III.
Die Stadt.
Die königliche Beamtenswitwe Frau Bendler (man hätte ihr die Ehre abgeschnitten, würde man sie nur Beamtenwitwe genannt haben) sprach also: „Ich muß heint abend ins Volkstheater, weil der Xaver, wo mei Pat is, sein Benefiz hat. Akurat den Lumpensohn im Vierten Gebot tut er spielen, und ma muß so viel weinen dabei, aber weils halt der Xaverl ist und sei Ehrentag, da muß ich hin. Es ist nur, Freilein Wolfferstorff, weil doch das Freilein Tant’ mit Recht drauf drungen hat, daß Sie bei einer Beamtenswitwe, in einer anständigen Familje, unter einem Schutz und Schirm bei so viel Jugend sind — aber was der Herr Tucher is, so leg ich die Hand ins Feier, und Freilein Trester ist doch scho a abgestandenes Frauenzimmer, da därf ich unbesorgt sein, wenn auch der Herr Wredegast a Schlankerl is. Also, ich kann halt beim Abendessen net derhoam sein.“
So sprach, mühsam das Gleichgewicht zwischen Dialekt und „Norddeitsch“ haltend, Frau Bendler.
„Aber Frau Bendler, da lassen Sie sich doch keine grauen Haare wachsen,“ antwortete Leonore.
„Wär auch zu früh bei meine zweiundvierzig Jähr, wär zu früh.“
Das Gespräch wurde unterbrochen. Es klopfte, und die Baronin Müller aus dem zweiten Stock kam in den dritten. Die Baronin Iphigenia Müller schien nicht die Blüte der Aristokratie zu verkörpern. Sie war höchst unordentlich angezogen, ihre Frisur löste sich stets irgendwo, und selbst ihr Gesicht drückte Unordnung aus, fand Leonore. Alles schien nicht zusammen zu gehören; es war, als hätte man von drei Menschen Augen, Nase und Mund geliehen und sie in ein Rechteck gesetzt.
Iphigenia von Müller war wie immer in Eile. Sie erwiderte den tiefen Knix der Beamtenswitwe mit einem flüchtigen Blick und wandte sich an Leonore: „Liebes Kind, Sie sollen heute abend zu Nacka kommen. Auch Tröster, Wredegast und Tucher. Frau Bendler geht ins Theater, und Sie sollen nicht mit den Mannsbildern allein sein.“
„Frau Baronin, es ist der Ehrentag von mein Patenkind, mein Xaverl. Und bei uns, bei einer keniglichen Beamtenswitwe. —“
„Königliche Grenzoberaufseherswitwe zu Pferd, nicht wahr?“ fragte Iphigenia Müller.
„G’horsamer Diener, ja. Bei mir also —“
„Aber, liebe Frau Bendler, natürlich gehen Sie ins Theater. So oft Sie wollen. Fräulein Leonore ist immer bei uns eingeladen. Fräulein Planck läßt Ihnen ausdrücklich sagen, Frau Bendler, wenn Sie mal fortgehen wollen oder dergleichen, Fräulein Wolfferstorff ist bei uns wie zu Hause. Uebrigens wäre sie ja auch kein Kind mehr.“
Leonore war der Baronin dankbar für diese Rede. Denn seit Tante Charlottchen mit Frau Bendler über die großen Gefahren der Großstadt konferiert hatte, war die „Beamtenswitwe“ um das Mitglied ihrer „Benzion“ besorgt, als sei Leonore ein Kind von zwölf Jahren. Und doch war Leonore eben achtzehn, hatte das Sprachexamen gut bestanden und hörte nun Kunstvorlesungen zur Ergänzung ihrer Ausbildung in der Porzellanmalerei.
Iphigenia Baronin Müller hatte sich in Eile wieder verabschiedet. Leonore ging, ein anderes Kleid anzuziehen — den bequemen Rock und die Jacke, zu der sie Leinenkragen trug, mit einem Gewand von edlerer Form und fließenden Linien zu vertauschen. Das mochte Anastasia Planck gern, und sie war eine berühmte Malerin und mußte wissen, was gut aussah.
Leonore stieg hinunter in den zweiten Stock. Es war doch überaus freundlich von Planck und Müller, die ganze Bendlersche Pension zum Abend einzuladen. Bei Bendlers gab es stets etwas, das Herr Tucher „einen Fraß“ nannte, wovon Fräulein Tröster behauptete, ein chronisches Magenleiden zu haben, und was Herr Wredegast als „die Sünden der Väter“ bezeichnete. Hingegen besaß die Baronin Müller die Fähigkeit, in dieser, was das Essen anbelangt, barbarischen Stadt Dinge aufzutreiben und Mahlzeiten herzurichten — beinahe so prächtig, wie man sie in den berühmten Restaurants des beliebten Berlins bekommt. Das war die Vaterstadt der Baronin, und Iphigenia war nur Anastasia Plancks wegen in das Exil gezogen. Es hieß, um zu malen, aber die Baronin verbarg ihre Kunsterzeugnisse noch.
Als Leonore in den Müller-Planckschen Salon kam, dessen Charakteristikum mehrere Diwans voll Kissen bildeten, fand sich nur die Baronin Iphigenia vor. Die umarmte Leonore mit der geläufigen Zärtlichkeit einer Dame, die weiß: alles was von ihr kommt, ist Huld, und nötigte dann Leonore auf eine Chaiselongue.
„Die Mannsbilder sitzen schon im Rauchzimmer,“ sprach die Gastfreundin, „mögen sie nur warten. Wir müssen auch warten. Nacka hat Modell bei sich, jetzt, wo man diese verdammten Leuchtmaschinen erfunden hat, wird das süße Kind schließlich auch noch die Nächte hindurch arbeiten.“
Leonore dünkte es, das süße Kind sei doppelt so alt als sie. Nun das schadet ja nichts.
„O Leonore,“ fuhr Frau von Müller fort, „Sie ahnen nicht, was das ist. Immer hat Nacka diese Aktmodells bei sich. Ich vergehe beinahe!“
Leonore antwortete begütigend: „Sie brauchen ja nicht ins Atelier zu gehen, Frau Baronin, wenn Sie die Modelle nicht sehen mögen.“
„Nein, aber der bloße Gedanke erregt mich.“ — Die Baronin Müller umarmte Leonore von neuem. „Sie dürfen sich nie von Nacka malen lassen — nein, versprechen Sie mir.“
„Aber Fräulein Planck hat mich doch noch gar nicht malen wollen.“
„Hat sie das nicht? Wirklich?“ — Iphigenia Müller schien ganz glücklich.
„Nein, wirklich nicht, Frau Baronin!“
„Sie sind ein liebes Kind — ich muß Sie küssen. Sie sind unsere kleine Prinzeß. Oder wollen Sie lieber der Page sein? Ja, mit Ihrem goldenen Kraushaar sind Sie ein Page. Aber Leonore, sagen Sie doch nicht Frau Baronin zu mir, nennen Sie mich doch Iphigenia. Und zu Nacka müssen Sie nie Fräulein mehr sagen, das kränkt sie. Ein so berühmter Name wirkt allein am schönsten.“
Leonore dachte: Ich will ja alles tun, wenn mich Frau von Müller nur nicht wieder küßt. Sie hatte einen so fransigen Mund, ja, als ob sie ihn mit Scheuerlappen oder einer Zahnbürste behandelte, sah er aus. Vielleicht war das eine Krankheit. Um so unangenehmer, geküßt zu werden.
Leonore fragte: „Was malt denn — Anastasia Planck gerade?“
Die eben besänftigte Iphigenia geriet von neuem in Erregung. „Das ist es ja — ich weiß es nicht. Jeden Abend kommt das Modell in der Dämmerung — es ist Winter, sie hat eine Kapuze und einen Schleier auf — sie läuft direkt ins Atelier, und dann wird zugeschlossen.“
„Vielleicht sollen Sie das Bild zu Weihnachten bekommen,“ sagte Leonore in ermunternder Harmlosigkeit.
