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Keltische Knochen/Gedelöcke: Erzählungen

Chapter 2: Keltische Knochen
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About This Book

A collection of short narratives that mixes travel anecdote, satire, and atmospheric description; several pieces focus on rainy, melancholic excursions and comic character sketches—notably a story of three companions whose quarrelsome interactions and contrasting obsessions (a pretentious poet, a bone‑collecting antiquarian, and an observant narrator) punctuate a lakeside journey to inspect ancient remains. Other tales pair dry humor with regional detail and reflective observation, shifting between anecdote and quiet description to examine human vanity, social affectations, and the minor irritations and small consolations of shared company.

The Project Gutenberg eBook of Keltische Knochen/Gedelöcke: Erzählungen

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Title: Keltische Knochen/Gedelöcke: Erzählungen

Author: Wilhelm Raabe

Release date: August 11, 2014 [eBook #46561]
Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Jens Sadowski and the
Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KELTISCHE KNOCHEN/GEDELÖCKE: ERZÄHLUNGEN ***

Wilhelm Raabe
Bücherei
Erste Reihe
Band 9

Wilhelm Raabe
Bücherei

Erste Reihe:
Kleinere
Erzählungen

Neunter Band

Berlin-Grunewald
Verlagsanstalt für Litteratur und
Kunst / Hermann Klemm

Wilhelm Raabe
Keltische
Knochen

Gedelöcke

Erzählungen

Dritte Auflage
11.-16. Tausend

Berlin-Grunewald
Verlagsanstalt für Litteratur und
Kunst / Hermann Klemm

Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig
Einbandzeichnung entworfen von Bernhard Lorenz
Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig

Keltische Knochen

estgeregnet!…… Wem steigt nicht bei diesem Worte eine gespenstische Erinnerung in der Seele auf? eine Erinnerung an eine Stunde — zwei Stunden — einen Tag — zwei, drei, vier — acht Tage, wo er oder sie ebenfalls festgeregnet war — festgeregnet an einer Straßenecke, unter einem Torwege, bei einem Freunde oder einer Freundin, in einer Dorfkneipe, auf dem Brocken, dem Inselsberge, dem Rigi oder dem Schafberge?

Es ist eine leidige Vorstellung — festgeregnet! Grau, greinend und griesgrämlich kriecht sie heran, streckt hundert fröstelnd-kalte, feuchte Fangarme nach dem warmen Herzen aus und ist so schwer los zu werden, wie alles andere Unbehagliche, Unbequeme, Ungelegene in der Welt.

In Ischl spazierten die schönen Damen auf der Esplanade im glänzendsten Sonnenschein, als wir ausfuhren, und sämtliche arme Hämorrhoidarier, Drüsen- und Skrofelkranke hatten ihren Jammer in die freie Luft getragen: auch die königlich-kaiserliche Familie fuhr spazieren.

In der Nähe von Laufen, im heiligen Bezirk der schönen, holdseligsten Maria im Schatten zog die allerschönste, aber auch allereigensinnigste Dame Natur den Nebelschleier über das Gesicht, und als wir auf dem See schifften, wurde dieser Schleier und unsere Hoffnung auf einen schönen Tag vollständig zu Wasser. Es scheint eben in den angenehmsten Gegenden am liebsten zu regnen; aber vielleicht war auch der fromme Dichter, welchen wir mit uns führten und welcher jedenfalls unter dem Zeichen des Wassermannes geboren war, schuld daran.

Wir waren unserer drei, und trotz allem war der Dichter der Edelste von uns; er hieß leider Krautworst und war aus Hannover, sagte natürlich beides nicht gern, sondern stellte sich meistens als den Verfasser der Lebensblüten vor und dar; sonst nannte er sich auch wohl, glänzenden aber ebenfalls von der Prosa ihres Namens oder Geburtsortes erdrückten Beispielen folgend, Roderich von der Leine. Er hatte uns in Linz im Erzherzog Karl aufgegabelt, hielt krampfhaft wenigstens an mir fest, schwärmte für Linz und ließ nicht selten geheimnisvolle Andeutungen fallen, daß er daselbst etwas erlebt habe. Seine öftere Geistesabwesenheit und Zerstreutheit gab Anlaß zur Vermutung, daß er dieses Erlebte poetisch zu verwerten im Begriff sei; seine lyrischen Wehen hatten oft etwas Beängstigendes für mich; affizierten jedoch den dritten in unserm Bunde weniger. Dieser dritte war, ohne sich dafür zu geben, ein Geheimnis, und ebenso verschlossen, wie der Poet offenherzig und mitteilungswütig war. In die Fremdenbücher zeichnete er sich kurz als Zuckriegel; ich hegte aber einigen Zweifel, ob dies wirklich sein Name sei; bis er in Wien in den drei Raben höchst unmotivierterweise in einen Streit geriet, der ihn und mich vor die königlich-kaiserliche Polizei führte und ihn zwang, mit seinem Paß herauszurücken. Er hieß in der Tat Zuckriegel, ohne sich dessen zu schämen, und war Prosektor an einer kleinen norddeutschen Universität, hatte jedoch in seinem Äußern sowohl, als in seinem Innern sehr viel vom Scharfrichter. Nur ein schlechter Charakter, gleich dem seinigen, konnte es über sich gewinnen, einen so guten Menschen wie den Dichter durch ein ewig wiederholtes Auftischen des gehaßten Familiennamens Krautworst an allen Nervenenden zu zupfeln und zu kitzeln.

Zuckriegels Reisezweck war, die Knochen des unbekannten Volkes am Rudolfsturm über Hallstadt zu besuchen und womöglich einen Schädel und einige sonst überflüssige Gebeine für seine osteologische Sammlung zu stehlen oder, wie er sich euphemistisch auszudrücken beliebte, an sich zu nehmen.

Er liebte es, irgend etwas an sich zu nehmen, wie zum Beispiel den besten Platz im Wagen, die besten Stücke an der Wirtstafel, sämtliche Zeitungen nach Tisch, und so weiter. Auf der Fahrt über den Hallstädter See hatte er im „Einbaum“ die Bank dicht hinter dem breiten Rücken und den Röcken des lieblichen Schiffermädchens eingenommen und saß sehr geschützt gegen den Regen, welchen der Wind uns ins Gesicht trieb.

