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Kleine Lebensgemälde in Erzählungen

Chapter 4: Der lustige Todesfall.
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About This Book

A series of short life portraits presents scenes of provincial society and moral types, often organized around visits and recollections that reveal how twenty years reshape fortunes, reputations, and relationships. A narrator recalls his middle-sized hometown upbringing, contrasting his lively temperament with an older brother's methodical seriousness, parents' social ambition and hospitable extravagance, and how expectations about careers and status misalign with later outcomes. Episodes emphasize social manners, family tensions, and the unpredictable effects of time on personal character and financial standing, blending anecdote and reflection to show contrasts between youthful hopes and mature realities.

Diese Mittheilung empörte mich so, daß ich eben ausholen und meinem Schwager eine große Ohrfeige appliziren wollte, als mir noch zur rechten Zeit einfiel, daß meine Schwester davon am meisten zu leiden haben würde. Fünf Kinder hatte sie zudem mit dem Unhold! So knirschte ich denn bloß mit den Zähnen.

Gott, dachte ich heimlich, wäre mir in dem langen Zeitraum all dies Unheil nach und nach zu Ohren gekommen! Aber nun so auf Einmal! Und was mag mir noch bevorstehn!

Wir langten in Sauers Wohnung an. Wilhelmine stieß vor Freude einen heftigen Schrei aus; ich hätte ihn vor Schrecken erwiedern mögen! O Himmel! wie bleich, abgezehrt, und daneben wie alltäglich, zeigte sich jetzt die einst so holde, einnehmende Schwester! Weder ihre Kleidung, noch der sie umgebende Hausrath, deuteten auf eine vortheilhafte Lage. Die Kinder, welche sie rief, den Oheim zu begrüßen, waren reinlich, aber ziemlich dürftig gekleidet. Mich befiel ein Kummer ohne Gleichen.

Sauer holte meinen Vater aus seinem Zimmer. Fast Entsetzen erregte mir sein Anblick. Schneeweißes Haar, nichts als Runzeln, Kopf und Hände bebend. Und so erkaltet war ihm das Gemüth, daß er kaum noch einige Freude über den nach zwanzig Jahren wiedererscheinenden Sohn äußerte. Keine Spur mehr von jener alten Herzlichkeit und dem heitern, aufgeweckten Sinn.

Wir setzten uns zum Abendessen. Ich mußte von meinen Schicksalen im Norden erzählen, wobei die Anderen meistens schwiegen, und ich so zu keinen Fragen gelangte. Ich mochte deren auch keine mehr thun. Hatte ich nicht schon freudenlose Antworten genug bekommen?

Nachher schien es, als habe der Wein den Greis ein wenig aufgethaut, oder als habe er in dem schwach gewordenen Kopfe nun überdacht, was sich zugetragen hatte. Er schloß mich in die zitternden Arme, und weinte. Gott sei Dank, sagte er, daß Du noch kamst. Etwas später, so hättest Du mich nicht mehr gefunden. Ich werde bald zu Deiner Mutter gehn.

O Gott! sagte ich, aufs Neue erschüttert; ich habe bereits an ihrem Grabe gestanden.

Mein Vater ging zu Bette, der Schwager sammt den Kindern auch; Wilhelmine fragte mich: ob wir nicht noch ein halbes Stündchen plaudern wollten?

Ich that das gern. Sie schilderte mir nun ihren häuslichen Zustand. Das Betragen ihres Mannes umging sie zart; außerdem hatte sie aber von nichts als Noth und Kummer zu erzählen. Sauer hatte wenig Freunde; nur Leute, die einen Erzrabulisten suchten, wendeten sich an ihn. Das Einkommen reichte bei fünf Kindern nicht zu; man steckte in peinlichen Schulden, und eben so der alte Vater noch. Die Kreuzträgerin endete: Was ist zu thun? Ich muß mich in Geduld fassen. Noch ein Glück für mein Mutterherz, daß meine Kinder gesund, auch sonst ziemlich wohlgeartet sind. Vielleicht erlebe ich an ihnen noch Freude.

»Gute Schwester, erwiederte ich, einigermaaßen werde ich Deine Lage verbessern können. Doch sage mir: wie hast Du Dich entschließen können, Sauer'n zu heirathen?«

Seufzend erklärte sie: Ja – es ward mit den übrigen Aussichten nichts.

»Ich dachte, Herr von Soldin ...«

Schnell unterbrach sie mich: Auch nichts! und fuhr fort: Die Zeit ging hin; ich war schon drei und zwanzig Jahr. Die Eltern fühlten sich immer mehr bedrängt, und wollten mich versorgt sehn. Da kam mein Mann – Es währte lange, eh ich mich überwinden konnte; doch – was blieb mir ...

»O Gott! sagte ich; Du hast so vielen Fleiß auf die Bildung Deiner schönen Talente gewandt! Was nützt es Dir nun!«

Laß uns nicht mehr über das Vergangene reden, seufzte sie. Hin ist hin! Jetzt lebe ich nur in meinen Kindern.

Ich ging stumm auf und nieder, warf mich dann in das Sopha, und stützte den Kopf auf die Hand; die Unruhe in meiner Brust war unbeschreiblich. Ich dachte an die Worte eines Dichters, welche mir auf der Reise von St. Petersburg hieher, mit einem süßen Anklang, oft einfielen:

Froh werd' ich die Altäre
Der heimatlichen Höh'n,
Und froh die Wonnezähre
Der Jugendfreunde sehn.
Und sie, die einst im Lenze
Der schönen Minnezeit,
Sich bis zur dunkeln Gränze
Des Lebens mir geweiht –

Ach, so fand ich es nicht! – Noch hatte ich nach Emma nicht gefragt. Was ich bis jetzt gehört, ließ mich die Geliebte vergessen, indeß nur auf eine kurze Zeit. Die Frage schwebte mir wieder auf der Zunge, doch immer gewann ich keinen Muth dazu; mein Herz fürchtete hier zu viel von einer niederwerfenden Botschaft.

Endlich hob ich doch zu Wilhelminen stockend an:

»Was ist denn aus dem Commerzienrath Hell geworden?«

Schon zehn Jahre todt.

»Das glaubte ich nicht; wenigstens fand ich seinen Namen auf keinem Leichenstein.«

Er ist in der größten Dürftigkeit gestorben. Aufwand und mißlungene Spekulationen ...

»Hm – und Minna, seine Tochter?«

Die hat schmählich geendet.

»Geendet?«

Nach des Vaters Tode waren die Mädchen noch unverheirathet –

»Unverheirathet? Beide?«

Ja! Minna wurde Gesellschafterin im Hause des Präsidenten Wernbach, ließ sich aber in einen sträflichen Umgang mit ihm ein – es ward ruchtbar. – Noch ein Glück, daß sie mit dem Kinde im Wochenbette starb. Die Präsidentin ließ sich scheiden.

»Das herrliche Mädchen und so ehrvergessen! In Gärten kann man aus der Blüthe die Frucht voraussehn, bei den Menschen nicht – Und ... und ...?«

Guter Bruder, ich ahne, was Du noch fragen willst.

»Du hast mein ganzes Vertrauen. Und Emma?«

Frage mich nicht. Die hast Du geliebt –

»Ich liebe sie noch, gute Wilhelmine! Hat sie keinen Mann – wie auch ihre Schönheit verblüht seyn mag, ich gebe ihr meine Hand!«

Dies – kannst Du nicht!

»Warum nicht? Ihre Armuth soll mich nicht zurückstoßen. Sie hat einst mein Herz reich an schönen Empfindungen gemacht, die im Zeitstrom nicht untergegangen sind. Ich habe kein andres Hoffen mehr, als Emma noch mein zu nennen.«

Dies kannst Du ... nein, frage mich nicht. Erkundige Dich bei Andern.

»Auch hier also warten entsetzliche Nachrichten auf mich? So gieb Du sie mir. Wen an Einem Tage schon so viele Dolche trafen, der ist auf Alles gefaßt.«

Ich möchte nicht gern ... mache Dich frei von dieser unglücklichen Neigung!

»Diese Neigung ist mein Glück. Ich will Emma mein nennen!«

Dies kannst Du – wenn Du es denn durchaus hören willst – um einen mäßigen Preis –

»Was sagst Du, Schwester! Ich hoffe doch nicht ...«

Ihr blieb nach dem Tode ihres Vaters weiter nichts übrig, als sich mit Putzarbeiten zu ernähren. Doch, an Hochleben und Müßiggang gewöhnt, wollte sie sich in Spärlichkeit und Fleiß nicht fügen. – Ihr Ruf ward zweideutig.

»Gott!«

Nach und nach sank Emma tiefer, und wurde zuletzt als öffentliche Buhlerin bekannt. Da zog sie den Sohn eines reichen Kaufmanns an sich, plünderte ihn aus, und verführte ihn, die Kasse seines Vaters um nahmhafte Summen zu bestehlen ...

»Höre auf. Doch nein – nein – ende!«

Es kam an den Tag. Emma wurde auf vier Jahre ins Zuchthaus geschickt –

»Zu viel! zu viel!«

Diese Strafe ist überstanden. Emma wurde wieder frei. Sie fing das alte Treiben aufs Neue an; doch – wie man hört, und es ihre Jahre vermuthen lassen – für sich mit schlechtem Erfolg. Dagegen hat sie eine Art von Pflanzschule um sich –

»Genug! Beim Himmel, genug!« – Ich riß mich von Wilhelminen weg, und eilte zu meinem Lager, wo ich aber die ganze Nacht keine Ruhe fand. Eine mehrtägige Krankheit folgte den Gemüthsbewegungen an dem schrecklichen Tag.

Dann ergriff ich meinen Entschluß, und sagte der Schwester: »Meine Liebe ist dahin! Ohne Liebe noch zu heirathen, wäre Thorheit. – Wie hoch belaufen sich die Schulden des Vaters und Deines Mannes?«

Seufzend erwiederte sie: Wohl auf viertausend Thaler.

