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Kean: Schauspiel in fünf Akten nach Alexandre Dumas cover

Kean: Schauspiel in fünf Akten nach Alexandre Dumas

Chapter 22: AKT FÜNF
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About This Book

A five-act drama follows a celebrated stage actor whose impulsive genius and turbulent passions draw him into scandalous entanglements with aristocratic patrons, jealous rivals, and intimate companions. Scenes alternate between salons, private chambers, and the theater to examine the clash between performance and private identity, the performative rules of high society, and the precariousness of reputation. An ensemble of servants, managers, admirers, and manipulators exposes social hypocrisy and emotional exploitation, and mounting misunderstandings and betrayals lead to a tense unraveling that forces characters to confront the moral and personal costs of fame.

AKT FÜNF

Zimmer bei Kean. Zwei Ausgänge links. Ausgänge rechts. Aufmarschiert die vier Artisten: Viktor, Well, Gonsch, Kauka. Die Mitsäufer Tom, David, Bardolph. Salomon aus dem Nebenraum.

SZENE EINS

SALOMON: Man muß schon irrsinnig zu sein im Geruch stehn, damit die Menschen anständig werden. Hilfe für Gesunde erdenkt niemand. Überall steht der Verstand auf dem Kopf. Wär ich sonst Souffleur?

VIKTOR: Bob ist entschuldigt. Das Geld des Benefiz war zuviel. Er hing sich auf.

SALOMON: Splendid. Ein Narr nahm den gewöhnlichen Abgang.

GONSCH: Wir haben draußen abgelegt.

VIKTOR: Zehn Flaschen Pommard.

WELL: Zehn Flaschen Chambertain.

KAUKA: Fünf Flaschen Portwein.

GONSCH: Zwanzig Flaschen Sekt.

VIKTOR: Sieben Flaschen Haut Sauternes.

WELL: Zwanzig Flaschen Château Latour.

KAUKA: Zehn Flaschen Jules Bernin.

GONSCH: Eine kleine Tonne Whisky.

SALOMON: Das habt ihr gut hereingeschifft. Was soll der Herr damit?

TOM: Sechs Renntierschinken.

DAVID: Vierzig Kilo Honig.

BARDOLPH: Zehn große Hummer.

SALOMON: Das habt ihr gut hereingesetzt. Ihr Trockenen. Ob ihr vom Festen nicht aufs Nasse spekuliert?! Ihr Trinkerchen.

TOM: Wenn wir auch Hunde sind, saufen wir nicht aus Krankenkübeln. Was sagt der Arzt?

DAVID: Wenn mich Gott in schweinige Versuchungen auch führt, bewahrt er mich, aus dem Elend Vorteil zu ziehen. Wie gehts dem Herrn?

BARDOLPH: Wenn wir auch verdammt dickfellige Därme sind, kann nur ein Dünndarm wie du meinen, daß unsere nach Arznei lüstern sind. Wie stehts um die Gesundheit?

SALOMON: Den Arzt hat es bei der Diagnose durchs Bein gezuckt. Handfester Wahnsinn. Man hält Kean schwer ab, seine Hitzigkeit aus dem Hirn in die Fäuste laufen zu lassen. Schlimm. Ich rieche Attentate. Mein Hals fühlt sich schon wie ein Korkzieher stranguliert. Da ich sein Pfleger bin, muß ich bleiben.

DAVID: Er soll bei Gott das Bett nicht fiebrig verlassen. Gute Gesundheit.

TOM: Ruhe und Eisbeutel aufs Hirn. Beste Besserung.

BARDOLPH: Die Hände gefesselt. Meine Empfehlungen. Alle drei exakt ab.

SALOMON: Der Herr ist in eine Krise gefahren, aus der er mit Donner und Blitz wohl nicht herauskommt, sondern wohl etwas sanfter. Es ist Zeit, aus den frühen Launen in den Sommer einzulaufen. Ich kann das Hinundherreißen nicht mit. Wenn ihr noch bleiben wollt, werdet ihr die Konstables als Hundemeute anrücken sehen. Ich melde euch.

KAUKA hält ihn zurück: Unnötig. Unsere Grüße genügen. Und das andere. Wir sind schon oft für andere gefangen worden. Bekam man die Hirsche nicht, nahm man die Hasen. Ein Feigling, wer sich unnötig in Gefahr begibt. Alle vier exakt ab.

