„Walle, walle, Schleier weiß,
Flocke, Flocke, falle du,
Hüllt die Erd’ in Schnee und Eis,
Deckt die jungen Saaten zu!
Walle, walle weißer Schnee,
Flocke auf Flocke fall’ herab,
Tut es auch den Blüten weh,
Sterben auch die Blätter ab!
Ohn Erbarmen schwingt den Stab,
Winters schöne Tochter leis,
Weißer Schnee deckt Grab auf Grab,
Erde ist gebannt in Eis.
Und mit weißen Armen sacht,
Will dein Kindlein ich umhüllen.
Komm, mit meiner weißen Pracht,
Will ich seine Schmerzen stillen.
Walle, walle, Schleier weiß,
Flocke, Flocke, falle du,
Hüllt die Erd’ in Schnee und Eis,
Alles Leben decket zu!“
Von dem Gesang aber erwachte der kranke Knabe, der auf den Armen seiner Mutter eingeschlafen war; er schlug die Augen auf und sah die schimmernde Gestalt der Schneekönigin. „Ei, Mutter,“ rief er, „sieh doch dort die wunderschöne Prinzessin mit der Krone! Mutter, sie winkt mir, ich will zu ihr, sie hat gewiß ein schönes Schloß!“
Der Kranke versuchte, aus den Armen der Mutter herabzugleiten, doch verzweifelt hielt die ihn fest und rasch riß sie sich ihr Tuch vom Kopf und verhüllte damit das Gesicht des Kindes. Aber eine der weißen Gestalten blies das Tuch fort und nun jubelte der Kleine: „Mutter, Mutter, die Prinzessin ist wieder da, ich will zu ihr, ach bitte, bitte, laß mich doch los!“
Da, in dieser höchsten Not, kamen der armen Witwe die Tränen, die seit Wochen versiegt waren. Ein paar heiße, schwere Tropfen rannen aus ihren Augen, sie fielen gerade auf die Hände der Schneekönigin, die eben nach dem Knaben greifen wollte.
Mit einem lauten, gellenden Schrei wich die Schneekönigin zurück. Menschentränen brannten sie wie Feuer und jäh verstummte auch der Gesang ihrer weißen Dienerinnen.
Die Mutter ergriff wieder fester ihr Kind, sie nahm alle ihre Kraft zusammen und versuchte den Ausgang des Waldes zu gewinnen. Fern, fern sah sie ein Lichtlein schimmern, ach! gewiß wohnte dort der berühmte Arzt.
Aber nun begann es wieder zu schneien, still, lautlos, immer dichter fiel der Schnee, und so viele Mühe sich der Mond auch gab, sein Licht erhellte immer schwächer die Dunkelheit. Die arme Witwe sah das weiße Verderben wachsen, sie kam kaum noch vorwärts, schon sank sie bis über die Kniee in den Schnee ein, und nun fing ihr Kind auch noch jämmerlich an, vor Schmerzen zu weinen.
Verzweifelt schluchzte die Mutter auf, und wieder rannen ihr ein paar Tränen aus den Augen, es waren die allerletzten, die sie besaß. Die fielen auf den Schnee nieder und plötzlich schmolz dieser darunter, wie unter dem Kuß der Frühlingssonne. Leichter konnte die Frau schreiten, und sie nahm noch einmal ihre Kraft zusammen und erreichte glücklich den Ausgang des Waldes. Dort aber brach sie ohnmächtig zusammen. —
Als sie wieder erwachte, befand sie sich in einem hellen, behaglichen Stübchen. In einer Ecke prasselte und glühte ein kleines Öfchen, und ein Kater lag davor und schnurrte, als müßte er Leinwand zu zwölf Hemden spinnen. Und wie bei der weisen Frau jenseits des Waldes, blühten auch hier bunte Blumen trotz der Winterkälte, und allerlei bunte, fremdländische Vögel hüpften und piepsten im Zimmer herum.
Vor einem schneeweißen Bettchen, das an der einen Seite der Stube stand, saß ein alter Mann, in dem Bett aber lag ihr Kind, das schlief fest und es hatte blühende Wangen und sah so frisch und gesund aus wie ein Äpfelchen.
„Mein Kind lebt,“ jubelte die Mutter, „Gott sei gedankt, es wird gesund!“
„Ja, freilich wird es gesund,“ sagte der alte Mann, der der berühmte Arzt war, „und weißt du, was das Heilmittel war, das ihm geholfen hat?“
„Wie soll ich das wissen,“ sagte die arme Witwe, „ich bin doch nicht weise und gelehrt!“
Der Arzt lächelte: „Und du hast doch das Mittel selbst angewandt: Mutterliebe und Muttertränen haben dein Kind gesund gemacht!“
In diesem Augenblick schlug der Kleine seine Augen auf. Als er seine Mutter sah, streckte er jauchzend seine Ärmchen nach ihr aus: „Mutter!“ rief er, „ich habe von einer wunderschönen Königin geträumt, das war fein! Ach, und so schön hat sie gesungen! Hör’ das Lied, ich kann es noch.“ Er sang mit feinem Stimmchen das Lied, und der Arzt sagte: „Dein Sohn, Frau, wird einst sehr berühmt werden; wenn einer das Lied der Schneekönigin behält, dann wird er viel Ruhm und Glück im Leben gewinnen.“
„Möge er gut werden, das ist die Hauptsache,“ sagte die Mutter innig.
Bis der Frühling kam, blieb die Witwe im Hause des Arztes, dann kehrte sie mit ihrem gesunden Kind in die Heimat zurück. Diesmal war es wundervoll durch den Wald zu gehen, den die Schneekönigin längst, grollend über des Frühlings Sieg, verlassen hatte.
Und aus dem kleinen Jungen der armen Witwe wurde später ein hochberühmter Künstler. Wohin er auch mit seiner Geige kam und spielte, überall jubelten ihm die Menschen entgegen; das schönste Lied aber, das er spielte, war das Lied, das ihm einst die Schneekönigin mit ihren weißen Fräuleins vorgesungen hatte.
Seiner Mutter, die er liebte, wie nur ein guter Sohn seine Mutter lieben kann, baute er ein schönes Haus, das in einem wundervollen Garten lag. Er selbst heiratete dann eine Gräfin und alle zusammen lebten in dem schönen Haus glücklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch. —
„Aus ist die Geschichte,“ sagte Fräulein Helene mit ihrer lieben, warmen Stimme. Sie nahm Brigittchen auf den Arm und sah der Kleinen in die Veilchenaugen, die auf einmal so traurig aussahen. „Was fehlt dir, mein Liebling?“
„Wenn ich doch eine Mutter hätte,“ flüsterte die Kleine betrübt. Niemand hörte das, denn die anderen Kinder beredeten die Geschichte laut und ausführlich, nur Jantge sah still drein und Fräulein Helene sagte: „Sei dankbar, Brigittchen, für das, was du hast; sieh, Jantge hat nicht einmal einen Vater.“
Da wurde Brigittchen still, nachher ging sie zu Jantge hin und war so liebevoll zu der kleinen Freundin, daß Severin beinahe eifersüchtig wurde, und er gab sich erst zufrieden, als er beim Heimweg zwischen Jantge und Brigittchen gehen durfte.
„Es war doch fein, daß uns Fräulein Helene eingeladen hat,“ sagten die Kinder, als sie heimgingen.
„Das Schönste war doch die Geschichte,“ rief Brigittchen.
