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Kapellendorf

Chapter 6: V. Sommerstunden.
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About This Book

The narrative opens in a baroque, water-surrounded manor on a broad Weimar-region plain and follows two adolescents, Leonore and Klemens, whose leisurely conversations and small rebellions against adult expectations reveal tensions between youthful immediacy and social convention. Their exchanges explore religion, marriage, family gossip and personal ambitions, while visits from relatives and a cousin unearth past attachments and social affectations. Detailed scenes of village life and generational misunderstanding frame episodes that examine identity, duty, restraint and the desire to shape one’s own fate.

V.
Sommerstunden.

„An einem Sommermorgen ward ich jung.“
Novalis.

Sie wußte nicht, ob sie über ihn lachen oder weinen sollte. Denn er war gänzlich hülflos. Wohl — er hatte ihr oft gesagt, daß er sie liebe. Er hatte ihr Kapellendorf geschenkt. Und nun stand er da und wußte sich nicht zu helfen. Wie ein Kind stand er da; man hat ihm alles gebracht, das Haus zu erbauen: behauene Steine, Balken, Türen, Fenster, Sand, Kalk und alles Geräte. Aber das Kind kann das Haus nicht aufrichten. Wie ein Kind, das spielen will und es doch nur mit einem leitenden Gefährten vermag, kam er ihr vor.

Sie dachte: der Kaspar Mühlfund hat keine Jugend gehabt. Unter den Bauern wurde er herumgestoßen, bis ihn die Großeltern aufnahmen. Und dann war er ehrgeizig und lernte in Eile die Schule durch. Dann betrog man ihn, stieß ihn wieder in den Kampf. Später ist er ein angesehener Mann geworden — und jetzt möchte er gut zu mir sein, möchte jung sein, und er weiß doch nicht, wie er es anfangen soll.

Ein mütterliches Gefühl kam über Leonore. Sie wollte ihm die Jugend, die er nie gehabt hatte, neu schenken. Man mußte nicht an das Glück denken, das stolz und glühend war, wie ein Jahrtausend voll großer Taten. Nicht jetzt.

Das Leben — Kapellendorf — Leonore hatten dem Kaspar Mühlfund eine alte Schuld zurückzugeben: die leichte, frohe, spielende Jugend.

O, nun wußte sie es. Nun brauchte sie nicht mehr zu bangen, nicht mehr zu denken, ob denn das auch eine richtige Ehe war, wie sie ehrliche Menschen hatten. Nun wußte sie es: darum hatte sie nicht nein sagen können in dem alten Gartenhaus, als ihr Herz nach einer Antwort irrte. Und darum hatte sie seinen Trost genommen in der bangen Nacht des einsamen Hauses, in dem ein Toter lag. Darum war sie mit ihm gegangen und nannte sich Leonore Freyer; sie wollte ihm, der ihr ein lieber Kamerad war, der so hülflos vor ihr stand, die nie gelebte frohe, erste Jugend schaffen. Wie konnte er etwas vom Glück wissen, das wir leuchten sehen durch die ferne Dämmerung verheißungsvoller Frühlingsnächte — wie konnte er es wissen, er, dem man seine Jugend gemordet hatte? O, nun war alles gut. Nun wußte sie alles. Nun lag kein Kummer und kein Bangen mehr in ihrem Herzen.

**
*

So früh war es noch, daß das Land still lag, als erwartete es den Tag der Pfingsten. Die Luft war voll von blauem Nebel, der wogte wie Schleier um die Sonne und putzte sie so blank und hell, daß es schien, als sei sie etwas ganz Neues, Junges, das dem ersten Morgen entsteigt.

Der Mann und das Kind traten aus dem Tor. „Nun wandern wir ins Abenteuerland,“ sagte sie und lief voll Freude in den goldenen Dunst des Morgens hinein. „Siehst du mich noch, Richard?“

Er eilte hinter ihr her. O ja, er sah sie schon, er konnte lange Schritte machen und blieb nicht weit zurück. — „Wohin gehen wir?“ fragte er, als er sie wieder erreicht hatte.

„Wohin wir gehen? O, das wollen wir nicht wissen, das werden wir schon finden.“

Das Dorf lag bald hinter ihnen. Der Hohlweg führte hinauf zur freien Höhe.

„Siehst du, Richard, da schlafen alle Blumen noch. Die blauen Glocken haben sich geschlossen, und die Erdbeerblüten ruhen noch ein wenig von ihren Pflichten aus. Sie müssen sich ja so schrecklich eilen: kaum haben sie ihr goldenes Pelzherzchen, da soll es schon grün sein: kaum ist es grün, so sieht es der Wanderer an, ob es das Erröten noch nicht lernt. Und erst muß es doch weiß werden —“

Sie hatte sich herunter gebeugt zu den Erdbeerblüten am Wegrand. „Adieu, kleine Blumen, und eilt euch nicht so sehr. Seid klug wie sparsame Menschen, die sich zwölfmal besinnen, ehe sie sich verschenken.“

„Es muß an sonnigen Stellen doch jetzt schon Erdbeeren geben,“ meinte der Mann.

„Wir wollen ihnen nichts tun. Wir wollen sie alle das Fest des Sommers feiern lassen. Komm doch, komm — hier sind wir oben, und alles ist voll Sonne. Nun müssen wir tapfer laufen — dem Wind nach. Fühlst du, wohin er streicht?“

Sie nahm den kleinen Hut ab und wartete, der Wind möchte über ihre Knabenhaare weggehen und sie ein wenig zausen.