»Die bezahle ich.«

Bruder! – O Bruder!

»Von den Zinsen meines übrigen Vermögens will ich Deine Kinder erziehen helfen, sie mögen einst meine Erben seyn. Ich will mich auch um ein Amt hier bewerben, so kann ich desto mehr thun, und finde Zerstreuung in den Geschäften.«

Wilhelmine umarmte mich mit Freudenthränen. Es wurde mir doch etwas leicht, daß ich solche Thränen fließen sah. Gott, rief ich, so frommen also Schönheit, Talente, Bildung und andre beneidete Vorzüge nicht, wenn das Glück nicht auch lächelt! O Jugend, auf das Unglück schicke Dich an, und wahrlich am meisten, wenn Dir solche Vorzüge eigen sind!

Mit einer edlen Fühlbarkeit sagte Wilhelmine nach einigem Schweigen:

Und – Emma?

»O die Verworfne!«

Auch die am tiefsten gefallen sind – bleiben Menschen.

»O gute Schwester!«

Du hast sie geliebt.

»Ich gebe ihr ein kleines Jahrgeld.«

Auf Eine Bedingung –

»Versteht sich: daß sie dem ruchlosen Wandel entsagt, und sogleich diese Stadt verläßt.«

Dies macht Deinem Herzen Ehre.

Bei diesem Gespräch kam erst noch zur Aufhellung, woran zeither noch niemand gedacht hatte. Ich sagte: »Aber ist denn die ganze Menschheit in späteren Jahren zum Unheil verdammt? Die Jugendfreunde, die Verwandten, Alles muß ich unglücklich wiederfinden, und ...« Nicht Alles, fiel Wilhelmine ein. Seltsam, daß Du nach unserm Bruder Otto noch nicht gefragt hast. Zum Theil ist wohl Deine Krankheit Schuld daran, daß wir vergessen haben, von ihm zu reden; zum Theil auch – wird bei den Seinigen nicht eben viel über ihn geredet –

Ich begreife selbst nicht, fiel ich ein, wie es zugegangen ist, daß ich an Otto nicht gedacht habe. Von den übrigen bösen Zeitungen war mein Gedächtniß so vollgepfropft, daß ... nun, was macht Otto? Ich wünsche ihm alles Gute.

Die Schwester antwortete: Er ist Minister des Herzogs.

Es war sicherlich keine Mißgunst, was ich empfand; ich staunte nur, faltete die Hände, und schüttelte den Kopf ein wenig.

Jene fuhr fort: Er ist zugleich in den Adelstand erhoben.

»Ist es möglich! Aber ist es möglich!«

Einige Jahre nach Deiner Abreise wurde er Rath, und nicht lange darauf Präsident eines anderen Collegiums; dann wurde er weiter empfohlen, und dem Herzoge näher bekannt. Schon manches Jahr bekleidet er die erste Stelle im Lande.

Immer noch höchlich verwundert sagte ich: »Otto der trockne, engherzige Otto, Minister des Herzogs?«

Lächelnd erwiederte meine Schwester: Wenn nun der Herzog trockne, engherzige Minister liebt? Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten. – Dem Bruder gelang es auch noch weiter. Seine Würde verschaffte ihm Gelegenheit, sich mit einem Fräulein aus einem reichen Hause zu verbinden.

»Nun – ich gönne ihm Alles; er ist mein Bruder. So höre ich doch nicht lauter schlimme Nachrichten. Ei, ei! Es scheint also, als müßte eine Anweisung, hier Glück zu machen, so lauten: Fleiß, tüchtigen Geschäftsfleiß, wenn auch mehr dem Schein als der Wirklichkeit nach, und den Fleiß so geregelt, wie ihn jeder alltägliche Kopf zu zeigen vermag; das heißt: trocknen Schlendrian, immer Schlendrian, nie über das Gewöhnliche hinaus. Zweitens Kriecherei, ächte, wahre Kriecherei vor allem Rang. Endlich die so beliebte Engherzigkeit. Nun meinetwegen denn! Ich kann es nicht ändern. Aber sage mir nur, wie es zugeht, daß unser Vater nach so langjährigen, treuen Diensten eine so kärgliche Pension hat! Konnte sie Otto nicht billig erhöhen? Konnte er Deinem Mann nicht eine gute Bedienung verschaffen? Dein Mann mußte allenfalls ja auch sein Mann seyn.«

Wilhelmine erwiederte: O, Se. Excellenz geruhen jetzt, sich Dero armer Verwandten zu schämen. Als wir uns im Anfang von Otto's Erhebung an ihn wandten, fertigte er uns mit kleinen demüthigenden Geschenken ab. Auf wiederholte Bitten, etwas für den Vater, und für meinen Mann zu thun, gab er zur Antwort: »Unmöglich könne er, auf seinem viel beobachteten Platze, sich Nepotismus vorwerfen lassen; vielmehr habe er, aus Consequenz, allenthalben zu vermeiden, daß er nicht für Angehörige und ältere Bekannte eintrete. Der Pensionsfond sei zudem erschöpft, und Sauer habe nur genügende Thätigkeit auf das Advociren zu verwenden, um bestehn zu können.« Nun machte ich selbst eine Reise zu ihm. Es währte lange, ehe ich vorgelassen wurde; und, als es endlich geschah, währte die gnädige Audienz, überhäufter Geschäfte wegen, nur kurze Zeit. Otto blieb auch jetzt unzugänglich, und sagte mir daneben: der Vater sowohl, als ich, hätten ihn immer dem Bruder nachgesetzt, und an diesem ein höheres Talent und manche andere Vorzüge erhoben. Nun, fügte er hinzu, das höhere Talent half ihm nach Sibirien. Mag er von da seinen Lieben Zobelpelze schicken! – Empfindlich, daß er über Dein Unglück noch spotten konnte, verwies ich ihm das, und sagte hernach: eben auch des unglücklichen Bruders wegen käme ich. Glaube er, dem Vater und meinem Manne keine Gunst erzeigen zu dürfen, so möchte er wenigstens den Herzog bewegen, sich am russischen Hofe mit einer Bitte für Dich zu verwenden. O, sagten Se. Excellenz, da würde ich bei Sr. Durchlaucht eine Fehlbitte thun, und noch Höchstihre Ungnade auf mich laden. Mit dem Hofe in St. Petersburg steht der hiesige nicht am beßten. Ich kann weiter nichts als den Unglücklichen bedauern. Seinem unbesonnenen Leichtsinn muß er übrigens sein Schicksal zuschreiben. – Nun folgte ein stolz freundliches Entlassungszeichen. In den Gasthof schickte Otto mir noch ein trocknes Billet, mit einer Summe, die meine Reisekosten vergüten sollte. Ich sandte sie ihm, mit einem Briefchen in seinem eignen Styl, zurück. Seit dieser Zeit haben wir uns so wenig um ihn bekümmert, wie er sich um seine Verwandten.

»Pfui,« rief ich aus; »pfui! – Doch laß ihn! Er kann bei diesem unholden Sinn, trotz allem Ansehn und Vermögen, sich nicht glücklich fühlen. Ich danke um so mehr für Deine schwesterliche Liebe, die, so viel es anging, doch zu handeln versuchte. Aber – damit nicht auch ich keine Theilnahme für arme Verwandten zeige – ich habe noch nicht nach Charlotten gefragt. Lebt sie noch und in welchen Verhältnissen?«

Wilhelmine biß sich ein wenig in die Lippen; es fiel ihr schwer, eine Antwort zu geben. Neid war nicht im Spiel; eines so gehässigen Charakterzuges war sie nicht fähig. Aber einige Spuren von verwundeter, weiblicher Eitelkeit las ich in ihren Augen, als sie über diesen Gegenstand reden sollte. Ihre widrige Empfindung unter einem Lächeln zu verbergen bemüht, hob sie endlich an: Charlotte ist lange verheirathet.

»So hat sie doch einen Mann gefunden? Das freut, und – wundert mich.«

Glücklich verheirathet, wenigstens reich – nein, in der That auch glücklich; die Gemüthsart ihres Mannes paßt zu der ihrigen.

»Reich obenein? Das Mädchenglück hat auch seine Launen.«

Und oft gar seltsame.

»Wer ist denn Charlottens Mann? Habe ich ihn gekannt?«

O ja! Du wirst Dich bei seinem Namen wundern. Herr von Soldin.

»Ist das Scherz oder Ernst?«

Warum sollte ich Scherz treiben!

»Ich meinte – es hatte so ein Ansehn, und man konnte es unmöglich anders deuten – er habe Absichten auf Dich ...«

Die häufigen Besuche galten Charlotten. Um sie bemühte er sich, als wir glaubten ....

»Wie konnte – fast möcht' ich sagen, das platte Geschöpf ihn anziehn!«

Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten.

»Hm! – Du nanntest ihn immer geschmacklos. Er hat diesen Ausspruch bestätigt.«

Unbedeutende Mädchen finden oft leichter eine Heirath, als gebildete.

»Wie geht das zu? Etwa, weil es so wenig gebildete Männer giebt? Das ist wohl gewiß nicht die Ursache. Der gebildeten Männer müssen ja viel mehr seyn, als der gebildeten Mädchen; denn die Männer haben mehr Gelegenheit sich zu bilden. Oder sollte Mädchenbildung mehr bewundert, als geliebt seyn, ernste Neigung mehr verscheuchen, als befördern? Dies kann ich auch nicht glauben.«

Einen Grund findet man hier nicht leicht heraus; es bleibt nur dabei, daß nichts verschiedner als der Geschmack, und – daß die Liebe blind ist.

