Kirchenexamen vor dem Bischof.
Es ist ein strahlender Sommermorgen oben auf einer Sennhütte. Sie liegt gerade am Talrand mit Aussicht bis hinunter, umgeben von kleinen niedrigen Wäldchen, die sich auf dem sanften Abhang nach den kahlen Höhen hinaufziehen. Die Sonne ist schon längst am Himmel — sie geht um drei auf — und scheint auf die drei oder vier kleinen Sennhütten herab, wo sich die Türen eben wie kleine, schwarze Rachen geöffnet haben und wo lange blaue Rauchstreifen mit einer leise südlichen Neigung emporsteigen. Auf der Schattenseite der Tannen glitzern die feinen Tauperlen in den Tannennadeln und den Spinneweben, und in den Frauenmänteln und Salbeiblättern auf der Wiese liegen große, glänzende Tropfen. Die Luft ist klar und still; die bewaldeten Gipfel ringsumher und der Neusäterberg im Hintergrund rücken ganz nahe in der hohen, klaren Luft. Über den Tannenwipfeln schwärmen einige Krähen, und in dem Steinhaufen drüben auf der Wiese huschen ein paar Wiesel hin und her. In Wald und Feld herrscht tiefe Stille.
Da ertönt ganz in der Ferne der Klang einer tiefen Glocke, und unter dem Neusäterberg kommt eine Herde wie ein langer weißer Streifen vor, — die Uhr geht so unglaublich schnell drüben auf dem Neusäter.
In der obersten Sennhütte, vor der eine lange flache Wiese sich hinzieht, öffnet sich die Kuhstalltür, der Hirtenjunge kommt auf die Wiese heraus mit einem Milcheimer in der Hand, den Strohhut weit hinten im Nacken, und blinzelt gegen die Sonne. Er geht hin, öffnet das Zauntor, geht zum Kleinvieh hinein und beginnt die Ziegen zu melken. Er bewegt die Lippen, als spräche er mit sich selbst, es sieht aus, als ob seine Gedanken wo anders weilen, er achtet nicht auf die Ziegen, die sich an ihn herandrängen, um die ersten zu sein. Die Schafe liegen in dichten Haufen und wiederkäuen, die Ziegen dehnen sich; nirgends ist Lärm. Aus dem Kuhstall hört man wie die Hörner gegen die Wand stoßen, jedesmal wenn eine Kuh aufsteht.
Auf einmal entsteht Lärm:
Lykkelin! Du sollst nicht die Schafe mit deinen Hörnern stoßen!
Die Schellenziege, Lykkelin, war drüben in einer Ecke vom Viehgatter aufgestanden, streckte sich, und stieß an ein Schaf, daß es in den Rippen krachte, dann schwankte sie mitten durch die Schafe hindurch, so daß ein breiter Weg entstand, bis zum Hirtenjungen, der rittlings über Blaasale saß und sie melkte. Dort drückte sie sich an seinen Schenkeln entlang, bis sie ihren Kopf in derselben Höhe hatte wie Blaasale. Blaasale bog ihren Kopf so weit weg, wie sie konnte und sah nach der andern Seite. Doch plötzlich fühlte sie Lykkelins scharfes Horn unter ihrem Kinn, und machte einen Satz, so daß der Hirtenjunge hinter sie zu sitzen kam und der Milcheimer umkollerte.
Den Teufel auch — — —!
Er sprang auf und setzte Lykkelin nach.
Großer Aufruhr entstand, die Schafe liefen gerade gegen das Gatter, daß es krachte, die Schellen klingelten, als wäre ein Hund in der Herde.
In Jesu Namen, was ist denn los, Gudbrand!
Es war die Mutter, die durch die Kuhstalltür heraussah.
