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Kindheit: Autobiographische Novelle cover

Kindheit: Autobiographische Novelle

Chapter 21: 18. Verse.
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About This Book

The narrative presents a young boy's recollections of early life on a country estate, rendered as a series of intimate episodes that trace the formation of feeling and perception. Through vivid scenes of family interactions, schooling, play, and first stirrings of desire, the narrator examines moral sensitivity, curiosity, and the tensions between innocence and emerging self-awareness. The prose combines delicate sensory detail with rigorous psychological observation, alternating anecdote and reflective commentary to map how small events shape habit, conscience, and temperament, and to suggest the roots of later spiritual and ethical concerns.

18. Verse.

Am 8. September 1836, fast einen Monat nach unserer Ankunft in Moskau war Großmutters Geburtstag. Um zehn Uhr morgens saß ich im Moskauer Hause im Klassenzimmer an einem großen Tisch und schrieb; auf der anderen Tischseite machte der Zeichenlehrer die letzten Verbesserungen an einer Bleistiftzeichnung, die einen Türken im Turban darstellte. Wolodja stand mit ausgerecktem Halse auf den Zehenspitzen hinter ihm und blickte dem Lehrer über die Schulter. Dieser Kopf war Wolodjas erste Zeichnung, die heute an Großmutters Geburtstag mit folgender Inschrift auf dem Ärmel des Türken überreicht werden sollte: »Woldemar Irtenef, 8. Sept. 1836, Moscou.«

»Wollen Sie hier nicht noch etwas mehr Schatten hinbringen?« fragte Wolodja, auf den Hals des Türken deutend.

»Nein, das ist nicht nötig,« erwiderte der Zeichenlehrer, Bleistifte und Reisfeder in die Schieblade legend, »jetzt ist es gut; rühren Sie es nicht mehr an. Nun aber Sie, Nikolenka,« er erhob sich, den Türken weiter von der Seite betrachtend – »verraten Sie uns doch endlich Ihr Geheimnis: was schenken Sie der Großmutter? Am besten wäre ebenfalls ein Kopf. Adieu, meine Herren.« Er nahm seinen Hut und verließ das Zimmer.

In diesem Augenblick war ich auch der Ansicht, daß ein Kopf besser sei als die Arbeit, mit der ich mich quälte. An dem Abend, als man uns mitteilte, wir sollten ein Geschenk zu Großmutters Geburtstag vorbereiten, kam mir der Gedanke, ihr bei dieser Gelegenheit ein Gedicht zu machen, und ich verfaßte sofort zwei gereimte Strophen in der Hoffnung, die übrigen ebensoleicht hinzufügen zu können. Meinen Plan vertraute ich niemandem an; alle Fragen beantwortete ich damit, ich würde sicher ein Geschenk darbringen, aber niemandem sagen, worin es bestände. Dann ging ich sogleich ans Werk.

Wider Erwarten stellte sich heraus, daß ich außer den beiden im ersten Feuereifer ersonnenen Strophen, trotz aller Anstrengung nichts Gescheites mehr zustande bringen konnte.

Um mir die Mühe zu erleichtern, nahm ich Zuflucht zu einer List. Ich las alle Verse, die mir in die Hände fielen; da die Auswahl aber nicht groß war und ich nirgends Glückwünsche fand, überzeugte mich die Lektüre von Puschkin, Dershawin und anderen noch mehr von meiner Ohnmacht und Talentlosigkeit. Dann kramte ich unter Karl Iwanowitschs Papieren, der, wie ich wußte, oft Gedichte verfaßte. Unter seinen Manuskripten fand ich ein Produkt, das wahrscheinlich seiner Feder entstammte. Hier ist es:

An Frl. L.
Denke mein: nahe,
Denke mein: fern,
Denke mein: immerdar,
Denke mein: gern.
Denke mein bis an das Grab,
Wie ich so treu geliebt dich hab!
Petrowskoie, 12. Juni 1828.Karl Mauer.

Dieses mit großen runden Buchstaben auf dünnes Briefpapier geschriebene Gedicht gefiel mir wegen des rührenden Gefühls, von dem es durchdrungen ist. Ich las es einigemal durch und lernte es auswendig. Vorher, als ich mir die gedruckten Verse zum Muster genommen hatte, sah ich deutlich, daß meinen eigenen etwas mangelte und geriet darüber in Verzweiflung. Jetzt, mit dem Rückhalt dieser Verse, die ich nachzumachen suchte, ging die Sache weit leichter. Am Geburtstage war ein Glückwunsch aus zwölf Strophen fertig; am Tisch im Klassenzimmer schrieb ich ihn auf Velinpapier ab.

Schon waren zwei Bogen verdorben … nicht, weil ich etwas ändern wollte – die Verse schienen mir ausgezeichnet; aber von der dritten Zeile an kletterten die Versenden immer höher und höher, so daß man schon von weitem sah, wie schief das Gedicht war und daß es nichts taugte.

Obgleich die dritte Abschrift ebenso schief war wie die übrigen, beschloß ich, jetzt nichts mehr abzuschreiben. Dagegen machte mir ein ganz anderer Umstand Schwierigkeiten. In meinem Gedicht gratulierte ich zunächst der Großmutter zum Geburtstag, wünschte ihr viele, viele Jahre Gesundheit, dankte ihr dann für ihre Liebe und schloß, meine Gefühle beschreibend:

»So will ich dich auch stets erfreun,
Du sollst wie meine Mutter sein.«

Die Sache war nicht übel, aber der letzte Vers gefiel mir nicht, er beleidigte direkt mein Ohr. »Wie meine Mutter« wiederholte ich für mich, »Du sollst wie meine Mutter sein –« es ging; ich wollte es doch aber lieber ändern. Wie einen anderen Schluß finden? Dein? Weih'n? Ich will dir alle Kräfte weih'n. Ach was, sagte ich mir, es geht schon. Immer noch besser als Karl Iwanowitschs Verse. So schrieb ich die letzte Strophe hin. Dann ging ich ins Schlafzimmer und deklamierte alles laut mit Gesten und sehr ausdrucksvoll.

Die ersten Strophen hatten gar kein Versmaß; aber dabei hielt ich mich nicht lange auf. Die letzte Zeile dagegen berührte mich immer stärker und unangenehmer. Ich setzte mich auf mein Bett und überlegte. Warum hatte ich geschrieben: »wie meine Mutter.« Warum sie erwähnen? Sie war doch nicht hier! Ich liebte und verehrte Großmutter, weil sie so respektgebietend war; aber das war doch nicht das! Warum, warum hatte ich die Worte geschrieben? Ich begriff es wohl undeutlich, fühlte aber dabei, daß, der Großmutter sagen, sie solle wie meine Mutter sein – erstens falsch und zweitens überflüssig sei. Wozu ihr das sagen? Nein, es war nicht hübsch! Ich zerbrach mir den Kopf, wie ich die letzte Zeile ändern könnte; aber das ging nicht so einfach – ich mußte dann die letzten vier Zeilen des Gedichts, die alle den gleichen Reim hatten, umdichten – ein Drittel des ganzen Gedichtes. Vielleicht hätte ich auch das noch fertiggebracht; aber jetzt hörte ich, wie der Schneider mit meinem neuen Frack kam.

»Also mag es schon so bleiben,« sagte ich ärgerlich, schob die Verse unter das Kissen und lief, um den Moskauer Anzug anzuprobieren.

Er erwies sich als vorzüglich. Der zimtbraune Frack mit blanken Knöpfen lag prall am Körper an, nicht so auf Zuwachs berechnet, wie auf dem Lande für uns gearbeitet wurde; die schwarze, ebenfalls enge Hose umspannte wundervoll die Schenkel und fiel gefällig auf die Stiefel.

»Endlich richtige Hosen mit Strippen,« dachte ich, vor Freude außer mir und besah von allen Seiten meine Beine. Obgleich mir der neue Anzug eng und unbequem war, verheimlichte ich das vor allen und sagte im Gegenteil, er säße sehr bequem, und wenn er einen Mangel hätte, wäre es der, daß er etwas weit sei. Dann nahm ich eine Bürste und bearbeitete eine ganze Stunde lang meinen stark pomadisierten Kopf vor dem Spiegel. Aber wie sehr ich mich auch bemühte, die Borsten auf dem Scheitel glatt zu legen – sie gehorchten nicht; sobald ich mit bürsten aufhörte, richteten sie sich auf, starrten nach allen Seiten und gaben meinem Gesicht einen lächerlichen Ausdruck.

Karl Iwanowitsch kleidete sich im Nebenzimmer an. Durch das Klassenzimmer wurde ihm ein blauer Frack und Wäsche gebracht. An der nach unten führenden Tür hörte man die Stimme von Großmutters Kleinmädchen; ich ging hinaus, um nachzusehen, was sie wünschte. Sie hielt ein steifgestärktes Oberhemd in der Hand und sagte, das sei für Karl Iwanowitsch; sie hätte die ganze Nacht nicht geschlafen, um es rechtzeitig fertigzubringen. Ich nahm ihr das Hemd ab und fragte, ob Großmutter schon aufgestanden sei.

»Gewiß doch! Hat schon längst Kaffee getrunken; der Protopop ist schon da. Wie nett Sie heute aussehen!« schloß sie lächelnd. Diese Bemerkung ging mir durch und durch und machte mich erröten; ich drehte mich auf einem Fuß um, hüpfte und schnalzte mit den Fingern, um ihr zu verstehen zu geben, daß sie noch gar nicht recht wisse, wie nett ich in Wirklichkeit sei.

Als ich Karl Iwanowitsch das Oberhemd brachte, hatte er es bereits nicht mehr nötig; er hatte ein anderes angezogen. Er stand gebückt vor dem kleinen Spiegel auf dem Tisch, hielt mit beiden Händen seine Halsbinde und probierte, ob sein rasiertes Kinn sich in der Binde hin und her bewegen könne.