Die andern stimmten ihr zu, nur Severin war sich noch nicht klar, ob die Schokolade, das Spielen oder die Geschichte am schönsten gewesen sei, und am liebsten hätte er sich zu morgen gleich wieder einladen lassen, um darüber zu entscheiden.
Aber das gab es nicht, dafür aber gab es Tauwetter und der Schnee lief so geschwind vor der Sonne von dannen, daß sämtliche Schneemänner im Städtchen umpurzelten. Und von den Dächern rannte der Schnee herunter, eins, zwei, drei, klatsch, da lag er unten auf der Straße, wurde schmutzig, wurde zu Wasser, und weg war er. Auf den Dächern aber saßen die Vögel und zwitscherten und piepten und wenn einer ganz genau hinhörte, dann verstand er, was die Vögel riefen, nichts anderes als: „Es wird Frühling, es wird Frühling!“
Osterwasser.
Er kam nun wirklich immer näher der Frühling! Der Winter raffte seinen weißen, schon ein bißchen zerfetzten Mantel zusammen und zog brummelnd davon. Manchmal drehte er sich noch herum und warf den Menschen, deren Jauchzen ihm nachtönte, ärgerlich eine Handvoll Schnee auf die Köpfe. Aber das schadete nicht mehr viel, man merkte es doch an allen Ecken und Enden, daß der Frühling kommen wollte. —
Doktor Fröhlich und seine Schwester merkten es auch, wenn sie in ihrem Garten spazieren gingen. Da schaute ein grünes Spitzchen heraus und da eins, die Krokusse waren draußen, ehe man sich’s versah, wie kleine Soldaten standen sie in ihren blauen, gelben und weißen Röcklein auf der braunen Erde. Und die Schneeglöckchen kamen, die Leberblümchen, auch die Hyazinthen steckten ihre dicken Köpfe hervor. Der Garten war der Wunder voll. Jeden Tag entdeckten die Geschwister etwas Neues, Schönes, und Brigittchen, die täglich den Weg ins Nachbarhaus fand, jauchzte mit über all die köstlichen Frühlingswunder.
Die beiden Geschwister dachten und sprachen von ihrem einsamen Leben in den Weltstädten, dort war der Frühling gekommen und vergangen und sie hatten ihn kaum recht gespürt, aber hier in dem kleinen Städtchen gab es so viel Frühlingsahnen und so viele Frühlingsfreude, daß jeder Tag wie im Feierkleid dahinging.
Brigittchen sang kleine, fröhliche Frühlingslieder, der Doktor grub im Garten die Beete um, und manchmal kam auch Herr Schön mit hinüber ins Nachbarhaus, und Fräulein Helene zeigte ihm alle Blumen und die Knospen an den Bäumen und Sträuchern.
Die Kinder aber sagten zu einander: „Nun fangen bald die Osterferien an!“
Manch ein Bube und manch ein Mädelchen sagte dies freilich recht bedrückt, das waren die, die ans Sitzenbleiben und an schlechte Zensuren dachten. Zu denen gehörten aber die fünf Schatzgräber nicht, selbst Wendelin und Severin, die sich gerade nicht immer durch besonderen Fleiß auszeichneten, hatten in den letzten Wochen noch mit beinahe unheimlichem Eifer gearbeitet und hatten so die Klippe des Sitzenbleibens kühn umschifft. So redeten sie denn auch sehr stolz und sicher von den Osterferien und von Feiertagslust, als sie mit den drei Mädels und Jörgel in Meister Hippels Turmstübchen saßen, es war kurz vor Ostern, ein Tag vor Schulschluß.
Klaus Hippel erzählte den Kindern allerlei, und dabei sagte er auch: „Ich hab’s zwar noch nie gesehen, aber möglich ist’s schon, daß die Sonne am Ostermorgen einen Hopps macht und ein Weilchen tanzt!“
Die Kinder lachten, nur Brigittchen schaute ernsthaft mit großen, verträumten Märchenaugen drein, ihr schien es gar nicht unmöglich, daß die Sonne tanzen könnte.
„So ein Unsinn!“ rief Jörgel.
„So, Unsinn? Herr Naseweis und Grünschnabel!“ schrie der kleine Pantoffelmacher geärgert. „Dann glaubst du auch wohl nicht, daß Osterwasser eine besondere Kraft hat?“
„Ich weiß nicht,“ murmelte Jörgel etwas verlegen, er wußte nämlich gar nichts vom Osterwasser.
„Was ist denn Osterwasser, wo gibt es denn das?“ fragte seine Schwester Anne-Marte, der schon wieder das Kichern in den Wangengrübchen saß.
Meister Hippel guckte über seine Brille weg die Kinder forschend an, er machte ein Gesicht, daß niemand wußte, ob er ernst oder spaßhaft gesinnt war. „Na, paßt auf,“ sagte er, „Osterwasser nennt man Wasser, das Kinder, Jünglinge oder Jungfrauen am Ostermorgen gerade vor Sonnenaufgang aus einer Quelle schöpfen. Es ist aber nicht so einfach, Osterwasser zu holen, man darf kein Wort dabei sprechen, überhaupt nicht lachen, nicht weinen, schweigend muß man das Wasser holen und auf dem Heimweg darf man beileibe keinen einzigen Tropfen vergießen, auch darf die Sonne nicht in den Krug scheinen, und vorher darf es niemand wissen, der nicht mitgeht.“
„Das ist aber schwer,“ flüsterte Jantge mit einem kleinen Seufzer.
„Na, freilich ist’s schwer,“ brummte der Meister, „für nichts ist nichts. Das Osterwasser hat aber auch seine besondere Kraft. Es macht den Menschen schön, verleiht ihm Gesundheit und Reichtum. Ja, guckt mich nur an, ich bin auch mal Osterwasser holen gegangen, und es hätte sicher viel Glück gebracht. Ich habe auch kein Wort dabei gesprochen und es vorher niemand gesagt und meinen vollen Krug sorgsam nach Hause getragen, und wie ich die Treppe hinaufgehen will, kommt mir Muxel, unser schwarzer Kater entgegengelaufen, ich stolpere, falle, und weg war mein Osterwasser. Das nächste Jahr war ich krank, dann habe ich es verschlafen, dann habe ich geheiratet, und so bin ich nie zu Osterwasser gekommen!“
„Wie schade!“ rief Brigittchen mitleidig.
Jörgel lachte, er glaubte nicht recht an das Osterwasser, aber Wendelin und Severin warfen sich verständnisvolle Blicke zu, sie glaubten fest daran, denn Heine, der kluge Heine, hatte auch davon erzählt.
Nachher auf dem Heimweg sagte Wendelin auf einmal: „Wir könnten doch alle miteinander Osterwasser holen gehen, es wäre doch fein!“
„Ach ja,“ riefen die drei Mädels wie aus einem Munde.
Jörgel machte ein bedenkliches Gesicht: „Es geht uns vielleicht wie mit dem Schatz und nachher werden wir ausgelacht! Lieber nicht!“
„Sei doch nicht so eingebildet!“ rief Severin. Es war dies allerdings ein höchst ungerechter Vorwurf, aber weil Jörgel Ostern schon nach Quinta kam, und die Bäckerbuben, die freilich ziemlich in gleichem Alter mit ihm waren, noch in der letzten Vorschulklasse saßen, glaubten sie mitunter, Jörgels Zweifel an Meister Hippels und Heines Erzählungen sei nur Einbildung.