»Ach – meine Liebe war nicht blind. Emma hatte Schönheit, Verstand, und ihrem Herzen ließ sich kein Vorwurf machen. Oder – wäre meine Liebe in so fern doch blind gewesen, daß sie eine heimliche Anlage zur Verworfenheit nicht entdeckte? Hier fragt es sich gleichwohl immer noch: ob eine solche Anlage in der That vorhanden war, oder ob nur die Einflüsse eines dürftigen Zustands Emma zu dem hingezogen, was ihre Grundsätze einst verdammten. Zwar sollte man fast schließen, eine Anlage müsse vorhanden gewesen seyn; sonst wäre Emma nicht durch Armuth gefallen. Wohnen sonst doch Armuth und Tugend oft zusammen. Zwar vielleicht öfter, wenn Tugend zeitig an Armuth gewöhnt ist, als wenn sie sich erst dazu bequemen soll. Im letzten Falle wird Armuth auch oft eine gefährliche Klippe für die Tugend.«

Desto edler ist sie aber auch, wenn sie, wie ein Fels, dem Drange der Armuth widersteht.

»Freilich wohl. Will man indeß Entschuldigungen aufsuchen, so kann man es vorzüglich beredt, wo die Armuth zu nennen ist.«

Dann aber auch standhaft gebliebne Tugend um so beredter loben.

»Allerdings! O Emma, wärst Du tugendhaft geblieben!«

Dann würde sie noch einen späten Lohn in Deiner Hand empfangen haben.

»Die Thörin noch, bei ihrer Verworfenheit! Was soll man übrigens zu einer Anlage sagen, wie ich vorhin sie erwähnte? Ist sie natürlich, und können die Grundsätze, welche eine sorgsame Erziehung einflößt, sie nicht verdrängen, so entschuldigt das Verbrechen sich ja beinahe ganz.«

Nein, da stimme ich Dir nicht bei.

»Und eine Tugend, die nur in der Abwesenheit gewisser schlimmen Neigungen besteht, folglich nicht kämpfen darf, hat keinen Werth.«

Freilich wird die Tugend erst edel, wenn sie, vom edlen Grundsatz begeistert, diesen in sich zu solcher Kraft erhebt, daß er die schlimme Anlage niederzuhalten vermag. Dies aber soll und muß die Tugend. Gänzliche Abwesenheit böser Neigungen ist wohl auch selten; die Umstände wecken sie, wenn sie auch schlummern.

»Die Heftigkeit des Temperaments, welche den Umständen entgegen tritt, ist aber auch verschieden.«

Wohl kein Phlegma ist so tief, daß nicht manche Lüste daraus hervorgerufen werden könnten.

»Es kommt aber in jedem Fall noch auf die Umstände an, ob sie mehr oder weniger auf den Menschen eindringen. Die physische Gemüthsanlage bekommen wir aus den Händen der Natur, über ihre Entwickelung vermögen die Außendinge mehr, als wir. Manche sind glücklich genug, bei einem ruhigen Sinn noch solchen Umständen fern zu bleiben, die verlockend auf sie eindringen könnten.«

Die Gemüthsanlage muß sich durch kräftigen Tugendwillen veredeln lassen. Umstände, welche uns zu verlocken geeignet sind, nahen sich uns so leicht nicht, wenn wir selbst vorsichtig davon entfernt bleiben.

»Zum Theil gebe ich das zu, doch nur zum Theil. Immer wird auf dem ungestümen Lebensmeere das Glück einen weiten Spielraum behalten.«

Tugend bleibt dennoch auf diesem Meere der sicherste Pilot. Und umfängt sie das Glück nicht, so wird sie doch am kräftigsten über das Entbehren desselben trösten und beruhigen.

»Ja, diesen Satz muß ich ohne Einschränkung unterschreiben. – Doch Schwester, ein Wort in Vertrauen. Dein Mann klagte über die öfteren Besuche, die August Dir gemacht hat. Jetzt wirst Du ihn ohne Zweifel verachten. Es geschah auch nur im Anfang Deiner Ehe, wo er noch nicht zum Trinker herabgesunken war. Offen – hatte Dein Mann gerechte Ursache, zu fürchten?«

Nein! Nur Wahlverwandtschaft unserer Ideen und Gefühle vereinigte mich mit August.

»Es scheint mir – Du hast ihn einst wirklich geliebt, so gut wie ich Emma, Und ihn so wenig richtig beurtheilt, wie ich die Geliebte.«

Wenn ich das einräumte, so könnte ich getrost auch hinzufügen: daß ich diese Liebe doch nie über meine Vernunft und Pflicht Herrin werden ließ.

»Hätte sie es aber – durch Zeit und nähere Gelegenheit als im Vaterhause – nicht werden können?«

Ich – glaube nicht.

»Du liebtest Deinen Mann nicht, und empfandest doch ein mächtiges Bedürfniß zu lieben.«

Eins will ich Dir gestehn. Als August sich nicht mehr bei mir einfand, schmerzte es mich tief; späterhin war es mir aber äußerst lieb, daß ihn mein Mann entfernt hatte.

»Deine Tugend, gute Wilhelmine, hatte folglich – Glück. O nicht allein andere Menschen bleiben uns Räthsel, auch das eigne Herz bleibt es. Laß uns aber nicht zu weit ins Feld der Moralphilosophie dringen. Erzähle mir von Charlotten das Nähere.«

Eigentlich – möcht' ich es doch nicht blinde Liebe nennen, was Herrn von Soldin an sie zog. Im Punkte der Schönheit empfand er einmal nicht wie Andere. Charlottens runde, derbe Formen – mochten anders Urtheilende sie auch plump nennen – hatten Reitz für ihn.

»Ha ha ha! Er hatte den Geschmack der Algierer, welche ihre Mädchen zu mästen pflegen. Auf das Gesicht kömmt es nicht an; Schönheit wird durch die Fettigkeit bestimmt.«

Soldin suchte eine wirthliche, anspruchlose, einfache Hausfrau; und weil er sie fand – ließ, nach seinem Sinn, die Wahl sich auch klug nennen. Und soll man fremden oder eignem Sinn folgen? Bereuen durfte er seine Wahl auch nicht. Sein Vater ist lange todt; beide Eheleute wirthschaften gut; die Heimsuchung des Kriegs ist überstanden, und Soldin noch immer ein Mann von hunderttausend Thalern.

»So finde ich wenigstens Einen der Jugendfreunde nicht unglücklich.«

Charlotten muß ich nachrühmen, daß sie weder stolz, noch fremd gegen uns geworden ist. Sie schickt mir manches in Küche und Keller, und wenn die Noth hier zuweilen hoch stieg, suchte ich bei ihr auch anderweitige Hülfe nicht vergebens, ob sie gleich, wie ich, fünf Kinder hat.

»Brav! ... Fortan sollst Du mit ähnlichen Bitten ihr nicht lästig werden.« –

Ich that nun alles, was ich mir vorgenommen hatte, und fühlte mich im Kreise der geliebten Schwester und ihrer Kinder, die ich bald, als wären sie die meinigen, liebte, so glücklich als man es, über vierzig Jahre hinaus, und – in diesem Leben, seyn kann. Die erlittene Sklaverei in Sibirien ließ mich das Glück der Freiheit um so höher achten und genießen.

Auch Wilhelminens Ehe gewann nun, nach dem Verschwinden der Nahrungssorgen, mehr Eintracht, und meine Gegenwart nöthigte ihren Mann zu einem sanfteren Betragen. Auch Menschen von tadelhaftem Charakter bessern sich nach Umständen.

Möchten junge Leser durch meine Erzählung sich bewogen fühlen, zeitig über die Veränderungen nachzudenken, welche die Zeit hervorbringt! Möchten sie, was ihnen das Glück gab, fest halten, da es launenhaft ist! Möchten sie ihre Ansprüche nicht übertreiben, da diese oft betriegen! Möchten sie im Schönheits-, im Talentgefühl, weniger Aufmunterungen zum Hoffen, als Warnungen vor Mißbrauch sehn! Und endlich, möchten sie an Wilhelminens Satz glauben: »Tugend ist der beßte Pilot auf dem Lebensmeer, und erhebt über ein feindliches Schicksal.«

Der
lustige Todesfall.

Eine komische Erzählung.

Der lustige Todesfall.

Herr Lund, ein Kaufmann, der – nach Börsentaxe – hunderttausend Thaler, und wohl noch einige Tausend darüber, werth seyn mochte, starb, zur größten Verwunderung seiner Frau. Denn oft hatte sie gesagt: Mein Mann stirbt gewiß nicht; er ist ja einer von den reichsten Leuten in der Stadt, und so klug obenein! Er wird schon wissen, wie man es zu machen hat, daß man nicht zu sterben braucht. Sagten ihr Bekannte dagegen: der Tod sei so unhöflich, nicht Reichthum, nicht Klugheit zu achten; dann bemerkte Jene – doch in Vertrauen –: so stürbe ihr Mann gewiß nicht vor ihr, sondern werde sie überleben: sie habe kein Glück; was sie wünsche, treffe nie ein, das wisse sie schon.

Demungeachtet rief Jenen der Tod ab, und noch früher, als seine bis dahin ziemlich feste Gesundheit es hätte erwarten lassen. Eine plötzliche Erkältung zog ihm einen Schlagfluß zu, der in wenigen Stunden eine Ladung für Charons Nachen aus ihm machte.

Die Wittwe schlug ihre Hände zusammen. Da sieht man's, rief sie nun: unverhofft kömmt doch oft!

Ist er auch gewiß todt? fragte sie den noch beschäftigten Arzt. Kann ich mich darauf verlassen? – Der Arzt gab ihr die heiligsten Betheurungen, und bekam einen reichen Ehrensold für die vergebens angewandte Mühe.

