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Keltische Knochen/Gedelöcke: Erzählungen

Chapter 3: Gedelöcke
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About This Book

A collection of short narratives that mixes travel anecdote, satire, and atmospheric description; several pieces focus on rainy, melancholic excursions and comic character sketches—notably a story of three companions whose quarrelsome interactions and contrasting obsessions (a pretentious poet, a bone‑collecting antiquarian, and an observant narrator) punctuate a lakeside journey to inspect ancient remains. Other tales pair dry humor with regional detail and reflective observation, shifting between anecdote and quiet description to examine human vanity, social affectations, and the minor irritations and small consolations of shared company.

Quam iuvat immites ventos audire cubantem,

Et dominam tenero detinuisse sinu;“ —

aber ich ruhte, „vom Geplätscher in den Schlaf gerauscht“, zu sicher, um die üppigen lateinischen Schulreminiszenzen Roderichs noch weiter zu verfolgen; der See und der Regen übten denselben beruhigenden Einfluß auf mich, wie der letztere einst auf den Elegiker Albius Tibullus.

Wie lange ich geschlafen hatte, weiß ich nicht; aber mir hatte schon längere Zeit geträumt wie dem Ritter Don Quixote, daß ich mich im Lager des Agramant befinde und gleich dem König Sobrino berufen sei, die ausgebrochene Verwirrung zu lösen, als ich plötzlich durch das Geflüster Roderichs von der Leine geweckt wurde:

„Liebster Freund! bester Freund! Sie haben sich! Sie liegen sich in den Haaren! Horchen Sie! Hören Sie! ah!“

Eben noch hörte ich Messer Ludovico Ariosto beim Schreiben seines rasenden Rolands lachen und sah ihn sich den dünnen Bart streichen; nun lag ich wieder beim Seeauer am Hallstädter See im warmen Bett, eine Stunde nach Mitternacht, hörte den Regen vor dem Fenster, sah beim trüben Schimmer des Nachtlichts den hannoveranischen Dichter aufrecht auf seinem Lager sitzen und vernahm hinter der dünnen Bretterwand der Kammer ein Kampfgetöse, das nur von dem Aufeinanderfahren der Geister Steinbüchses und Zuckriegels herrühren konnte.

Wie viele Gläser Punsch die beiden Trefflichen noch getrunken hatten, mußte die Rechnung des folgenden Tages ausweisen; jedenfalls hatten sie genug und warfen sich die Knochen der Kelten und Germanen in einer Weise an die Köpfe, welche den unbefangenen Lauscher ergötzten, aber den befangenen, wie Roderich von der Leine, aufs höchste entzücken mußte.

Ob die beiden Helden bereits im Zank die Kammer beschritten hatten, oder ob der gelehrte Zwist sich erst von den Betten aus angesponnen hatte, weiß ich nicht; Rodrigo behauptete das erstere; ich jedoch kann nicht recht daran glauben; denn Zuckriegel war nicht der Mann, der sich ruhig auf den Rücken legte, ehe er den Gegner darauf hingestreckt hatte, und Steinbüchse, wenn auch in andern Dingen etwas weicher, milder, menschlicher, gab dem anatomischen Vorschneider auf dem Felde der Wissenschaft an hartnäckiger Behauptung seiner Meinungen wenig oder nichts nach.

Jetzt fühlte ich mich nicht mehr berufen, als Vermittler einzuschreiten, sondern vergnügte mich königlich, und das Gesicht des Verfassers der Lebensblüten in der gedämpften Beleuchtung des Nachtlichtes war auch der Betrachtung wert.

Diesmal vernahmen die Horcher hinter der Wand nicht ihre eigene Schande; die beiden bepunschten Mitglieder der universitas litterarum sagten sich die entsetzlichsten Grobheiten mit wahrhaft klassischer Naivität. Je schwieriger es für sie wurde, sich gegenseitig zu überbieten, desto genialer wurden ihre Eräußerungen, und kein Wort des einen war zu hoch, daß nicht der andere ein noch höheres darauf setzte. Sie spuckten sich moralisch ins Gesicht, und ich bin überzeugt, daß Zuckriegel mehrmals nur um die Breite eines Haares von dem Schicksal, auf Jahrmärkten vor einem moritätlichen Orgelbilde abgesungen zu werden, entfernt war.

„Jetzt beißt er in den Bettpfosten! So wahr ich lebe, bester Freund, er beißt vor Wut in den Bettpfosten!“ jauchzte der fromme Dichter in verhaltener Lust.

„Und der andere hat sich die Decke in den Mund gestopft. Wahrhaftig, lieber Freund, sie werden beide morgen am Gallenfieber krank liegen, wenn wir nicht mit dem Stiefelknecht an die Wand klopfen.“

„Um alles in der Welt nicht!“ bat der Poet. „Stören Sie ihre Kreise nicht! Gallenfieber? Bah, sehen Sie nur in die Jahrbücher für Philologie, in ihre medizinischen Zeitschriften. Sie können viel vertragen, ohne Schaden an ihrer Gesundheit zu leiden. Hören Sie nur, da geht der Berliner wieder ins Zeug. So ist’s recht! Faß ihn, Professor — drauf! drauf! Hurrah, der Hieb saß! Das nenne ich ausgeschmiert!“

Ein Gepolter hinter der Wand folgte auf und unterbrach den Jubel des Dichters; auf das Gepolter erscholl ein dumpf dröhnender Fall, mit beiden Füßen fuhren Roderich und ich diesseits aus unseren Betten; denn nun schien es doch wieder Menschen- und Christenpflicht geworden zu sein, das Blutvergießen zu verhindern. Aber eine höhere Macht war bereits eingeschritten.

Wohl sang Professor Steinbüchse aus Berlin Io triumphe; doch Prosektor Zuckriegel faßte ihn nicht mit seinem guten Gebiß an der Kehle. Wohl war Prosektor Zuckriegel vom Lager aufgesprungen, um den Gegner zu packen; doch der Geist besiegte den Geist, der wackere Anatom hatte viel zu viel Punsch getrunken; er maß den Boden seiner ganzen Länge nach und schnarchte wie ein Kind an der Brust seiner Mutter, nur etwas lauter.

Noch fünf Minuten gluckste der Professor triumphierend, dann entschlummerte auch er, alle Register seines Nasen-, Kehlkopf- und Gaumen-Systems ziehend. Nun hielten die beiden Würdigen doch das sich selber und mir gegebene Versprechen; sie schnarchten, allein erst nach dem Kampfe.

Diesseits der Wand horchten wir noch eine Weile, aber da das Sägen, Blasen und Raspeln immer regelmäßiger, wenn auch nicht melodischer wurde, so überließen auch wir uns dem balsamischen Schlaf. Roderich entschlief mit einem Ach der unsäglichsten Befriedigung. So war Zeus’ Wille für heute vollendet; wie sich aber die Dinge am nächsten Morgen gestalten sollten, das lag ebenfalls auf dem Schoß des Wolkenversammlers. — Warum regnete er uns fest am Hallstädter See? —

Ich hatte mir vorgenommen, früh wieder aufzuwachen, um beim ersten Erscheinen Zuckriegels und Steinbüchses zugegen zu sein und pflichtmäßig als höflicher und auch jüngerer Mann mich nach der Nachtruhe der beiden Herren zu erkundigen. Als ich aber die Augen aufschlug, merkte ich, daß auch ich meine moralischen Kräfte gleich den beiden Gelehrten ein wenig überschätzt hatte, und als ich halbbekleidet zum Fenster eilte, um mich auch durch den Augenschein zu überzeugen, daß der Regen noch nicht zu Ende sei, erblickte ich zu meinem höchsten Erstaunen unter zwei Regenschirmen vier graue Beine, welche einander entgegen vor dem Gartenpavillon auf- und abliefen. Und als der Wind zu gleicher Zeit aus den Regenschirmen zwei Tulpen bildete, da sah ich mit zweifelnder Verwunderung, daß sie es waren — sie — Zuckriegel und Professor Steinbüchse.