„Sei doch kein Spielverderber,“ sagte nun auch Anne-Marte, „es ist doch anders wie beim Schatzgraben, wir brauchen ja nicht im Dunkeln zu gehen?“
„Wir wollen doch gehen,“ flüsterte Jantge. Sie dachte bei sich, vielleicht hilft das Osterwasser der Urgroßmutter, und darum wollte sie gehen.
Auch Brigittchen bat: „Wir wollen doch gehen!“ Die kleine Träumerin lockte das Geheimnisvolle, Märchenhafte, sie gedachte irgend etwas Wundervolles zu sehen und zu hören, vielleicht tanzte die Sonne auch wirklich.
„Na, meinetwegen,“ brummte Jörgel. Im Grunde ging auch er gern, denn wer konnte es wissen, das Osterwasser hatte doch vielleicht eine besondere Kraft.
„Hoffentlich ist schönes Wetter!“ sagte Anne-Marte.
„Ja, und wir dürfen es niemand vorher sagen, daß wir gehen, Mädels,“ rief Wendelin. Er sah die Freundinnen drohend an, und Brigittchen fiel das Verbot schwer auf ihr Herzchen, nun durfte sie den Plan auch Tante Helene nicht verraten, und dies erschien ihr unendlich schwer.
Schnippisch erwiderte Anne-Marte: „Tu dich nur nicht so, Wendelin, du hast es neulich Jantge geklatscht, daß ich eine Strafarbeit hatte, wer konnte denn da seinen Mund nicht halten? Seid ihr nur still, wir werden schon nichts verraten, nicht wahr Brigittchen und Jantge?“
Die beiden gelobten eifrig Schweigen, Wendelin verzog trotzig den Mund, er wagte aber nichts weiter zu sagen, denn gegen Anne-Marte kam er so leicht nicht auf, die konnte auf ein Wort vier erwidern.
Die Tage vergingen. Die Ferien kamen, es gab Zensuren und manch ein Bube ging an diesem Tag mit gesenktem Kopf einher und manches Mädel hatte verweinte Augen. Dann kam Palmsonntag, an dem die Konfirmanden mit lieblichem Ernst auf den jungen Gesichtern durch die Straßen gingen, und es den Kleinen, die die großen Geschwister so sahen, auch feierlich und fromm zu Mute wurde. Am Gründonnerstag suchten die fünf Schatzgräber, Jantge und noch einige Freunde und Freundinnen, bei den Geschwistern Fröhlich im Garten Eier. Zwischen den Blumen, in den Sträuchern, in kunstvoll aus Zweigen zusammengefügten Nestern, in den Winkeln des kleinen Gartenhauses, überall lagen die bunten Eier. Aber wären sie noch so versteckt gewesen, die Kinder hätten sie doch gefunden, die Lust war groß und Lachen und Rufen zog wie ein Frühlingslied durch den Garten.
Dann kam der Karfreitag, und das Städtchen lag in Stille und Schweigen, um am Ostersonnabend wieder zu neuem Leben zu erwachen. Da lag heller Sonnenschein über der Stadt, und alle Hausfrauen gingen auf den Markt, der auch bunt und frühlingsfrisch aussah. Die Kinder liefen mit auf den Markt, und sie taten so wichtig, als müßten sie an diesem Tag die ganze Wirtschaft daheim bestellen. In der Marienstraße und in der Langgasse, die nach dem Markte führte, war so viel Leben, daß die Bauersleute, die mit Waren zum Markt gekommen waren, nicht weiter konnten und über den Wirrwarr schalten. Aus den Häusern heraus strömte der Duft von frischgebackenen Kuchen, denn in Neustadt hielten die Hausfrauen noch fest an der alten Sitte, selbst Kuchen zu backen zu den Festzeiten.
Und wer es konnte, der trug einen Strauß Kätzchen oder Blumen in sein Haus und schmückte damit seine Stübchen. Brigittchen bekam von ihrem Vater die Erlaubnis, den Garten ein wenig zu plündern, und sie rannte am Nachmittag mit Anne-Marte in das Gertrudenspital, um Jantge die Blumen zu bringen. Da bekam jede der alten Frauen ein Zweiglein, Jantge verteilte liebevoll ihre Schätze, und es standen an jedem Fenster des Spittels zum Osterfest Blumen. So verging der Sonnabend unter Arbeit und fröhlicher Unruhe, und manch einer legte sich am Abend zufrieden mit dem Gedanken zu Bett: „Ach, morgen ist Feiertag!“
Der Ostersonntag dämmerte herauf. Der klare, fast wolkenlose Himmel verhieß einen schönen Tag. Noch lagen die Neustädter alle in tiefem Schlummer, als sich sacht die Tür des Doktorhauses öffnete und Anne-Marte vorsichtig ihr Näschen herausstreckte. Sie winkte still und geheimnisvoll dem nachfolgenden Bruder zu und deutete auf die andere Seite des Platzes; von dorther kamen auf den Fußspitzen, weil der laute Schall ihrer Schritte sie selbst erschreckt hatte, Wendelin und Severin. Sie grüßten stumm und ernsthaft die Freunde und alle schauten auf das Schön’sche Haus. Kam Brigittchen noch nicht?
Ein Weilchen später kam auch die Kleine heraus, auch ihr Gruß bestand nur in einem stummen Nicken. Jedes der Kinder trug einen Krug in der Hand, Anne-Marte hatte einen alten Milchtopf genommen und Severin eine Kaffeekanne, die Deckel und Schnauze verloren hatte.
In tiefem Schweigen gingen die Kinder durch die Gäßlein. Anne-Marte hatte ein großes, dickes Malzbonbon im Munde, das war ihr von Jörgel fürsorglich als gutes Mittel gegen unzeitiges Kichern empfohlen worden. Aber die feierliche Stille des Festmorgens dämpfte Anne-Martes Lachlust, ihr war es so geheimnisvoll, fast märchenhaft zu Mut, daß das Malzbonbon eigentlich überflüssig war.
Dicht am Gertrudenspital kam Jantge den Gefährten entgegen, sie trug einen bunten Tonkrug in der Hand und in ihren Blauaugen stand eine große Erwartung.
Am Wachtturm vorbei ging es zur Stadt hinaus. Klaus Hippel und Frau Paulinchen schliefen noch und ahnten nicht, daß ihre kleinen Freunde ihnen so nahe waren.
Etwa eine Viertelstunde von der Stadt entfernt lag am Rande des Waldes eine steinumfaßte Quelle, sie hieß die Bonifaziusquelle, weil die Sage ging, der fromme Heidenbekehrer hätte hier einst rastend einen mächtigen Fürsten zum Christentum bekehrt. Die Quelle war das Ziel der Kinder, dort wollten sie Osterwasser schöpfen.
Als sie aus der Stadt herauskamen und auf schmalem Wiesenpfade dem Ziel zuschritten, merkten sie erst, wie schön der Ostermorgen eigentlich war. Schon begann sich der Himmel zu färben, und ein Rosenschimmer verdrängte langsam die Farben der Nacht. Beinahe hätte Anne-Marte gesagt: „Die Sonne wird gleich aufgehen,“ aber im letzten Augenblick besann sie sich noch, und erschrocken stopfte sie noch ein zweites Riesenbonbon in ihren Mund. O, nur nicht lachen und sprechen, sonst wich der Zauber!
Selbst Jörgel hatte jetzt alle Zweifel verloren, sogar das Wunder der tanzenden Sonne erschien ihm nicht mehr unmöglich in dieser tiefen Morgenstille, in diesem seltsamen, fahlen Licht. War es nicht schon ein Wunder, daß Anne-Marte, die kleine Schwatzsuse, wirklich schwieg, als hätte sie überhaupt keinen Mund?