Nachdem Karl Iwanowitsch unseren Anzug überall zurechtgezogen und Nikolas um den gleichen Dienst bei sich gebeten hatte, führte er uns zur Großmutter. Ich muß noch jetzt lachen, wenn ich daran denke, wie stark wir drei nach Pomade rochen, als wir die Treppe heruntergingen.

Karl Iwanowitsch trug eine selbstverfertigte Schachtel, Wolodja die Zeichnung, ich das Gedicht, das ich vor unserem Aufbruch unter dem Kissen hervorgeholt hatte. Jeder hatte den Spruch auf der Zunge, mit dem er sein Geschenk überreichen wollte.

In dem Augenblick, als Karl Iwanowitsch die Tür öffnete, legte der Priester sein Gewand an und das Gebet begann.

Großmutter war schon im Saal; auf eine Stuhllehne gestützt stand sie an der Wand und betete inbrünstig. Neben ihr stand Papa. Er wandte sich nach uns um und lächelte, als wir schnell unsere Geschenke auf dem Rücken versteckten und dicht an der Tür stehenblieben, um nicht bemerkt zu werden.

Die ganze Überraschung, auf die wir gerechnet hatten, war dahin.

Als nach Schluß des Gebets das Kreuz geküßt wurde, war ich unentschlossen, ob ich sogleich das Gedicht überreichen und Großmutter gratulieren sollte oder nachher. Das sofortige Überreichen war mir sehr unangenehm, weil ich bei der Vorbereitung auf diesen Augenblick nicht daran gedacht hatte, daß der Vorgang sich vor einem Publikum abspielen würde, das jetzt aus Papa und dem Protopopen bestand. Namentlich vor Papas Spott hatte ich Angst. Ich hielt mein Gedicht auf dem Rücken und stand so unbeschreiblich schüchtern und verlegen da.

Karl Iwanowitsch beglückwünschte Großmutter in den gewähltesten Ausdrücken, nahm die Schachtel aus der linken Hand in die rechte, händigte sie ihr ein und trat ein paar Schritte zurück, um Wolodja Platz zu machen. Großmutter schien von der Schachtel mit Goldrand entzückt und gab mit verbindlichem Lächeln ihrem Dank Ausdruck. Man merkte aber, daß sie die Schachtel nirgend hinzustellen wußte und wahrscheinlich aus diesem Grunde Papa bat, einmal zu sehen, wie erstaunlich kunstfertig sie gearbeitet sei.

Nachdem Papa seine Neugierde befriedigt hatte, übergab er die Schachtel dem Geistlichen, dem das Ding anscheinend sehr gefiel. Er wiegte den Kopf hin und her und blickte neugierig bald auf die Schachtel, bald auf den Meister, der solch schönen Gegenstand fertiggebracht hatte.

Wolodja überreichte seinen Türken mit dem Signum und erntete von allen Seiten das höchste Lob.

Jetzt war die Reihe an mir; mit einem Lächeln, das besagte: »Nun, mein Junge, jetzt kommst du,« wandte sich Großmutter an mich.

Wer jemals Schüchternheit empfunden hat, weiß, daß dieses Gefühl mit der Zeit zunimmt, während die Entschlossenheit umgekehrt nachläßt. Das heißt: Je länger die Schüchternheit dauert, um so unbezwinglicher wird sie und um so weniger Entschlossenheit bleibt übrig.

Die letzte Spur von Entschlossenheit verließ mich, als Karl Iwanowitsch und Wolodja ihre Gaben darbrachten; und jetzt, als ich fühlte, daß ich unbedingt hervortreten müsse, erreichte sie den Höhepunkt. Ich fühlte, wie mir das Blut vom Herzen unaufhaltsam zu Kopf schoß, wie mein Gesicht die Farbe wechselte und wie dicke Schweißtropfen auf Stirn und Nase traten. Die Ohren brannten, im ganzen Körper fühlte ich Zittern und kalten Schweiß; ich trat von einem Fuß auf den anderen, knüllte die verhängnisvolle Papierrolle in der schweißigen Hand zusammen und rührte mich nicht vom Fleck.

»Nun, Herr Poet, deklamieren Sie uns Ihre Verse vor,« sagte plötzlich Papa, der, ich weiß nicht wie, hinter mein Geheimnis gekommen war.

Da war nichts zu machen; mit zitternder Hand überreichte ich Großmutter das zerknüllte Papier, anstatt aber dabei meinen Glückwunsch zu sagen, stammelte ich unzusammenhängende Worte. Obgleich damit die Hauptsache getan war, konnte ich den Gedanken nicht fassen, daß sogleich in aller Gegenwart die Worte »wie meine Mutter« gelesen und meine Gemeinheit aller Welt offenbar würde.

Wie soll ich meine Qualen schildern, als Großmutter laut mein Gedicht vorzulesen begann, als sie es nicht entziffern konnte, in der Mitte steckenblieb und mit einem Lächeln, das mir spöttisch vorkam, Papa ansah, als sie die Worte nicht so betonte wie ich wollte, und schließlich, wegen ihrer schwachen Augen, Papa das Schriftstück gab und ihn bat, es ihr von Anfang an vorzulesen. Mir war, als täte sie das deswegen, weil sie keine Lust hatte, solch schlechte, schief geschriebene Verse zu lesen, die zeigten, wie schnell ich meine Matter vergessen hatte. Ich erwartete, daß man mir meine Verse um die Ohren schlagen und sagen würde »Nichtsnutziger Bengel, vergiß deine Mutter nicht, da hast du was!« Aber nichts dergleichen geschah; im Gegenteil, als alles vorgelesen war, sagte Großmutter: »Charmant! merci, mon cher Nicolas!« und küßte mich auf die Stirn.

Schachtel, Zeichnung und Gedicht wurden auf einen kleinen Tisch neben Großmutters Stuhl gelegt, neben die beiden Batisttücher und die Tabatiere mit Mamas Bild, von dem Großmutter sich niemals trennte.

»Die Fürstin Barbara Iljinitschna Kornakowa!« meldete einer der riesigen Diener, die hinten auf Großmutters Wagen fuhren.

Großmutter betrachtete nachdenklich das Bild auf der Schildpatdose und gab keine Antwort. Sie dachte in diesem Augenblick sicherlich an Mama, ihre Lieblingstochter und überlegte: Warum ist sie heute nicht bei mir? Was mag sie treiben?

»Wünschen Durchlaucht zu empfangen?« sagte der Diener.

»Bitte.«

19. Die Fürstin Kornakowa.

»Ich lasse bitten,« sagte Großmutter, sich tiefer in den Sessel setzend.

Karl Iwanowitsch stand auf, strich mit der Hand seine Frackschöße glatt – beim Hinsetzen und Aufstehen vergaß er das nie – machte einen Kratzfuß und trat zu Großmutters Sessel.

»Sie erlauben mir, hochverehrte Frau Gräfin,« begann er, wie gewöhnlich, gedehnt und mit kläglicher Betonung, »den heutigen Tag bei meinem alten Freunde Schönheit zu verbringen, dessen Gattin, Madame Schönheit, Geburtstag feiert.«

Großmutter gab sofort ihre Einwilligung, bemerkte aber dabei, sie hätte ihn an ihrem eigenen Geburtstag lieber bei sich gesehn; indessen hätten die alten Freunde vor den neuen gerechterweise den Vorzug.

»Sie können gehen,« sagte Papa ziemlich kurz zu Karl Iwanowitsch, als dieser mit verlegenem Lächeln vor ihn hintrat. Und als er fort war, meinte Papa zu Großmutter: »Ich fürchte, er geht hier zugrunde.«

»Wieso?« fragte Großmutter, die eintretende Fürstin nicht bemerkend.

Zu meinem größten Kummer konnte Papa nicht mehr erläutern, wie Karl Iwanowitsch zugrunde gehen würde.

Die Fürstin war eine etwa fünfundvierzigjährige, kleine, schwächliche, hagere, gallige Dame mit trübgrauen, unangenehmen Augen, deren Ausdruck durchaus zu dem unnatürlich sanft lächelnden Mündchen paßte. Unter dem schwarzen Samthut mit Straußenfedern blickte hellrötliches Haar hervor. Brauen und Wimpern erschienen bei der ungesunden Gesichtsfarbe noch rötlicher. Trotzdem hatte ihr Auftreten infolge der ungezwungenen Bewegungen der winzigen Hände und der Hagerkeit in allen Zügen etwas Vornehmes und Energisches.

Die Fürstin sprach sehr viel; sie gehörte zu der Gattung von Leuten, die so reden, als wenn man ihnen widerspräche, obgleich niemand ein Wort äußert; bald erhöhte sie die Stimme, bald ließ sie sie sinken, begann plötzlich mit neuer Lebhaftigkeit zu sprechen und betrachtete dabei die Anwesenden, die an der Unterhaltung nicht teilnahmen, als suchte sie in diesen Blick neue Argumente zu legen.