Die Wittwe vergaß auch dem Manne nicht, was er zuletzt für sie gethan hatte. Sie ordnete nicht nur eine stattliche Beerdigungsprozession an, sondern bewies ihm auch ihre Dankbarkeit noch durch einen marmornen Grabstein mit Urne und Todesengel. Unter den Lügen, welche die Inschrift enthielt, war die gröbste: daß Lunds betrübte Wittwe ihm dieses Denkmahl errichtet habe.

Prüfte man die Sache genau, so ließ es sich der Nachgebliebnen eben nicht verübeln, wenn sie über den Todesfall ihre Haare nicht ausraufte. Sie hatte über den Verstorbnen immer die – auch nicht ungerechte – Klage geführt, daß er ihr zu wenig Vergnügen mache. Wenn Alles im Hause bereits zur Ruhe gegangen war, saß er noch an den Büchern, und rechnete dem Buchhalter nach. Morgens stand er am frühsten auf, weckte seine Leute, sah in die Niederlagen, und schmälte arg, wenn er irgend etwas nicht so fand, wie er es finden wollte. Abends und Morgens bekümmerte sich Lund folglich gar nicht um seine Gattin, den Tag über hingegen desto mehr. Früh bekam sie Weisungen, die Köchin zu mehr Sparsamkeit anzuhalten, und darüber zu wachen, daß sie keine Provision am Markt-Einkauf nähme. Mittags gab es gewöhnlich Verweise, daß das Essen zu gut sei, was für die schlechten Zeiten nicht passe. Nachmittags empfahl er seiner Ehehälfte, als eine gesunde Motion, die Mörserkeule zu regen, und gegen Abend ward sie ersucht, den Ladendienern Corinthen, Mandeln, Reiß und andere Material-Waaren, von Unsauberkeiten reinigen zu helfen. Von Schauspiel, Gastereien, und was dahin gehört, war die Rede nie. Aeußerte Frau Lund bisweilen einen Wunsch nach Zerstreuung, dann hieß es: der sonntägliche Kirchengang zerstreue genug. Bei schöner Frühlings- und Sommerwitterung, nach vorsichtigem Aussehn, ob nicht etwa Regen die Kleidungsstücke mit Nachtheil bedrohe, ging Lund auch wohl mit Frau und Tochter am Sonntage vor's Thor. Da man sich dort in das weiche Gras setzte, und in die Anmuth der Gegend sah, würde es immer seine Idyllenwirkung nicht ganz verfehlt haben, wenn der Hausvater, von Landluft umweht, die Stadt vergessen hätte. So aber pflegte er diese Gelegenheiten zu nützen, seinen Frauenzimmern ausführliche Strafpredigten zu halten, weil die Geschäfte zu Hause ihm nur kurze vergönnten. Er bewies dann seiner Frau: daß sie bei weitem nicht mit so geringem Wirthschaftsgelde auszukommen verstehe, wie seine Mutter vor dreißig Jahren, und daß sie eine dumme Gans sei, die sich von den Köchinnen, so lange er sie zur Frau habe, Tag für Tag betriegen lasse. Er hatte nicht völlig unrecht; denn was man Geist nennt, war an Frau Lund eben nicht zu erschaun: sie ließ es bei der Seele bewenden. Wo hätte sie aber auch Geist hernehmen sollen? Ihr Vater hatte sich zwar einst mit Köpfen vielfach beschäftigt, doch für den Kopf seiner Tochter um so weniger etwas gethan, als er sehr geitzig war. Weiland Haarkräusler, gehörte er zu den kunstsinnigsten seiner Kunstgenossen, hatte deshalb auch die meiste Beschäftigung in der Stadt, und frisirte keine Braut unter einem Thaler. Vor zwanzig Jahren wollte Lund sich besetzen. Als Ladendiener hatte er nur hundert Thaler zusammensparen können; nun meinte er: wenn er eine Frau mit etlichen Tausenden nähme, und jene Hundert dazu fügte, so würde sich schon eine solide Materialhandlung gründen lassen. Er klopfte da und dort an, wo sich Tausende vermuthen ließen; doch nirgend wurde ihm aufgethan. Das hatte seine Gründe. Wer Tausende besaß, wollte ihnen auch etwas Namhaftes begegnen sehn; auch war Lund nicht eine schöne, sondern vielmehr eine häßliche Mannsperson, und hatte ein nicht für, sondern gegen ihn einnehmendes Betragen. Nun spekulirte er endlich auf die Tochter des Haarkräuslers. Sie war das einzige Kind; der Vater lief mehr als den halben Tag in seinem gepuderten Rock umher; Präsidenten und Geheime Räthe, Damen vom ersten Rang, gehörten zu dem weiten Kreis seiner Praxis. Auch ging die Sage, daß es ihm gelungen wäre, zwei tausend Thaler zu sparen, die er in sichern Handlungen auf gute Zinsen untergebracht habe.

Lund pochte also auch hier an. Auf Schönheit und Betragen wurde eben nicht gesehen, weil es bei der Friseurstochter um Beides auch nicht sonderlich stand. – Einen Kaufmann zum Schwiegersohn zu haben – schmeichelte der Eitelkeit des Friseurs doch ein wenig; und auf sorgsame Erkundigung bei des jungen Mannes vorigem Principal, erfuhr er: Lund verstehe sich auf die italiänische doppelte Buchhaltung und die Waarenkunde ganz löblich, sei aber auch einem so schmutzigen Geitz ergeben, daß er nicht einmal ein Paar reputirliche Beinkleider habe.

Nun meinte der Haarkräusler: dem könne man schon eine Tochter anvertraun; habe er jetzt wenig, so werde er einst viel haben. Er gab daher sein Ja, sperrte sich aber im Punkte der Ausstattung ganz ungemein. So lange ich lebe, sagte er, gebe ich nichts; dafür aber auch Alles, was ich habe, wenn ich todt bin. Oh gehorsamer Diener, entgegnete Lund; da werde ich mich wohl hüten, die Jungfer Tochter zu lieben.

Endlich verstand der Brautvater sich doch dazu, zwei hundert Thaler, die Kleider und Leibwäsche seiner verstorbenen Frau, sammt einigem Zinn und Messing, herauszurücken. Lund hatte auf mehr gerechnet; weil der Friseur indeß bleich und hager aussah, zuweilen auch hustete, ließ Jener sich die Mitgabe doch gefallen. Denn als ein guter Rechner mußte er theils den Husten ins Gewinn-Conto stellen, theils den Umstand ins Verlust-Conto: daß er, wenn es hier nichts würde, vermuthlich in der ganzen Stadt kein Mädchen, das nur hundert Thaler werth sei, bekommen würde. Ein kupferner Kessel hätte doch beinahe Alles zerschlagen. Diesen wollte der Schwiegersohn noch haben, und der Schwiegervater nicht geben. Den Kessel, sagte Lund, und ich liebe; wo nicht, so lieb' ich nicht. Erst antwortete man ihm zwar: So lassen Sie es bleiben! rief ihn aber doch von der Treppe noch wieder zurück.

Mit drei hundert Thalern fing nun Lund seine Material- und Spezereihandlung an. Einiger Credit that freilich zu Anfang dabei Noth; er wurde indeß bald ansehnlich, als die Börse nicht mehr zweifelte: Lund strahle unter allen Filzen hiesigen Ortes wie ein Stern erster Größe hervor.

Er füllte nach und nach seine Niederlagen mehr, und breitete seine Geschäfte nach kleinen Städten aus, wo er die untergeordneten Krämer mit Waaren versah. Bald discontirte er auch Wechsel, und handelte mit Papieren; doch Alles mit einer so behutsamen Vorsicht, mit einem so richtigen Takt, daß es zu den seltensten Erscheinungen gehörte, wenn es sich zeigte, daß Lund einmal einen Fehlgriff gethan hatte. Nach funfzehn Jahren war es dahin gekommen, daß Papiere, welche Lund kaufte, sogleich ein Procent stiegen, und die Gattung hingegen, welche er ausbot, um etliche Procent fiel. Er merkte sich das, und führte bisweilen die ganze Börse an. Einmal besonders, in den Kriegszeiten, schrieen die Juden Weh über ihn. So eben war eine Schlacht gewonnen, die auf den künftigen Preis der Papiere einen entschieden vortheilhaften Einfluß erwarten ließ. Lund hatte Mittel gefunden, von dem Ereigniß noch zeitiger unterrichtet zu seyn, als die Juden. Er wußte, daß sie einen Agenten im Hauptquartier hielten, der ihnen den Ausgang der nahe bevorstehenden Schlacht sogleich durch eine Estafette melden sollte. Aber auch Lund hatte seinen Schwiegervater dorthin gesandt, und, um viel zu gewinnen, etwas daran gewagt. Der Friseur mußte als Courier herbeifliegen, und obenein auf den Postämtern etliche Schaffner bestechen, daß sie die Juden-Depesche mit lahmen Pferden expedirten. Nun kam die hochwichtige Botschaft um zwölf Stunden früher zu Lunds Ohren, und in diese zwölf Stunden fiel gerade eine Börsenmorgenzeit. Er ließ heimlich aussprengen: eine Hauptschlacht wäre verloren gegangen. Die Juden stritten anfänglich; doch weil ihre Estafette nicht eintraf, so meinten sie: der Feind könnte wohl schon die Postenverbindung stören, und fingen an, Lunds Nachricht zu glauben. Lund kaufte nicht selbst, bot vielmehr emsig feil, was den Papieren, auf die bereits das üble Gerücht wirkte, noch mehr schadete. Seine Bevollmächtigten mußten dagegen zusammenkaufen, so viel sie nur konnten. Eilig schlugen auch die Juden los, weil sie meinten: wäre erst die officielle Nachricht da, dann könnte ein noch tieferes Fallen der Papiere nicht ausbleiben. Damal gewann Lund auf Einen Schlag zwanzig tausend Thaler; der arme schwindsüchtige Friseur hatte aber von seiner übermäßigen Anstrengung den Tod.