Der Himmel wurde röter, ein schimmernder Glanz verbreitete sich ringsum, und unwillkürlich liefen die Kinder schneller, um ja nicht zu spät zu kommen. Schon von ferne hörten sie das sachte Rieseln und Rauschen der Quelle, wie ein feines Singen klang es, wie ein Klingen aus Märchenland.
Da waren sie auch schon an der Quelle, deren Wasser rosenrot schimmerte im Widerschein des Morgenhimmels. Als lägen viele rote Rosen auf dem feuchten Grunde, so sah es aus. Um Wasser zu schöpfen, mußte jedes der Kinder auf ein schwankendes Brett steigen. Mit stummer Gebärde zeigte Jörgel, wie man das machen müßte; er ging zuerst, neigte sich und schöpfte seinen Krug voll Wasser. Nun folgten die Mädels, eine nach der andern; zaghaft schöpften sie, es war ihnen so feierlich zu Mute, und keiner kam ein Lächeln. Tief neigte sich Brigittchen über die Quelle, sie schöpfte langsam, andachtsvoll, und sie erstaunte fast, daß das Wasser im Krug nicht rosenfarben war.
Und immer glühender wurde der Himmel im Osten, wie Purpur leuchtete es und wie Gold, und der Wald begann zu glühen.
Severin war der letzte gewesen, der Wasser geschöpft hatte, nun stand er still auf dem schwankenden Brett und starrte in das Morgenrot; er wußte nicht, daß kein Mensch mit bloßen Augen lange in dieses helle Licht schauen kann, und auf einmal begann es ihm vor den Augen zu flimmern, er sah lauter tanzende, rote, glühende Punkte. Darüber vergaß er sein Gelübde zu schweigen, er schrie: „Die Sonne tanzt, die Sonne tanzt, es ist doch wahr!“
Er schwenkte seinen Krug, hob ein Bein, als wollte auch er tanzen, und — plumps — lag er im Wasser.
Ein fünfstimmiger Entsetzensschrei erscholl. So blitzschnell war alles gegangen, Severins Rufen und sein Fall, daß keins der Kinder recht wußte, wie eigentlich alles geschehen war. Sie riefen und schrieen durcheinander, die Krüge mit Osterwasser fielen zu Boden, alle griffen sie nach Severin und zogen den vor Schreck ganz stumm gewordenen Buben aus dem Wasser heraus.
„Unser Osterwasser!“ klagte auf einmal Jantge, und nun fiel es allen erst ein, daß ihr Weg vergeblich gewesen war. Und naß waren sie, und dazu froren sie; Brigittchen hatte sich das Wasser über das Kleid geschüttet; Jörgel und Wendelin waren in ihrem Eifer, Severin zu retten, auch bis an die Knie ins Wasser geraten, und so war ihnen alle feierliche Osterstimmung vergangen. Selbst Anne-Marte, trotzdem sie im ersten Schreck ihr Malzbonbon ausgespuckt hatte, kicherte nicht, sondern heulte, Brigittchen zur Gesellschaft mit. Wendelin schalt auf seinen Bruder, und der, der vor Frost nur so klapperte, rief weinerlich: „Sie haa—at do—o—och ge—getanzt!“
„So dumm, so dumm,“ klagte Wendelin, und mit ihm klagten und jammerten die anderen auch. Daß die Sonne inzwischen in vollem Glanz emporgestiegen war und ihr strahlendes Licht alles überflutete, merkten sie gar nicht; sie hörten auch nicht die Vogelstimmen, die laut wurden. Der Jammer war zu groß.
Auf einmal sagte Jörgel: „Dort kommt ein Mann!“ Jantge kreischte erschrocken auf, und etwas bedenklich sahen die Kinder dem Näherkommenden entgegen, der einen großen Stock schwenkte und zu rufen begann. Und jäh empfanden sie alle die Einsamkeit der Morgenstille mit leisem Schauern, so allein fühlten sie sich. Wer es zuerst gesagt hatte, sie wollten ausreißen, wußte nachher niemand mehr, aber plötzlich liefen sie alle miteinander wie Hasen, die den Jäger kommen sehen.
Hinter ihnen her aber kam der Mann; sie hörten ihn rufen. Einmal sagte Brigittchen: „Er schreit, wir sollen stehen bleiben, er will uns was sagen,“ aber auch sie lief mit den Gefährten weiter und immer weiter.
Sie hörten den Mann schelten. „Potzwetter, steht doch still, ihr Rangen, hört doch, hööört!“
Und toller und toller nur rannten sie.
Aber da war der alte Turm, nun kam das Gertrudenspital, husch war Jantge drin, kaum daß Brigittchen und Anne-Marte einen flüchtigen Händedruck erhielten, und weiter ging die wilde Jagd. Durch die bekannten Gäßlein liefen die Kinder und meinten, hinter sich schnelle Schritte zu vernehmen, die sie verfolgten. Manch’ Fenster öffnete sich, und etliche Frühaufsteher schauten den Kindern nach und brummten wohl: „Ja, was soll denn das bedeuten, was haben die denn wieder angestiftet?“
Auf dem Kirchplatz machten sie endlich alle Halt, keuchend, pustend und trotzig schauten sie sich um: Nun mochte der Verfolger kommen! Doch — der war nicht zu sehen. Statt dessen guckte Frau Meister Gutgesell zum Laden heraus; sie war soeben damit fertig geworden, die Semmeln einzuzählen für ihre Kunden und war einmal vor die Türe getreten, um Luft zu schöpfen, da sah sie ihre Buben und erkannte auch die andern Kinder. Sie ahnte gleich einen dummen Streich und rief die fünf zu sich. Ein wenig kleinlaut kamen diese an und erzählten, sie hätten Osterwasser holen wollen.
„Aber Kinder!“ die Meisterin schüttelte mit dem Kopf, „auf was für närrische Einfälle ihr aber auch immer kommt. Gesund seid ihr, satt zu essen und mehr habt ihr, und jung seid ihr auch, was sollte euch denn das Osterwasser, wenn es nämlich wirklich etwas nützte?“
„Es soll schön machen,“ sagte Anne-Marte keck.
„Ei, du Grasaffe, du!“ rief die Meisterin, „sei froh, daß du gerade und ordentlich gewachsen bist, gut sehen und gut hören kannst, gib dir nur Mühe, immer brav zu sein, was brauchst du da noch Schönheit. Und nun marsch ins Bett; gut war es noch, daß ihr ordentlich zurückgerannt seid, da wird euch das Wasser hoffentlich nichts geschadet haben!“
„Ich habe Hunger,“ murmelte Wendelin bedrückt.
„Dann nimm dir eine Semmel und dann flott ins Bett, Festkuchen gibt es jetzt noch nicht,“ erwiderte die Mutter, die schon wußte, warum ihr Bube Hunger hatte.
„Da kommt er,“ flüsterte Brigittchen ängstlich.
Über den Kirchplatz her kam ein Mann, kein Zweifel, es war der Verfolger.
„Das ist aber frech!“ tuschelte Wendelin.