Unser Kleeblatt hatte in Ischl trotz dem prächtigen Sommerwetter arg gelitten: der fromme Dichter an den reizenden Toiletten der Damen; Zuckriegel an sich selber und an einem amerikanischen Reverend nebst Familie, welche, nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt, ihn durch nächtliche unendliche Gebete und näselnden Lobgesang sehr erbost hatten; ich hatte mich durch die Inschrift am Kurhause: In sale et in sole omnia consistunt verleiten lassen, das entsetzliche salzige Gesöff und seine Wirkung auf meine gottlob gute Konstitution zu versuchen, und hatte mich nicht vergeblich in die Gefahr begeben.

Die Inschrift an der Hygiea:

„Man nennt als größtes Glück auf Erden

Gesund zu sein —

Ich sage nein!

Ein größres ist, gesund zu werden“

gab mir nur einen mittelmäßigen Trost; das „Gesundwerden“ nach diesem höllischen Schoppen war längst nicht so angenehm als der behagliche Zustand vor meinem fürwitzigen Anlecken an den Becher der Hekate. Wir mieteten den Einspänner, setzten Roderich von der Leine neben den Kutscher auf den Bock, fuhren, wie gesagt, an der holdseligen Jungfrau Maria im Schatten und — Regen vorüber und durch Goisern und Sankt Agatha zur Gosaumühle, wo wir feucht abstiegen, und wo Zuckriegel sich in einen Wortwechsel mit dem Kutscher verwickelte, in welchen wir beiden andern uns nicht einmischten, weil wir dem Rosselenker recht geben mußten, und dieser sich selber zu helfen wußte.

Wir mieteten den Einbaum, das heißt einen Kahn mit einer dicken Jungfrau und einem Jungen, und wurden von jener Schifferin, welche der Dichter der Lebensblüten „sich poetischer gedacht“ hatte, über den See gerudert, und ich für mein armes Teil bedauerte in diesem Augenblick nicht mehr, daß der Tag dunkel war, denn er paßte zu der Gegend. Wären meine beiden Begleiter, der Junge und das Schiffermädchen, nicht gewesen, so würde höchstwahrscheinlich der Schatten Virgils aus den schwarzen Wassern emporgestiegen sein, um sich mir als Führer auf dem fernern Wege gegen die gebräuchliche Taxe anzubieten.

Ja, das Wasser des Sees war schwarz; schwarz waren die steilrechten Felsen, die sich im schwarzen Gewölk verloren; es konnte niemand von uns drei Touristen wissen, ob nicht hinter dem düstern Nebelvorhang die erweiterte Hölle mit allen seit dem vierzehnten September Dreizehnhunderteinundzwanzig hinzugekommenen großen und kleinen Missetätern ihren Anfang nehme und in Roderich von der Leine ihren neuen Schilderer erwarte. Der Name des Menschen, Krautworst, konnte dabei nicht hinderlich sein; denn Dante bedeutet in deutscher Zunge auch nichts weiter als „Hirschleder“; aber Krautworst selber war hinderlich, denn die wunderlich ergreifende Szenerie machte nicht den geringsten Eindruck auf ihn; ihn fror, er sprach vom Wechseln der Strümpfe, von rheumatischem Zahnschmerz und jammerte nach einer Tasse Tee.

Zuckriegel war schon ein anderer Mann: die Nähe der keltischen oder sonstigen Gebeine und der Sitz hinter dem walfischhaften Rücken unseres weiblichen Charons stimmten ihn milde; er glich in diesem Augenblicke weniger einem Scharfrichter als einem vazierenden Metzger; ob sein Sitz ihn auch erotisch stimmte, kann ich nicht bestimmt behaupten, stellenweise schien es so.

Nach einer Fahrt von zwei Stunden gewannen wir die Überzeugung, daß hinter dem Nebel- und Regenvorhang nicht l’inferno seinen Anfang nehme und seinen Eingang habe; sondern daß daselbst Hallstadt liege oder vielmehr klebe, und daß die Taxe für die Fahrt nicht unbillig zu nennen sei. Der Einbaum schoß beim Seeauer ans Land; und wie erotisch Zuckriegel durch unsere solide Schifferin gestimmt sein mochte, er fühlte sich keineswegs dadurch gehindert, beim Zahlen mit ihr in Konflikt zu geraten.

Von einem weiblichen Kellner geleitet, stiefelten wir durch den triefenden Garten selber triefend in das gastliche Haus, und Roderich bestellte zähneklappernd eine Tasse heißester Kraftbrühe. Hinter ihm rauschte der See, jedoch ohne ihn als Opfer haben zu wollen; im Gegenteil schien er herzlich froh, ihn losgeworden zu sein. Ich trank Kaffee, Zuckriegel aber entschloß sich zu einem starken Grog, dessen Bereitung er dann in der Küche selbst überwachte, da er diesen abgelegenen Erdenwinkel nicht mit Unrecht der richtigen Mischung dieses angenehmen Getränkes nicht gewachsen glaubte. Seinen Anzug wechselte er nicht; er blieb, wie er war, und fing nur in der Atmosphäre der geheizten Gaststube an, leise zu dampfen. Der Poet erschien nach einer Pause, während welcher man ihn nicht vermißte, wie ausgewechselt. In blendendem Weiß vom Kopf bis zu den Füßen war er von Ischl ausgefahren, jetzt stellte er sich von den Füßen bis zum Kopfe karriert dar, und wenn es seine Absicht war, in Hallstadt Aufsehen zu machen, so war dieses Kostüm wahrlich geeignet, ihn seinen Zweck erreichen zu lassen; auf einem nach der Kirchturmspitze ausgespannten Seile würde es das Natürlichste von der Welt gewesen sein. Sämtliche in der Gaststube anwesende Augen sprangen fast aus ihren Höhlungen, und die Kellnerin sprang mit einem recht unzivilisierten Aufkreisch in die Küche, worauf einen Moment später ein seltsames Gedränge von plattgedrückten Nasen an den Scheiben des dunklen Schiebfensters neben dem Ofen zu sehen war. Der Poet konnte mit dem Eindruck, welchen er hervorbrachte, zufrieden sein. Er war es auch, und setzte die Gaststube zum zweiten Male dadurch in Verwunderung, daß er seine Kraftbrühe wie jeder andere, gewöhnliche, nicht karrierte Mensch trank; jedermann schien das Gegenteil erwartet zu haben.

