Der Gemeindejunge.
Die Sonne hatte schon längst ihren ersten goldenen Morgenstreifen über die Tannenwipfel ganz oben an der Westseite des Tals gesandt, war langsam die hintere Talwand bis auf den Talboden heruntergeschlichen und wollte eben beginnen, an der östlichen Talseite hinaufzukriechen, die bisher im Schatten gelegen hatte. Aber gerade als sie zwischen den Tannenwipfeln hoch oben hervorgucken wollte, war nichts mehr da, was sich hindernd dazwischenstellte, und auf einmal rieselte ihr gelbes warmes Licht in zitternden Wellen über die ganze Talseite hinab, es schlüpfte zwischen dem winzig kleinen jungen Laub hindurch, liebkoste das feine zarte Gras, das eben begonnen hatte hervorzusprießen, glitt glitzernd über die rauschenden Frühlingsbäche hin, die nach dem kleinen trüben Fluß unten im Talgrund hinabströmten, und füllte das ganze Tal mit seinem Licht. Mit einem Male war das ganze keimende, sprießende Leben des Frühlingsmorgens erwacht, aber die großen wohlgepflegten Höfe lagen noch still da, mit verschlossenen Türen und in der Sonne glitzernden Fensterscheiben, nur hin und wieder stieg ein blauer Rauch aus den Essen kerzengerade in die klare Luft.
Ein kleiner Junge mit offnen blauen Augen kam und guckte durch das rotgestrichene Gattertor, das nach dem ebenen breiten Hofplatz auf Opsal führte. Nie hatte er etwas so Schönes gesehen wie das weißgestrichene Gebäude und die merkwürdige Treppe mit dem Geländer außen dran. Und alle die anderen langen, rotgestrichenen Häuser!
Es war alles gerade, wie er sich die Königsschlösser gedacht hatte, von denen in den Märchen die Rede war. Es fehlte nur ein König drüben auf der Treppe, sonst war alles genau so! Er mußte unwillkürlich noch einmal nachsehen; es war aber keiner da.
Er war nicht gerade ein Staatskerl, der kleine Junge, der dort durch das Gattertor guckte. Auf dem Kopfe hatte er einen durchlöcherten Strohhut, der so weit hinten im Nacken saß, daß der blonde Schopf gut zu sehen war, der fast bis über die großen blauen Augen und eine kleine wichtige Nase herunterhing. Eine Jacke trug er nicht, nur eine karrierte Unterjacke, die an den Ärmeln geflickt war. Die Hosen, die nur aus Flicken bestanden, reichten nicht weit über die Knie, so daß man die großen Frauenstiefel, in denen er ging, ganz sehen konnte; sie waren viel zu groß, die Schäfte gähnten um die dünnen Waden, da die Riemen nur für die Hälfte der Löcher ausgereicht hatten, und die Spitzen bogen sich vorn nach aufwärts. Im Arm trug er ein Bündel, das in ein dunkles karriertes Tuch eingewickelt war.
Es war der acht Jahre alte Tor aus Stubsveen, dem obersten Häuslerplatz ganz oben am Waldrand drüben auf der anderen Talseite; er sollte heute seine Stellung als Gemeindejunge auf Opsal antreten.
Plötzlich zuckte er zusammen, bewegte sich nicht etwas da drüben auf dem Hof? Er blickte hin. Nein, es war wohl nichts. Alles war so still; ob sie wohl noch nicht aufgestanden waren? War das eine Art, mitten am hellichten Tage! Er sah nach der Sonne, die jetzt bis über die obersten Tannenwipfel gekommen war.
Nein, es war doch wohl noch sehr früh. Die Uhr hatte auch die letzten Tage drüben in Stubsveen gestanden. Er mußte warten.
Er wandte sich um, stützte den Ellbogen an das Gatter und den Kopf in die Hand und sah über das Tal hin und weit an der anderen Seite hinauf.
Da lag Stubsveen — er hatte es nie aus so weiter Entfernung gesehen. Es war aber auch nicht viel daran zu sehen, er hatte nicht gewußt, daß es so armselig aussah und so unermeßlich hoch oben lag.
Übrigens durften sie sich nicht einbilden, daß es so armselig war, wie es von hier aussah; sie konnten nicht den Söller auf der anderen Seite sehen, und dort war auch das Kammerfenster, das machte viel aus. Er guckte wieder nach dem Hof, — Opsal sah auch nicht so prächtig aus von da oben, wie es war. So kam er also doch nach Opsal. Die kleine Ane mußte sich damit begnügen, nach Hoel zu kommen; — nun! Hoel war schon auch prächtig genug, aber mit Opsal ließ es sich nicht vergleichen.