Der Mann sah aber weder frech noch böse aus, ganz behaglich kam er näher und rief: „Nee, Frau Meisterin, ist das aber eine dumme Gesellschaft, die Kinder! Da will ich mir den Weg sparen und Ihren Buben sagen, daß Sie mir zu heute Nachmittag noch etliche Kuchen schicken sollen, weil ich denke, es werden Gäste kommen, ja, prost Mahlzeit. Die Bengels sind davongelaufen wie das richtige, schlechte Gewissen. Ihr da, was habt ihr denn miteinander angestiftet?“
Die Kinder sahen sich verdutzt an; der Mann, das war nämlich Herr Hinze, der Besitzer einer Gartenwirtschaft, die nicht weit von der Bonifaziusquelle lag, sie alle waren schon oft dort gewesen.
„Osterwasser wollten sie holen,“ sagte die Meisterin, und sie erzählte Herrn Hinze von dem verunglückten Ausflug. Der lachte so dröhnend, das hallte über den ganzen Kirchplatz hin, und ein wenig beschämt gingen die Kinder heim. Sie krochen noch einmal in ihre Federnester, freilich ohne Schelte ob des heimlichen Fortlaufens ging es nicht ab. Aber dann schliefen sie, trotzdem das Städtchen schon im vollen Sonnenglanz lag, noch einmal ein, schliefen, bis die Glocken von St. Marien und St. Johannis über die Stadt hinhallten. Da erwachten sie mit dem seligen Gefühl: es ist Feiertag, es sind Ferien.
Und Severin brummte, als seine Mutter ihn endlich weckte: „Sie hat doch getanzt, ich hab’s gesehen!“
Dabei blieb er, und er hatte den Triumph, daß Heine ihm glaubte und sagte: „Hättet ihr mich mitgenommen, dann wäre die Sache gescheit geworden!“ Na, wer weiß!
Der goldene Groschen.
In der Vorstadt draußen, schon dicht am freien Felde, wohnten Liesel und Peter nachbarlich zusammen. Liesels Vater war Stadtrat und Peters Vater besaß eine kleine Gärtnerei. Daß Liesels Vaterhaus eine hübsche Villa war, und Peter in einem kleinen Häusel wohnte, bei dem das Dach schon auf dem Erdgeschoß saß, beeinträchtigte die Freundschaft nicht. Eine Lücke war im Gartenzaun, durch die man hinüber und herüber spazieren konnte, und dies taten die Kinder redlich, und so stand denn auch Peterle an einem sonnenwarmen Frühlingstag am Gartenzaun und rief: „Du, Liesel, komm einmal rasch her, ich muß dir was Feines erzählen!“
Neugierig kam diese näher. „Was gibt es denn?“
„Jahrmarkt ist, Liese,“ sagte Peter, und seine Augen leuchteten. „Komm mit, wir gehen zusammen hin!“
„Ich darf nicht allein in die Stadt, und die Eltern sind fort, die kann ich nicht fragen,“ sagte Liesel traurig.
„Ach was,“ rief Peter, „ich darf eigentlich auch nicht; aber nur mal hinlaufen, das schadet doch nichts. Mutter will morgen mit mir hingehen, weil schulfrei ist; aber morgen ist noch so schrecklich lange. Komm nur, es merkt’s niemand; ich habe auch Geld, einen Groschen, da kaufen wir uns Schmalzkuchen oder fahren Karussell. Hast du auch Geld?“
„Ja,“ sagte Liesel eifrig, die noch ein rechtes Dummerchen war und den Wert des Geldes wenig kannte, „ich habe viel Geld. Onkel Fritz hat mir einen Groschen geschenkt, aber einen goldenen. Doch mitgehen darf ich nicht.“
„Hasenfuß,“ sagte Peter spöttisch; „was dabei ist, nur mal hingehen! Es ist ja nicht weit, und dann gleich wieder zurück; das merkt doch niemand.“
Hasenfuß mochte Liesel sich nicht gern nennen lassen; unschlüssig stand sie da und überlegte. Sollte sie gehen? War es nicht sehr unartig? Da bat Peter wieder: „Nur einmal hingehen, bloß fünf Minuten vor dem Kasperletheater stehen.“ Liesel ließ sich überreden; sie holte rasch den goldenen Groschen, der in einem kleinen, hübschen Beutel steckte, und rannte dann mit Peterle dem Jahrmarktsplatz zu.
War das ein Leben! Bude stand an Bude; in der einen lagen und hingen Spielsachen, Puppen, Trompeten, Peitschen, Pfeifen, alle möglichen Dinge; in einer anderen gab es bunte Töpfe, Tassen und Teller, da Hüte und seidene Bänder, dort Pfefferkuchen, Bonbons und Nüsse, und überall roch es nach Schmalzkuchen. Dideldideldei, dideldideldumdum spielte der Leierkasten am Karussell, und im Puppentheater sah Kasperle, der eine riesengroße Nase hatte, hinter einem roten Vorhang hervor und schrie kläglich:
„Der Teufel haut mich, o je, o je,
Wie tun meine hölzernen Beine weh.
Ach, Buben und Mädels, kommt heran,
Und schaut mich armes Kasperle an!
Meine hölzerne Nase wird blau und grün,
Drei Zähne muß der Doktor mir ziehn!“
Und Kasperle hob ein Bein und steckte es in den Mund, da sagte seine liebe Frau Rosettchen: „Steck’ auch das zweite in den Mund!“
„So groß ist sein Maul nicht,“ schrie der Teufel und grinste.
Flink steckte Kasperle das zweite Bein in den Mund und plumps fiel er hintenüber in ein Loch, weg war er.
Die Kinder jauchzten, die Erwachsenen lachten, und als ein Mann mit einem Zahlteller kam, rannten die Kinder, als hörten sie die Schulglocke läuten.
Vor einer Schaubude stand ein Mann und rief: „Nur immer hereinspaziert, meine Herrschaften, das größte Wunder der Welt ist hier zu sehen!“ Und vor einem Leinenzelt saßen rote und blaue Papageien auf einer kleinen Schaukel; einer schrie krächzend: „Lora, schöne Lora, will Zucker haben!“
Peter und Liesel rissen Mund und Augen auf, was gab es nur alles zu sehen. Doch Liesel konnte sich gar nicht recht freuen. Sie dachte immer: wäre doch Mütterchen bei mir!
„Erst wollen wir für meinen Groschen Karussell fahren,“ sagte Peter, „dann kaufen wir uns für deinen Groschen etwas Schönes zu essen. Zeig’ mal her, ist es wirklich Gold? Dann können wir nämlich schrecklich viel kaufen!“
Aber Liesel hielt ihr Beutelchen ängstlich fest und sagte schüchtern:
„Fahr’ du allein, ich fürchte mich.“
Peterle ließ sich das nicht zweimal sagen; hopps war er oben, kletterte auf ein Pferd und dideldideldei, dideldideldumdum ging die Fahrt los. Liese sah einige Minuten zu; weil aber gar so viele Menschen um sie herum standen, ging sie ein paar Schritte weiter.