Aber es war ganz still, ganz morgendlich klar lag die Luft, und die alte Mühle oben stand ernsthaft und stumm und sah gleich einem grollend zur Untätigkeit verdammten rüstigen Alten, dem man sein Amt genommen hat, ins Weite. „Komm, Richard, wir wollen der Mühle einen guten Morgen sagen. Ach, du mußt nicht auch ein Gesicht machen, so ernst wie die Mühle. Heut ist doch Feiertag.“

Sie standen dort, wo man einst den Kaspar Mühlfund aufgelesen hatte. Leonore setzte sich ins Gras — sie sagte halb singend, halb horchend vor sich hin:

All’, was vergangen,
Will Wiedererlangen,
All’, was gewesen,
Sei neu erlesen,
All’, was betrübte,
Sei nun das Geliebte,
All’, was gut und gestorben,
Neu sei es erworben,
Und allen lieben Toten in der Erde
In uns heut Auferstehung werde —

„Was ist das für ein Lied?“ fragte er.

„Es ist kein Lied, man sagt doch manchmal, was einem gerade einfällt, vor sich hin. Das hat man doch oft, man hört irgendwo etwas, in der Luft, im Wald, man sagt es dann. Denk doch nur, was der Wind alles hört, was er alles mitnimmt von Lippen, die flüstern, oder lachen, oder weinen. Und wenn er dann an unsern Ohren vorbeikommt, fangen sie irgendeinen Ton auf, wie eine Melodie von Worten, und dann muß man es sagen. Hörst du denn nie auf den Wind? Du — komm doch — komm doch zu mir, Käsperlein Mühlfund, weißt du noch, wie es damals war in ferner Zeit? Der Wind ist dein Pate gewesen hier oben — der Wind hatte dich lieb — o, der erzählt mir hier wunderschöne Sachen von dir, wie du klein warst und ganz winzig jung. Bist solange in der Welt herumgelaufen und hast einen schwarzen Bart gekriegt und ganz messertiefe Striche um den Mund. Warte nur, die nimmt dir der Wind im weimarischen Land wieder fort, bis du wieder ein kleines Käsperlein bist, das so schön lachen kann. Ich weiß schon, wie du bist, der Wind hat mir alles verraten. Er geht ja nur ganz leise, die alte, schwere Windmühle streichelt er bloß, aber weil sie so alt und dumm ist, merkt sie es gar nicht.“

Der Mann saß neben dem Kind, und er hielt ihre Hand, und sie ließ sie ihm. Er fragte mit der scheuen Neugier eines Menschen, der es ganz entwöhnt war, daß jemand mit Zärtlichkeit seinem Leben nachspürt: „Leonore, was sagt dir der Wind von mir?“

Sie lächelte sanft, weich und antwortete langsam: „Er sagt mir, daß da ein kleines Büblein war, ein braunes, kleines Jungchen, das ist in die Welt gekommen und wußte nicht woher. Oft lag es draußen und dachte, andere kleine Käsperlein die haben Brüder und Schwestern, und ich bin so allein. Aber immer, wenn es traurige Sachen denken wollte, dann ist der Wind gekommen, der frohe, warme Sommerwind, und hat ihn eingeschläfert, und die Blumen haben dazu genickt, die haben Ja und Amen dazu gesagt und ihn von schönen Gärten träumen lassen, in denen ein kleines Hündlein auf ihn zusprang, das hatte das allerschönste Fell und bellte so freundlich; das hieß: Ich bin dein Hündlein und gehöre dir! Später, als der Kaspar schon größer war, da hat ihm der Wind erzählt, daß er ein Freigeborner ist, einer, den nichts bindet, nichts hält, nichts verpflichtet, einer, der rechtlos ist und darum sich alles rauben darf; einer, dem nichts gehört oder die ganze Welt — ein Freier, ein Selbstgewordener, nach dem niemand fragt und der kein lastendes Erinnern zu tragen hat, einer, für den die Welt neu geschaffen wurde.“

Das halb verlegene, halb glückliche Lächeln auf Freyers Gesicht verschwand. Die scharfen Striche um den Mund traten schärfer hervor. „Ich habe meine Kompromisse mit der Welt gemacht!“

„O, das war eine andere Welt als die, über die der Wind, dein Pate, geht. Die ist ganz versunken und verloren, die ist böse, und die lassen wir nicht in uns neu werden. Die tun wir fort — hörst du mich, das ist alles vorüber, Richard.“

Sie beugte sich über ihn, der im Grase lag. „Quält dich noch etwas, das fern ist? Quält es dich? Dann wollen wir es dem Wind erzählen, und der trägt es weit fort, zu seinem Ursprung zurück — und alles ist vergangen und beendet.“

„Du,“ sagte er, „Liebe, du, wenn ich bei dir bin, ist nichts.“

„Wir sind ja immer beieinander.“ Sie strich mit ihrer leichten Hand über sein Haar. „Komm, nun sagen wir der Mühle wieder adieu. Nun gehen wir mit dem Wind ins Land.“

Sie streckte die Arme aus, als wollte sie den Morgen umfangen. Und dann nahm sie raschen Schrittes den nächstliegenden Weg auf.