Trotzdem die Fürstin Großmamas Hand küßte und sie unaufhörlich »ma bonne tante« nannte, bemerkte ich, daß Großmutter unzufrieden mit ihr war; als die Fürstin erzählte, weshalb Fürst Michael unmöglich zum Gratulieren hätte kommen können, obgleich er es sehr gern getan hätte, schob Großmutter eigentümlich die Augenbrauen zusammen, antwortete russisch auf die französische Rede der Fürstin und sagte ihre Worte ganz besonders in die Länge ziehend: »Ich bin Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit sehr verbunden, meine Liebe; und daß Fürst Michael nicht gekommen ist – was soll man darüber reden! Ich weiß, daß er stets mit Arbeit überhäuft ist, und was für ein Vergnügen wäre es für ihn, bei einer alten Frau herumzusitzen.«

Und ohne der Fürstin Zeit zur Erwiderung zu lassen, fuhr sie fort: »Wie geht es Ihren Kinderchen, meine Liebe?«

»Gott sei Dank wachsen sie, lernen, machen dumme Streiche, ma tante; besonders der Älteste, Etienne, wird ein solcher Bengel, daß mit ihm nicht mehr auszukommen ist. Dafür ist er ein kluger Bursche: un garçon qui promet. Können Sie sich vorstellen, mon cousin,« wandte sie sich direkt an Papa, weil Großmutter sich wahrscheinlich für die Kinder der Fürstin nicht im mindesten interessierte und mit ihren eigenen Enkeln glänzen wollte, jetzt langsam meine Verse aus der Schachtel nahm und das Blatt sorgfältig umblätterte. »Können Sie sich vorstellen, mon cousin, was er neulich gemacht hat?« damit beugte sich die Fürstin zu Papa und erzählte ihm fast flüsternd etwas sehr lebhaft. Als die Erzählung beendet war, die ich nicht verstand, meinte sie, Papa direkt ins Gesicht blickend: »Ist das ein Junge, nicht wahr? Obgleich er einfach Prügel verdiente, ist der Einfall doch so klug und komisch, daß ich ihn nur ausgescholten habe, mon cousin

Dann richtete die Fürstin den Blick auf Großmutter und fuhr fort, stumm zu lächeln.

»Schlagen Sie denn Ihre Kinder?« fragte Großmutter, immer noch mit meinem Gedicht in der Hand.

»Ach, ma bonne tante,« erwiderte die Fürstin mit einem Blick auf Papa, »ich weiß nicht, wie Sie über diesen Gegenstand denken, aber erlauben Sie mir, hierin eigener Meinung zu sein. Wieviel habe ich nicht über Erziehung nachgedacht, gelesen, mir bei anderen Rat geholt – schließlich hat die Erfahrung mich doch dahin gebracht, daß, um etwas aus den Kindern zu machen, Furcht notwendig ist. Habe ich nicht recht, mon cousin?« wandte sie sich wieder an Papa. »Was aber, je vous demande un peu, fürchten Kinder mehr als die Rute?«

Dabei blickte sie streng und fragend auf uns, und ich muß gestehen, mir wurde in diesem Augenblick recht ungemütlich.

»Was Sie auch sagen, ein Junge bis zum zwölften und selbst bis zum vierzehnten Jahr ist immer noch Kind. Anders mit den Mädchen.«

Welches Glück, daß ich nicht ihr Sohn bin, dachte ich.

»Das ist ja sehr schön, meine Liebe,« sagte Großmutter, meine Verse zusammenfaltend und wieder in die Schachtel legend, als hielte sie nach diesem die Fürstin nicht mehr für würdig, mein Erzeugnis zu hören. »Das ist alles sehr schön, aber sagen Sie mir bitte, wie Sie dann noch feines Empfinden von Ihren Kindern verlangen können und welcher Unterschied dann noch zwischen den Ihrigen und Bauerkindern besteht.«

Und, ihr Argument für unwiderleglich haltend, fügte Großmutter hinzu: »Übrigens kann hierüber jeder seine eigene Meinung haben.«

Die Fürstin lächelte gnädigst, um auszudrücken, daß sie diese sonderbaren Vorurteile bei einer Person, die viele so hochschätzten, nicht weiter übelnähme.

»Ach ja, machen Sie mich doch mit Ihren jungen Leuten bekannt, mon cousin,« sagte sie mit einem Blick auf uns, freundlich lächelnd.

Wir standen auf, sahen die Fürstin gerade an und wußten nicht, was wir tun mußten, um zu zeigen, daß unsere Bekanntschaft geschlossen sei.

»Küßt der Fürstin die Hand,« sagte Großmutter.

»Habt eure alte Tante lieb,« sagte die Fürstin, Wolodja auf das Haar küssend. »Ich bin zwar keine nahe Verwandte, aber ich denke, es geht hier nach den freundschaftlichen Beziehungen und nicht nach dem Verwandtschaftsgrade,« wandte sie sich besonders an Großmama, die aber noch immer unzufrieden war und erwiderte: »Ach, meine Liebe, wer rechnet denn in unserer Zeit noch solche Verwandtschaft!«

»Das ist mein junger Weltmann,« deutete Papa auf Wolodja, »und dieser ein Philosoph, ein gelehrter Herr,« fügte er hinzu, während ich mir beim Küssen der kleinen dunklen Hand der Fürstin mit wunderbarer Deutlichkeit eine Rute in der Hand, und unter der Rute auf einer Bank den kleinen Etienne mit lautem Wehgeschrei: »Au, au, au! ich will's gewiß nicht wieder tun!« samt allem Zubehör vorstellte.

»Außerdem Poet; je vous prie de croire,« fügte Papa hinzu.

»Welcher?« fragte die Fürstin, mich bei der Hand fassend.

»Dieser Struwwelpeter da,« sagte Papa mit vergnügtem Lächeln.

Brauche ich dem Leser, der sich meines neuen Moskauer Anzuges erinnert, zu sagen, wie diese Bemerkung mich kränkte?

Als ich bei dem Spiegel vorbeikam, hatte ich hineingeblickt. Mein Gesicht war rot wie Siegellack; auf der Nase, die noch breiter war als gewöhnlich, und auf der breiten Stirn standen dicke Schweißtropfen; der weiße Kragen lag schief auf dem zimtbraunen Frack; das pomadisierte Haar starrte nach oben; die grauen Augen blickten trübe drein; jeder mußte bemerken, daß ich mich bemühte, nachdenklich auszusehen, in Wirklichkeit aber ein häßlicher, zerstreuter Junge war.

Obgleich ich die sonderbarsten Vorstellungen von Schönheit hatte – sogar Karl Iwanowitsch mit seiner riesigen Nase hielt ich für den schönsten Mann der Welt – wußte ich sehr gut, daß ich häßlich sei, und darin irrte ich mich nicht.

Ich weiß noch sehr gut, wie man, als ich erst sechs Jahre alt war, beim Mittagessen über mein Äußeres sprach und wie Mama sich bemühte, in meinem Gesicht etwas Hübsches zu entdecken; sie meinte, ich hätte kluge Augen, ein angenehmes Lächeln usw., und wie sie schließlich den Einwendungen Papas und dem Augenschein nachgebend, eingestand, daß ich häßlich sei; wie sie nachher, als ich ihr gesegnete Mahlzeit wünschte, meine Wange streichelte und sagte: »Das mußt du dir merken, Nikolenka, daß dich wegen deines Gesichtes niemand lieben wird; deshalb mußt du dich bemühen, ein kluger und guter Junge zu werden.«

Dieses Vorfalls erinnere ich mich sehr gut, und die Worte gaben mir nicht nur die Überzeugung, daß ich niemals hübsch werden würde, sondern sie hatten auch Einfluß auf meine Richtung. Es kam vor, daß mich Verzweiflung ergriff; ich bildete mir ein, für einen Menschen mit so breiter Nase, so dicken Lippen und kleinen Augen gäbe es kein Glück auf Erden; ich betete zu Gott, ein Wunder zu tun und mich in einen hübschen Jungen zu verwandeln; – alles was ich besaß und jemals besitzen würde, hätte ich für ein hübsches Gesicht hingegeben.

20. Fürst Iwan Iwanowitsch.

Als die Fürstin die Verse angehört und den Verfasser mit Lob überschüttet hatte, wurde Großmutter weicher, sprach Französisch mit ihr, sagte nicht mehr »Sie, meine Liebe« und bat sie, ihre Kinder zu schicken. Die Fürstin sagte zu und fuhr dann nach kurzem weiteren Verweilen fort.

An diesem Tage kamen so viele Gratulanten, daß der Hof den ganzen Vormittag nicht leer von Wagen wurde.

»Bon jour, ma chère cousine,« sagte einer der Gäste beim Eintritt ins Zimmer, Großmutter die Hand küssend.

Es war ein großer siebzigjähriger Herr in Uniform mit großen Epaulettes und einem weißen Orden auf der Brust. Sein Gesichtsausdruck war ruhig, offen. Die Ungezwungenheit und Schlichtheit seines Benehmens fielen mir auf.

Trotzdem auf dem Scheitel nur ein Halbkreis grauer Haare stehengeblieben war, und man an der Vertiefung der vom Schnurrbart nicht bedeckten Oberlippe deutlich das Fehlen der Zähne bemerkte, war sein Gesicht noch von bemerkenswerter Schönheit. Er war direkt auf Großmutter zugegangen, und obgleich ein großer Teil der Anwesenden bei seinem Erscheinen aufstand, begrüßte er die Gesellschaft erst, nachdem er Großmutter seinen Glückwunsch dargebracht hatte.

Fürst Iwan Iwanowitsch hatte dank seinem vornehmen Charakter, seiner ruhigen Tapferkeit, vorzüglicher Protektion und hervorragendem Glück schon in jungen Jahren eine jener glänzenden militärischen Karrieren gemacht, wie sie Ende vorigen Jahrhunderts möglich waren. Er blieb im Dienst und sein Ehrgeiz wurde sehr bald in einer Weise befriedigt, daß ihm in dieser Beziehung nichts zu wünschen übrigblieb. Seit der frühesten Jugend war sein Benehmen derart, als bereite er sich vor, eine glänzende Stellung in der Welt einzunehmen, die ihm später zuteil wurde. Aus diesem Grunde änderte er, obgleich auch in seinem glänzenden, tätigen, nützlichen und etwas prunkenden Leben Enttäuschungen, wie bei allen, nicht ausgeblieben waren, seinen Charakter und seine Denkart nie und erwarb sich infolgedessen die allgemeine Achtung nicht so sehr auf Grund seiner glänzenden Position, als seiner Konsequenz in allen Lebenslagen. Er war geistig durchaus nicht hervorragend, dank seiner Stellung aber, die ihm erlaubte, auf alle Widerwärtigkeiten des Lebens ruhig und sogar ein wenig verächtlich herabzusehen, war sein Gedankenkreis ein ziemlich weiter.

