In Großvaters Auftrag.
Burman saß auf dem Schwanz draußen im Hof im Sonnenschein. Er blickte mit dem einen Auge verstohlen nach den Hühnern, die vorsichtig in einem großen Bogen um ihn herumgingen und sich nicht getrauten ihm zu nahe zu kommen, und mit dem andern verfolgte er, was sich sonst im Hof zutrug: die Katze, die sich am Hause lang drückte und sich jedesmal flach auf den Boden legte, wenn die Turmschwalben wie schwarze Streifen vorüberflogen, daß es in der Luft pfiff, die Bachstelzen, die hin und her trippelten und Insekten fingen, und die beiden kleinen Ferkel, die drüben an der Stalltür herumwühlten. Er döste leise vor sich hin, denn es gab heute nicht viel zu tun, die Hühner schienen nicht in den Garten gehen zu wollen, und die Haustür war geschlossen, so daß die Ferkel nicht hineinkommen und Unheil anstiften konnten.
Da ging die Tür vorsichtig auf und Burman drehte den Kopf. Es war der kleine Jon, der auf die Steinfliesen hinauskam und die Tür behutsam hinter sich schloß.
Was das wohl bedeuten sollte? Er sah sich so schlau um und trug etwas unter der Jacke.
Als Jon sich ein wenig umgesehen hatte, eilte er über den Hof hinter das Vorratsgebäude; er machte auch einen kleinen Bogen um Burman, denn die beiden waren nicht besonders gute Freunde. Jon fand, daß Burman häßlich war mit seinen langen Zotteln, und dann wedelte er nie mit dem Schwanz, wenn er ihn streichelte und sah ihn auch nie an, sondern blickte nur geradeaus und saß ganz still oder ging seiner Wege. Und das tat Burman, weil er der Ansicht war, er hätte wichtigeres zu tun, als sich mit so einem Jungen einzulassen, der einem lästig genug werden konnte, wie er aus seinen jüngeren Tagen wußte.
Eine Weile darauf kam Jon zurück — jetzt hatte er nichts mehr unter der Jacke —, er ging hinunter und stellte sich auf den großen Stein auf der anderen Seite des Hauses.
Burman blickte ihm nach, bis er um die Ecke war, dann erhob er sich, sah sich noch einmal um und trottete hinter das Vorratsgebäude, er wollte sehen, was Jon dort hingelegt hatte. Er schnüffelte ein wenig herum und dann fand er verborgen unter einer Steinfliese an der Wand ein Tuch, in das etwas eingewickelt war; an dem Geruch merkte er gleich, daß es Butterbrot war. Hm, es war am besten, heute ein Auge auf Jon zu haben!
Er ging wieder in den Hof, etwas weiter vor als vorher, so daß er am Haus vorbeisehen konnte, setzte sich gleichgültig auf den Schwanz und tat nicht dergleichen.
Da stand Jon auf dem Stein und lehnte sich an die Wand. Er hatte wahrhaftig auch den neuen Schal um. Er stand mit einem sehr ernsten und vornehmen Gesicht da und versuchte tiefe und feine Verbeugungen mit dem Kopfe zu machen, und bei jedem Mal sagte er:
Guten Tag.
Endlich schien es ihm, als ob er es könnte.
Eine tiefe Verbeugung:
Guten Tag! Seid Ihr Peter Sandvold?
Er antwortete auch für den andern:
Ja, der bin ich. Aber nimm erst mal Platz.
O, danke, ich finde schon Platz.
Woher kommst denn du?
Ich bin von Sörbö — ich sollte hierher gehen und dich vom Großvater grüßen und dir sagen, er erwartete dich in den nächsten Tagen, da er etwas hätte, was er unbedingt mit dir besprechen müßte.
Nein, was du nicht sagst. Ja, dann geh bitte in die Gaststube und gedulde dich bis morgen.
Er wiederholte es noch einmal, aber als er das drittemal anfangen wollte, kamen die Leute zum Frühstück, und er setzte sich auf den Stein und tat nicht dergleichen.
Die Sache war, daß Jon sich vorgenommen hatte, heute einen Auftrag vom Großvater zu besorgen, doch das sollte niemand wissen, nicht einmal Großvater selber.