Es ist diese elende heimtückische Lykkelin; die Milch von sechs Ziegen hat sie umgeworfen und mich in den Dreck gesetzt, aber ich werde — hol mich der Teufel — —
Er machte einen Satz und faßte Lykkelin drüben in einer Ecke. Da packte er sie beim Bart:
Ich werde dich lehren, dich anständig zu betragen! Weißt du, was du getan hast? Du hast mich in den Dreck gesetzt. Weißt du nicht, daß ich dein Herr bin, und daß ich heute vor dem Bischof examiniert werde! Könntest du vielleicht dem Bischof antworten, du Wüterich! Ja, kratze nur mit dem Fuß, diesmal — er schüttelte sie hart am Bart, so daß Lykkelin einen verzweifelten Sprung machte und wieder los kam.
Teufel —
Nein, du darfst heute nicht so fluchen, Gudbrand, denke an den Bischof!
Ach, ich denke schon, der Bischof hätte auch ein kleines Gebet angefangen, wenn er an meiner Stelle gewesen wäre.
Pfui, wie du redest, Gudbrand! Du wirst so großmäulig, daß ich mir nicht zu helfen weiß. Geh hinein und nimm dein Buch und lies den zweiten Artikel noch einmal durch, denn die Werke des heiligen Geistes kannst du gar nicht, ich werde die übrigen Ziegen melken.
Doch, allerdings, die kann ich; ich war gerade mitten im dritten Artikel, als Lykkelin zustieß. Ich will es nicht mehr durchkauen, blos weil es ihnen einfällt, uns mitten im Sommer zu prüfen. Und dann glaube ich schon, daß ich trotzdem einer bin, der seinen Mann steht.
Ja, meinetwegen, wenn du die Schande haben willst! Es ist wirklich der Mühe wert, daß ich mich abplage, um dir neue Schuhe und eine neue Jacke zu verschaffen, daß du wie anständiger Leute Kind aussehen sollst, wenn du dahin kommen willst und dich als Heiden zeigen. Denn du hast den ganzen langen Sommer nicht in die Bücher gesehen außer in den letzten Tagen!
Sie war mitten in das Viehgatter hineingekommen und nahm ihm den Milcheimer fort.
So geh herein, und wasch dich wenigstens und zieh dich an, du mußt bald gehen!
Gudbrand ging langsam hinein.
Dann rief sie ihm nach:
Es liegt ein reines Hemd auf dem Bordbrett über dem Bett.
Jetzt fingen sie auf der unteren Sennhütte an, das Vieh loszubinden. Es entstand ein Brüllen und Meckern und Schellenläuten und die Hirten lockten die Ziegen, daß es gegen den Neusäterberg hallte. Sie zogen in langer Reihe am Zaun entlang den Berg herauf, voran das Kleinvieh, rasch und lebhaft über die Wiese hin springend und sich balgend; hinterher kamen die Kühe, langsam und schwer und sahen sich um.
Kjersti Nerlien folgte selbst mit und trieb sie an; am Gatter blieb sie stehen und blickte hinüber. Ihre beiden Kälbchen blieben auch stehen und standen und kauten an ihrem Rock.
Bist du noch beim Melken, Randine?
Ja, und du treibst schon die Tiere heraus! Bei mir dauert heute alles so gräßlich lange.
Ja, du hast wohl keine Hilfe heute? Gudbrand muß doch zum Kirchenexamen?
Ja, es kommt doch noch dazu; er bekam die Schuhe gestern Abend spät.
Ja, für ihn ist das keine Sache, er ist ja so tüchtig im Lernen; ich bin wirklich froh, daß mein Sigvart noch zu jung ist.
Ach, ja, ich habe mich so für ihn abgemüht, daß ich hoffe, er wird mir wenigstens nicht Schande machen, aber es ist nun einmal sonderbar, wo soviele Kinder von besseren Leuten hinkommen.
Gudbrand kam wieder heraus, furchtbar fein, mit neuen Schuhen, neuer Jacke, neuem Schal und gewaschen, daß das Wasser ihm von den Haaren triefte. Er trat vorsichtig und sprang auf die Steine, um die neuen Schuhsohlen nicht zu beschmutzen. Er fühlte sich wie ein anderer Mensch, beinahe erwachsen. Er zog an der Weste, und rückte den Schal gerade, steckte die Hände erst in die Hosentaschen, aber die waren so weit unten, daß er die Knie hätte krumm machen müssen; dann steckte er sie in die Jackentaschen und spreizte sie weit nach beiden Seiten. Das war männlicher, fand er.
Da haben wir den Jungen, der vor den Bischof soll, sagte Kjersti, so fein wie ein neugeprägter Groschen. Das ist meiner Treu ein Junge, der sich vor Pröpsten und Bischöfen sehen lassen kann.
Gudbrand antwortete nicht; er blieb mit weit auseinander gespreizten Beinen stehen und spuckte aus dem einen Mundwinkel:
Sind das deine Kälber?
Ja, das sind meine.
Es sind ganz schöne Kälber.
Da verstehst du viel davon, sollte ich meinen, sagte die Mutter.
Bist du so weit fertig, daß wir sie jetzt losbinden können? Es ist keine Art, daß wir so weit hinterher sein sollen!
Ja, jetzt bin ich fertig; aber du sollst heute nichts mit dem Losbinden zu tun haben; du hast ja die neuen Sachen an.
O doch, es ist schon am besten, daß ich selber dabei bin. Wenn sie ungehütet herumgehen sollen, so ist es am sichersten. Ich werde Lykkelin auf den rechten Weg setzen. Es ist eine eigene Sache, wenn man den ganzen Tag wegbleibt.
Er öffnete das Gattertor, und Schafe und Ziegen drängten sich so hastig herbei, daß sie zwischen den Torpfosten stecken blieben und sich mühsam hindurch pressen mußten. Hüpfend und um die Wette laufend zogen sie über die Wiese, wobei einige besonders vorlaute Ziegen hier und da einen Abstecher machten; eine machte eine Wendung nach dem Schweinekoben, um zu sehen, ob nicht ein bißchen Mehlbrei übrig wäre, eine andere steckte den Kopf zum Kuhstall hinein, ob nicht Salz verschüttet wäre, eine dritte preßte den Kopf durch die Stäbe des Gatters und streckte den Hals nach einem Büschel Gras drinnen auf der Sennwiese.
Als Gudbrand sie gesammelt hatte, erteilte er Lykkelin seine Befehle. Jetzt sollte sie es ihm danken, daß er ihr sein Vertrauen geschenkt hatte; sie sollte nicht vor dem Abend nach Hause kommen; aber da sollte sie auch kommen und alle mit sich haben. Und sie täte am besten, nicht nach den Hammerbergen hinunterzugehen, denn es war so schwer, von dort wieder hinaufzukommen, daß sie die Milchziegen nicht mitbekommen würde, sie sollte sich oben auf den Lövhügeln halten. Damit fuhr er fort, solange die Sennhütte zu sehen war, aber als er hinter das erste Wäldchen kam, ließ er sie ziehen und legte sich hinter eine kleine Tanne. Hier zog er das Buch unter der Weste vor; es war am sichersten, die Heiligung noch ein wenig durchzugehen. Man konnte nie wissen, worauf sie kämen und das Stück: warum nennt man die Kirche heilig, war so furchtbar lang. Er las es zweimal durch, machte das Buch zu und versuchte — nein — noch einmal — dann versuchte er wieder. — —
Er merkte nicht, daß das Vieh vorüberzog, merkte nicht, daß ein Kalb an der Tanne vorbeikam, bis es sich erschreckt auf die Seite warf, den Schwanz in der Luft. Aber da standen auch Kjersti und die Mutter dort.
Nein, du hast aber einen feinen Jungen, Randine! Liegt er nicht da und lernt!
Hat es dich doch noch gepackt, Gudbrand, jetzt wo es dir auf den Nägeln brennt! Es war aber auch die höchste Zeit!
Sie hatte es wohl gemerkt, daß Gudbrand schon seit langer Zeit das Buch mit sich in den Wald geschmuggelt hatte, aber sie hatte nicht dergleichen getan. Und jetzt sagte sie zu Kjersti:
Ja, Gott weiß, wie es gehen wird! Ich habe ihn den ganzen Sommer kaum ein Buch in die Hand nehmen sehen.
Gudbrand stand ein wenig verlegen auf:
Es fiel mir ein, daß Marten Madslien gesagt hat, es hätte in den Blättern gestanden, daß wir ein neues Fragebuch bekommen würden, das kürzer sein sollte, und da fand ich, ich müßte 'mal nachsehen wie lang das wäre. Es ist wohl nicht zu erwarten, daß es viel besser wird.
Er steckte das Buch unter die Weste und stolzierte zurück nach der Sennhütte.
Eine Weile darauf lief er den Abhang hinunter mit dem Gesangbuch, dem neuen Testament und einem Päckchen Waffeln unter dem Arme.
Die kleinen Kirchenglocken hatten zum erstenmal geläutet.
Von allen Seiten kamen Leute herbeigeströmt, schüttelten sich die Hände und stellten sich schweigend in Reihen längs der Kirchhofsmauern oder in dem Torweg der Wagenschuppen auf. Wer von weit her kam, suchte schwitzend mit der Jacke über dem Arm den Schatten und wischte sich mit der Hand über das Gesicht. Wer Konfirmanden hatte, gab ihnen die letzten Ermahnungen und schickte sie auf den Kirchplatz, wo sich die Kinder in Scharen versammelt hatten, eine Schar für jeden Schulkreis. Sie standen schweigend da und sahen sich um, sie warteten auf die Schulmeister.
Die Erwachsenen redeten auch nicht viel, nur einige Worte, wenn einer gefahren kam, und hin und wieder beschatteten sie die Augen mit der Hand und blickten nach dem Pfarrhof hinüber, wo die Fahne in der stillen Luft hin und her flatterte.
Die kleine Holzkirche lag so weiß da in der Sonnenglut und bekam Risse von der Hitze, daß es krachte. Es glitzerte in den Fenstern, alle Türen standen weit offen, und in dem Fensterchen hoch oben im Turm stand der Glöckner auf beide Arme gelehnt und spähte. Er sollte läuten, wenn er die Geistlichen in dem Pfarrhoftor sah.
Die Schulmeister kamen, stellten ihre Kinder in langen Reihen auf und sagten ihnen, was sie zu tun hätten.
Wenn der Bischof durch die Kirche schritt, sollten die Jungen sich verbeugen und die kleinen Mädchen einen Knicks machen, aber nicht alle auf einmal, sondern immer erst, wenn der Bischof an ihnen vorbeikäme.
Sie sollten laut antworten und nicht vergessen, dem Bischof gerade in die Augen zu sehen, wenn er sie fragte, denn das hätte er gern.
Dann hatten sie nichts mehr zu sagen, und es entstand eine feierliche Stille. Es konnte schon sein, daß ihnen die Stimme ein wenig gezittert hatte, und große Schweißtropfen traten ihnen auf die Stirn.
Dann mit einem Male zitterten die Glockenschläge durch die Luft, daß der Turm schwankte. Im selben Nu blickten sie alle nach dem Pfarrhof.
Ja, da kamen sie durch das Gittertor alle miteinander. Nein, was für ein leutseliger Bischof, der zu Fuß ging!
Und dann begannen sie in die Kirche hineinzuströmen. Jeder Schulmeister führte seine Kinderschar herein und stellte sie auf. Die Erwachsenen setzten sich in die Stühle dahinter, hin und wieder gaben sie den Kindern einen Puff, nahmen ihnen das Frühstückspaket weg und reichten ihnen ein Buch.
Gudbrand hatte keine Anverwandten da, und er hatte vergessen, die Bücher herauszunehmen. Er legte das Bündel zwischen die Kniee, aber die Hand zitterte ihm, als er den Knoten aufmachte. Er steckte das Tuch in die eine Jackentasche und die Waffeln in die andere, so daß sie hervorguckten, und nahm die Bücher in die Hand.
Die Sonne schien durch die hohen Fenster, sie streifte die beiden Stühle, die für den Bischof und den Propst hingestellt waren, fiel auf die Kniebank und den Altar, bis hinein in die Nische zu den zwölf Aposteln. Noch knarrte hin und wieder eine Kirchenstuhltür, doch dann konnte man deutlich hören, wie die Blätter der hohen Birke, die gerade vor dem Fenster stand, leise gegen die Scheiben streiften.
Dann wandten sich auf einmal alle Köpfe um, und alle Jungen hielten den Atem an, bis sie ihre Verbeugung hinter sich hatten; denn da kamen sie, zuerst der Bischof mit dem goldnen Kreuz auf der Brust und schwarzem glänzendem Seidenkäppchen, hinterher der Propst und zum Schluß der Pfarrer in langsamen, feierlichen Schritten durch die Kirche und grüßten mit kleinen ernsten Verbeugungen nach beiden Seiten.
Es war beinahe eine Erleichterung, als sie oben am Altar niederknieten und der Küster wie gewöhnlich vorkam und das Eingangsgebet verlas. Als er fertig war, räusperte man sich und scharrte wie sonst, und der Kirchendiener lief mit der Mütze in der Hand um den Altar und jagte einen Hund, der sich eingeschlichen hatte, hinaus.
Darauf hielt der Propst eine Rede, und dann begann das Kirchenexamen.
Es kribbelte Gudbrand förmlich im Magen, während die Fragen und Antworten fielen, und das nahm zu, je näher es an ihn herankam. Das Blut schoß ihm in die Backen, wenn einer dastand und stotterte und stammelte; er hatte sich halb gewandt, war beinahe im Begriff, einen Schritt vorzugehen und hielt die ganze Zeit seine Augen auf den Bischof gerichtet. Wenn er ihn nur fragen wollte!
Aber der Bischof stand in lauschender Stellung da, die sanften blauen Augen auf den, den er fragte, geheftet, und wenn die Antwort endlich einigermaßen zustande kam, nickte er viele Male mit dem Kopf und tat einen Schritt zur Seite.
Sie schlichen sich mühselig weiter, alle saßen aufmerksam lauschend da, nickten und warfen sich Blicke zu. Es herrschte eine solche Spannung, daß es fast wie eine Erlösung wirkte, als ein milder Regenschauer im Sonnenschein draußen fiel und die nassen Birkenblätter gegen das Fenster zitterten.
Gudbrand vergaß sich, als es so lange dauerte. Er stand und betrachtete das glänzende Laub. Doch auf einmal erschrak er bis in die Knie. Da stand der Bischof gerade vor ihm, und der Schulmeister hatte die Frage begonnen, ehe er zuhörte:
Wir hörten neulich, daß im dritten Artikel steht: die heilige, christliche Kirche.
Kannst du mir sagen, warum die Kirche heilig genannt wird?
Da hatte er es; wie gut, daß er es noch durchgegangen hatte! Es wurde ihm schwarz vor den Augen, er konnte nicht auf das erste Wort kommen.
Nun? Warum wird die Kirche heilig genannt? Weil —
Weil der heilige Geist durch seine heiligen Gnadenmittel sein Werk der Heiligung an allen ihren Gliedern ausführt, darum wird die Kirche heilig genannt trotz der Sünde und Armseligkeit, die sich in ihr findet.
Der Bischof nickte viele Male, und der Schulmeister ließ einen Blick über die Gemeinde streifen.
Sein Werk der Heiligung in allen ihren Gliedern, — fuhr der Schulmeister fort. Wer sind die Glieder der Kirche?
Gudbrand überlegte.
Gehörst du zu den Gliedern der Kirche?
Ja.
Und ich?
Ja.
Und der Bischof?
Gudbrand dachte nach. Er fand nicht, daß es anging, daß er mit dem Bischof zusammengehörte, und darum flüsterte er, daß nur der Schulmeister es hörte:
Nein.
Überlege es dir einmal; gehört nicht der Bischof zu den Gliedern der Kirche?
Doch.
Der Bischof nickte.
Nun denn, wer gehört also zu den Gliedern der Kirche?
Gudbrand ging ein Licht auf.
Alle, die an Christum glauben.
Richtig. Aber —, kannst du aus dir allein an Christum glauben?
Nein.
Wer verhilft dir zum Glauben?
Der heilige Geist.
Was steht darüber in dem dritten Artikel?
Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesum Christum, meinen Herrn glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der heilige Geist hat mich —
Richtig. Würde es Klugheit oder Torheit sein, wenn du glaubtest, daß du aus eigener Kraft an Christum glauben könntest?
Torheit.
Wenn nun der Bischof sagte, daß es anginge, wer wäre dann klüger, du oder der Bischof?
Gudbrand überlegte. Der Bischof wurde ein wenig unruhig und wollte zum nächsten übergehen, blieb aber lauschend stehen.
Nun? Wer wäre dann der Klügste, du oder der Bischof?
Nein, das ging nicht an, wenn alle zuhörten zu sagen, er wäre klüger als der Bischof:
Der Bischof wäre der Klügste.
Der Bischof schüttelte heftig den Kopf. Dann ging er zu ihm hin und strich ihm sanft über das Haar:
Nein, mein Junge, dann wärst du klüger als der Bischof.
Ja, sagte der Schulmeister, du meintest aber, auf so etwas könnte unser gottesfürchtiger Bischof nie verfallen, nicht wahr?
Ja.
Das war recht, mein Junge, mit Gottes Hilfe wird er das nicht tun, sagte der Bischof, strich ihm noch einmal über den Kopf und ging dann weiter.
Die Sonne stand schon tief über dem Neusäterberg, als Gudbrand der Sennhütte zustrebte.
Lykkelin war schon mit der ganzen Herde nach Hause gekommen, und sie lagen jetzt satt und zufrieden am Viehgatter und wiederkäuten. Die Ziegen drehten sich nur ein wenig um und meckerten, als er kam. Die Mutter war drinnen im Kuhstall und melkte; sie sah ihn nicht, ehe er hereinkam. Er nahm sich viel Zeit und schob den Riegel behutsam vor.
Nein, da bist du ja, Gudbrand? Wie war es denn?
Ach, es war wohl ungefähr, wie man erwarten konnte, denke ich.
Konntest du antworten?
Ach, du weißt, ich wußte schon das meiste, was sie fragten.
Erzähle doch!
Da gibt es nicht weiter viel zu erzählen, finde ich. Und dann sagte er plötzlich: Nein, jetzt muß ich schon meine alten Sachen anziehen und anfangen zu melken; man kann nicht den ganzen Tag nur zum Staate da sein.
Mehr bekam die Mutter nicht aus ihm heraus. Sie begann zu fürchten, daß er seine Sache nicht gekonnt hätte. Eine Weile darauf kam er in seinen alten Sachen wieder heraus und begann die Ziegen zu melken. Gudbrand war so unglaublich verschlossen.
War denn der Bischof freundlich?
Ach ja, er war nicht gerade unangenehm.
Hat er etwas zu dir gesagt?
Ach ja, er hat schon auch etwas gesagt.
Was hat er denn gesagt?
Ach, — man darf nicht alles glauben, was man hört.
Was sagst du da?
Ja, wenn du's durchaus wissen willst, so kann ich es auch gern sagen. Sie fragten mich nach allen Richtungen hin aus, und du verstehst, ich blieb ihnen keine Antwort schuldig. Und dann, als sie nicht weiter kamen, dann sagten sie alle, ich wäre klüger als der Bischof, aber das können sie wohl nicht im Ernst gemeint haben.