Der erste Arbeitstag.
Christian richtete sich auf den Ellbogen in die Höhe, kroch nach dem Kopfende und guckte aus dem Fenster dicht daneben.
Es war noch beinahe dunkel in der geräumigen Häuslerstube. Draußen war Dämmerung, gerade am Übergang zum Tag, nur einzelne von den größten Sternen waren sichtbar an dem blauen klaren Herbstmorgen.
Wieviel Uhr es wohl war? Ja, zu spät durfte er nicht kommen, die Schande sollten sie ihm nicht antun, — und dann konnte das auch einen Abzug vom Tagelohn bedeuten. Ein ganzer Kerl mußte den ganzen Tagelohn haben. Es war übrigens seltsam, er hatte vergessen zu fragen und Ola Nordlien hatte auch nichts vom Tagelohn gesagt!
Er drehte sich, so daß er im Bett saß und blickte hinüber nach dem anderen Bett am anderen Fenster, wo die Mutter lag.
Mutter! Mut—t—ter!
Die Mutter drehte sich ein paarmal um, ehe sie aufwachte, dann schlug sie die Augen auf:
Ja. Was willst du, Christian?
Du hörtest nicht, ob Ola Nordlien etwas davon sagte, wieviel Tagelohn er geben wollte?
Und darum weckst du mich, du unartiger Junge!
Ich dachte auch, es wäre vielleicht Zeit, daß du den Kaffee aufsetztest. Denn wer auf Arbeit soll, braucht Zeit, um richtig munter zu werden.
So leg dich jetzt wieder hin. Ich werde es schon nicht verschlafen.
Aber Christian schlief nicht wieder ein, und was das anbetrifft, er hatte auch die ganze Nacht nicht viel geschlafen. Denn gestern abend, als er sich eben hinlegen wollte und schon mit den Hosen in der Hand dastand, war etwas geschehen.
Ola Nordlien war selbst hereingekommen, hatte guten Abend gewünscht und gesagt:
Jetzt bin ich im ganzen oberen Dorf herumgezogen und habe Leute zum Kartoffellesen gedungen, und da wollte ich 'mal vorsprechen, ob vielleicht auch hier ein Knecht zu haben wäre.
Nein, ich habe jetzt keinen Knecht hier, hatte die Mutter gesagt; der Per hat jetzt mit dem Kuhstall auf Opsal zu tun, und ich erwarte ihn vor den Feiertagen nicht zurück.
Hast du niemanden? Ich finde, da steht ein großer Bursche drüben am Bett. Nach ihm dort hatte ich fragen wollen.
Da kann einer glauben, daß Christian sich aufrichtete.
Du willst also mit zum Kartoffellesen? fuhr die Mutter fort.
Ja, und darum habe ich ein ganzes Heer von solchen Kerlen zum Auflesen gemietet, die Kulsvejungen und Sagbakjungen und Jens Perhus.
Die Mutter lächelte und sah zu Christian hinüber.
Ja, ich weiß nicht, was Christian dazu sagt, du mußt mit ihm selbst reden.
Da verstand Christian, daß er durfte.
Ola Nordlien wandte sich dann zu ihm und sagte so ernst, als spräche er zu einem erwachsenen Knecht:
Ja, hast du wohl Lust, morgen zu uns zu kommen und uns beim Kartoffellesen zu helfen, Christian?
Christian zog die Hosen wieder in die Höhe und knöpfte die Klappe zu, so gut es sich in der Eile machen ließ. Dann setzte er sich auf die Bank, schlug die Knie übereinander, spuckte weit aus und sagte:
Ja, eigentlich habe ich nicht viel Zeit, aber da du Mangel an Leuten hast, so muß ich wohl kommen.
Das war der Grund, warum Christian nicht wieder einschlief, — denn zu spät kommen wollte er nun einmal nicht und dann gab es auch viel anderes zu überlegen, einmal, wie er sich ausrüsten sollte, und dann auch, wie er sich benehmen sollte.
