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Kapellendorf

Chapter 7: VI. Dämmerungen.
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About This Book

The narrative opens in a baroque, water-surrounded manor on a broad Weimar-region plain and follows two adolescents, Leonore and Klemens, whose leisurely conversations and small rebellions against adult expectations reveal tensions between youthful immediacy and social convention. Their exchanges explore religion, marriage, family gossip and personal ambitions, while visits from relatives and a cousin unearth past attachments and social affectations. Detailed scenes of village life and generational misunderstanding frame episodes that examine identity, duty, restraint and the desire to shape one’s own fate.

VI.
Dämmerungen.

Sie gingen heim durch die Felder. Reif und schwer, leuchtend weiß standen sie. Darüber war der Himmel wie blauer Stahl, und nur zuweilen riß ein Sonnenglanz das Gewölk auseinander und warf ein grelles, erschreckendes Licht über ein Stück Feld.

„Wir müssen eilen,“ sagte Freyer, „fast eine Stunde sind wir von jedem Dorf fort, komm doch rascher, du.“

Aber sie eilte nicht. Sie starrte nach dem düster-schweren Himmel — sie sah über die Felder mit den vereinzelten, gespensterhaft weißen Flecken, und sie fühlte ihr Herz schlagen in Qual und Lust. „Es kommt der Sturm,“ sagte sie, und das klang, als spräche sie: es kommt das Glück.

„Liebst du den Sturm?“

Sie antwortete aus ihren Gedanken heraus: „Ich kenne ihn nicht, aber es muß schön sein, ich kenne ihn nicht, und will ihn erleben.“ Etwas Fremdes lag auf ihrem Gesicht, etwas von schmerzhaftem Willen. Alles war Sanftheit — so viel, zu viel. „Laß uns doch hier bleiben und den Sturm fühlen.“

Aber er war voll Angst. Voll Angst um sie. „Komm doch, komm doch.“

Da klang schon ferner Donner. Und sie lachte. „Hörst du,“ sagte sie, „wie alles erbebt? Wie die Erde zittert! O, das ist nicht Angst, das ist Freude. Wiedergeburt. Erneuerung. Die Erde hat einen wilden Freund, das ist der Sturm. Er kommt nicht mit sanften Händen. Er zerbricht sie schier, und er weiß doch, sie ist stark. Sie kämpfen miteinander und immer siegt die Erde und zwingt den Sturm, ein freundlicher Wind zu werden, der allem wohltut.“

Leonore blieb stehen. Ihr ganzes Wesen drückte Enthusiasmus, willenlose, trunkene Begeisterung aus: ein Augenblick, der vielleicht einmal im Leben über einen starken Menschen kommen kann. Ein Augenblick, in dem alles Wollen begraben ist — nicht aus Machtlosigkeit, nicht aus mangelnder Schöpferfähigkeit — nicht aus Hingabe. Es ist der Augenblick, in dem der Stärkste bereit sein kann, nichts mehr zu wollen — zu stehen — zu warten —

So reif und weiß stand das Feld. O, war sie nicht reif, das Leben zu leben — war sie nicht reif wie ein blühendes Sommerfeld, den Sturm zu empfangen? Ja, die Erde bebte. Der stahldunkle Himmel beschattete das Land. Sollte nicht das Unerhörte kommen? — Der Mann konnte sie nicht bewegen, heimzugehen. Sie blieb und hörte auf den Sturm.

Aber das Gewitter zog zu Tal. Hinunter zog es und verlor sich in den Gründen. Von den Bergen hallte noch der Donner wieder, und nur ein leiser Regen grüßte die Flur. Lag Enttäuschung um Leonores Mund?

Nun wollte sie heim. — Sie gingen.

Sobald der Regen aufhörte, waren sie noch in dem alten Mauergärtlein. Ja, und da leuchtete durch die stillgewordene Luft des Sommerabends das weiße Schloß am Ettersberg. Man sah es noch von den Fenstern des Zimmers aus, als sie hinein gegangen waren.