Da ihn alle suchten und umschmeichelten, er aber nicht immer alle Wünsche der anderen erfüllen konnte, war er trotz seines guten Herzens etwas kalt und spöttisch im Verkehr. Diese Kälte wurde aber durch die Leutseligkeit und ruhige Höflichkeit eines den allerhöchsten Kreisen angehörigen Mannes gemildert. Seine Bildung und Belesenheit ließen manches zu wünschen übrig; was man aber wissen mußte, hatte er stets bereit und verstand darüber hübsch und fesselnd zu reden.

Seine Unterhaltung war einfach; und diese Einfachheit verdeckte gleichzeitig seine Unkenntnis gewisser Dinge und stellte sein angenehmes Wesen und seine Toleranz in helles Licht. Ich glaube nicht, daß er den Lärm der großen Welt liebte, er war aber daran gewöhnt, und deswegen machte es nichts aus, ob er im Auslande oder in Moskau lebte – er besuchte überall Bälle, wo er sich mit erlesenen Partnern an den Kartentisch setzte, und hatte seine bestimmten Empfangstage. Seine Autorität in gesellschaftlicher Beziehung war derart, daß, wenn er jemanden nicht empfing, das als ein Ereignis galt. Junge, hübsche Damen küßte er einfach auf Stirn und Wangen. Junge Leute, die er gern hatte, wurden von ihm geduzt, und mancher sehnte sich nach dieser Auszeichnung.

Großmutter war eine von den Personen, die er als ebenbürtig ansah und vor der er den gönnerhaften Ton unterließ, der ihm selbst schwer wurde. Solche Leute waren nur noch wenige am Leben, deswegen, und ferner, weil beide schon von kleinauf befreundet waren, schätzte er seine Beziehungen zu ihr und bewies ihr bei jeder Gelegenheit seine Liebe und Verehrung.

Ich konnte mich an dem Fürsten nicht satt sehen. Die Verehrung, die alle ihm bezeigten, die großen Epaulettes, die besondere Freude, die Großmutter bei seinem Anblick verriet, sowie der Umstand, daß er allein ungeniert mit ihr verkehrte und sie »ma cousine« nannte, flößten mir gleichen, ja vielleicht noch größeren Respekt vor ihm als vor Großmutter ein. Als man ihm mein Gedicht zeigte, rief er mich heran und sagte: »Wer kann's wissen, vielleicht wird das ein zweiter Dershawin,« und zwickte mich dabei so heftig in die Wange, daß ich nur deswegen nicht aufschrie, weil mir einfiel, daß es ja eine Liebkosung sein sollte.

Papa und Wolodja gingen hinaus; im Gastzimmer blieben nur der Fürst und Großmutter. Ich verstand den Sinn ihrer Unterhaltung nicht, weil fortwährend unbekannte Worte und Namen gebraucht wurden; trotzdem gefiel mir ihr Gespräch sehr; ich fand es schön, wie sich gehörte und hatte am Zuhören besonderes Vergnügen, weil Großmutter sich unterdessen gleichsam verjüngte; sie sprach viel, erzählte, lachte.

»Warum ist die liebe Natalie Nikolajewna nicht gekommen?« fragte Fürst Iwan Iwanowitsch plötzlich nach minutenlangem Schweigen.

»Ach, mon cher,« Großmutter dämpfte ihre Stimme und legte die Hand auf seinen Uniformärmel, »ich will Ihnen sagen, was mich quält. Sie schreibt mir, ihr Gatte hätte ihr geraten zu kommen, es seien aber dieses Jahr fast gar keine Einkünfte zu verzeichnen, deswegen hätte sie von selbst verzichtet. Dann schreibt sie: ›Außerdem habe ich dieses Jahr keine Veranlassung, mit dem ganzen Hause nach Moskau überzusiedeln, chère maman. Ljubotschka ist noch zu klein, und hinsichtlich der Knaben, die bei Dir wohnen, bin ich ruhiger als wenn sie hier wären.‹ Das ist ja alles recht schön,« fuhr Großmutter in einem Ton fort, der deutlich bewies, daß sie es gar nicht schön fand, »die Knaben hätten längst hierher gemußt, um etwas zu lernen und sich an die Welt zu gewöhnen – denn welche Erziehung konnten sie auf dem Lande genießen? Der älteste ist schon dreizehn, der andere zwölf. Haben Sie schon bemerkt, mon cousin,« meinte Großmutter achselzuckend, als ob sie sich über etwas wunderte, »sie sind ganz verwildert, verstehen nicht einmal, nett ins Zimmer zu treten.«

»Ich begreife nicht, ma cousine,« erwiderte Fürst Iwan Iwanowitsch, »warum da fortwährend über schlechte Erträge und zerrüttete Vermögensverhältnisse geklagt wird. Er besitzt doch ein schönes Vermögen, und ihre Besitzung Chabarowka kenne ich wie mein Eigentum. Ein prächtiges Gut, das vorzügliche Einkünfte abwerfen muß.«

»Ich will Ihnen, mein wahrer Freund, sagen,« unterbrach Großmutter den Fürsten, »es kommt mir vor, als wenn das alles nur Ausreden sind, damit ›er‹ allein hier bleiben und ungeniert in seine Klubs fahren und Gott weiß was anstellen kann, ohne daß die Ärmste etwas ahnt. Sie wissen, was für ein Engel an Güte sie ist – glaubt alles, was er ihr sagt. Er versichert, die Kinder müßten nach Moskau und sie müsse auf dem Lande bleiben – und sie glaubt es. Wenn er ihr vorreden würde, die Kinder müßten Prügel haben, wie die der Fürstin Barbara Iljinitschna, würde sie wahrscheinlich auch das glauben,« meinte Großmutter, sich verächtlich auf ihrem Sessel umdrehend. »Ja, mein Freund,« fuhr Großmutter nach kurzem Schweigen fort, indem sie eins der beiden Batisttücher in die Hand nahm, um eine Träne abzuwischen, »ich denke oft, daß er sie weder zu schätzen weiß noch versteht, und trotz all ihrer Güte und Liebe zu ihm und dem Bemühen, ihren Kummer zu verbergen, weiß ich sehr gut, daß sie mit ihm nicht glücklich sein kann, und denken Sie an mein Wort, wenn er …« – Großmutter bedeckte ihr Gesicht mit dem Taschentuch.

»O, ma bonne amie,« rief der Fürst vorwurfsvoll, »ich sehe, Sie sind noch immer nicht vernünftiger geworden. Erblicken überall Gespenster und grämen sich darüber. Können Sie sich denn gar nicht bezwingen! Ich kenne ihn schon lange und weiß, daß er ein lieber, guter, aufmerksamer Gatte ist; besonders ein Edelmensch. Un parfait honnête homme,« setzte Fürst Iwan Iwanowitsch zur Bestätigung seiner Gedanken hinzu.

Ich fürchtete, man könnte bemerken, daß ich gehört, was ich nicht zu wissen brauchte, und ging auf Zehenspitzen aus dem Zimmer.

Ich will nicht sagen, daß ich nicht verstand, wer der »er« war, dem Großmutter Vorwürfe machte und den der Fürst rechtfertigte. Worin aber die Schuld einer Person bestehen sollte, die, nach meiner Auffassung, niemals verurteilt werden konnte, das vermochte ich mir nicht zu erklären. Ich zweifelte sogar daran, ob ich diese Worte wirklich gehört und ob sie sich wirklich auf Papa bezögen. Beim Nachdenken hierüber tauchten in meinem Kopf so viel Vermutungen, Erinnerungen und Phantasien auf, daß ich durchaus keine Ordnung in meine Gedanken bringen konnte und wie stets in solchen Fällen, mich mit ganz anderen Dingen beschäftigte.

Das eine, was aus diesem Wirrwarr hervorging, war ein undeutliches Gefühl, das ich trotz aller Schrecken, die es mir einflößte, nicht loswerden konnte. Das war das Gefühl, mein Vater sei imstande, Schlechtes zu tun.

21. Iwins.

»Wolodja, Wolodja! Iwins, Iwins!« rief ich. Vom gegenüberliegenden Trottoir kamen, wie ich durchs Fenster sah, drei Knaben in blauen Pekeschen mit Biberkragen hinter einem jungen hübschen Erzieher auf unser Haus zu.

Bald nach unserer Ankunft in Moskau waren wir auf einem Spaziergange mit Papa diesen Iwins begegnet, die durch den Fürsten Iwan Iwanowitsch entfernt mit uns verwandt waren. Papa hatte uns bekannt gemacht.

Der zweite Iwin, Serjoscha, machte sofort starken Eindruck auf mich. Seine ungewöhnliche Schönheit überraschte und fesselte mich. Ich fühlte eine unbezwingliche Neigung zu ihm, vielleicht, weil sein Gesicht einen kühnen, etwas spöttischen Ausdruck zeigte; vielleicht, weil ich, mein Äußeres verachtend, an anderen den Vorzug der Schönheit übermäßig schätzte; vielleicht – was ein sicheres Zeichen wahrer Liebe – weil ich mir einbildete, er müsse sehr stolz sein und würde mich niemals lieben. So fürchtete ich ihn ebenso, wie ich ihn liebte. Es kam mir vor, daß zwischen ihm und mir nicht nur keine wechselseitigen Gefühle, sondern überhaupt nichts Gemeinsames, kein Vergleich bestehen könne; so hoch war meine Meinung von ihm.