Nun glaubte Lund, noch die Erbschaft von dem Schwiegervater zu heben. Schon lange sah er schmachtend danach aus; der Wohlselige aber blieb, bei seinem mäßigen Leben, trotz seiner Schwindsucht, immerfort, wie er seit zehn und mehr Jahren gewesen war. Nur der Couriergalopp hatte die Schwindsucht endlich zu einer galoppirenden gemacht.

Dies Mal täuschte sich Lund aber in seinen Erwartungen. Der Wohlselige hatte in der That einst etliche Tausend Thaler beisammen; kaum war indeß seine Tochter verheirathet, als die Mode seine Kunst in einen solchen Verfall brachte, wie einst die Gothen und Vandalen alle Kunst und Wissenschaft zu Rom. Schwedenköpfe, Titusköpfe, altdeutsche Köpfe, machten den armen Friseuren die Köpfe so warm, daß sie damit gegen die Wände hätten laufen mögen. In den ersten Zeiten ging es noch hin; nur junge Leute dankten ihre Haarkräusler ab, obschon ältere sie Modenarren hießen. Doch als erst im Lauf der Jahre auch Präsidenten und Geheime Räthe Zöpfe und Locken abschafften, als erst auch die Weisen Modenarren wurden, und die Damen ihr ungepudertes Haar durch Kammermädchen in Flechten aufstecken ließen: da war bei den einst hochgeachteten Künstlern ihres Leides kein Ende zu sehn. In so fern Lunds Schwiegervater jetzt nicht viel mehr verdiente, mußte er sein Kapital angreifen und immer davon zusetzen. Ein Unglück gesellte sich zum andern; in Folge des Kriegs hörte das Handelshaus, worin er das meiste Vermögen niedergelegt hatte, zu zahlen auf. Er sagte dem Eidam nichts von diesem Unglück, damit es seine Tochter nicht in Klagen und Vorwürfen empfinden sollte. Des Schwiegervaters nunmehrige Muße benutzte der Eidam genug, und vortheilhaft, zum Ausspähen und Aussprengen dessen, was seinen spekulativen Absichten frommte. Er mußte dabei auch andere, jetzt unbeschäftigte, Kunstgenossen in Thätigkeit setzen, aber sie für ihre Mühe oft aus seiner eignen Tasche bezahlen. Denn Lund versprach wohl ansehnliche Vergütungen; was er gab, war hingegen unansehnlich genug: freilich nicht in Lunds Augen; denn ihm galten schon etliche Groschen für etwas Ansehnliches. Noch ein schwerer Unfall traf den Verstorbenen. Wollte Lund durch fremde Hand kaufen lassen, so wurden des Schwiegervaters Freunde bevollmächtigt; er selbst mußte aber in der Nähe Acht haben, daß nicht Einer mit dem anvertrauten Gelde entwischte. Selbst ein Polizeibeamter, des Alten Vetter, mußte, schnellen Ergreifens wegen, bei der Hand seyn. Nichts destoweniger ging einmal ein Freund mit fünfhundert Thalern davon. Zu leichtfüßig spottete er alles Nacheilens, entkam aus der Stadt, und auch über die Landesgränze. Den Verlust hatte nun der Schwiegervater zu decken, und es kam mit ihm so weit, daß er, trotz seinem ehemaligen Vermögen und Geitz, doch wenig mehr als Puderbeutel, Brenneisen und Kämme nachließ, die, weniger Nachfrage halben, nicht einmal die Trödler kaufen wollten. Die übrige fahrende Habe reichte auch zu den Begräbnißkosten nicht hin, wie spärlich auch Lund dabei zu verfahren gebot. Er suchte für den Leichnam das Armenrecht in einem Gratissarg und Zubehör nach; die Obrigkeit wollte sich aber nicht zur Liberalität bei einem Todten verstehn, der einen reichen Schwiegersohn hinterließ. So mußte schon Lund zutreten; und wie er auch allen eitlen Aufwand vermied, so kostete es ihm doch um so mehr Aerger, als die an seines Schwiegervaters Ableben geknüpfte Hoffnung gänzlich zerrissen war.

Bei jenen sonntäglichen Spaziergängen im Freien blieb auch seine Gattin nie mit Vorwürfen über die eben erzählten Umstände verschont. »Anstatt, daß ich hoffte,« sagte Lund, »von Deinem Vater zu erben, mußte ich ihn noch begraben lassen. Was habe ich nun von Dir gehabt, mein Kind? Zwei hundert Thaler! Denn Kleider, Wäsche, Zinn, Messing und den kupfernen Kessel kann ich doch nicht mitrechnen; Du trägst sie, oder brauchst sie in der Küche. Zwei hundert Thaler sind immer nicht zu verachten, das weiß ich wohl; aber ich kann doch auch nicht einmal behaupten, daß sie mir zu Gute gekommen sind. Denn in den langen Jahren hast Du gewiß zwei hundert Thaler in Essen und Trinken verbraucht; ja, ich habe noch zulegen müssen; zu geschweigen, was die Tochter kostet: eine Last, die Du mir auch aufgebürdet hast.«

Frau Lund erwiederte ihm zwar: Auf meinen zwei hundert Thalern hat doch ein ziemlicher Segen geruht, und mein verstorbener Vater brachte Dir auch noch manchen Thaler ein. Herr Lund bewies aber: seine Spekulationen, sein saurer Fleiß und Schweiß hätten alles gethan. An dem Verlust, den ihr Vater einige Mal gelitten hatte, sollte auch Niemand schuld seyn, als die Tochter. »Du hättest ihn erinnern sollen,« sagte Herr Lund, »daß er sein Geld nicht bei Weber et compagnie lassen müsse; man sprach von diesem Hause schon lange nicht gut an der Börse. Mir wollte er immer nicht sagen, wo sein Geld stände; sonst hätte ich ihm längst ein aviso gegeben. Du hättest ihn auch vor dem spitzbübischen Friseur warnen können, der mit fünfhundert Thalern durchging. Als eine Friseurs-Tochter hättest Du den Spitzbuben wohl kennen sollen. Aber Du bist eine dumme Gans, von der ich alle mein Lebelang nur Schaden gehabt habe.«

Auch seine Tochter Philippine, die gegen das Ende seines Lebens etwa neunzehn Jahre alt war, hatte bei den Spaziergängen ihre Noth. Der erste Vorwurf ging immer auf ihr ganzes Daseyn. Hätte ich Dich nicht, sagte er, o wie viel könnte ich sparen! Gewöhnlich folgten dann Verweise, daß seine Tochter eine Putznärrin sei. Lund pflegte noch hinzuzusetzen: »Und warum bist Du eine Putznärrin? Du denkst wohl einem Mann zu gefallen? Und das könnte am Ende wohl seyn; denn – auch ein großer Fehler an Dir! – ganz passabel siehst Du aus. Ah, gehorsamer Diener! Du sollst nicht heirathen, kannst ledig bleiben. Wenn ein Bräutigam kommt, so will er auch haben; und wo soll man's hernehmen bei den schlechten, nahrungslosen Zeiten, wo aller Handel und Wandel stockt!«

Noch mehr Scheltworte mußte Philippine darüber hören, daß sie ein Mädchen war. Wärst Du ein Junge, hieß es, so könntest Du schon die Lehrjahre überstanden haben, und im Comptoir sitzen. Ich brauchte den Buchhalter nicht. Du könntest in ein Paar Jahren Dich nach einer gut bemittelten Frau umsehn, die so viel Fonds noch zubrächte, als das Haus Lund schon hat; etwa nach zwanzig Jahren änderte sich wohl die Firma, und zeichnete Gottfried Lund und Sohn. Und müßt' ich nach dreißig Jahren, oder später, einmal an meinen Tod denken, dann hätte ich doch die Aussicht, daß die Firma Lund, die an der Börse zu Ehren zu bringen mir so viel Mühe und Schweiß gekostet hat, nicht so bald aufhören würde. Da siehst Du, wie vielen Schaden es mir thut, daß Du ein Mädchen bist.

Philippinens Mutter vertrat sie denn wohl, und erinnerte den Mann: sie doch nicht um etwas zu schelten, wofür sie nicht könne, ihr auch nicht vorzuwerfen, daß sie eine Putznärrin wäre, da dies ja völlig ungerecht sei. Nicht lange vor seinem Tode entstand hierüber ein heftiger Wortwechsel. Wie kann sie eine Putznärrin seyn! sagte die Mutter; sie hat ja keinen Putz!

»Nennst Du das keinen Putz, was sie da trägt?«

Nein! Ein Hauskleidchen von wohlfeilem Kattun.

»Oho! ich soll wohl gar theuren kaufen! Und wenn das kein Putz ist, so möchte sie doch gern welchen haben. Ich seh' ihr ins Herz.«

Mein Himmel, wär es denn auch gerade eine Sünde? Alle junge Mädchen putzen sich gern.

»Braucht sie denn gerade jung zu thun? Kann sie sich nicht alt und ehrbar betragen? Ich habe so oft gesagt, die Kleider, welche Du ablegst, sollen ihr zurecht gemacht werden. Bring' ichs wohl dahin?«

Wie kann ich denn Kleider ablegen? Ich habe selbst nur noch zwei, die so dünne sind, wie Spinnewebe, weil meine selige Mutter sie schon halb abgetragen hat.

»Daß Du ein Reißteufel bist mit Deinen Kleidern, weiß ich schon lange, und Philippine tritt in Deine Fußstapfen. Erst vor drei Jahren habe ich ihr das neue Kleid anschaffen müssen; das alte, hieß es, wäre nicht mehr zu brauchen, und kam auf den Trödel.«

Philippinchen hatte es so geschont, daß es der Trödler noch recht gut bezahlte. Aber es war ihr zu kurz geworden.