Der Dichter suchte höchstwahrscheinlich in seinem tiefen Morgenschlummer einen Reim auf Mensch; denn er stöhnte fürchterlich und griff ängstlich mit krampfhaftem Zucken der Hände auf der Bettdecke umher. Ich fühlte mich nicht berufen, ihm aus dem Dilemma zu helfen; in beflügelter Eile machte ich Toilette, um mich den beiden grauen Lustwandlern im Garten anzuschließen und zu erkunden, welch ein Geist diese Peripatetiker nach solcher stürmischen Nacht in solcher Weise neben- und gegeneinander am nebelverhangenen Ufer des Hallstädter Sees auf- und abführte.

Ich eilte die Treppe hinab, rief nach dem morgendlichen Kaffee, trat dann, ebenfalls unter aufgespanntem Regenschirm, in den Garten und schloß mich mit unbefangenster Miene den zwei Weltweisen an, um ihnen das, was ich ihnen freilich nicht geben konnte, zu bieten, nämlich einen guten Morgen.

Sie sahen verstört, übernächtig und verdrießlich genug aus: aber bewundern mußte sie jeder denkende Mensch; und ich, der ich für jedes geniale Sichfinden in die Stunde und ihre Verhältnisse einen feinen und freien Blick habe, ich fühlte plötzlich eine Achtung für sie, von welcher ich bis dahin keinen Begriff gehabt hatte.

Wie sank Roderichs von der Leine kleinliche, aber unversöhnliche Gereiztheit vor der wahrhaft großartigen Charakterentfaltung dieser beiden Männer der Wissenschaft auf ihr rechtes Maß herab! Zuckriegel und Steinbüchse hatten sich auch gegenseitig gereizt, hatten sich schöne Dinge gesagt; aber was war ihre Persönlichkeit gegenüber den hohen Zwecken ihres Daseins am Hallstädter See? Die gelehrten Leidenschaften, welche nächtlicherweise die Seelen der zwei streitbaren Helden so furchtbar gegeneinander empört hatten, lagen geduckt, so weit es möglich war, am Boden. Die spirituosen Wolken, welche das Gehirn der Kämpfer füllten, hatten sich bis auf einen leichten, schleierartigen Dunst verzogen; Zuckriegel war zu groß, die Brausche seiner Stirn an dem Professor zu rächen, und Steinbüchse aus Berlin war zu geistig-klar, um sich zu erinnern, daß er um Mitternacht ein „blödsinniger Esel“ genannt worden sei. Von den Erinnerungen des letzten Tages und der vergangenen Nacht waren nur die vertraulichen Mitteilungen der behaglichen Abendstunden, als der Punsch noch nicht gewirkt hatte, übrig geblieben: Steinbüchse hatte Zuckriegel ins Ohr geflüstert, daß auch er gekommen sei, um auf dem Leichenacker des unbekannten Volkes am Rudolfsturm sich nach „etwas Brauchbarem umzusehen“, und im Fall man es nicht willig, billig oder gegen gute Worte ablassen werde, sich „seines gelehrten Rechtes“ zu bedienen. Da nun des Professors Blick mehr auf bronzene Fibulae, Nadeln, Schwertgriffe und Pfeilspitzen gerichtet war, der Prosektor aber nur Knochen, Knochen, Knochen für seine Sammlung gebrauchen konnte, so kamen die beiden lüsternen Gemüter einander hier in keiner Weise ins Gehege. Sie hatten sich also über ihren dampfenden Gläsern innigst die Hände geschüttelt, und um einander die Jagd nicht zu verderben, gegenseitig geschworen, nur in Gemeinschaft darauf ausgehen zu wollen, und sich in allen Fährlichkeiten des Unternehmens mit Beredsamkeit, List, ja mit Gewalt gegenseitig beizustehen. Die Vorgänge der Nacht konnten an diesem Feldzugsplane nichts ändern, und so liefen die gelehrten Verschwörer nach eingenommenem Kaffee im Garten am See auf und ab, und sahen sich bei jedem neuen Vorüberstreifen mit finstern Blicken und Widerwillen, aber doch ohne Mordlust an.

Um neun Uhr wollte man aufbrechen zu diesem neuen Argonautenzug, Raub der Helena oder Raubzug ohne Umschweife. Es schlug eben acht, ich hatte also vollkommen Zeit, in Behaglichkeit ebenfalls Kaffee zu trinken und das Erwachen des Poeten zu erwarten.

Gegen halb neun Uhr erschien Roderich von der Leine, dieses Mal wieder in seinem weißen Kostüm. Jetzt hing der karrierte Anzug auf der Leine am Küchenherde, und wurde von vielen Gebirgsbewohnern, die in ebengenannter Küche sonst nichts zu suchen hatten, angestarrt, betastet und grinsend bewundert.

Die Begrüßung zwischen dem Dichter und den beiden andern Herren hatte ihre Reize für den aufmerksamen Beobachter; aber Zuckriegel hatte seine Galle und Bosheit in der Nacht so reichlich ausgeströmt, daß er am frühen Morgen verhältnismäßig matt war; seine Stimmung war ungefähr die einer Brillenschlange, welcher der fromme, aber schlaue Hindu einen Flanellappen vor die Zähne geworfen hat, und welche ihr Gift daran losgeworden ist. Als ich jedoch dem trefflichen Jüngling Hannovers meine Absicht, die beiden Gelehrten auf ihrem gefahrvollen, aber ruhmreichen Wege zu begleiten, mitteilte, da fuhr er, ohne der Zuckriegelschen Mildigkeit zu trauen, erschreckt vom Stuhle auf, warf ihn und den Milchtopf um, zog mich in einen Winkel und flüsterte:

„Ich bitte, ich beschwöre Sie! Was wollen Sie tun? Bleiben Sie bei mir, gehen Sie nicht mit diesen zwei seelenlosen Ungeheuern. Ich habe es mir überlegt, man kann Hallstadt nicht verlassen, ohne den Schleierfall, den Sprattenfall, den Waldbachstrub gesehen und einen entzückten Blick auf den Dachstein und das Karlseisfeld geworfen zu haben. Man würde uns auslachen, wenn wir ohne diese Erinnerung heimkehrten; — ich flehe Sie an, rennen Sie nicht in Ihr Verderben, gehen Sie mit mir; ich habe Ihnen noch so vieles zu sagen, wir sympathisieren so vortrefflich miteinander. Auf dem Wege nach dem Rudolfsturm regnet es ebenso sehr wie im Echerntal, o kommen Sie mit mir!“

Wenn mich etwas dazu hätte bringen können, den glänzenden Fußstapfen des göttlichen Sängers zu folgen, so wäre es die letzte so unbeschreiblich wahre Bemerkung gewesen. Aber mein Entschluß stand fest; ich wollte mich lieber auf dem Wege nach den unbekannten Knochen als nach dem Waldbachstrub auswaschen lassen. Ich ziehe überhaupt der schönen Natur eine schöne Menschenseele weit vor, und um Zuckriegels und Steinbüchses Gesellschaft an diesem Morgen hätte ich alle landschaftlichen Herrlichkeiten des Salzkammergutes samt dem himmlichsten Sonnenscheine mit tausend Freuden fahren lassen, und alle Singvögel und frommen Tiere des Waldes gratis zugegeben.