„Hier herein, kleines Fräulein,“ rief eine schnarrende Stimme, und eine große, dicke Frau, die vor einer Bude stand, faßte sie am Arm und schrie: „Hast du Geld, dann darfst du rein!“
Liesel wich erschrocken zurück. Da lachten ein paar Buben laut auf, einer faßte sie an ihren blonden Zöpfen und schrie: „Hüh, hott, Pferdchen, lauf!“ „Peter, Peter,“ jammerte Liese; aber Peterle fuhr lustig auf dem Karussell, und je ängstlicher die Kleine rief, je ausgelassener umtobten die wilden Buben sie. Plötzlich kam ein Mann daher geritten, ganz bunt angezogen, der kündigte an, daß abends Vorstellung im Zirkus sei; da liefen die Buben hinterher und ließen Liesel gehen. Die Kleine wollte zu Peter zurückkehren, als sie neben sich einen alten Mann erblickte, auf dessen Schulter ein kleiner Affe saß, der lauter tolle Sprünge machte und Grimassen schnitt. Das sah lustig aus; Liesel blieb stehen und sah dem Äffchen zu. Dessen Herr hielt einen schmutzigen, abgetragenen Hut in der Hand und sah jeden, der an ihm vorüberging, bittend an; aber niemand achtete auf ihn. Da seufzte der alte Mann tief, und Tränen rannen ihm in den weißen Bart. Liesel sah das und fragte mitleidig: „Fehlt dir etwas, alter Mann?“
„Ich habe Hunger, Kind,“ sagte der traurig, „und ich bin so arm, daß ich mir nichts zu essen kaufen kann.“
Nur ein Weilchen überlegte Liese; dann holte sie rasch ihren goldenen Groschen hervor und legte ihn in den Hut des Mannes, und dann lief sie, so schnell sie konnte, davon, noch ehe der überraschte Alte ihr hatte danken können. Am Karussell standen wieder die bösen Buben; Liesel traute sich nicht heran; und so rannte sie denn ohne Peterle nach Hause.
Es hatte auch wirklich niemand ihre Abwesenheit bemerkt, aber die Kleine konnte nicht so vergnügt wie sonst spielen; immer mußte sie an ihr heimliches Fortlaufen denken. Nicht wie sonst konnte sie Vater und Mutter erzählen, was sie am Nachmittag getan hatte, und der Eierkuchen, den es zum Abendbrot gab, schmeckte lange nicht so gut wie sonst. Als sie dann in ihrem weichen, weißen Bettchen lag, kam die Mutter zu ihr. Sanft strich sie der Kleinen über die Wangen und sagte: „Fehlt meinem Herzenskind etwas?“
Da stürzten heiße Tränen aus Liesels Augen, und schluchzend beichtete sie der guten Mutter ihre Schuld; auch von dem goldenen Groschen und dem armen, alten Manne erzählte sie.
Ernst hörte die Mutter zu; dann nahm sie ihr kleines Mädel zärtlich in ihre Arme und sagte: „Daß du dem armen Manne Geld gabst, freut mich, und weil es dir leid tut, daß du ungehorsam warst, will ich dir verzeihen. Nun laß uns zusammen beten, mein Liebling.“
Da faltete Liesel ihre Händchen, sprach ihr Abendgebet und schlief dann ruhig und friedlich ein, froh, daß sie ihre Schuld der Mutter gestanden hatte.
Am nächsten Morgen, als Liesel gerade ihre Milch trank, kam die Köchin aufgeregt in das Zimmer und schrie: „Ein Polizist ist da, hu! ich graule mich, und er sagt, er will unsere Liesel holen!“
Die Kleine schrie laut auf vor Schreck und wutsch! kroch sie, so schnell sie konnte, unter den Tisch. Sie riß in der Eile das Tischtuch mit herab, und klirrend und krachend fielen Milchtasse, Zuckerdose und Brotkorb und was sonst noch auf dem Tische stand, auf die Erde; hätte die Erde ein Loch gehabt, gewiß wäre das Liesel mit Vergnügen hinein gekrochen. Plötzlich bekam Liesel recht seltsame Gesellschaft unter dem Tisch: ein kleines, braunes Äffchen saß auf einmal neben ihr und griff sehr vergnügt nach einem Butterhörnchen, das es zu fressen begann.
„Liesel, Kind, komm doch hervor!“ rief die Mutter und zog ihr weinendes Töchterchen aus seinem Versteck heraus, während das Äffchen von einem alten Manne gepackt wurde, der kein anderer war als der Bettler vom Jahrmarktsplatz. Und da stand auch wirklich ein Schutzmann mitten im Zimmer, und Liesel verkroch sich angstvoll hinter der Mutter Kleid.
„Da ist die Kleine, die mir das Goldstück gegeben hat,“ sagte der alte Mann; „ich habe es wirklich nicht gestohlen.“
Nun klärte sich die ganze Sache auf. Am vergangenen Nachmittag war auf dem Jahrmarktplatz gestohlen worden, und als Hartmann, so hieß der Alte, sein Goldstück in einem Wirtshaus am Platz wechseln wollte, hatte man ihn als Dieb festgenommen. Man wußte, daß er ganz arm war, dazu hatte er lange neben der Bude, in der gestohlen worden war, gestanden; so hielt man den armen Alten für den Dieb. Es war gut, daß eine Frau Liesel erkannt und auch gesehen hatte, wie sie ein Geldstück in den Hut warf, sonst hätte Hartmann vielleicht noch lange unter dem bösen Verdacht gestanden. Die Eltern und Liesel versicherten dem Schutzmann, daß das Goldstück wirklich ein Geschenk sei. „Na,“ meinte der Schutzmann zufrieden, „dann leben Sie nur wohl; nun kann ich ja gehen, da alles in Ordnung ist.“ Er ging; der alte Hartmann aber mußte noch bleiben. Die Mutter holte ein gutes Frühstück herbei, und während er aß, erzählte er von seinem Leben. Durch schwere Krankheit war er in Not geraten, und da er nicht mehr ordentlich arbeiten konnte, zog er als Leierkastenmann umher, um sich sein Brot zu verdienen. Vor einigen Wochen war ihm sein Leierkasten kaput gegangen, und er besaß kein Geld, um sich einen neuen zu kaufen; seitdem ging es ihm sehr schlecht. Manchen Abend habe er hungrig zu Bett gehen müssen, er und sein Äffchen Jolly, sein treuer, kleiner Freund.
Liesel hatte still zugehört; wie traurig das alles klang! Plötzlich sprang sie auf, lief auf die Mutter zu und flüsterte bittend: „Muttchen, ich habe doch noch zwei goldene Groschen in meiner Sparbüchse; darf ich die dem armen alten Mann geben?“
Ja, das durfte Liesel, und der Alte rief dankbar: „Ach, nun kann ich mir einen neuen Leierkasten kaufen; dann hat alle Not ein Ende! Gleich heute kann ich noch auf dem Jahrmarkt spielen.“
„Ich geh aber nie mehr allein hin,“ rief Liesel und schmiegte sich an die Mutter an.
„Nein, tu das lieber nicht,“ sagte Hartmann. „Diesmal ist es gut ausgegangen; aber manchmal kommt aus Heimlichkeiten auch etwas Schlimmes heraus. Übermorgen will ich zu dir kommen und dir etwas vorspielen; soll ich?“
„Ach ja, und Jolly kommt auch mit, und dann tanzt er,“ rief Liesel vergnügt; „aber wo ist denn Jolly?“
Der saß gemütlich unter dem Tisch und fraß Zucker, denn die Zuckerbüchse war auf die Erde gefallen, als Liesel sich so schnell unter den Tisch geflüchtet hatte. Sein Herr holte ihn wieder hervor; dann nahmen beide Abschied, und Liesel durfte sie noch bis zur Tür begleiten.
Eilig lief die Kleine nachher in den Garten, um Peterle alles zu erzählen. Der saß unter einem dicken Fliederbusch am Gartenzaun und sah verweint und verdrossen aus. Erst brummte er und wollte nicht antworten, als Liesel nach seinen Erlebnissen fragte; dann aber erzählte er niedergeschlagen, wie es ihm ergangen war. Er war dreimal hintereinander Karussell gefahren; so oft durfte er für seinen Groschen. Da war es ihm auf einmal ganz schwindelig geworden und plumps war er von seinem braunen Pferd heruntergefallen. Er hatte sich die Hosen zerrissen, ein Knie und die Nase blutig geschlagen; daheim hatte er noch Schelte bekommen, und heute durfte er nicht mit Mutter und Geschwistern auf den Jahrmarkt gehen.
„Du bist dran schuld!“ schrie er wütend seine kleine Gefährtin an; „warum bist du nicht mit auf dem Karussell gefahren und warum bist du überhaupt mit deinem goldenen Groschen weggelaufen; nicht einmal Schmalzkuchen habe ich essen können!“
Als Liesel ihm von dem armen, alten Hartmann erzählte, schämte sich Peter freilich. Das wollte er aber nicht zeigen, darum brummte er ärgerlich: „Ach was, das war dumm, daß du dein Goldstück verschenkt hast. Überhaupt der ganze Jahrmarkt ist dumm; ich mag gar nicht mehr hingehen, alles ist dumm![**“::SILENT] Schwapps lief er weg, und Liesel sah ihm traurig nach; ach, so böse war das Peterle noch nie gewesen!
Am Nachmittag saß der Peter, der gar nicht auf den Jahrmarkt gehen wollte, bitterlich weinend im Garten, weil die Mutter ihn wirklich nicht mitgenommen hatte.
Aber das Peterle war doch nicht so böse, wie es den Anschein hatte. Abends bat der Bube seine Eltern um Verzeihung, und als am übernächsten Tag der alte Hartmann kam und seiner Freundin Liesel lustige Stücklein auf dem neuen Leierkasten vorspielte, kam auch Peterle herbei. Seine Mutter hatte ihm auf seine Bitte Geld aus seiner Sparbüchse gegeben; das brachte er und legte es in Jollys rotes Hütchen.
„Peter!“ rief Liesel erfreut und lief auf den Freund zu, „bist du nun wieder gut?“
Lachend faßte Peter ihre Hände, und fröhlich drehten sich beide im Kreise herum; Jolly machte lustige Sprünge, und der alte Leiermann spielte dazu: dideldideldei, dideldideldumdum.
In der fröhlichen Einkehr.
Ein bißchen launenhaft ist der Frühling aber doch. Einmal läßt er sich wer weiß wie sehr bitten, ehe er erscheint, das andere Jahr wieder kann er nicht schnell genug mit allen Blüten herauskommen. So ging es in diesem ersten Frühling, den die Geschwister Fröhlich in Neustadt verlebten. Kaum war Ostern vorbei, da ging auch schon das rechte Blühen an. Nicht lange dauerte es, da standen alle Obstbäume im weißen oder rosenroten Frühlingskleide da; auf den Beeten blühte es, auf den Wiesen, die Büsche bekamen dicke, dicke Knospen, und eines Tages zündeten die Kastanien ihre weißen Kerzen an, und die ersten Fliedertrauben blühten auf.
Und es war noch nicht einmal Pfingsten. Im Garten des St. Gertrudenspitals war auch an einer besonders warmen, sonnigen Stelle der erste Flieder erblüht, und unter diesem Busch saß die kleine Jantge an einem wunderlieblichen Maitag und weinte herzbrechend. Ihre Zeit im Gertudenspital war nämlich abgelaufen; die Urgroßmutter konnte die Kleine nicht länger bei sich behalten, denn das Gertrudenstift war für alte Frauen, nicht für kleine Mädchen. Der Herr Bürgermeister sagte, es sei ungesetzlich, daß Jantge noch länger bliebe, denn was der einen recht sei, sei der andern billig; schon hätten zwei Frauen darum gebeten, auch ihre Enkelkinder zu sich nehmen zu dürfen. Jantge sollte wieder in ihre eigentliche Heimat zurückgeschickt werden, dort mußte die Stadt für die Kleine sorgen. Die Zukunft lag also wie ein graues Nebelland vor ihr, nur acht Tage noch, dann sollte sie wieder zurückreisen, sollte Neustadt verlassen.
Mitten hinein in ihre traurigen Gedanken sagte auf einmal ein liebes Stimmchen: „Jantge, warum weinst du denn?“
Brigittchen war es, die die Freundin holen kam und nun betroffen deren Tränen sah. „Wir wollen spazieren gehen, alle miteinander, Herr Doktor Fröhlich und Tante Helene haben uns eingeladen,“ sagte sie, „aber wenn du weinst, Jantge — dann freue ich mich auch nicht.“ Schon tropften dem weichherzigen Brigittchen auch ein paar Tränlein aus den Veilchenaugen.
Zur rechten Zeit kam Anne-Marte und, wie meist, stand ein Lächeln auf ihrem Gesichtchen. Als sie Jantges Tränen sah, tröstete sie: „Weine nicht, Jantge, acht Tage sind ja noch schrecklich lang; inzwischen — ach vielleicht finden wir bis dahin den Schatz!“
Die Erinnerung an die lustige Geschichte vertrieb wirklich die Tränen, wie der Frühlingswind die Wolken verjagt, und wenige Minuten später trabte Jantge ganz lustig mit den Gefährtinnen dem alten Stadtturm zu; dort warteten die Geschwister Fröhlich und die drei Buben auf sie. Und unter Lachen und Scherzen ging es ins Freie, dem Walde zu. Am Waldrand, etwa anderthalb Stunden von Neustadt entfernt, lag in der Nähe eines stattlichen Bauerndorfes eine Sommerwirtschaft, „Zur fröhlichen Einkehr“ genannt. Das Haus war ursprünglich ein alter Adelshof gewesen, doch die Familie, die den Hof besessen hatte, starb aus, und so gegen Anfang des neunzehnten Jahrhunderts wurde der Hof in ein Wirtshaus verwandelt. Viel war im Lauf der Zeiten an dem Haus nicht verändert worden, und seine dicken Mauern schienen auch noch manchem Sturm trotzen zu können. Die Neustädter gingen gern in die „Fröhliche Einkehr“. An warmen Sommertagen saßen in dem von uralten Linden überschatteten Garten immer viele Gäste; man trank dort Kaffee, aß Kuchen oder Schwarzbrot mit Butter und Honig, und das Scheiden wurde den Gästen meist schwer.
Die Kinder kannten das Wirtshaus alle, nur Jantge noch nicht, und unterwegs erzählte ihr Brigittchen, wie schön es dort sei. „Jetzt im Frühling muß es besonders schön sein,“ sagte Fräulein Helene, „ich habe es nur im Winter gesehen, und da war es eigentlich ein trauriges Haus; die beiden Kinder der Wirtsleute lagen schwerkrank, hoffentlich sind sie gesund geworden!“
„Wer hat dich, du schöner Wald,“ sangen jetzt die Buben mit heller Stimme, die am Anfang des Zuges marschierten und zuerst den Wald betraten.
Hurra, da war der Wald! Wie schön sah er im Frühlingsschmuck aus; lichtgrüner Buchenwald drängte sich zwischen dunklen Tannenwald. An manchen Stellen liefen die Buchen wie vorwitzige Kinder in den Tannenwald hinein, und da und dort standen auch Eichen. Die hatten erst winzige, rotgoldene Blättchen, ja, wunderlich genug sah es aus, mitunter hielten sie noch zähe die Reste ihres vorjährigen Laubes fest.
„Wir wollen Maiblumen suchen,“ baten die Mädels, aber Doktor Fröhlich sagte: „Spart das lieber für den Heimweg auf, wir bringen sonst alle Blumen verwelkt nach Hause!“
„Mädels müssen doch immer Blumen suchen,“ brummte Wendelin etwas verächtlich.
„Warum auch nicht!“ sagte Fräulein Helene lachend. „Übrigens sind Maiblumen meine Lieblingsblumen, nur schade, daß sie giftig sind!“
„Giftig?“ rief Brigittchen ganz erstaunt.
„Ja,“ erwiderte Doktor Fröhlich, „das stimmt. Die Wurzeln sind giftig, aber eine hübsche Blume ist sie darum doch, man braucht sie ja nicht zu essen. Der Sage nach war die Maiblume der Göttin Ostara geweiht, und bei den Maifesten unserer Vorfahren war die Maiblume der beliebteste Schmuck.“
Den Mädels zuckte es ordentlich in den Händen, sie hätten gar zu gern mit Pflücken begonnen, denn an manchen Stellen standen die Maiblumen ganz dicht, und süß stieg ihr Duft zu den Wandernden auf. Überhaupt gab es viel zu sehen und zu hören im Walde. Ein sanftes Rauschen und Raunen ging durch die Wipfel der Bäume, und es zwitscherte und sang laut und leise, das Pochen des Spechtes ertönte, und plötzlich ließ auch der Kuckuck seine Stimme hören. Mal hier, mal dort, aber vergebens suchten ihn die Kinder, er war nirgends zu sehen.
„Wie viele Tage bleibe ich noch hier?“ fragte Jantge, als der Kuckuck ein Weilchen geschwiegen hatte. Da begann er zu schreien; er rief und rief ohne aufzuhören; erst zählten die Kinder, aber dann rief es von da und dort, von überall her „Kuckuck, Kuckuck“, und Brigittchen flüsterte geheimnisvoll: „Jantge bleibt immer hier!“
Es schien wirklich so zu sein, denn der Kuckuck rief noch, als die Wanderer schon die grauen Mauern und das rote Dach der „Fröhlichen Einkehr“ durch die Bäume schimmern sahen.
Auf einmal spürten es alle, daß sie hungrig und durstig waren, und selten kamen wohl Gäste mit einem solchen Jubelgeschrei in einem Gasthaus an. Im Garten war Platz in Hülle und Fülle, es saß nämlich niemand drin, und die Kinder konnten zu ihrer Lust alle Tische durchprobieren; ein Platz erschien ihnen immer verlockender als der andere.
Aus dem Hause kam eine blasse Frau; sie trug ein schwarzes Kleid und sah gar nicht frühlingslustig aus. Still nahm sie die Bestellung entgegen, und traurig glitten ihre Blicke über die heitere Kinderschar hin. „Es ist die Wirtin,“ sagte Helene Fröhlich halblaut zu ihrem Bruder, „ihr scheint ein Kind gestorben zu sein damals — oder beide!“
Die Geschwister schwiegen und dachten an die traurige Frau; die Kinder hatten gar nicht auf das Gespräch gehört, die tollten lachend durch den Garten. Nur Jantge saß still am Tisch, und sie dachte auch mitleidig an die Frau, der wohl ein Kind gestorben war.
Ein Viertelstündchen könnte es dauern, bis der Kaffee fertig sei, hatte die Wirtin gesagt, und die Kinder meinten, sie wollten unterdes die Schaukel versuchen und sich den Hof mit den Ställen ansehen. Sie versprachen brav zu sein, und so durften sie gehen, während die Geschwister unter der Linde sitzen blieben. Die Kinder liefen hierhin und dorthin, die einen wollten dies sehen, die andern das. „Komm mit,“ rief Brigittchen Jantge zu, und Wendelin schrie: „Ich zeig’ dir den Ziegenstall!“
Jantge überlegte ein Weilchen, und dann stand sie mit einem Male allein da. Sie ging zum Garten hinaus, aber statt auf den Hof, kam sie an den Waldrand, an dem sie einige Schritte entlang ging. Da blieb sie plötzlich lauschend stehen: „Was mochte das für ein Vogel sein, der so hübsch pfiff?“
Leise ging sie weiter, da sah sie unter einer großen Buche einen Knaben sitzen, der auf einer Flöte aus Rohr blies; es klang fein und melodisch wie Vogelsang. Jantge lauschte andächtig; das war hübsch, der pfeifende Knabe hier in dem schönen Walde. Wie gut es der hatte. Ihr fiel wieder ihr Kummer ein, den sie bei dem fröhlichen Wandern fast vergessen hatte. Sie dachte daran, daß sie bald von Neustadt fort müßte, und geschwind kamen ihr die Tränlein wieder, die Brigittchens sanftes Zureden und Anne-Martes Lachen getrocknet hatten.
Erschrocken hielt der Knabe in seinem Blasen inne, wer weinte denn da? Verwundert sah er auf das kleine, blonde Mädchen mit dem seltsamen, weißen Häubchen, das wie aus der Erde gewachsen neben ihm stand und weinte.
„Wer bist du, und warum weinst du denn?“ fragte er.
Leise weinend gab Jantge Antwort.
Der Bube hätte das fremde Kind gern getröstet, aber er war ein scheuer, kleiner Bursch, ihm fiel nichts ein, was er sagen konnte, und unwillkürlich nahm er seine Flöte und blies darauf, so schön er es konnte.
Wirklich versiegten auch Jantges Tränen, sie setzte sich neben den Buben und lauschte andächtig dem Spiel; lange, lange hätte sie so sitzen mögen.
Inzwischen hatte aber die Wirtin der „Fröhlichen Einkehr“ den Kaffee gebracht, und Fräulein Helene rief nach den Kindern. Die kamen auch schnell herbei, nur Jantge fehlte; wo war sie denn? Man rief und suchte; hell tönten die Kinderstimmen durch die Stille, Frau Vogeler, die Wirtin, kam auch und half suchen, und sie war es, die Jantge fand.
Die Kleine saß noch immer still neben dem Buben und lauschte dessen Flötenspiel, sie hatte das Rufen gar nicht gehört. Sie schrak zusammen, als die ernste Frau im schwarzen Kleid sie bei ihrem Namen rief.
Der Knabe ließ still seine Flöte sinken; traurig fragte er die Kleine: „Mußt du schon fort?“
Da tönten schon ganz nahe Wendelins und Anne-Martes Stimmen: „Jantge, Jantge, wo bist du?“
„Hier!“ rief Jantge. Sie sprang eilig auf und wollte davonlaufen, aber dann kehrte sie plötzlich um, eilte auf den fremden Buben zu und flüsterte errötend: „Ich danke schön!“ Und weg war sie.
Frau Vogeler aber ging mit dem Knaben Hand in Hand still dem Hause zu. Als sie beide durch den Garten schritten, sagte Jantge, die schon im fröhlichen Kreise unter der Linde saß: „Das ist der Junge, der so schön gespielt hat!“
„Dann ist wohl das Töchterchen der Frau gestorben,“ sagte Fräulein Helene sinnend. „Arme Mutter!“
„Du mußt den Ziegenbock sehen,“ rief Severin, für den das Schönste an der „Fröhlichen Einkehr“ der schwarze Ziegenbock war. Er ärgerte sich ordentlich, daß die Kleine immer von dem fremden Jungen und seinem Blasen sprach. Kaum hatte er den letzten Bissen gegessen, da rief er auch schon wieder: „Komm Jantge, ich zeig’ dir den Ziegenbock!“