Der Himmel zeigte jetzt, daß er es gut mit uns gemeint habe; wenn er während der Fahrt nur leise auf uns herabtröpfelte, so tat er jetzt, da er uns unter Dach und Fach wußte, seinen Gefühlen keinen Zwang mehr an und zog seine Reserveschleusen. Es war zwei Uhr, und es regnete entsetzlich; der Wirt freute sich unseres Daseins in seinem Etablissement, und ein Autochthone tröstete uns aus einem fernen Winkel, daß wir nicht die ersten seien, die bei solchem Wetter in Hallstadt anlangten, und daß wir wahrscheinlich auch nicht die letzten sein würden, die bei ebensolchem Wetter es wieder verließen. Den Faust kannte der Eingeborene nicht und verwunderte sich deshalb zum drittenmal über den karrierten Dichter, welcher hohläugig und mit hohler Stimme rezitierte:

„Jammer! Jammer! von keiner Menschenseele zu fassen, daß mehr als ein Geschöpf in die Tiefe dieses Elends versank, daß nicht das erste genug tat für die Schuld aller übrigen!“

Frech setzte der Prosektor das Geschäft fort und fragte mit den Worten Mephistos:

„Warum machst du Gemeinschaft mit uns, wenn du sie nicht durchführen kannst?… drangen wir uns dir auf oder du dich uns? Fahren Sie fort, Herr Krautworst und sehen Sie nicht so mürrisch aus! ich habe Sie doch nicht kontrekarriert?“

Herr Krautworst fuhr nicht fort, er ärgerte sich sehr über das Zitat Zuckriegels, konnte jedoch nichts dagegen machen und besann sich erst fünf Minuten später, als der Prosektor dem Wirt das Küchenbulletin abverlangte, auf den empörten Ausdruck Fausts: „Fletsche deine gefräßigen Zähne mir nicht so entgegen! mir ekelt’s!“

Es war zu spät, auch dieses Zitat noch anzubringen; — und wir speisten zu Mittag und es gelang mir, einen mit Messer und Gabel bewaffneten Frieden zwischen dem Manne der Wissenschaft und dem Manne der Poesie herzustellen. Als aber nach Tisch der Prosektor bemerkte:

„Wahrhaftig, es regnet wahrhaft musenalmanachartig; das ist ein Wetter für einen Dichter, Herr Krautworst! wenn es mir nur nicht meine Knochen fortschwemmt!“ da schob der Poet den Stuhl zurück, griff nach dem Regenschirm, hing das Plaid über die Schultern und schritt mit einem vernichtenden Blick auf den Spötter aus der Tür. Es war, als ob Prometheus dem Geier mit titanenhafter Verachtung den Rücken zeige. „Um Gottes willen, halten Sie ihn fest!“ rief mir Zuckriegel zu. „Jetzt habe ich ihn in die rechte Stimmung versetzt; in einer halben Stunde ist er mit seinen gereimten Linzer Erlebnissen wieder da. Geben Sie Achtung, ob er sich nicht rächt; halten Sie ihn, bringen Sie ihn zurück, ich will Abbitte tun.“

„Sie lobe ich mir als Reisegefährten,“ sprach ich und ging dem guten Roderich nach. Solus cum solo war der Prosektor bei solchem Wetter doch nicht zu ertragen, die Last war zu schwer für die Schultern eines einzelnen Menschen. Von der Tür aus sah ich noch, wie er sich so gleichmütig als lang auf drei Stühlen ausstreckte und seine Reiselektüre, einen Band von Avé-Lallemants Geschichte des deutschen Gaunertums, durch deren Studium er sich mit Eifer auf sein großes Unternehmen vorbereitete, hervorzog; — durch einen dunkeln niedern Gang gelangte ich ins Freie, oder das, was man in Hallstadt das Freie nennen kann, und traf am Ausgang auf den Hospes, den ich fragte, was man bei solchem Regen „am Hallstädter See sehen“ könne?

„Hallstadt!“ sagte der Wirt, und er hatte recht, dreifach recht; Hallstadt ist bei jedem Wetter eine Merkwürdigkeit. Nirgends in der Welt vielleicht gibt es so viel Treppen auf so engem Raume als hier. Der Flecken macht den Eindruck, als sei er von einer Riesenhand, tüchtig durcheinander gerüttelt und geschüttelt, an den lotrecht aus dem schwarzen See aufsteigenden Felsen geworfen und kleben geblieben. Zwei Monate im Jahre soll ihn die Sonne nicht erreichen, und ich glaube es gern. Wo die Dächer aufhören, fangen die Straßen an; in keiner Stadt der Erde muß es so gefährlich sein, sich einen Rausch zu trinken, wie hier. Man schwindelt, wenn man empor-, und man schwindelt, wenn man hinuntergeht; — man fühlt sich selbst ohne Rausch keineswegs sicher auf seinen Füßen, und das Entzücken, mit welchem man zwischen zwei grauen Hauswänden, oder durch sonst eine Lücke in dem Mauer- und Felsenwerk auf den Spiegel des Sees und die Steierschen Alpen am jenseitigen Ufer sieht, ist stets von einer gewissen Beklemmung, einer nahen Cousine des Alpdrückens, begleitet. Die Häuser haben in Hallstadt das Recht, betrunken zu sein; die Vorsehung wacht über sie und behütet sie an den unmöglichsten Orten vor Schaden; wenn aber, was ebengenannte Vorsehung jedenfalls verhüten wird, einmal eins von diesen Häusern einfallen sollte, so wird es unzweifelhaft seine sämtlichen Genossen mit sich in den Abgrund reißen, und das ganze Nest wird zusammenfallen wie ein Kartenhaus, jedoch mit mehr Gepolter. Sehr richtig bemerkt Baedecker, daß in Hallstadt weder Pferd noch Wagen zu finden ist, und es kann einen nur wundern, daß der große Tourist hiesigen Orts danach gesucht hat. Ich erblickte nicht einmal einen Esel; als ich aber, vom Hospes auf den Mühlbach des Ortes aufmerksam gemacht, von zarter Hand zurechtgewiesen, an das romantische Wasser gelangte, stand Roderich von der Leine mit der Brieftasche in der Hand und dem Silberstift an den melodischen Lippen in einem dunklen Torbogen neben dem Gesprüh und Geplätscher, umgeben von einem achtungsvollen, aber erstaunten Kreis älterer und jüngerer Hallstädter von beiden Geschlechtern. Da ich weder ihm noch mir die Stimmung verderben wollte, so verschob ich die Besichtigung dieses berühmten Mühlbaches auf eine andere Stunde und ließ den Dichter für jetzt im unbestrittenen Besitz des Wasserlaufes; — man soll weder Diana noch den Poeten im Bade stören, so verlockend die Gelegenheit dazu sein mag.