»Warum hatte es der Schneider nicht eingelegt? Uebrigens auch einer von ihren Fehlern, daß sie so wächst. Sie braucht nicht allein so oft neue Sachen, sondern immer mehr Zeug dazu.«

Du magst sagen, was Du willst, mein Kind: sie muß doch wieder ein Kleid haben.

»Was? Schon wieder? Erst vor drei Jahren ...«

Da war sie noch nicht sechzehn Jahre; seitdem ist sie erst recht aufgeschossen. Eingelegt war das Kleid; es ist schon einige Mal nachgelassen, nun geht es aber nicht mehr. Pinchen laß einmal das Blumenpflücken, und steh auf ... Da siehst Du? Kaum sind noch die Waden bedeckt.

»Nun, ich sehe noch gar nicht, daß es so sehr zu kurz ist. Aber doch unverantwortlich, wie das Mädchen wächst. Daran bist Du wieder Schuld, sonst Niemand. Das kommt von dem Ueberfüttern.«

In einem Vierteljahr werden vielleicht die Kniee zu sehen seyn. Bedenke doch, was der Wohlstand fordert!

»Wohlstand, Wohlstand! Eben das Mädchen macht, daß ich nimmermehr zu einigem Wohlstand komme! ... Aus einem neuen Kleid wird nichts. Sie kann Sonntags zu Hause bleiben, und im Predigtbuch lesen.«

Und, mein Kind, daß Du immer sagst, Philippinchen soll nicht heirathen, kommt mir auch wunderlich vor. Du wirst so bald nicht sterben. Ach, Gott! ich glaube, Du stirbst in Deinem Leben nicht. –

»Ha ha ha! In meinem Leben freilich nicht, aber in meinem Tode. Du bist und bleibst doch eine dumme Gans! Wenn's aber noch lange damit ansteht, soll es mir lieb seyn.«

O, es wird noch lange genug damit anstehn; Du bist ja gesund, wie ein Fisch im Wasser.

»Das thut meine Mäßigkeit in allen Dingen.«

Wirklich, Du bist allzu mäßig, könntest Dir hier und da wohl manches zu Gute thun, was nicht einmal Kosten verursachte. Aber weil Du selbst doch sagst, daß Du einmal, trotz all' Deinem Verstand und Gelde, wirst sterben müssen – gerade darum sollte Philippine heirathen. Denn wer soll in der Folge erben, was wir haben?

»Sag nur nicht: was wir haben. Das Vermögen gehört mir. Hast Du mir zweihundert Thaler eingebracht, so hast Du mir wohl dreihundert gekostet.«

Nun gut, Dein Vermögen. Soll es denn in fremde Hände kommen? Ist denn Dein eignes Fleisch und Blut Dir nicht lieber, als weitläuftige Vettern und Muhmen?

»Ei, daran werde ich denken, wenn ich dermaleinst dem Tode nahe bin.«

Aber, Du meinst ja, erst in dreißig Jahren würde es dahin kommen. Dann wäre Philippinchen beinahe funfzig Jahre, und das Heirathen könnte auch nicht mehr helfen.

»Im Grunde ist es unartig, Frau, daß Du so oft von meinem Tode sprichst. Das hört Niemand gern, und ich habe doch erst fünf und vierzig Jahre auf dem Nacken. Daß Du es übrigens lieber sehn würdest, wenn ich heute stürbe, als morgen, weiß ich sehr gut.«

Das wohl nicht. Aber Du würdest Dich freun, wenn Du mich begraben lassen könntest; dann kostete ich Dir nichts mehr.

»Ich werde mich aber hüten, daß ich Deinen Wunsch erfülle.«

So viel an mir liegt, ich auch. Du kannst aber ruhig seyn; ich werde Dich nicht überleben, habe nun einmal kein Glück in der Welt.

»Kein Glück? Sei nicht undankbar gegen den Himmel! Dein Vater lief mit dem Puderquast umher; und Du hast einen Mann, der nur Gottfried Lund zeichnen darf, so gilt es an der Börse wie baares Geld.«

Was hab' ich von dem Mann, was hab' ich von dem Geld? Doch laß uns nicht von solchen verdrießlichen Dingen sprechen. Lieber wollen wir nachgerade an Philippinchens Heirath denken.

»Da kömmst Du schon wieder mit Deinem wir! Ich bin Mann, und werde sagen, wie ich's haben will; ihr müßt Order pariren. Bei dem Allen – wenn sich Einer fände, ein solider Mann bei Jahren, der keine Ausstattung verlangte, keinen Heller – wer weiß, was ich thäte! So brauchte ich das Mädchen doch nicht länger zu ernähren.«

Nach dieser Unterredung schien unsern Lund denn doch bisweilen ein Gedanke an die Verheirathung seiner Tochter zu beschäftigen. Er sagte einige Mal: »Ich hätte wohl einen Bräutigam für Philippinen; nur wird sie ihm zu hübsch seyn. Ich kenne ihn; das hat er nicht gern.« Wenn seine Gattin nun fragte, wer es sei, und ob sie den Auserwählten kenne; dann gab er zur Antwort: »Noch ist es nicht so weit; erst muß seine Frau sterben. Da sie aber an einem sogenannten Scirrhus leidet, so kann es damit höchstens noch ein Paar Jahre währen.«

Es währte aber nur ein Paar Monate, und Herr Kauser (so hieß der von unserm Lund zum Schwiegersohn Erwählte), ebenfalls ein wohl renommirter Handelsmann in Material- und Spezerei-Waaren, sah sich in den Wittwerstand versetzt. Er galt an der Börse für gut, und daneben für Lunds Pylades oder Jonathan, indem Beide völlig gleichen Sinnes waren. Er mochte etwa funfzig Jahr alt seyn; aber für jedes konnte er auch wenigstens tausend Thaler auf den Tisch zählen, und war folglich ein nicht zu verachtender Liebhaber, was den einen Punkt betraf. Sollte in anderen Punkten auch etwas zu erinnern seyn, meinte Herr Lund, so müsse man über den Hauptpunkt die Nebenpunkte vergessen. Noch vor dem Ableben der Frau Kauser, hatte Lund den nunmehrigen Wittwer befragt: ob nach demselben Philippine wohl auf seine Hand rechnen dürfe, vorausgesetzt, daß sie nur eine leere Hand bringe, und alle Mitgabe à Conto gestellt sei, bis nach des Vaters Tode. Herr Kauser nahm die Sache in Bedenken, und bedachte heraus: daß es ja vollkommen einerlei wäre, ob Lund oder er Philippinens Geld im Handel umwendete; daß Jener damit eben so viel verdienen würde, wie er selbst, und auch eben so wenig unnütz verthun. Ein so edles Vertrauen zwischen Beiden konnte in der That an Orest und Pylades erinnern.

Als die wohlselige Frau Kauser ihrer sanften Ruhestätte entgegen fuhr, mußte auch Herr Lund sie begleiten, und in der Kutsche des Leidtragenden, welche dem Trauerwagen zunächst folgte, seinen Ehrenplatz nehmen. Er hatte eine schwarze Kleidung dazu entlehnt, und zuvor seiner Ehehälfte gesagt: Philippine möchte sich bereit halten, ihren Bräutigam hernach zu empfangen: denn um nicht viele Zeit an den Geschäften zu verlieren, würde er mit demselben gleich hieher kommen. Auf diese Art könnten zwei Förmlichkeiten zugleich abgethan werden.

Frau Lund hatte doch so viele Begriffe von Anstand, daß sie erinnerte: es würde an diesem Tage sich wenig ziemen, und solche Eil besonders dem Bräutigam übel gedeutet werden.

Herr Lund erwiederte: Solide Geschäftsleute schöben nicht auf, was sie einmal thun wollten, und fragten nach dem Urtheil der Welt gar nicht. Uebrigens sollte es eben keine Verlobung vor Notar und Zeugen seyn, wovon er selbst einräume, daß sie für den Begräbnißtag nicht recht passend seyn würde; sondern bloß ein vorläufiges Versprechen, im Kreis der nächsten Verwandten. Es wäre zugleich eine Gelegenheit, daß Braut und Bräutigam einander kennen lernten.

Frau Lund fragte: welches Kleid nun Philippine anziehen sollte. Wie sie bei dem Spaziergang vor etlichen Monaten vorausgesagt habe, sei durch Philippinens abermaliges Wachsthum das einzige Sonntagskleid nun so kurz geworden, daß wenigstens die Strumpfbänder zum Vorschein kämen. So könne Philippine sich doch einem Bräutigam nicht zeigen!

Herr Lund stampfte mit beiden Füßen. Meinen Sürtout, rief er, den ich im Comptoir zu tragen pflege, habe ich nun zwölf Jahre. Warum kann Philippine nicht auch ein Kleid zwölf Jahre tragen? Ein Kleid, das sie obenein nur Sonntags anzieht! Eigentlich müßte es siebenmal so lange halten, als mein Sürtout, ergo vier und achtzig Jahre!

Die Mutter wandte ihm ganz vernünftig ein: daß er in den verflossenen zwölf Jahren, die er den Sürtout besitze, auch nicht mehr gewachsen sei. Zugleich äußerte sie den Wunsch: aus einem Kleiderladen einen fertigen Anzug gekauft zu sehn, der sich für eine Brautbesichtigung zieme.

Possen! rief Herr Lund; sie mag in dem alltäglichen Hausanzug von Damis erscheinen.

Es ist ja nicht einmal Damis, sagte Jene; nur gefärbte schlechte Leinwand. Und auch schon alt, geflickt, unten ein breiter Saum angenäht, dessen Farbe absticht.