Der Morgen schlich langsam weiter, es kam ihm vor, als ob die Uhr gar nicht von der Stelle rückte — vielleicht war sie auch stehen geblieben; ein paarmal versuchte er, sich laut zu räuspern oder zu husten, um zu sehen, ob die Mutter nicht aufwachen wollte. Und als die Mutter endlich aufgestanden war und kaum den Kaffeekessel mit Wasser gefüllt hatte, da stand auch Christian mitten im Zimmer.
Er hatte noch viel zu tun. Erst untersuchte er, ob alle Knöpfe an der Hose richtig fest saßen. Nein, einer hing bloß an einem Faden; der mußte befestigt werden; ein Knecht mußte Hosen haben, die es vertrugen, daß er ordentlich zufaßte. Dann kam der Gürtel an die Reihe, — er mußte ein neues Loch machen, um ihn enger zu bekommen, er war nämlich zu weit, und sollte es zu einer richtigen Kraftanstrengung kommen, so war es am besten, daß er ordentlich eng war. Und den neuen Schal wollte er lose drüber hängen lassen; das würde sich gut machen, wenn er kam, und später wenn er den Rock auszog, und ihn dann schön zusammengefaltet darauf legte.
Lange ehe der Kaffee fertig war, war Christian angezogen und gerüstet, bis auf das Heu in den Stiefeln und die Zipfelmütze auf dem Kopf, und er ging aus und ein und sah aus, als hätte er sehr viel zu tun. Und als der Kaffee endlich fertig war, nahm es nicht lange Zeit ihn herunterzukriegen, obgleich er gewaltig viel essen mußte, um seinen Mann zu stellen und bald stand die Mutter und blickte ihm nach und bat ihn, gehorsam zu sein und sein Bestes zu tun, während er, die Zipfelmütze bis über die Ohren, mit langen, wiegenden Schritten wie ein Erwachsener den Abhang nach Nordlien hinuntertrabte.
Als er nach Nordlien hinunterkam, war es ganz still draußen im Hof, er sah nichts anderes, was sich bewegte, als den Rauch, der langsam in gerader Linie aus der Esse emporstieg, und hörte nichts anderes als das gleichmäßige Kauen der Pferde im Stall, — sie bekamen ihr Morgenfutter drinnen vor einem so strengen Tag.
Es dauerte indessen nicht lange, bis er hörte, daß Ola Nordlien auf den Beinen war und im Hause herumfuhr und weckte, und als er herauskam und Christian erblickte, sagte er:
Das ist meiner Treu ein richtiger Junge, der zuerst auf dem Platz ist, und da setzte Christian den einen Fuß vor und sagte:
Ja, ich finde, wir hätten schon anfangen müssen, wenn wir bis zum Abend etwas ausrichten wollen.
Allmählich wurde es lebhaft auf dem Hof. Die Leute des Hofes selber waren aufgestanden und kamen heraus, gähnten und dehnten sich, und von dem oberen Dorf kam der eine nach dem andern, Erwachsene und Kinder, Häusler und Häuslerinnen, und Ola Nordlien ging herum und fand Hacken und Eimer und lieferte sie aus, und Trampelpeter, der Knecht, ließ die Pferde heraus, um sie zu tränken.
Christian war der kleinste von ihnen allen, und er hielt sich auch so weit im Vordergrund, daß er ihnen auffiel. Trampelpeter, der ein loses Mundwerk hatte, sagte auch gleich:
Nein, was ist das für eine Kartoffel, die ist ja mächtig groß.
Christian wurde sehr wütend auf den Lümmel, aber sein Zorn legte sich, als Ola Nordlien gleich sagte:
Das ist mein Großknecht. Du, Christian, du mußt ein bißchen ein Auge auf Trampelpeter und die anderen haben.
Christian sah ihn ein wenig unsicher an, und seine Mundwinkel fingen an zu zittern; denn er wußte zwar, daß er ein tüchtiger Junge war, aber eine solche Auszeichnung hatte er trotzdem nicht erwartet.
Ist das dein Ernst, Ola Nordlien?
Ja, natürlich ist es mein Ernst.
Jetzt waren sie alle versammelt, mit Ausnahme von dem Faulpelz Jens Perhus, den sie langsam die Straße herunterschlendern sahen. Christian rief ihm zu, er möchte sich gefälligst beeilen und dann sagte er:
Jetzt mußt du die Pferde anschirren, Trampelpeter. Jetzt müssen wir anfangen, und er nahm seinen Eimer über den Arm, warf die Hacke über die Schulter und ging mit langen Schritten an der Spitze des ganzen Zuges hinüber nach dem Kartoffelfeld.
Sie verteilten sich über eine lange Kartoffelfurche, ein Erwachsener zum Graben und ein Junge zum Auflesen, und Christian richtete es so ein, daß er abwechselnd vor Ola Nordlien selber und vor Trampelpeter auflas, denn die gruben nicht die ganze Zeit, — Ola mußte eine neue Furche aufpflügen, wenn die eine geerntet war, und Trampelpeter sollte die Kartoffelsäcke zum Hof fahren.
Ola setzte den Pflug an und pflügte eine Furche um, so daß die schönen weißen Kartoffeln über die schwarze feuchte Erde hinausrollten, alle Rücken bückten sich, um zu graben, und alle die kleinen Hände gingen wie Trommelschlägel, um aufzulesen; es wuchs schnell an in den weißen Säcken, die in einer Reihe hinter ihnen standen, denn Christian und einige andere wetteiferten, wessen Sack am schnellsten voll würde, und wer seinen Eimer am öftesten leeren könnte, — es ging scharf zu beim Kartoffellesen auf Nordlien an dem Tage.
Die erste Zeit verging sehr rasch, ehe Christian sich's versah, war die Frühstückszeit da und sie sollten zurück und essen. Als sie gegessen hatten und draußen im Hofe saßen und satt und zufrieden ausruhten, sagte Ola Nordlien:
Ja, so geht es, wenn man einen tüchtigen Großknecht hat; ich weiß mir keinen besseren Rat, als daß ich Christian doppelten Tagelohn bezahle, wenn er Jens Perhus wirft; aber daran zweifle ich, denn Jens ist zäh.
Christian zögerte eine Weile, aber dann stand er auf, zog den Gürtel bis ins neue Loch, spuckte in die Hände und sagte:
Ja, so komm heran, Jens.
Sie fuhren aufeinander los, und keiner gewann gleich; aber schließlich sank Christian auf die Kniee und in demselben Augenblicke sprang der Gürtel entzwei. Er stand mit rotem Gesichte auf und hielt den Gürtel vor.
Ja, ich verlor, aber hier siehst du, Ola Nordlien, wäre der Gürtel so stark gewesen wie ich, so hätte ich ihn geworfen.
Dann begannen sie von Stärke zu reden, und Trampelpeter, der gern für sehr stark gelten wollte, sprach davon, daß er eine Tonne Kartoffeln auf den Wagen heben könnte.
Ja, das kann ich auch — mit dem Maule, sagte Christian ganz trocken und ernst, so daß Ola Nordlien und die andern lachten; aber seitdem waren Trampelpeter und Christian nicht besonders gut aufeinander zu sprechen.
Die Zeit bis Mittag verging nicht ganz so schnell, es war tüchtig warm geworden und die Sonne stand ihnen gerade auf dem Rücken. Es kann schon sein, daß Christian das eine oder andere Mal nach der Sonne schielte, um zu sehen, ob es nicht bald Zeit wäre, aber er sagte nichts, er las ebenso schnell und er machte auch darauf aufmerksam, daß Jens Perhus kniete anstatt den Rücken zu beugen. Das war keine Art, wenn etwas ausgerichtet werden sollte, Jens sollte, bitte, seinen faulen Rücken beugen. Aber als es gegen Abend ging, kam es doch vor, daß Christian selber ein wenig Erde auf die Kniee bekam, wenn es niemand sah, und er war bedeutend runder im Rücken geworden, als er am Morgen war. Doch da war auch Ola Nordlien gleich fertig, und er schickte ihn nach dem Hofe, um seine Hacke umzutauschen; er verstand, daß Christian sich einmal ausruhen mußte.