Ich entzog mich also mit bedächtigem Hauptschütteln den umschlingenden Armen des Verfassers der Lebensblüten und sagte:

„Teuerster Freund, ich kann Sie nicht zwingen, uns zu folgen, aber ich wollte, ich könnte es. Wann wird Ihnen ein besserer Stoff zu einem Lustspiel wieder vor die Füße laufen?“

Roderich von der Leine stutzte, sah auf, sah auf mich, sah auf die beiden Gelehrten, welche eben in grimmiger Entschlossenheit ihre Reisetaschen packten und Platz für ihre Beute darin ließen; — einen Augenblick glaubte ich, sein Schicksal an das unsrige gebunden zu haben; aber im nächsten Moment sank er wieder in sich zusammen und seufzte:

„Ich kann es nicht! Ich vermag es nicht! Ich kann diesen Menschen nicht länger ertragen. Heute beim Erwachen nach dem Triumph der Nacht glaubte ich fest, daß es mir möglich sein würde; aber ich habe mich getäuscht; ich bin der Vogel, und er ist die Schlange, welche mich mit ihren giftigen Blicken verzaubert. Ich kann den Kerl nicht einmal mehr von hinten ansehen.“

Da ich sah, daß alle weitern Überredungsversuche vergeblich sein würden, überließ ich den nervenschwachen Dichter seinen einsamen Wegen und wandte mich zu den beiden wissenschaftlichen Abenteurern; ihre wahrhaft antike Ruhe erfüllte mich mit neuer Bewunderung.

Niemals hatten zwei determiniertere Strauchdiebe sich die Korbflaschen vom Hospes mit Rum füllen lassen, als diese beiden akademischen Raubgenossen. Leonidas in den Thermopylen, Curtius, als er in den Schlund sah, ehe er hinabsprang, und aus neuerer Zeit Blücher, als er auf dem Wege von Ligny nach Waterloo sagte: „Es ginge eigentlich nicht, aber es muß gehen!“ mochten ähnlich geblickt haben wie Zuckriegel und Steinbüchse in diesem feierlichen Moment. Auch ich reichte meine Reiseflasche dem Wirte, und dann — dann brachen wir im ahnungsgrauen Morgennebel und hartnäckigsten Platzregen todesmutig auf, und Roderich von der Leine sah uns fröstelnd in unwillkürlicher widerwilliger Bewunderung nach. Vielleicht war er in seiner Hinfälligkeit einen Augenblick lang sogar neidisch auf den gehaßten, aber stahlherzigen anatomischen Reisegegner.

Da Zuckriegel und Steinbüchse jetzt die ersten Schritte in die wunderlichen Gassen Hallstadts taten (sie hatten es bis jetzt nicht der Mühe wert gehalten, die Nase aus dem Gasthaus herauszustecken), so äußerten sie ebenfalls einiges Erstaunen über die Treppen, und Steinbüchse versicherte, so etwas kenne man gottlob in Berlin nicht. Im steilen Zickzack lief aber die Treppe von den letzten Häusern aus weiter den Berg hinan, bis sie nach einer Viertelstunde in einen ebenfalls im Zickzack laufenden dichtbeschatteten Fußweg überging. Der Pfad nach dem Rudolfsturm ist schwer zu verfehlen, selbst für zwei Gelehrte, deren Gedanken außerhalb ihres Pfades laufen.

Munter, aber stumm stampften Steinbüchse und Zuckriegel zu; unterhaltend war ihre Gesellschaft bis jetzt noch nicht. Beide hatten die Hüte so tief als möglich auf die Nasen herabgezogen, beide hatten die Regenschirme so dicht als möglich auf die Filzdeckel herabgezogen, beide taten nicht einen einzigen Fehltritt, obgleich der Weg sehr aufgeweicht und schlüpfrig vom Regen war. — Beide sahen aber auch nichts von dem, was man durch die Lücken und Einschnitte in der triefenden Waldung erblicken konnte, nämlich den großartigsten Teil des Seekessels mit allen kochenden, wallenden Nebeln und Dünsten. Ihre Gedanken waren bei den Knochen und jeder überdachte bei sich die verschiedenen Strategeme großer Feldherren, die auch ausgezogen, um etwas „an sich zu nehmen“ oder sich „ihres Rechtes zu bedienen“.

So eilte ich denn den beiden wundervollen Burschen von Zeit zu Zeit ein wenig voraus, um dann das Recht zu haben, an der passenden Stelle stehen zu bleiben und die sich immer mehr erweiternde Aussicht zu genießen. Wenn die beiden Regenschirme dann allmählich sich zu mir emporarbeiteten, stieg auch ich weiter. Plötzlich fiel auf halbem Weg, nicht des Menschenlebens, sondern des Saumpfades, mein Blick auf eine sehr nasse Bank, über welche eine, wie es schien, nicht neue Inschrift zum Lesen und Nachdenken aufforderte; — die beiden Regenschirme waren wieder ganz in meiner Nähe, und ich stand und las:

„Hier hat gerast der hochlöbliche römische König Maximilian, als er gangen ist, die Salzperg zu besehen, den fünften Tag Januarii Anno Fünfzehnhundertundvier.“

„Wer hat hier gesessen? Wo hat wer gesessen? Wann hat wer hier gesessen?“ schrie in demselben Augenblicke Professor Steinbüchse aus Berlin, tigerhaft heranspringend und mich ohne weitere Umstände beiseite schleudernd, ehe ich antworten konnte:

„Kaiser Maximilian der Erste, sonst auch der letzte Ritter von Anastasius Grün in Wien.“

Professor Steinbüchse überzeugte sich von der Wirklichkeit des Faktums, notierte die Inschrift in seinem Taschenbuch und setzte sich auf die nasse Bank, um auch diesen Eindruck an und in sich aufzunehmen. Zuckriegel aber schritt verachtungsvoll vorüber, ohne einen Blick auf die ewig denkwürdige historische Stelle zu werfen.

„Mir ganz einerlei, wer da gesessen hat, ob Sie, Kollege, oder der König Maximilianus; wenn ich nur meinen Schädel bekomme,“ sagte er.

Diese Bemerkung trieb auch den Professor frisch wieder vorwärts, und nach einer halben Stunde weitern Kletterns erreichten wir den Rudolfsturm und damit den Schauplatz der größten Abenteuer.

An die Rippen pochte das Männerherz, als wir vor dem vom Kaiser Albrecht errichteten Gemäuer standen und die Glocke des jetzt darin hausenden königlich-kaiserlichen Salzinspektors zogen, um zuerst in das in dem Turm angelegte kleine Museum von aufgefundenen Altertümern, Ammoniten und sonstigen Merkwürdigkeiten eingelassen zu werden. Eine Maid beaufsichtigte uns dabei, und es interessierten mich vorzüglich in dieser Sammlung die keltischen oder urgermanischen Punschbowlen, welche mit vielem Geschick und Geschmack gearbeitet, aber leider sehr verrostet waren. Hier versuchten wir noch nicht zu stehlen, denn es wäre doch zu gewagt gewesen; aber Zuckriegel benutzte den Moment, in welchem die Aufmerksamkeit der Gebirgsmaid ganz von dem Vergnügen an dem über ein grün angelaufenes priapisches Scheusal in Entzücken geratenen Steinbüchse in Anspruch genommen war, um mich am Knopf zu fassen und mir zuzuzischeln:

„Mein Bester, von Ihnen allein hängt’s jetzt ab, ob ich den Zweck meiner Reise erreichen soll. Jedenfalls wird uns dieses Frauenzimmer zu der Gräberstätte führen; — Sie sind ein hübscher, gewandter Mensch — merken Sie auf — Sie sind mein Freund, Sie sind — die Person guckt her! — kurz, führen Sie sie ab — halten Sie ihre Aufmerksamkeit nur einen kurzen Augenblick fest — ich werde Ihnen ewig dankbar sein; — das Mädchen ist gar nicht übel; lassen Sie sich einen Kuß, nur einen einzigen Kuß geben, wenn wir an den Knochen der Vorwelt stehen. Auf einen Kuß kann es Ihnen doch nicht ankommen, wenn es einen so erhabenen Zweck wie die Osteologie gilt.“

„Man sieht doch, daß Sie aus Ihrer Reiselektüre etwas gelernt haben; aber wollen Sie mich denn ohne alle Gewissensbisse Ihrem wissenschaftlichen Drange, Ihren wüsten Begierden opfern?“ fragte ich vorwurfsvoll.

„Keineswegs, Verehrtester! Was riskieren Sie? Ich reiße mit meinem Schädel aus; Steinbüchse mag für sich selber sorgen, und es würde weder Sie noch mich kränken, wenn man ihn am Kragen nähme. Sie selber, Bester, kommen als unbeteiligter, harmloser Tourist unschuldig, kühl und langsam nach. Am Seeufer, beim Seeauer treffen wir wieder zusammen und feiern den Sieg, und zu allem übrigen schicke ich Ihnen auch gleich nach meiner Heimkehr meine Abhandlung über die Schädelbildung der ältesten, alten, neuen und neuesten Völkerstämme. Was sagen Sie dazu? Können Sie noch widerstehen?“

„Nein!“ sagte ich. „Hier haben Sie meine Hand darauf; an mir soll’s nicht liegen, wenn Sie Ihres Herzens Wunsch nicht durchsetzen. Lassen Sie uns denn gehen.“

„Nun, mein reizendes Kind,“ sagte Zuckriegel kosend, indem er leise wie eine Blindschleiche zu der bergbewohnenden Schönen schlüpfte, „nun, mein Engel, diese angenehmen Kleinigkeiten haben wir jetzt zur Genüge betrachtet; wie wär’s denn nunmehr mit den Gräbern, meine Rose an den Gräbern?“

Er wollte, um sich mehr einzuschmeicheln, der Holden die Wangen streicheln, doch sie wich böse vor seiner Prosektorhand zurück und suchte aus ihrer unter der Schürze hängenden Ledertasche einen verrosteten Schlüssel hervor, indem sie mit einem Trinkgelderblick uns aufforderte, ihr zu folgen.

„Eine wirklich allerliebste Türhüterin an der Pforte der Unterwelt, Herr Kollege!“ sagte Zuckriegel sehr laut zu dem Gelehrten aus Berlin; aber Steinbüchse flüsterte nur:

„Jetzt gilt es! Versäumen Sie ja den günstigen Augenblick nicht. Können Sie laufen?“

„Mit meinem Schädel wie eine telegraphische Depesche.“

„Ich auch! Das übrige liegt in der Hand der Götter,“ sagte Steinbüchse selbstbewußt, und durch Sumpf und Moos, tropfende Brombeerstauden und sonstige Hindernisse wanden wir uns dem Leichenacker zu.

Man hat eine eigentümliche Vorrichtung getroffen, um die aufgedeckten Gräber mit ihren Gerippen zu konservieren und sie dem neu- oder wißbegierigen Publikum gegen eine Gratifikation vorweisen zu können. Über das vorsichtig aufgegrabene und in seiner Lage unverrückt erhaltene Skelett ist ein hölzerner Kasten in die Erde gesenkt, ein sargähnlicher Kasten mit einer Klappe und einem großen Vorlegeschloß. Publikus versammelt sich um diesen Kasten, die Gebirgsmaid versucht längere Zeit vergeblich, den rostigen Schlüssel in das Schloß zu zwingen; endlich springt der Deckel auf, Publikus reckt den Hals, stellt sich auf die Zehen und gibt seine Befriedigung, sein Interesse, seinen Abscheu und selten sein Mitleid in Worten und Gesten kund. Publika kreischt natürlich auf, weil sie keine Gerippe sehen kann.

Diese armen toten Krieger, Weiber, Jünglinge und Jungfrauen! Es ist nicht angenehm, sich nach so vielen Jahrhunderten ruhigen, ungestörten Schlafes von einem so verzerrten, verkümmerten, närrischen Geschlecht wecken und angaffen lassen zu müssen. Wie wäre es, wenn plötzlich solch ein tausendjähriges zerfallendes Gebein sich rasselnd zusammenraffte, aufrichtete, den Schlaf aus den hohlen Augenhöhlen riebe und ärgerlich nach dem Bronzeschwert griffe, um unter die Hämorrhoidarier, die Krinolinen, Professoren und gähnenden Reisebummler zu fahren?

Das würde ein lustiges Laufen und Springen bergab werden; was würde das neunzehnte Jahrhundert alles verlieren auf dem Schlangenwege nach Hallstadt hinunter! Was würde der alte Kelte oder Germane alles aufraffen können an Brillen, falschen Locken, Schnupftabaksdosen, Sonnen- und Regenschirmen, Gummischuhen, Plaids, Lorgnetten! Hussah, was für eine Reiseerinnerung würde das sein, meine Herren und Damen, wenn man wieder sicher auf der Eisenbahn oder zu Hause säße und des vorweltlichen Spukes gedächte!

Aber ich schweife ab; ich habe ja auch noch von einem Bergunterlaufen und Springen zu erzählen, bei welchem ebenfalls mancherlei auf dem Wege verloren wurde, was der verfolgende Rächer der Toten von Rechts wegen für gute Beute erklärte. —

Das Mädchen vom Rudolfsturm kniete neben ihrem Kasten und mühte sich mit steigendem Verdruß an dem widerspenstigen Schloß.

Zuckriegel griff nach der Hand Steinbüchses, drückte sie bedeutsam und ermutigend, ließ sie fahren und flüsterte:

„Bruder! Kollege! Jetzt gilt’s! Mut, Mut! Jeder greift nach dem, was er packen kann — ohne Unterschied der Wissenschaft! Bruder, unten am Berg sortieren und teilen wir brüderlich!“

Mir rief er laut zu:

Memento! cedo tibi puellam!“ zu deutsch: „Achtung, mein Bester! führen Sie die Jungfrau abseits!“ —

Mit einem Krach öffnete sich jetzt das Schloß; die Maid schlug den Deckel des Kastens zurück, mit gierig funkelnden Blicken schossen die zwei Gelehrten vor, — da lag der Kelte oder Urgermane wohlerhalten, ruhig und behaglich auf der linken Seite, das Schwert zur Seite, auf der Brust eine grüne Spange, die einer plattgesessenen Sofasprungfeder ungeheuer ähnlich sah. Es war, als spiele ein schlaues Lächeln um das entblößte Gebiß des Skeletts, ein Ausdruck, wie: Komm und küß mich! und Zuckriegel hätte letzteres mit Wonne getan.

Nun aber geschah es wieder einmal, daß ein wohlerdachter, fein zurecht gelegter Angriffsplan von der Hast und Gewalt des Augenblicks über den Haufen geworfen wurde. Die Gier der beiden wissenschaftlichen Leichenräuber litt es nicht, daß ich meinem Versprechen, die Aufmerksamkeit der Jungfrau durch Liebenswürdigkeit zu fesseln, nachkommen konnte.

Mit einem Schrei, der aus dem Tierreich zu stammen schien, stürzten sich Zuckriegel und Steinbüchse auf den Kelten und griffen zu. Einen Schrei stieß aber auch das Mädchen vom Rudolfsturm aus:

„Hilfe! Räuber! Diebe! Heilige Jungfrau! Maria und Joseph! Maxerl! Herr Inspektor! Franzel! Hilfe um Gott und Jesu, s’ gehet mit’s G’ripp durch!“

Und aus dem Loche sprangen Steinbüchse und Zuckriegel, der erste nach des Geschickes Willen mit dem Schädel des Kelten in der einen Hand und mit zwei riesigen Armknochen und einem Rippenstück im andern Arm! der zweite hatte das Bronzeschwert, die Brustspange und verschiedene sonstige antiquarische Kleinigkeiten gegriffen. Über Moos, Gestein und Gestrüpp flogen sie, die Regenschirme zurücklassend und die Hüte verlierend. Ich sank, halb ohnmächtig vor Entzücken, auf den nächsten Baumstumpf.

Aber ringsumher regte es sich. Von allen Seiten strömten auf den Hilferuf der Jungfrau rüstige Nachkommen des fraglichen Kelten oder Germanen herzu, einige mit Äxten, andere mit mächtigen Knüppeln. Einige atemlose Worte der Maid genügten, um sie den Spuren der Räuber, deren flatternde Rockschöße eben in der Tiefe des Waldes verschwanden, nachzusenden. Fern verhallte der Lärm der Flucht und Verfolgung, und ich ließ mich, ohne Widerstand zu leisten, als verdächtigen Spießgesellen der Knochendiebe durch den Regen vor den erstaunten Salzinspektor führen.

Nicht leicht wurde es mir, meine Unschuld an dem unglaublichen Vorfall zu beweisen. Man sprach davon, mich in Eisen nach Salzburg transportieren lassen zu wollen; man sprach in immer höherem und schärferem Ton, doch ich hielt gut, blieb kühl und gelassen und verwies auf meine Papiere, welche mich als einen anständigen Menschen und harmlosen Touristen und keineswegs als einen Gelehrten oder Leichenräuber darstellten. Es wäre auch sehr merkwürdig gewesen, wenn sich vor der hohen sittlichen Entrüstung, die auch ich über den schändlichen Vorgang an den Tag legte, die Zorneswogen des verständigen Mannes und Beamten, der mich verhörte, nicht gesänftigt hätten. Auch die zurückgelassenen Regenschirme und Hüte, sowie das seidene Taschentuch Steinbüchses, welches von einem loyal gesinnten Dornstrauch festgehalten war, trösteten. „Verehrter Herr,“ sagte ich, „Ihr antediluvianischer Leichenacker scheint sehr ausgedehnt zu sein; lassen Sie einen andern Urgermanen bloßlegen und Ihren Kasten mit Klappe, Schloß und Riegel darauf setzen. Was liegt Ihnen an dem einen Kelten? Daß Sie durch ruhiges Nachsehen der Wissenschaft, der Osteologie und Altertumskunde vielleicht einen unendlichen Dienst leisten, muß Sie außerdem warm anmuten.“

„Wir wollen sehen, was die Leute zurückbringen,“ sprach der Beamte. „Eher lasse ich Sie nicht los, Herr …“

Ein rauhes Siegesgeschrei vor der Pforte des Rudolfsturmes unterbrach ihn; — die Verfolger brachten alles zurück, Schädel und Armknochen, Rippen, Schwert und Spangen, und außerdem die Perücke Zuckriegels und die Brille Steinbüchses. Steinbüchse und Zuckriegel selbst hatten sie laufen lassen.

„S’ habet alles hinter sich g’worfen, und d’ Atzel und d’ Brill habet s’ verloren!“ jubelten die Unholde.

„So,“ sprach der fröhlich lächelnde, sehr befriedigte Beamte, „jetzt wollen wir dem Abgeschiedenen das Seinige zurückerstatten, und dann, mein lieber Herr, bitte ich, meine gehorsamsten Empfehlungen an Ihre gelehrten Freunde zu bestellen. Die zurückgelassenen Gegenstände verbleiben natürlich den Leuten für ihre gehabte Mühe. Küß’ die Hand und bitt’ mir auf ein andermal die Ehr aus.“

Damit empfahl sich der Inspektor und ging, seinen Kelten wieder zusammenzuflicken. Ich ging auch und stieg langsam nach Hallstadt hinunter, mußte aber alle fünf Minuten stehen bleiben, um meiner inneren Heiterkeit Luft zu machen, und der Phantasie Freiheit zu lassen, sich das demnächstige Wiederfinden beim Seeauer auszumalen. —

Unter der Hinterpforte des Gasthauses stand Roderich von der Leine und sah, wie es schien, sehr aufgeregt in den Regen hinaus. Er hatte sich nach seinem Ausflug zum Waldbachstrub wieder ins karrierte Kostüm werfen müssen und erwartete mich mit prickelnder Ungeduld. Als er meiner ansichtig wurde, begann er, mit erhobenen Händen winkend, einen Tanz des Entzückens.

„Da sind Sie! da sind Sie endlich! O Freund, was für eine Geschichte! Herrlich! prachtvoll, o ich kann nicht mehr!“ schrie er mir entgegen.

„Wo sind die beiden andern Herren?“ fragte ich mit möglichster Gefaßtheit, doch der Dichter war zu aufgeregt, um einen klaren Bericht erstatten zu können; nur das verstand ich zu meinem Leidwesen, daß der Professor Steinbüchse aus Berlin bereits, „naß wie ein Kater und in einer alten Mütze des Wirts“, einen Einspänner gemietet habe und außer sich vor Wut nach der Gosaumühle abgefahren sei.

„O, wie haben sie sich noch gefaßt! O, was haben sie noch einander gesagt! O, wie sahen sie aus!“ schrie Roderich, und ich schritt, von ihm gefolgt, in die Gaststube.

Da saß Zuckriegel! Ein Bild äußerster, menschlicher Wut und ohnmächtigster Empörung. Er hatte seinen Anzug nicht gewechselt, und nur um den kahlen Kopf einige bunte Taschentücher gewickelt. Als er mich erblickte, stieß er ein zischendes Geheul aus und umfaßte besagten Kopf mit beiden Händen; zähneknirschend, wutwimmernd spie er mir, sozusagen, die Fragen entgegen:

„Wissen Sie’s? Haben Sie’s gehört? Wissen Sie, wie’s abgelaufen ist?“

„Nur im Umriß, Herr Prosektor.“

„O der Halunke, der Halunke, der niederträchtige Berliner Halunke! Ich sage Ihnen, wir wären durchgekommen; ich sage Ihnen, wir hätten das Unsrige davongetragen, ohne den Jammermann! Was tut er in seiner erbärmlichen Angst, als uns das nachsetzende pecus an einer Stelle etwas näher rückt? Meinen Schädel wirft er den Verfolgern vor, höchstwahrscheinlich, um sie aufzuhalten, und damit ich mich mit seinem rostigen Blechwerk desto sicherer rette. Wütend werfe ich natürlich auch das alberne Käsemesser mit demselben Recht zum Henker und heiße ihn im Rennen und in meiner Verzweiflung und Raserei einen Hornochsen oder dergleichen. Da schleudert die Bestie auch meine Armknochen und Rippen von sich und schreit: Hornochse? da! da! so mag denn alles zum Teufel gehen! Ich werfe ihm natürlich das andere alte Eisen an den Kopf, und hinter uns brüllen die Lümmel wie der Satan; denn sie scheinen zu wissen, daß sie nun alles wiederhaben, was wir mit so vieler Mühe aus ihrer verdammten Wildnis ihnen abgeholt hatten. Sie ließen uns laufen, und — hier — hier sitze ich, und meine Atzel ist auch zum Teufel. Herrgott, Herrgott, wenn es doch eine ewige Gerechtigkeit gäbe! Oleum et operam perdidi, das Öl auf dem verruchten Wege nach dem Rudolfsturm und die Gelegenheit, den Berliner Ignoranten und Hasenfuß durchzuprügeln, eben jetzt. Den Tag vergesse ich nicht, und wenn ich tausend Jahre alt würde; — wenn ein Objekt, auf das ich von Rechts wegen als tot Ansprüche hätte, mir unter dem Seziermesser, vor dem ersten Schnitt wieder aufleben würde, könnte ich keine blutigeren Tränen weinen. Ach, es gibt keine Gerechtigkeit — keine Gerechtigkeit in der Welt!“

Der Prosektor Zuckriegel legte den Kopf auf das Buch vom Gaunertum, welches er bei seinem Ausmarsch zu den keltischen Grabstätten auf dem Tische hatte liegen lassen, und war von jetzt an für uns tot. Wir nahmen ihn wie ein Paket wieder mit nach Ischl, wo wir im schönsten Sonnenschein anlangten. Roderich von der Leine verfiel hier natürlich wieder dem schönen Geschlecht, und ich setzte die Fahrt nach Salzburg allein fort.