SALOMON: Hier sitze ich. Mönch sollte von der Mutter her ich werden. Man schlägt mich. Ich besorge die Geschäfte. Habe ich nicht mehr Hirn wie diese alle? Man tritt mich. Und ich fühle mich wohl. Sonderbarer Mensch ich. Singt: „Ach Gottsche, schenk mern Hambelmann, un e Kordel dezu, daß er zawwele kann.“ Und doch reicht meine ganze Hirnhaut nicht aus, zu ahnen, wie dieser Tag ausgeht. Etwas Wichtiges muß fehlen bei mir. Au Backe! Aber was?

KEAN kommt aus dem Nebenraum, geht durchs Zimmer, ohne Salomon zu beachten.

SALOMON: Die Siegel sind entfernt. Die Schuld ausgelöst. Unbekannterweise.

KEAN: Das Gerücht von meinem Wahnsinn läuft weiter.

SALOMON: Ich fürchte nur, daß diejenigen, die es nachträglich glauben sollen, nicht von seiner Dauer zu überzeugen sind.

KEAN: Ich habe nicht das Gefühl, gestern ein vernunftbegabter Mensch gewesen zu sein, da ich es bis gestern wahrscheinlich überhaupt nicht war.

SALOMON: Dann muß Ihre Normalität ihren Geburtstag mit Prozessen, Kerkern, Verfahren beginnen.

KEAN: Kümmre dich um deinen Kopf. Man fällt nicht so heftig auf die Rampe, ohne daß man aus seinem Kostüm herausrutscht. Die Listen?

SALOMON: Sind aufgelegt. Die Einzeichnung der Krankenbesuche gemischt. Adel keiner. Bürger wenig. Viel kleine Leute.

KEAN: Keine Frau? ... Nein ... Ich bin doch wahnsinnig.

SALOMON: Der Wagen steht immer noch an der Ecke. Sie können noch jetzt fliehen. So gut wie vor zwei Stunden.

KEAN: Ich kann fliehen. Ich kann nicht fliehen. Ich bleibe da.

SALOMON: Seit Jahren der größte Skandal.

KEAN: Wüßtest du, wies in mir ausschaut, tätest du mir so keinen Pimpam erzählen.

SALOMON: Mit Monseigneur ist nicht mehr zu rechnen. Die letzte Barriere fällt. Laufen Sie zu dem Wagen.

KEAN: Wenn du eine Ahnung hättest, wie wenig ich mich etwas entziehen will und wie sehr ich auf etwas warte.

SALOMON: Wenn Sie auf die Gräfin warten, können Sie auch auf den Mond warten.

KEAN: Aber du weißt nicht, daß ich warte, um etwas gutzumachen.

KONSTABLE kommt, überreicht ein Blatt: Mein Papier. Salutiert.

KEAN: Es ist keine Zeit darauf.

KONSTABLE: Es gibt keine Zeit für Verbrecher, sondern nur das Gesetz.

KEAN: So gibt es Zeit für das Gesetz. Kannst du ihm nicht eine halbe Stunde zuschieben?

KONSTABLE: Mein Papier verhaftet Sie auf der Stelle.

SALOMON: Aber das Abführen hat Zeit bis nach Besichtigung der Räume, Teller, Flaschen.

KONSTABLE: Bestechungsversuch. In deine Fresse zurück.

KEAN: Ich warte auf jemand. Steht der Zeiger auf Sieben-Groß, komme ich mit. Mein Ehrenwort. Vielleicht kommt gar niemand.

KONSTABLE: Die Verhaftung ist geschehen. Über den Transport gibt es keine Vorschrift. Also kommandiere ich diesen Fehler. Es hängt an mir. Ich habe selten swinging blow so in mein Herz gehen sehen wie Ihren. Knockout zum Kasperllachen. Sie sind mein Freund, Herr. Ich warte eine halbe Stunde, auf Ihr Ehrenwort. Das habe ich nunmehr beschlossen. Ich habe noch nie etwas zu beschließen gehabt. Ab. Salomon mit ihm.

KEAN: Eine halbe Stunde. Geht durchs Zimmer. Dann ist es aus.

SALOMON zurück: Die ... Gräfin.

KEAN: Helène ...

SALOMON: Auf der Treppe.

KEAN: Rasch.

SALOMON: Da. Verbeugt sich, hinaus.

SZENE ZWEI

KEAN: Helène.

DAISY sich entschleiernd: Ich.

KEAN: Was wollen Sie?

DAISY: Sie in eine Heilanstalt bringen, wenn Sie krank sind.

KEAN: Ich bin nicht krank.

DAISY: Dann will ich es bedauern, daß Sie es waren.

KEAN: Sie sind ärmer als ich.

DAISY: Irrtum. Seit gestern besitze ich mein Vermögen. Mein Vormund war ein Betrüger. Er ist entlarvt.

KEAN: Man darf Ihnen gute Verwendung wünschen.

DAISY: Ich habe alle Vorbereitungen getroffen.

KEAN: Sie reisen?

DAISY: Gezwungenermaßen.

KEAN: Glückwünsche zu dem Zustand, der mir verweigert ist.

DAISY: Ich verstehe Sie nicht.

KEAN: Ich bin verhaftet.

DAISY: Irrtum. Sie sind frei.

KEAN: Sie haben den Konstable draußen gesehen.

DAISY: Ist widerrufen. Der neue Entscheid.

KEAN: In Ihren Händen? Ausgefertigt?

DAISY zögernd: Von dem Staatsanwalt. Durch den Prinzen von Wales.

KEAN: Ich hasse ihn nicht mehr.

DAISY: Als Mittelmann gegen Mevil.

KEAN: Sie erröten.

DAISY: Der wollte nicht nachgeben. Der Appell des Prinzen war einflußlos.

KEAN: Was taten Sie?

DAISY: Ich komme, mich von Ihnen verabschieden.

KEAN: Was taten Sie?

DAISY: Ich trat ihm die Mitgift ab.

KEAN: Sie haben ihn geheiratet.

DAISY: Unnötig. Das Geld genügte.

KEAN: Die Hälfte Ihres Vermögens.

DAISY: Eine kleine Schuld der großen gegenüber, die mein Leben Ihnen schuldet.

KEAN: Und Sie reisen ...

DAISY: Um den Skandal zu verwischen. Lord Mevil zwang mich dazu. Ein Pakt mit Mevil.

KEAN: Ich erkenne für mich Ihre Handlungen nicht an.

DAISY: Damit werden Sie mich kompromittieren. Ich bin bereit.

KEAN: Sonderbar. Ich sagte Ihnen beim ersten Mal: Beweisen Sie mir, daß Sie etwas im Leben meistern, ich rede Ihnen dann zu, in meinen Beruf zu springen. Heute kann ich es, aber ich stehe beschämt vor Ihnen.

DAISY: Da ich England verlasse ...

KEAN: Sie haben ein anderes Aussehen bekommen. Ich habe Sie nicht so gekannt.

DAISY: Sie schulden mir nichts. Ich habe meine Ansicht in diesem Punkt des Berufs geändert. Ich gab meinen Plan auf.

KEAN: Sind Sie mutlos geworden?

DAISY: Ich war nie entschlossener.

KEAN: Opfer zu bringen, die nicht anzunehmen ich entschlossen bin. Weinen Sie nicht.

DAISY: Die Sie nicht von mir empfangen, sondern von der Vorsehung, die Ihre Absichten damit klärt und die darum keine Opfer sind.

KEAN: Gestern hätte ich das nicht verstanden. Heute ist es schon zu weit. Es schmerzt mich, das zu sehen, was Sie tun und äußern. Denn ich habe es versäumt.

DAISY: Ich habe nie daran gedacht, daß eine Handlung anders als zu der ihr bestimmten und richtigen Zeit kommen könne.

KEAN: Sie täuschen sich. Ich sah zum erstenmal, wie ungeheuer viel ein Herz vermag, indem es sich schrankenlos preisgibt. Aber ich sehe es zu spät.

DAISY: Ich verstehe Sie nicht.

KEAN: Weil Sie nicht wissen, welche Spanne mein Leben von gestern zu heute durchmessen hat. Weil ich aus Enttäuschungen und Eitelkeiten so tief abgestürzt heute hinaufblicke, kann ich nicht wagen, erkennen zu wollen, von wie hoch her Ihre Güte zu mir herunterkommt.