»Thut nichts! Da sieht Freund Kauser, daß man hier nicht überflüßige Haushaltungskosten ins Cassa-Buch notirt, obwohl er sich das ohnehin vorstellen kann. Und Philippine – auch einer von ihren Fehlern, daß sie nur allzu hübsch ist – soll ihm nicht gut ins Auge fallen. Er möchte sonst zurückziehn; es kömmt ihm auf das Netto bei einer Frau an, nicht aufs Brutto, und die Schönheit ist immer ein Brutto, wovon der Mann nur unnütze Last hat. Er muß sorgen, wachen, daß nicht Andere zu der Waare Lust bekommen, und je mehr eine Frau weiß, daß sie passabel aussieht, je ärger quält sie den Mann noch um hübsche Emballage. Ich habe oft gesagt, daß ich etwas darum gäbe, wenn Philippine häßlich wäre. Als Heirathsartikel ist es doch immer einerlei; der Mann gewöhnt sich an eine häßliche Frau, wie an eine hübsche; nach Jahr und Tag weiß er nicht mehr, wie seine Frau aussieht. Doch er kann bei den Geschäften ruhiger seyn, und braucht nicht an der Börse zu denken: jetzt ist ein Hausfreund bei meiner Frau; wenn er so klug gewesen ist, sich eine zu nehmen, die nicht hübsch ist.«

Dabei hatte es sein Bewenden. Philippine erfuhr mit geheimen Grauen ihre Bestimmung. Nie hatte sie Herrn Kauser gesehn; aber es fehlte ihr nicht an natürlichem Verstande, um a priori zu schließen: der Vater würde ihr wohl eben nicht einen liebenswürdigen Mann aussuchen.

Die Leser könnten mit Recht fragen: woher Philippine doch einen Begriff von Liebenswürdigkeit genommen habe? In der That war sie einst gar schlecht unterrichtet worden, kam nur bei den schon erwähnten Gelegenheiten aus, und sah weiter Niemanden, als die Hausgenossen. Denn hatte Jemand in Geschäften mit Lund zu reden, so mußten die Frauenzimmer sich entfernen, wenn sie nicht ohnehin häusliche Verrichtungen hatten.

Bei dem Allen war Philippine nicht ganz ungebildet. Erstlich hatte sie einen lebhafteren natürlichen Verstand, als ihre Mutter. Zweitens ereignete sich aber auch ein Umstand, wodurch einige Entwickelung dieser Anlage entstehen konnte, und wirklich entstand.

Vor Jahr und Tag hatten sich Lunds Geschäfte dergestalt erweitert, daß er, neben den gewöhnlichen Ladendienern, eines Buchhalters bedurfte. Er hatte zeither die Verrichtungen desselben theils allein besorgt, theils den ältesten seiner Ladendiener dazu gebraucht. Dieser ging nun von ihm ab; von den übrigen hatte keiner die nöthigen Kenntnisse, und überdem war, wie schon gesagt, der Kreis, in welchem man sich tummelte, bei weitem größer geworden.

Als Lund damal einen Buchhalter suchte, war es nicht leicht, einen nach seinem Wunsch zu finden. Junge Handelsbeflissene von Erziehung und mannichfachen Kenntnissen pflegten ein gutes Gehalt, gute Beköstigung, und eine anderweitige gute Behandlung zu wollen. Lund verlangte nun mehr Kenntnisse, als er selbst hatte: der Buchhalter sollte in französischer, englischer und italiänischer Sprache Correspondenz führen, was Lund nicht verstand, was aber geschehen mußte, in so fern er die zeither nur auf Deutschland beschränkten Geschäfte über dessen Gränzen hin ausbreiten wollte. Disconto und Handel mit Papiergeld waren nicht mehr so lebhaft wie sonst; Lund hatte namhafte Summen liegen, und mußte sehn, wie er den größtmöglichen Ertrag davon zöge. Trieb er indeß auch manchen Großhandel, so lebte er doch immer noch auf dem Fuß eines Kleinkrämers; ja, selbst bei dem kleinsten unter den Kleinkrämern würde man wohl kaum eine so armselige Lebensweise gefunden haben. Unter diesen Umständen wollte er zwar bei seinem Buchhalter ungemein große Kenntnisse, aber ihn nur schlecht besolden und schlecht beköstigen. Auch sollte der Buchhalter sich – mitunter wenigstens – gefallen lassen, daß er schlecht behandelt würde; denn in dem, was man behandeln nennt, ging Lund mit seinen Ladendienern gar wenig zart um: sie mußten Rippenstöße und andere handgreifliche Weisungen hinnehmen, und wurden nicht allein in der dritten Person angeredet, sondern häufig auch in den Vocativen der Substantive Esel, Schlingel, Lümmel u. s. w. Dies hatte freilich die Folge, daß keiner so leicht ein halbes Jahr bei ihm aushielt.

Als er sich jetzt an der Börse in seiner Absicht umthat, und die Mäkler um junge Handelsbeflissene mit vorzüglichen Kenntnissen befragte, gab es deren wohl, die ein Unterkommen suchten, doch nicht Einen, der es bei Lund finden wollte. Wurde ihnen nur der Name genannt, so hörten sie auch schon auf, von der Sache zu sprechen, und die Mäkler waren also nicht im Stande, Herrn Lund ein taugliches Subjekt nachzuweisen. Einige Monate blieb dessen Absicht unerfüllt; dann meldete sich aber ein hübscher junger Mensch von selbst bei Herrn Lund, mit der Anfrage: ob er bei ihm die Stelle eines Buchhalters bekommen könne.

Lund maß ihn vom Wirbel bis zu den Sohlen. Letztere waren etwas schadhaft, und dort die Haare ohne alle Zierlichkeit geordnet. Ein abgetragner Ueberrock von schlechtem Tuch kam hinzu. Dies Alles konnte dem Prüfenden schon gefallen. Der junge Mensch hielt, dem Ansehen nach, nicht auf windige Eleganz, und trug seine Kleidungsstücke so lange als möglich. Also konnte er sich auch mit wenigem Gehalt begnügen.

Herrisch fragte ihn Lund: ob er Zeugnisse aufzuweisen habe. Jener nahm deren mehrere aus einem wurmstichigen Taschenbuch. Sie waren von namhaften Häusern in Hamburg, Wien und Leipzig ausgestellt, wo der Jüngling conditionirt hatte, und klangen sehr löblich.

Lund hielt sie gegen das Fensterlicht, um zu sehen, ob auch nichts darin radirt und beliebig geändert sei. Dann fragte er barsch: »Aber warum blieb man nicht länger an einem Orte, und zieht umher, wie die Zigeuner?«

Bescheiden wurde ihm geantwortet: Um an verschiedenen Orten meine Kenntnisse zu erweitern.

Nun mußte der junge Mann zur Probe einige verwickelte Handelsrechnungen machen, oder lösen. Hierauf verstand sich Herr Lund; und er sah nun, daß es schnell, richtig, und mit einer saubern Handschrift vollzogen ward. Gleichwohl tadelte er Einiges daran.

Nun führte er den jungen Mann in seine Speicher und Niederlagen. Dort mußte er die Waaren nennen, ihre Güte beurtheilen, und ihre Preise abschätzen. Auch hier bestand er wenigstens ziemlich.

Lund schüttelte aber dennoch den Kopf, ging wieder mit ihm ins Comptoir, und verlangte Geschäftsbriefe in mehreren Sprachen, nach einem durch ihn bestimmten Inhalt.

Sie waren bald vollendet, und hatten ein zierliches Ansehn. Selbst konnte Lund sie nicht beurtheilen, und beschied deshalb Jenen auf den folgenden Tag wieder zu sich.

Unterdessen zeigte er die Briefe einigen Kaufleuten und Mäklern, die fremde Sprachen verstanden, und hörte, daß nichts daran zu tadeln sei.

Ketter – so hieß der junge Mann – fand sich um die bestimmte Zeit wieder ein.

Ganz bin ich zwar nicht zufrieden, sagte Lund; indeß – ich will's versuchen. Was verlangt man an Gehalt?

Zu seiner Befremdung ward nur eine höchst mäßige Summe vorgeschlagen. Lund bot demungeachtet nur die Hälfte. Der junge Mensch zuckte die Schultern, berief sich auf die theure Zeit, und den Umstand: daß er eine unvermögende Mutter habe, die er unterstützen müsse. Doch, setzte er hinzu, will ich für das nächste Vierteljahr einschlagen; auf die Bedingung, daß mir der Herr Principal Einiges zulegen, wenn meine Dienste Ihnen genehm sind.

»Das kann vielleicht geschehn, erwiederte Herr Lund; doch muß ich erinnern, daß man nur Hausmannskost finden wird.«

Daran bin ich in meiner Jugend gewöhnt worden, und sie ist mir die liebste.

»Auch, daß man nicht zu empfindlich seyn darf. Ich habe ein etwas hitziges Naturell, meine es aber gut.«

Ich werde mich stets um die Zufriedenheit des Herrn Principals bemühn; so darf ich keinen Unwillen fürchten.

»Auch, daß man nicht auf einerlei Arbeit muß beschränkt seyn wollen. In meinem Hause kömmt mancherlei vor; und wer in meinem Lohn und Brot steht, muß überall mit angreifen, wo es Noth thut.«

Gern werde ich Ihnen so viele Dienste leisten, als ich nur vermag.

»Auch, daß man ordentlich seyn muß, nicht Abends und Sonntags auslaufen, keine junge lustige Bekannten in's Haus ziehn, die Unfug treiben.«

Die Pflicht der Ordnung versteht sich von selbst; übrigens bin ich hier fremd, und habe keine Bekannten.

»Noch Eins! Man hat nur eine Kammer; auf eine geheitzte Stube lasse ich mich nicht ein.«

Ich bin jung und nicht frostig.

»Am beßten auch, ein junger Mensch wärmt sich das Blut durch Arbeit. Nun – wann will man anziehn?«

Noch heute; in diesem Augenblick, wenn Sie es befehlen.