Scheu wich ich zurück und geriet auf Umwegen zu der neuerbauten Kirche der Protestanten, die ihren Zweck erfüllte und deren Entstehung nach langem Kampfe mich sehr befriedigen mußte, welche ich jedoch, da sie verschlossen war, links liegen ließ, um mich zu der katholischen Kirche zu wenden.

Die katholischen Kirchen sind immer geöffnet, und den Weg zu ihnen findet man auch, wenn man ihn recht sucht, wozu Roderich von der Leine, oder wie ich ihn hier nennen darf, Krautworst aus Hannover, merkwürdige Belege aus seinem Erfahrungskreise liefern konnte.

Treppen, Treppen, Treppen! Hinauf, hinunter, hinauf! Feuchte, mit üppigen, sehr gesunden Mauerpflanzen bedeckte Mauern, tröpfelndes überhängendes Gebüsch aller Art — ein Kirchhof mit prächtigem, beperltem Grün, alten und neuen Denksteinen, Kreuzen, verregneten natürlichen und künstlichen Blumen, Goldflittern und Bändern, ein Kirchhof mit Aussicht über eine niedere Mauer, ein Kirchhof mit einer Aussicht über den wunderbarsten See auf das „Tote Gebirge“! — ich freute mich, daß ich kein Gedicht zu machen brauchte und keinen Ruf aufrecht zu erhalten hatte, wie der Verfasser der Lebensblüten; sondern nach einem trunkenen Blick auf all die keusch vom Regen verschleierte Schönheit ruhig meinen Regenschirm und meine ästhetischen Fühlhörner einziehen konnte, um auch das Innere des trefflichen alten Kirchleins zu besichtigen. In welchem Jahre und von welchem Künstler der Altarschrein geschnitzt ist, weiß ich nicht, und es geht mich auch gar nichts an, und das alte Weib, welches davor kniete, ging’s ebenfalls nichts an. Ich setzte mich in einen dämmerigen Kirchstuhl und hörte dem Murmeln der Alten und dem Klingen der Tropfen draußen vor den Spitzbogenfenstern und dem Rauschen des Regens in den Bäumen zu und duldete es ohne Widerstreben, daß Zuckriegel und Krautworst in meiner Seele allmählich immer mehr zu mythischen Personen wurden, und ich selber ein Ding ohne Bedeutung für das reale Leben, die Geschäftswelt und die Schreibstube. Ich entschwand mir selber in dieser märchenhaften Minute, verwahre mich übrigens ernstlich gegen jeden Gedanken an Einschlafen; ganz genau und ohne jedes schreckhafte Auffahren wußte ich, was es bedeuten sollte, als die Alte nach beendigtem Gebet auf mich zu humpelte und mir die offene, knöcherne Pfote unter die Nase hielt. Ich habe es nicht geträumt, daß sie Dominika Schönrammer hieß und ihr Sohn Seppel Schönrammer, und daß sie mir zur Begründung ihres Anspruchs an mein gutes Herz und meinen Geldbeutel die ängstliche und tränenvolle Mitteilung machte, wie genannter Seppel augenblicklich nicht daheim, sondern drüben — hinter den Bergen, — drunten — in Italien sei, um dem Kaiser das Land zu verteidigen.

Nun wußte ich auf einmal wieder, daß wir Achtzehnhundertneunundfünfzig schrieben, und daß ich nur deshalb Wien verlassen und mich in die Berge geflüchtet hatte, um den Jammer wenigstens stundenlang von der Seele loszuwerden. Dies liederliche Wien! bei allem Elend konnte es einem doch noch Spaß machen durch die Art, wie es sich unter den sich häufenden Kalamitäten zu trösten suchte. Während das junge kräftige Kind Italia seine Windeln sprengte und der alten grämlichen Wartefrau Austria das Saugfläschchen an die Nase warf, studierte Wien, bekanntlich nicht die sittlichste Stadt der Welt, die statistisch-moralischen Tabellen Frankreichs, zog Trost aus der Auflockerung aller sittlichen Bande in der gallischen Nation, und erwartete sein Heil von der Abnahme der Bevölkerung, welche unausbleiblich die Folge solcher greulichen Verderbnis war. Was für einen Orden jener kluge Mann erhalten hat, der zuerst dem denkenden Österreichertum dieses treffliche und einleuchtende Theorem in die Hände gespielt hat, kann ich leider nicht sagen. Verdient hat er einen.

Aber Seppel? Seppel Schönrammer?! Können wir uns diesen Joseph Schönrammer entgehen lassen? Ein Kirchhof mit der Aussicht auf den Hallstädter See, eine arme, alte Mutter unter dem weinenden Himmel — eine bleiche, liebliche, ländliche Braut, welche die Stufen der Kirche emporsteigt, um der Jungfrau Maria eine geweihte Kerze zu bringen und der alten Mutter für das Leben des Sohnes bitten zu helfen, — — drei Seiten Manuskript, welche, die pekuniären Vorteile ganz beiseite gelassen, die Aktien unseres schriftstellerischen Verdienstes in jeder milden Frauenbrust hochsteigen lassen würden, — — o Roderich von der Leine, o Rodrigo, Rodrigo!

Es ist traurig, nicht nur für die Damen, sondern auch für mich: eine novellistische Rührung kann an dieser Stelle nicht statuiert werden. Seppel schien den schmelzenden Gefühlen der Liebe bis dato gänzlich fremd geblieben zu sein; auf diesem „unberührten Klavier“ war der „erste einweihende Silberton“ noch nicht erklungen. Seppel Schönrammer ließ keine in Angst und Schmerz vergehende Braut hinter sich zurück; aber sakrisch geflucht hat er, als er mit Knappsack, Kuhfuß und Feldkessel ausziehen mußte, um das zu schützen, was andere zusammengeheiratet hatten. Böse Ahnungen in betreff des Feldkessels bewegten seine sonst sehr ahnungslose Brust; ach, sie erfüllten sich, der Blechtopf sollte leer bleiben wie Seppels Herz und Schädel und nur durch hohles Geklapper auf dem Tornister seine Unentbehrlichkeit zur Kriegsausrüstung des tapfren österreichischen miles impeditus auf dem Marsche wie in der Feldschlacht dartun.