DAISY: Warum beschämen Sie in mir so sehr das, was ohne Absicht geschah?

KEAN: Hätte ich früher erkannt, als ich zwar falsch, aber immerhin auf der Höhe meines Lebens schweifte, welch unvergleichlicher Besitz mir nah war, wäre das eine große und erhabene Entdeckung gewesen. Ich wäre glücklich gewesen. Daß ich es jetzt erst sehe, wo ich verlassen, schutzbedürftig und niedrig bin, nimmt mir vor mir jedes Recht, es zu ergreifen. Ich weiß, was ich verliere, denn ich verliere alles. Aber ich kann mich dem nicht entziehen.

DAISY: Wenn ich nicht glaubte, trotzdem glücklich zu sein, müßte ich denken, daß ich verflucht bin.

KEAN: Gehen Sie. Reisen Sie. Und denken Sie, daß Sie einem Mann das größte Glück geschenkt haben, indem Sie ihn zum ersten Male die ganze Größe eines reinen Gefühls sehen ließen. Und vergessen Sie nicht, daß er, obwohl er zufriedener und klarer ist wie früher, aufs tiefste leidet und nur die eine Bemühung kennt, sich Ihrer würdig zu erweisen.

DAISY: Leben Sie wohl.

SALOMON: Die Gräfin. Zieht die Tür hinter sich zu.

KEAN: Ich will sie jetzt nicht mehr sehen.

DAISY: Ich stehe, auch hierin, nicht im Wege. Lassen Sie sie eintreten. Ich bitte darum.

KEAN zögernd, dann: Warten Sie hier. Öffnet Daisy das eine Seitenkabinet.

HELENE eintretend, mit großer Bewegung sich entschleiernd, sie ist verkleidet: Sie haben verloren. Die Einsätze zurück.

KEAN: Ich habe eine Torheit begangen, die ich aber in einem gewissen Sinne loben muß, so sehr es Sie kränken mußte.

HELENE: Nur Besessenes, was man verliert, kränkt. Der mißlungene Versuch platzt in die Luft.

KEAN: Was kann ich tun, Ihre Verzeihung zu erlangen?

HELENE: Unnötig von mir. Ich bin ohne Zorn. Ich ordne die Dinge exakt. Das Medaillon.

KEAN: Hier.

HELENE: Die Dose.

KEAN: Hier.

HELENE: Der Ring.

KEAN: Hier.

HELENE: Ohne Widerspruch. Gut. Die Partie ist ausgeglichen. Die Pfänder eingesammelt. Leben Sie wohl.

KEAN: Sie ziehen die Summen. Ich aber möchte Ihre Verzeihung erlangen ... dafür ...

HELENE: Die Trüks sind ausgespielt.

KEAN: Verzeihung ... dafür, ... daß ich Sie nie geliebt habe.

HELENE: Deshalb verloren Sie. Aus keinem anderen Grund. Glauben Sie zu anderem Zweck als der Erforschung dieser Sache willen hatte ich den Pakt abgeschlossen?

KEAN: Ich will Sie nicht kränken ...

HELENE: O, es war Größe schon um Sie, als ich Sie sah.

KEAN: Es war Eitelkeit.

HELENE: Gemischt. Mich reizte, zu was Ihr Wesen sich entschlösse. Sie kamen und plaidierten für die armselige Verfolgte und warfen mir in der gleichen Sekunde Ihre Leidenschaft ins Gesicht. Beides war echt. Ich setzte mich ein, es zu lösen. Meine Liebe. Ich habe alles an diese Frage gesetzt. Nicht ich verlor. Sie verloren. Ich riskierte nur alles.

KEAN: Ich habe gewonnen ...

HELENE: Vielleicht. Sicher nicht hier.

KEAN: Hier ward nur gesetzt. Nur gespielt. Pointiert. Nicht geopfert.

HELENE: Verstanden Sie das damals so gut? Habe ich das nicht? Habe ich nicht vielleicht Sie geopfert? Wissen Sie denn, ob ich Sie nicht dennoch mehr liebte, als Sie ahnen, und daß ich dieses Gefühl hingab dem, größere Klarheit zu erreichen. Mein Herz ist kein Mädchen und durch Enttäuschungen zu großer Art gegangen, einem Gatten an die Seite gegeben, der es weder an Höhe versteht noch an Tiefe und es durch Teilnahmlosigkeit täglich kränkt und beleidigt. Ich habe nach dieser Seite keinen Sinn für das Wort Pflicht, wo sie mir täglich gebrochen wird, aber ich habe nach der anderen Seite noch weniger Gefühl für das Uferlose. Was ist Leidenschaft am Ende? Ein Nichts. Muß man nicht kühl sein, je wilder man erlebt, distanzierter, je zerhackter man ist aus Leidenschaft? Sie haben das nie gewußt. Ich suchte Weisheit über dem Blut. Sie gaben, was ich verachte, Skandal. Ich suchte Opferung, bereit dann selbst zu jedem Opfer. Ich fand ein zerrissenes, unbeherrschtes Dasein. Ich habe keine Lust an bürgerlichen Sensationen. Ich ziehe es vor, meine Wege zu beherrschen. Ich kalkuliere mir das Schicksal.

KEAN: Ich habe verloren.

HELENE: Daß Sie es einsehen, beweist eine Erschütterung. Zeigt eine Erkenntnis. Also haben Sie dennoch gewonnen. Hier aber zu spät.

KEAN: Ich habe vor Ihnen vorhin etwas Kurioses erblickt, das Grenzenloseste, Gräfin: ein schlichtes, einfaches Herz.

HELENE: Erkenntnis marschiert auf vielen Wegen. Ich stellte das Wagespiel ein zwischen Ihrer überlegenen Güte, die ich ahnte, und Ihrer Zerrissenheit, die ich sah. Es schlug nicht zu mir aus. Aber es schlug aus. Traf es nach anderen hin, bedeutet es Bindung Ihrer Kräfte. Ich wünsche Glück. Ich bin neidlos. Zersplittern ist Unfug. Konzentration alles. Liebe nur ein Augenblick. Ein gebändigtes Herz hat keine Pause.

KEAN: Welche Schuld habe ich gegen Sie!

HELENE: Keine. Sie lieben Ihre Eitelkeit nicht mehr, die sich allein vielleicht verging.

KEAN: Habe ich so blind gelebt, nichts geschaut, alles versäumt?

HELENE: Kein sentimentales Schauspiel. Sie werden nun wohl, wenn Sie besser zu sehen verstehen, der Größe, die Sie auf der Rampe spielten, die des Menschen hinzufügen. Mein Spiel ist aus. Sie spielen mit andern.

KEAN: Und Sie?

HELENE: Meine Vorbereitungen sind gelegt.

KEAN: Sie entschieden sich ...

HELENE: Die Dinge entscheiden sich. Ich entscheide mich mit ihnen. Irrtum, daß irgendeine Entscheidung bei uns liegt. Man geht mit den Möglichkeiten und beherrscht sie, indem man in ihre Kurven nicht eingreift. Was heute ich liebe, ist in einem halben Jahr vielleicht taub. Verlangen Sie Garantien der Seele vom Leben? Ich nicht. Liebten Sie mich mit Holzbein, ich Sie ohne Magen? Unausdenkbar. Die Partie hatte zwei Seiten.

KEAN: Ich schied aus. Wales blieb.

HELENE: Der Fächer ist gedeckt. Die Endposten sind erreicht. Ich war nur Zuschauer. Was blieb, hatte recht. Das eine versagte. Das andere lächelte, als ich es ansah. Ich habe mich für die Macht entschieden.

KEAN: Welche Kühnheit. Soviel kann Erfolg bedeuten!

HELENE: So kommt von selbst zu mir, was ich brauche. Ohne Bemühung. Sie werden es schmerzlos sehen.

SALOMON draußen: Unmöglich. Ich verbiete. Ich hindere Sie.

KEAN rasch die Tür des zweiten Kabinets öffnend: Einen Augenblick. Hier. Eilen Sie.

HELENE überlegen, betont: Keine Angst um mich. Ich bin in guten Händen.

SALOMON draußen: Zurück. Achtung. Das haut. Schreit. Tür auf. Graf Koefeld tritt ruhig ein.

SZENE DREI

KEAN: Ich hielt Sie für den Konstable.

GRAF KOEFELD: Es gibt drei Dinge, die auf meinem Inneren geschrieben stehn wie auf Bronze: Pflicht, Frauenehre, König.

KEAN: Ziehn Sie daraus ein Recht, bei mir einzubrechen?

GRAF KOEFELD: Kennen Sie diesen Fächer?

KEAN: Ich kenne fünf dieser Sorte, die Monseigneur verschenkte.

GRAF KOEFELD: Ich fand ihn in Ihrer Loge.

KEAN: Sie werden an die Adresse des Prinzen von Wales sich zu wenden haben, wenn Sie keine Entschuldigung hier anzubringen haben, daß Sie ihn bei mir raubten.

GRAF KOEFELD: Monseigeur. Welche Adresse. Danke. Verzeihung. Kontrollierbar. Jedoch ...

KEAN: Fassen Sie sich kurz.

GRAF KOEFELD: Meine Frau wird überwacht. In meinem Auftrag. Die Kontrolleure flitzen. Sie ist hier.

KEAN: Königliche Pflicht, Frauenehre mit Detektivs zu schützen.

GRAF KOEFELD: Schweigen Sie. Die Kontrolle ist hier am Ort möglich. Dieses Mal ist sie sicher. Ich werde Ihre Räume ansehn. Ist die Besichtigung frei?

KEAN: Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht.

GRAF KOEFELD: Sieben Schlachten. Eine Belagerung. Meine Auszeichnungen die höchsten. Herr, ist die Besichtigung frei?

KEAN: Nein.

GRAF KOEFELD: Dann akzeptieren Sie meine Forderung. Zehn Meter Abstand. Kugelwechsel bis zum Schluß. Ich schieße zuerst.

KEAN: Einen Narren weist man hinaus. Ich läute.

GRAF KOEFELD: Sie akzeptieren nicht?

KEAN: Bin ich verrückt?

GRAF KOEFELD: Ich erinnere Sie daran. Man wird Sie feig nennen.

KEAN: Kein Teufel glaubt das.

GRAF KOEFELD: Die Pflicht des Kavaliers, Ihres Verkehrs, Ihrer Männlichkeit. Waren Sie nie Soldat? Des Königs Rock, Herr. Ihre Ehre?

KEAN: Steht in meiner Brust.

GRAF KOEFELD: Wenn Sie die Beleidigung nicht sühnen und schießen, bin ich genötigt, mich zu erschießen. Ich hätte anderen Soldatentod gewünscht. Herr, ich bitte dringend, herzlich: nehmen Sie die Forderung an.

KEAN: Habe ich Sie denn gekränkt?

GRAF KOEFELD: Sie weigern die Besichtigung. Passage ist nicht frei. Dann bleibt nur ein Ausweg vorher. Ich schieße Sie zusammen. Zielt.

KEAN: Gut.

GRAF KOEFELD: Verlassen Sie die Tür. Ich warne. Eins, zwei ... Die Tür geht auf, Daisy heraus. Außer sich.

DAISY: Ich bin seine Geliebte. Gehen Sie, Herr.

KEAN: Was tun Sie?

GRAF KOEFELD mit dem Rücken nach der Tür ab: Verzeihung, Gnade, Gnädigste. Eine ungeahnte Bestürzung. Ich bin überrascht. Ich stehe, beschämt, in allem zur Verfügung.

KEAN: Ich zürne Ihnen nicht.

DAISY Hände vor das Gesicht werfend: Nun bleibt nur noch ein Weg. Stürzt, fassungslos, nach dem Fenster.

KEAN ihr nach: Gott, Gott, halten Sie. Daisy, Daisy. Faßt sie, trägt sie zurück.

DAISY: Warum haben Sie das getan?

KEAN: Du wolltest dich töten, Böse. Ich liebe dich doch. Ich liebe dich doch.

DAISY: Sie haben mich eben noch zurückgestoßen.

KEAN: Kann man so vielem widerstehen?

DAISY: Sie übereilen sich. Sie übereilen Ihr Herz.

KEAN: Nicht mehr. Was ist das Stückchen Stolz, das sich gegen dich wehrte, gegen dieses Maß an Stolz, das du ohne Bedenken verschwendest.

DAISY: Was habe ich denn getan?

KEAN: Daß ich dein Herz an meine Brust schlagen höre. Ich bin zu Haus. Das ist alles.

DAISY: Was hast du an mir?

KEAN: Ich muß offen sein, um mein Leben zu erzählen. Ich habe nach einer Jugend, von der ich nicht reden will, die Möglichkeit gehabt, alles zu besitzen, was gelobt wird. Ich lebte wie ein Herr und nahm gläubig alles, was Glück zu sein schien. Ich habe an Frauen kein geringes Teil meines Lebens gehängt und in guten Schlössern übernachtet und Fische in Parks gefangen und mit den besten Leuten meiner Rasse Verkehr gehabt. Ich habe dies nur für einen Teil des Lebens gehalten und nicht zu hoch geschätzt und habe in Kaschemmen geschlafen und keines niederen Menschen Los nicht auch geteilt. Es kam mir zu, daß ich glaubte, das Leben zu kennen, denn ich war wohl tapfer und auch feig, das wußte ich, sondern auch klug und töricht. Ich befahl und richtete sowohl, als ich unterwarf mich und wurde geschmäht. So konnte nicht fehlen, daß ich mir dachte, daß ich das Leben kenne und es auch umspanne, ja ich hätte vielleicht gedacht in manchen Minuten, daß ich weiser sei als viele, ohne dabei zu denken, daß ich Hochmut treibe. Aber ich habe sicher nie gewußt, was an Glück das Dasein zu geben vermöge, denn ich habe die Gelegenheit, daß es der Probe nicht gewachsen ist. Es mußte das Seltsame sich ereignen, daß mir das Ganze leblos aus der Hand fällt, und daß ich, von der Reinheit der Absichten eines Menschen erschüttert, von solchen Schlägen getroffen dastehe, daß alles um mich herum wie unter Gewittern fällt.

DAISY: Ich habe nichts Besonderes getan.

KEAN: Als du kamst und mir sagtest, an mir wärest du aufgerichtet und vertrauend auf die Wahrheit geworden, irrtest du. Das Umgekehrte hat das Recht. Nicht du an mir, sondern ich an dir, ich ward an soviel Hingabe erst sehend und gläubig.

DAISY: Willst du dieser Frau nicht die Tür öffnen, damit du nicht mehr die Unwahrheit zu sagen brauchst, wenn nach ihr gefragt wird?

KEAN: Glaubst du nicht, es sei edelmütiger, durch Lüge zu retten, statt mit der Wahrheit zu vernichten?

DAISY: Ich glaube, daß eine Lüge selbst in diesem Falle nicht zum Besten führen kann. Man lehrte uns im Kloster, daß wir nicht gezwungen seien, die Wahrheit zu sagen, daß wir aber nie lügen dürften.

KEAN: Ich werde dein Schüler sein. Man muß alles neu anfangen. Nimm die Führung. Ich habe zu viel geführt, um die Irrtümer nicht zu sehen. Der Rest war Einsamkeit. Ich folge dir, weil ich dich liebe. Öffnet die Tür, ruft: Leer ... das Zimmer ... das Fenster auf ...

DAISY läuft hin, hinein, zurück: Ahnte ich es? Tot? Meine Schuld. Meine Strafe, weil ich log, ich sei deine Geliebte. Bin ich verflucht? Ich bin doch verflucht.

KEAN: Durch das Fenster ... Faß dich. Sie ist entflohen.

DAISY: Und unten?

KEAN: Wer nicht geführt wird – die Themse.

DAISY: Meinen Weg. Sie hat dich mehr geliebt wie mich.

KEAN: Das weißt du nicht. Das ist unmöglich.

SZENE VIER

KONSTABLE erscheint, die Uhr in der Hand: Der Zeiger ist auf Sieben eingetroffen. Sieben-Groß. Das Ehrenwort ist fällig. Die Verhaftung ist gültig seit einer halben Stunde. Eine halbe Stunde später setzt der Transport ein. Marsch.

DAISY: Er ist frei.

KONSTABLE: Ich habe keine Benachrichtigung. Hier ist mein Blatt nur gültig, wenn kein anderes auf vorgeschriebenem Weg in meine Hand kommt. Nichts ist widerrufen. Amtlich. Folgen Sie.

KEAN: Sehen Sie nicht. Ein Mensch ist verschwunden. Ist in die Themse geraten. Sie sind verrückt. Helfen Sie.

KONSTABLE: Ich habe einmal einen Beschluß zu fassen gehabt in meinem Leben. Den habe ich heute entschieden. Eine halbe Stunde Transportaufschub. Respekt vor der Töterei um Sie herum. Respekt vor Serien. Aber glauben Sie, das hält meinen Beschluß auf? Widersetzen Sie sich nicht. Mein eines Auge weint, wenn ich Sie rauh anfasse, denn ich sah nie einen boxen so schön. Splendid.

DAISY: Hier ... das Papier.

SALOMON hereinspringend: Dann schlag ich dich zusammen. Vielleicht hat mir ein Mord gefehlt, um dieses Leben zu kapieren.

KONSTABLE: Ich kenne nur amtliche Papiere. An mich adressiert. Andres existiert nicht. Was das Boxen betrifft, Herr, bin ich nur unparteiisch. Time-keeper. Ich verhafte dich mit.

PRINZ VON WALES erscheint, spricht dauernd, unbeweglich, sehr laut: Hinaus, Konstable. Du auch. Salomon und Konstable verschwinden. Mein Fräulein Daisy Miller. Herr Kean. Er verbeugt sich. Sie, Herr, erwarten Strafe und Zorn. Meine Einsicht hat keinen Grund, Sie aus dem Gesetz zu reißen. Meine Freundschaft übergibt die Dinge einer milderen Prüfung. Sie gehen an einen Ort des Gebirgs oder ein Tal der Landschaft, wo in der freieren Luft der Natur sich Ihr Sinn erholt, bis Sie mein Wort zurückruft. Gehen Sie.

KEAN: Monseigneur, es ist ein grauenhaftes Geschick ereignet.

PRINZ VON WALES: Was kann Ihnen bekannt, mir unbekannt sein?

KEAN: Mäßigen Sie Ihre Milde. Halten Sie Ihren Großmut zurück, damit Sie ihn nicht zurückzurufen brauchen.

PRINZ VON WALES: Maßen Sie sich keine Korrekturen an. So stehen Sie nicht da, selbst wenn ich Sie auf den Boden des Vergessens heraufgestellt habe, daß Sie nörgeln dürfen an dem, was ich rede und was das Recht in meinen Entschlüssen ist.

KEAN: So werden Sie hören, daß die Dame, deren Namen ich laut nicht zu sagen wage, durch dieses Fenster verschwunden ist. Es führt in die Themse. Ich stehe hier in der Bitte und Erwartung, daß keine Strafe zu klein sei, auf mich zu fallen.

PRINZ VON WALES: Schwärmer.

KEAN: Verfügen Sie über mich. Ich bin zu sehr zerborsten, daß nur Strafe mich befriedigen kann.

PRINZ VON WALES: Sie lebt.

KEAN: Unmöglich.

PRINZ VON WALES: Sie fährt im Wagen eben durch die Stadt.

KEAN: Wie kann sie das?

PRINZ VON WALES: Durch mich. Durch meine Leute. Meinen Befehl. Durch meine Leiter, mein Boot, meine Voraussicht. Meine Hand war um sie, von Anfang an.

KEAN: Sie haben mich erlöst. Ich beuge mich. Ich habe sehr verloren. Ich erkenne Ihren Sieg an, neidlos. Es ist Zeit, daß wir zur Ruhe kommen, um den Anfang gut weiter zu führen. Zu Daisy: Denn ich habe ein Herz entdeckt.

PRINZ VON WALES fast herrisch: Schauen Sie mir in das Gesicht. Lassen Sie die Pupille nicht von meiner. Dann wissen Sie, Herr, daß Sie den bedeutenderen Sieg errungen haben. Daß Sie am Beginn einer größeren Weisheit stehen. Ich neige mich. Verlassen Sie die Stadt. Man wird Sie als einen anders Gewordenen zurückrufen. Entfernen Sie sich mit Eile aus dem Umkreis. Gehen Sie. Ich wünsche nicht, das Sie etwas hinzufügen.

Schluß des fünften Akts.