»Gut; so setz' Er sich gleich an den Schreibtisch.«

In dem Augenblick, wo sich Lund in den wirklichen Principal des Buchhalters verwandelt hatte, verwandelte er auch das bisherige man in die Anrede Er. Andere Buchhalter würden ihm die dritte Person mindestens zurückgegeben haben; Ketter hingegen war so bescheiden, daß er sich gefallen ließ, was Herrn Lund gefiel.

Dieser hatte auch späterhin nicht die mindeste Ursache, Ketters Anstellung zu bereun. Er verrichtete die ihm aufgegebenen Geschäfte nicht allein pünktlich, sondern brachte auch, durch seinen klugen Rath, dem Brotherrn manchen namhaften Vortheil. Er aß und trank so mäßig, wie es ein Harpagon nur verlangen konnte; und waren am Abend die Comptoirgeschäfte vollendet, hatte er nichts dagegen, wenn Lund ihn anwies, mit seiner Frau und Tochter Spezereien zu verlesen, oder Düten zu kleistern. Ungemein selten ging er Sonntags aus, und immer kam er schon nach einer Stunde zurück. In allen Stücken konnte Lund sowohl auf die strengste Redlichkeit, als auf seinen treusten Eifer, den Nutzen der Handlung zu fördern, bauen.

Hatte indeß der Kaufmann, bei so vielem Vortheil, keinesweges Ursache zur Reue, so ärgerte er sich dennoch über den Buchhalter; besonders, als das erste Vierteljahr zu Ende ging. Lund war so weit entfernt, ihm nun eine Gehaltszulage zu bewilligen, daß er vielmehr an einen Abzug dachte. Bei den Ladendienern pflegte das immer zu geschehn; sie hatten irgend etwas zerbrochen, das ihnen zu einem viel höheren, als dem wirklichen, Preise angerechnet wurde, oder es fehlte irgend etwas; genug, Herr Lund verkürzte ihnen den Lohn, und nicht selten bekamen sie gar nichts, oder mußten wohl noch zugeben. Einen ähnlichen Anlaß konnte nun der Principal bei seinem Buchhalter nicht auffinden, wie emsig er auch danach suchte; ja, nicht einmal eine Ursache, ihn zu schelten. So konnte er auch, wenn beim Ablauf des Vierteljahrs Ketter etwa an die ausbedungene Zulage erinnerte, ihm nicht das Mindeste vorwerfen, um die Anschuldigung zu begründen: er sei nicht zufrieden genug mit seinen Diensten, um sein Gehalt zu erhöhen. Deshalb brach er manche Gelegenheit vom Zaun, den jungen Menschen zu schelten. Doch auch hier wurde ihm nur Geduld entgegengesetzt, und als die ersten drei Monate verflossen waren, erinnerte ihn Ketter nicht an jene Bedingung, sondern ließ das kleine Gehalt auch ferner gelten.

Die Abendstunden, wo Ketter sich mit den Frauenzimmern beschäftigen mußte, hatten indeß ihre Nebenwirkungen. Lund pflegte dann oben in eine wohlverwahrte Kammer zu gehn, die seine baaren Summen, und solche Papiere enthielt, wovon Andere nichts wissen sollten. Stundenlang schloß er sich dort ein, zählte, rechnete und schrieb. In seiner Gegenwart sprach Ketter von nichts als von Geschäften, und meistens nur, wenn er befragt wurde; an die Frauenzimmer richtete er nie ein Wort; es hatte das Ansehn, als wäre der junge Mann zu blöde und verlegen dazu.

So verhielt es sich aber in der That nicht; denn sobald Lund sich entfernt hatte, erzählte Ketter Jenen Manches von den großen Städten, worin er sich aufgehalten hatte, oder knüpfte andere Gespräche an, in welchen er sich geistreich genug zeigte. Das unterhielt die so einsam gehaltenen Frauenzimmer angenehm; besonders merkte Philippine eifrig auf Ketters Reden, und zog manche Belehrung daraus. Ihre Mutter hatte nichts dagegen, und sie selbst schöpfte immer mehr Vertrauen zu dem jungen Mann. Er äußerte sich nun auch offen über den Umstand, daß Philippine so wenig Unterricht bekommen hätte, da, bei ihren vortrefflichen natürlichen Anlagen, ihr doch ein mannichfacher zu wünschen sei. Frau Lund sagte: Zu so etwas giebt der Alte kein Geld her; ich selbst sehe wohl ein, daß es Schade um Philippinchen ist, die hier ganz versauern muß, kann aber nichts dabei thun. Nun erbot sich Ketter, in den Abendstunden zuweilen aus einem guten Buche vorzulesen. Jene ließ das gern geschehn, hörte selbst mit großem Vergnügen zu, und willigte auch ein, daß Philippine solche Bücher mit in ihre Schlafkammer nehmen, und sich dort noch daraus belehren konnte. Der junge Mann schrieb ihr auch kleine Aufgaben nieder, mit denen sie sich einsam beschäftigen sollte. Daß man dies Alles vor Lund geheim halten mußte, versteht sich von selbst.

So gelangte Philippine nach und nach zu verschiednen nützlich belehrenden Schriften. Ketter gab ihr Wilmsens Kinderfreund, Raffs Naturgeschichte, Campens Rath für seine Tochter, einige auserlesene Schauspiele, einige Romane von moralischer Tendenz, und mehr, was Geist und Herz bilden konnte. Je angenehmer Philippinen die neuen Beschäftigungen wurden; desto mehr Zeit wendete sie darauf, so viel sie es vor ihrem Vater konnte. Noch kein Jahr war verflossen, und man hätte sagen mögen: mit Philippinen habe sich ein halbes Wunder ereignet. Das sonst kalte, stumme, oder einsilbige Mädchen, an dem nur bisweilen ein lebhaftes Augenblitzen, oder hie und da eine wohl treffende, aber doch übel ausgedrückte Bemerkung ein nicht ganz gewöhnliches Geschöpf ahnen ließ, zeigte nun tiefes, warmes Gefühl, helles Urtheil, nicht selten gar muntern feinen Witz, und hatte im Gedächtniß mannichfache Kenntnisse aufgesammelt. Hatte das – scheinbare – Gänschen sich dergestalt umgewandelt, so konnte man auch bei der Mutter (die Lund eine wirkliche Gans nannte) einige auffallende Entwicklung nicht verkennen. Wenigstens hatte sie mehr Umsicht, als ehedem, wußte die Menschen richtiger zu beurtheilen, und vertraute den eignen Augen mehr.

Daß Lund von den Veränderungen, die mit Beiden vorgegangen waren, wenig merkte, war natürlich. Einmal verbargen sie sich klug vor ihm, und zweitens hatte er den Kopf zu voll von Geschäften, als daß er auf die Frauenzimmer sorgsam hätte achten mögen. Auch sprach er mit ihnen immer nur vom Nöthigen, oder schalt über das Erste Beßte. Ließ man sich dort einmal unvorsichtig ein kluges Wort entfallen, so rief er: »Sehe doch Einer! die Philippine wird am Ende gar naseweis! Willst Du schweigen?« Oder auch: »Die Gans will noch auf ihre alten Tage klug thun.«

Daß Philippine durch Ketters mündliche Unterhaltungen einen starken Impuls auf Gemüth und Verstand bekommen hatte, litt übrigens keinen Zweifel. In dem letzten Vierteljahre hatte sie oft auch Gelegenheit, ihn allein zu sprechen. Es geschah während der sonntäglichen Spaziergänge ihrer Eltern, welche sie, bei dem Mangel an einem neuen Kleide, nicht begleiten konnte. Indeß war Ketter viel zu rechtlich, Mißbrauch von diesen Annäherungen zu machen; er unterrichtete Philippinen nur um desto eifriger über moralische und andere nützliche Gegenstände.

Philippine hatte jetzt auch einige Begriffe von männlicher Liebenswürdigkeit, und die mochte sie hauptsächlich wohl in dem letzten Vierteljahre bekommen haben. Ketters Gestalt war nicht unedel; er kleidete sich zwar ärmlich und wenig zierlich, Philippine hatte indeß nur selten wohlgekleidete junge Männer gesehn, da sie nirgend hinkam. Uebrigens hatte sie wenig natürlichen Hang zum Putz, und daher war ihr auch der Anzug eines Mannes ziemlich gleichgültig. So viel sah sie indeß wohl, daß Ketter, wenn er sich in eine elegante Kleidung würfe, andern artigen Männern keineswegs in der äußern Anmuth nachstehn würde, die sie einer solchen Kleidung verdankten.

Um so niedergeschlagner mußte sie aber seyn, als sie vernahm, daß ein von ihrem Vater gewählter Bräutigam sich ihr zeigen würde. Die Mutter war mit ihr besorgt, wußte ihr aber keinen Trost zu geben; denn Lund hörte auf keine Einreden, trat ihnen stets vielmehr mit Hitze und Härte entgegen, und setzte zuletzt immer despotisch seinen Willen durch.

Nur Eine Hoffnung behielt Philippine noch, in dem Fall, daß sie dem Bräutigam etwa nicht gefiele. Es war ihr daher lieb, in schlechter Hauskleidung vor ihm erscheinen zu müssen; sie schwärzte diese Kleidung noch absichtlich am Küchenherd, und machte sich auch noch selbst einige Rußflecken in das Gesicht. Daneben beschloß sie, gebeugt und linkisch aufzutreten, und auf Alles, was der Bräutigam sie fragen würde, so dumm und albern als möglich zu antworten.

Die Mutter sagte zwar: Ich kenne Herrn Kauser nicht, habe auch sonst nichts von ihm gehört; es wäre aber doch möglich, daß wir uns Beide irrten, und daß der Vater einen Mann ausgesucht hätte, der Dir gefallen könnte. Also ist es nicht klug gehandelt, wenn Du ihm zu mißfallen suchst.