Ihn sehen war für mich schon genügend, um glücklich zu sein, und eine Zeitlang waren all meine Seelenkräfte darauf gerichtet. Wenn ich sein hübsches Gesicht drei oder vier Tage nicht gesehen hatte, härmte ich mich und wurde bis zu Tränen traurig. All meine Träume betrafen ihn. Wenn ich schlafen ging, hatte ich den Wunsch, von ihm zu träumen; wenn ich die Augen schloß, sah ich ihn vor mir und liebkoste dieses Phantasiegebilde mit höchstem Genuß. Niemandem machte ich von diesem Gefühl Mitteilung, und das vermehrte seine Bedeutung und Stärke.

Als Serjoscha zum erstenmal mit mir sprach, war ich über dieses unerwartete Glück so betroffen, daß ich abwechselnd erblaßte und errötete, nicht sprechen konnte und, um meine Verlegenheit vor ihm zu verbergen, widernatürlich laut umherzutollen begann.

Vielleicht, weil meine unverwandten Blicke ihn langweilten oder verletzten, oder einfach, weil er keine Neigung zu mir fühlte, spielte und sprach er ersichtlich lieber mit Wolodja als mit mir. Trotzdem war ich zufrieden, wünschte nichts, forderte nichts von ihm und war bereit, ihm alles zu opfern.

Ein trauriger Gedanke, daß dieses schöne, reine Gefühl unbegrenzter Liebe und Ergebenheit unerwidert zugrunde ging. Ich hätte ihm gern alles gesagt, was ich auf dem Herzen hatte; eine sehr begründete Furcht aber, dieses Gefühl verspottet zu sehen, hielt mich davon ab. Ich suchte ihm in allem zu gleichen, seinen Charakter nachzuahmen, ganz gleichgültig zu erscheinen und mich ihm unterzuordnen. Er fühlte seine Macht über mich und übte sie unbewußt, aber tyrannisch bei unseren kindlichen Beziehungen aus.

Serjoscha war ein brauner, krausköpfiger, munterer Knabe mit dunkelblauen lebhaften Augen, etwas aufgeworfenem Näschen und sehr roten vollen Lippen, zwischen denen zuweilen die obere Zahnreihe etwas stark hervortrat. Er lächelte niemals, sondern brach entweder in sein lautes, hellklingendes, anziehendes Lachen aus, oder behielt seinen gewöhnlichen, ruhigernsten Ausdruck. Er hatte eine üble Angewohnheit: wenn er nachdenklich war, richtete er die Augen starr auf einen Punkt und blinzelte unaufhörlich, mit der Nase und den Augenbrauen zuckend. Alle fanden diese Angewohnheit sehr entstellend; mir aber schien sie so unaussprechlich lieb, daß ich unwillkürlich das gleiche tat; einige Tage nach unserer Bekanntschaft fragte Großmutter mich, ob mir die Augen weh täten, da ich mit ihnen klapperte wie eine Eule.

Wie mag es kommen, daß ich als Kind gern groß sein wollte und als Großer oft einem Kinde zu gleichen wünschte? Eine sonderbare Erscheinung, die ich nicht nur an mir und nicht nur bei diesen Wünschen beobachtet habe. Unerklärlich, aber trotzdem existierend, sehr zum Schaden des Menschengeschlechts. Wie oft hat dieser Wunsch, nicht mehr »klein« zu sein, bei meinem Verhältnis zu Serjoscha das überströmende Gefühl zurückgedämmt, Zärtlichkeit unterdrückt und auf diese Weise Heuchelei großgezogen. Ich wagte nicht nur nicht, ihn zu küssen (wonach ich heftiges Verlangen trug), ihn bei der Hand zu fassen, ihm zu sagen, wie ich mich freute, ihn zu sehen, sondern wagte ihn nicht einmal anders als Sergei und niemals Serjoscha zu nennen. Das war bei uns so hergebracht.

Jeder Ausdruck eines Gefühls bedeutete Kinderei und bewies, daß derjenige, der sich ihn erlaubte, noch ein Knabe war. Wir hatten die bitteren Erfahrungen noch nicht durchgemacht, die Erwachsene zur Vorsicht und Kälte in ihren Beziehungen veranlassen; wir beraubten uns des reinen Genusses feuriger Kinderliebe nur infolge des sonderbaren Wunsches, Große nachzuahmen.

Schon im Dienerzimmer traf ich Iwins, begrüßte sie und rannte spornstreichs, kaum meine Freude verbergend, zu Großmutter, um ihr mitzuteilen, daß Iwins ihr gratulieren wollten, als ob diese Nachricht sie vollends beglücken müsse. Dann folgte ich Serjoscha, ohne ein Auge von ihm abzuwenden, ins Gastzimmer und beobachtete jede seiner Bewegungen, als er Großmutter gratulierte.

Als Großmutter ihm sagte, er sei gewachsen und er darüber errötete, – errötete ich noch mehr; als sie dem jungen Erzieher sagte: »Heute dürfen die Kinder zur Feier meines Geburtstages lauter dumme Streiche machen,« lachte er und ich ebenfalls.

Der hübsche Erzieher, Herr Forst, ging mit uns in den Garten, setzte sich auf die grüne Bank, legte ein Bein über das andere, stellte den Spazierstock mit Bronzeknopf dazwischen und zündete sich eine Zigarre an.

Herr Forst war ein Deutscher, aber ganz anderen Schlages als Karl Iwanowitsch. Erstens sprach er gut Russisch, und mit schlechter deutscher Aussprache aber ziemlich richtig Französisch und stand im Ruf eines sehr gelehrten Herrn; zweitens war er hübsch gewachsen, trug einen blonden Schnurrbart, elegante Kleidung, eine große Rubinbusennadel und hellblaues Beinkleid mit Strippen. Überhaupt war er der sehr seltene und komische Typ eines jungen deutschen Elegants in Rußland. Man konnte merken, daß er in Gegenwart weiblicher Personen stets sehr viel Wert auf die Wirkung legte, die er auf sie ausübte; als anziehendstes Mittel in dieser Hinsicht erschienen ihm seine Waden und Schenkel, die er bei jeder Gelegenheit in Aktion setzte und an die sichtbarste Stelle brachte.

Sobald wir im Garten angelangt waren, begann das Rennen, Toben, Geschrei, die verschiedenen Spiele, die kaum erdacht sofort wieder verworfen wurden; es war herrlich. Ich war durch das Spiel und das beständige verliebte Beobachten Serjoschas so in Anspruch genommen, daß ich mich der Einzelheiten dieser Stunden nicht mehr genau erinnere. Ich weiß nur noch, daß Serjoscha einmal stolperte und in vollem Lauf mit dem Knie so heftig gegen einen Baum schlug, daß ich glaubte, das ganze Knie würde zerschmettert. Obgleich ich Gendarm und er Räuber war, konnte ich mich nicht halten, hinzulaufen und ihn zu fragen, ob er sich weh getan hätte. Er war darüber schrecklich wütend, ballte die Fäuste, stampfte mit dem Fuß auf und schrie mich mit einer Stimme, aus der man die schrecklichen Schmerzen deutlich heraushören konnte, an: »Was soll denn das? Jetzt spiele ich aber ganz sicher nicht mehr mit! Weshalb fängst du mich nicht, fängst mich nicht!« wiederholte er noch einmal, nach Wolodja und dem älteren Iwin schielend, die auf dem Weg hin und her hüpften und Reisende vorstellten. Dann kreischte er plötzlich auf und stürmte lachend hin, um sie zu fangen. Ich kann nicht sagen, wie dieser Heldenmut mich anzog; trotz der schrecklichen Schmerzen verzog Serjoscha keine Miene und vergaß keinen Augenblick das Spiel.

Vor dem Essen gesellte sich im Garten noch der kleine Grap zu uns.

Das war der Sohn eines armen Ausländers, der früher bei Großvater gelebt hatte und ihm für irgend etwas Dank schuldig war. Der kleine Grap war dreizehn Jahre alt, groß, mager, blaß, mit einem Vogelgesicht und sehr ärmlich gekleidet, dafür aber so stark pomadisiert, daß wir versicherten, an heißen Tagen schmölze die Pomade auf seinem Kopf und liefe die Jacke hinunter. Er trug ein dunkelgrünes Jackett mit einem riesigen Umlegekragen, der an ein Bettlaken erinnerte. Schwarze Höschen, aus denen er längst herausgewachsen war, bedeckten seine ungeputzten rauhen Stiefelschäfte und umspannten die dünnen Beinchen.

Der kleine Grap war ein dienstfertiger, stiller, guter Junge, mit dem man nur Mitleid haben konnte. Damals erschien er mir aber lächerlich, dumm und verachtungswürdig. Ich war fest überzeugt, daß nichts dabei sei, den armen Grap auszulachen, anzuspucken und sogar zu verprügeln; dazu war er ja geboren, um als Zielscheibe für unsere Frechheiten zu dienen. Nie kam mir in den Sinn, ihn zu bedauern.

Beim Mittagessen passierte nichts Besonderes, nur teilte Großmutter uns mit, daß abends viel Besuch kommen würde – Damen, Musik, mit einem Worte: ein Ball.

Nach dem Essen war bis zur Ankunft der Gäste noch viel Zeit übrig, die wir möglichst gut auszunützen suchten: wir gingen nach oben und überboten uns gegenseitig in Kraft- und gymnastischen Übungen. Der kleine Grap schaute unseren Vorführungen mit blödem Lächeln zu, und als wir ihn aufforderten, doch auch etwas zu zeigen, lehnte er mit den Worten ab, er hätte keine Kräfte. Serjoscha zog die Jacke aus; sein Gesicht und die Augen glühten vor Erregung; er lachte ununterbrochen, ersann stets neue Scherze und war so lieb, daß man ihm unmöglich widerstehen konnte, vielmehr all seinen Streichen nachgeben mußte. Jetzt überlegte er einen Augenblick, blinzelte mit den Augen, schnalzte dann mit den Fingern und lief zum Bücherbord.

