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Kapellendorf

Chapter 9: VIII. Die Nacht.
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About This Book

The narrative opens in a baroque, water-surrounded manor on a broad Weimar-region plain and follows two adolescents, Leonore and Klemens, whose leisurely conversations and small rebellions against adult expectations reveal tensions between youthful immediacy and social convention. Their exchanges explore religion, marriage, family gossip and personal ambitions, while visits from relatives and a cousin unearth past attachments and social affectations. Detailed scenes of village life and generational misunderstanding frame episodes that examine identity, duty, restraint and the desire to shape one’s own fate.

VIII.
Die Nacht.

Draußen, vom Turm, schlug die Uhr die Mitternacht. Langsam, in törichter, tönender, quälender Deutlichkeit zerbrachen ihre stummen Rufe die Stille. Langsam, in törichter, tönender, quälender Deutlichkeit drangen die Rufe herein in das mondweiße Zimmer. Leonore lag wach. Lange schon lag sie.

Was war denn, was war denn gewesen, daß alles Alte zerstört und grausam vernichtet lag? Es war nichts gewesen als eine holde Stunde — eine frühlingsholde, junge Stunde. Nichts Böses — was für ein häßliches Wort für das Allerschönste — — Nur eine holde, junge Stunde war gewesen —

Ob Richard wohl schlief? Ja, draußen vom Turm hatte es die Mitternacht geschlagen. Und er wußte alles — wußte nichts.

Was war denn zu wissen? Sie hatten einst ihr Haus zusammen erbaut — ihre feste Burg über der Welt, über den Niederungen des Tales — ihre Burg, die stehen sollte wie ein Heidenmal, unverrückbar, unzerstörbar. Ihre Burg, die aufragen sollte wie ein Heidenaltar auf dem Berge, den Göttern geweiht. Ja, das hatte sie gewollt.

Was war denn, was war denn gewesen? Ein Vogel war um die Burg geflogen — ein junger, sanfter, wilder, schöner Sommervogel. O, es war nichts gewesen als eine holde Stunde.

Einst wollte ich, Richard, wir gehörten zusammen, wie zwei, die erst das Leben schufen. Die schuldig sind am Leben. Ja, das habe ich einst gewollt.

Einst war ich jung bei dir, Richard. Durch blaue Nächte klangen Sehnsuchtsrufe. Einst war ich stark. Einst glühte ich; die Welt — und du, ihr solltet entbrennen von meinem Glühen. Einst war meine Sehnsucht so groß, daß sie Berge versetzen konnte.

Weißt du noch, oder hast du es ganz vergessen? Meine Sehnsucht hatte ich dir geschenkt. Ich glaubte sie in einen tiefen Bronnen geschüttet. Aber du hast sie nicht behütet — und so ist sie wieder zu mir gekommen.

Die Nacht ist so bang —

Einst — — o, dieses tötende, tötliche, törichte Einst. Die Burg baute sich auf wie goldene Tore zum Himmel. Die Luft um die Burg glühte, als trüge sie den Brand der Leidenschaft — Ja, so fühlte ich, was zwischen uns sein, werden sollte — Geh — geh — ich konnte nicht mehr — du hast es ja nicht haben wollen — du hast alles leblos werden lassen, ehe es noch geboren war.

Warum ist denn die Nacht so lang — so bang und schwer?

Was war denn? O, ich ersehnte die Ewigkeit. Ich wollte sie kennen, wie nur Gott sie kennt. Aber ein Gott stieg einst vom Himmel, um in einer erdgeborenen Mutter Schoß zu ruhen — und ich bin gegangen — und ich sah nicht mehr das Hoffnungslose — ich habe eine Jugend gesehen, die noch glüht, als könne sie die ganze Welt entbrennen machen.

Ich sah den Rausch — den Rausch einer ersten Stunde — und ich — erlebte zum ersten Male das Ereignis der Erfüllung einer ersten Stunde. Ja, ich habe es dir gesagt — du bist still gewesen und ich habe nichts zu verteidigen gehabt.

Und nun ist die Nacht. Die Nacht — Ich wollte schreien — ich weiß nicht, ist es vor Qual oder Glück — ich habe ja nicht gewußt, daß es dieses auch von andern gibt. Wie hätte ich dich sonst betrügen können, Richard, wenn ich einmal glaubte, zwischen uns wäre es gut. Du hast ja nicht auf mich gehört, wenn ich allen Willen allein nicht mehr tragen konnte — ja, was sich von uns wendet, was wir verlassen, war nicht Notwendigkeit.

Das andere — o, du verzeihst mir doch, du geliebter Mensch, daß ich in dieser Nacht nicht allein an dich denke? Du, du bist noch unter diesem Dach — und mein Herz zittert nach dir — lauter als alle Gedanken ruft es.

Du — du bist noch unter diesem Dach — und ich habe deine Schönheit gesehen, ich habe sie getrunken — deine holde, wilde, sanfte, frühlingsstarke Seele habe ich gefühlt. Es brennt durch mein Blut — da bist du, du wilder Vogel, der lachend und leuchtend über Meere zieht. Ich liebe dich — ich liebe dich, ich will dich noch einmal sehen und sterben.

Die Nacht ist lang — bis die Turmuhr wieder eine Stunde schlägt, ist noch ein ganzes Leben — mit dir gehen und die Welt jung sehen — mit dir gehen und die Welt entbrennen sehen von unserer Liebe. Mit dir — mit dir —

Habe ich denn gelebt bis zu diesem einzigen Augenblick? Bis zu diesem niegewesenen Tag? O, ich wußte ja nichts. Ich war ja so arm. Ich habe geküßt und von Liebe geredet und wußte nichts. Und nun weiß ich — komm zu mir, ich muß es dir sagen.

Siehst du das Frührot hinter den Bergen? Hörst du den Lockruf lieberotester Liebe? Komm zu mir, komm, du geliebter Mensch, komm, erlöse mich mit deinem brennend roten Mund. Wie ein Jahrtausend muß mit dir das Glück sein, so glühend von großen Taten.

Die Turmuhr schlug. Die zweite Stunde des ruhenden Tages schlug sie. Tönte sie herüber aus mahnenden Vergangenheiten? Es ist ja nichts, als daß ich leben will, als daß ich selig bin — als daß der Tod mir das größte Wort, das heiligste Geschehnis wäre, führte sein Weg mit dir — mit dir —

So schwer und bang und glühend ist die Nacht. — Leonore — wie wird dein neuer Tag sein?

Ende.


Druck von Mänicke & Jahn, Rudolstadt