Endlich war es Abend geworden, die Sonne war untergegangen, die Pferde waren auf die Wiese gelassen, alle hatten gegessen und standen draußen im Hofe, bereit nach Hause zu gehen, die Männer mit den Pfeifen im Munde und die Frauen schon ein gutes Stück auf dem Heimwege — sie mußten nach Hause und die Kühe für den Abend melken.
Der Wagen mit der letzten Kartoffelladung stand am Kellerloch und Trampelpeter stand und lehnte sich daran.
Er blickte sich heimlich um, tat aber, als wäre er ganz in Gedanken, wie er den einen Kartoffelsack am Sackband nahm und ihn auf die Erde herunterhob. Kurz darauf hob er ihn auf dieselbe Weise wieder in den Wagen und sah sich heimlich um. Ja, sie hatten es beobachtet und Ola Nordlien sagte auch gleich:
Ja, du hast doch Kräfte, Per. Was meinst du, Christan?
Ach, das war doch nicht so gefährlich.
Da wurde Trampelpeter böse.
Nein, hört mal den Burschen da. Er nahm wieder den Sack und hob ihn herunter. Du mußt viel Brei essen, ehe du so weit bist, daß du ihn wieder auf den Wagen kriegen kannst.
Vielleicht könnte ich es gleich tun, meinte Christian.
Ja, wenn du das kannst, so will ich der schlechteste Bursche im ganzen Kirchspiel sein.
Da bist du mein Zeuge, Ola Nordlien, borg mir bitte einen Sack. Und ehe Trampelpeter ein Wort gesagt hatte, hatte Christian den leeren Sack auf den Wagen gesetzt und begann die Kartoffeln aus dem einen in den andern zu füllen. In unglaublich kurzer Zeit war er fertig und warf den leeren Sack hinterher auf den Wagen.
Jetzt sind die Kartoffeln und der Sack dort und jetzt bist du der schlechteste Bursche im ganzen Kirchspiel, Trampelpeter.
Trampelpeter spuckte weit aus und lief ins Haus.
Ola Nordlien lachte, bis ihm die Tränen kamen.
Ja, wenn jemand doppelten Tagelohn verdient hat, so bist du es, Christian. Sollen wir gleich abrechnen oder kann ich dich morgen wieder bekommen?
Du verstehst, ich muß dir helfen, bis du mit den Kartoffeln fertig bist.
Als Christian allein seinen Nachhauseweg über die Abhänge hinaufschlenderte, fühlte er sich merkwürdig schwach in den Knieen. Es war am besten, daß er sich ein wenig hinsetzte. Er hatte nur ein paar Minuten bis nach Hause, aber er konnte sich trotzdem ein wenig ausruhen, und so setzte er sich an den Wegrand.
Auf einmal fing der Kopf an zu nicken, erst nach der einen, dann nach der anderen Seite; ehe er sich's versah, hatte er sich hintenüber gelehnt und war süß eingeschlafen.
Die Mutter hatte im Fenster gestanden und zugesehen. Gleich darauf war sie bei ihm:
Du mußt jetzt aufwachen und nach Hause kommen, Christian. Du hast dich wohl heute ordentlich angestrengt.
Bist du es Mutter? Wo bin ich? Er rieb sich die Augen.
Du bist hier draußen eingeschlafen, Christian.
Bin ich eingeschlafen? Du, Mutter — es ist vielleicht am besten, du erzählst das nicht so, daß der Lümmel, der Trampelpeter, es hört. — Übrigens eine Schande ist es nicht, denn ich habe auch doppelten Tagelohn verdient.