»Halt, meine Herrschaften, jetzt weiß ich was;« er nahm die beiden Lexika von Tatischtschew vom Bord und legte sie mitten ins Zimmer.

»Also, Leute,« er krempte seine Hemdärmel auf und maß uns alle mit einem kühnen Blick, »wer kann hierauf kopfstehen?« Und dabei führte er das Kunststück so schnell und geschickt aus, daß alle ihm Beifall zollten.

»Also, wer macht das?« fuhr er fort und wandte sich plötzlich an Grap. »Sie, Sascha?« meinte er ironisch und blinzelte uns dabei zu. »Wirklich, es ist gar nicht schwer, versuchen Sie nur.«

Grap weigerte sich schüchtern und wurde rot, als er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet sah.

»Nein, wirklich, warum will er gar nichts zeigen? Dieses Mädchen! Er muß unbedingt kopfstehen, unbedingt!«

Wir waren Feuer und Flamme für Serjoschas Einfall, traten auf den kleinen Grap zu, der sichtlich erschrak und blaß wurde und schrien: »Er muß auf den Kopf, auf den Kopf!« Dabei packten wir ihn an den Armen und zogen ihn zu den Wörterbüchern.

»Laßt mich, ich will selbst! Ihr zerreißt mir die Jacke!« schrie das unglückliche Opfer. Aber dieses Geschrei begeisterte uns nur noch mehr; wir vergingen vor Lachen; die graue Jacke krachte in allen Nähten. Wolodja und der ältere Iwin faßten ihn am Kopf und stellten diesen auf die Lexika. Sobald sie sagten: »los!« packten ich und Serjoscha den armen Jungen an den dünnen Beinen, mit denen er unbarmherzig strampelte, schoben die Hosen bis an die Knie in die Höhe und streckten die Beine mit lautem Gelächter aufwärts; der jüngere Iwin hielt den ganzen Rumpf im Gleichgewicht.

Dann, nach diesem lauten Gelächter verstummten wir plötzlich alle, und es wurde so still im Zimmer, daß man nur den schweren Atem des unglücklichen Grap hörte. Mir wurde recht unbehaglich zumute und ich wußte nicht recht, ob das alles wirklich komisch und lustig sei.

Serjoscha beugte sich über die Lexika und fragte in spöttischem Ton: »Das magst du wohl, mein Junge, was?«

»Weshalb quält ihr mich, was habe ich euch getan?« schrie Sascha plötzlich und schluchzte laut. Im selben Augenblick schlug er aus und traf mit dem Hacken Serjoschas Auge.

»Ach, dummer Heulfritze!« rief Serjoscha, die Zähne zusammenbeißend, bedeckte das Auge mit der Hand und stieß mit dem Fuß ein Wörterbuch unter Graps Kopf fort.

»Ihr seid gemeine Tyrannen!« brachte Grap schluchzend heraus und stieß mit dem Kopf auf den Fußboden.

Sobald wir merkten, daß nichts Lächerliches mehr dabei war, ließen wir ihn gleichzeitig los. Er schlug lang auf den Boden, die dünnen Beine klapperten wie Stelzen, er griff nach dem Hals, der beim Fall verrenkt war, stöhnte und weinte und rührte sich nicht.

Diese weinende lächerliche Gestalt mit bloßen Beinen und schmutzigen Stiefelschäften machte uns betroffen; wir schwiegen plötzlich und lächelten gezwungen.

»Altes Weib, Schwachmops!« Serjoscha trat an ihn heran, »versteht nicht einmal Spaß! … Na, nu steh auf,« er berührte ihn mit dem Fuß.

»Ich sage dir, du bist ein frecher, ganz gemeiner Bengel!« preßte Grap wütend durch die Zähne und wandte sich ab.

»Was denn?! Erst schlägt er einen mit dem Hacken ins Auge und dann schimpft er noch!« schrie Serjoscha, nach einem Wörterbuch greifend. »Da hast du eins! und noch eins!« Er schlug den armen Jungen aus Leibeskräften mit dem Buch auf den Kopf. Grap dachte nicht daran, sich zu verteidigen, weil er wußte, daß niemand für ihn eintreten würde. »Mag sich zum Teufel scheren, wenn er keinen Scherz versteht; kommt nach unten, Leute,« meinte Serjoscha mit unnatürlichem Lächeln.

Trotz des bedeutenden Einflusses, den Serjoscha auf mich ausübte, konnte ich beim Anblick des armen Jungen, der auf der Erde lag und, das Gesicht im Wörterbuch, dermaßen weinte, daß es aussah, als würde er an den Krämpfen sterben, die seinen Körper durchzuckten – konnte ich nicht anders, als Serjoscha vorwurfsvoll sagen: »Warum hast du das getan?«

»Das ist aber wirklich nett; kaum rührt man ihn an, so brüllt er schon los. Hab ich vielleicht geweint, als ich mir heute das Knie zerschlagen habe?!«

Das ist richtig, dachte ich. Wozu ihn bedauern! Alter Waschlappen! Serjoscha dagegen, das ist ein Junge! – Und ich dachte nicht mehr an den armen Grap.

Ich wußte nicht, daß der Ärmste sicherlich nicht so sehr wegen der körperlichen Schmerzen als wegen der Kränkung, bei dem schrecklichen Gedanken geweint hatte, daß fünf Knaben, die ihm vielleicht gefielen, ihn ohne jeden Grund haßten und verprügelten. Damals verstand ich die ganze Grausamkeit und Unmenschlichkeit unseres Benehmens nicht; jetzt verstehe ich sie wohl, kann sie mir aber nicht erklären.

Ich glaube, Serjoscha war infolge eines falschen Ehrbegriffes so grausam, indem er seine Tapferkeit zeigen wollte; ich dagegen, weil es über meine Kräfte ging, ihm nicht alles nachzumachen. Der Hauptgrund war aber wohl folgender: Eine Eigentümlichkeit des Kindercharakters besteht darin, alle Begriffe zu verallgemeinern, sie auf eine gemeinsame Grundlage zurückzuführen. Dieses Bestreben rührt von der mangelhaften Entwicklung der geistigen Fähigkeiten her.

Ein Kind kann sich nicht vorstellen, daß etwas einerseits gut und anderseits schlecht sein kann. Die Eigenschaft eines Gegenstandes, die ihm zuerst auffällt, hält das Kind für das Wesen des Ganzen. Im Verkehr mit Menschen bildet sich ein Kind sein Urteil nach dem ersten äußeren Eindruck. Übt ein Gesicht auf das Kind einen lächerlichen Eindruck aus, so denkt es nicht an die guten Eigenschaften, die neben dieser lächerlichen Seite vorhanden sein können – es hat sich bereits einen ungünstigen Begriff von den Gesamteigenschaften gebildet.

Dasselbe war mit mir in bezug auf den armen Grap der Fall. War er so lächerlich, so war er sicher ein schlechter Junge; war er aber ein schlechter Junge, so lohnte es sich nicht, darüber nachzudenken, ob er sich wohl fühlte oder nicht; folglich konnte man mit ihm machen was man wollte.

Wenn diese Reflexion mich auch nicht rechtfertigt, so mag sie doch als Beweis dafür dienen, daß ich meine Handlungsweise bereue und sie jetzt gern rechtfertigen möchte.

22. Die Gäste kommen.

Iwins fuhren nach Hause, um sich umzukleiden; um acht Uhr wollten sie wiederkommen.

In allen Zimmern eilten Leute mit weißen Halsbinden geschäftig und besorgt hin und her. Besonders lebhaft ging es im Eßzimmer zu, wo das Silberzeug und Kristall nach langer Verborgenheit ans Licht geholt und geputzt wurde. Im Saal roch es stark nach Terpentin; Filat stand mit umgebundener Schürze da, stieg, nachdem er ein Handtuch untergelegt, auf einen Stuhl, zündete die Lampen an, schraubte die Dochte hinauf und hinunter und setzte Lampenschirme verschiedener Form auf. Die große Stehlampe, der Dreifuß, die Wandlampen, die seit unvordenklichen Zeiten nicht mit frischen Spermazetlichten versehen waren – alle wurden, wie im Saal, so in beiden Gastzimmern angezündet.

Die Wände, Decke, Parkett, Fries, Bilder im Gastzimmer waren von hellem Licht überflutet und hatten ein ungewöhnliches Aussehen – so erschien mir denn alles neu. Sogar der Großvaterstuhl, die Batisttücher, Schachteln und Großmutter selbst, die verdrießlich war, weil das ganze Haus nach Terpentin roch – sahen festtäglich aus.

Die Flurtür öffnete sich, es strömte kalt herein, dann kamen Leute in grauen Mänteln und mit sonderbaren Gegenständen unter dem Arm. Sie traten hinter den in einer Saalecke aufgestellten Wandschirm; von dort her ertönte Räuspern, Spuken; Schlösser knackten; kurze Baßstimmen: »Bitte Licht,« »Wessen Stimme ist das?« »Kolophonium,« »Gott bewahre!« Hierauf einige Pizzikato-Töne auf der Geige und endlich die ganzen schrecklichen Disharmonien eines stimmenden Orchesters: Quinten auf den Saiteninstrumenten, dumme Läufe und Triller auf Flöten, Waldhörnern usw.

Dieses Orchester war eine Überraschung des Fürsten Iwan Iwanowitsch.