Er mußte daran denken, wie er und Ane neulich gegen Ende des Winters am Fenster drüben in Stubsveen knieten und über das Tal blickten und sich aussuchten, wo sie in Dienst gehen wollten, wenn sie groß wären. Ane war gleich bereit zu sagen, daß sie nach Opsal wollte, aber da hatte Tor gesagt, daß er dorthin wollte, denn er wäre ein Junge, und er wäre der Älteste, und sie wäre nur ein Mädchen; aber Ane war hartnäckig, und da zankten sie sich. Da wurde zuerst Ane von ihm durchgeprügelt und dann er von seiner Mutter; ja sie konnten sagen, was sie wollten, es war nun einmal so, daß die Mutter ein bißchen zu viel zu Ane hielt; denn die konnte auch manchmal unartig sein; — wenn er es vielleicht öfter war, so war er auch ein Jahr älter.
Seine Augen glitten unwillkürlich nach Hoel hinüber, einem andern großen Hof, ein Stück davon entfernt.
Ob Ane wohl jetzt bis nach Hoel gekommen war? Vielleicht stand sie auch da und wartete; es sah auch nicht aus, als ob sie dort aufgestanden wären.
Ane konnte einem richtig leid tun, sie war so still und kümmerlich, als sie sich hier unten am Gatter trennten.
Ach, Ane konnte doch auch furchtbar gut sein. Wenn er es sich recht überlegte, so war sie wohl doch viel, viel besser als er. Ja, das war kein Zweifel, das hatte sich besonders in der letzten Zeit gezeigt. Denselben Tag, wo er sie durchprügelte, war der Vater krank geworden, es war Lungenentzündung, und Ane weinte viel mehr als Tor, als der Vater krank war, und als er starb, und als sie ihn zur Kirche fuhren und Erde auf ihn warfen.
Ja natürlich, er fand es auch so traurig, wie irgend möglich, aber es lag jetzt auf einmal so vieles auf ihm, daß er zum Weinen keine rechte Zeit hatte. Erstens mußten sie den furchtbar dicken Doktor mitten im schlimmsten Tauwettermorast bis nach Stubsveen hinaufschaffen, und wenn er auch wütend war über den Weg und das Fahrzeug und die ganze Schererei, so war es doch ein Aufzug, der nicht eigentlich zum Weinen war, — sie konnten darüber denken, wie sie wollten. Dann kam die Leichenstrohverbrennung — er mußte es noch selbst anzünden — und dann waren so viele Leute da, der Tischler und viele alte Weiber, und dann gab es ein Leichenbegängnis mit Geschenken und so vielen guten Dingen, wie er nie oben in Stubsveen gesehen hatte, und dann fuhren sie mit vier Schlitten nach der Kirche, und er durfte auf dem Schlitten, der gleich hinterm Sarge fuhr, hinten aufsitzen.
Wenn er alles wahrheitsgemäß überdachte, so hatte er eigentlich nicht mehr als einmal geweint, und das war — hinterher; es geschah obendrein hauptsächlich, weil die Mutter so sehr weinte, als sie von dieser Gemeinderatsversammlung, oder wie sie es nannten, nach Hause kam, wo bestimmt worden war, daß er und Ane in der Gemeinde untergebracht werden sollten —, ja sie sollten nur nicht sagen, daß er der Gemeinde zur Last fiel, denn der Bauer von Opsal hatte ihn umsonst genommen und gesagt, ein solcher Junge wäre wohl imstande, sein Essen und seine Kleider zu verdienen.
Aber Ane, die Ärmste, weinte die ganze Zeit. Auch heute früh, als sie von zu Hause fortzogen, weinte sie so bitterlich, daß sie nicht einmal den Kaffee herunterbekommen konnte; aber auch da wollten ihm keine Tränen kommen. Erst als er sich hier unten am Gatter, das nach Hoel hinaufführte, von Ane trennen sollte und er ihre kleine weiche Hand nahm und sagte: Leb' wohl denn, kleine Ane, schnürte ihm etwas die Kehle zusammen, und er mußte sich schnell umwenden und weitergehen; es war ja nicht gerade notwendig, es sehen zu lassen; aber auch da schluchzte Ane, er sah es deutlich an ihrem Rücken, als er sich umwandte, wie sie eben im Begriff war, so klein und kümmerlich durch das Gattertor zu gehen.
Wenn er sie wiedertraf, sollte Ane wirklich sein Taschenmesser bekommen, das sie so gern haben wollte; er selbst würde es nicht mehr so nötig haben, er müßte doch zusehen, bald ein Scheidenmesser zu bekommen.
Er blieb eine Weile stehen, dann guckte er wieder durch das Gatter. Wahrhaftig, dort war der König draußen auf der Treppe, ein großer starker Mann in schlohweißen Hemdsärmeln. Aber er hatte keine Krone auf, nur eine kleine Schirmmütze, die weit hinten im Nacken saß.
Unsinn, das war natürlich der Bauer selber. Wie er sich dehnte und in der Morgensonne wohl fühlte!
Ja, jetzt mußte er wohl hin und sich zur Stelle melden.
Er öffnete vorsichtig das Gattertor, schlüpfte durch und machte es hinter sich wieder zu, ohne sich umzuwenden; — es war, als machte es ihm Mühe, zurück zu blicken. Er blieb einen Augenblick stehen, zog die Hosen herauf und schob den Hut noch weiter in den Nacken. Dann hielt er die Arme in zwei großen Bogen von den Seiten ab und ging vorwärts, langsam und mit langen Schritten wie ein Erwachsener, die Augen die ganze Zeit auf den Mann auf der Treppe gerichtet.
Als er näher kam, fiel es ihm offenbar schwer, gerade draufloszugehen, und so näherte er sich in einem großen Bogen der untersten Treppenstufe. Er nahm die paar Stufen, blieb stehen, machte eine tiefe Verbeugung mit dem Kopf, führte die eine Hand an seine weiße Mähne und streckte die andere aus:
Guten Tag!
Opsal nahm die kleine braune Hand, die ganz in seiner großen Faust verschwand, und sah mit verhaltenem Lächeln auf ihn herunter.
Guten Tag. Sind so erwachsene Burschen schon so früh unterwegs?
Ja, das sind sie. Es ist schönes Wetter heute.
Opsal fuhr fort ihn anzusehen. Tor sah weg, setzte den Fuß vor und suchte eine erwachsene Stellung einzunehmen:
Du bist der Opsal selber, scheint mir.
Ja, sie nennen mich so. Aber was bist du für ein Bursche?
Tor sah sehr erstaunt aus.
Weißt du das nicht? Ich sollte ja jetzt dein Knecht sein.
Meiner? Sieh mal einer an, da bist du wohl mein neuer Knecht aus Stubsveen. Wie heißt du?
Weißt du das auch nicht? Ich heiße Tor.
Ja richtig. Du bist wahrhaftig zeitig unterwegs.
Ich finde eher, daß man hier spät aufsteht. Wir beginnen den Tag früher oben bei uns.
Hm. Und jetzt hast du vielleicht vor gleich für immer dazubleiben?
Ja, das war die Meinung.
Tat es dir denn nicht leid, von Mutter wegzugehen?
Die Kehle wollte sich Tor wieder zuschnüren, aber er biß die Zähne zusammen und schluckte alles schnell herunter.
Ach, du weißt — aber man kann doch nicht sein Lebenlang am Schürzenband hängen.
Opsal lächelte.
Ja, willkommen denn, und geh dann mal in die Küche und sieh zu, daß du etwas zu essen bekommst; du hast wohl Hunger nach dem langen Weg, den du schon hinter dir hast.
Aber ist es nicht unrecht, mit Essen zu beginnen, ehe ich etwas getan habe?
Ja, was hast du dir eigentlich gedacht, daß du hier auf Opsal tun willst?
Das, was du von mir verlangst.
Glaubst du, daß du das alles kannst?
Nach dem, was ich gehört habe, sollst du kein unbilliger Mann sein; übrigens — er betrachtete Opsal von oben bis unten mit seinen offenen blauen Augen — kann es schon sein, daß ich imstande wäre, Dinge zu tun, die du selbst nicht bewältigen könntest.
Was sollten denn das für Dinge sein?
Tor antwortete rasch:
Die Kälber durch das Gebüsch jagen.
Der Opsal sah sich selber an, und dann lächelte er Tor zu:
Du bist wohl ein großer Schelm.
Tor sah ihm lächelnd gerade in die Augen:
Ja, wenn ich nur nicht hier auf Opsal meinen Meister finde.
Opsal nahm ihn an der Hand: So, jetzt mußt du mit hereinkommen und dir die Leute und die Einrichtung ansehen, und wenn es dir gefällt, dann ist es wohl am besten, ich ernenne dich gleich zu meinem Großknecht.
Jetzt hast du mich wohl wieder zum besten, Opsal; aber vielleicht könnte ich auch das fertigbringen.
Sie gingen Hand in Hand hinein.
So hielt der Gemeindejunge seinen Einzug auf Opsal.