Plötzlich sprach Leonore: „Siehst du das Schloß durch die Dämmerung leuchten? O, ich liebe es lange, lange. Über meiner ganzen Jugend hat es gestanden wie ein Gruß von den Toren der ewigen Stadt. Warum führst du mich nicht? Was weiß ich denn von deiner Seele? Sie wohnt in einem tiefen Bronnen, in den ich nicht hinabsehen kann. Du — ich sehne mich so sehr — ich sehne mich so sehr. Du müßtest kommen und mir deine Seele schenken — dann erst kann es gut sein —“

Der Mann sagte mit verhaltener Stimme: „Ich wußte ja nicht, ob ich durfte.“

„Ob du dürftest, du? O, ich wollte alles mit dir. Siehst du, wir haben gescherzt und gelacht wie Kinder. Ich kann nicht immer nur lachen, du — ich muß den Freund haben, von dem ich alles weiß — sonst war alles — eine Lüge.“

Sie stand vor ihm, und auf ihrem jungen Mund lag der Ausdruck einer stürmischen, einer todesernsten Sehnsucht. Sie hob den Arm — bog sich damit die Stirn zurück. „Bin ich denn ganz allein? Können wir nie Freunde werden? Kannst du nicht sein, daß ich dich liebe wie Gott?“

Der Mann taumelte. Er küßte sie ...

Und Richard Freyer gab Leonore, was seit den Tagen des Paradieses der Mann als Heilmittel für alle Frauennot hält. In dem Augenblick, da eine Jugendinbrunst nach einer andern Seele rief, hatte er nur das eine zu geben, was von ihm schon oft verschenkt war. Es war in dieser Stunde ein Bettelpfennig — ein unbegehrter Bettelpfennig.

**
*

Draußen ging der Winter. Ein langer, stiller Winter. Müde, sonderbar müde war Leonore in all der Zeit. Und Richard saß über Büchern, über unendlichen Notizen, Manuskripten und Abbildungen. Er wollte das wissenschaftliche Werk schreiben, zu dem er lange Jahre schon Vorarbeiten gemacht hatte.

Sie war dessen fast froh. Seit jener Nacht nach dem Gewittertag hatte sich etwas zwischen ihnen geändert. Der Mann sprach zu ihr — ja wirklich, sie könnten nicht immer nur lachen und durch das Land gehen, sie hätten nun lange genug gespielt, nun müsse der Ernst des Lebens, die schwere Verantwortlichkeit des Lebens über sie kommen. War es „über sie kommen?“ Er konnte sich auch anders ausgedrückt haben, der Sinn blieb es jedenfalls.

Ein Spiel nannte er das, worein sie allen Willen gelegt hatte. Gut — mochte es ein Spiel gewesen sein, daß sie ihm die Jugend schenken wollte, daß sie seine Freundschaft begehrte. Er sprach ja so viel von Freundschaft. Er meinte wohl etwas anderes damit, als sie. — Von der Treue, von der Ewigkeit der Treue sprach er oft. Wie kann man dem, was sich nicht zu erschließen vermochte, treu bleiben? Treu bleiben — einem Wort? Einem leeren Wort?

Sie ging umher, und alles, was einst in ihr geglüht hatte, schien erloschen. Trug sie die Schuld? Hatte jemand Schuld? Sie zerquälte sich; sie dachte: was ging wohl in dem fremden Manne vor, der neben ihr hinlebte und von dem sie nichts wußte, als daß er sie wohl einmal schön gefunden hatte wie ein Schmuckstück, das man nach seinem Willen anlegt und abtut. Was ging wohl in dem Manne vor, der ihr so fremd war?

Sie fand einmal irgendwo Verse von jemand, den sie nicht kannte. In irgendeinem Buch, das mit andern aus der Stadt geschickt worden war. „Revenants“ stand darüber — Heimkehrende, Wiederkommende, Gespenster, wie man es deuten wollte. Gedankenlos hatte sie es gelesen — und sie las es, aufmerksam geworden, noch einmal:

Revenants.