Auch Salzburg lag im schönsten Sonnenschein in seinem Kessel und brätelte; aber man hing soeben die Verlustlisten der ersten italienischen Gefechte an die Straßenecken, und das warf einen bösen Schatten über die reizende Stadt.

Ich hatte freilich keinen Verwandten oder Bekannten, für welchen ich zu sorgen brauchte, in der österreichischen Armee, aber es fiel mir auf die Seele, als ich die unheilvollen Reihen der Toten und Verwundeten überblickte, daß ich füglich ein Interesse an dem tapfern Jüngling aus Hallstadt, Seppel Schönrammer, nehmen könne. Es würde mir sehr leid getan haben, wenn ihn der Tod in der Blüte seiner Jahre dahingerafft hätte; glücklicherweise stand sein Name jedoch nur unter den Leichtverwundeten. Der junge Held hatte nur eine unbedeutende Kontusion von einem Schuß durch den Feldkessel in den Tornister bekommen. Er mußte sich also beim Eintritt dieses nicht allzu bedeutenden Unglücks bereits auf dem Rückzuge befunden haben.

Gedelöcke

I.
Von der Stadt Kopenhagen und dem Kurator Herrn Jens Pedersen Gedelöcke.

eilweise auf der Insel Seeland und teilweise auf der Insel Amager liegt, wie mancher Schuljunge, aber nicht jeder Gelehrte weiß, die Stadt Kopenhagen, die Hauptstadt des Königreichs Dänemark, wohl versehen mit Fortifikationes sowohl auf der Land- wie auf der Seeseite, eine feine und schöne Residenz, und seit uralten Zeiten durch mannigfache Handels- und sonstige Interessen mit Deutschland im, wenn auch nicht zärtlichen, so doch recht angenehmen und freundnachbarschaftlichen Verhältnis. In dieser Stadt lebte zu Ende des siebenzehnten und zu Anfang des achtzehnten Säkulums christlicher Zeitrechnung ein Mann des Namens Jens Pedersen Gedelöcke, und daß er ebendaselbst starb, ist uns insofern erfreulich, als uns das Faktum den Hauptstoff zu gegenwärtiger in Wahrheit ungeschminkter, unverbrämter, unbefranzter, kurz ungelogener Relation geliefert hat. Denn wäre er nicht gestorben, so hätte man ihn auch nicht begraben können, und wäre er nicht begraben worden, und zwar mehr als einmal, so wäre auch nicht Anno 1731 zu Cölln an der Spree die Historia von seinem „sonderbaren Glauben, Leben, erstaunenden Tode und merkwürdigen Begräbnis“ zum erstenmal in Druck ausgegangen, und wir hätten dieselbe nicht im Jahre 1865 zu Stuttgart auf dem Trödelmarkt um neun Kreuzer „Furchtlos und trew“ erstehen und zu eifrigem nächtlichen Studium nach Hause tragen können. Da wäre es uns denn auch ganz gewiß nicht beigefallen, anderer Skribenten Zeugnis und Meinung über den kuriosen Kasum einzuholen, um der Sache auf den Grund zu gehen, sintemalen es einen solchen Kasum gar nicht gegeben hätte. Und wenn uns somit viele und arge Mühe erspart worden wäre, so würde das liebe deutsche Publikum im ganzen und großen doch den meisten Schaden davongetragen haben, denn wahrlich kein Autor hätte ihm diesen Gedelöcke erfunden; der heutige lichte Tag, so über alle Maßen duldsam und ohne Vorurteile, würde es nicht gelitten haben.

Doch was stehen wir an der Tür? Jens Pedersen Gedelöcke führte während seines Lebens den Titel eines Kurators und wird also wohl auch einer gewesen sein, und daß er über andere Sorgen die für seinen Leib nicht außer acht ließ, ist über allen Zweifel erhaben, und wurde, solange er sich des Daseins erfreute, durch seine wohltuende Erscheinung verbürgt. Denn wenn er von Statur mehr klein als groß war, so schob er doch ein ungemein behaglich Bäuchlein vor sich her; und daß er nicht durch das Leben hastig und atemlos lief, oder mit Würdigkeit und Bedachtsamkeit langsam schritt, sondern es zierlich, ja gewissermaßen tänzelnd durchtrippelte, mußte ebenfalls für ein nicht zu verachtendes Zeichen innerlichster Satisfaktion genommen werden. Er trug, wie es sich für ihn ziemte, ein wohlanständiges, halbgelehrtes schwarzes Habit, eine wohlfrisierte, tadellose Perücke und den Hut unter dem Arm. Er legte sowohl im Gehen wie in der Konversation das rundliche Haupt ein wenig auf die rechte Schulter, und ein gewisses Blinzeln der kleinen, doch sehr hellen Augen ließ vermuten, daß er a priori wie a posteriori den Kreis seiner Erfahrungen wohl zu erweitern wisse, und das Fältchen in den Mundwinkeln deutete darauf hin, daß er seinen lieben Nachbarn, Freunden und Verwandten nicht alles kommuniziere, was er im Geiste bewege. Man wußte in der Stadt Kopenhagen, daß er mit dem königlichen Professor der Geschichte, Herrn Ludwig Holberg, in einem sehr lebhaften Verkehr stehe, und was dieses zu bedeuten hatte, das konnte jedermann sagen, der sich an dem großen Gelehrten und kurieusen Humoristen ergötzte oder ärgerte; denn des Mannes Neigung und Freundschaft waren nicht so leicht zu gewinnen, und es erhielten sie nur diejenigen, welche auch wieder etwas dagegen zu bieten hatten. Wenn aber sehr große Leute auf den Kreuzwegen wie Wegweiser stehen, damit alles vorüberwandelnde Hornvieh sich bequem und ohngehindert daran reiben könne, so gehörte Gedelöcke nicht zu den sehr großen Leuten, denn an ihm rieb sich niemand ungestraft, weder im Hause noch in der Gasse, und in der Kneipe gar nicht. Er hatte ein feines Erbteil Mutterwitz mit auf den Lebensweg bekommen und zahlte gern und mit großer Freigebigkeit einem jeglichen, der dessen zu begehren schien, davon aus, — einerlei ob ein mehr oder weniger selbstbewußter Schädel aus dem Wehr-, Lehr- oder Nährstande in der gegnerischen Perücke steckte. Am liebsten hatte er’s, wenn er einem Mitgliede der höhern oder auch niedern Geistlichkeit in solcher Art einen kleinen Überschuß über das antagonistische Guthaben auf den Tisch zählen konnte, und die Konsequenzen davon hatte er ebenfalls zu tragen.