Der alte Jon Sörbö, der Großvater, war jetzt so alt und schwach, daß er schon das dritte Jahr zu Bett lag. Er war nicht krank, aber die Kräfte reichten nicht länger, und das Gedächtnis begann auch allmählich nachzulassen. Wie alle seinesgleichen war er ziemlich quengelig geworden; wenn er sich erst etwas in den Kopf gesetzt hatte, war es nicht leicht, es ihm auszureden. Und trotzdem alle versuchten, ihm, soweit es anging, seinen Willen zu lassen, so fand er doch oft, daß sie unbillig gegen ihn waren, und es gab eigentlich nur einen, der wirklich gut mit ihm auskam und sein Vertrauter war; das war der kleine Jon — der hieß ja auch nach dem alten Jon und war der zukünftige Hofbesitzer, der alles auf Sörbö wieder in die gute alte Ordnung bringen sollte, — denn der Alte fand, daß Jons Vater, der jetzt den Hof hatte, sich in vielen Dingen ganz seltsam anstellte.
Im Frühjahr nun hatte der alte Jon es sich in den Kopf gesetzt, daß er absolut mit seinem alten Freund, Peter Sandvold, sprechen müßte. Was er eigentlich von ihm wollte, wußte er wohl selber nicht so recht, aber die Sehnsucht nach dem alten Freunde war da. Erst machte er dem Sohne nur eine Andeutung, indem er sagte:
Jetzt, wo es auf den Sommer geht, werde ich wohl so weit zu Kräften kommen, daß ich auf sein kann, und da will ich den Peter Sandvold besuchen, ich muß notwendig etwas mit ihm besprechen.
Er sah, wie der Sohn in den Bart lächelte, als er antwortete:
Ja, das solltest du wirklich tun, Vater.
Aber der Sommer kam und Jon fühlte sich nicht kräftig genug um aufzustehen.
Daher sagte er eines Tages:
Du mußt nach Peter schicken; ich muß ihn sprechen.
O ja, das will ich gern bei Gelegenheit tun.
Doch der Alte verstand wohl, was das hieß, und schickte den kleinen Jon hinterher, und der konnte später berichten, daß der Vater drüben in der Stube gesagt hätte:
Es ist Unsinn, bei Peters hohem Alter, aber wir wollen so tun, als ob wir damit einverstanden wären, dann vergißt er es bald.
Seitdem vertraute der Alte sich keinem anderen als dem kleinen Jon an. Er spekulierte und spekulierte, wie er es anfangen sollte, eine Botschaft zu senden. Weit war es ja, auf der Landstraße zwei und eine halbe Meile, aber quer über den Bergrücken knapp eine, wenn man den direkten Weg durch den Wald einschlug. Gestern nun hatte der kleine Jon ihm heimlich Feder und Papier gebracht, und er versuchte zu schreiben: aber es ging nicht und sie waren einig, daß sie warten müßten, bis der kleine Jon schreiben gelernt hätte; aber er sollte erst zum Herbst in die Schule kommen.
Als der Alte das hörte, seufzte er:
Herrgott, das wird ein langes Wartejahr.
In diesem Augenblicke tauchte in dem kleinen Jon der Gedanke auf, über den Bergrücken hinüber zu Peter Sandvold zu gehen, um ihm Großvaters Botschaft zu überbringen.
Das war es, was er heute heimlich vorhatte, und dafür hatte er den Reiseproviant verborgen.
Er blieb ruhig stehen, bis die Schnitter die Sensen hingelegt, gegessen und sich zur Ruhe ausgestreckt hatten.
Darauf eilte er hinter das Vorratshaus, holte das Bündel mit dem Proviant und machte sich auf den Weg.
Burman war das einzige Lebewesen auf dem Hofe, das ihn sah.
Er drehte sich um, setzte sich ganz ruhig wieder hin und sah nach der Höhe hinauf.
Er wollte wohl zu Sjur Pladsen, dahin war er oft allein gegangen.
Auf einmal spitzte Burman die Ohren — da schlug er den Waldweg ein, und jetzt war er auch schon im Walde verschwunden.
Burman begann mit seiner tiefen Stimme zu bellen, daß es zwischen den Häusern und über das Tal hin hallte.
Bald darauf trat Jons Vater auf die Schwelle, zornig, weil er geweckt worden war.
Kaum hörte Burman die Tür gehen, so bellte er noch lauter, lief ein paar Sprünge den Weg aufwärts und sah sich um.
Verdammter Köter! Uns alle zu wecken!
Burman bellte weiter.
Pfui, willst du ruhig sein! — er nahm einen Stein und warf nach ihm.
Burman jagte mit eingeklemmtem Schwanz auf den Hof zurück, legte sich mit einem beleidigten Blick nieder und sagte nichts mehr.
Als sie nach der Frühstückspause herauskamen, bellte er wieder hartnäckig nach dem Wege, der in die Höhe führte, hin. Die Männer folgten der Richtung mit den Blicken, und einer sagte:
Was hat der Hund? Ob sich ein Landstreicher gezeigt hat.
Aber der Bauer antwortete:
Ach was, Unarten sind es. Pfui, willst du ruhig sein, wenn es nichts zu bellen gibt — darauf gingen sie alle wieder aufs Feld und Burman legte sich wieder still auf dem Hofe nieder, die Augen spähend nach der Höhe gerichtet.
Als sie zu Mittag wiederkamen, probierte Burman es noch einmal, sprang bellend den Weg hinan und wieder zum Bauern zurück, wieder hinauf und wieder zurück. Doch da wurde der Bauer ernstlich böse:
Pfui, willst du ruhig sein, — er gab ihm einen Tritt, daß er fortrollte — hat man je so einen Köter gesehen.
Während sie hineingingen, sandte Burman ihnen einen langen Blick nach, dann trottete er, den Schwanz schwer hinter sich herschleppend mit weit heraushängender Zunge in der heißen Sonnenglut langsam bergauf.
Der kleine Jon war gewohnt, sich allein herumzutreiben, und niemand hatte ihn vermißt. Erst als sie gegessen hatten, sagte die Mutter:
Wo mag der kleine Jon sein? Hat ihn einer gesehen?
Nein, niemand hatte ihn seit dem Frühstück gesehen.
Sollte er beim Großvater draußen sein?
Sie ging in die Kammer hinaus und fragte.
Nein, der Großvater hätte ihn seit dem frühen Morgen nicht gesehen, er hätte es so eilig gehabt.
Sie begann unruhig zu werden und suchte im Hofe überall, wo er sich sonst aufhielt. Die Angst wuchs, sie kam herein und bat eins der Mädchen, zu Sjur Pladsen hinaufzuspringen und zu sehen, ob er da wäre.
Ihre Unruhe begann die andern anzustecken, und alle fingen an, sich zu wundern.
Das Mädchen kam zurück und sagte, Sjur hätte nichts von ihm gesehen.
Da gingen sie hinaus, einer nach dem andern, umkreisten alle Häuser, guckten hinein, und schließlich begann die Mutter ihn zu rufen.
Bei dem Rufen schien über alle die Angst zu kommen, und bald rief jeder nach einer andern Richtung. Keine Antwort.
Da erinnerte sich der Bauer an Burman:
Sollte der Junge in den Wald gelaufen sein; der Hund benahm sich heute zu merkwürdig!
Ja, daran erinnerten sich alle. Sie fingen an Burman zu locken und waren nicht wenig verwundert, als er nicht kam, denn Burman entfernte sich nie vom Hofe.
Ja, sagte der Bauer, da bleibt nichts anderes übrig, wir müssen das Heu liegen lassen und in den Wald ziehen.
Als der kleine Jon den Waldweg aufwärts stieg, stieß er auf einen sehr steilen, steinigen Hügel, auf den die Sonne mit aller Kraft herniederbrannte. Aber das kümmerte ihn weiter nicht, und er stieg mutig darauf los; je weiter er kam, um so krümmer wurden seine Knie und der Hosenboden wurde so merkwürdig schwer; als er halb oben war, mußte er Halt machen und die Jacke ausziehen. Er nahm sie über den Arm und zog weiter.
Nach einer Stunde war er oben, und nun ging der Weg sanft ansteigend im Walde weiter.
Er setzte sich — er meinte, er müßte nun doch bald da sein; er wußte allerdings nicht ganz genau, wie lang eine Meile war, aber so übermäßig weit konnte es jetzt nicht mehr sein. Vielleicht war er dem Hof ganz nahe und hatte sich bloß nicht richtig danach umgesehen.
Er blickte vorwärts.
Nein, nichts als dichter Wald zu beiden Seiten des Weges; er mußte sich vielleicht beeilen, wenn er bis zum Abend da sein wollte.
Er stand auf und lief weiter; jetzt kam ihm sein Auftrag wieder in den Sinn:
Eine tiefe Verbeugung:
Guten Tag! Seid Ihr Peter Sandvold?
Ja, der bin ich — aber nimm erst mal Platz, bitte.
O, danke, ich finde schon Platz!
Wo kommst du her?
Von Sörbö, ich sollte hierhergehen und dich vom Großvater grüßen und sagen, du möchtest bald kommen und ihn besuchen, er müßte durchaus mit dir etwas besprechen.
Nein, sieh an; dann gehe bitte in die Gaststube und gedulde dich bis morgen.
Die Gedanken liefen weiter:
Und dann gehe ich in die Kammer und sie bieten mir Bewirtung und Kaffee und Gebäck, und abends lege ich mich in ein Daunenbett so hoch, so hoch — —
In diesem Augenblicke flog ein Birkhahn gerade vor seinen Füßen auf und er erschrak, daß er schluckste. Er sah gerade so viel von ihm, daß er erkannte, daß es ein Vogel war, aber der Schrecken saß in ihm.
Er blieb eine Weile ganz still stehen, ehe er sich umsah. Da sah er, daß der Weg verschwunden war und er mitten im Walde stand.
Pah, den Weg würde er wieder finden. Er ging nach der Seite, aber er war jetzt so merkwürdig vorsichtig geworden, als ob er Angst hätte, daß ein Zweig krachte, wenn er die Füße aufsetzte.
So ging er lange. Es war seltsam, als ob die Erde den Weg verschlungen hätte. Und so unheimlich still! Er fuhr zusammen und horchte, wenn nur ein Eichhörnchen mit einem Tannenzapfen raschelte.
Er ging und ging, schneller und schneller, schließlich rannte er; es knackte so unheimlich, es raschelte überall; die Mundwinkel verzogen sich wie zum Weinen, aber es kam nicht zu Tränen, nur vorwärts ging es in immer schnelleren Sprüngen; es war, als verfolge ihn etwas, als käme es auch von den Seiten, er lief und lief, — — — bis er über eine Baumwurzel stolperte und im Heidekraut unter einer großen Tanne liegen blieb.
Er erhob sich rasch mit einem Schrei in sitzende Stellung, jetzt, dachte er, hatte es ihn gepackt.
Nein, es war nichts; aber es war ihm, als ob es rings im Walde auf ihn lauerte; er wagte nicht sich zu rühren, sondern kroch nur tiefer unter die Tannenzweige, gerade als ob der kleine Fleck ihm Sicherheit gewährte.
So blieb er lange sitzen, und spähte und forschte nach allen Seiten in ängstlicher Spannung.
Da hörte er hinter sich, wo er hergekommen war, etwas rascheln.
Er drückte sich unter die Tannenzweige und riß die Augen weit auf. Da kam es, etwas Großes, Schwarzes — immer näher - gerade auf ihn los — — — er sah einen Schwanz, der sich vergnügt in die Luft streckte, ein paar sanfte Augen sahen ihn an.
Er brach in Tränen aus und schlang beide Arme um Burmans Hals.
Diesmal hatte Burman nichts dagegen; er legte sich nieder und leckte ihm Gesicht und Hände.
Am nächsten Tage bekam der kleine Jon Wagen und Kutscher, um auf der Landstraße hinzufahren und zu fragen, ob Peter Sandvold auf Besuch zum alten Jon Sörbö kommen könnte.