„Glauben Sie? Meinen Sie das wirklich? Hat Sie Ihnen vielleicht eine Andeutung gemacht?“
„Das nun nicht. Aber es ist doch sehr wahrscheinlich, wenn Sie es nicht vorher sehen dürfen.“
Schon saß Iphigenia wieder neben Leonore. „Sie liebes Kind — ach, Sie sind so ein Tröster. Wie lieb Sie sprechen können. Ich muß Ihnen die Hand drücken.“
Leonore wurde es ängstlich. Sie fragte ganz blind, nicht aus Neugier, sondern um nur etwas zu sagen: „Kommt Ihr Herr Gemahl Weihnachten hierher?“
„Der Baron Müller? Ach nein. Er arbeitet an einem Werk über das sibirische Klima. Das ist nämlich gar nicht so schlecht, wie man es macht.“
„Ist er selbst dort?“
„Nein. Er lebt in Wiesbaden. Da ist es ihm am wohlsten. Vielleicht besuchen wir ihn Ostern.“
„Warum schreibt er denn gerade über das sibirische Klima?“
„Ach, das weiß ich nicht. Er will eben eine Beschäftigung haben. Warum soll er nicht über das sibirische Klima schreiben?“
Gewiß, warum sollte der Baron Müller nicht über das sibirische Klima schreiben. Niemand in der Welt erlitt dadurch einen Schaden. Leonore wurde es frech und kühn zumute. Die Iphigenia von Müller, geborene von Hunsrück, sollte sie nicht wieder küssen. Nein — nein. — „Ich verstehe das nicht, Iphigenia, wenn Sie doch den Baron Müller geheiratet haben, warum leben Sie denn nicht bei ihm?“
„Ich könnte, da er mit dem klimatischen Werk so beschäftigt ist, doch keinen besonderen Gewinn von dem Umgang mit ihm haben. Sehen Sie, liebes Kind, in den Kreisen, aus denen ich stamme, und die ich hasse, werden viele Konvenienz-Ehen geschlossen. Dumm und thöricht habe ich mit siebzehn Jahren geheiratet. Baron Müller ist ein Konvenienz-Mensch. Er sieht es ein, daß ich mehr Anregung brauche, als er mir zu geben vermag. Ich lebe hier in der Freundschaft zu Nacka erst meine geistige Persönlichkeit aus. Ach — aber es ist schwer, die Freundin einer Malerin zu sein. Es ist groß, erhebend schwer. Sie opfert so viel an fremde Menschen. Ich habe Nacka so wenig. Und ich brauche sie doch so sehr. Sie ahnen nicht, wozu.“
Leonore dachte: Der Iphigenia scheint nichts in der Welt zu glücken. Sie regt sich über alles auf.
Iphigenia bestätigte die stummen Gedanken sofort: „Ach, in mir sieht es oft entsetzlich aus. Laßt hoch uns denken, sagt Shakespeare, aber die Modelle untergraben mein Leben. Ich brauche doch Nacka — es handelt sich um mein Glück.“
„Aber Anastasia kann doch nicht ohne Modell malen, und wenn Sie sie wirklich lieb haben, dürfen Sie ihr doch ihre Kunst nicht erschweren.“
„O,“ sagte Iphigenia und ihre geborgte Nase schien zornig zu den fremden Augen des Gesichts hinaufzusehen — „O — Sie ahnen nicht, warum ich leide. Sie ahnen nicht.“
Nein, Leonore ahnte nicht.
**
*
Vor der Tür entstand Lärm. „Teufel nocheinmal, was ist das für eine Wirtschaft? Zwei nasse Mäntel auf dem Flur. Resie — Leni, in die Küche damit — Herrgottdonnerwetter — die Briefe soll ich alle lesen — warum sind Sie nicht der Baronin gebracht worden?“
Iphigenia war schon beim Klang der ersten Worte in die Höhe gefahren. Nun stürzte sie nach der Tür. „Nackachen — ich, ich wußte ja nicht —“
„Nu nu, mein Schaf, mach es morgen. Schreib feine Antworten mit deiner stolzen Baroninnenschrift, bist ein Hammel, sei nur still.“
Anastasia Planck trat ins Zimmer.
„Guten Abend,“ wollte Leonore sagen, aber die Worte erstarben ihr auf den Lippen. War etwa Kostümfest in diesem Hause? Anastasia Planck stand in braunseidenen Pumphosen da, hatte eine ebensolche Joppe mit unendlich vielen Taschen an und um den Hals ein weißes Seidentuch. Auf dem kurzgeschorenen, weißblonden Haar saß eine Wagnermütze, die nicht ganz gut zu dem starken Gesicht kleinrussischen Typs paßte.
„Was starren Sie mich denn so an, kleines Mädchen? Haben Sie mich noch nie in meinem Atelierdreß gesehen?“ schnarrte Nacka Planck in hartem Deutsch.
„Nein. Entschuldigen Sie.“
„Gottvoll — entschuldigen Sie. Na, ich habe Hunger — können wir essen gehen?“
Iphigenia sagte schüchtern: „Die Mannsbilder von Bendler sind aber da, Nackchen. Willst du dich nicht umkleiden?“
„Umkleiden? Seh ich etwa unanständig aus?“
„Behüte!“ rief Iphigenia.
„Oder geniert sich das Mädchen vom Lande mit mir?“
„Bewahre!“ sagte Leonore.
„Na, so kommt. Wo sind denn die Mannsbilder?“
„Im Rauchzimmer.“
Fräulein Nacka stürzte nach der Tür. „Guten Abend, meine Herren. Pardon, ich bin im Atelierdreß. Erröten Sie nicht — ich greife Ihre Tugend nicht an. Haben Sie auch geraucht, ja?“
Alfred Wredegast, der einen langen Gehrock angezogen hatte, verbeugte sich würdevoll. „Ich habe mir soeben die siebente genehmigt.“
„Schön von Ihnen. Und Sie, Herr Tucher?“
„Ich bin doch abstinent, Gnädigste.“
Nacka Planck schüttelte sich. „Ich achte Sie hoch, Herr Tucher, aber tun Sie mir nur die eine Liebe und sprechen Sie in meinem Hause das Wort abstinent nicht aus. Es klingt so kränklich. Sie kriegen alle Limonaden der Welt und Pfeffermünzplätzchen statt Zigarretten, aber sprechen Sie nur das Wort abstinent nicht aus. Es ist mir als ob ich auf Kröten träte. Herr Wredegast — da bitte — dort im Flur, dort — waschen Sie sich die Hände — ja — die Tabakfinger meine ich.“
Herr Alfred Wredegast lächelte. Wie eine Spitzmaus sah er aus, wenn er lächelte — ein wenig überlegen, ein wenig unbeholfen, ein wenig gutmütig. Er kam dann hinterdrein und setzte sich mit zu Tisch.
Auf dem Tisch prangte Geschirr mit dem Wappen des Hauses Hunsrück. Das gehörte Iphigenia Müller, die es mitgebracht hatte. Es gab sehr gute Dinge, und die Herren aus der Pension Bendler schienen beschlossen zu haben, ihren Geist erst später im Salon preiszugeben.
Leonore dachte: Die Anastasia Planck ist doch schrecklich nett. Trotzdem sie mitunter so schimpft und immer von Mannsbildern redet und die Iphigenia augenscheinlich so quält. Sie ist so gastfrei und so heiter. Und arbeitet doch den ganzen Tag.
„Wo ist denn Anna Tröster geblieben?“ fragte Nacka. — Ja, wo war Anna Tröster. Niemand wußte es. — „Entschuldigen Sie mich,“ sagte Nacka, „da muß ich mal nachsehen.“
Sie lief weg und kam nach ein paar Minuten mit Anna Tröster wieder. „Lachen Sie mal die Person da recht aus,“ sagte Nacka. „Die wollte nicht kommen, weil sie nicht schon vor drei Tagen auf einer Karte eingeladen war.“
Die Tröster war ein verschüchtertes Wesen. Sie hatte schon fünfzehn Mal den Echtler kopiert, der eigentümlicherweise neben Feuerbachs Iphigenia in der neuen Pinakothek hängt. Das vertreibt den Stolz.
„Aber Tröster, man muß die Feste feiern, wie sie fallen,“ sagte Wredegast und lachte gutmütig.
„Ich — ich wußte gar nicht, daß ich eingeladen sei.“
„Ja, sehen Sie, wenn Gott will, können wir auch ohne Los einen Treffer machen,“ sagte Herr Tucher.
Nun aß man. Gute Dinge von schönen Tellern mit schönen Geräten. Alle waren reichlich hungrig, weil sie lange hatten warten müssen. Nur der abstinente Herr Tucher dachte an andere Dinge als Essen.
Er erzählte plötzlich eine Gespenstergeschichte aus dem berühmten Spukhaus an der Potsdamer Straße in Berlin und fürchtete sich dabei so sehr, daß er nicht weiter essen konnte. Mit Augen, hinter denen Angst, Unglück, Verzweiflung lagen, sah er über den Tisch, immer gerade Leonore an. Der wurde es ganz bang, weniger vor der Geschichte als vor den trostlosen Augen des Lyrikers.
„Herr Tucher,“ sagte die Planck, „Gespenstergeschichten bitte am Tag. Nur in plein air, bitte. Ich brauche meinen Schlaf, ich will nicht liegen und mich fürchten. Für Sie kann das von Nutzen sein. War es nicht Lenau, der nachts sich vor Gespenstern fürchtete und dabei seinen Faust schrieb! Na, oder wer es sonst war — jedenfalls kein Maler.“
„Aber das Übersinnliche,“ wagte Herr Tucher zu sagen, „das Transzendentale ist doch ein notwendiger Bestandteil jeder wahren Kunst.“
„Wir essen jetzt, Herr Tucher,“ wiederholte Anastasia mit Nachdruck.
Leonore lächelte. Sie sagte ein wenig geniert, aber doch ganz munter: „In meiner Malklasse ist eine Pfarrerstochter von hier. Wir malen ja sonst immer Stilmuster oder Farbenexperimente, aber vor Weihnachten erlaubt der Lehrer, daß man Kleinzeug zum Verschenken herstellt. Da malt nun die Pfarrerstochter Suppenteller für ihre Familie. Und auf die schreibt sie: ‚Dein Wort sei meine Speise‘.“
„Auf Suppenteller, o Gott!“
Sie lachten alle. — „Leonorchen, das haben Sie niedlich erfunden.“
„Aber es ist ganz gewiß wahr,“ ereiferte sich Leonore — „wir jubeln schon alle, wenn sie ihre Teller auspackt.“
Die Baronin Müller erzählte in Hast: „Die Frau Großherzogin von Baden hat viele Frauenarbeitsschulen gegründet, und wenn die Mädchen austreten, bekommen sie ein Wandschild zum Andenken, auf dem steht: ‚Die Hand bei der Arbeit, das Herz bei Ihm.‘ Ihm ist groß geschrieben — aber die Mädchen meinen doch, sie brauchten kein Schild, das zu wissen.“
„Und in der evangelischen Mädchenherberge,“ sagte Herr Wredegast, „da hängen Schilder in den Schlafräumen, auf denen steht ‚Ich harre des Herrn‘.“
Nacka Planck sagte: „In meinem Hause wird die Religion nicht verspottet. Bitte sehr. Ich bin griechisch-katholisch, und in meinem Hause brennt eine ewige Lampe.“
„Unter dem Bild der Madonna. Unter Murillos Immaculata. Madonna Immaculata. O, ich verstehe, daß Ihnen die Religion heilig ist. Eine rote ewige Lampe unter dem Murillo. Sie haben Stilgefühl, Nacka Planck.“ Mit einer langsamen sanften Stimme sagte das Alfred Wredegast, und er sah Nacka Planck dabei an.
Ihr schien dieser Blick Unbehagen zu machen. Sie erhob sich.
Die Baronin aus Berlin teilte Händedrücke und Gesegnete Mahlzeiten aus. Leonore wußte nicht, war das Gesegnete Mahlzeitsagen eine Freundlichkeit oder eine Höflichkeit. Die Nacka Planck kam zu ihr, sah sie sanft und liebevoll an und sagte ruhiger als sie sonst sprach: „Gesegnete —“
„Mahlzeit,“ ergänzte Leonore, obwohl sie das Wort allein abscheulich fand.
„Ich komme aber schlecht weg bei dem Dialog, Leonore.“
Draußen klingelte es. „Es wird Professor Freyer sein,“ sagte Nacka, „bitte kommen Sie herüber in den Salon.“ Sie ging selbst in den Flur, Freyer zu begrüßen.
Freyer las Kunstgeschichte. Leonore besuchte seinen Damenkurs. Sie kannte den Professor schon lang persönlich — er kam oft zu Planck und Müller. Er trat jetzt hinter Nacka ein. Der Lyriker und der Romancier schienen klein und schwächlich neben dem hochgewachsenen Mann. Ihre Gesichter dekadent neben seinen kräftig ausgebildeten, stark modellierten Formen.
Man plauderte eine Weile. Dann gerieten plötzlich Planck und Wredegast contra Müller und Tucher in einen heftigen Streit. Ihre Worte flogen, ihre Zigaretten sprühten Feuer. Es war etwas um die Frauenbewegung.
Professor Freyer ging zur Leonore, die ein wenig allein an einem Fenster saß. „Fräulein Leonore,“ sagte er, „haben Sie Lust, morgen mit nach Nymphenburg zu gehen? Die Frau Baronin kommt auch mit — ich habe noch ein paar junge Leute dabei, die das Schloß ansehen wollen. Es ist Samstag, dann haben Sie doch nachmittags frei?“
Leonore bejahte freudig. Der Professor blieb noch neben ihr sitzen. „Ich höre Sie so gern thüringern,“ sagte er, „erschrecken Sie nicht, Sie sprechen gewiß ganz unauffällig. Nur ein geübtes Ohr hört den Thüringer Klang heraus.“
„Haben Sie Thüringen lieb, Herr Professor?“
„Ja,“ sagte er, „denn ich kenne es. Erzählen Sie mir doch ein wenig von Ihrer Heimat.“
Sie tat es unbefangen.
Nach einer Weile verabschiedete sich der Professor. Tucher schloß sich ihm an, er wollte noch ins Nachtcafé; auch Wredegast. Die stumme Tröster war schon früher gegangen. Leonore hielt man noch zu bleiben. Sie wehrte sich, aber Nacka Planck erlaubte nicht, daß sie ging.
Nacka Planck holte eine Gedichtsammlung und las vor, Schönes und Banales wahllos durcheinander. Alles aber war von großer Heftigkeit des Empfindens, und Iphigenia von Müller verschlang die Leserin mit den Augen. Warum muß nur ich dabei sitzen? dachte Leonore.
Taumelnd vor Müdigkeit stieg sie nach Mitternacht die Treppe hinauf. Da stand Alfred Wredegast noch auf dem Korridor. Sie dachte: er ist wohl eben heimgekommen.
Er ging an ihr vorbei, sah sie an und sagte im Vorbeigehen ganz unpersönlich, sehr sanft und sehr eindringlich geradeaus in die Luft: „Bleiben Sie nie allein dort unten, Fräulein Leonore. Nie allein! Sie gehören nicht zu diesen Damen.“
**
*
Leonore arbeitete in dem Atelier des „diplomierten königlichen Porzellanmalers“ Fockendanz. Sie hatte gar nicht gedacht, daß es an einer Sache, die doch nur ein besseres Handwerk war, so lange, so viel zu lernen gab. Seit sie allerdings im Erdgeschoß der neuen Pinakothek die Porzellankopien der Schönheitsgalerie (einer Laune des Königs Ludwig I.) gesehen hatte, begriff sie: bis man ein solches Porträt den Tücken des Brandes, der Unberechenbarkeit mancher Erd- und Metallfarben abgewann, konnte man jahrelang lernen. Sie wollte ja das nicht. Aber wenn sie wollte, daß sie einst aus diesem Handwerk einen Lebensberuf, als Lehrerin etwa, machte, müßte sie es mit Methode treiben. Die alten „Dekors“ von Meißen, Sevres, Wedgewood, Nymphenburg, Berlin, Kopenhagen, Delft, Japan waren schließlich nur ein unerläßlicher Grundstock, der einem geläufig sein mußte, wie das Einmaleins. Dazwischen gab es eine Menge von mehr verschollenen Stilarten, die nur irgend jemand wieder in Mode bringen mußte: die alten bäuerlichen Stücke aus Feuerbachs Porzellanfabrik in Bruckberg, die Sachen in Glastönen, die Ornamente, Altäre, Urnen, Opfersteine und Gestalten des Empire, dann die moderne Linienführung in van de Veldescher Art. Freilich zum Neu-Schöpfer wird der selten, der den langen Weg historischer Entwicklung durchlaufen hat. Aber es war ja nicht ihr Ehrgeiz, eine Revolution auf dem Gebiete des Porzellandekors hervorzubringen. Ach Gott nein — nein.
Leonore wusch ihre Pinsel in Terpentin aus, machte sie sorgfältig trocken und gab ihnen dann ein wenig Mandelöl, denn das Terpentin schadete den Marderhaaren, und die waren von großer Kostbarkeit.
Die Wortspeise, wie man abkürzend jene Pfarrerstochter mit den Suppentellern nannte, pinselte immer noch an den Passionsblumen eigener Zeichnung.
„Nun, Fräulein Eichhorn, müssen Sie heute noch fertig werden?“
Fräulein Eichhorn benutzte die Ansprache, um etwas, das sie auf dem Herzen hatte, anzubringen. Ob Leonore sich nicht an den sonntäglichen Kindergottesdiensten beteiligen wolle. Es fehle an Kräften, besonders, seit irgendeine Dame die Stadt verlassen habe. „Herr Kandidat Auerochs hält die Vorbereitung; wenn Sie sich anschließen wollten, Fräulein Wolfferstorff, ich gehe direkt von der Stunde aus in die Vorbereitung. Herr Kandidat Auerochs ist gerade bei der Aussetzung des Moseskindes, und was Ihnen von der Schöpfung bis dorthin fehlt, wird gewiß Herr Kandidat Auerochs so gut sein mit Ihnen durchzugehen, wenn Sie ihn darum bitten.“
Aber Leonore hatte keine Neigung, den unbekannten Kandidaten Auerochs um etwas zu bitten. „Ich eigne mich nicht dazu, Fräulein Eichhorn,“ sagte sie freundlich.
„Das dürfte doch erst Herr Kandidat Auerochs zu entscheiden haben, ob Sie sich eignen, Fräulein Wolfferstorff. Da wir so Mangel haben, wird er vielleicht an Ihrem kurzem Haar keinen Anstoß nehmen.“
O nein, Herr Kandidat Auerochs sollte nichts über Leonore zu entscheiden haben. — „Ich danke Ihnen, Fräulein Eichhorn. Ich habe eine etwas andere Richtung, wenn Sie erlauben.“
Fräulein Eichhorn sah Leonore kühl und verächtlich an. „Ich hielt Sie für ernst gesinnt,“ sagte sie achselzuckend.
„Ernst gesinnt? Was meinen Sie damit? Halten alle ernstgesinnten Menschen Kindergottesdienste?“ — Und sie dachte an jene Clemence, die apart und leer gewesen war, Kindergottesdienste hielt und einen lachenden Gestütsdirektor geheiratet hatte.
„Ernst gesinnt sein, heißt, sich zur Kirche halten und seine schwache Kraft in ihren Dienst stellen.“
„Glauben Sie, daß schwache Kräfte Ernst in sich haben?“
„Wenn nur die Gesinnung ernst ist, die Kraft mag dann auch schwach sein.“
„Kraft heißt doch Stärke. Wie können Sie das Allerpositivste immer zu etwas Relativem machen? Kraft oder Schwäche — aber nicht schwache Kraft und starke Schwäche.“
Eine muntere Blondine rief aus einer Zimmerecke herüber: „O, Fräulein Leonore, ich fürchte, ich fürchte, wir haben beide eine starke Schwäche — und zwar für Zigaretten.“
Leonore hielt es sogleich mit der Blonden, die sie auslachte. Es ist schöner, über jemandes Eifer beruhigend zu lachen, als ihn an dem Sterilen zu erhitzen. Aber weil Leonore nicht eine so selbstgerecht-hilflose Eichhornin kränken wollte, sagte sie noch einmal: „Seien Sie heilfroh, daß ich nicht mitkomme. Ich würde die einige Gemeinschaft sehr stören.“
Doch Fräulein Eichhorn packt heftig ihre Sachen ein und hörte nicht mehr auf Leonore. Die ging mit der Blonden ein paar Straßen weit. Dann war Leonore allein.
So einen warmen Dezembertag hatte es schon lange nicht gegeben. Man konnte sich beinahe in den Englischen Garten setzen. Hei, das mußte fein in Nymphenburg werden. Die Baronin Müller ging mit. Was hatte wohl Wredegast mit den sonderbaren Worten gestern abend gemeint? Wie? Vielleicht hatte die Baronin wirklich eine Mundkrankheit — nein, sie sollte sie nicht wieder küssen.
Als Leonore die Treppe hinauf kam, hörte sie Wredegast eifrig mit der „Beamtenswitwe“ Bendler sprechen. Er redete ganz aufgeregt. Sie hörte: „Frau Grenzoberaufseher zu Pferd, mein Ofen riecht, als ob man ein Dienstmädchen darin verbrannt hätte — ein Dienstmädchen samt all seinen Küchentoiletten.“
„Jesmaria nd Joseph, a Dienstmädel is verbrennt? Mit die Kleider?“
„Nein, es riecht bloß so, mein Ofen riecht so. Die Theres hat ihn mit einem alten Unterrock angezündet, ich schwöre.“
„Die Theres hat an Unterrock verbrannt, schämas Ihnen, Herr Wredegast — daß Sie so was wissen.“
„Es riecht so,“ rief Wredegast immer aufgeregter. —
Leonore kam lachend auf den Flur. Alfred Wredegast nötigte sie in sein Zimmer. „Ich kann diesen verbrannten Dienstmädchengeruch nicht aushalten. Ich bin doch nicht Zola, dem es wohl dabei wäre.“
Die Bendler schnüffelte. „Also, wer das da riecht — no, ich sag nix. Es ist ein Ofen, der schon Jahr lang seine Dienste tut — Jahr lang, sag ich.“
Leonore untersuchte das eiserne Unglück. Es steckte über und über voll Asche, und der Rauch quälte sich durch einen Sprung im Gußeisen.
Man holte die noch vorhandene Therese (gesprochen Deeres). Der Schaden wurde geordnet. Aber während des ganzen Mittagessens redete Wredegast davon. Er fürchte sich vor seinem Zimmer, er könne das verbrannte Dienstmädchen nicht mehr riechen. Es peinige ihn. Er habe im Pitaval gelesen — und nun folgte eine Geschichte nach Frau Bendlers Herzen.
Wredegast lief Leonore zu Planck-Müller nach. Er wolle eingeladen sein, mit nach Nymphenburg zu gehen, er könne nicht bei dem verbrannten Dienstmädchen bleiben. —
Freyer kam allein. Seine Begleiter seien abgehalten worden. Da war es allen lieb, daß Wredegast mitging. Als Dritte fühlte sich Iphigenia von Müller nie wohl. —
Ein weißes hohes Schloß — ein ungeheures Rondell durch weiße Häuser darum gebildet. Die Häuser haben zuweilen das gebrochene französische Dach, vornauf den griechischen Giebel. Es ist sehr still da, und nur die Distinktion aller Linien und Flächen bewahrt den Platz vor dem Eindruck der Öde. Man geht durch den offen gehaltenen Teil des Erdgeschosses vom Schloß. An breiten Freitreppen vorüber. Da ist ein weiter Garten. Ein Wasserbecken mit steinernen Bildern ringsum. Hohe Bäume zur Seite.
Leonore war entzückt. Sie ließ sich von dem Professor die Entstehungsgeschichte des Schlosses erzählen. Ließ sich weiter in den Park führen. Wredegast ging andere Wege mit Iphigenia Baronin Müller.
Da war ein griechisches Tempelchen hinter einem Teich. „Ein Freundschaftstempel,“ sagte Freyer. „Das waren schöne Zeiten, als man sie baute. Heute gibt es keine Freundschaften mehr.“
„Wie?“ sagte Leonore heftig, „heute gibt es keine Freundschaften mehr?“
„Haben Sie denn eine Freundin?“
„Nein — einen Freund.“
„Erzählen Sie mir doch.“
Und sie erzählte von Vitus Kelt. Warm, herzlich erzählte sie von Vitus Kelt. Auch von Dankmar Kurtzen und Klemens. Aber das waren doch mehr Gespielen gewesen. Ein wirklicher Freund blieb nur Vitus Kelt.
Ernsthaft hörte der Professor zu. Sie nannte in ihrer Erzählung auch Kapellendorf. Er bat sie, wieder ein wenig von der Heimat zu sprechen. Und sie vergaß ganz, daß sie als kleine Schülerin mit einem berühmten Professor ging — sie redete wie mit einem Kameraden. Immer mehr wollte Freyer wissen, es wurde schließlich Leonores Familiengeschichte daraus.
„Sie haben mich überzeugt, Fräulein Leonore, Sie verzeihen, der Name ist so schön, man spricht ihn so gern aus, ich darf doch so sagen? Oder ist er nur für Ihre Freunde?“ Richard Freyer beugte sich ein wenig herunter. „Dann lassen Sie mich so sagen, wie Ihre Freunde Sie nennen! Ja, Sie haben mich überzeugt, daß es noch Freundschaften gibt.“
Wredegast und die Baronin Müller kamen herzu. Sie hörten das letzte Wort.
Iphigenia griff es lebhaft auf. „Wir leben ja in einem neuen Zeitalter der Freundschaften, lieber Professor. Sehen Sie sich doch nur unter den jüngeren Menschen um. Die besten, die feinsten unserer Jugend sehen ihr höchstes Gefühl in der Freundschaft. Ist es nicht so, Herr Wredegast?“
Der nickte. „Unsere Zeit hat nur herbere Formen als die sentimentale Freundschaftsepoche des vorigen Jahrhunderts.“
Freyer strich seinen kurzen, eckig sich zuspitzenden Vollbart. „Ich habe wohl ein wenig zu lange über Büchern gesessen und kenne die Zeit nicht mehr.“
Er blieb an Leonores Seite. Er sprach von seiner Studentenzeit — von Jahren voll Not und Freude in Berlin. Ja, und lange sei seine Frau tot. Viele Jahre. Kinder hatten sie nicht gehabt. So lange die Frau lebte, wäre es sehr gesellig bei ihnen gewesen. Seitdem lebe er nur der Wissenschaft — ja, und als Hochschullehrer käme er ja viel mit der Jugend zusammen — aber es sei doch eine Trennung; wenn man auch Vertrauen erführe, ein gewisser Rückhalt bliebe doch.
Leonore ließ sich das in Ruhe erzählen. An einer Haltestelle verabschiedete sich Freyer. —
Die Baronin von Müller forderte im Hause Leonore auf, den Tee mit ihr zu trinken. Ob auch Wredegast Lust habe? O gewiß, ja.
Iphigenia von Müller eilte heftig, ziellos im Salon umher. Sie suchte im Bücherschrank nach Kakes, im Schreibtisch nach Tassen, besann sich aber dann, daß sie nach alledem ja nur zu klingeln brauche. Nachdem sie sich dazu entschlossen hatte, kam der Tee zustande.
Iphigenia redete noch von Freundschaften. O, es wäre ja wunderschön, wenn Leonore sich mit Freyer befreunde. Ein solcher Charakter, ein solcher Gelehrter, ein Kind, eine Seele von einem Menschen. Ja, sie würde sich herzlich freuen, sie würde sagen, das ist wohlgetan, wenn Leonore wirklich einen wahren Freund in Freyer fände. Und Nacka, auch sie würde es reizend finden. Und ob es nicht auch Herr Wredegast — „Herr Wredegast, Sie sagen gar nichts. Und es ist doch etwas so wahrhaft Seltenes, Schönes — denken Sie doch nur an Wilhelm von Humboldt und die Briefe an eine Freundin —“
„Sie sind nicht amüsant,“ sagte Herr Wredegast.
„Wie?“
„Die Briefe,“ wiederholte der junge Mann bedächtig.
Iphigenia Baronin Müller war seit Jahren bemüht, seit sie unter Künstlern lebte, die Gewohnheiten ihrer Art abzulegen. So vor allem, sie erwartete auch Antworten. „Was würden Sie sagen, wenn Freyer und Leonore Freunde würden?“
Alfred Wredegast lächelte, sah wie eine Spitzmaus aus und sagte leise und melancholisch: „Oh Maria Stuart, würde ich sagen.“
Leonore saß und aß Kakes, denn sie war hungrig. Auch wurde man nicht geküßt, während man aß.
**
*
Der Winter war schon weit vorgeschritten, und Leonore hatte das Einmaleins der historischen Porzellandekors schon mit der Sicherheit des Jongleurs in den Händen. Eigentlich hätte sie Ostern nun nach Hause gehen können. Aber alle redeten ihr zu, noch ein wenig „zu studieren,“ — und sie fand es selbst schön, in dieser Stadt der Anregungen noch den Sommer über zu bleiben. Vorerst war es ja immer erst Februar.
Wredegast und Tucher fanden es nicht gut, daß Leonore nur ein schlichtes Kunsthandwerk trieb. Sie vermuteten unentwegt eine selbständige Künstlernatur in ihr und waren der Meinung, sie dürfe jetzt nicht draußen auf dem Lande Stunden geben und Tassen und Vasen malen. Herr Tucher behauptete, Leonore vermöchte zu dichten, Herr Wredegast sah ein Bühnentalent in ihr. Sie ließ sich aber nicht verführen, Gedichte zu machen oder Rollen zu lernen, sondern arbeitete tapfer und brav im Atelier des königlich privilegierten Porzellanmalers Fockendanz weiter.
Herr Wredegast aber wollte ihr das herrliche Leben der Bohême zeigen. Hier bei Bendler mußte man ja leben, als wollte man einst „Keeniglicher Biamter“ werden — und bei Planck-Müller war eigentlich ein feudaler Haushalt. Leonore möge doch einmal mit in ein Nachtcafé kommen — dort, wo alle Berühmtheiten aus der Jugend, dem Simplicissimus und der Sezession zu sehen wären, würde sie den Reiz des Künstlerlebens begreifen lernen.
Er sagte das im Salon Planck-Müller zu Leonore, und Planck-Müller waren bereit, sich auch einmal einen Abend lang wieder zur Bohême hinab zu neigen und mit in das Café Simplicissimus zu gehen.
Man brach denn um zehn Uhr auf, durchwanderte zugige, eiskalte Gassen und kam endlich in ein Lokal mit rot erleuchteten Fenstern, aus dem schon auf die kalte Gasse heraus ein quälender Lärm drang.
Wredegast führte seine drei Damen durch nebeldicken Rauch zu einem Tisch. Nach einer Weile vermochte Leonore auch zu sehen, und sah viele Tische voll Herren und phantastischer Damen. Ein Klavierspieler, den man Herr Professor nannte, wimmerte La Paloma herunter, ein Herr spielte dicht daneben auf einer Ziehharmonika ein ganz anderes Stück, eine dritte Melodie klang von einer Querpfeife aus der Ecke, und am Tisch neben den Neuangekommenen versicherte eine Dame in Schwefelgelb sehr kläglich aus ihrer Betrunkenheit heraus, daß sie einst ein Kind von fünfzehn Jahren war.
„Hier werden Kulturwerte geschaffen,“ sagte Herr Wredegast melancholisch und dabei wie eine Spitzmaus lachend, und er winkte der Kellnerin. Das war eine stattliche Dame, vielleicht dreimal ein Kind von fünfzehn Jahren — sie begrüßt Herrn Wredegast — und dann leuchteten plötzlich ihre Augen auf: „Hab’ ich die Ehr’, Freiln Planck, gnä’ Freiln?“
Anastasia Planck rief munter: „Ah, Katti Kipferl, wie geht’s?“
„Ich danke der Nachfrag’, gut. Und Ihnen — ach ’s ist lang, wissen Sie noch gnä Freiln, in der Isarau — das waren Zeiten.“
Nacka Planck erinnerte sich. „O ja, Katti Kipferl, sagen Sie mal, was ist denn da aus der Kleinen geworden, wissen Sie, die mit den sanften Rehaugen, die so jung war?“
Katti Kipferl nahm eine wehmütige Haltung an. Sie sagte, als spräche sie Unaussprechbares: „Is a Wassermädel worn, gnä Freiln, im Stephanie a Wassermädel.“
Leonore begriff nichts. Anastasia wiederholte jetzt voll Trauer, wie wenn es sich um eine Wasserleiche handelte: „Ein Wassermädel. So.“
„Ja,“ stöhnte Katti Kipferl, „no ja, wie’s halt geht — hat a Kloans g’habt — ja, wenn mers so bedenkt, a Wassermädel!“
„Schrecklich,“ sagte Nacka und ihr Gesicht verzog sich wie in Gram. Im selben Augenblick schüttelte sie sich: „Katti, bitte, eine Heidsieck — trocken.“
„Sogleich, gnä Freiln.“ Auch Katti verlor in Sekundenschnelle die Melancholie und eilte nach Sekt.
„Und Zigaretten,“ rief die Planck.
Der Klavierspieler wimmerte immer noch La Paloma.
„Herr Wredegast, bitte — sagen Sie doch dem Kapellmeister, er soll die schöne blaue Donau spielen, und bestellen Sie ein Viertel Wein für ihn — wenn er es lieber in Geld hat, auch recht.“
Herr Wredegast war kaum enteilt, als schon die blaue Donau klang. „Und sonst was Hübsches,“ rief die Planck, „die Alpenkönigin, das Edelweiß. Kommt, Kinder, wir wollen lustig sein — hierher Katti Kipferl — so — gut — trinkt Kinder, wir wollen lustig sein — so ein Walzer, der macht Erinnerungen —“
Sie stieß Leonore an. „Leonore gehen Sie doch aus sich heraus — gehn Sie aus sich heraus.“
Alfred Wredegast brachte einen Herrn. Er hatte Lieder aus dem Rinnstein gedichtet und war sehr berühmt.
Er redete mit Leonore. „Sie sind Thüringerin?“
„Ja.“
„Aus welchem Ort denn?“
„Kapellendorf bei Weimar.“
„So so. Aus klassischen Landen. Hm. Wieviel Einwohner hat denn dieses Weimar?“
„Dreißigtausend.“
„So. Ist auch Militär dort?“
„Ja.“
„Husaren?“
„Ich weiß nicht.“
„Leonore,“ flüsterte Nacka Planck, „gehn Sie doch aus sich heraus.“
Aber der Dichter hatte schon genug. Die Baronin Müller redete von der anderen Seite heftig auf ihn ein. Es kam noch ein Herr. Von dessen Genie wurde erst das Weltumstürzende erwartet. Er konzentrierte sich noch.
Auch er redete zuerst mit Leonore, was sie sehr unhöflich fand, da doch die reifern Damen zunächst zu bedenken waren. Der sich konzentrierende Herr fragte: „Kommen Sie oft hierher, gnädiges Fräulein?“
„Nein, zum erstenmal.“
„Dann haben Sie noch keinen Kummer gehabt?“
„Wieso denn?“
„Wir gehen hierher, wenn wir Kummer haben.“
„O, hierher?“
„Wir zerstreuen uns. Äußerlich — und innerlich feiern wir den Kummer. Wo gehen Sie hin, wenn Sie Kummer haben?“
In den Garten — in den Wald, wollte Leonore sagen, aber es fiel ihr ein: hier hatten ja die Leute weder Wald noch Garten.
Nacka mischte sich rettend ein. „Wenn man Kummer hat, Herr Strom, wenn man Kummer hat und so ganz allein und verlassen sich fühlt — man trinkt Sekt, Herr Strom — oder, was besser ist, man fährt mit dem D-Zug tausend Kilometer. Irgendwo ist ja doch immer jemand, der uns liebt.“
„Irgendwo ist ja doch immer jemand, der uns liebt,“ wiederholte Herr Strom. „O, nur wissen wir es oft nicht.“
„Das ist es,“ wiederholte Wredegast. „Wir wissen es oft nicht. Wir ahnen es nur.“
Es waren alle sehr erschüttert, daß irgendwo Menschen waren, die sie liebten und sie wußten es nicht. Sie ahnten es nur.
Die Schwefelgelbe nebenan schrie plötzlich auf Wedekindisch: „Ich hab’ meine Tante geschlachtet, meine Tante war alt und schwach.“
„Sie hat einen großen Kummer,“ belehrte Herr Strom — „sie sucht Lethe. Da brüllt sie, daß sie ihre Tante geschlachtet hat. Ach, wenn es nur das wäre, woran wir leiden!“
„Pfui Teufel!“ rief Nacka Planck, „ein so plebejischer Kummer wie ein Tantenmord — nein, da gehört man ins Kriminal.“
„Es war vielleicht ein Kindesmord“ — sagte Herr Strom sanft — und sah traurig auf die Schwefelgelbe.
Ein Kindesmord? — Man vergaß einen Augenblick zu rauchen und zu trinken. „Ja, sind wir nicht Herren über Leben und Tod!“ fragte Strom. „Darf der Schöpfer nicht auch Vernichter sein? Ich kann das Werk meines Geistes, das Primärste, was ich hervorbringen kann, verbrennen. Warum soll nicht das Sekundäre, das Kind, meiner Gerichtsbarkeit unterstehen?
Erst in dem Augenblick, wo sein Geist oder seine Seele mündig, produktiv geworden ist, beginnt sein Eigenleben. Bis dorthin ist es mein Sklave.“
Die Planck schwieg. Die kühnsten Revolutionärinnen, die das Mannsbild so von Herzen hassen, werden oft sentimentalisch, wenn sie von kleinen Kindern hören.
Plötzlich fragte Herr Strom souverän nach Nacka Plancks Herkunft. „Sind Sie Jüdin?“ fragte er.
Nacka Planck schnellte fast in die Höhe. „Jüdin? Griechische Katholikin bin ich.“
„O,“ sagte Herr Strom mitleidig — „ich meine nicht die Konfession — ich meine die Rasse. Sie können so furchtbar traurig aussehen, wie es eigentlich nur die Möglichkeit der Semiten ist. Es würde mich nicht wundern. Sie haben eine so merkwürdige Anziehung — nur Wesensfremde, Heterogene ziehen sich in dieser Weise an.“
Nacka Planck sagte etwas gereizt, es wäre gewiß sehr amüsant, wenn jeder diese Nacht seine Familiengeschichte erzählte, aber man müßte jetzt doch bald nach Hause. Im übrigen, sie sei rein arischer Abkunft.
Worauf Herr Strom sich verabschiedete. Aber Wredegast wollte noch nicht gehen. Er wiederholte das Wort des Bekannten: Irgendwo liebt uns immer jemand, und wir wissen es nicht.
Und er erzählte eine Geschichte. Er war in Norwegen gewesen und hatte acht Nächte nicht geschlafen. Acht Nächte lang hörte er den Sturm flüstern: komm zu mir. Bis er endlich, wie von einem Dämon getrieben, nach Berlin zurückreiste, wo er damals studierte. Und da hörte er: ein junges Mädchen, eine Bildhauerin, die ihn geliebt hatte, der er Kamerad gewesen war, hatte Gift genommen. Und acht Tage und Nächte litt sie daran, bis sie endlich tot war. Und ihre Freunde hatten sie immer flüstern gehört: komm zu mir — komm zu mir! Komm zu mir, komm zu mir, sagte sie mit ihrer armen, zerbrochenen Stimme. Und die andern vergingen vor Kummer, und niemand wußte, wen man rufen sollte. Niemand wußte es. Und sie konnte den Namen nicht mehr sagen. Niemand konnte ihr helfen. Und ich hörte acht Tage lang den Wind flüstern, komm zu mir, komm. Und erst als sie tot war, fanden sie einen Brief an mich. O, ich kann nicht weiter sprechen, ich darf nicht an den Brief denken, er zerreißt mir das Herz.
Und Alfred Wredegast wurde bleich — und Leonore dachte, wie sehr er leidet. Nebenan brüllte kreischende Musik. Nacka Planck starrte Wredegast an. Ihr Gesicht war verzogen vor Gram. Sie drückte die Hände vors Gesicht, ließ sie sinken und sagte mit tiefer Stimme: „Was Sie uns da erzählen, Herr Wredegast, bewegt mich tief. Ja, es bewegt mich tief, Herr Wredegast.“ Sie schüttelte sich — rief in einem Atemzug mit hellem Ton, mit frohem Gesicht: „Katti Kipferl, zahlen!“
Man ging. Leonore war es ganz wirr im Kopf. Sind es alle Komödianten? dachte sie.
**
*
Am andern Tag bat Iphigenia um Leonores Besuch. Sie sei krank, sie habe Migräne, sie fürchte sich. Nackchen wäre im Atelier — Nackchen hätte ja nie Zeit für sie. Und sie fühle sich erbarmungswürdig. Ob Leonorchen denn nicht etwas bei ihr bleiben möchte.
Gewiß, Leonorchen wollte bleiben, wenn die Baronin doch so krank war. Die Baronin legte sich auf einen Diwan und ließ sich mit Decken und Kissen einbauen.
Dann besann sich Leonore, was es für Mittel gegen Kopfschmerzen gibt, und zählte sie auf: Riechsalz, Brausepulver, Magentropfen, heiße Umschläge, Zitronensäure äußerlich und innerlich, ferner Kaffee, ein stark kohlensaures Getränk, oder aber ein Apothekermittel: Koffein, Migränin, Antipyrin, Aspirin, Phenazetin, Zitrophen, Morphium.
„O Gott,“ fragte Iphigenia ganz erschüttert, „woher wissen Sie denn so viele Mittel?“
„Meine Großmutter leidet an Migräne.“
„Ihre arme Großmutter leidet an Migräne? Wie schrecklich. Das kehrt nämlich sehr oft bei den Enkeln als Geisteskrankheit wieder. Ja, oder als eine für die betreffende Rasse ungewöhnliche Erhöhung der psychischen und intellektuellen Kräfte.“
„O,“ sagte Leonore, der der Wahnsinn noch den Beigeschmack des Genialischen oder mindestens Interessanten hatte — „wirklich, ist das so?“
Die Baronin Müller gab eine etwas phantastische physiologische Erklärung. Immerhin, Leonore bewunderte dieses Wissen und fand es anziehender als Zärtlichkeiten.
Die Baronin beschäftigte sich aber wieder mit den eigenen Kopfschmerzen — wünschte es mit Zitrone zu versuchen, und Leonore wandte das Mittel an: äußerlich Befeuchtung der Kopf- und Stirnhaut mit Zitronensaft, innerlich Zitronensaft in Brausepulver. War es nun das Mittel, war’s der Glaube, bald fühlte sich Iphigenia wohler.
„Was sind Sie für ein liebes Kind, Leonorchen, Nacka hat für solche Dinge gar kein Verständnis. Sie ist nie krank, außer beim Zahnarzt hat sie noch nie Schmerzen gehabt, und sie rät immer Spazierengehen gegen Migräne. Ja, in einem Zustand, wo jeder Schritt eine Qual ist, rät sie Spazierengehen!“
„Sehr gesunde Menschen verstehen Krankheiten gewöhnlich gar nicht. Sie haben eine Art Haß dagegen. Haben Sie das noch nicht bemerkt, Iphigenia — so ganz gesunde egoistisch-starke Menschen wenden sich immer von Kranken ab. Kopfschmerzen sind ja nun keine Krankheit. Aber diese egoistisch Starken fühlen Kranke wie Feinde, oder wie Minderwertige. Sie gehen sie nichts mehr an.“
Iphigenia dachte nach. Leonore schaute sich so lange in dem Schlafzimmer um. Es war zugleich Ankleideraum — und alle Einrichtungen für eine raffinierte Reinlichkeit standen zur Schau. Ein Waschtisch mit warmer und kalter Leitung — der Boden darunter mit Zinkblech ausgeschlagen — mit Abflußröhre. Ein Sortiment von Schwämmen, Frottierlappen, Handtüchern, Bürsten und Seifen, und Toilettewässer wie ein Regiment Soldaten. Alle Javole und Odole der Welt — ein Kamm- und Bürstenlager — gerade, gebogene, gekrümmte Zahnbürsten, Zungenkratzer zur Wahl, eine vielteilige Nagelgarnitur — das alles stand blitzblank da. O, man konnte beruhigt sein, Iphigenia pflegte ihren Körper — aber wenn sie jeden Morgen, Mittag und Abend mit sechs Zahnbürsten in den Mund fuhr, gewiß zerriß sie die Lippen damit.
Iphigenia war mit dem Nachdenken fertig. Sie sagte: „Leonore, Sie sind sehr klug für Ihre Jugend. Was Sie da von Gesunden und Kranken sagten, leuchtet mir sehr ein. Kommen Sie doch her zu mir, liebes Kind, setzen Sie sich zu mir auf die Ottomane. So — so ist es gut. Geben Sie mir Ihre Händchen —“
„Es ist eine Hand,“ lachte Leonore. „Nummer 6½. Es ist wirklich eine Hand.“
„Also die Hand, wenn Ihnen das besser gefällt.“
Plötzlich weinte die Baronin. Weinte und drückte sich an Leonore. „Ich bin so unglücklich, Leonore, so schrecklich unglücklich.“
„Aber, liebe Iphigenia — was ist denn? Soll ich Anastasia rufen? Haben Sie schlechte Nachrichten von dem Baron?“
„O nein — nichts von beidem. Bleiben Sie — Kind, gehen Sie nicht fort. Es ist — ich fühle, wie Nacka von Tag zu Tag kälter gegen mich wird — wie sie meiner überdrüssig wird. Ja, und einmal, da hatte sie Freundschaft für mich. Und nun — was hat sie Ihnen gesagt, Leonore, was hat sie Ihnen gesagt?“
„Ob ich sie heute besuche, hat sie mir gesagt, sonst nichts.“
Die Baronin seufzte: „Es ist also so weit, daß sie gar nicht mehr von mir spricht. Ich existiere nicht mehr für sie.“
Alles wird Frau von Müller zum Unglück, dachte Leonore, und sie sagte: „Wir wissen es doch, daß Nacka Sie sehr gern hat — man sieht es doch aus Ihrem ganzen Zusammenleben — aus Ihrer gemeinsamen Lebensführung — man fühlt es an dem Behagen, das von Ihrem Heim ausgeht.“
„Wie hübsch Sie das sagen, liebes Kind. Man könnte es fast glauben. Aber Sie täuschen sich. Ach, es ist nicht mehr wie früher. Hören Sie — ich glaube, sie will mich forthaben. Ich langweile sie mit meiner Eifersucht.“
„Dann würde ich nicht mehr eifersüchtig sein, Iphigenia.“
„Dann würden Sie nicht mehr eifersüchtig sein? O, liebes Kind, waren Sie jemals eifersüchtig?“
Leonore dachte an den Tierarzt, an den Vetter Paul. War das Eifersucht gewesen? Wohl nur Enttäuschung. „Ich war ein Kind,“ sagte sie. „Was weiß ein Kind.“ — Leonore redete wie ein alter Weiser: „Es gibt gewiß oft Differenzen zwischen zwei so verschiedenen Naturen, wie Sie und Anastasia sind. Ist das nicht einfach Naturnotwendigkeit? Sie sind beide so temperamentvoll — und das lieben Sie gewiß auch aneinander. Man hat seine Freunde doch so lieb, wie sie sind.“
„Sie wollen doch wohl nicht sagen, daß man an seinen Freunden auch die Untreue lieben soll?“
Leonore dachte: Untreue Freunde — waren das Freunde? Oder ist es natürlich, daß alles sich ewig wandelt? Sie und Vetter Klemens, als er sie damals hier mit Dankmar besuchte, hatten sich doch jetzt gar nichts mehr zu sagen gehabt — es ist die Zeit, die Entwicklung, die die Menschen auseinander bringt. Man hat sich nichts mehr zu sagen — ohne daß die Anteilnahme an dem Geschick des andern sich verlöre. Es ist besser, man sieht sich nicht wieder — man kann der Erinnerung freundlich gesonnen bleiben. — Und Leonore sagte: „Könnten sich nicht Beziehungen einfach überleben? Ich meine nicht, Ihre Beziehung zu Nacka habe sich überlebt — ich meine es rein akademisch, wie immer Tucher sagt. Es braucht nicht Untreue zu sein —“
Aber Frau von Müller hörte nicht auf akademische Weisheiten. Sie beugte ihr gerötetes, zerfahrenes Gesicht zu Leonore herüber und flüsterte: „Mein Mann liebt die Nacka Planck. Das ist mein Unglück. Ich bin zu ihr gezogen, um durch den täglichen Umgang ihr ähnlich zu werden. Aber sie mag ja gar nicht mehr meine Gesellschaft. Sie schließt sich im Atelier ein, widmet sich ihren Modellen und anderen Menschen. Sie war ehrlich traurig, daß mein Mann sich so vergaß. Sie bot mir an, bei ihr zu leben, bis eine Änderung einträte. Aber nun belästigt sie meine Dankbarkeit und ihre Gastlichkeit. Sie sagt mir in jeder Stunde des Alleinseins, ich gehöre zu dem Manne, weil ich ihn doch geheiratet habe. Und weil ich ihn noch liebe.“
Leonore begriff diese Zustände nicht sogleich. „Wie?“ sagte sie, „und um Nacka Planck ähnlich werden zu können, sind Sie böse, wenn Sie sich nicht jeden Augenblick allein haben? Deshalb sind Sie auf die Modelle eifersüchtig?“
„Ja,“ sagte die Baronin stupid. „Was haben Sie denn sonst gedacht?“
Leonore war sich darüber nicht klar. Sie brauchte auch nicht zu antworten, denn die Tür wurde aufgestoßen — Nacka Planck kam herein. Ihr Gesicht drückte Brutalität aus, ihre Haltung Zorn. — „Also hier — das ist ja hübsch. Du klagst wohl über mich?“
Die Baronin zitterte. „Nackachen, Liebste, ich war so elend — Lenorchen hat mich so schön gepflegt.“
„Du bist nicht krank,“ sagte die Planck hart. „Du wirst jetzt mit mir spazieren gehen. Haben Sie Lust, Leonore, mitzukommen?“
Doch Leonore war froh, entrinnen zu können. Sie sah noch, wie die Baronin gehorsam aufstand — ihre Überkleider suchte — und mit Blicken auf Nacka sah, wie sie ein geprügelter Hund hat — und zugleich voll Neugier. Sie dachte wohl, ob auch diese Pose Nackas den Baron Müller betören würde? — —
Leonore ging durch die Stadt. An hastenden, an bierseligen, an schimpfenden, an fremden Menschen vorbei. Sie aber sah nur das Festliche an dieser Stadt: die breiten, schön geformten Häuser, die von Heiterkeit und Genußfähigkeit sprachen, die schönen Bilder und Geräte an den Schauläden, die weiten Plätze. Sie sah nur die sichere Vornehmheit dieser Stadt, die von Künstlern erdacht worden ist. Sie kam durch die Straßen mit den Botschaftspalästen, mit den Häusern von Malern und Edelleuten. Kam an den Propyläen vorüber, die sie sehr liebte, und erreichte nach einer Weile das Siegestor. Der weiße Turm der Ludwigskirche leuchtete in den Vorfrühlingshimmel hinein. Die ganze Straße war erfüllt von diesem glänzenden, lebensvollen Weiß. O ja, das war wirklich eine königliche Straße.
Leonore bekam Lust, ins Freie zu gehen. Im Englischen Garten mußte es um die Zeit des Abends gut sein — ehe noch die Stadt ihre vielen Menschen aus der Arbeit entließ, ehe noch der Schutz der Dämmerung alle Laubnischen mit Gestalten füllte.
Sie ging über die weiten Rasenflächen, die schon frühlingsgrün waren, ging und stieg den Hügel zu dem Monopteros hinauf. Da war niemand. Einsam klang Leonores Schritt auf den Steinfliesen, die den griechischen Tempel umgeben. Sie setzte sich auf die Rundeinfassung — sah nach der Stadt. Eine weiche, verschleierte Luft zog um die Türme.
Leonore lächelte. Sie wußte nicht warum. Sie seufzte. Sie wußte nicht warum. Vom Himmel fiel ein leiser Regen. Dieser tändelnde, zarte, warme Frühlingsregen, der Gras und Knospen und Sehnsucht und unnennbare Ahnungen wachsen läßt, fiel auf ihre bloßen Hände und auf ihr Kraushaar, von dem sie die Mütze genommen hatte. Sie saß und dachte an große Taten und blaue Fernen und Liebesnächte von Pan und Erde. Ganz wirr war alles in ihr, so glücklich empfing sie den Frühling.
Da war auf einmal Freyer am Monopteros. Er hatte zu Ehren des Frühlings helle leichte Kleider an, und setzte sich neben Leonore.
Sie mochte ihn gern. Er war von charaktervoller Häßlichkeit — mager, brünett, muskulös, ohne alles Kleinliche in seiner Gesamterscheinung. „Der liebe Gott hat wieder einmal das Paradies erschaffen,“ sagte er, und er wies deutend mit der Hand auf den grünenden Garten um sie.
„O, das ist es — darum bin ich so froh,“ antwortete sie, und sie stand am Rand des Hügels und lächelte — stand am Rand des Hügels und lächelte und hob die Hand in tastender Bewegung zu ihrer Stirn. — „Ich wußte ja nichts — ich wußte nie, warum mich der Frühling immer so glücklich macht,“ sagte sie — „und nun ist es, weil in jedem Frühling das Paradies neu geschaffen wird — oder sind es wir, die es schaffen? Wir wissen alles lange, lange — und alles ist neu —“
Der Mann sah das junge Mädchen. Sah sie — sah ihren Körper voll Enthusiasmus, voll schwankender, taumelnder, willenloser Entzückung. Sie war schön. Schön wie der Überschwang. Sie war jung. Jung wie der Frühling.
Der Mann trat zu ihr. Er redete. Er fragte sie tausend Dinge. Und schließlich gingen sie zusammen nach Hause.
Alles um sie her glänzte, strahlte von dem Frühlingsregen. Wie von Silber überrieselt. Wie in Morgenkühle getaucht. Die Tropfen fielen den an den Büschen Vorüberschreitenden auf die Hände. Sie leuchteten an den Stämmen herunter. Und Leonore war so froh. Diese zärtlich verheißungsvolle anregende Frühlingsluft fühlte sie wie ein Jubeln des Blutes. Wie einen einzigen Rausch.
Und wie ein Rausch redete sie — sie redete, wie nur der Reine spricht, der nie von einem Weggefährten etwas Unfeines zu denken fähig ist, wie nur der Unberührte spricht, der noch nicht weiß, daß Schweigen die Rettung vor den Menschen ist: „Man sollte zum Frühling beten. Man sollte singend durch die Wälder ziehen — O, wissen Sie, wie das ist, wenn die Osterglocken durch Dämmerung und Stille läuten — und im Steinbruch die Palmkatzen ihre Pelze aufsetzen und alles ist so voll von Unaussprechlichem? Man weiß es ja noch nicht — und doch war es schön — man fühlt es nur — der Sturm kommt, der Frühlingssturm, der alles neu macht — O, wenn ich ein König wäre, ich wollte meinem Volke Frühlingsfeste schenken — allen Kindern und allen, die arm sind, wollte ich das Evangelium vom Frühling sagen — wollte sie weit fort von den Städten führen — in Talgründe, die blau sind von Veilchen, und wo die Himmelsschlüssel läuten — Und denen, die alt und müde sind, wollte ich sagen: wenn einst die Toten erwachen, so werden sie in einem Frühlingsgarten stehen und alles wird sie mit einem Blumenlächeln grüßen —“
„Und sollte das immer so bleiben, Leonore? Immer?“
„Ich weiß nicht — Wenn es immer wäre, könnten sie sich nicht mehr sehnen. Aber so lange wir auf der Erde sind, sehnen wir uns doch, und da ist es gut, an Erfüllung zu glauben. Den Sommer — o, den Sommer wollen wir auch. Wenn die Felder weiß sind — und Ungewitter ins Tal hinunter ziehen — oder wenn die sturmbange Stille über dem Land liegt — ja, vielleicht soll im Himmel auch ein ewiger Sommer sein. Wenn ich einmal König bin, will ich den Menschen versprechen ...“
So fabelte sie. Und der Mann neben ihr sah sie unverwandt an. Denn sie war jung. Jung wie der Frühling. Denn sie war schön. Schön wie der Überschwang. — —
**
*
Ein paar Tage später war Leonore wieder im Englischen Garten. Sie hatte ein wenig die Zeit vergessen und es dämmerte schon, als sie sich endlich auf den Heimweg besann. Leonore war zum ersten Male bis zum Aumeister hinaus gegangen, und nun ergab sich, daß sie den Rückweg nicht richtig wußte. Sie sah nach der Uhr: in einer Viertelstunde sollte sie bei Planck-Müller zum Abendbrot sein. Sie mußte sich also beeilen, denn bestenfalls hatte sie auf dem direkten Weg noch Dreiviertelstunden zu gehen. Sie lief und lief — und merkte plötzlich, daß sie im Kreis herumgegangen war. Da entschloß sie sich, den nächsten Menschen, der ihr begegnen würde, anzureden und zu fragen. Und so wandte sie sich an den Nächstbesten, der des Weges kam.
Es war ein Herr in mittlern Jahren, der ihr freundlich Bescheid gab und sagte, er habe denselben Weg, sie möchte nur mit ihm kommen. Sie war ein wenig ratlos, dachte aber: sobald ich wieder in einer mir genau bekannten Gegend bin, schlage ich einen andern Weg ein.
Der Fremde plauderte Alltägliches: daß er München noch nicht näher kenne, daß es aber als lustige Stadt bekannt sei, und so weiter. Leonore antwortete kaum; sie fühlte ein gewisses Unbehagen und wußte nicht, woher es kam. Auch schien ihr der Weg, den man ging, durchaus nicht der Stadt zuzuführen.
„Sie wissen wohl selbst den Weg nicht, da Sie hier fremd sind. Ich danke Ihnen, ich werde mich jetzt zurecht finden.“
In diesem Augenblick fühlte sie sich von hinten gepackt — umschlossen, und sie fühlte den bärtigen Mund des Fremden auf ihrem Gesicht. „Süßes Mädel — ich führ’ dich auch zum Soupieren.“
Mit aller Kraft, deren sie fähig war, stieß sie den Fremden weg. Sie rief, so laut sie konnte, um Hilfe. Da rannte der Fremde davon. Denn an der Wegbiegung tauchten einige Personen auf. Die nahmen sich Leonores an.
Von Ekel geschüttelt kam sie nach Hause. Sie hatte nur den Gedanken und Wunsch: sich zu waschen. Frau Bendler sagte, schon zweimal sei Nacka Planck oben gewesen, nach ihr zu fragen. Man wäre unten schon bei Tisch. Da kam Nacka Planck noch einmal. Sie war nicht Leonores Vertraute — Leonore schämte sich, ihr das häßliche Erlebnis zu erzählen. So ging sie wirklich noch mit hinunter.
Das Eßzimmer war durch eine Glaswand von einem Vorraum getrennt. Und da sah Leonore die Versammlung — sah neben Iphigenia von Müller den Mann, der sie vor einer Stunde geküßt hatte.
„Wer ist dieser Mensch, Nacka?“
„Iphigenias Mann — er kam heute mittag hierher.“
Leonore lief hinaus. Nacka hinter ihr. „Was haben Sie denn?“
„Ich bin so gräßlich unwohl — Migräne — Übelkeit — ich muß zu Bett.“
Leonore lief in ihre Stube, schloß sich ein, sie wollte keinen Menschen mehr sehen. Sie dachte nur: Ich muß hier fort, ich will nach Hause. Ich kann weder der unglücklichen Iphigenia noch dem Manne wieder begegnen.