Wenn ich nun auch nicht hoffen darf, durch diese Episode meines Hallstädter Aufenthalts meine Leser und Leserinnen zu rühren, so rührte mich selber doch die Erzählung der Alten tief, und ich schenkte ihr einen von jenen Guldenzetteln, welche die Regierung, wenn auch nicht über den Bedarf, so doch über die Verabredung hatte drucken lassen.

Mit den besten Wünschen für einander und den Joseph in der Lombardei nahmen wir Abschied; nach einem letzten Blick über die Mauer des Kirchhofs verließ ich ihn und stieg wieder abwärts dem Seeauer zu, getrieben von dem Bedürfnis, mich zu erkundigen, wie Zuckriegel während meiner Abwesenheit seines Daseins Last ertragen habe. Es regnete selbstverständlich ruhig weiter.

Mein trefflicher Ortssinn, der mir nirgend so sehr zu statten kam wie in Hallstadt am Hallstädter See, führte mich ohne viele Umwege zum Wirtshaus zurück, und durch die bereits erwähnte Hinterpforte und den dunkeln Gang gelangte ich wohlbehalten zur Tür der Gaststube. Aber lauschend stand ich still; — Zuckriegel hatte drinnen die höchsten Register seiner Stimme gezogen, und eine andere Stimme sang die Antistrophe mit ihm zu gleicher Zeit, was von ausgezeichnet unharmonischer Wirkung war. Das Küchenpersonal drängte sich verschüchtert-exaltiert auf dem Gange; ich aber, der ich bereits wußte, daß unser Reisegenosse sehr gern und sehr leicht in einen Wortwechsel geriet, öffnete die Stubentür und trat ein. Starr, zweifelnd blieb ich auf der Schwelle stehen und sperrte den Mund auf, ohne die Türe zu schließen.

Ich habe im Wiener Prater einen Tausendkünstler gesehen, der ein lebendiges Kaninchen an den Hinterbeinen packte, es in der Mitte durchriß und dem erstaunten und begeisterten Publiko nunmehr in jeder Hand ein lustig zappelndes Tierchen präsentierte. Ein ganz ähnliches Experiment schien mit dem Prosektor Zuckriegel vorgenommen worden zu sein; — er war zum zweitenmal in der Gaststube beim Seeauer vorhanden und — zankte sich bereits aufs heftigste mit seinem Doppelgänger. Das Buch vom deutschen Gaunertum war verächtlich zu Boden geworfen, ebenso zwei von den Stühlen, auf welchen der nicht nur große, sondern auch lange Mann seine Mittagsruhe gehalten hatte. Mit ihren Brieftafeln in den Händen gestikulierten beide streitende, hagerne, lederfarbene, grau in grau kolorierte Gesellen aufeinander ein und suchten sich gegenseitig zu überschreien. Der Fremde dampfte, wie Zuckriegel gedampft hatte, — ein Beweis, daß er vor noch nicht langer Zeit eingetroffen sein konnte.

„Um Gottes Willen, Herr Prosektor! meine Herren! meine Herren!“ rief ich beschwörend, zwischen die beiden erhitzten Kämpfer springend. „Mäßigen Sie sich doch, Herr Zuckriegel! Was gibt es denn? was ist denn vorgefallen?“

„Und ich sage Ihnen, Sie irren sich durchgängig!“ schrie Zuckriegel. „Ich widerlege Ihre Aufstellung Punkt für Punkt; — — wollen Sie mich endlich ruhig anhören?“

„Nein!“ krächzte sein ihm so ähnliches Gegenpart. „Weshalb sollte ich Sie ruhig anhören, da Sie mich nicht aussprechen lassen wollen? Beharren Sie nur auf Ihrer Meinung; — — ich werde gegen Sie schreiben; ich werde der Welt Ihre Hypothesen vorlegen und in der rechten Beleuchtung zeigen.“

Zuckriegel schoß auf und nieder, wie der Kerl mit dem langen Halse im Puppenkasten. Sein Hals entwickelte eine grauenerregende Dehnbarkeit; er mußte jedenfalls aus einem elastischeren Stoffe als Gummielastikum bestehen. „Schreiben Sie, schmieren Sie! Ich werde Sie niederschreiben, ich werde Sie platt schreiben wie eine Bettwanze. Ich werde Ihren krassen Ignorantismus vor der Welt ausklopfen, daß die Motten herausfliegen sollen; ich werde —“

Ich faßte den empörten Reisegenossen um den Hals und schob ihn zurück; ich schob auch den nachrückenden grauen Fremdling zurück und hielt die beiden Streithähne mit meinem triefenden Regenschirm auseinander.

„Herr Prosektor,“ sagte ich, „ich bitte jetzt höflichst, mir diesen Herrn vorzustellen — Herr Prosektor, ich bitte Sie, sich zu beruhigen — mein Herr, lassen Sie mich den Neutralen spielen, lassen Sie mich den Friedenskongreß eröffnen —“

„Ich bin Professor Steinbüchse aus Berlin,“ sprach der Fremdling. „Professor der Altertumskunde Steinbüchse, auf einer wissenschaftlichen Reise zu den neuentdeckten Leichenfeldern am Hallstädter See im Salzkammergut begriffen.“

„Ah!“ sagte ich, aber Zuckriegel schrie:

„Er behauptet, es seien keltische Knochen; jedes Kind sieht —“

„Ein Kind sieht hier germanisches Gebein,“ schrie Steinbüchse, „aber jeder unver—“

„Halt, halt, halt, meine Herren!“ schrie auch ich jetzt mit aller Kraft meiner Lungen. „Keinen neuen Friedensbruch! keine unnötigen Anzüglichkeiten! keine gelehrten Redeblumen! Bitte, Herr Professor, kommen Sie soeben von diesen fraglichen Knochen zurück?“

„Ich bin auf der Reise dorthin begriffen.“

„Also haben Sie eben diese Knochen noch gar nicht gesehen?“

„Nur durch das Medium der öffentlichen Blätter.“

„Und Sie sind auch noch gar nicht oben am Rudolfsturm gewesen, Herr Zuckriegel?“

„Bei diesem Wetter? Müßte doch ein Narr sein! Die Knochen schwimmen nicht fort, und ich kann warten. Lag ruhig auf dem Rücken und las den Avé-Lallemant, als ich überfallen wurde von diesem — — —“