Sobald ich einen Wagen rollen hörte, trat ich ans Fenster, legte die Hände gegen die Schläfen und Scheiben und suchte zu erkennen, ob die Leute zu uns zum Ball kämen. Aus der Dunkelheit, die alles vor dem Fenster einhüllte, erschien gegenüber allmählich ein längst bekannter Laden mit Laterne; schräg links ein weißes Haus mit zwei unten beleuchteten Fenstern und mitten auf der Straße eine Chaise mit zwei Insassen oder eine leere Equipage, die im Schritt heimkehrte. Aber jetzt kam bei uns ein Wagen vorgefahren, dem ich in der festen Überzeugung, es seien Iwins, die früher zu kommen versprochen hatten, entgegenlief.

Statt Iwins erschienen hinter der Bedientenhand, die den Wagen öffnete, zwei Personen weiblichen Geschlechts: eine große in blauem Mantel mit Zobelkragen, die andere – klein, vollständig in ein langes schwarzes Tuch gewickelt, aus dem nur die kleinen Füße in Pelzstiefeln hervorguckten. Ohne meine Anwesenheit im Flur im geringsten zu beachten – obgleich ich es für nötig gehalten hatte, ihnen eine Verbeugung zu machen – trat die Kleine zur Größeren und blieb schweigend vor ihr stehen. Diese wickelte das große Tuch los, das den ganzen Kopf der Kleinen verhüllte, knöpfte ihren Mantel auf, und als der Diener diese Sachen in Verwahrung genommen und ihr die Pelzstiefel ausgezogen hatte, kam aus der Verhüllung ein wunderhübsches zwölfjähriges Mädchen in kurzem ausgeschnittenen Tüllkleide, in weißen Höschen und winzigen schwarzen Schuhen zum Vorschein. Den weißen Hals umschloß ein schwarzes Samtband; ihr ganzes Köpfchen war mit dunkelblonden Locken bedeckt, die vorn so gut zu dem hübschen Gesicht und hinten zu den nackten Schultern paßten, daß ich niemandem, selbst Karl Iwanowitsch nicht geglaubt hätte, diese Locken seien dadurch entstanden, daß man sie seit heute morgen mit Stückchen der »Moskauer Nachrichten« umwickelt und nachher mit einem heißen Eisen gebrannt hatte. Es sah vielmehr aus, als wäre sie mit diesem Lockenkopf geboren.

Ihre Augen waren sehr groß und vorstehend, zur Hälfte von den langbewimperten Lidern bedeckt. Diese Augen hatten einen ernsten, etwas traurigen Ausdruck. Die Lippen dagegen waren frisch, und ihre Form entsprach durchaus dem Ausdruck des Mundes.

Überhaupt war dieses Mädchen ein Wesen, von dem man kein Lächeln erwartet und dessen Lächeln infolgedessen um so bezaubernder wirkt.

Während die große Person, Madame Walachin, ihr im Wagen etwas kraus gewordenes Kleid zurechtstrich und die Kleine, ihre Tochter Sonja, sich mit augenscheinlichem Vergnügen im Spiegel betrachtete, schlüpfte ich, jetzt mit dem Wunsch, unbemerkt zu bleiben, in die Saaltür und ging drinnen nachdenklich auf und ab, als wüßte ich gar nicht, daß Gäste gekommen wären. Als die beiden den Saal halb durchschritten hatten, machte ich einen eleganten Kratzfuß und erklärte, Großmutter sei im Gastzimmer. Frau Walachin, die mir besonders wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Tochter sehr gefiel, nickte mir gnädigst zu.

Großmutter empfing die beiden sehr liebenswürdig; besonders schien sie sich über Sonjas Anblick zu freuen, die sie dicht zu sich heranrief. Sie strich ihr eine Locke zurecht und meinte, ihr Gesicht aufmerksam betrachtend: »Quelle charmante enfant!«

Sonja lächelte errötend und tat so lieb, daß ich ebenfalls vor Vergnügen und Verlegenheit errötete.

»Hoffentlich gefällt es dir bei mir, mein Kind,« sagte Großmutter und faßte sie unters Kinn. »Tanz und amüsiere dich, so gut du kannst. Da sind schon zwei Kavaliere,« wandte Großmutter sich an Frau Walachin und berührte mich mit der Hand. Diese Annäherung war mir sehr angenehm und ließ mich noch mehr erröten. Im Gefühl, daß meine Verlegenheit noch zunehmen könnte, und da ich auch das Rollen einer Equipage hörte, hielt ich es für angebracht, mich zu entfernen.

Im Flur traf ich die Fürstin Korpakow nebst Sohn und einer unendlichen Anzahl Töchter, einer geradezu unwahrscheinlichen, wenn man bedenkt, daß alle aus einem Schoß und einer Equipage gekommen waren. Alle Töchter glichen der Fürstin und waren häßlich; deswegen fesselte keine meine Aufmerksamkeit; ich bemerkte nur, daß alle blasse Gesichter und rötliches Haar hatten und beim Ablegen der Mäntel, Boas und Mützen durcheinander rannten, mit ihren dünnen Stimmen plapperten und lachten – wahrscheinlich darüber, daß sie so viele waren.

Etienne war ein dreizehnjähriger, großer, fleischiger, schwitzender Knabe mit bereits »wissendem« Gesichtsausdruck, eingefallenen, blauumränderten Augen und riesigen Füßen und Händen; er war plump, seine Stimme wechselte, er schien aber sehr zufrieden mit sich und war genau so wie ein Junge, der mit Ruten gezüchtigt wird, meiner Auffassung nach sein kann. Die bläulichen Schatten unter den Augen schrieb ich infolge meiner Unerfahrenheit keinem anderen Grunde zu.

Wir standen uns ziemlich lange gegenüber und musterten uns aufmerksam, ohne ein Wort zu sprechen. Die vorübergehende Fürstin befreite uns aus dieser greulichen Lage, indem sie mich gleichzeitig all ihren Kindern vorstellte. Wir drückten uns die Hand, bewegten uns noch näher aneinander heran und wollten uns scheint's küssen; aber nach einem nochmaligen Betrachten überlegten wir es uns anders.

Als die Kleider sämtlicher Schwestern vorübergerauscht waren, begann ich, um etwas zu sagen: »Es war wohl etwas eng im Wagen?«

»Weiß nicht,« erwiderte Etienne. »Ich setze mich niemals in den Wagen. Da drinnen wird mir übel und schlecht; deswegen zwingt Mama mich nicht. Wenn wir abends ausfahren, sitze ich stets auf dem Bock. Da kann man alles sehen, und Philipp gibt mir bisweilen die Zügel, und die Peitsche nehme ich mir – fein!« schloß er.

»Durchlaucht,« ein Diener trat in den Flur, »Philipp läßt fragen, wo die Peitsche wäre?«

»Wieso? Ich habe sie ihm doch gegeben!«

»Philipp sagt: nein.«

»Dann habe ich sie an die Laterne gehängt.«

»Philipp behauptet, sie wäre auch da nicht; sagen Sie schon lieber, daß Sie sie verloren haben,« der Diener wurde lebhafter, »nun kann Philipp mit seinem Gelde für Ihren Mutwillen aufkommen.«

Der Diener, dem Anschein nach ein rechtschaffener Mann, wenn auch mit einem Mopsgesicht, las offenbar seinem jungen Herrn nicht zum erstenmal den Text; dieser war gerade jetzt, bei unserer ersten Bekanntschaft, sehr erregt und schien die Sache nicht auf sich beruhen lassen zu wollen. Aus Zartgefühl ging ich, die Verlegenheit des jungen Fürsten bemerkend, beiseite, tat, als besähe ich das Schloß an der Tür und ließ die beiden sich aussprechen. Anders handelten die anwesenden Diener; sie rückten mit großem Vergnügen näher und blickten zustimmend auf den Diener, spöttisch auf den jungen Fürsten.

»Nun – dann habe ich sie verloren!« sagte Etienne, weiteren Auseinandersetzungen aus dem Wege gehend in scharfem, weinerlichem Ton. »Werd' ihm schon bezahlen, was die Peitsche kostet. Lächerlich!« Er kam auf mich zu und zog mich ins Gastzimmer.

»Nein, erlauben Sie, Herr, womit wollen Sie denn bezahlen? Ich weiß, wie Sie das machen. Maria Wassiljewna bezahlen Sie schon seit acht Monaten zwanzig Kopeken; mir schulden Sie auch schon seit einem Jahr zwei Rubel fünfundzwanzig Kopeken; Petruschka …«

»Willst du schweigen, frecher Kerl!« schrie der junge Herr, bleich vor Wut, »ich werde bestimmt alles melden.«

»Bestimmt alles melden!« wiederholte der Diener zum allgemeinen Gaudium spöttisch in grobem Baß. »Das ist nicht hübsch, Durchlaucht!« schloß er besonders eindrucksvoll und ging mit den Mänteln zur Garderobe.

»Das war recht,« sagte jemand von den Zuhörern, während wir, durch Schweigen unserer Verachtung Ausdruck gebend, uns zu Großmutter begaben.

Diese hatte eine besondere Gabe, durch Anwendung des »Du« und »Sie« in bestimmten Fällen und mit besonderer Betonung den Leuten ihre Meinung direkt ins Gesicht zu sagen. Weil sie diese Fürwörter gerade entgegengesetzt zu der allgemeinen Gewohnheit gebrauchte, bekamen sie in ihrem Munde eine ganz besondere Bedeutung. Ich bin überzeugt, daß sie sich Etienne beim ersten Anblick unter der Rute und mit allen unanständigen Einzelheiten vorstellte; sie empfing ihn sehr kalt und nannte ihn mit solchem Ausdruck der Verachtung und des Abscheus »Sie«, daß ich an seiner Stelle ganz fassungslos geworden wäre. Etienne war augenscheinlich von anderem Kaliber. Er beachtete weder die Art des Empfanges, noch Großmutters Person, sondern verbeugte sich vor der ganzen Gesellschaft nicht gerade geschickt, aber sehr ungezwungen, ging sogar zu Sonja und forderte sie zur Quadrille auf.