Spürst du, wie der Tag entgleitet
Über sommerschönem Land?
Fühlst du, wie mit sanfter Hand
Sich das Dunkel um uns breitet?
Weißt du, daß wir lange starben,
Daß wir untergehen mußten,
Bis wir uns das Jetzt erwarben,
Bis wir neu das Leben wußten?
Kam nicht das Leben als taumelnder Tanz
Von trunkenen Füßen geschritten?
War nicht das Leben ein grüner Kranz
Vom Schicksal erstritten?
Lust — Lust — Überschwang, sterbend
In Überschwang —
Lust — Lust — Liebe, die werbend
Wie Flötenklang —
Vorbei — Weißt du, daß wir langsam starben,
Daß wir lange untergingen,
Bis wir wieder um uns warben,
Bis wir neu uns dann umfingen?
Wohl weißt du es. Dein Mund ist rot
Von vielem Wissen,
Von tausend Küssen,
Die er andern bot.
Du gibst mir deine Hand — sie ist so weich,
Sie war zuerst von mir geküßt —
Du gibst mir deinen jungen Leib — er ist so reich,
Er war zuerst von mir begrüßt.
Kamst wieder heim — mein Herz, mein Kind,
Dorthin, wo vereint
wir nun immer sind,
Und unsere Augen haben ausgeweint.
Ja, alle Lebensnot
Und aller fremde Lebenswille ruht nun aus.
Ein junger Dornstrauch wächst um unser Haus
Und blüht so lieberot.
Der Abend umschattet den Raum,
Still ist alles. Du bist ja da. Und nur durch eine lange Nacht
Ging einst ein ferner Traum,
Geliebteste, der Umkreis ist vollbracht:
Zu ihrem Ursprung kommt die Liebe heim.

Sie las das, und es war ihr, als seien diese fremden Worte vielleicht ein Schlüssel zu Richards Wesen. Nie hatte er von seinem Leben mehr gesprochen. War da wohl vor langer, ferner Zeit eine Liebe gewesen, die er doch nicht hatte vergessen können? Die verleugnet zu haben er sich jetzt schämte?

Sie dachte nicht an sich; sie hätte darum wissen können, daß seine Verändertheit ihr nicht das Herz verwundete. Sie dachte nicht an Recht und Stolz; sie hätte darum wissen können, daß es ihr nicht die Norm aller Dinge war, nicht der geliebte Mensch, von dessen Wertung unser Sein abhängt. Das alles wußte sie nicht. Sie meinte nur: warum soll er neben mir gehen, wenn er sich vielleicht nach einer noch erreichbaren Vergangenheit sehnt? O, das sollte doch nicht sein. —

Sie fragte ihn. Als sie einen Vorfrühlingsabend um den Kamin saßen — draußen stand die Sonne brandgelb erlöschend über dem farblosen Land —, fragte sie ihn: „Richard, du hast mir nie von deinem Leben sprechen wollen. Ich weiß ja das von Kaspar Mühlfund. Auch, daß du eine kurze Zeit verheiratet warst. Wenn ich dein Gesicht sehe, so kann ich mir nicht denken, dies sei alles gewesen, was dich einst bewegt hat. Über dein Gesicht ist einst der Sturm gegangen. Als wir uns kennen lernten, warst du ein ruhiger Mann. Ich glaube, als du mir von Liebe sprachst, war es aus einer Erinnerung an die heraus, die auch aus Kapellendorf kam. Richard, ich glaube, wenn über einen Menschen der Sturm gegangen ist, wird es nie ganz ruhig mehr. Er kann es nie vergessen. Du mußt mir nicht böse sein und denken, ich quäle dich. Ich glaube nur, vielleicht sprächst du gern, und dann sollst du nicht denken, hier bei dir ist jemand mit Ansprüchen, mit Neugier. Ich möchte dich nur verstehen lernen, und wenn du sprechen magst, kannst du es sagen, als sprächest du zu jemand, der ohne Furcht, ohne Hoffnung, ohne Widerstreit, sondern nur mit verstehendem Wollen dich hört.“

Richard Freyer saß am Kamin. Er rauchte. Zuweilen warf er einen Bündel Tannenreiser-Wellchen, die arme Frauen aus dem Wald brachten, in die Glut, so daß es aufprasselte. Jetzt legte er seine Zigarre weg — sie sah, er warf sie nicht einmal ins Feuer, er wollte nachher gleich weiter rauchen — und trat zu Leonore.

„Nun fühle ich es, daß du Freundschaft für mich hast. Einmal war es, an einem gewitterschwülen Tag, da sprachst du davon, aber du wußtest nicht, was du wolltest. Und nun sprichst du so, wie ich es von meinem Lebenskameraden wünsche. Ja, nun sprichst du so. Nun will ich dir auch gern von meinem Leben erzählen. Du weißt, daß ich dich sehr lieb habe — und da ist doch eine Erinnerung in meinem Leben, die mir oft noch weh tut.“

„Sprich nur,“ antwortete sie.

Er ging an seinen Platz zurück und holte die Zigarre. Sie glühte noch. Dann suchte er sich eine dunkle Ecke des Saales. Leonore nahm den verlassenen Platz am Kamin ein. Sie setzte sich auf die niedrige, hölzerne Stufe und lehnte sich halb liegend gegen die Mauer zurück.

Richard kam noch einmal zu ihr. „Wie schön du bist,“ sagte er, „wie eine Prinzessin siehst du aus.“

Ihr klangen diese Worte wie eine zufriedene Kritik. Sie antwortete still: „Sprich nur, Richard.“

Er ging wieder an den dunkeln Platz, und sie sah in das Feuer, in das stillglühende Feuer von Buchscheiten, das sein Licht an die Kaminwände warf. Und sie wartete, von etwas Großem, Starkem zu hören.

„Weißt du, Leonore, mit 21 Jahren kam ich nach Berlin. Ich war fast mittellos — ich wohnte in einem Hinterhause, weit draußen im Osten, über vier Treppen, bei einer alten Frau. Die hatte noch eine Pensionärin — eine echte Berlinerin; o, du meinst vielleicht, die Berlinerinnen sind so, wie man sie aus den Witzblättern kennt — nein, so war das kleine Mädchen von Berlin nicht. Sie war nicht sehr hübsch — so schlecht genährt und blaß und klein. Sie nähte Mäntel in einem Geschäft und kam immer abends todmüde heim. Und weil wir uns beide kein Feuer bezahlen konnten, saßen wir zusammen in der Küche der Frau. Die ging oft abends fort, und wir hatten dann die Küche allein. Ich achtete lange gar nicht auf das Mädchen; viele Tage saß ich da und las in meinen Büchern und achtete nicht auf sie. Bis sie mich einmal fragte: Sie haben auch einen Kummer, Herr Mühlfund? Damals war ich ja noch Mühlfund. Auch? fragte ich. Und da erzählte sie mir eine traurige Geschichte. Ihr Bräutigam war gestorben — auf eine grauenvolle Weise bei einer Kesselexplosion in seiner Fabrik umgekommen. Ja, weißt du, so verlassen wie ich damals war, erzählte ich dem kleinen Mädchen mein Herzeleid. Und sie war sanft und teilnehmend zu mir, wie ein Kamerad, wie ein alter Weggenoß ... Lange, lange sahen wir uns nur des Abends in der häßlichen Küche. Und dann, als der Frühling kam, und es mir ein wenig besser ging, führte ich sie manchmal hinaus in den Grunewald, nach Halensee, oder zu den Zelten im Tiergarten. Das war eine Freude, das Entzücken dieses kleinen Mädchens zu sehen — sie war ja kaum noch aus der Stadt gekommen. Wie sie den kahlen Kiefernwald schön fand, und wie sie die kleinen Seen anstaunte. Ja, einmal sagte sie in ihrem stark ausgeprägten Berlinisch: Det is ja richtijes Wassa — da meinte sie, das ist Wasser, wie es aus der Erde kommt, wie es die Natur hingesetzt hat.“

„Der arme, kleine Mensch,“ sagte Leonore, „und du hast ihr das alles geben können! Das muß gut gewesen sein. Ja — und dann?“

„Ach das war lange. Ich glaube, fast zwei Jahre lebten wir so. Und ich las ihr auch etwas vor — du weißt, ich habe doch damals Gedichte gemacht — und das waren die ersten, die sie hörte, und sie gefielen ihr sehr.“

Jetzt rauchte Freyer nicht mehr — er war ganz eingenommen von dem Gedanken an sein kleines Mädchen. Dann begann er wieder: „Ich kam ja durch Unterrichtgeben so leidlich durch. Oft halfen wir einander mit Pfennigen aus. Ich machte auch das Philologen-Examen — in einem geborgten Rock, mit von ihr geplätteter Wäsche. Und sie wurde so reizend, sie blühte ordentlich auf; sie war siebzehn, als ich sie kennen lernte, und alt — mit neunzehn war sie jung und hübsch.“

„Ihr liebtet einander?“ fragte Leonore.

„Ja, das kam. Es mußte ja kommen. Hunger und Liebe, Hunger nach Liebe ketteten uns zusammen.“

„Und dann?“

Freyer schwieg.

„Und dann?“ fragte Leonore.

„Ich bekam durch einen jungen Mann, den ich, nachdem die Familie schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, durch die Reifeprüfung brachte, eine Hauslehrerstelle bei reichen Leuten. Mein kleines Mädchen gab mir noch von seinen Ersparnissen, damit ich mich einigermaßen anständig equipieren konnte. Es war ein großes Glück für mich — wenn auch ein harter Abschied. Doch ich konnte ihr ja schicken, ich ließ sie beruhigt bei der Frau zurück, die es gut mit ihr meinte, und auch das Kind versorgen wollte und pflegen, wenn sie nachher wieder auf Arbeit mußte.“

„Das Kind?“

„Das Kind, das wir erwarteten. Ich reiste also. Nach Italien kam ich mit der fremden Familie. Ein schönheitshungernder Mensch nach Italien. Wir reisten von Ort zu Ort — ihre Briefe fanden mich seltener — und wie das bei dem Reiseleben so geht — ich schrieb seltener — ich verschob alles auf die Heimkehr. Und als ich nach Jahren wieder zurückkehrte — da fand ich bei der Frau nur einen Brief von ihr. Ein paar Worte voll Sehnsucht, unterzeichnet: Dein kleines Mädchen. Aus Rom war er unbestellbar zurückgekommen.“

„Und wo war sie?“

„Das wußte niemand. Sie war fortgegangen, fort mit dem Kinde. Die Frau hatte ihr auch zugeredet, denn da sie so lange nichts hörten, hatten sie einen früheren Bekannten von mir nach mir gefragt, und der sagte ihnen wohl in gutem Glauben, ich sei jetzt ein vornehmer Herr geworden, sie solle sich doch lieber nicht an mich gebunden betrachten.“

„Du hattest ihr so lange nicht mehr geschrieben?“

„Lange nicht. Ich hatte doch zu unterrichten — machte eine wissenschaftliche Arbeit — studierte für die Zukunft.“

Leonore sah ins Feuer und schwieg.

Der Mann fing wieder an zu sprechen: „Lange, lange ist sie durch meine Träume gegangen, weißt du, immer als ein lieber Kamerad, ein armes kleines Seelchen, das wie ein verborgenes Lichtlein in der lauten, aufdringlichen Riesenstadt für mich gebrannt hatte. Wenn ich dann einsam war — und wie war ich einsam —, dann mußte ich immer an sie denken, wie sie mir meinen Kummer hatte tragen helfen, wie sie so ohne alle Scheu — vertrauensvoll alle meine Sorgen und Note mit mir trug, und wie sie so glücklich war, wenn ich sie mein kleines Mädchen nannte — mein kleines, reizendes Mädchen.“

Leonore dachte: nichts hat er sich halten können in seinem Leben, nichts. — Sie lag noch am Feuer — sie warf einen neuen Reisigbündel in die glimmende Asche. Der flammte auf, knisterte, brannte lichterloh.

„Du müßtest suchen gehen, sie zu finden, Richard. Warum tatest du es denn nicht?“

„Sie ist tot,“ sagte der Mann.

„Ist sie selbst in den Tod gegangen?“

„Ja.“

„Aus Mangel oder Kummer?“

„Es war — als sie damals den Freund nach mir fragte, da bot ihr ein Mann die Ehe an. Sie konnte schlecht Arbeit finden mit dem Kind. Da heiratete sie. Es ging ihr nicht gut ...“

Leonore schwieg. Vielleicht hätte sie ein Wort der Güte finden müssen. Verdiente aber der Kaspar Mühlfund Güte, der nicht einmal mehr für den Unterhalt des Kindes gesorgt hatte — und jetzt immer so zärtlich sagte: Mein armes kleines Mädchen? Und hinter ihren Gedanken hörte sie, wider Willen, das kleine Mädchen sagen: Det is ja richtijes Wassa, richtijes Wassa, und einmal hatte sie ein richtijes Kind jekriejt und war dann mit ihm in ein richtijes Wassa jejangen. Armseliger Kaspar Mühlfund. Armseliges kleines Mädchen. Leonore hatte ein Gefühl von Pein. Sie würgte daran, würgte es hinunter.

„Laß sie schlafen, wir sterben alle einmal. Ob wir große Wünsche hatten oder ein kleines Mädchen, wenn wir tot sein werden, war es einerlei.“ Sie preßte die Worte heraus wie eine Qual.

Sie stand vom Feuer auf und mit einer heftigen Bewegung hob sie den Arm, nahm das eiserne Gerät und zerstörte den Feuerrest im Kamin. „Es ist Nacht, laß uns gehen.“

„Du hast kein Wort für mich, Leonore?“

„Es war wohl dein Schicksal,“ sagte sie, und ihre Stimme klang fern, wie wenn hinter Mauern eine Glocke vertönt, „es war dein Schicksal, und niemand klagt dich an. Du mußt es tragen oder vergessen.“

„Ich will es ja bei dir vergessen, ich habe es fast schon vergessen,“ sagte er und trat zu ihr, „ich habe ja dich!“

„Mich?“ sagte sie, und es war ein stürmischer Hochmut in ihrer Stimme. „Ja, was willst du denn von mir? Deine Toten, diese Toten kann ich dir nicht auferstehen lassen — ich nicht — ich nicht.“

Hinter ihren Trübsalshohngedanken aber jubelte etwas auf: ich werde kein Kind von ihm haben — ich nicht — ich nicht.

**
*

Des Kaspar Mühlfund Seele hatte mit der ihren nichts zu tun. Das wußte sie jetzt. Hier war kein Band der Vereinigung zu schlingen. Doch sie hatte Freyers Wärme und Menschlichkeit genommen, in der Nacht, da sie in dem einsamen Hause bei einer Toten war. Das verpflichtete. Was hatten sie einander wohl noch zu geben, worauf sich das Leben fortbauen konnte? Sie dachte an München, wo sie seine Schülerin gewesen war. Sie meinte nun, sie müsse ihm in seiner intellektuellen Bedeutung nahe zu kommen suchen. Sie hatten ja so viel Zeit — so unendlich viel Zeit —

Und wieder war es Leonore, die zu ihm kam und sagte: laß mich teilnehmen an dem, was dich beschäftigt: ich bin ja noch wie ein unwissendes Kind.

Er war erfreut. Ja, das hatte er immer gewünscht, mit ihr noch einmal die Dinge zu treiben, die ihm in seiner Jugend neu gewesen waren. Literatur- und Kunstgeschichte etwa — ja.

Und so kamen Monate des intellektuellen Lebens ineinander. Er erzählte ihr, er las ihr vor. Vieles, vieles war da, was sie berührte, was ihr Offenbarungen des Verstandes bot.

Eine ganze Bücherei nahmen sie zusammen durch an den länger werdenden Tagen. Und sie half ihm bei seiner Arbeit, sie suchte ihm das, was er brauchte, in den schweren großen Büchern; sie kam sich endlich vor wie ein Famulus bei einem gelehrten Magister. Sie war ja noch bildsam, biegsam, anpassungsfähig. Noch einmal nahm sie mit dem Mut der Jugend das Neue auf, um es zum Guten, zum Lebensvollen umzugestalten.

Mit aller Kraft ihres fröhlich geborenen Herzens versuchte sie, ihm nahe zu sein. —

Vielleicht machen manchmal Menschen, die einander lieben, den Verständigungsweg über Kunstgeschichte, oder sprechen von sozialer Nächstenliebe, während sie nur an ihre persönliche denken. Aber Enttäuschungen der Liebe hat die Beschäftigung mit den Wissenschaften wohl noch nie in neue Zauber verwandelt.

Und da kam es wieder — wieder an einem Abend am Kamin.

Richard Freyer sagte: „Was bist du doch für ein Kind, Leonore. Dir ist alles Tote lebendig.“

„War es dir denn nie?“

„Mir? Ach vielleicht einmal — aber glaubst du, wenn die Männer nicht einen Namen, eine Stellung, Geld davon bekämen, würden sie sich so quälen mit Wissenschaft und Kunst?“

Sie hörte die Worte des Plebejers und antwortete: „Das sagst du und glaubst es nicht.“

Er aber widersprach eifrig und belehrte sie, alle Begeisterung sei nur ein Jugendausbruch, der überwunden werden müsse. „Du schwärmst,“ sagte er. „Zu viel, viel zu viel Temperament hast du. Du siehst alles so heftig und ungebärdig. Na — ich will dich nicht ärgern — ich bin in die Stille und Gelassenheit eingegangen, und du hast noch manchmal das Fernweh. Nun, das gewöhnt man sich ab. Mit der Zeit geben sich schon die Extravaganzen. Weißt du noch, zuerst warst du hier wie ein spielendes Kind — es ist sehr hübsch gewesen, gewiß, aber nun habe ich dich lieber, nun bin ich sicherer —“

Sie sah ins Leere. Was fesselte sie wohl an ihn, wenn nicht die Erinnerung an jene Sommertage, da sie ihn lieb hatte, als sie den Ewigkeitswillen zum Glück hatte. „Du bist so voll Resignation, Richard —“

Er antwortete bedächtig: „Mit zwanzig Jahren ist uns das Wort Resignation fast so zuwider wie eine körperliche Mißgestalt. Aber einmal sehen wir: alle Reife ist nichts anderes als Resignation. Und wenn wir mit unsern still gewordenen Jahren nicht mehr die Lieblingsgedanken der Jugend — Tod und Unsterblichkeit — denken, so ist es nur, wir sehen ein, daß wir das Bild von Saïs nicht entschleiern müssen — daß wir mißtrauisch werden unserm Intellekt gegenüber, der sich an Hypothesen und Phantastereien erwärmen wollte. O, man sage mir nichts über die Resignation — sie ist unsere Würde, nur sie bewahrt den Mann davor, noch ein taumelnder Jüngling zu sein, da noch der Enthusiast zu sein, wo andere Erkennende sind.“

Das mochte wohl eine Wahrheit bedeuten — aber sie paßte nur auf den, dessen junges Glühen vergangen sein mußte ...

Leonore wachte in dieser Nacht. Nicht durch die letzten Worte, die einer Laune entsprungen sein konnten, war sie so traurig. Nicht durch ein einzelnes Wort. Aber in vielen Tagen der Einsamkeit war sie wissend geworden. Wissend über den Mann mit dem kleinen Mädchen von Berlin, der einmal in einer — Laune Leonore begehrt hatte. Sie verstand jetzt, was ihn einen Augenblick lang zu ihr geführt hatte, verstand, was sie äußerlich verbunden, was sie im Innern unüberbrückbar trennte: es war vielleicht eine Rassenfrage.

Sie kam aus dem Behüteten. Aus ruhiger Entwicklung. Sie dachte in Fernen zurück: in der Frühheimat der mütterlichen Familie standen heute noch Druidensteine — die Kelten hatten das Land besessen. Dieses Volk der Inbrunst und der Schwermut. Die Gedanken verdämmern in weiten Frühzeiten. Blau stand der Himmel, jungfräulich die Erde. Wo jemand tot war, erhebt sich ein steinerner Schrei durch die Jahrtausende. Erobererrufe klingen, noch tönender kommt die Offenbarung der Seele — Aus weitem, weitem Land kam sie den Weg.

Und er? Er — — Vor einer Mühle auf der Hochebene des Weimarischen Landes, dort, wo immer der Wind weht, hatte man ihn gefunden. Eine tote Frau neben ihm. Niemand wußte, woher sie kam. Hinterm Dornbusch war er gezeugt, im Kornfeld geboren. Er wußte keine Vergangenheit. Er wußte keine Vergangenheit, bis er erwachsen war. Da erzählte sie ihm in heißen Nächten wohl sein rinnendes Blut. Von Ausgestoßenen, Heimatlosen kam er, die nichts verpflichtet, die nichts zur Ehrfurcht zwingt, die der Rasse in die sie geworfen werden, als erbitterte Feinde gegenüber stehen.

Es gibt nur eine Verbindung, Verschmelzung zwischen solchen Menschen: die der Liebe. Liebe kann Freundschaft lehren, die Erlösung der Persönlichkeit. Alle hundert Jahre einmal tut sie es. Hier war es nicht geschehen. Er, der sich ausgekämpft hatte, und sie, die das Leben begehrte, hatten sich wohl nie nahe kommen können. Vielleicht nur weil ihr Wille stärker gewesen war als seiner, gingen sie dorthin zurück, wo sie beide den Ursprung nahmen.

Ach — sie wußte es plötzlich — ein Kindheitswunsch war die erste Heimat gewesen — oder ein Wunsch für die, die das Leben gelebt hatten und sich nun zurücksehnten in die Stille eines Gartens, in die Stille hinter Mauern, um die der Wind das Lied der Erinnerung sang.

Ja er, Richard, hatte das Leben ausgelebt. Er war noch in den Jahren der Kraft — aber manche Menschen verbrauchen ihre Erhebungsfähigkeit, ihren Tatendrang in ein paar Jahren stürmischer Jugend. Kalt dachte sie: es ist ein Atavismus, es ist das Erbe jener, die schon mit sechzehn Jahren Männer sind, die mit vierzig ins Greisenalter eingehen — das Erbe des vierten Standes ist es, dessen Arbeitsverpflichtung schon in der Kindheit beginnt, dessen Selbständigkeit im Jünglingsalter anfängt. Ihre Jugend ist fast früher beendet als das Wachsen ihres Körpers. Ja, seine Jugend war vorbei. Und nun blieb nichts mehr.

Nein, nein, sie durfte nicht ungerecht werden. Er war es, der ihrem Verstand einen neuen Inhalt gegeben hatte. Vielleicht wäre sie ewig im Unbewußten gegangen, wenn er ihr nicht die freie Herrlichkeit des Wissens gezeigt hätte. Gezeigt — wie ein Vater seine Tochter lehrt. Wie ein Lehrer den Schüler. Wie ein Vollendeter den Ringenden. In ihr brannte alles, was in ihm überwunden war. In ihr lebte, was in ihm Vergangenheit war. Er hatte alle Dinge schon an dem ewigen Bestand der Kulturen gemessen — er hatte alles schon bewertet und verworfen, was ihr noch hohen Wollens wert schien. Er lächelte weise, wenn sie glühte. — — Helden gingen durch die Welt, die formten die Geschichte der Menschheit, das Ethos ganzer Völker nach ihren Taten. Es war, sie glaubten noch an die Kraft eines leidenschaftlichen Willens, sie glaubten mit der einseitigen Zähigkeit des Eroberers an die Stärke in ihrem Tun. Sie vermochten für eine Idee zu sterben, sie setzten ihr Ich zum Trotz gegen die ganze Welt.

Und sie — und sie? Lag denn das wagemutige Leben schon hinter ihr, der Neunzehnjährigen? Die Ewigkeit war nun sie. Undurchbrechlich, unveränderlich — die Ewigkeit eines Zusammenlebens. Still kommt der Tag, still geht der Tag. O, so tausendmal ruhig. Wir reden leise von leisen Dingen. Wir reden still von großen Taten. Wir lesen gelassen von den stolzen Geschehnissen des Lebens. Sie klingen uns wie Erinnerungen von fernen Festen her. Eine Mauer ist um unsere Burg. Und um die Mauer lastet steinern das Schweigen. Eine gläserne, kühle, ruhige Ewigkeit steht um die Mauern unserer Burg. Fern klingt der Wind. Fern, hinter der Mauer und der gläsernen Ewigkeit klingt lockend der Wind. Er weiß es nicht, von wannen er kommt und wohin er fährt. Ich aber weiß — um mich stehen undurchbrechlich, unverrückbar die Mauern der Ewigkeit.

**
*

Leonore fühlte es, trotzdem sie im Zimmer war und schon tagelang liegen mußte, weil der Hals sie schmerzte, sie wußte es, draußen ging tauender Frühlingswind. Denn die Vögel, die Amseln schrien so heftig, schrien so heftig, daß es verwirrte — o, sie riefen, weil der Frühling kam. Ja, auch aus ihrer einsamen Seele heraus klang ein Ruf:

O, du kommst wieder, Frühling,
Füllst das Land mit Jauchzen und Singen,
Und alle Brunnen springen,
Und meine Sehnsucht ist so wild
Und ungestillt.
Fliederbüsche neigen sich
Voll schwerer Trauben,
In dunkeln Lauben
Erklingt das alte Lied
Von langem, sehnsuchtsschwerem Liebesglauben:
War’s nicht in ferner Zeit der Morgenröte
An einem nie gewes’nen holden Tag,
Da spieltest du auf deiner Flöte,
Pan-Geliebter im Waldeshag,
Das Frühlingslied von Herzentbrennen —
War’s nicht? War’s nicht Erkennen?
War’s nur ein Vorgefühl von jener Lust,
Die einst in Frühlingsschöne unsere Brust
Als nie geschautes Wunder trinkt?
Die Zeit versinkt —
War es ein ferner, nie gewes’ner Tag von Leid beschattet,
Ist es die Lust, die morgen, morgen mir sich gattet,
Pan-Geliebter in Frühlingslauben?
Alles glauben
Will ich. Weiß ich doch kaum,
Ob ich reich bin oder arm,
Verlassen oder hörig
Oder keinem gehörig
Als dir, du fliederblauer Frühlingstraum.
Komm, komm, ich hebe die Hände, die liebeswarmen,
Das Nichts zu umarmen,
Oder, Geliebtester, dich!
Führe mich,
Mein Herz ist schwer von Süße,
Mein Herz ist voll bis an den Rand —
Führe mich, führe mich, du, den ich grüße,
Endlich in dein Land —