Der Rest der Rede ging in einem undeutlichen Gemurmel verloren, ich glaube etwas von „böotischem Hochstapler“ vernommen zu haben; heiser wie ein vermittelnder neutraler Gesandter auf einer Friedenskonferenz rief ich:

„Reichen Sie sich die Hände, meine hochverehrten Herren. Ohne Umstände — seien Sie Brüder, wie Sie Kollegen sind. Die Wissenschaft schreitet am besten durch das heitere Bündnis aller Kräfte fort. Lassen Sie uns friedfertig zusammen zu Abend essen und morgen früh frisch, fromm, froh emporsteigen zu diesen geheimnisvollen Gebeinen, und den Streit an Ort und Stelle zum Austrag bringen.“

Durch mehrere verhängnisvolle Augenblicke sahen sich die beiden Gelehrten grimmig an; dann aber zeigte Steinbüchse, daß er noch nicht ganz dem Prosektor ähnlich sei; er erklärte sich bereit, Frieden und den Mund zu halten bis morgen früh; setzte jedoch hinzu, daß er morgen früh bei jedem Wetter zum Rudolfsturm hinaufklettern werde.

Knurrend nahm Zuckriegel sein Gaunerbuch wieder vom Boden auf, zu einem weitern Zugeständnis in bezug auf diese so mühsam errichtete treuga Dei ließ er sich nicht herab. Daß der fromme Dichter in diesem Augenblick ins Zimmer hüpfte, trug mehr als alles übrige dazu bei, die Gemüter zur Ruhe zu bringen; der besänftigende Zauber der Poesie trat einmal wieder so recht klar zutage.

Roderich von der Leine war sehr naß, so naß, daß er sich am besten selbst auf die Leine zum Trocknen gehängt hätte. Aber er dachte nicht daran. Seine Sehorgane rollten in dem bekannten schönen Wahnsinn; auch er hielt seine Brieftasche in der Hand, und es tröpfelte aus ihr. Die Geburt war vollendet, der Verfasser der Lebensblüten hatte seine Linzer Erlebnisse unter dem Einfluß des erfrischenden Gestäubes des Hallstädter Mühlbachs in Reime gebracht; Zuckriegel stöhnte schwer.

Ich stellte den Professor Steinbüchse und den Dichter einander vor, und der Professor offenbarte eine neue Unähnlichkeit mit dem Prosektor; er war höflich, er war duldsam, ja er war sogar zuvorkommend gegen den Poeten und bat ihn herzlich, sich doch ja nicht durch seine Gegenwart abhalten zu lassen, sein Gedicht vorzutragen. Vielleicht war und tat er das alles nur, weil er die Grimassen, das Schnauben, Achselzucken, all die kläglichen Windungen Zuckriegels bemerkte und deutete.

„Ja, lesen Sie, tragen Sie vor,“ sagte ich, nicht ohne den Spuren des Professors zu folgen.

„Würde es nicht besser sein, wenn Sie erst den Anzug wechselten?!“ seufzte Zuckriegel. „Sie können sich leicht sehr arg erkälten, Herr Krautworst. Es wäre doch recht schade, wenn Sie durch jugendliche Unbesonnenheit sich selbst um-, und die Nachwelt um Ihre noch unerschaffenen unsterblichen Werke brächten.“

Da die weißen Gewänder noch immer naß in der Küche am Herde hingen, so hätte Rodrigo sich nur in das Kostüm Adams werfen können, wenn er den zärtlichen, besorglichen Ratschlägen Zuckriegels hätte Folge geben wollen. Die innere Aufregung hob ihn übrigens über alle rheumatischen, katarrhalischen Befürchtungen hinweg:

Den hohen Göttern war er eigen,

Ihm durft nichts Irdisches sich nahn.

„Wollen Sie nicht wenigstens andere Strümpfe anziehen? ich würde sehr dazu raten. Junge Dichter sind so schon sehr zu Kongestionen nach dem Cerebralsystem geneigt,“ sagte Zuckriegel in wahren Flötentönen.

Der Dichter schüttelte nur zerstreut das Haupt; er blätterte heftig in seinem Notizbuche.

„Nun denn, in drei Teufels Namen, so lassen Sie’s laufen!“ schnauzte Zuckriegel, zum Äußersten und um seine Kosten in Hinsicht auf die vorige Höflichkeit und Milde gebracht.

Roderich von der Leine wendete sich zu uns:

„Haben Sie bereits den Mühlbach gesehen, meine Herren?“

„Nein,“ sagte ich, und auch Steinbüchse hatte noch nicht das Vergnügen gehabt.

„Sie müssen ihn sehen!“ rief emphatisch der Poet. „Originell, — romantisch im höchsten Grade. Da ist ein alter dunkler Bogen mit einer Nische und einem Bilde, einem Bilde des heiligen — wenn ich nicht irre, des heiligen Sebastian drin; ich habe über zwei Stunden dort gestanden.“

„Den Mühlbach sah ich nicht; Sie aber sah ich, liebster Freund, wollte Sie jedoch nicht stören.“

Dankend neigte Roderich das Haupt gegen mich, dann aber fuhr er mit der Brieftafel ruckartig gegen die Nase und begann, anfangs schüchtern, dann aber immer mutiger, mit den bekannten Seitenblicken auf die Zuhörerschaft:

„Grau verschleiert schaun die Berge

Auf die fremde Stadt herein,

Unablässig rieselt’s nieder,

Und ich gähne kläglich drein.“

„Grade wie ich!“ knurrte Zuckriegel, der die verdrießliche Nase wieder in seinen Avé-Lallemant gesteckt hatte.

„Gott, o Gott, ach woll es wenden,

Gott, Erbarmen habe du!

Sende mir in diesem Trübsal

Einen deiner Engel zu!“

„Mir auch! ich bitte dringend!“ seufzte Zuckriegel.

„Goldgelockt, mit blauen Augen,

Schlank und weiß von Angesicht

Laß ihn sein, um mich zu trösten; —

Flügel, — Flügel braucht er nicht.“

„Ich aber könnte sie gebrauchen!“ seufzte Zuckriegel.

„Von dem Dome summt die Glocke,

Und die frommen Christen schleichen

Durch den Schmutz der Stadt zur Messe;

Gott, o Gott, laß dich erweichen!“

„Was solch ein Mensch doch alles verlangt. Selber kennt er kein Mitleid,“ brummte Zuckriegel.

„Einen Engel send hernieder

Oder einen Sonnenstrahl,

Lasse mich nicht untergehen

Hier in dieser Jammerqual!“

„Auch mich nicht; ich flehe inständigst darum!“ sagte Zuckriegel; der Dichter aber machte uns darauf aufmerksam, daß sein Gedicht durch feine Einschnitte gegliedert sei, daß nunmehr eine neue Bilderreihe anhebe. Er fuhr fort:

„Bläulich ringelnd, sanft verwehend

Schwindet der Zigarre Duft;

Unablässig rieselt’s nieder,

Und ich schnappe wild nach Luft.“

Zuckriegel ächzte: „Ich nicht weniger.“

„Aus dem Fenster halben Leibes

Häng’ ich jetzt und hör’ die Tropfen

Drunten in der engen Gasse

Auf die Regenschirme klopfen.“

Zuckriegel wußte ganz genau, auf was er am liebsten klopfen würde.

„Und das Auge schläfrig müde,

An dem Hause gegenüber,

Von dem Keller bis zum Dache,

Kriecht’s hinauf und senkt sich wieder.“

Zuckriegels Auge kroch auch unheilverkündend an dem Poeten in die Höhe und senkte sich erst wieder, als jener weiter sprach:

„An des Metzgers Tür dem Hammel,

Ausgeweidet, halbzerfetzt,

Ach, wie gleicht ihm schauderhaftig

Meine arme Seele jetzt!“

Zuckriegel brummte: „Ein schauderhaftiger Vers, sonst aber der einzige, der bis jetzt meine ganze Billigung hat.“ Laut rief er: „Herr Krautworst, ich mache Ihnen mein Kompliment über Ihre Kenntnis des menschlichen Innern. Bitte, tragen Sie die letzten Reime noch einmal vor; — wem glich Ihre arme Seele in jenem denkwürdigen Moment und Seelenzustande?“

„Abteilung drei!“ sagte Roderich von der Leine, den Prosektor verachtend.

„Hinter hohen Spiegelscheiben

In dem blanken Messingbauer

Kreischt ein grüner Papageie

Und erweckt mir neue Schauer.“

„Aber es scheint doch eine gute Schule gewesen zu sein!“ akkompagnierte Zuckriegel.

„Eine Dam in rotem Sammet

Füttert ihn mit Zuckerbrocken.

Merci! kreischt er, klettert, flattert: —

Alle meine Pulse stocken;

Denn ein neues Bild ist er mir

Aus dem wildbewegten Leben;

Denn mit Flattern, Mercisagen

Hab’ auch ich mich abgegeben.“

Die Verachtung Zuckriegels stieg zu einem solchen Grade, daß er sie während der folgenden Verse nur noch durch Gesten, die nahe an Verrenkungen grenzten, auszudrücken vermochte.

„Und ’ne Dam in rotem Sammet

Reicht’ auch mir einst Süßigkeiten;

Merci! merci! rasend werd’ ich,

Denk’ ich heute jener Zeiten.

O du grüner Papagoye

In dem blanken Silberringe,

Häng dich auf an deiner Kette:

Sauer werden süße Dinge.“

„Sehr!“ seufzte Zuckriegel und fügte mit wahrhaft sezierenden Blicken hinzu: „Ja, wenn er sich nur hängen wollte!“

„Vierte Abteilung!“ sagte der Dichter.

„Und von neuem schläfrig gähnend,

Heb’ ich jetzt die Augenlider;

Hoch und höher schweift das Auge,

Nah dem Dache haftet’s wieder.

Nah dem Dache — Gott, was seh’ ich?

Gott, o Gott, kann’s möglich sein?

In des Regens trostlos Plätschern

Schießt ein Sonnenstrahl herein!

Nah dem Dach ein offen Fenster,

Ganz von Bohnenblüt umwoben!

Gott, o Gott, du hast gerettet!

Dank dir, Dichtergott dort oben!“

„Meine Komplimente an ihn,“ grunzte Zuckriegel, „aber er hätte etwas Besseres tun können.“

„Nah dem Dach ein offen Fenster,

Und darin ein Engelsköpfchen,

Blaue Augen, weiße Arme,

Rosig Mündlein, goldne Zöpfchen!

Nah dem Dach der ganze Himmel;

O wie fern dem Erdenschmutz!

Nah dem Dach die ewge Wonne!

Schöne Heilge, deinen Schutz,

Deinen süßen Schutz erfleh’ ich, —

Nicht mit Winken — kaum mit Blicken;

Schöne Heilge, schöne Selge,

Willst du nicht hernieder nicken?“

„Sie wäre doch rein verrückt, wenn sie dem Narren den Gefallen täte!“ grunzte Zuckriegel, sich ganz in die Situation versetzend.

„Ach, sie hebt sich von dem Sitze;

Elfenhaft, im Blütenkranz,

Um den Mund ein Engellächeln

Steht sie hold im Sonnenglanz.

Alle Teufel! Tod und Hölle!

Gott, o Gott, was soll das wieder?

Schönster Engel! Süße Heilige!

Gott, sie läßt den Vorhang nieder.“

„Brava! Brava!“ schrie Zuckriegel, grinsend in die Hände klatschend; doch mit einem triumphierenden Blick auf ihn sprach Roderich von der Leine:

„Abteilung fünf!“ und der Prosektor versank wieder hinter dem deutschen Gaunertum.

„Unablässig rauscht’s herunter,

Und ich seufze klagend drein;

Grau verschleiert sehn die Berge

Auf die fremde Stadt herein.

Und das rote Reisehandbuch

Greif’ ich auf und sink’ zurück

Schwer und mit gelösten Gliedern

In den Sessel, und der Blick

Sucht die Stelle, wo es lautet:

‚Linz ist eine schöne Stadt,

Die schlecht Pflaster, einige Menschen

Und auch ein Theater hat.‘

Linz, o Linz am Donaustrande,

Ewig, Linz, gedenk’ ich dein;

Deinem Ruhme und Theater

Will ich diese Verse weihn.

Linz, o Linz am Donaustrande,

Linz in Oberösterreich,

Denk’ ich deiner, wird das Auge

Feucht, und wird das Herze weich.

Jener weiße, kleine Vorhang

Vor dem Fenster nah dem Dach, —

Denk’ ich sein, was wird da alles

In dem dummen Herzen wach!