Ein Wandersmann kam ihnen entgegen. Es war ein Jüngling, der sich den ersten Bart um Lippen und Wangen wachsen ließ und aussah wie ein Krähenküken. Er hatte den Hut mit einer Metallzwecke am Rock befestigt, er trug Sandalen an den strumpflosen Füßen, und seine Brust zierte ein Wollhemd, das eine rote Krawatte noch besonders zum Ansehen aufforderte. Also ausgerüstet, dokumentierte der Vielhaarige, daß er beschlossen habe, sich mit seinen Gewohnheiten, soweit dies in einem zivilisierten Staat möglich ist, der Natur zu nähern.

„Herr Wandersmann,“ redete ihn Leonore an, „wo ist denn der schönste Weg? Wir möchten es gern wissen!“

Diese unerwartete, ungewohnte Ansprache nötigte den Jüngling, um seine Fassung bewahren zu können, sich für einen Augenblick in die Schranken der Konvenienz zurückzubegeben. Er stammelte: „Mein Name ist S—treckhorn, ich bin hier leider zu fremd, um ihnen Beis—tand leisten zu können. Doch s—teht nicht weit von hier ein Wegweiser!“

Leonore lachte ihn an. „Steht denn auf dem Wegweiser, wohin der schönste Weg führt?“

„O, Verzeihung, ich dachte, Sie s—prächen von dem Namen eines Dorfes.“

Sie sah auf den Jüngling, der mit der Uhr in der Hand seinen ausgerechneten Morgengang machte. „Sie können uns also nicht helfen, Herr Wandersmann? Nun, dann leben Sie wohl!“

„Verzeihung,“ stammelte der junge Mann, machte eine Verbeugung und kehrte dann zur Natur zurück.

Sie sahen ihn noch eine Weile eifrig, pflichtgemäß die S—trecke gehen, die er für diesen Tag sich ausgerechnet hatte. Leonore sagte: „Herr S—treckhorn trinkt nur Wasser und Limonade. Er s—teht mit dem Morgengrauen auf und läuft seine S—trecke ab. Und er lebt der Natur. Mit dem Wollhemd von brauner Farbe nähert er sich dem schuldlosen Tier, und die rote Krawatte verkündet seine Freude, ein Bekehrter zu sein. Es ist sein Manness—tolz, mit bloßen Füßen eine Gesellschaft von Unnatürlichen zu s—trafen. Er sieht schon fast aus wie ein Alldeutscher, aber niemandem würde er je ein Leid tun. Er sieht in Gedanken schon das Neuland, wo alle in Wollhemden Feste der Natur feiern. In Wollhemden und in Schönheit. Ach, du, Richard, wie gut ist es doch, daß du von selbst weißt, wie man sich anziehen muß.“

Wieder lächelte der Mann verlegen erfreut. „Tu ich das?“

„Ja, du weißt, was zu dir paßt. Du hast jenes Stilgefühl für das eigene Aussehen, das angeboren sein muß oder erst nach langem Nachdenken erworben wird.“

„Du hast es auch, Leonore.“

„Das werden nicht alle Menschen finden. Ich sehe doch immer jungenhaft aus. Wenn ich mich aber so richtig damenhaft anziehen wollte, weißt du, so wie die Durchschnittsdame mit Seidenfetzchen am Kleid und Spitzenstückchen und Schmucksachen, dann wäre ich gerade wie ein Osterhase auf Ansichtskarten, dem man ein Mäntelein umgetan und einen Zylinderhut aufgesetzt hat.“

„Gibt es solche Ansichtskarten?“ fragte er.

„Wenn wir uns mal getrennt haben, schicke ich dir eine.“

„Will mein Osterhäslein fortlaufen?“

„Das mußt du am besten wissen,“ antwortete sie lachend. „Wenn du dir schon einen Osterhasen als Lebensgefährtin ausgesucht hast, dann mußt du auch wissen, wie diese Tiere beschaffen sind. Ja, das mußt du.“

Sie gingen durch die Felder. Die standen grün und bekamen schon Ähren. Und schon blühten vereinzelt am Rand die lieberoten Blumen des wilden Mohns. Und die Lerchen stiegen auf in den Himmel — stiegen, jubelten, stiegen höher — und taumelten dann, von Lust trunken, wie Blüten, die von unsichtbaren Bäumen fallen, wieder herunter in das grüne Feld.

„d’Annunzio beendet den ersten Akt seines Dramas ‚Die tote Stadt‘ mit den Worten einer Blinden: Irgendwo muß eine tote Lerche sein. Der, den sie liebte, hatte sie ihr heimgebracht — die kleine, tote Lerche, die sich die Brust zersprengt hatte vor Jubel.“

Leonore antwortete ernsthaft: „Professor Freyer, ein Herr von großer Rednergabe, wenn Sie ihn vielleicht kennen, pflegt seine junge Frau auf Spaziergängen durch den Morgen von italienischen Dramen zu unterhalten. Es ist dies ebenso lehrreich als bildend, denn es ist ganz rückständig, in einer Lerche eine Lerche zu sehen, nachdem doch Gabriele d’Annunzio die Lerche zum Symbol einer toten Stadt gemacht hat.“

Der Mann wurde ganz verlegen über diese Standrede. „Magst du es nicht hören, wenn man von Büchern spricht?“

„Sehr gern mag ich das. Aber die Lerche des Gabriele ist ja schon lange tot. Und hier um uns fliegen ganz neue. Die ersten Lerchen der Welt.“

Sie kamen zum Waldrand — und Leonore setzte sich an der sonnigen Halde nieder. Der Mann kam zu ihr und war zärtlich. Er küßte ihre jungen Haare und küßte ihren freien Hals und die Hände, die braun und stark und weich waren.

Sie konnte sich aber darein immer nicht recht finden. Ihr fielen Worte leichter als Geberden. Und so kam sie zu ihm mit Worten einer ritterlichen Zärtlichkeit — mit Worten, die alles auslöschen sollten, was seine Jugend trübe gemacht hatte — mit Worten, die vielleicht nach Liebe klangen und die ihr doch nur die Gerechtigkeit des Lebens schienen.

„Du bist so gesund, du,“ sagte sie, „ich freue mich immer daran, wenn ich dich ansehe. So einen festen, schwarzen Pelz hast du auf deinem Kopf, und dein Bart könnte gewiß so lang wachsen, daß du mich an ihm aus einem tiefen Brunnen ziehen könntest, wenn ich hineinfiele.“

„Möchtest du mich denn noch, wenn ich einen so grauslichen Bart hätte?“

„Probier’s doch!“

Plötzlich war sie fort von ihm. Sie lief einer Eidechse nach, die durch das storre Gras geraschelt war. Und dann kam sie wieder und hatte das Tierlein auf ihrer braunen Hand.

„Siehst du, dem jungen Sommer zu Ehren hat es sich ganz smaragdgrün angezogen, daß es nicht vom Grase absticht. Und die armen Mücken meinen dann, es ist ein freundliches, grünes Blatt, auf das sie sich setzen — sieh doch, wie es guckt! Ja, du Eidechsin, du junge, was willst denn du? Sei froh, daß ich nicht so böse bin wie ich aussehe, sonst nähme ich dich mit heim und sperrte dich in einen Glaskasten, und du müßtest ein Familientier sein! Lauf’ doch, adieu, geh fort!“

Aber die Eidechsin wollte bleiben; sie lief in Leonores Ärmel hinein, kam beim Hals wieder heraus, und es gefiel ihr da auf der warmen Haut so gut, daß sie sich ruhig niederließ.

„Mögen dich alle Tiere so gern leiden?“

„Die merken es schon, wenn man sie lieb hat.“

Nach einer Weile sagte Leonore: „Wenn du erlaubst, bin ich jetzt recht hungrig. Da drüben ist eine Kirche, folglich gibt es auch eine Schenke. Führst du mich hin und bestellst du auch das Wunderschönste zum Essen?“

Er war bereit. Im Dorf herrschte schon volle Tagesgeschäftigkeit. In der Schenke stand eine Frau am Herde, mit der begann Freyer eine Beratung. Das dauerte gar lange, und als er endlich die Gaststube betrat, fand er Leonore in eifrigem Gespräch mit einem alten Handwerksburschen.

„Junges Fräulein,“ sagte der Handwerksbursch von verwittertem Aussehen, „ich darf sagen, daß ich die Welt kenne. Ich bin im Preißischen gewest und im Welschland und im Elsaß, und überall war ich g’ehrt und g’acht.“

„Und hab’ es doch zu nichts gebracht,“ reimte Leonore, aber sie sah den Verwitterten so freundlich dazu an, daß der gar nicht beleidigt war, sondern in ihr Lachen einstimmte.

„Junges Fräulein — ah, da ist der Herr Papa, ich hab’ die Ehre —“

„’s ist doch mein Hochzeiter, Wandersmann.“

Der Wandersmann hatte Takt und Bildung und bemäntelte den begreiflichen Irrtum. Er sagte: „Hab mich nur rewantschiert, junge gnädige Frau, für das ‚zu nix bracht haben‘.

Blüte und Apfel an einem Baum,
Das ist der schönste Lebenstraum,

sagt man bei uns.“

„Woher sind Sie denn, Wandersmann?“

„Geltens, das heert man niche! Ich spreche eine internationalische Sprache. Wenn man in der Welt g’ehrt und g’acht sein will, da därf man seine Mundart nich reden. Also, ich bin ein g’lernter Maurer, die Stadt Närrnberg blickte auf meine Wiege. An der hat man mir auch nicht gesungen, daß ich als alter Mann noch ein reisender Etranschär im fremden Lande wäre.“

„Wissen Sie denn noch, was man an Ihrer Wiege gesungen hat?“

Der Mann lachte: „Es ist allerdings a weng lang her.“

Freyer mischte sich in das Gespräch. „Wenn Sie Papiere haben und Arbeit suchen — ich hätte welche zu vergeben.“

„Nach mir därf man sich überall erkundigen,“ sagte der Wandersmann stolz. „Nur aus Charakter hab’ ich meine Stellen wieder aufgegeben — nur aus Charakter.“ Und er zog seine schmutzigen Papiere heraus.

Man vereinbarte bald, der charaktervolle Mann solle in dem Ruinenteil von Kapellendorf mit Beton und Zement dem Verfall Einhalt tun. In die weitern Verhandlungen wollte Leonore nicht eingreifen — so ging sie voraus, die Kirche des Dorfes anzusehen, denn sie galt als berühmt.

