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Kentaurenliebe. Die Toteninsel cover

Kentaurenliebe. Die Toteninsel

Chapter 5: 3.
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About This Book

The volume collects two novellas that revive classical myth in atmospheric prose. In one story, a late spring carnival and a moonlit descent into Roman groves bring formerly worshipped goddesses and ritual memories into uneasy contact with a Christianized present. The other transports the reader to a mysterious island of the dead where uncanny encounters blur boundaries between the living and the afterlife, probing longing, erotic impulses toward mythic beings, and the persistence of old beliefs. Both pieces stress mood, ritual detail, and nostalgic reflection on a vanished sacred world.

3.

Auf der Via Appia antica schritten sie schwebend dahin. Der Saum ihrer Strahlengewänder streifte die schwärzlichen Lavasteine und ihre Füße, die bisweilen den Boden berührten, spürten die tief in das harte Gestein gegrabenen Spuren der Wagenräder aus den Zeiten, da auf dieser Straße ein Gewimmel aller Völkerschaften der Erde Rom zudrängten, dem goldenen, dem ewigen Rom (Roma eterna)! War aber Rom ewig, so mußten die Suchenden in Rom auch die »ewigen« Götter finden.

Grabmale zur Rechten, zur Linken: die traurigen Ruinen der einstmals gleichfalls für die Ewigkeit errichteten Totenpaläste. Zur Rechten, zur Linken gestürzte Säulen, zertrümmerte Sarkophage, gebrochene, einstmals herrliche Marmorleiber. Dazu Öde ringsum; Schweigen des Todes in den Lüften ...

Vor den Schreitenden, den Schwebenden, ein langgezogener Lichtstreif, hoch in den Horizont hinaufsteigend, als stünde der Himmel in Flammen. Dort, vor ihnen, lag Rom. Ganz Rom mußte in Flammen stehen! Schon einmal hatten die hohen Jungfrauen Rom brennen sehen — da der ruchlose Sohn der kaum minder verruchten Agrippina über Rom herrschte. Als Nero im Anblick der lodernden Stadt im Gewande Apolls, die Strahlenkrone auf dem Haupt, zur Leier den Brand Trojas besang, waren sie zürnend entwichen: hinauf nach Tusculum; und sie hatten die Stätte der Gotteslästerung lange gemieden. Heute nun eilten sie dem brennenden Rom entgegen, getrieben von einem Gedanken, der sie hinzog wie eine geheimnisvolle Gewalt: »Wenn noch Götter sind, so müssen sie in Rom zu finden sein!«

Sie langten an. Aber — war das Rom? Das! Wo waren die Tempel, die Basiliken, die Portiken, die Altäre, die Bildnisse in Marmor und Erz? Die Bildnisse von Göttern und Helden!

Versunken, verschwunden ...

Hier eine Ruine, dort eine Ruine; ein Trümmerstück hier und dort. Sonst nichts — nichts — nichts! Alles und alles versunken, verschwunden, als wäre es niemals gewesen.

Aus weitoffenen, erschrockenen Augen schauten die armen Himmlischen um sich; eng drängten sie sich aneinander. Doch auch jetzt noch flüsterten sie sich zu: »Wir wollen suchen! Wir müssen finden! Nicht alle unserer ewigen Götter können tot und begraben sein!«

Und sie suchten.