; einen Rock hatte er bekommen.
Ich ging hinaus und traf Ole, der dabei war, die Ziegen zu melken. Ich versuchte ein Gespräch über die Ziegen mit ihm anzuknüpfen; aber er wollte nicht recht dran und war sehr wortkarg. Ich fragte ihn, was er werden sollte, doch er wollte nicht mit der Sprache heraus. Dann sagte ich:
Es sind schöne Balken hier im Schafstall.
Ja der Grundbalken ist wohl 12: 10 gewesen und derselbe Stamm hat noch einen Balken 8: 10 geliefert.
Nein, das doch wohl nicht!
Ole sah mich sehr überlegen an.
Du bist sicher kein Holzvermesser?
Nein, das bin ich nicht.
Das merke ich.
Damit war diese Unterhaltung zu Ende.
Als Ole kurz darauf die Ziegen durch das steile Birkenwäldchen hinuntertrieb, das auf beiden Seiten am Flußabhang lag, schlich ich ihm nach.
Es war ein herrlicher Morgen mit Sonnenstreifen rings auf allen Bergen und grauem Gestein, so weit man hinaufblicken konnte, bis hoch, hoch in die Luft, und unten frische grüne Birkenabhänge bis hinunter an die klaren glitzernden Flüsse und Bäche im Talgrund.
Von der Sennhütte drüben stieg ein langer blauer Rauch empor, und an den Abhängen standen die Ziegen zu zweit an den kleinen Birken und rupften das Laub ab. Auf einer kleinen Lichtung im Birkenwald stand Ole und blickte sich vorsichtig um, und dicht am Waldrand lag ich, ohne gesehen zu werden.
Als Ole eine Weile ruhig gestanden hatte, riß er den Hut ab und warf ihn auf die Erde. Darauf ging er auf eine Birke zu.
Guten Tag. Wird hier Handel getrieben?
Er antwortete selber für den andern: Ja.
Hast du Talermützen?
Ja, hier ist dieselbe, die Holzvermesser Pedersen hat.
Ja, das sehe ich; denn ich kenne ihn. Aber ich will nicht mehr als zwei Kronen dafür geben.
Zwei Kronen für eine Talermütze, das ist eine seltsame Rechnung.
Seltsam oder nicht, ich gebe nicht mehr.
Ja, dann kommt kein Geschäft zustande.
Ja, du weißt, ich könnte schon geben, was du verlangst; aber wenn ich es mir überlege, so habe ich nicht mehr als zwei Kronen bei mir.
Kannst du denn nicht wiederkommen?
Hm, ich habe auch nicht mehr als zwei Kronen, soviel ich mich besinnen kann. Könntest du mir die eine Krone nicht so lange borgen?
Ich pflege nicht zu borgen.
Ja, aber du könntest doch mal eine Krone auf meine Rechnung aufschreiben?
Ja, das könnte ich schon mal. Welchen Namen darf ich aufschreiben?
Du kannst Holzvermesser O. Pedersen schreiben.
Dann tat er, als nähme er die Mütze in Empfang und setzte sie auf. Darauf griff er in die Innentasche seines Rocks und holte einen Bleistift und ein Notizbuch vor. Er buchstabierte laut, während er schrieb:
O. Pedersen, Holzvermesser, hat folgende Dimensionen bekommen.
Jetzt müßt ihr die Axt gut anlegen, Leute, und nicht schneller, als ich rufe. Fegt den Schnee dort weg; wir müssen sehen, was wir vermessen. Dann tat er, als ob er an einem Holzstapel entlang ging.
Hm, dieser soll also zwölf sein. Fangen wir also an.
Er fing an; und jedesmal, wenn er rief, tat er einen Schritt zur Seite und machte einen Vermerk ins Buch.
Zwölf Ellen lang, acht und ein halb Zoll dick! Ditto! Ditto! Zwölf zehn! Hübscher Stamm! Zwölf acht! Zwölf neun! Zwölf — pfui, das ist ein schlechter Stamm — den müssen wir auf zwölf acht heruntersetzen! Zwölf zehn. Zwölf — ganz krumm, der soll wohl zum Bootsbau dienen? Der ist morsch; den nehmen wir nicht. Zwölf zwölf! Bravo! Noch einmal ditto, zwölf acht und ein halb! Zwölf neun! Zwölf zehn! Ditto! Ditto! Gut gearbeitet, Leute, jetzt nehmen wir einen Schnaps!
Damit trollte sich Ole zur Sennhütte; denn es gab viel zu tun, und er durfte nicht lange fort sein.
Als ich aufbrach, verabschiedete ich mich auch von Ole, und da gab ich ihm die Krone, die ihm, wie ich wußte, an seiner Talermütze fehlte.
Er sah mich ein wenig erstaunt an und wollte mir die Hand reichen. Aber dann griff er plötzlich an den Hut und nahm ihn ab; er sah erst aus, als ob er ganz feierlich sein und mit dem Hut in der Hand sich durch Handschlag bedanken wollte.
Doch dann schleuderte er den Hut weg, griff langsam und feierlich in die Innentasche seines Rockes und holte Bleistift und Notizbuch hervor.
Er hielt es in der Hand und schrieb sehr sorgfältig mit ernstem Gesicht. Endlich riß er das Blatt heraus, steckte das Buch und den Bleistift in die Tasche und reichte mir das Blatt: Bitte sehr!
Ich habe den Zettel noch, und er sieht so aus:
Seitdem habe ich Ole nicht wieder gesehen; aber ich habe gehört, daß er eine Talermütze bekommen hat; Holzvermesser ist er wohl noch nicht geworden; aber das wird er schon mit der Zeit.