Die Schule lag dem Kirchplatz gegenüber. Und es war gerade Entlassungsstunde. Die Wissenschaft schwieg für den Tag, nachdem von sechs bis neun Uhr ihre Zeit gewesen war. Die Dorfkinder kamen heraus, bestaunten die fremde Erscheinung, und als Leonore fragte, wer den Schlüssel zur Kirche habe, rannte ein Junge davon und kam in Gesellschaft eines rundköpfigen, knasterbärtigen Brillenträgers wieder.

Der Brillenträger zupfte an seinen Rockärmeln, die etwas kurz waren und das Fehlen von Manschetten nicht verbergen konnten. Er hielt ein kleines Buch in der Hand und kam auf Leonore zu. Zu dieser hatte sich unterdessen ihr Mann gesellt.

„Sie sind der Herr Lehrer, wenn ich richtig rate,“ begann Leonore die Annäherung, „und Sie wollen so freundlich sein, uns die Kirche zu zeigen.“

Der Herr Lehrer reckte seine untersetzte Gestalt, nicht bedenkend, daß seine Hosen dadurch noch kürzer wurden, als sie schon waren — sein Gesicht zeigte noch mehr Würde, und er entschuldigte im voraus, daß die Kirche nicht schöner sei, als sie eben war; das Innere sei ganz leer, die Einrichtung auf Reparatur fort, man könne sich also nur an dem Äußeren ergötzen. Und der Herr Lehrer begann in wundervoller Aussprache aus dem Buch die Daten und Motive und angebrachten Inschriften des Kirchenbaues vorzulesen. Richard suchte nach Steinmetzzeichen an dem Bauwerk.

Unterdessen plauderte Leonore mit dem Apostel der Bildung des Dorfes. „Wohnt auch der Pfarrer hier?“

„Nein, wir sind nur eine Filialgemeinde.“

„Da sind Sie also der einzige Gebildete hier?“

Der Herr Lehrer verbeugte sich nach hinten über durch heftiges Zurückwerfen des Kopfes. Dies tat er nicht etwa wie der deutsche Adel, um seine hohe Geburt zu bekunden, sondern seine körperliche Kleinheit schien ihm in diesem Augenblick, da er den einzigen Gebildeten einer Siedlung darzustellen hatte, noch unangenehmer als sonst. „Ja,“ sagte er in einem trockenen Ton, der Erfreutsein verbarg, „nun, man hat seine Herren Kollegen in der Nähe.“

„Sie haben ja auch Familie,“ sprach Leonore weiter, denn ein schmutziger Junge näherte sich eben, Zeichen machend, dem Lehrer. Doch hinter dessen Brillengläsern schoß ein harter Schulmonarchenblick auf den kleinen Schmutzfinken hervor, so daß dieser aufhörte, seinen Vater zu kompromittieren, und davonlief, als fühlte er schon das traditionelle Erziehungsmittel auf sich.

Da Richard sich noch ein Steinmetzzeichen kopierte und der Lehrer, neuer Ansprachen gewärtig, stehen blieb, fragte ihn Leonore, ob er auch Bienen hielte. Bienenzucht und Obstbau zu lehren sei ja der soziale Beruf des Landlehrers. Und das fände sie schön, es brächte den Volkserzieher dem Volke näher. Sie hatte einen Bienenstand gesehen, darum redete sie also.

Jawohl, der Herr Lehrer hatte sieben Stöcke.

„O, da verkaufen Sie gewiß auch Honig?“

„Eine Mark das Pfund, prima Qualität.“

Die Besichtigung der Kirche endete mit einer Honigbestellung, mit einer Einladung der werten Familie nach Kapellendorf, mit dem Versprechen, dem Herrn Lehrer ein Buch zu leihen, nach dem er sich schon lange sehnte, und mit des Herrn Lehrers tiefsten Verbeugungen nach vorn.

„Leonore,“ sagte der Mann, als sie wieder allein waren — „wie fängst du es nur mit den Leuten an? Alle geraten sie in Ergebenheit, sobald du mit ihnen sprichst. Sogar dieser spröde Schullehrer!“

Sie lachte. „Ich bin so froh, nun kann ich alle Menschen ansprechen, wenn ich mag. Weißt du, ich habe ihm auch gesagt, sein Junge sei ein hübscher Junge, dann sorgt er gewiß dafür, daß ihn die Frau öfters wäscht, und er braucht sich seiner nicht mehr vor Fremden zu schämen. Ach du, was tätest du, wenn du auf einem solchen Dorfe Schulmeister sein müßtest?“

„Ich machte es vielleicht wie Franz Schubert, der aus Zorn über seine Lage den ganzen Tag die Kinder prügelte.“

„Nun wieder wie ein anderer! Meinst du nicht es müßte ganz schön sein, sich so als der Verantwortliche über alle zu fühlen? So wie ein kleiner Souverän?“

„Du liefest gewiß recht bald aus dem Schulhause fort in blaue Fernen.“

„Tun wir es jetzt,“ sagte sie, „aber nein, wir müssen nach Hause.“ —

Immer wieder konnte sie das alte Haus begrüßen, als käme sie von weiten Fernen heim. Sie führte den Mann durch die Stuben, die er noch nicht alle kannte. Immer wieder war wo ein verborgenes Treppchen, das in ein kleines Zellengemach oder auf einen verborgenen Korridor hinunterführte. Stuben voll alter Geräte waren da, mit verblaßten Malereien oder kunstvollen Türschlössern.

„Was machen wir nun mit dem allem?“ fragte der Mann.

„Ja, hast du so viel Geld, daß wir den charaktervollen Maurer lange behalten können?“

„Aber gewiß.“

„Dann wollen wir alles schön machen lassen — frisch tünchen und ausbessern —, und dann stellen wir deine Sammlungen auf und bekommen das allerschönste Schloß der Welt. Aber jetzt müssen wir uns zu Tisch zurechtmachen. Du hast jemand mitgebracht, der sagt: Madame est servie, da muß Madame auch ein langes Kleid anziehen, ein feierliches, langes Kleid.“

Richard Freyer hatte Leonore gefragt gehabt, wo sie schlafen wolle in Kapellendorf. Da hatte sie ihr Mädchenzimmer genannt und naiv befohlen, er solle doch auch das haben, was er als Junge bewohnte. So war es gemacht worden, und der Mann ging darauf ein, als sei es das Natürlichste. So waren sie durch eine Zimmerflucht getrennt, aber die Türen standen immer offen, und des Morgens riefen sie einander zu, ob sie noch schliefen.

Als Leonore das stolze Kleid anhatte, kam Freyer herüber, sie abzuholen.

Sehr feierlich saß Leonore an dem Tisch, den ein männliches Wesen bediente, das Madame est servie sagen konnte und bei Professor Freyer schon lange in Diensten gewesen war. Sie dachte, das männliche Wesen, das soviel von guter Sitte versteht, soll nicht denken, sein Herr hat nur ein Wald- und Wiesenmädchen geheiratet. Es würde ihn doch zu heftig enttäuschen. Später, wenn er einsieht, daß ich seinen Sitten gewachsen bin, später vereinfachen wir uns ein wenig.

Nach Tisch mußte man in den Garten hinuntergehen, denn Richard protestierte heftig, daß er mittags etwa gar schliefe. Nein, so alt wäre er denn doch noch nicht, und von schwerer Arbeit müsse er sich auch nicht erholen.

Nun machte Leonore allerlei Gartenpläne. Auch war manches da im Hofe doch im Laufe der Jahre unschön, verwahrlost gelassen. Im Garten standen die Malven voll Knospen — und Leonore beschrieb, wie schön es wäre, wenn sie alle errötend standen. Und dann kam es als heiße Freude über sie: das alles gehört nun mir, das alles ist annehmbar unser. Und sie liebte den dafür, der ihr alles geschenkt hatte.

Ob man nun am Nachmittag Besuche im Dorfe machen sollte oder einen Spaziergang?

Sie überlegten das noch sehr, als sie schon weit über die Heidenhügel hinausgekommen waren. Nun, da lag der Wald, wacholderumsäumt lag die Halde vor ihnen. Hier müssen wir erst Grüß Gott sagen — dann später kommen die Menschen. Die Wacholdersäulen sind viel älter und ehrwürdiger als die Einwohner von Kapellendorf. Es schickt sich nur, daß wir zuerst zu ihnen kamen.

Doch sie saßen kaum an den Wacholdersäulen, als ein Trupp Mädchen aus dem Wald kam. Sie trugen, so klein sie waren, Holzbündelchen, ob rechtlich oder frei erworben, kümmerte sie nicht. Es kümmerte sie auch nicht, daß niemand sie aufforderte, zu verweilen. Sie blieben stehen, schwiegen eine Weile, dann kritisierten sie unbefangen Leonores Kleid, ihren kleinen Hut und die Uhrkette, die Freyer anhatte.

„Heute ist wohl Holztag?“ fragte Leonore.

Ein munterer Braunkopf mit den glitzernden prächtigen und nicht allzu treuen Augen der Thüringerin nahm sogleich das Wort: „Mir gähn immer Sunnabend ins Hulze, meine Mutter spricht: dazu ist keene Schule.“

„Da hat die Mutter sehr recht.“

„Sie,“ sagte darauf die Rednerin entschlossen, „Sie, warum därfen mir denn nicht mehr in den Bassäng baden, seit Sie gekummen sin? Mir haben immer in den Bassäng baden därfen.“

„Weil ihr so schwarze Fische seid — Tintenfische seid ihr.“

Die Kinder schrien: „Da derfier gähn mir doch nein, werd sich doch keener baden, wo reine is.“

„So, wißt ihr das so genau? Warum sagt ihr aber nicht Weiher oder Teich, sondern Bassäng?“

„So spricht der Lehrer, das ist ein Bassäng, spricht er.“

„Nun wir wollen sehen, vielleicht dürft ihr wieder hinein.“

„Aber balde — es macht so heeß itze. Kumm, meine, mir machen itze furt.“

Die Rednerin ergriff ein ganz kleines Mädchen am Arm. Aber das war noch immer in den Anblick der Uhrkette versunken, wehrte sich und sagte: „Ich bin nich deine, ich bin meiner Mutter seine.“

„Na du, ich soll doch aufpassen auf dir.“

Leonore fragte: „Sagt einmal, wer ist denn die Brävste von euch?“

Die Rednerin besann sich gar nicht, sie zeigte auf ein abseits stehendes, sanftes, blondes Kind. Und die bisher so schweigsamen Genossinnen stimmten zu: ja, das war die Brävste.

Leonore griff ihrem Mann lachend in die Tasche und holte ein wenig Geld heraus: „Was mögt ihr denn am liebsten? Na, ich muß es nicht wissen. Aber weil ihr so fleißig wart, soll euch die Brävste was kaufen. Und du mußt auch dafür sorgen, Brävste, daß jeder sein Teil kriegt.“

Die Kinder stürmten davon. Sie purzelten und kollerten den Hügel hinunter. Ein wenig schuldbewußt sagte Leonore: „Es ist nur heute, Richard, ich werde sie nicht zu Bettelkindern machen. Ausnahmen dürfen einmal sein.“

**
*

Leonore und Richard gingen weiter — gingen in den Wald hinein. Da war Sommermittagsstille. Nur von fern hörte man das Hämmern der Spechte, hörte man vereinsamten Vogelruf.

„Weißt du, Lieber, wie wir am Abend unseres Hochzeitstages oben auf der freien Höhe standen, und es war so still im Wald, so unnennbar still, als sei alles Leben in den Gründen verdämmert, als hätte die Zeit aufgehört zu gehen. Da fühlte ich auf einmal, wie gut es war, daß ich dich wußte — daß ich nicht mehr allein zu sein brauchte. Da rief ich dich, und du kamst — ja, dort im stillen Wald war unsere Hochzeit, da wußte ich, daß ich mit dir gehen wollte.“

Und sie gingen mit einander durch den stillen Wald — sie hörten nichts als fern das Hämmern der Spechte, hörten nichts als ihrer beider Atemzüge, die von dem Lebenswillen zueinander sprachen. —

Der Tag neigte sich schon, als sie auf einem andern Weg, durch die Flur her, sich Kapellendorf wieder näherten.

Da begegnete ihnen ein alter Mann, der hatte eine prächtig lackierte, rötliche Brummbaßgeige auf dem Rücken. Und er redete sie an: „Morgen ist Kirmes in Isserstedt. Machen Sie auch hin?“

Sie hatte ein Scherzwort für ihn — und sie sah ihm noch nach, bis die bunte Geige nur noch ein kleiner, rötlicher Fleck war. Sie seufzte halb, als sei ihr ein dunkler Gedanke gekommen — sie wußte nicht, woher —

Durch das Kornfeld geht ein Alter,
Trägt den Brummbaß auf dem Rücken,
In der Tasche seinen Psalter,
Schelmerei in seinen Blicken.
„Spiel euch wohl ein lustig Liedel,
Meine lieben Jungfräulein,
Spiel euch wohl auf meiner Fiedel
Liebe in das Herz hinein.“
Alter Bursch, mit deiner Geigen
Wirst du dir kein Herz erweichen,
Wirst du nur zum Liebesreigen
Andre sehn sich niederneigen.
„Tanzen all nach meiner Fiedel,
Tanzen all nach meinem Liedel
Bis zum letzten Morgenrot —
Denn ich bin der Fiedler Tod.“
Seinen Brummbaß umgehangen,
Geiger geht zum Kirmesboden,
Nur ein Weilchen — und voll Bangen
Tanzen wir den Tanz der Toten.

**
*

Leonore hatte die alte Gewohnheit wieder aufgenommen, nach Tisch des Abends wieder auf das Mauergärtlein zu gehen, dorthin, wo man im Dämmern so weit, weit ins Land sehen konnte — bis zu dem weißen Schloß am Ettersberge. Alte Blumen blühten auf dem steinigen Erdreich: wilde Königskerzen, stolzer Heinrich; Erdbeeren wuchsen unter den Steinen und mußten sich so hohe Stengel schaffen, daß sie aus dem Gras hervorsehen konnten. Die Waldrebe umspann das Gemäuer, und der Dornbusch grünte. Eine einsame Wacholdersäule stand wie ein Schatten an die Mauer gelehnt.

„Sprich zu mir,“ sagte Leonore. „Ich weiß so wenig mehr von dir, als daß ich dich lieb habe.“

„Ist das nicht genug, Leonore?“

„Ich möchte alles von dir wissen — verstehst du, um es lieb zu haben. Es ist doch nicht, daß man Worte redet und alles, was vergangen ist, damit umbildet. Du sollst mir doch nicht eine Phantasiegestalt bleiben. Ich glaube, die Wirklichkeit kann schöner sein als alle Gedanken und Vorstellungen. Lieber, man sieht es dir doch an, daß du viel erlebt hast.“

Er fuhr unwillkürlich mit der Hand über das Gesicht, als wolle er die Spuren von Leben, Sorgen, Kämpfen und Genießen verwischen.

Sie lächelte: „Du willst mir etwas forttun? Aber wir sind doch zusammengekommen, um immer beieinander zu bleiben, Richard. Willst du denn, daß da fremde Dinge sind, die ich nicht weiß? Ich will doch alles zu verstehen suchen — ach nein, verstehen ist nicht das richtige Wort — deine frühere Zeit soll bei mir zu Hause sein, ich will deine Erinnerungen hüten und bei mir lebendig sein lassen.“

Der Mann antwortete: „Wie sehr liebst du mich.“

Ihre Seele starrte das Wort an. Was sollte sie damit machen? Nie hätte sie es sprechen mögen. Ich liebe dich — ja, tausendmal. Aber du liebst mich so sehr — als positive Aussprache, als Ausdruck von Zufriedenheit — oder war es Anerkennung einer Kraft, die man selbst nicht mehr stark besaß? Sie dachte, das ist wohl Mannesart — vielleicht soll es gar etwas wie ein Lob sein.

„Sprich nur von dir,“ wiederholte sie.

Doch er antwortete: „Nicht heute — nicht jetzt. Ich will meine trüben Vergangenheiten ein wenig vergessen. Ich will nicht das alte Kapellendorf des Kaspar Mühlfund, sondern das neue von dir, das neue von uns.“

„Ich weiß nicht, wie du es wollen wirst,“ sagte sie ein wenig unsicher. „Ich habe heute den Lehrer eingeladen, dann fiel mir ein, vielleicht möchtest du es nicht, obwohl du nichts dawider sagtest. Siehst du, bei den Großeltern war es so: sie hatten immer viele Menschen um sich. Wer im Lande wohnte, konnte zu ihnen kommen. Ich meine, sie fragten nicht zuerst nach der Bildung der Menschen, noch viel weniger nach ihrem Stand. Aber wenn die Menschen in Großmutters Stube kamen, waren sie anders als draußen. Die Großmutter sprach gar nicht viel und gab doch immer den Ton. Niemand nannte sie hochmütig, und sie war doch eine stolze Frau, und nie ist ihr eine unziemliche Vertraulichkeit begegnet. Ich bin ja nun nicht wie die Großmutter. Aber ich bin so unter den Leuten aufgewachsen, ich könnte nie eine Dame werden, wie viele in den Städten sind, und von denen man das Gefühl hat, sie müßten sich fortwährend verschanzen und nur mit genau denselben Ständen verkehren, damit niemand denkt, sie seien weniger als sie sind. Du bist doch nicht böse, daß ich Lehrers eingeladen habe. Weißt du, alle Leute, die sich unfrei, subaltern fühlen, sind so leicht verletzt, und nur gegen Gleichstehende darf man rücksichtslos sein.“

„Du hast recht. Meinst du aber, es wäre gerade rücksichtslos gewesen, den Lehrer nicht einzuladen?“

„Er hat uns doch aus Freundlichkeit aus dem Buch vorgelesen. Und wenn er zu uns kommt, kann er die vielen schönen Sachen aus deinen Kunstsammlungen sehen, das kennt er gewiß noch gar nicht, und uns schadet es nichts.“

„Nein, kleines Liebchen, uns schadet es nichts. Ich freue mich, dich zu sehen, wie du mit den Leuten bist. Aber erzähle mir doch noch von dir — vom alten Kapellendorf.“

„Ja, weißt du, viele, viele Sommerabende bin ich hier gewesen — und sah, wie das Land dunkel wurde, wie die Farben sich vertieften, so wie man es gar nie würde malen können, weil es nur ein Übergang ist und darum zwischen den Wirklichkeiten. All diese Übergänge kennen die Menschen meist nicht, sie wollen nicht das Tastende, Suchende, sie wollen und glauben immer nur das, was auf festen Füßen steht ... Aber mit dem Tastenden, Übergehenden in solchen Sommerabenden, wo alle Farben im Ersterben so unwirklich wunderschön werden, gehen unsere Wünsche. Aus dem Augenblick die Dauer schaffen zu können, sehnen wir uns. Weißt du — siehst du es jetzt —, der Ettersberg ist indigoblau, man erkennt keinen Baum mehr, keine Unebenheit. Alles ist so vereinfacht. Das Land hinten wird grün wie ein edler Stein, am Himmel kommen die Gestirne. Und durch die Dämmerung glänzt das weiße Schloß. Alles ist stark und erwartungsvoll. Da dachte ich mir oft, durch dieses Land der Dunkelheiten weithin, fernhin möchte ich ziehen — Und man müßte dabei so viel erfahren, was man noch nicht weiß. Die Erde müßte sprechen können — und man müßte alles vergessen, was klein und müde war, und alles Traurige müßte Stärke werden. Und dann, ja dann kam das weiße Schloß. Weißt du — das lange geliebte. Weißt du, jemand, der uns ganz kennt. Der uns erlöst ... Ich habe dich — du warst mir immer der, von Anfang an, der von mir weiß. Und nun bin ich bei dir. Aber ich weiß so wenig von deinem Letzten. Ich quäle dich nicht — es wird schon kommen, du brauchst Zeit, Lieber. Und das muß wohl sein, denn wir wollen ja die Ewigkeit haben.“

„Du bist schön,“ antwortete der Mann — „ja, die Ewigkeit der Treue werden wir haben. Eine Burg —“

„Du bist wie ein Heidenaltar, der aus der Erde ragt, und den Menschenhände nicht stürzen können. Unser Kapellendorf — unsere alte Heimat, die du uns neu geschenkt hast.“

Sie lächelte ihn mit ihren guten Augen an und nahm seine Hand und küßte sie ganz leise. In ihr war es ruhig. Fern, hinter den Dämmerungen glänzte das weiße Schloß am Ettersberg.

Einst, ja einst, war alle Sehnsucht Erfüllung. Einst blieb kein Rest mehr zu wünschen ...

Das war ein Tag von einem ganzen Sommer. Das war ein Korn aus der vollen Ähre, die sie ihm reichte. Das war ein grünes Blatt von dem Maibaum, den sie ihm pflanzte.