Sonja fesselte meine ganze Aufmerksamkeit. Ich hatte bemerkt, daß, wenn Wolodja, Etienne und ich uns im Saal am Fenster unterhielten, von wo aus wir Sonja sehen und sie mich sehen und hören konnte – ich mit besonderem Vergnügen sprach; und wenn ich eine nach meiner Auffassung verständige oder komische Bemerkung tat, brachte ich sie lauter heraus und blickte dabei nach der Tür des Gastzimmers. Als wir aber vom Fenster fortgingen und an eine Stelle kamen, wo man uns vom Gastzimmer weder sehen noch hören konnte, schwieg ich und fand kein Vergnügen mehr an der Unterhaltung.

Gastzimmer und Saal füllten sich allmählich mit Gästen; unter ihnen waren, wie stets bei Kindergesellschaften, ein paar große Kinder, die diese Gelegenheit, sich zu amüsieren und zu tanzen, nicht vorübergehen lassen wollten, wenn auch nur, um – anderen ein Vergnügen zu bereiten.

Als Iwins kamen, empfand ich statt der gewöhnlichen Freude bei Serjoschas Anblick eine Art Ärger, daß er Sonja sah und sich ihr zeigte.

23. Vor der Mazurka.

Als Iwins aus dem Gastzimmer zurückkamen, wo Serjoscha trotz seines angenehmen Äußeren den allgemeinen Tribut der Verlegenheit entrichtet hatte, faßte ich ihn am Ellbogen und forderte ihn auf, zum Tanz nach oben zu kommen.

»Los, los!« rief Etienne plump zutraulich, Serjoscha am Arm ziehend. »Hat euer Deutscher eine Pfeife?«

Obgleich mir die Gesellschaft des jungen Fürsten und sein freier Umgang mit Serjoscha durchaus nicht angenehm war, mißfiel mir noch mehr Serjoschas Anwesenheit im Gastzimmer.

»Où allez vous, Mr. Serge; ne voyez vous pas, qu'on va danser?« Herr Forst hielt uns auf. »Haben Sie Ihre Handschuhe?« fügte er hinzu.

»Gewiß; man muß Handschuhe anziehen,« Serjoscha holte ein paar neue Glacés hervor.

Und wir haben keine, dachte ich. Was soll man machen. Geschwind lief ich nach oben. Aber obgleich sämtliche Kommodenschiebladen durchgestöbert wurden, fand ich nur unsere grauen Winterhandschuhe, und einen einzelnen Glacé, der mir einmal viel zu weit war und dem obendrein der Mittelfinger fehlte – wahrscheinlich hatte Karl Iwanowitsch ihn vor langer Zeit einmal für einen kranken Finger abgeschnitten. Ich wußte nicht, was ich anfangen sollte, zog den Rest des Handschuhs an, steckte den Mittelfinger durch das Loch und stand, den Finger auf und nieder bewegend und einen Tintenfleck aufmerksam betrachtend, sehr nachdenklich da.

Wenn jetzt Natalie Sawischna hier gewesen wäre, die hätte schon Handschuhe gefunden! Nach unten gehen konnte ich in diesem Aufzuge nicht, denn wenn man fragte, warum ich nicht tanzte – was sollte ich erwidern? Hier bleiben konnte ich auch nicht, weil man mich finden würde. Also was tun? – Ich rang verzweifelt die Hände. Ich war einfach verloren; schrecklich! – sagte ich, stellte das Stearinlicht auf die offene Kommodenschieblade, senkte den Kopf auf die Brust und machte ein finsteres Gesicht.

Plötzlich ertönte unten Musik. Ich sprang unwillkürlich auf, rannte durch alle Zimmer und suchte Handschuhe: in Heften, unterm Globus, zwischen Stiefeln – da aber keine da waren, blieb all mein Suchen umsonst.

Mit den Worten: »Was machst du denn hier?« kam Wolodja hereingelaufen, »engagiere schnell eine Dame; es geht gleich los.«

»Wolodja,« ich zeigte ihm meine vier Finger in dem Glacé und sagte mit einer fast verzweifelten Stimme, »Wolodja, du hast auch nicht daran gedacht, daß wir …«

»Was denn?« fragte er ungeduldig.

»Wie können wir so! …« erwiderte ich fast unter Tränen und hielt ihm meine Hand vors Gesicht.

»Ach Handschuhe,« meinte er ganz gleichgültig. »Nein, das geht nicht … wir müssen Großmutter fragen; was die sagen wird.«

Damit lief er nach unten. Seine Worte verscheuchten den düsteren Schatten, der auf dem Ereignis lag; ich begab mich schnell zu Großmutter.

Vorsichtig an ihren Sessel herantretend und ihre Mantille leicht berührend, fragte ich im Flüsterton: »Großmutter! Was sollen wir machen? Wir haben keine Handschuhe.«

»Was willst du, Kind?«

»Wir haben keine Handschuhe,« wiederholte ich, die andere Hand auf die Sessellehne legend. Ich wollte nur von Großmutter gehört werden.

»Was ist denn das?« sie ergriff meine rechte Hand, an der noch immer der schmutzige Handschuh mit abgeschnittenem Finger saß. »Voyez ma chère,« wandte sie sich an Frau Walachin und zog mich trotz meines Widerstrebens an einen sichtbaren Platz. »Voyez comme ce jeune homme c'est fait élégant pour danser avec votre fille.«

Großmutter hielt mich fest an der Hand und sah sich ernst aber fragend nach den Anwesenden um, bis die Neugierde aller befriedigt war und das Gelächter allgemein wurde.

Die Freude Sonjas, die über meine komische Figur mit den vier Fingern im schmutzigen Handschuh dermaßen lachte, daß ihr Tränen in die Augen traten und die Locken entzückend um ihr gerötetes Gesicht tanzten, steckte mich an: ich lachte jetzt am allerlautesten.

Sehr traurig wäre ich gewesen, wenn Serjoscha mich gesehen hätte, als ich, dunkelrot vor Scham, umsonst versuchte, meine Hand loszureißen; vor Sonja dagegen schämte ich mich nicht. Ich fühlte, daß ihr Lachen zu laut und ungezwungen war, um spöttisch zu sein. Im Gegenteil, dadurch, daß wir zusammen lachten und uns ansahen, wurden wir schneller miteinander bekannt; ich fühlte mich bald so sicher, daß ich sofort um eine Quadrille bat.

Die Episode mit dem Handschuh, die schlecht enden konnte, brachte mir den Nutzen, daß sie mir in einem Kreise, der mir stets am schrecklichsten war, – unter Gästen – Sicherheit gab; ich fühlte jetzt nicht die geringste Befangenheit mehr.

Das Leiden, das aus Verlegenheit entspringt, rührt daher, daß wir nicht wissen, welchen Eindruck wir auf andere machen. Sobald wir hierüber Gewißheit haben, hört das Leiden – mag der Eindruck sein wie er will – auf.

Wie lieb war Sonja Walachin, als sie mir gegenüber mit dem plumpen Etienne die Quadrille à la cour tanzte! Wie reizend, als ob wir uns schon eine Ewigkeit kennen würden, reichte sie mir bei der Chaine lächelnd die Hand. Wie niedlich im Takt hüpften die blonden Locken auf ihrem Kopf und wie zierlich führte sie das »Jeté assemblé« mit ihren kleinen Füßchen in den bebänderten Chevreauschuhen aus – alles nach den Klängen des »Donauweibchens«, die ich bis jetzt nicht ohne süßes Herzbeben hören kann. Obgleich sie dem jungen Fürsten, der sie in eine Unterhaltung zu ziehen suchte, ebenso lieb zulächelte, war ich doch glücklich. Bei der fünften Figur, als meine Dame vor mir auf die andere Seite tanzte und ich, die Takte zählend, mich auf das Solo vorbereitete, legte Sonja ernsthaft die Lippen zusammen und sah zur Seite, als hätte sie Mitleid mit mir und fürchtete, ich könnte konfus werden. Aber diese Sorge war umsonst; ich führte kühn das chassé en avant, en arrière und croissé aus, und als ich an ihr vorbeikam, zeigte ich ihr den Handschuh mit vier Fingern. Wie lieb lachte sie da, und wie lustig und naiv hüpften die Füßchen in den Chevreauschuhen auf dem Parkett. Als wir uns bei dem grand rond alle an der Hand faßten und einen Kreis bildeten, rieb sie sich, ohne meine Hand loszulassen, ihr Näschen am Handschuh.

Alles das steht mir noch heute vor Augen. Dann kam die zweite Quadrille mit Sonja.

Die Musik, das helle Licht, die Diener in weißen Krawatten, der besondere Ballgeruch – alles das bewirkte, daß ich, neben Sonja auf meinem Stuhl mich niederlassend, anstatt einfach zu sprechen, um jeden Preis mit meinem Französisch glänzen wollte und schreckliche Dummheiten sagte.

»Vous êtes une habitante de Moscou?« fragte ich nach kurzem Schweigen. Als sie bejahte, fuhr ich ebenso fort: »Et vous êtes native de quel gouvernement?« dabei besonders auf die Wirkung des Wortes »native« rechnend. Als sie mich dann fragte, ob ich früher schon in Moskau gewesen sei, erwiderte ich, eine malerische Pose auf meinem Stuhl einnehmend: »Et moi, je n'ai jamais frequenté la capitale,« mit dem Bestreben, sie durch das Wort »frequenter« endgültig von meinen vorzüglichen Kenntnissen des Französischen zu überzeugen.