Es verdichtete sich allmählich der Nebel um den Leuchter und das Licht seiner Existenz, und wenn die hüpfende Flamme dadurch vergrößert wurde, so erschien sie doch auch ungewisser, undeutlicher. Was anfangs nur die nächste Nachbarschaft sich kaum ins Ohr zu flüstern wagt, das schreien plötzlich die Ziegel von den Dächern, und der, welchem der Verdruß auf den Kopf fällt, wundert sich wohl gar noch darob. Die Gerüchte aber, so anfingen, über den Kurator in Umlauf zu geraten, waren im Anfange, ehe sie sich zu der letzten, bestimmten Berüchtigung zusammengezogen hatten, sehr verschieden und wechselnd in den Mäulern der Leute, je nach der Persönlichkeit, welche sich mit Herrn Jens Pedersen Gedelöcke im Widerspruch fand.

Die, welche sich sehr weise dünkten, sprachen von alchymistischen Narreteien, von den blanken Reichstalern, die auf der Suche nach dem Philosophenstein und Menstruum universale sich im Rauchfange des Kurators verflüchtigten, und zitierten mit bedächtlichem Kopfschütteln:

„O schädlich Acidum, das Seelen corrodiret!

Sal sulphur und Mercur zur Höll’ praecipitiret!

Er suchet Sol im Koth und Lunam in der Erden;

Wie kann das ewig Licht ihm dort zu Theile werden?“

Die Giftigeren wollten wissen, er schlage seine Frau, Mette, geborene Niels, sei ein stinkender Geizteufel, welcher um desto ärger daheim die Zähne fletsche, je manierlicher und kompläsanter er in den Gassen einhertrete. Die Giftigsten aber hielten einander an den Rockknöpfen fest oder steckten über dem Kaffeetisch die Dormeusen zusammen und zischelten einander zu: Der Kurator Jens Pedersen Gedelöcke sei auch ein Zeichen, daß nicht nur dem dänischen Zion, sondern dem ganzen Universo die letzte und höchste Stunde nahe, ein Zeichen, wie die soeben von den Astronomis entdeckten Flecken am Sonnenball, so nach der Opinion aller frommen und nachdenklichen Leute ad prognostica propinqua des jüngsten Tages gehörten. Diese guten Nachbarn und lieben Freunde wußten ganz genau und erfuhren immer besser: der Kurator streife allgemach sein Christentum ab, wie die Schlange ihre Haut; er gehe zu seinem größten Seelenschaden nur noch mit den verstockten Juden, ihren Lehrern, Rabbinern und Büchern um, zum Tische des Herrn sei er schon seit Jahren nicht mehr gegangen, den Sonntag halte er nicht mehr heilig, wohl aber der Juden Sabbat, und vor dem Fleisch der Schweine habe er einen unchristlichen Ekel. Es waren bald nur wenige Leute in der guten Stadt Kopenhagen, welche nicht an sich oder andere die Frage stellten, ob dieses nicht unerhört sei, und ob nicht zum allgemeinen Salut und zur Abwendung von Gottes Zorn das hochlöbliche Polizeigericht sich der Sache anzunehmen habe?

Daß dieses dritte Gerücht den meisten Anklang und Widerhall in der Stadt fand, war nicht zu verwundern; die besten Freunde hielten dagegen nicht stand, und wäre auch wohl schon früher von oben her ein Einsehen getan, wenn solches bei Lebzeiten seiner königlichen Majestät Herrn Friedrichs des Vierten tunlich gewesen wäre. Dieser Monarch aber war zur Betrübnis aller gottseligen Leute nicht so leicht dazu zu bringen, in solchem Falle einen Spezialbefehl ergehen zu lassen; er war ein feiner, lustiger und polierter Herr, welcher seine Freude am Leben hatte, und jeglichen Untertan für das Heil seiner Seele selber sorgen ließ. Wie konnte er, der sogar das Privilegium für das erste dänische Nationaltheater gab und den „politischen Kannegießer“ selbst darin belachte, welcher von seinen französischen Komödianten mit sehr merkwürdigem Gusto den Tartüffe des Monsieur Molière agieren ließ, — dazu gebracht werden, einem Untertan ins Haus zu rücken, weil die Nachbarschaft behauptete: der Mann verrichte seine Andacht mit Gebärden, Neigungen des Hauptes und in einem leinenen Kragen, welche dem lutherischen christlichen Ritus und Zeremonial ein Greuel seien? Er tat’s nicht, und der Kurator blieb in dem, was er tat, und dem, was er unterließ, insoweit unangefochten; aber es war ein Glück für ihn — Herrn Jens Pedersen Gedelöcke, — daß er, — als königliche Majestät in dem Jahre 1730 das Zeitliche segnete, über jegliche Anfechtung sich ebenfalls schleunigst erhob. Herr Christianus des Namens der Sechste stieg auf den dänischen Thron, der „dänischen Komödie Leichenbegängnis“ wurde aufgeführt; die dänische Welt veränderte in jeder Weise ihr Gesicht; doch das ist unsere Geschichte.

II.
Von den Herren Doktores Primus et Sekundus, imgleichen der Frau Mette Gedelöcke und dem ehrwürdigen Herrn Hieronymus Moekel von der Trinitatiskirche.

s war an einem Nachmittag im unfreundlichen Monat Februar des Jahres 1731, als zwei Ärzte, zu gleicher Zeit eilends herbeibeschieden, vor der Tür des Kurators anlangten und beim gegenseitigen Anblick die perückenbedeckten Häupter erhoben und jenes Lächeln erzwangen, welches so viel schwerer zu prästieren ist, als ein Fußtritt oder ein Faustschlag. Die Namen der beiden Herren sind unsern genauesten Nachforschungen entgangen; so wollen wir denn jenen, der in einer Sänfte durch die strömenden Regenfluten heranschwankte, den Doktor Primus, und jenen, welcher in seiner stattlichen Karosse eine halbe Minute später anlangte, den Doktor Sekundus nennen. Sie waren beide glänzende Lichter in ihrer Kunst und Wissenschaft, und es war eine Freude, ihren gelahrten Diskussionen zuzuhören, vorausgesetzt, daß der Hörer ihnen nicht selber die Zunge zu zeigen hatte. Wenn Herr Jens Pedersen Gedelöcke sie beide zu sich gebeten hatte, so konnte dies für ein Zeichen genommen werden, daß es freilich zum Schlimmsten und Letzten gekommen sei, denn er wußte sonst ziemlich genau, was er tat; es fand sich aber, daß sie nicht auf seine eigene Einladung kamen.

Die beiden gelehrten Herren begrüßten einander auf dem Hausflur des Kurators, wie es sich schickte, mit einem bonus dies, Collega! einem Serviteur! und quid agis? —, neigeten längere Zeit an der untersten Stufe der Treppe um den Vortritt die Häupter gegeneinander, hoben und senkten deprezierend die Achseln und schritten sodann in gleicher Linie nebeneinander aufwärts zum Zimmer des Patienten, vor dessen Türe sie Madame mit betrübtem Kompliment in Empfang nahm, und zwar mit dem Finger auf dem Munde, zum Zeichen, daß Fürsicht und Stillschweigen das erste sei, was sie von den Herren erbitte. Aus dem Krankenzimmer vernahm man einen merkwürdigen Gesang, und auf den Zehen schreitend führte die Frau Mette Gedelöcke die beiden Doktoren in ein Nebengemach, allwo sie zu ihrer nicht geringen Verwunderung den Pfarrherrn der Trinitatiskirche, Herrn Hieronymus Moekel, in tiefes kummervolles Nachsinnen und in einen sehr großen Armstuhl versunken, bereits vorfanden. Da geschah wiederum jenes würdige und zierliche Begrüßen, welches von dem achtzehnten Jahrhundert zu solcher Blüte und Vollkommenheit gebracht worden ist, dessen Wissenschaft und Ausübung aber im neunzehnten Säkulum leider verloren ging und im zwanzigsten vielleicht wiedergefunden wird. Die beiden hochpreislichen Fakultäten taten einander alle gebührenden Ehren an, während die hochbetrübte Hausfrau mit dem Nastuch vor den Augen dazu knixte und sich mit Wimmern und Geschluchz um die große Ehre und Hilfsbereitschaft, so ihr und ihrem Hause von den Herren erwiesen wurden, einmal über das andere bedankte. Erst als der Sitte und dem decoro in jeder Weise genug getan war, konnte, unter fortwährendem Horchen auf den fremdartigen Gesang hinter der Wand, die Konversation auf das Wichtigere geleitet werden, und der Doktor Primus tat dieses, indem er bemerkte:

„Brauche ich Madame leider kaum zu befragen, wie es dem Herrn Eheliebsten am heutigen Tage ergehe. Solches ist das rechte Wetter, die salia zu koagulieren, solches ist die Witterung derer Podagristen; aber der Herr Kollega werden mir beifallen, wenn ich Madame die Versicherung gebe, daß der Patienten Ungebärdigkeit nicht das Schlimmste ist, was der Medikus auf seinem Wege zu sehen und hören wünschet. Und Madame darf sich keine unnötigen Sorgen machen, des Herrn Kollegen Sekundi Tinctura solis wird auch heut schon das Acidum obtundieren; der Herr Ehegemahl befindet sich in guter Hand.“

„Die da sündigen, werden dem Arzt in die Hände fallen,“ sprach der Herr Hieronymus, das Haupt mit drohender Betrübnis senkend, während die Doktoren schnell die Köpfe in die Höhe warfen, und der gelahrte Herr Sekundus die Gelegenheit nahm, mit einer neuen tiefen Reverenz sich bei Seiner Ehrwürden nach dem Verlauf des jüngsten Konsistorialessens und der darauf erfolgten Indigestion zu erkundigen, worauf Herr Hieronymus das Gespräch abermals näher zum Zweck führte:

„Messieurs belieben doch Platz zu behalten. Madame hat uns zu einer wichtigen Konsultation zusammenberufen in dieses Haus, allwo leider der Arzt des Leibes und der Arzt der unsterblichen Seele zu gleicher Zeit zu tun haben. Wahrlich, Madame hat als ein fromm christlich Eheweib gehandelt und ihre Bürde mit Tränen auf sich genommen. Dieses ist ein Haus worden, dessen Lieblichkeit zu übelm Geruch sich wandelte, ein Haus, dessen Tür belagert ist von unheiligen Geistern, so mit Zähnefletschen, Schweifringeln und Schlagen, mit verhaltenem Gebell und Geheul bei Tag und Nacht Einlaß begehren, löblicher Stadt und allem christlich lutherischen Volk zum Skandalum, zum allerschrecklichsten Ärgernis. Ja, die Herren wissen bereits, daß der böse Feind allbereits eingedrungen ist und neben dem Lager des Hausherrn sitzet und sich über ihn beuget und die Zähne mit Triumph blecket. Es klinget ein absonderlicher Sang in unser Ohr; aber Madame möge reden, und Messieurs mögen hören und uns sodann ihre treffliche Opinion mitteilen.

„Ich bitte!“ fiel der Doktor Primus vorerst dazwischen. „Es ist vor allem weitern die Frage zu stellen, ob wir hieher berufen seien als Medici oder als Theologi? Was saget der Herr Kollega?“

„Ich stimme dem Herrn Kollega bei und stelle mit ihm dieselbe Frage.“

„Messieurs,“ rief der Pfarrherr mit großem Ernst, „wir sind hier in der dänischen Stadt Kopenhagen, allwo kein Inquisitionsgericht Sitzung hält über die Meinungen, doch weiß hochehrwürdiges königliches Konsistorium sich auch verpflichtet vor Gott und Seiner Majestät, unserm königlichen Herrn Christian dem Sechsten. Man spreche, wie man zu sprechen weiß; es wird an andern liegen, die Conclusiones zu ziehen.“

„Ihr Herren, ihr liebe Herren,“ jammerte die Frau Mette, „in ganz Kopenhagen, auf ganz Seeland gibt’s keine unglücklichere, geschlagenere Seele, denn meine. Sie weisen in der Kirche und in den Gassen mit den Fingern auf mich: ‚Sehet, da gehet das Weib des christlichen Juden!‘ — ich weiß mir am Ende nicht mehr zu helfen, und kann’s nur ertragen, weil mich der Herr Jesus Christus darzu erschaffen hat. Ich bin von lutherischen frommen Eltern allhier geboren, und mein Mann ist aus Helsingör und auch von christlichen Eltern geboren, solches ist ja von der Kanzel abgelesen bei unserer Trauung. Ich will auch in meinem lutherischen Glauben sterben; aber die Zungen der Leute bringen mich vor der Zeit um, und — drinnen liegt er, und der Juden Vorsänger, Meister Henrich Israel, sitzet neben seinem Bett und muß ihm psalmodieren, und es wird von Tage zu Tage schlimmer, wie er mit seiner ewigen Seligkeit umgehet, und kein christlich Wort mehr annehmen will, und mit den Rabbinern und jüdischen Schriftgelehrten mehr Gemeinschaft pflegt als mit seinem ehrlichen Eheweibe, so ihm doch bei Tag und Nacht den Fuß in Wolle schlagen und des Herrn Doktors Sekundi preiswürdige Medikamente eingeben muß. Ich habe es getragen, getragen, getragen; aber es hat alles sein Ende, und so habe ich es zuletzt zum Herrn Hieronymus Moekel von Trinitatis getragen, und vor seiner Weisheit, Tugend und Gottesfürchtigkeit meine Last abgeleget —“

„Und Madame hat gar wohl daran getan,“ fiel der Pfarrherr wieder ein; „und die Herren belieben wohl Achtung zu geben und auf jenen Gesang hinter der Wand mit Bedacht zu horchen. Wahrlich, es handelt sich hier darum, christliche Gemeinschaft der Heiligen und ein reines Evangelium vor einem großen und unersetzlichen Schaden und einem stinkenden Ärgernis zu bewahren. Messieurs haben den Herrn Kuratorem dem Leibe nach in allen frühern Morbis und Hinfälligkeiten behandelt; nunmehro aber handelt es sich um eines angesehenen und wohlbekannten Mannes besseres Teil, und die Herren mögen wohl in Obacht nehmen, daß ihr Wort gewogen wird vor einem hochwürdigen Konsistorio, vor königlicher Majestät erhabenem Thron und zuletzt droben mit der allerletzten Wagschale. So sprechen denn die Herren und sagen, ob der Kurator Herr Jens Pedersen Gedelöcke mentis compos, bei gesunden Sinnen sei und ein verlorener, verruchter Sünder, einer so die Schafe lässet und sich zu den Böcken gesellet; — oder ob ihn des Herrn Hand mit Wahnsinn geschlagen und nur das Irrenhaus mit einem Hirntollen abzurechnen habe?!“

„Herr Hieronymus und liebwerte Madame,“ sprachen beide Doktoren mit bedächtigem Kopfneigen; „es ist unsere feste Überzeugung und Meinung, daß der Herr Jens Pedersen Gedelöcke nur am Podagra laborieret, und daß, wenn es, was der Himmel verhüten möge, zum Schlimmsten gehen sollte, viel mehr Expektanz vorhanden ist, die Krankheit steige ihm in den Magen, denn in den Kopf; als welchen letzteren es nach unserer Bekanntschaft in dieser erleuchteten Stadt Kopenhagen kaum einen zweiten gleich hellen gibt.“

„So ist dieses Haus auserlesen, für alle Zeiten im feurigen Lichte des Verderbens zu scheinen!“ rief der geistliche Herr mit erhobenen Händen; „und von dem Manne hinter der Wand wird’s heißen: