IV.
Heimkehr.
Liebe Leonore,
ich wollte Ihnen heute die Bücher bringen, von denen wir gesprochen hatten, und erfuhr dabei von der Frau, daß Sie ganz plötzlich abgereist wären. Sie wußte nicht den Grund. Auch Anastasia Planck konnte mir nichts sagen. Ich fürchte, Sie haben schlechte Nachrichten von zu Hause erhalten, und es tut mir leid, Sie in Sorge denken zu müssen. Antworten Sie mir doch, bitte, wenn es auch nur mit einigen Zeilen ist. Und vergessen Sie nicht zu sagen, wann Sie wiederkommen. Denn ich warte sehr darauf, meine liebe junge Freundin. Die Stadt kommt mir ganz leer vor, seit Sie fort sind.
Herzlich
Ihr Richard Freyer.
Lieber Herr Professor,
ich danke für Ihren Brief. Ich habe keine schlechten Nachrichten bekommen, ich bin nur heimgegangen, weil ich mich allein gefürchtet habe. Großmutter meint auch, ich soll nur bei ihr bleiben, ich habe ja doch so viel, so wenig, wie man will, gelernt, daß ich malen und Stunden geben kann.
Es war sehr schön in München, aber ich kann jetzt nicht wieder hin. Sie waren immer gut zu mir, lieber Herr Professor, und es ist mir sehr leid, daß ich Ihre Vorträge nicht mehr hören kann.
Geht es Ihnen gut?
Ihre dankbare
Leonore Wolfferstorff.
Liebe Leonore,
warum schreiben Sie mir so anders, als Sie sprechen? Ich will nicht ein Herr Professor für Sie sein, sondern Ihr Freund. Bin ich Ihnen dafür zu alt mit meinen vierzig Jahren? Ich kann mich ja leider nicht in einen Kelt, nicht in Kurtzen und Klemens verwandeln. Kann ich nicht trotzdem Ihr Freund sein? Was Sie mir schreiben, Liebe, macht mir nachträglich Sorge. Hat Ihnen jemand Böses getan? Sagen Sie mir, das darf nicht sein, das darf nicht ungeahndet bleiben. Wenn dies der Grund ist, warum Sie nicht wieder zurückkehren wollen, so soll er beseitigt werden. Verlassen Sie sich auf mich. Sie haben keinen Bruder, und Sie müssen mir erlauben, hier als Bruder für Sie einzustehen. Sie brauchen hier niemand zu fürchten, dafür lassen Sie mich nur sorgen.
Sagen Sie Ihrer Frau Großmutter Empfehlungen von mir. Ich kann mir denken, daß sie Freude hat, ihre Enkeltochter wieder bei sich zu haben.
Und antworten Sie mir sogleich.
Herzlich
Ihr R. Freyer.
Lieber Freund,
ich nenne Sie gern so, wenn Sie es erlauben. Sie sollen auch gar nicht denken, daß Sie dazu anders sein müßten, als Sie sind.
Aber nach München kann ich nicht wieder — und ich kann auch den Grund nicht sagen. Verzeihen Sie und haben Sie Dank für Ihre Fürsorge — es ist nichts geschehen, was man „ahnden“ sollte. Grüßen Sie auch Tucher und Wredegast von mir. Sie haben mir zusammen geschrieben, aber ich weiß nichts Lustiges darauf zu antworten.
Die Großmutter läßt Sie grüßen. Sie ist recht alt geworden diesen Winter. Aber manchmal geht sie doch mit mir in den Garten und freut sich an den Veilchen. Uns Thüringern ist das ja eine so heimatliche Blume.
Sie wissen doch, Goethe hat sie überall gesät, wo er war — in Gärten und ins freie Land.
Sie werden wohl nun bald nach Florenz gehen, ich bin sehr stolz, daß ich durch Ihre Vorträge mit den alten Kunststädten Italiens nun so gut Bescheid weiß.
Grüßen Sie auch den Monopteros von mir, wenn Sie noch einmal in den Englischen Garten kommen. Hier ist es Frühling — und ich bin froh.
Leonore.
Liebe, ich gehe dieses Jahr nicht nach Italien. Etwas Unbestimmtes warnt mich, so weit weg zu reisen. Hier in dieser Stadt hat zwar Goethe nicht Veilchen gesät, und die man findet, können sich keiner so illustren Abkunft rühmen, wie die Weimarischen, aber sie gefallen mir doch, und Sie sollen an denen, die beiliegen, beurteilen, ob sie nicht auch blau sind und nach Frühling duften.
Liebe, es ist so leer geworden, seit Sie fort sind. Wenn ich Sie unter meinen Zuhörern sah, kam mir immer Freude an meinem Stoff. Sie machten mir das oft Dozierte, Wohlbekannte neu. Als ob es mir selbst zum ersten Male begegnete — als ob ich wieder mit jungen Augen sähe — als ob ich ein ungebrochener Mensch wäre, dem das Kunstwerk die Offenbarung ist. Wenn Sie nun Schüler nehmen, werden Sie vielleicht dieses Gefühl auch kennen lernen. Unterrichten ist meist eine Frone. So selten findet man einen jungen Menschen, dem das Wort Wahrheit wird: „es ist ebenso schön zu lernen, als zu leben.“
Erzählen Sie mir doch von dem, was Sie nun tun. Wenn Sie schon wirklich nicht mehr hierher kommen können (Sie werden zwingenden Grund haben, glaube ich wohl), so möchte ich doch, soweit es Briefe gestatten, an Ihrem Leben Anteil nehmen dürfen.
Sie haben mich Ihren Freund genannt, als solcher darf ich doch um etwas bitten.
Herzlichst
Ihr Richard Freyer.
Lieber Freund,
ja, ich habe nun zwei Schülerinnen und einen Schüler. Jetzt darf ich nicht mehr Flieder stehlen, wenn er blüht, und die einsamen Schwertlilien werden sicher vor mir sein.
Ich habe zwei Mädchen, die eine allgemeine Bildung bei mir erhalten sollen. Die Eltern drückten sich aus, von allem ein bißchen wäre bei ihren Töchtern angebracht. So wie es in einem „Institut“ sei. Es sind zwei Konfirmandinnen (hier werden die Kinder schon mit dreizehn Jahren konfirmiert) und sie sollen vor allem Briefe schreiben lernen und ein wenig Französisch, ein wenig „Literatur“ und ein bißchen Geschichte und Zeichnen.
Ich werde also Homöopathie mit ihnen treiben.
Der Schüler ist ein Schmiedssohn, der nach Weißenburg auf die Realschule fährt und im Französischen eine Fünf hat — im ersten Kurs geht es ihm schon so. Eigentlich verlangte meine Rechtlichkeit, dem Schmied zu sagen, er solle seinen Jungen doch nicht so quälen. Der würde gewiß leichter Schwerter als Syntaxformen schmieden. Aber wenn die Menschen mit ihren Kindern höher hinaus wollen, meinen sie es ja gut.
Ich sagte den Konfirmandinnen neulich, sie sollen mal einen Brief an eine Freundin schreiben. Ganz nach freier Wahl — sie sollen sich irgendein Ereignis ausdenken, etwas von allgemeinem Interesse, das in der Stadt sich ereignet hat. Sei es nun ein Unglück, ein Neubau, Hochwasser oder ein Fest — oder die Konfirmation.
Da brachte die eine folgenden Brief:
Liebe Freundin!
Teile Dir mit, daß sich hier eine Familie befindet, welche unverschuldet aus Not in das größte Elend geraten ist. Ein Brand hat ihre Habe verzehrt und befinden sich all ohne Kleider. So Du etwas hast, schicke es bald, nach dem Sprichwort: wer bald gibt, gibt doppelt.
Im übrigen befinden sich wir im besten Wohlsein und indem ich dasselbige von Dir hoffe
zeichne Deine treue Freundin
Amanda Wiedemann.
Ich wollte wissen, welchen Stand der Bildung und Ausdrucksfähigkeit die Schülerinnen haben. Solche Briefe lernten sie in der Schule, es war ein geläufiges Muster. Ich wollte schwören, nie würde eines von den Mädchen eine Freundin um alte Kleider bitten. In diesen Jahren denkt man gar nicht, daß andere helfen sollten. Und dann — wenn diese Mädchen reden, sagen sie stets „ich und meine Mutter, ich und meine Freundin,“ —, aber wenn sie schreiben, vermeiden sie das „ich“ vollkommen, als sei es ein anstößiges Wort. Und alles „befindet sich“.
Ach, wie wird dieser Stil mit Homöopathie zu behandeln sein?
Sie sehen, lieber Freund, mit meinen Schülerinnen werde ich eher ein genügsames Amüsement als Freude haben. Doch ich bin ganz zufrieden. Ich habe mir ein sehr feierliches Schulzimmer gemacht, und alle meine Münchener Herrlichkeiten hängen da. Der Sohn des Schmieds benutzt in jeder Stunde die Bilder und Abgüsse, um zehn Minuten lang der Syntax und den Vokabeln zu entrinnen. Er ist ein kluger Junge — ich glaube, es wäre für uns alle das Beste, von der Grammatik zur Kunst zu fliehen. Leben Sie wohl!
Leonore.
Liebe Leonore, ich möchte wohl einmal dabei sein, wenn Sie dem Schmiedssohn Unterricht gehen. Der Junge wird gewiß noch Ihre Freude, und vielleicht wird er einmal statt eines Stümpers in Sprachen, ein tüchtiger Kunsthandwerker. Kann er zeichnen? Probieren Sie das doch einmal mit ihm. Über Ihre Konfirmandinnen habe ich sehr gelacht. Da wird nicht viel zu machen sein.
Aber schreiben Sie mir doch auch, wie Sie sonst leben. Ich stehe so ganz allein, wie Sie wissen, seit vielen Jahren habe ich kein menschliches Interesse mehr gefühlt — Nummern, konventionelle Gestalten glitten an mir vorbei. Wenn ich an Sie denke, ist es mir immer, als dächte ich an meine eigene Jugend. Und es will mir nicht so ganz gefallen, daß Sie mit Ihren achtzehn Jahren (wenn es neunzehn sind, so bitte ich um Entschuldigung) so brav den Schulmeister spielen. Könnten Sie denn wirklich nicht wieder hierher kommen? In ein anderes Haus — ohne Berührung mit den früheren Bekannten? Herr von Müller ist noch immer hier, es scheint, Iphigenia soll wieder mit ihm zu leben lernen. Seien Sie mir nicht böse, wenn ich wieder in Sie dringe. Es ist nicht nur Egoismus, ich denke auch an Ihre Jugend, für die die große Stille Ihres Ortes vielleicht nicht gut ist.
Ihr Freyer.
Lieber Freund, bitte, fragen Sie mich nicht mehr, weshalb ich nicht wieder nach München komme. Ich habe dort ein Erlebnis gehabt, an das ich nicht wieder erinnert werden will. Und selbst wenn dies nicht wäre, ich möchte nun die Großmutter nicht verlassen. Sie ist leidend, ohne eine Krankheit zu haben. Immer müde — viel zu Bett. Der Arzt nennt es das Alter. Sie ist froh, daß ich da bin — sie freut sich an meiner Tätigkeit. Und in der freien Zeit bin ich um sie. Es ist gewesen, mein Onkel Steingruber, der Oberförster, hat sich in aller Stille mit der Tante Charlotte, seiner Schwägerin, verheiratet. Er wünschte das schon vor Jahren, weil Charlottchen ihrer Schwester, seiner ersten Frau, so ähnlich ist. Aber damals wagte er es nicht zu sagen, weil sie doch bei ihren alten Eltern war. Der Großmutter ist das eine große Freude, aber fast scheint es mir, seit sie nicht mehr für ihre „Jüngste“ zu sorgen hat, fühlt sie nicht mehr die Notwendigkeit zu leben. Onkel und Tante reisten auf ein paar Wochen nach der alten Thüringer Heimat. So bin ich mit Großmutter allein.
Ich schreibe diese Familiengeschichten, weil Sie doch — im Gegensatz zu allen Menschen, die ich in München kennen lernte — immer so teilnehmend nach meinen Angehörigen fragten. Es ist eine gute Zeit für mich, trotzdem Großmutter krank ist. Sie hat ja keine Schmerzen, kaum Unbequemlichkeiten. Da bin ich bei ihr, und sie erzählt mir aus ihrer Jugend, von Dingen und Menschen, die fern und tot sind und in diesen Gesprächen vielleicht ihre letzte Auferstehung feiern.
Und ich spreche zu ihr von den kleinen Geschehnissen des Tages — spreche ihr auch von Ihren Briefen und Ihrer Person.
Um den Abend gehe ich manchmal ins Freie — und es kommt doch vor, daß ich Flieder stehle. — Das alles auf Ihre Frage nach meinem Wiederkommen.
Verzeihen Sie, wenn dieser Brief nur von mir redet.
Leonore.
Leonore, Liebe, Ihr Brief hat mir so wohl getan. Ich glaube, so wohl, wie Sie der Großmutter tun, wenn Sie mit Ihren sanften Händen und Ihrem gütigen Gesicht und Ihrer lieben Stimme um sie sind. Ich bin auch krank — richtig krank — und kann nicht viel schreiben. Wie geht es mit Ihren Schülern? Macht Ihnen die Sache noch Freude? Schreiben Sie mir doch — es will heute bei mir nicht recht gehen, und ich möchte so gern wieder von Ihnen hören.
Richard Freyer.
Lieber Freund, aber Sie müssen doch nicht krank sein. Nur alte Menschen dürfen es und Sie sind doch jung! Tun Sie doch schnell die Krankheit fort. Ja, ich bitte Sie — oder soll ich den lieben Gott bitten? Ist es so schlimm?
O, ich hoffe, es geht Ihnen besser, Sie waren schon sehr tapfer gegen die Krankheit.
Sie fragen nach meinen Schülern. Ach, der Schmiedssohn hat sein schlummerndes Genie noch nicht preisgegeben — die Mädchen bleiben unverrückbar wie Denkmäler auf den Postamenten. Es ist mir oft eine Qual, mich mit so sterilen Intellekten — was noch schlimmer ist, mit so unerwecklichen Seelen befassen zu müssen. Aber der Großmutter ist das eine Beruhigung — und dürfte ich sie dann betrüben, wenn ich Wünsche, Willen verriete, die sie nur erschrecken müßten! Ich bin ja jung. —
Schreiben Sie mir, lieber Freund, wie es Ihnen geht. Sonst muß ich mich sorgen.
Ihre Leonore.
Liebe, liebe Leonore,
würden Sie sich denn wirklich sorgen, wenn ich sehr krank wäre? Liegt Ihnen etwas an mir? Sagen Sie es mir, Liebe, ich warte sehr auf die Antwort.
Ihr Richard Freyer.
Lieber Freund,
freilich liegt mir etwas an Ihnen. Ich würde Sie doch nicht meinen Freund nennen, wenn es nicht so wäre. Sie müssen bald wieder ganz gesund sein, ja, das will ich.
Ich muß noch einmal auf etwas zurückkommen, was Sie mir neulich sagten. Sie meinten die Stille dieses Ortes sei vielleicht nicht gut für mich.
Ich glaube fast, Sie haben nie dauernd an einem stillen Ort gelebt. Sonst müßten Sie wissen, wie gut das sein kann. Wir sind ja der Erde so nah. Allem Guten sind wir nah, allem Lebendigen. Ich könnte nie dauernd in einer Stadt sein. Ich glaube, ich würde vergehen vor Sehnsucht nach all dem, was mir aus den Kinderjahren her teuer und vertraut ist wie ein Freund — das weite Land, das uns gehört — das sich uns immer neu schenkt.
Später:
Ich muß Ihnen etwas erzählen: denken Sie, meine Verwandten haben es geschrieben: die alte Oberförsterei Kapellendorf ist eingezogen.
Kapellendorf und ein Stück Weimarischen Landes stehen zum Verkauf.
Ich kann gar nichts anderes denken als: Wenn ich das haben könnte! Wenn ich das wieder haben könnte!
Aber was helfen alle Wünsche. Für mich sind sie wohl da, überwunden zu werden.
Leonore.
**
*
Leonore ging durch den Saal. Es hatte draußen an der weißen Gittertür geklingelt, schon zweimal, und niemand machte auf. Sie mußte selbst sehen. Sie öffnete die Tür — und Richard Freyer stand vor ihr. „Leonore“ —
„O — Sie sind es?“
Der Mann drückte ihr die Hand. Sein Gesicht war sehr blaß. Wie weiß schien es hinter dem dunkeln, kurzgehaltenen Bart. Sie wußten beide nichts zu sagen. Stumm führte ihn Leonore in den Saal.
„Leonore — wie geht es Ihrer Großmutter?“
„Sie ist heute sehr wohl.“
„Leonore, ich habe mit Ihrer Großmutter etwas zu sprechen.“
Sie sah ihn grenzenlos erstaunt an: „Mit der Großmutter?“
„Ja — Sie sollen später alles wissen — sagen Sie ihr nur, Ihr Freund aus München sei da und bäte um eine halbe Stunde Gastfreundschaft.“
Leonore fühlte eine seltsame Beklommenheit. Sie ging wie auf einen Befehl. Ging zu der Großmutter und sagte ihr Freyers Wunsch. Die Großmutter war verwundert, aber doch bereit, den Fremden zu empfangen.
„Großmutter erwartet Sie.“
Freyer küßte Leonores Hand und ging.
Sie blieb in dem grünen Saal zurück — einen Augenblick nur. Dann dachte sie: ich will doch nicht hören, was geredet wird. So ging sie in den Garten hinunter, zu dem Steinhäuslein hin, das immer noch von den Armen des wilden Weins über der Mauer gehalten wurde. Was war das schrecklich sonderbar? Was wollte Freyer von der Großmutter? Sie dachte Unsinniges, Ungereimtes — das Richtige fiel ihr nicht ein. Endlich, nach einer langen Weile meinte sie, länger dürfe sie die Großmutter mit einem Gast nicht allein lassen. Die Großmutter strengte doch das Sprechen mit Fremden an.
So ging sie wieder in den grünen Saal und klopfte an die Tür des Wohnzimmers. Da hörte sie drinnen noch ein leises Sprechen. Dann öffnete Freyer selbst.
„Leonore,“ sagte er, „die Großmutter möcht ein wenig Ruhe. Darf ich mit Ihnen in den Garten gehen?“
„Ja, gewiß, aber ich will doch erst nach der Großmutter sehen.“
„Tun Sie es jetzt nicht,“ sagte er sanft. „Sie wünscht, daß Sie mit mir gehen. Kommen Sie, ich habe Sie etwas zu fragen.“
Sie fühlte, wie ihre Hände kalt wurden. Ja, nun wußte sie ganz deutlich, was Richard sie fragen würde. Und ihre Seele irrte nach einer Antwort. Sie kamen in den Garten. Freyer ging auf das Steinhäuslein zu, bat Leonore einzutreten. Er schloß die Tür hinter ihnen beiden — und nun war es ganz dunkel da, denn durch die von Laub übersponnenen Fenster kam nur gedämpfteres Licht.
Sie setzte sich mechanisch. Und wartete. Wartete auf etwas, von dem sie nicht entrinnen zu können meinte.
„Leonore, es ist eine lange, alte Geschichte. Sie haben mir von Kaspar Mühlfund erzählt. Kaspar Mühlfund hat Ihre Tante geliebt, als er jung war, und sie hat ihn verraten. Dann ist Kaspar Mühlfund in die Welt gegangen — und hat kein schönes Leben geführt. Wer betrogen wurde, wo er heilige Versprechungen hatte, der führt kein schönes Leben, Kasper Mühlfund ist ehrgeizig geworden — ist Professor geworden, hat seinen Namen ausgelöscht, hat eine Frau — ja, eine reiche Frau geheiratet, die es gut bei ihm hatte und durch einen Sturz vom Pferde nach sechs Jahren starb. Kaspar Mühlfund, der Findling, hat sich einen Platz in der Gesellschaft erobert. Kaspar Mühlfund ist angesehen und bettelarm gewesen. Er konnte nie die alte Heimat und die Jugend vergessen. Und da kam zu ihm ein lebendig gewordenes Stück jener Jugend — da kamen Sie, Leonore, wie eine Gnade des Lebens, wie eine Offenbarung kamen Sie. Leonore, die Großmutter hat dem Kaspar Mühlfund verziehen, daß er fortlief und ein Undankbarer war. Leonore, wie die Gnade des Lebens sind Sie mir, Leonore — ich liebe Sie, Leonore, ich liebe Sie, und dort ist Kapellendorf. Ein Wort von dir, und es ist unser. Es ist unser Haus, unsere ewige Heimat. O, ich weiß, ich betöre dich mit dem Wort. Verlange von mir, was du willst, ich werde es tun — um deinen Besitz.“
Sie hörte nur das Wort Kapellendorf. Das alte lockende Wort. Sie sah den Mann vor sich, an den sie in ihrer Kindheit oft gedacht hatte, den man betrogen hatte, den, der ihr Kamerad war, und er redete von Kapellendorf als der wiedergeschenkten unverlierbaren Heimat.
„Leonore, bist du mir gut?“
„Ich bin dir gut,“ sagte sie, wie voll Angst. „O, ich weiß nichts. Kapellendorf? Du sagtst mir das Wort, das dereinst uns hat betört.“
Der Mann stand neben ihr. Er zitterte. „Leonore — du liebst keinen andern?“
„Nein,“ sagte sie frei.
„Leonore — ich weiß alles. Ich nehme dich gefangen mit Kapellendorf. Ich weiß es. Ich will dich. Ich verlange nichts von dir, als daß du mich zu Kapellendorf nimmst. Ich liebe dich — ich liebe dich! O, es ist etwas anderes, wenn ein Vierzigjähriger das sagt, als wenn ein Jüngling es stammelt. Ich liebe dich, ich will dich, auch wenn ich wüßte, daß du mir einst untreu wirst —“
Da lächelte sie plötzlich. „Kapellendorf untreu.“
Und sie sah den Mann vor sich, den sie Freund genannt hatte — sie sah ihn, der ihr die alte Heimat brachte. Was wußte sie denn? War es nicht der Wunsch so vieler Jahre, die Hoffnung so vieler Jahre?
„Identifiziere mich nur mit Kapellendorf, Liebe, Geliebteste. Ich will nichts anderes. Ich sage es dir ja so frei — ich weiß, ich verlocke dich damit. Aber wenn du mich nicht ein wenig lieb hast, dann — ich —“
Hülflos schwieg er. Hülflos und arm stand er vor ihr —
Und ihre Ritterlichkeit erwachte. O — sie wußte nicht, hätte sie entfliehen sollen, ehe er das Zauberwort sprach? Hätte sie es nie bis zu dieser Aussprache kommen lassen dürfen? Plötzlich errötete sie. Es ist anders, wenn ein vierzigjähriger Mann von Freundschaft redet, als wenn ein Jüngling es sagt. Hatte sie Richard Rechte gegeben? Hätte sie als Erwachsene nicht so mit ihm sein dürfen, wie als ein halbes Kind zu den andern Freunden? Wenn sie doch jemand fragen könnte — Kelt — der wußte alles — die Großmutter —. Und sie sagte: „Was hat denn Großmutter — haben Sie mit Großmutter —“
„Ich habe Großmutter alles erzählt. Mein ganzes Leben. Sie war sehr gut zu mir. Und sie sagte, wenn du ja sagst, ist es ihr lieb.“
Wieder schwieg Leonore.
Der Mann beugte sich zu ihr herunter. „Leonore, ist es, daß ich eine Frau gehabt habe?“
Wie, was ging das Leonore an? Was gingen sie seine Dinge an, die vor ihr lagen? Wie sie vielleicht kaum gelebt hatte.
Plötzlich sah sie, der Mann weinte. Ganz armselig stand der große, breite Mann da und weinte. „Warum weinst du denn, o Gott, du sollst doch nicht weinen?“
„Leonore, mit dir wollte ich wieder jung sein. Mit dir zurückgehen in die alte Heimat, in die Jugend. Soll ich wieder fortgehen, Leonore, willst du nicht mit mir nach Kapellendorf?“
Sie wußte nichts mehr. Sie hörte nur das alte geliebte Wort. „Du sollst nicht fortgehen, Lieber.“
Er umschlang sie. Noch küßte er sie nicht. „Leonore, Liebe, ist es denn wahr? Und du glaubst, daß du mit mir glücklich wirst?“
„Ja,“ sagte sie plötzlich frei. „O, wir wollen glücklich sein. Wir wollen Kapellendorf haben und das alte Land. Und das Schloß am Ettersberg wollen wir durch die Dämmerungen leuchten sehen — und alles soll glühen — wie ein Jahrtausend soll das Glück sein, glühend von großen Taten.“
So fabelte Leonore. Und sie berauschte sich selbst an den Gedanken. War er nicht ein Kind, der Mann neben ihr — o, sie wollte mit ihm spielen, mit ihm warten, ja, und dann sollte das Glück kommen — leuchtend durch Dämmerungen, wie das weiße Schloß am Ettersberg.
„Du,“ sagte sie, „wir müssen hinein — so lange wartet Großmutter schon.“
„Hast du mich lieb, Leonore?“
„Ja ich habe dich lieb, komm!“
Die Großmutter saß ganz still. Ganz leise redete sie mit dem einstigen Pflegesohn. Ihren Jungen nannte sie ihn. Und sie hielt Leonores Hände.
Es war Leonore plötzlich, als begriffe die alte Frau alles gar nicht mehr. Sie verwechselte Namen, fragte, ob der Vater denn nicht käme — aber dabei sah sie so strahlend und froh aus. Und nach einer Weile wollte sie schlafen gehen. Freyer verabschiedete sich. Er küßte beiden die Hände, nannte die Großmutter Mama.
Wie in einem wunderlichen Traum war Leonore um die Großmutter. Sie bat sie, noch ein wenig an ihrem Bett zu sitzen — lächelte — lächelte — Und Leonore sprach von Kapellendorf. Aber mitten in einem Satz hörte sie erschrocken auf. Die Großmutter hatte einen sonderbaren kleinen Laut ausgestoßen. Leonore beugte sich über sie. Ja — die alte Frau war tot. Mit einem Lächeln der Freude war sie sanft hinübergeglitten. Sie hatte ja nun nichts mehr zu tun.
Leonore war ohne Fassung. Sie wußte nicht, was sie tat. Sie stand plötzlich — oder war es lange später — am Fenster — sah hinunter.
Da ging Richard den einsamen Weg vor dem Hause auf und ab. Sie rief ihm. Er kam. Die lange, bange Nacht blieb er mit ihr neben der Toten in dem einsamen Hause. Die lange, bange Nacht trug er mit ihr den Schmerz.
Und als der Morgen dämmerte nach der langen, bangen Nacht und das Frühlicht ihnen in die Augen sah, da wußte Leonore, er, der ihr Freund und Hüter gewesen war in der Nacht des Todes — der hatte nun ein Anrecht auf sie — ihm würde sie sich geben müssen. Ja, ihm würde sie alles geben.
**
*
Vielleicht hätte unter andern Verhältnissen Leonore dem Richard Freyer am andern Tage gesagt, es wäre doch alles ein Traum gewesen und sie wollte immer sein guter Kamerad bleiben — aber er möge sie doch nicht heiraten wollen. Vielleicht hätte Leonore unter andern Verhältnissen das gesagt. Aber er war ihr in der langen, bangen Nacht in dem vereinsamten Hause Freund und Hüter gewesen. Den großen Schmerz hatte er mit ihr getragen.
Während der Zeit der Einsamkeit und der Trauer verließ er sie nicht.
Wen hatte sie denn noch, seit die Großmutter tot war? Alle andern lebten ihr eigenes Leben, sie fühlte das plötzlich stark. Und so sagte sie nur ein stilles Ja, als nicht viele Wochen, nachdem die Großmutter begraben war, an einem Nachmittag Richard Freyer sie fragte, ob sie mit ihm auf das Standesamt gehen wollte. Es sei der Menschen wegen besser, nicht länger damit zu warten.
Der Oberförster und sein Sohn Paul, der noch vom Begräbnis her da war, gingen mit ihnen. Der Handlung war alles Feierliche, alles Ungewöhnliche genommen. Die Einsetzung eines Vormundes fiel dadurch fort. Der Bürgermeister sagte ein paar gutgemeinte Worte, daß die Großmutter noch die Freude erlebt habe, und wie es begreiflich sei, daß man kein Fest feiere, sondern nur in aller Stille den einander vor der nun Toten gegebenen Verspruch vollziehe.
Leonore kamen die Tränen, wie immer, wenn man von der Großmutter sprach — sie sah den kahlen Amtsraum — die vier Männer — sie schrieb ganz mechanisch Leonore Freyer, geborene Wolfferstorff, unter die Urkunde und ging an Richards Arm nach Hause.
Dort war die Cousine Klothilde und weinte, und die Tante Charlottchen weinte, und alles kam Leonore so unwirklich vor wie der Tod. Richard wollte nun bald abreisen — um in Kapellendorf alles Nötige zu besorgen.
Es war nicht ihre Tischstunde, als man vom Standesamt nach Hause kam — so zwischen fünf und sechs Uhr am Nachmittag. Freyer bat Leonore, mit ihm spazieren zu gehen. Das schien allen eine Erleichterung.
Sie ging mit ihm — sehr still gingen sie dem kommenden Abend entgegen, über die Höhe dem Walde zu. Ihr war es beklommen, sonderbar zumute. Vor der Trauung waren sie alle auf dem Kirchhof gewesen. Freyer hatte geweint. War er denn so arg unglücklich? Sie wußte nicht, daß er sich seiner Eile fast schämte. Daß er das Gefühl nicht los bekam, Leonores Stimmung mißbraucht zu haben.
Sie kamen in den Wald. Da war es schon ein wenig dämmerig, und rasch stieg Leonore hügelan, um auf die freie Höhe zu kommen. Da oben stand noch rostrotes Gras vom gewesenen Jahr, rostrotes Laub hing noch im Eichenknick. Und zwischen dem Gras waren grüne Flecken — da blühten die ersten Maiblumen.
Sie lief darauf zu; sie bog die grünen Blätter auseinander und suchte nach Blütenstengeln. „Richard, sieh doch auch — wer am meisten findet!“
Und sie wurde sehr eifrig und lief beim sinkenden Licht des Tages durch das rostrote Gras und an den versunkenen Mauerwällen einer alten Burg hin über Steine und durch Dornen nach den grünen Flecken, wo Maiblumen standen. Und das alte Pangefühl des Kindes, die Freude an wilden Blumen, die man gleich Schätzen aus verschwiegenen Wäldern holt, kam über sie. Aus dem kleinen Erinnerungswollen kam eine neue, starke Freude.
O, was hatte sie soviel geweint all die Zeit? Warum sollte sie nicht denken, die Großmutter war in einem Land, dem jeder Tag des Frühlings Süße brachte. So fest hatte doch die Großmutter daran geglaubt. Was wir glauben, ist unser. Warum wollte denn sie, Leonore, nicht glauben, dieser Frühling war ein Erstling und brachte ihr die Verheißungen des Lebens?
Es wurde dunkler. Richard mühte sich fern von ihr noch um Blumen. Sie aber stand — stand auf dem alten Berg und hob die Arme in die Frühlingsabenddämmerung. — O, warum hatte sie soviel geweint?
Sie rief ihn. „Lieber!“ rief sie ihn. Und er kam — scheu, wie er jetzt immer war, kam er — da lächelte sie — lächelte sie — und sie steckte ihm ihre Blumen in seine Brusttasche und sagte: „Lieber — es ist ja Frühling — es ist Frühling. Komm, wir wollen den Frühling umarmen!“
Sie stand da, und ihr ausdrucksvoller großer, geschweifter Mund drückte die Sehnsucht aus. Und ihre dichten goldbraunen Knabenlocken schienen sich stolz zu heben wie sich kräuselnde Lippen und in den Linien ihres jungen Leibes lag Gesundheit, frohes Wollen, stürmisches Vorwärtsschreiten.
Der Mann war betört. Er nahm sie fest in den Arm und ging mit ihr weiter durch den schweigenden Wald, durch die sinkende Nacht.
Sie kamen heim über den Ruinenberg, auf dem an allen Hecken der Flieder blühte, sie gingen unter dem Frühlingshimmel, an dem schon die Gestirne standen, die wohlvertrauten, und sie sprachen miteinander vom Frühling — vom Frühling.
In dem grünen Saal war festlich gedeckt, mit trüben Gesichtern warteten die Verwandten.
Da kam Leonore — kam Leonore mit einem sanften, ansteckenden Lächeln — und sie legte ihre, Richards Blumen auf den Stuhl der Großmutter in der Ecke unter den Blattpflanzen, und dann sagte sie, wie jemand, der sich seiner Wichtigkeit bewußt ist, der sich ihrethalben verpflichtet fühlt, frei, ohne Zwang: „Es ist doch Frühling — und es ist unser Hochzeitstag. Wir wollen heute froh sein, alle wollen wir froh sein.“