Alle Götter und Göttinnen

Sind dem Dichter stets zur Seit,

Geben ihm durch Blut und Flammen,

Durch den Regen das Geleit.

Jenen weißen, kleinen Vorhang,

Liebchen, Liebchen, laß ihn zu;

In der holden Götterdämmrung,

Liebchen, lieblicher bist du!“

Bedeutungsvoll klappte der Dichter seine feuchte Brieftasche zusammen, und es begab sich etwas, das einem Wunder glich. Zuckriegel warf das Buch vom deutschen Gaunertum zum zweitenmal auf den Boden, doch diesmal nicht im Zorn. Er erhob sich, schritt auf den Poeten los, drückte ihm mit verdächtiger Zärtlichkeit die Hand und sagte nun wiederum in seinem Flötenton:

„Herr Krautworst, ist dieses Poem wirklich von Ihnen? Haben Sie wirklich das selbst gemacht, Sie jugendlicher Heinrich Heine, oder wie der Mensch heißt?! In der Tat, wenn Ihre bis jetzt mir leider gänzlich unbekannten Kneipenblüt — nein, Lebensblüten sämtlich aus ähnlichem Stoff zugeschnitten und verarbeitet sind, so bitte ich Sie höflichst, mir ein Freiexemplar derselben zu schicken. Hier ist meine genauere Adresse — portofrei, wenn ich so frei sein darf, Sie darum zu ersuchen. Wenn später einmal die Rückenmarksdarre —“

„Herr,“ schrie Roderich jetzt außer sich vor Zorn, „Herr, ich bin so frei, Sie zu ersuchen, mich ungeschoren zu lassen; Ihre Unverschämtheit überschreitet allmählich alle Grenzen!“

„Ruhig, ruhig, mein junger Freund,“ lächelte Zuckriegel, „Sie haben freilich ein treffliches Gedicht hervorgebracht. Genial! Ein funkensprühendes kleines Meisterwerk! Unser Lob muß Ihnen sehr schmeichelhaft sein; aber ich bitte, sehen Sie nicht zu verachtend von der Höhe, auf welche unsere Bewunderung Sie erhebt. Ich weiß, daß dem furor poeticus etwas zu gut zu halten ist; in unserer Abteilung für Geistesabwesende hatten wir —“

Professor Steinbüchse und ich erkannten zu gleicher Zeit, daß es die höchste Zeit sei, einzuschreiten. Wir überhäuften den Dichter mit ernstgemeinten und eben so ernst ausgesprochenen Lobeserhebungen. Ich machte ihn außerdem noch darauf aufmerksam, wie der Poet im schönen kalten Egoismus die Menschen nur als einen Ton, der für ihn zum Kneten und Formen geschaffen sei, ansehen müsse. Ich überzeugte ihn, daß der Prosektor nur als „Stoff“, niemals als „beleidigen könnendes“ Wesen für ihn Bedeutung und Inhalt haben könne; — Roderich von der Leine maß seinen Wert an Zuckriegels Unwert, und in erträglicher Harmonie aßen wir vier für einander geschaffene Charaktere zu Nacht. Aber nach Tisch erhob sich eine ungeheuerliche Schwierigkeit.

Als wir uns nämlich nach unsern Schlafgemächern erkundigten, verkündigte der Hospes, daß er uns nur zwei Kammern zur Verfügung stellen könne, und daß die Herren sich drein finden müßten, zu zwei und zwei in einem Zimmer zu schlafen; die Betten aber seien ausgezeichnet und ließen nichts zu wünschen übrig; beide Kammern seien auch nur durch eine Wand voneinander getrennt und hätten beide die Aussicht auf den See.

„Worauf ich huste!“ sagte Zuckriegel. „Herr Krautworst, wir beide schlafen zusammen, — und am liebsten unter einer Decke. Wir haben uns noch nicht völlig gegeneinander ausgesprochen und werden nunmehr die angenehmste Gelegenheit dazu haben; ich pflege gewöhnlich erst gegen Morgen einzuschlummern.“

Roderich sah auf den Prosektor wie die böse Stiefmutter auf das Faß voll scharfer Nägel und Ottern, in welches sie gesteckt werden sollte. Entsetzen, Abscheu, Ekel und Angst malten sich in seinen weichen Zügen.

„Wir übernachten natürlich zusammen,“ flüsterte ich ihm zu. „Sie sollen gerächt werden, wie Sie es nur wünschen können; Steinbüchse und Zuckriegel werden zusammengepackt.“

Der Dichter drückte mir gerührt unter dem Tische die Hand und verließ ihn — nämlich den Tisch — so eilig als möglich, um für mich und sich unter dem Vorleuchten des Wirtes Besitz von dem einen Schlafgemach zu ergreifen.

„Na, Professor, so müssen wir beide doch wohl zusammenkriechen, ich rieche es,“ sagte Zuckriegel, einen hohnlächelnden Blick auf mich schießend. „Wir wollen aber die süßen Hoffnungen dieser beiden jungen Männer zuschanden machen; wir wollen den abgeschlossenen Waffenstillstand nicht brechen; schnarchen wollen wir.“

„Versteht sich,“ sprach Steinbüchse, vollkommen von der Festigkeit seines Willens und Charakters überzeugt. „Ich denke einen guten Schlaf zu tun,“ setzte er mit Wallensteinschem Glauben an die Sterne hinzu, und ich gestehe, daß ich mit Bedauern anfing, an den Vorsatz der zwei Gelehrten zu glauben.

Wir wünschten uns gegenseitig eine angenehme Nachtruhe, und als ich mein Schlafgemach erreichte, fand ich den Verfasser der Lebensblüten bereits behaglich in seinem Federbett eingekapselt. Nur sein mit einem roten seidenen Tuch umwickeltes unsterbliches Haupt sah aus dem Kissen hervor.

„Was beginnen sie? Sind sie zu Bett?“ fragte er.

„Jeder hat noch ein Glas Punsch bestellt. Ich fürchte, die Nacht wird ruhiger vergehen, als wir hoffen.“

„Ich glaube an das Gegenteil; — schlafen Sie wohl, liebster Freund; ich will Sie wecken, wenn’s Zeit ist.“

„Meinen besten Dank im voraus. Gute Nacht!“

Dumpf hörte ich noch im ersten Schlummer den Dichter zitieren: