Mohrchen.
Die Geschichte einer Feindschaft.
Im Winter hatte Fritz Brinkmann einen schwarzen Hund gefunden, der überfahren worden war. Der Knabe war gerade vom Schlittenfahren heimgekommen, just an dem Tage war es gewesen, an dem Doktor Fröhlich nach Neustadt kam, und zu den lustigen Schlittenfahrern in der Marienstraße hatte Fritz auch gehört. Dicht bei dem Hause seines Großvaters, der in einer stillen Vorstadtstraße wohnte, hatte der Knabe den Hund gefunden; flehend hatte ihn der mit treuen, klugen Augen angesehen, und Fritz hatte ihn ohne langes Besinnen auf seinen Schlitten geladen und heimgefahren.
Die Großeltern — Fritz war Waise und wurde bei seinem Großvater, dem alten Geheimrat Brinkmann erzogen — erlaubten es gern, daß der Knabe den Hund pflegte, bis sein Besitzer käme. Aber niemand meldete sich, um Mohrchen — so wurde der neue Hausgenosse ob seines schwarzen Felles genannt — abzuholen. Die Tage gingen und kamen, die Luft wurde milder, der Schnee verschwand, und immer noch war Mohrchen im Hause. Seine Wunden waren längst geheilt, und aus dem mageren, ruppigen Tiere war ein hübscher Hund mit glänzend schwarzem Fell geworden, der lustig seinen kleinen Herrn überall hin begleitete. Ein Freund war er, so treu, gut und anhänglich, wie leicht kein besserer zu finden war. Alle Klassengenossen von Fritz bewunderten Mohrchen rückhaltlos, und vor seiner Klugheit hatten sie den allergrößten Respekt. Sogar Doktor Halbe, der Klassenlehrer, sagte einmal, als er Mohrchen zu sehen bekam: „Er sieht sehr klug aus“. Den Buben war dies soviel, als hätte Mohrchen einen hohen Orden bekommen, und Fritz kam an diesem Tage mit so strahlenden Augen heim, daß seine Großmutter dachte, er wäre mindestens Klassenerster geworden; leider, leider war dies gerade nicht der Fall, der Fritzel hielt sich mehr in der Klassenmitte auf.
Und mit allen Hausbewohnern war Mohrchen auch bald gut Freund, nur mit der alten Berta, der Köchin, nicht. — „Ich kann Hunde kein bißchen leiden,“ sagte diese, wenn Fritz ihr von Mohrchens Tugend und Weisheit erzählte. „Sind sie weiß, dann mag’s noch gehen; aber so ein schwarzes Tier sieht aus wie ein Schornsteinfeger, und die machen die Küche schmutzig, und darum kann ich Schornsteinfeger und Hunde nicht leiden, damit basta!“
Kam das arme Mohrchen wirklich einmal in die Küche, dann schrie Berta, zornig einen Quirl oder Kochlöffel schwingend: „Raus mit dem Schornsteinfeger, basta, basta!“
Berta war eigentlich nur so böse auf Mohrchen, weil sie eifersüchtig war. Fritz war ihr ganz besonderer Liebling, und sie meinte, seit Mohrchen im Hause wäre, kümmerte er sich nicht mehr soviel wie sonst um sie. In ihrem Ärger gab sie Schnurrhans, dem Kater, immer die besten Bissen. Der wurde, weil er gar so gute Pflege hatte, immer dicker und fauler und ging zuletzt überhaupt nicht mehr auf die Mäusejagd, er saß wie ein dicker Muff in der Sonne und rührte sich kaum. Je unfreundlicher aber Berta zu Mohrchen war, je weniger kam Fritz zu ihr; er lief mit seinem schwarzen Freund im Garten herum; zuletzt mieden sie beide die Küche und Bertas Nähe.
So war der Frühling ins Land gekommen. An einem schon recht heißen und schwülen Maitage fuhren die Großeltern über Land, und Fritz blieb mit Berta und Luise, dem Stubenmädchen, allein im Hause zurück. „Bange dich nicht, mein Jungchen,“ hatte die Großmutter beim Abschied zärtlich gesagt.
„Ach nein, ich habe ja Mohrchen,“ rief Fritz fröhlich.
Berta hörte dies und wütend blickte sie auf den Hund. „Warte nur,“ brummte sie, „heute gibts nur Wassersuppe zu Mittag.“
Mohrchen empfand an diesem heißen Tage rechten Durst, denn nicht wie sonst stand ein Schüsselchen mit Wasser auf seinem Platze. Da sein kleiner Herr und Freund noch in der Schule war, rannte der Hund umher und suchte Luise. Dabei kam er auch in den offenstehenden Keller, in dem Berta herumhantierte. „Wart’, du abscheuliches Tier!“ rief diese und erhob drohend eine Latte. Erschrocken flüchtete Mohrchen und geriet in seiner Angst in den Kohlenkeller.
„Ei, da magst du bleiben, bis Fritz nach Hause kommt,“ rief Berta höhnisch, und schwapp! schlug sie die Türe zu, die sie fest verschloß; so war denn Mohrchen nun ein Gefangener.
Als Fritz bald darauf heimkam, galt seine erste Frage dem schwarzen Freund. Berta brummte einige unverständliche Worte; lügen wollte sie doch nicht, aber auch nicht eingestehen, daß sie den Hund eingesperrt hatte. „Iß nur jetzt dein Mittagsbrot; er wird dann schon kommen,“ sagte sie und nahm sich vor, gleich den Hund herauszulassen. Aber da kam eine Bauersfrau, die Butter brachte, dann die Waschfrau; so verging die Zeit, und es mochte wohl eine gute Stunde verflossen sein, ehe Berta an Fritz und an das eingesperrte Mohrchen dachte. Eilig ging sie und öffnete die Kellertüre; scheu kroch der Hund heraus. Wenn er nicht schon ein Mohrchen gewesen wäre, so hätte man ihn jetzt eins nennen können. Die weißen Pfötchen und die hellen Flecken an seinem Schnäuzchen und an seiner Brust waren durch den Kohlenstaub ganz schwarz geworden. „Pfui, du Schornsteinfeger, wie siehst du aus!“ schalt Berta und dachte gar nicht daran, wie ungerecht ihre Vorwürfe waren. „Lauf’ in den Garten zu Fritz, basta!“ schrie sie barsch, und Mohrchen schlich verschüchtert von dannen.
Da kam Luise aus dem Garten und sagte: „Ich weiß gar nicht, wo Fritz hingekommen ist; Jörgel Fabian war da und wollte ihn besuchen; da habe ich überall gesucht, aber der Junge ist nirgends zu finden. — Geh’, such’ ihn, Mohrchen!“ rief sie dem Hunde zu. Der wandte sich um und sah das Mädchen mit seinen klugen Augen verständig an, dann stieß er ein kurzes Bellen aus und rannte davon.
„Fritz wird auf seinem Lieblingsplatz im Garten, auf dem großen Apfelbaum sitzen,“ meinte Berta.
„Nein,“ entgegnete Luise, „da ist er nicht; ich habe rechte Angst um ihn, weil ein Gewitter zu kommen scheint.“
Erschrocken sah Berta zum Himmel auf. Der war weißgrau, und hinter dem steilen Dach der Marienkirche stieg dunkles Gewölk empor.
„Bleib’ hier,“ rief Berta jetzt ängstlich, „ich werde Fritz suchen, vielleicht ist er zu Doktor Fabians gegangen.“ Aber Fritz war nicht dort, und wo Berta auch nach ihm fragte, niemand hatte ihn gesehen, nur die Obstfrau sagte, Fritz sei vor einiger Zeit an ihr vorbeigelaufen, der Waldstraße zu. Während Berta so herumrannte, den Knaben zu suchen, war es immer dunkler geworden; eine fahle, bleigraue Dämmerung legte sich über das Städtchen, und auf einmal erhob sich ein heftiger Wind und ferner Donner rollte. Angsterfüllt eilte die alte Köchin heim; vielleicht war Fritz unterdessen zurückgekehrt, aber Luise kam ihr weinend entgegen und rief: „Er ist immer noch nicht da.“
Es wurde dunkler und dunkler; grell zuckten die Blitze hernieder, unheimlich rollte der Donner, und breite Regenwasserbäche rannen über die Straßen.
Berta lief trotz Luisens Bitten, die sich vor dem Unwetter fürchtete, wieder auf die Straße und suchte Fritz. Der Schneidermeister Langbein, den sie traf, hatte den Knaben nach dem Walde rennen sehen. „Schicken Sie ihm Mohrchen nach, Mamsell Berta,“ rief er, „der findet ihn schon, der riecht mehr als hundert Menschennasen zusammen.“ Und Berta lief heim; der Schneider ging zu ihrer Beruhigung mit, aber Mohrchen war nirgends zu finden.
Die alte Berta war ganz verzweifelt. „Ich bin schuld daran, warum habe ich den Hund eingesperrt! Ach, guter Gott, hilf mir doch!“ jammerte sie.
„Jetzt hört der Regen auf, das Gewitter hat sich bald verzogen; da werde ich nach dem Walde gehen und den Buben suchen. Weinen Sie nicht mehr, Mamsell Berta,“ tröstete der Meister.
„Mohrchen, dort kommt Mohrchen!“ schrie Luise auf einmal freudig. Triefend und keuchend kam der Hund gelaufen. Die Zunge hing ihm weit heraus, und sein sonst so glänzendes Fell war mit dickem, grünlichem Schlamm bedeckt.
„Er ist im Wildmoor gewesen,“ riefen der Meister und Luise entsetzt, und Berta stöhnte: „Im Moor, im Moor!“ Da zog und zerrte jemand an ihrem Kleid, es war Mohrchen. Flehend sah der Hund zu ihr auf, dann rannte er zu Luise und zerrte auch diese, als wollte er sagen: „Komm mit!“
„Der Hund will uns führen,“ rief das Mädchen.
„Er weiß, wo Fritz ist. Ich sag’s ja, der hat Verstand wie ’n Professor,“ sagte der Meister und fügte hinzu: „Ich laufe schnell zum Gärtner Schulz, der soll seinen Wagen anspannen, dann kommen wir schneller hin.“
Mohrchen zog schon wieder an Bertas Kleid und sah flehend zu ihr empor.
„Ich komme, Mohrchen, ich komme,“ schluchzte diese.
Wenige Minuten später hielt auch der Gärtner mit seinem Wägelchen vor der Tür. Berta und der Meister stiegen ein, Mohrchen raste voran, und heidi, fort ging die Fahrt, dem nahen Walde zu. Mitten drin im Wald lag das sogenannte Wildmoor. Es war eine weite, grüne Fläche, auf der im Sommer allerlei schöne, seltene Blumen blühten, Wasserpflanzen mit durchsichtigen Stengeln und glänzenden Blättern. Immer herrschte hier eine tiefe, fast traumhafte Stille, und nur an sehr heißen Sommertagen schossen schimmernde Libellen und andere Insekten über den grünen Grund.
Die Schönheit des Wildmoors aber war recht trügerisch. Für jemand, der den Weg nicht genau kannte, war es gefährlich, darüber zu gehen, da er leicht in eins der tiefen Moorlöcher geriet, die unter der schönen, grünen Decke verborgen lagen, und aus denen es schwer war, ohne fremde Hilfe wieder herauszukommen.
Das Gewitter hatte sich völlig verzogen, und die Sonnenstrahlen rannen schon wieder durch das dichte Blätterdach des Waldes. Da erscholl Wagenrollen und Hundegebell, und bald darauf eilten Berta und Meister Langbein an den Rand des Moores. Das lag in stiller Verlassenheit da, nichts regte sich; so weit auch Berta zu sehen vermochte, sie erblickte nicht die geringste Spur des vermißten Knaben.
„Fritz, Fritz!“ rief sie in namenloser Herzensangst. Doch da zerrte sie Mohrchen wieder am Kleide, und auf einmal ertönte eine schwache Stimme: „Berta, hier bin ich!“
Eilig rannte diese dem Hunde nach und unter einer dicken Buche, nahe am Rande des Moores, fand sie den Knaben. Er kauerte in einer kleinen Erdhöhle und war über und über mit Schlamm und Schmutz bedeckt.
Mit einem Jubelschrei stürzte Berta auf den so angstvoll Gesuchten zu. „Mein Herzensjunge,“ rief sie weinend vor Freude und hob den Knaben empor, „dem lieben Gott sei Dank, daß wir dich gefunden haben.“
Mohrchen sprang und tanzte kreuz und quer und bellte laut vor Freude. Und plötzlich lag Meister Langbein, er wußte nicht wie, so kurz er war, auf der Erde; das fröhliche Mohrchen hatte ihn umgerissen. Aber der Meister schalt nicht, sondern sagte: „Bist ein braver Hund, Mohrchen, wirklich ein Staatskerl; morgen schenke ich dir ’nen Wurstzipfel; hast ihn verdient. Magst du lieber Blut- oder Leberwurst?“ Merkwürdigerweise gab Mohrchen auf diese Frage trotz seiner Klugheit keine Antwort.
Berta sagte nichts, aber sie streichelte Mohrchen so sanft, und dieser leckte ihr zutraulich die Hand, als sei nie Feindschaft zwischen ihnen gewesen. Fritz wurde rasch in warme Decken gehüllt und in den Wagen gehoben. Während der Heimfahrt erzählte er seine Erlebnisse. Mohrchen hatte er suchen wollen und war einem fremden, schwarzen Hund, den er für Mohrchen hielt, bis zum Walde nachgelaufen. Dort hatte er ihn aus den Augen verloren und war dann kreuz und quer gerannt, bis er sich zuletzt müde unter einen Baum gelegt hatte. Er mußte wohl eingeschlafen sein; ein furchtbarer Donner weckte ihn, und angstvoll war er aufgesprungen und davon gelaufen. Dabei hatte er den Weg verfehlt und war an das Moor gekommen. Ohne Ahnung der Gefahr hatte er es betreten, doch schon nach wenigen Schritten sank er tief ein. In seiner Herzensangst schrie er laut um Hilfe. Da hörte er plötzlich Hundegebell.
„Mohrchen, Mohrchen!“ schrie er, und wirklich — nach einigen Minuten kam Mohrchen, der die Spur seines kleinen Herrn gefunden hatte. Schwer nur war es Fritz gelungen, aus dem Moorloch herauszukommen, aber Mohrchen hatte unermüdlich gezerrt und gezogen. Freilich, Fritzens Jacke war dabei ganz und gar zerrissen. Dann hatte das treue Tier den Knaben fest am Kittel gepackt und ihn sicher vom Moor geleitet. Fritz wußte nur noch, daß er unter eine Buche gekrochen war; dann hatte er das Bewußtsein verloren. Das tapfere Mohrchen aber war nach Hause geeilt und hatte Hilfe geholt.
„Ein Staatskerl, wirklich ein Staatskerl!“ rief Meister Langbein und streichelte den braven Hund.
In Neustadt hatte sich rasch die Kunde von Fritzens Verschwinden verbreitet, und eine Anzahl Erwachsener und viele, viele Kinder der Stadt kamen den Heimkehrenden entgegen und begrüßten diese mit lautem „Hurra!“ Am allermeisten aber schrieen Fritzens Klassengenossen, einer brüllte immer lauter als der andere.
Ein Fremder, der an diesem Tage in Neustadt war, dachte, es wäre Feuer ausgebrochen oder der Landesherr käme. Er lief auch auf die Straße und hörte dort immer „Mohrchen“ rufen. „Nein,“ sagte er lachend, „wie kleinstädtisch die Leute sind! Wenn ein Neger zu sehen ist, rennen sie sich beinahe die Füße ab.“
„Da sieht man doch, wie die Leute in der Fremde sehen und hören,“ sagte später Klaus Hippel oft, wenn er die Geschichte erzählte, „mich wunderts nur, daß die Fremden nicht noch mehr Unsinn von Neustadt zu berichten wissen!“
Doch an diesem Tage rief auch Klaus Hippel, der gerade auf der Straße war: „Hurra Mohrchen!“ Und so unter Jubelgeschrei wurde Fritz heimgebracht.
Die Großeltern waren inzwischen zurückgekommen und harrten in Angst und Sorge ihres Lieblings. Der wurde eiligst von Schlamm und Schmutz befreit und in sein Bett gebracht. Er bekam heißen Tee zu trinken, trotz der Sommerwärme. Er schlief auch bald ein, und Mohrchen und Berta wachten in dieser Nacht zusammen an seinem Lager. Die Alte konnte nicht schlafen vor Sorge, der Knabe könne krank werden. Sie saß in stillem Gebet an seinem Bett, neben ihr lag Mohrchen und sah manchmal mit seinen klugen, treuen Augen zu ihr auf. Dann nickte sie ihm zu und flüsterte leise: „Mein tapferes Mohrchen, ich will gut machen, was ich an dir verschuldet habe!“
Fritz schlief wie ein kleines Murmeltier in dieser Nacht, und als er am nächsten Morgen erwachte, da hatte er strahlende Augen und rosige Wangen. Sein Frühstück schmeckte ihm wie noch nie, er aß vier Wecken, und als er beim fünften war, rief er plötzlich: „Aber Mohrchen, wie siehst du denn aus!“
Das arme Mohrchen! Niemand hatte daran gedacht, ihm den Schlammpelz abzuwaschen. Der Schmutz war nun festgetrocknet, und eine harte, schwarze Kruste bedeckte an einzelnen Stellen sein Fell.
„Ich werde ihn gleich in warmem Wasser baden,“ sagte Berta eifrig.
„Du, Berta?“ rief Fritz verwundert.
„Ja, ich,“ murmelte diese, „brauchst nicht so verwundert zu sein, was notwendig ist, ist notwendig; na und überhaupt, ein Prachtkerl ist das Mohrchen, damit basta!“
„Hurra!“ schrie Fritz und umhalste die alte Berta, daß diese beinahe selbst in das Waschfaß gefallen wäre. Damit hatte die Feindschaft zwischen Berta und Mohrchen ein Ende, sie wurde die allerdickste Freundschaft von der Welt.
Vor dem Waschhaus, im schönen, warmen Sonnenschein, wurde Mohrchen bald darauf in einer großen Wanne gebadet. Er ließ sich das wohl gefallen, und sein kleiner Herr stand mit strahlenden Augen daneben und streichelte mitunter Bertas Arm. „Ich hab’ dich wieder genau so lieb, wie früher, Bertachen,“ versicherte Fritz, „nein, noch ein bißchen lieber, weil du so gut zu Mohrchen bist!“ Berta lachte fröhlich; Mohrchen platschte behaglich im Wasser herum, und so wurde, während der weiße Seifenschaum allen Schlamm herabschwemmte, die alte Freundschaft wieder fest geschlossen. Schnurrhans saß blinzelnd auf dem Fensterbrett; er war nicht ganz zufrieden mit der Sache; er ahnte, daß er fortan nicht mehr allein alle guten Bissen bekommen würde. Und so geschah es auch; für Schnurrhans aber war das nur gesund, sonst wäre er zu dick und rund geworden.
O diese Bäckerbuben!
Gerade ehe sich die Pfingstferien noch höflich verabschiedeten, änderte sich das Wetter, und es gab einen so strahlenden Sonnenschein, daß die fünf Schatzgräber am Morgen alle als erstes Wort sagten: „Heute gehen wir!“
So wurde es auch. Am Nachmittag marschierten die Geschwister Fröhlich mit den fünf Kindern hinaus in die „Fröhliche Einkehr“. Dort wurden sie von Jantge mit großem Jubel begrüßt, als hätten sie sich alle zusammen mindestens seit zehn Jahren nicht gesehen. Jantge blühte wie ein Röslein, sie sah so glücklich aus, daß Fräulein Helene leise zu ihrem Bruder sagte: „Wie gut für das Kind, daß es eine Heimat gefunden hat!“
Jantge war glücklich in der neuen Heimat, das sah man, da brauchte niemand zu fragen: „Gefällt es dir hier?“ Ihr drittes Wort aber war Karl. Was Karl tat und sagte, wie Karl wundervoll spielte und wie lieb er sei, davon erzählte sie unaufhörlich. Und Karl schien nicht minder entzückt von dem neuen Schwesterlein; Jantge hier und Jantge da, hieß es. Das ging so hin und her, und die Geschwister Fröhlich hatten ebenso ihre helle Freude an den einträchtigen Pflegegeschwistern, wie die Wirtsleute.
Nur einer war damit unzufrieden, einer grollte, Severin. Seiner Meinung nach hätte sich Jantge viel mehr über seinen Besuch freuen müssen, und daß sie immer Karl lobte, nur von Karl sprach, ärgerte ihn. „Das ist dumm,“ sagte er zu seinem Bruder, „sie tut, als ob Karl ein Wundertier wäre!“
„Hm,“ brummte Wendelin, der gerade daran dachte, wie lange es wohl noch dauern würde, bis die Stachelbeeren reif wären.
Karl mußte auch auf seiner Flöte blasen, und alle fanden, es klänge sehr hübsch. Jantge aber war entzückt, sie strahlte, dreimal fragte sie Severin: „Spielt er nicht fein?“
Dreimal antwortete Severin nur „hm,“ zuletzt lief er wütend fort. Auf dem Heimweg, während die anderen Kinder lustig schwatzten, war er sehr brummig, er war wütend, daß seine Freundin Jantge sich so wenig um ihn gekümmert hatte, und am Abend beim Zubettgehen sagte er zu Wendelin: „Ich geh nicht mehr mit in die Fröhliche Einkehr!“
Wendelin erwiderte gar nichts, er schlief schon, er lag im Bette und pustete wie eine kleine Dampfmaschine, und selbst der ärgerliche Puff, den ihm sein Bruder Severin versetzte, ermunterte ihn nicht mehr. „Ich lern’s auch; was der kann, kann ich auch,“ murmelte Severin, und dann schlief er ebenfalls ein.
Am nächsten Tag hatte Severin ein Geheimnis vor seinem Bruder Wendelin, vor seiner Mutter, vor Heine, kurz vor allen Leuten im Hause, auch vor seinen Freunden. Gleich nach dem Mittagessen entschlüpfte er und ging die Langgasse hinunter bis auf den Markt, dann trat er zagend und verlegen in das Geschäft des Herrn Friedlein. Dort erhielt man die wundervollsten Sachen, Porzellantassen und Spazierstöcke, Bilderrahmen und Hosenträger, Tafelaufsätze und Handschuhe, was man wollte. Wenn irgend jemand in Neustadt irgend jemand etwas schenken wollte, und er wußte nicht recht was, dann ging er zu Herrn Friedlein, da fand er sicher etwas. „Warenhaus“ nannte Herr Friedlein sein Geschäft, und er erzählte es jedem, der es hören wollte, „was Wertheim in Berlin ist, das bin ich in Neustadt, mehr hat der auch nicht als ich.“
Severins Herz klopfte hörbar, als er den Laden betrat; er sah sich scheu um, ob ihn auch niemand bemerkte, es war aber kein Mensch auf der Straße zu sehen. Drinnen im Laden stand eine Frau, die guckte Severin an und sagte: „Na, wo kommst du denn her?“ — Es war seine Tante.
Severin wurde blutrot, aber Herr Friedlein, der selbst im Laden war, fragte: „Du willst wohl einen Bleistift?“ Es gab nämlich gerade billige Bleistifte zu verkaufen.
„Na, dann suche dir mal einen aus,“ sagte seine Tante, „einen Groschen schenke ich dir dazu!“
Das war nun sehr nett von der Tante, und Severin kramte auch höchst vergnügt in dem Bleistiftkasten herum, drei bekam man für einen Groschen. Es dauerte recht lange, ehe er seine Entscheidung getroffen hatte, seine Tante bezahlte den Groschen und sagte lachend zu Herrn Friedlein: „Das wäre wohl etwas langweilig, wenn alle Kunden so viel Zeit zu ihren Einkäufen brauchten, nicht wahr?“
Herr Friedlein nickte und dann gähnte er, er hätte nämlich gern wie jeden Tag sein Mittagschläfchen gemacht. In Neustadt pflegte sonst kein Mensch zwischen ein und drei Uhr etwas einzukaufen, „so was tun nur Leute in den langweiligen Großstädten,“ sagte Herr Friedlein immer. Ordentlich erschrocken fuhr er zusammen, als Severin auf einmal, als seine Tante den Laden verlassen hatte, mit lauter Stimme rief: „Ich möchte eine Flöte!“
„Was?“ sagte der Kaufmann verdutzt. „Junge, du bist wohl nicht klug, eine Flöte hat noch niemand bei mir verlangt. Kann’s nicht eine Mundharmonika sein?“
„Nein,“ stotterte Severin, „’s muß eine Flöte sein. Karl hat auch eine!“
Herr Friedlein überlegte. Er ließ nie gern jemand aus seinem Laden fortgehen, ohne daß er etwas gekauft hatte, und plötzlich fiel ihm ein was er Severin als Flöte geben könnte. Er holte ein schwarzes Ding herbei, „das sei etwas Wundervolles, viel, viel besser als eine Flöte,“ erzählte er, „es sei eine Okarina, und wenn ihm Severin zwei Mark geben würde, dann sollte er das kostbare Instrument bekommen.“
Wenn gerade eine Klappe dagewesen wäre, dann wäre der Bube gewiß in die Erde gerutscht vor Entsetzen über den unglaublichen Preis. Er blieb ganz verdattert stehen und starrte den Kaufmann mit offenem Munde an, als wäre dieser ein Geist. Sehr klug sah Severin gerade nicht aus, und Herr Friedlein brummte ärgerlich und verständnisvoll. „Schneid’ nicht so ’n Gesicht, dummer Bengel! Wie viel Geld hast du denn?“
Seufzend griff Severin in die Hosentasche und holte ein altes, abgenutztes Portemonnaie heraus, dreiundachtzig Pfennige, zwei Stahlfedern, fünf Spielmarken, ein Zinnsoldat, ein Malzbonbon und ein Stück Kreide, die alles angeschmiert hatte, waren darin. Herr Friedlein sah seine Okarina an, ein Stückchen war schon davon abgeschlagen und einen ganz kleinen Sprung hatte sie auch schon. „Na, meinetwegen,“ sagte er gnädig, „da nimm sie für das Geld, du kannst aber froh sein über den Einkauf, so was passiert nicht alle Tage!“
Schweigend nahm Severin seine Okarina, stumm ging er hinaus, und erst als er auf der Langgasse war, blieb er stehen. Da hatte er nun all sein Geld ausgegeben, dreiundachtzig Pfennige, beinahe ein Königreich hätte er sich dafür kaufen können, so meinte er. Freilich eine — eine, ja wie hieß das Ding doch gleich — hatte Karl nicht. Aber wie das Instrument hieß, mußte er wissen, für dreiundachtzig Pfennige konnte er dies verlangen. Er raste zurück, riß die Ladentüre auf, daß die Klingel förmlich hopste und sprang. Ebenso schnell sprang Herr Friedlein in der Ladenstube von seinem Sofa auf, er war gerade ein bißchen eingeschlafen gewesen; er stürzte in den Laden, sicher war jemand da, der sehr viel kaufen wollte.
„Wie heißt die Pfeife?“ schrie ihm Severin entgegen.
„Okarina, du unnützer Bengel,“ rief Herr Friedlein zornig, „was fällt dir ein, so zu klingeln!“ Aber Severin war schon wieder draußen, er lief über den Markt, durch die Langgasse und sagte immer vor sich hin: „Onetrina, Onetrina!“ Na, das war mal ein putziger Name.
„Du vergißt wohl ganz das Grüßen, mein Sohn?“ fragte da auf einmal jemand mahnend, und Severin sah den Herrn Direktor vor sich stehen. Er riß die Mütze vom Kopfe und stammelte: „Onetrina, Onetrina!“ Der Herr Direktor Weidlich ging kopfschüttelnd weiter und murmelte: „Der Knabe ist wohl etwas dumm, mir scheint, er hätte Ostern sitzen bleiben sollen! Ich muß etwas auf ihn achten!“ —
An diesem Nachmittag ließ Klaus Hippel plötzlich den Pantoffel, an dem er gerade nähte, zur Erde fallen; erschrocken lauschte er, dann sagte er zu seiner Frau Paulinchen: „Nun höre doch nur, da schreit der Kauz gar wohl am hellen Tage!“
„Das bedeutet gewiß ein Unglück,“ jammerte die Pantoffelmacherin. „Ih wo, das bedeutet gar nichts,“ sagte ihr Mann vergnügt, „wenn ich nur wüßte, wo der Kauz sitzt?“
Das war freilich ein sonderbarer Kauz, der da, etwas versteckt von allerlei Gebüsch, draußen auf der Wiese vor dem Turm stand und mit vollen Backen auf seiner Okarina blies. Uhuhuhu — pfpfpf ging das, es klang so jämmerlich, daß Klaus Hippel verwundert sagte: „Na, nun weiß ich nicht, hat der Kauz, der so schreit, Leibschmerzen, oder ist es ein Hund, der heult, so was habe ich noch nie gehört!“
Wenn Klaus Hippel auch so dachte, Severin dachte eben anders; er ging sehr befriedigt von seinem Spiel heim. Weil er sehr zum Überfluß, wie er fand, noch Schularbeiten zu machen hatte, konnte er an diesem Tage nicht weiter blasen. Am Abend vor dem Schlafengehen vertraute er aber Wendelin das große Geheimnis an, und der bewunderte denn auch das wunderbare Instrument gebührend. „Laß mich auch drauf blasen,“ bat er, doch davon wollte Severin nichts wissen, er allein wollte besser spielen als Karl. Als aber Wendelin gar so beweglich bat und sich erbot, einen Groschen zu dem Kaufgeld zuzugeben, erlaubte es Severin endlich. Damit nun aber niemand im Hause die wunderbaren Töne zu hören bekam, kroch Wendelin unter die Bettdecke. Dumpf und schauerlich kamen die Töne darunter hervor, Severin lauschte voll Andacht, endlich rief er aus: „Weißt du, ich krieche mal unter Heines Bett, dann denkt der, es spukt!“
Der Vorsatz war nun nicht gerade lobenswert, aber leider fand er Wendelins vollen Beifall. Der Bube quiekte vor Vergnügen, hopste im Bett herum, strampelte und jauchzte und zuletzt schliefen die Brüder sehr vergnügt ein. —
Am nächsten Tag gab es viel Unruhe im Bäckerhaus. Frau Gutgesell hatte Kaffeegäste, da gab es genug zu tun und anzuordnen. Die Staatsstube wurde noch einmal gewischt und gescheuert, obgleich kein Stäubchen darin lag. Den Buben war das Betreten dieses feierlichen Raumes bei Strafe verboten, überhaupt waren die zwei an dem Tage immer im Wege. Da sollten sie nicht sein und das nicht tun, dabei hatten sie gerade noch mehr als sonst Lust zu allerlei Dummheiten. Ihre Mutter sagte seufzend: „Na, was werdet ihr heute noch anrichten!“ Zuletzt verschwanden aber die Buben, und als die Gäste kamen, waren sie gar nicht zu sehen. Pünktlich um vier Uhr erschienen die Damen, und bald darauf saßen alle vergnügt in der Staatsstube beisammen, lobten Kaffee und Kuchen und erzählten sich dies und das.
Auf einmal horchte Frau Gutgesell erschrocken auf: was war das, welcher Lärm entstand draußen?
Da stürzte auch schon Marie, die Magd, mit dem Schreckensruf in das Zimmer: „Feuer, Feuer!“
Ein wildes Angstgeschrei erhob sich, alle Gäste sprangen auf, eine Kaffeetasse und der Milchtopf fielen um, Kuchenstücke und Arbeitsbeutel rollten zu Boden, die Damen rannten hinaus und bald gellte der Angstruf: „Feuer, Feuer!“ bis auf die Straße hinaus.
„Huh!“ schrie die Grünwarenhändlerin Lehmann und purzelte mit einem Korbe unreifer Stachelbeeren auf die Straße. Alles was flinke Beine hatte, rannte dem Rufe nach, alle Fenster öffneten sich, überall schauten Leute heraus und einer fragte den andern: „Wo brennt’s denn? Sieht man das Feuer?“
Und plötzlich jagte eine wunderliche Gestalt aus dem Bäckerhause heraus; Heine war es. Er hatte sich in eine große, rotkarierte Bettdecke gewickelt, die ihm halb nachschleppte, ein dickes, blaugewürfeltes Kopfkissen hielt er im Arm, als sei es ein kostbarer Schatz. Und so rannte der Geselle die Marienstraße entlang und schrie unaufhörlich: „Feuer, Feuer!“
Bald kamen von überall her die Menschen angerannt, die Feuerwehr kam mit für Neustadt ganz außergewöhnlicher Eile angerasselt, sie hatte es nämlich nicht weit.
„Feuer, Feuer!“ schrie alles im Bäckerhause; Meister Gutgesell rannte hierhin und dahin. Ja, Potzwetter, wo brannte es denn?
„In Heines Stube,“ rief Martin, und Meister und Altgeselle stürzten hinauf; Heine hatte seine Stube in der Mansarde.
Doch in der Stube war kein Fünkchen zu sehen, es roch kein Bißchen nach Rauch, etwas Merkwürdiges aber erblickte der Meister, das waren vier Beine, die unter dem Bett hervorragten und die gerade, als er das Zimmer betrat, zappelnd darunter verschwinden wollten. Kurz entschlossen ergriff der Meister zwei Beine, Martin die anderen, und schwapp kamen Severin und Wendelin mit feuerroten, verheulten Gesichtern unter dem Bette vor.
„Dumme Bengels, seid doch nicht so furchtsam, das ganze Haus brennt doch noch nicht, wißt ihr denn, wo’s brennt?“
„Hup, hup, hup,“ schluchzte Severin, „e—s brennt ja gar nicht!“
„Heine,“ heulte Wendelin, „dachte, weil — weil — wir doch bloß Spaß gemacht haben!“
„Feuer, Feuer,“ schrie es draußen, und der dicke Brandmeister Schulze keuchte die Treppe im Bäckerhause empor: „Ja, wo brennt’s denn, ich sehe ja nichts und ich rieche nichts. Herr Meister, Herr Meister, sagen Sie mir doch, wo es brennt?“
„Hier,“ brummte der Meister und — klatsch bekam Wendelin einen Katzenkopf rechts, und Severin einen links. Dann nahm der Meister seine Buben beim Kragen und zog sie die Treppe mit hinunter. „Es brennt gar nicht, es brennt gar nicht,“ schrie er so laut, daß es dröhnend das Haus durchhallte.
Der dicke Brandmeister kugelte vor Eilfertigkeit fast die Treppe hinunter. „Nicht spritzen, nicht spritzen,“ rief er seinen Leuten zu, und das war gut, denn diese standen schon bereit und hätten beinahe einen Wasserstrahl in das offenstehende Fenster der Staatsstube gesandt.
„Es brennt gar nicht,“ rief draußen einer dem andern zu. „Die Buben haben eine Dummheit gemacht,“ rief ein Lehrjunge, und gleich flog das Wort weiter. Frau Lehmann, die noch immer inmitten ihrer verschütteten Stachelbeeren saß, stand auf und rief entrüstet: „Was, es brennt nicht einmal, da habe ich mich umsonst erschrocken, na, ich sag’s ja, heillose Buben sind’s, die beiden!“
„Da kommt Heine, nä, seht doch wie der Heine aussieht!“ riefen einige Stimmen lachend. Heine rannte ganz verwirrt in das Bäckerhaus zurück, und als die Damen, die alle mit dem Meister, Altgesellen und Brandmeister um die heulenden Buben herumstanden, den Gesellen in seinem wunderlichen Aufzuge erblickten, lachten und schrieen sie: „Himmel, wie sieht der Mensch aus!“
„Zieh dich rasch an und dann komm und erzähle, was geschehen ist!“ rief der Meister dem Gesellen zu.
Aber der war so verdattert, daß er nur immer rief: „Ich hab’s doch Feuer blasen hören, ganz gewiß, ganz gewiß!“
„Habt ihr geblasen?“ fragte der Meister seine Buben.
„Ja,“ jammerten beide, „bloß — ’n bißchen.“
„Wo?“ fragte der Vater weiter und sah die beiden Schlingel strafend an.
„Unter — unter Heines Bett,“ kam ängstlich die Antwort.
„Ach so, und der gute Heine hat geschlafen und ist von eurem Geblase aufgewacht und hat gedacht es brennt,“ sagte der Meister verständnisvoll.
„Pfui, ihr abscheulichen Jungens,“ schrie Heine und stürzte mit seiner Bettdecke und seinem Kopfkissen davon; er fing plötzlich an, sich mächtig zu schämen, da er nun erst recht zur Besinnung kam.
„Das ist meiner Seele eine höchst kuriose Geschichte, ich glaube, die kommt in den Anzeiger!“ sagte der dicke Brandmeister. „Übrigens muß Herr Heine gewiß noch Strafe für unbefugtes Alarmieren der Feuerwehr zahlen! Empfehle mich den Herrschaften.“ Herr Schulze ging davon, bald rasselte die Feuerwehr durch die Marienstraße, oben in seinem Zimmer kroch Heine wütend in sein Bett, die Damen kehrten an ihren Kaffeetisch zurück — und die Buben?
Ach, die Buben! Schläge gab es freilich nicht, aber viel Kummer kam über beide. Severin spielte nicht mehr auf seiner Okarina, denn die verschwand für einige Zeit in des Vaters Schrank. Und der Bube dachte manchmal seufzend: „Hätte ich meine dreiundachtzig Pfennige noch, dann könnte ich mir dies oder jenes kaufen!“ Drei Tage Katzentisch gab es auch, und am Katzentisch gibt es bekanntlich keine Leckerbissen. Das allerschlimmste aber war, die Geschichte kam wirklich in den Neustädter Anzeiger für Stadt und Umgebung.
Wendelin und Severin wären am liebsten vor lauter Schämen im Bett geblieben, so wenig sie auch sonst für Kranksein schwärmten. Auch in ein Mauseloch wären sie himmelgern gekrochen, nur gerade in die Schule zu gehen, dazu hatten sie recht wenig Lust. Aber sie mußten hinein, mußten alle Fragen und alle Neckereien aushalten, es zeigte sich hierbei wieder, daß gute Freunde schon etwas wert sind. Jörgel stand tapfer zu den beiden, auch Fritz Brinkmann hielt zu ihnen, und ebenso Brigittchen und Anne-Marte. Das sanfte Brigittchen wurde ganz kampfbereit, wenn jemand etwas gegen die beiden Freunde sagte.
Freilich sprach ganz Neustadt von den Bäckerbuben und von Heine mit dem Bettuch und dem Kopfkissen. Es ist nun aber eine alte Geschichte, daß gemeinsames Leid verbündet, und Heine, der erst fuchswild über den Streich gewesen war, den die beiden ihm gespielt hatten, fand nun, es sei gar nicht so schlimm gewesen wie die Leute die Geschichte machten. Aus lauter Ärger darüber söhnte er sich mit den Buben aus; es wurde wieder eine ganz dicke Freundschaft. Als die Grünwarenhändlerin Lehmann einmal sagte: „Sie haben mir recht leid getan, Herr Heine, die Bengels drüben sind auch recht schlimm,“ da brummte er: „Sie haben eben immer was an den Buben zu tadeln, Madame Lehmann, es soll jeder vor seiner eigenen Türe kehren, die Buben sind besser als Ihre alten Holzäpfel, die sie mir vor etlichen Wochen verkauft haben!“
Klaus Hippel aber sagte, es sei der beste Spaß seit langer Zeit gewesen, und weil der Pantoffelmacher lachte, lachten die Buben zuletzt auch. Da hörten bald die Neckereien auf, das ist mal so, wer mitlacht fährt am besten. Am heitersten aber lachte Jantge über die Geschichte, denn Severin ging das nächste Mal doch mit in die Fröhliche Einkehr, dort söhnte er sich mit Jantge und Karl aus und gab es auf, eifersüchtig zu sein.
Es kommt ja doch nichts dabei heraus.
Die Schatzgräber finden einen Schatz.
Sommerreisen sind in Neustadt nicht eine so allgemeine Modesache, wie in den großen Städten. Die Erwachsenen fahren wohl hierhin und dahin, aber die Familien, in denen Kinder sind, die bleiben gern daheim. Die meisten Häuser haben Gärten, und wer selbst keinen Garten hat, der geht in Nachbars Garten spielen; draußen im Freien, in dem schönen Wald, ist man auch schnell genug. Ja, Neustadt ist so hübsch, daß regelmäßig zwei alte Prinzessinnen das sonst unbewohnte Schloß im Sommer beziehen. Sie kommen jedes Jahr bald nach Pfingsten, manchmal auch vor dem Fest, und sie bleiben, bis in dem alten Schloßgarten die Bäume ihre goldroten Kleider angezogen haben.
Wenn die Prinzessinnen Emma und Marie, zwei freundliche, alte Damen, Einzug halten, dann steht das ganze Städtchen beinahe auf dem Kopf, namentlich die Kinder laufen sich die Beine ab, um die Prinzessinnen zu sehen, und drei Tage lang fragen sich die Leute untereinander: „Hast du sie schon gesehen?“ Nachher ist es eine gewohnte Sache, nur die Kinder, die rennen jedesmal, wenn der fürstliche Wagen zu sehen ist, hinterher, schreien hurra und guten Tag; dies gehört in Neustadt zum besonderen Kindervergnügen.
Etliche Tage nach dem blinden Feuerlärm hielten denn auch die Prinzessinnen wieder ihren Einzug in Neustadt, und Severin und Wendelin rannten trotz ihres Kummers auch an den Schloßberg, um die Einfahrt mit anzusehen. Sie schrieen hurra, so laut sie konnten; sie standen mit Brigittchen, Anne-Marte und Jörgel zusammen und sagten auch, wie Klaus Hippel immer sagte, wenn die Prinzessinnen da waren: „So, nun ist es richtiger Sommer!“
Die beiden alten Damen nickten den Kindern freundlich zu, und Prinzessin Emma sagte zu Prinzessin Marie: „Glaubst du, daß Kinder wo anders so laut schreien können wie in Neustadt?“
„Nein,“ erwiderte Prinzessin Marie lachend, „ich glaube es nicht, aber hübsch ist doch unser Neustadt, ich bin doch recht froh, daß ich wieder da bin!“
Ja, hübsch war es in Neustadt, in den sonnenhellen Sommertagen ebenso wie in den heimlichen, traulichen Wintertagen. Die fünf Schatzgräber fanden es in diesem Jahre besonders hübsch; es gab so viele lustige Waldspaziergänge, zu denen die Geschwister Fröhlich die Kinder mitnahmen, und bei denen es allemal sehr vergnügt zuging. Nur einen Fehler hatten diese Tage, sie gingen immer mit der allergrößten Eile zu Ende. Die Sonne purzelte dann nur so in ihr Wolkenbett, wutsch, war sie drin, zog sich ein dickes Wolkenkissen über die Nase, und die Kinder hatten das Nachsehen.
Immer weiter schritt der Sommer vor. Der Flieder verblühte, der Jasmin duftete, und die Rosen entfalteten sich. Die Erdbeeren reiften, dann auch das Strauchobst, und eines Tages hatte Frau Lehmann die ersten im Lande gereiften Kirschen. Klaus Hippels Blumenbrettlein brach fast unter seiner blühenden Fülle, und von ihren Spaziergängen kamen die Neustädter Kinder jetzt mit Kornblumensträußen beladen heim.
Und auf einmal waren die Sommerferien da. Sie wurden mit noch mehr Jubel begrüßt als die Prinzessinnen, und durch Neustadts Straßen und Gäßlein brauste an dem ersten Ferientage der Kinderjubel wie ein Strom.
Die fünf Schatzgräber saßen auch an diesem ersten Ferientage auf der Stadtmauer und schmiedeten Ferienpläne — von Schularbeiten stand aber leider nicht viel darin. Wie die fünf Freunde so saßen und schwatzten, kamen auf einmal, von einer Hofdame und einem Kammerherrn gefolgt, die beiden Prinzessinnen durch das Stadtwäldchen daher. Die Kinder erschraken, sie wären am liebsten schleunigst entflohen, daran war aber nicht mehr zu denken. Wendelin zog zwar eiligst seine Beine hinauf, dabei löste sich einer seiner Turnschuhe, die er trug, und plumps fiel der Schuh gerade vor Prinzessin Emma nieder. Prinzessin Marie sah zu der Mauer empor, und plumps, da fiel der zweite Schuh gerade vor ihrer Nase auf den Weg.
„Wie unschicklich,“ sagte das Hoffräulein entrüstet und warf einen strafenden Blick auf Wendelins braunbestrumpfte Füße, am linken guckte die große Zehe ganz lustig aus dem Strumpf heraus.
Die Prinzessinnen lächelten nachsichtig. Ja, sie blieben sogar stehen und fragten die fünf Mauerschwalben gar freundlich nach ihren Namen. Das war ein Ereignis! Die Kinder machten zwar kaum den Mund auf; nachher taten sie sich aber unendlich wichtig, und selbst Heine sagte: „Das hätte in der Zeitung stehen sollen, nicht die dumme Feuergeschichte!“
Und was Heine sagte, das war wahr.
Die Prinzessinnen gingen auch, wie jedes Jahr, in den alten Stadtturm, um sich die Aussicht und das Museum anzusehen, und Klaus Hippel und seine Frau Paulinchen waren wie jedes Mal sehr stolz über den Besuch. Sonst hatten die Pantoffelmachersleute aber wenig Freude in diesen warmen Sommertagen. Frau Paulinchen hatte einen schlimmen Fuß bekommen, und dann lastete noch schwer ein anderer Kummer auf den alten Leuten. Bald nach Pfingsten hatte der Schwiegersohn, Friedrich Lange, zufällig gehört, wie zwei seiner jetzigen Arbeitsgenossen von ihm sprachen; der eine sagte: „Ich glaube es doch, daß er ein Dieb ist und damals im Herbst das Geld genommen hat. Sicher ist die ganze Geschichte nur erlogen!“ Darauf sagte der zweite: „Man muß sich vor ihm in Acht nehmen!“ Der brave Friedrich Lange hatte gemeint, daß der Verdacht, der auf ihm ruhte, längst vergessen wäre, und das Wort Dieb traf ihn so schwer, daß er seitdem wie verstört herumging. Seine Frau, seine Schwiegereltern und seine Freunde, alle suchten ihn zu trösten, aber vergeblich; der arme Mann wurde ganz tiefsinnig. Wenn einer ihn nur ansah, dann dachte er schon: „Er sieht in dir einen Dieb.“
Es war ein Jammer; Frau und Kinder und die alten Eltern litten mit ihm, und alle vermochten sie doch trotz ihrer innigen Liebe nicht zu helfen. Viele Klagen hörte zwar niemand von den Pantoffelmachersleuten, aber die alte Lustigkeit war wieder aus dem Turm entflohen.
So vergingen die Tage des Sommers in Heiterkeit für die Kinder, in Sorgen für die Pantoffelmachersleute, und plötzlich hieß es: „In acht Tagen fängt die Schule wieder an!“
Es war ein trüber, grauer Tag, an dem die fünf Schatzgräber den Entschluß faßten, endlich einmal die Ferienarbeiten richtig in Angriff zu nehmen. „Es wird auch Zeit,“ sagte Frau Doktor Fabian, „ihr tut ja, als wären die Bücher überhaupt nicht mehr auf der Welt.“
Trotz aller guten Vorsätze — Anne-Marte hatte sich sogar Watte in die Ohren gestopft, um nichts zu hören, was sie ablenken könnte — wurde an diesem Tage aus der Arbeit nicht viel. Es war so schwül, kein Lüftchen wehte, selbst die Erwachsenen seufzten bei ihrer Arbeit. Die Bäume standen so still in der grauen Luft, als wären sie aus Stein; unruhig huschten die Schwalben über den Kirchplatz; sie flogen so tief, daß das Gras, das hier und da zwischen den Steinen wuchs, von ihrer Berührung zitterte. „Es wird ein Gewitter geben,“ sagten alle Leute und schauten nach dem Himmel empor. Wie eine graue Decke hing der über der Erde, von der Sonne sah man nur einen blassen, hellen Schein.
Gegen zwei Uhr wurde es ganz dunkel. Klaus Hippel sah von seinem Turmfenster aus dicke, schwere Wolken am Himmel emporsteigen, wie dunkle Berge türmten sie sich auf, und oben hatten sie einen breiten, schwefelgelben Rand. Es dauerte auch nicht lange, da sauste der Sturm durch die Straßen, das Gewitter brach los. Blitze zuckten; der Donner rollte dumpf und dröhnend, und plötzlich war es, als platzte der Himmel, solche Regenmassen prasselten hernieder, und immer lauter heulte der Sturm. Der alte Wachtturm schwankte ordentlich bei diesem Tosen des Wetters, und die Pantoffelmachersleute schauten sich zagend an: „So ein Wetter haben wir lange nicht gehabt,“ murmelte Klaus Hippel. Und wie er, so sagten auch die anderen Neustädter. Angstvoll blickte jeder hinaus, und Schrecken ergriff alle, als die Feuerwehr klingelnd durch die Straßen fuhr; es hatte aber nur in einen Schornstein eingeschlagen. Dann krachte wieder so ein heftiger Donnerschlag, daß alle Fenster zitterten, und auf dem Kirchplatz lag eine Linde zerschmettert am Boden. Der Sturm riß Ziegel von den Dächern, und die Bäume neigten sich tief vor seiner Macht. Bis in die Nacht hinein dauerte das Unwetter, dann ließ es nach, und am nächsten Morgen strahlte die Sonne hell über Neustadt. Alles blinkte und blitzte wie frischgewaschen, und der Himmel hatte kein Fleckchen an seinem blauen Kleid. In dem hellen Sonnenschein aber sah man recht, wie arg das Unwetter gehaust hatte; in den Gärten waren die Beete zerwühlt, und der kleine Mühlbach am südlichen Stadtende gebärdete sich wie ein wildgewordener Strom, so dick geschwollen vom Regenwasser brauste er einher.
Im Stadtwald, auf den Promenaden lagen entwurzelte Bäumchen und Haufen niedergebrochener Äste.
„Da könnte man gut Reisig sammeln, meine Holzkammer ist ohnehin leer,“ sagte Frau Paulinchen betrübt, als Brigittchen, Anne-Marte, Jörgel und die beiden Bäckerbuben ihr am Nachmittag erzählten, wie es draußen aussah. Die Kinder waren gekommen, um zu fragen, ob der Turm bei dem Sturm geschwankt hätte; Jörgel hatte nämlich gesagt, dies könnte wohl sein.
„Natürlich hat er geschwankt, wie ein Baum, hin und her!“ sagte Klaus Hippel, der fast beleidigt war, daß seinem Turm so wenig zugetraut wurde.
Die Kinder bedauerten einstimmig, daß sie nicht dabei gewesen wären, aber Mutter Paulinchen sagte, es wäre sehr unheimlich gewesen. Dann seufzte sie wieder: „Ach könnte ich doch heute ordentlich Reisig suchen gehen, aber mein Fuß ist zu schlimm!“
„Und ich muß die Pantoffeln hier heute noch liefern,“ brummte Klaus Hippel. „Schade, heute ist gerade Freiholztag!“
„Wir wollen Reisig suchen,“ rief Anne-Marte vergnügt. „Ja,“ stimmten Jörgel, Brigittchen und Severin freudig ein, nur Wendelin war von dem Plan nicht sehr entzückt.
„Na, du mit deinem weißen Kleid, Brigittchen, da möchte deine Tante schön schelten!“ meinte Mutter Paulinchen bedenklich. „Ach, ich laufe fix zu Frida Müller, die borgt mir eine Schürze,“ sagte Brigittchen, „dann holen wir Holz, deinen ganzen Stall voll.“
Schwupps, war die Kleine auch schon zur Türe hinaus, und Anne-Marte folgte ihr. Frida Müller war die Tochter einer Waschfrau, sie war in gleichem Alter mit Brigittchen und Anne-Marte. Ihre Mutter wusch bei Fabians und bei Schöns, und Frida holte sie manchmal ab und spielte dann mit den Freundinnen, die Frida beide sehr nett fanden. Die Waschfrau Müller wohnte in der Turmgasse, die dicht am alten Stadtturm lag, es war also kein weiter Weg, den die Mädels zurückzulegen hatten. Und Frida war daheim und sehr bereit, zu helfen. Sie holte rasch einen blauen Rock und eine Schürze herbei, ja ein Kopftuch holte sie auch, weil Brigittchen ihren weißen Staatshut aufhatte, und statt der feinen, braunen Schuhchen zog diese ein Paar von Fridas Alltagsschuhen an.
Bald war die Kleine in ein richtiges Holzmädel umgewandelt, auch Anne-Marte bekam eine blaue Schürze und ein Kopftuch, und Frida Müller sagte noch: „Es kann alles schmutzig werden, es geht zu waschen.“ Kichernd vor Vergnügen kamen nach einem Weilchen beide in den Turm zurück.
„Potzhundert, ihr seht aber schmuck aus!“ rief Meister Hippel lachend, „nun bin ich nur neugierig, wie viel Reisig ihr anbringen werdet!“
„Schrecklich viel,“ riefen alle fünf, dann eilten sie hinaus, dem Stadtwald zu. Sie fanden, es sei ein wundervolles Vergnügen, Reisig zu suchen. Namentlich da so viele Äste am Boden lagen, da brauchte man nur zuzugreifen.
Ein bißchen naß war es zwar von dem gestrigen Regen, aber das störte die Kinder weiter nicht, sie suchten mit brennendem Eifer, und bald war der kleine Handwagen, den die Pantoffelmacherin ihnen mitgegeben hatte, hochbeladen. „Nun nehmen wir jeder noch ein kleines Bund auf den Rücken,“ schlug Jörgel vor, „na, dann soll Meister Hippel uns aber nicht auslachen!“
Wendelin brummte ein wenig, er war nicht sehr dafür eingenommen, daß er sich so oft bücken mußte, aber weil Brigittchen so voll Eifer war, tat er auch mit.
„Ich bin Pferd,“ rief Anne-Marte, als alle Bündel fertig waren.
„Ich auch,“ schrie Severin.
„Und wir sind Vorreiter,“ rief Jörgel und faßte Brigittchens Hand, und lustig ging die Fahrt los.
„Wendelin muß schieben. Aber ordentlich, nicht bloß so tun,“ gebot Anne-Marte.
Ein bißchen seufzend gehorchte Wendelin, er wäre lieber Kutscher gewesen und hätte sich ziehen lassen.
Das war eine lustige Fahrt durch den Wald mit dem beladenen Wagen. Die beiden Pferde rasten in wilder Eile vorwärts, aber die Vorreiter waren noch geschwinder. Am Rande des Wäldchens, da wo die Stadtmauer anfängt, stolperte Brigittchen plötzlich an einem kleinen Abhang, und trotz Jörgels freundlicher Mahnung, nicht zu fallen, lag sie plötzlich platt am Boden in dem feuchten Moos. Ihr erster Gedanke war: „Gut, daß ich mein weißes Kleid nicht anhabe.“ Dann aber sah sie auf einmal etwas Merkwürdiges vor sich im Moos liegen, und sie blieb einfach liegen, um sich das Ding genauer anzusehen.
„Steh doch nur auf,“ mahnte Jörgel, „hast du dich geschlagen?“
„Nein,“ erwiderte Brigittchen sehr vergnügt und krabbelte empor, „sieh mal, ich hab’ hier was gefunden.“
Sie erhob sich und reichte Jörgel ein schwarzes, nasses Ding hin, das der verwundert von allen Seiten betrachtete. „Es ist so schmutzig,“ sagte er verächtlich.
„Aber so schwer,“ meinte Brigittchen, „es ist ein Paket, wer weiß was drin ist.“
„Na, Kuchen sicher nicht!“ rief Jörgel neckend.
„Ein Schatz vielleicht,“ sagte Brigittchen, „ich nehme das Paket Vater Klaus mit!“
„Vorsicht, aus dem Wege!“ riefen jetzt Anne-Marte und Severin; sie fuhren mit ihrem Wagen den Abhang hinunter. Wendelin schien zu denken, es ginge bergauf, er schob mit aller Macht und pardauz überschlug sich der Wagen am Abhang. Die Reisigbündel flogen hierhin und dahin, Wendelin, durch den jähen Anprall erschreckt, schoß in einem weiten Purzelbaum über alles hinweg, und eine Weile kollerten Kinder, Wagen und Reisigbündel durcheinander. Dem armen Wagen knackten alle Knochen im Leibe, den Kindern hatte das Durcheinander aber weiter nichts geschadet, sie fanden es vielmehr höchst lächerlich. Wer nicht gefallen war, setzte sich ins Moos, um sich ordentlich auszulachen. Heil, unzerbrochen, nur ein wenig schmutzig, standen sie endlich auf.
„Mein schwarzes Ding,“ rief Brigittchen, die noch am Boden saß, und sah sich suchend um.
Es war weg, und Anne-Marte rief: „Laß es doch liegen.“ Aber Brigittchen wollte ihren Fund nicht im Stich lassen, und so halfen ihr denn auch die anderen suchen. Schließlich fand es sich, daß Brigittchen auf dem schwarzen Ding gesessen hatte, was zu neuem Gelächter Anlaß gab. So kamen die Fünf lachend und höchst vergnügt mit ihrer Holzlast am Turm wieder an, und Mutter Paulinchen kam erfreut die Treppe herab gehumpelt. „Das lobe ich mir,“ sagte sie, „nein, so eine Freude!“
„Jetzt muß Vater Hippel aber noch meinen Fund sehen,“ rief Brigittchen und hopste die Treppe hinauf, und oben hielt sie dem Pantoffelmacher das schwarze Ding vor die Nase: „Das hab’ ich gefunden!“
„Was ist denn das?“ brummelte der, „ist wohl gar ’n toter Maulwurf oder so was!“
Die Kinder kicherten, der Alte aber rückte seine Brille zurecht, um den Fund genauer anzusehen. Aber plötzlich wurde er leichenblaß und seine Hände zitterten. Hastig löste er einen Riemen, mit dem das schwarze Ding zugeschnallt war, eine rotbraune, aber auch verwitterte Tasche kam heraus. „Mutter!“ rief Klaus Hippel mit bebender Stimme, „Mutter, wahrhaftig, es ist die Tasche von unserm Friedrich!“
„Du lieber Gott!“ stammelte Frau Paulinchen und faltete die Hände, „wie ist das möglich?“
Die Kinder standen in stummem Staunen da, wie ein Märchen schien ihnen, was sie sahen. Der alte Mann hatte unterdessen die Tasche geöffnet, in der einige schwere Rollen steckten. „Das Geld ist drin, lieber Gott, ist das ein Glück!“ murmelte er, und dicke Tränen liefen über seine gefurchten Wangen. Und dann lagen sich die beiden alten Leute in den Armen und weinten und lachten, und die Kinder jubelten mit ihnen. „Es war feierlicher als Weihnachten,“ sagte Brigittchen später.
„Unsere Kinder müssen es wissen,“ sagten die Alten.
„Wir gehen hin und sagen es,“ riefen die Kinder wie aus einem Munde, und ehe Pantoffelmachers noch etwas sagen konnten, stürmten sie schon alle fünf die Treppe hinab. Die Turmgasse entlang gings, an Frida Müller vorbei, und Brigittchen dachte gar nicht an ihren seltsamen Anzug.
Das Kontor des Herrn Schön lag am Markt, dorthin lenkten die Kinder ihre Schritte, denn dort war um diese Zeit Friedrich Lange zu finden. Es war ein hohes, altes Haus, in dem sich das Kontor befand. Durch einen breiten, gewölbten Hausflur ging es hindurch und schrill schlug die Klingel an, als die Kinder öffneten. Herr Schön stand gerade in dem ersten Arbeitszimmer und sprach mit dem Bürgermeister, der ihn besucht hatte und nun wieder gehen wollte. In diesem Augenblick stürmten atemlos, naß, schmutzig und zerzaust die fünf Kinder ohne weiteres herein, und alle fünf zusammen schrieen sie: „Wir haben das Geld gefunden, die Tasche, die —“
„Welches Geld, welche Tasche? Ja, was soll denn das heißen?“ rief Herr Schön verblüfft. Dann erkannte er sein Töchterchen und sagte ärgerlich: „Aber Kind, wie siehst du aus!“ Doch Brigittchen, die sonst bei jedem Tadel am liebsten weinte, war über ihren Fund so aufgeregt, daß sie laut jubelte: „Ich habe die Tasche gefunden, die richtige Tasche, Klaus Hippel sagte es, und das Geld wäre auch drin!“
„Brigittchen hat die Tasche gefunden!“ jauchzten die anderen Kinder, „Friedrich Langes Tasche!“
„Meine Tasche!“ schrie Friedrich Lange; er sprang von seinem Platze auf, wo er Pakete gepackt hatte, „ist’s wahr, ist’s wahr?“
„Ja,“ sagten die Kinder leise und sahen schüchtern auf den Mann, der sich an die Wand lehnen mußte, um nicht umzusinken. Er faltete die zitternden Hände und schluchzte: „Mein Gott, ich danke dir, nun darf mich niemand mehr einen Dieb nennen!“
Herr Schön und der Bürgermeister sahen erschüttert auf Friedrich Lange; sie fühlten es jetzt beide, wie sehr der gelitten haben mochte. Die Kinder mußten nun von ihrem Fund erzählen, und sie taten das mit mehr Eifer und Geschrei, als gerade gut war, um aus der Geschichte klug zu werden. Manchmal schrieen sie alle fünf durcheinander, und Brigittchen war so bei der Sache, daß sie sich sogar platt auf die Erde warf, um die Sache recht anschaulich zu machen. Herr Schön sah ganz erstaunt auf sein Töchterchen, er kannte das daheim so stille Kind gar nicht wieder, nein, und was für einen seltsamen Anzug sie nur trug und wie schmutzig sie aussah! Aber Brigittchen merkte davon in ihrer Herzensfreude nichts, sie lief auch mit ihren Freunden mit, als die beiden Herren und Friedrich Lange eiligst zu dem Pantoffelmacher gingen, um zu sehen, ob es auch wirklich die rechte Tasche sei, die gefunden worden war.
Friedrich Lange konnte kaum sprechen, und die alten, steilen Turmtreppen sprang er nur so empor, und dann sah er schon bei seinem Eintritt auf dem Tisch die Tasche liegen, die ihm und den Seinen so viel Kummer bereitet hatte. Eine Nachbarin hatte inzwischen eiligst Frau Lange und die Kinder herbeigeholt, und die Familie stand andachtsvoll vor dem Tisch; ach, nun hatte ihr Kummer ein Ende!
„’s ist nicht zu sagen, nicht zu sagen, was für Dinge alles auf der Welt passieren,“ schrie Klaus Hippel und rannte aufgeregt in der Stube herum, „aber freilich, wo anders mag nicht so viel geschehen als gerade in Neustadt. Meine Güte, meine Güte, so eine Stadt, und solche Kinder, die Holz holen und Taschen finden! Paulinchen, koch’ Kaffee, mir wird es schwach!“ Und Paulinchen kochte Kaffee; Herr Schön aber versprach, er wolle zur Feier des Tages eine Flasche Wein schicken, worüber der Pantoffelmacher in neue Aufregung geriet.
Es war ein Leben in dem kleinen Turmstübchen, daß der alte Turm beinahe vor Staunen zu wackeln begann. Und dann redeten alle davon, wo wohl die Tasche gesteckt haben möchte. Sie hatte sicher wohl geborgen unter Moos und Laub am Waldrand gelegen und der heftige Gewitterregen hatte sie emporgespült.
„Nun haben wir doch einen Schatz gefunden,“ jubelte Brigittchen und tanzte mit Anne-Marte in der Stube herum, obgleich das bei der Enge, die herrschte, kaum möglich war. „Tralala, tralala, wir haben einen Schatz gefunden!“
Dann liefen die Mädels zu Frida Müller und tauschten ihre Kleider ein; sie erzählten die wunderbare Geschichte, und Frida Müller sagte, es wäre doch fein, daß Brigittchen gerade ihre, Fridas Sachen, dabei angehabt hätte. Nachher liefen alle fünf Schatzgräber zu den Eltern, zu Fröhlichs, und jedem, den sie dabei noch unterwegs trafen, erzählten sie von ihrem Fund. Die Bäckerbuben erzählten es sogar, trotz sonstiger Feindschaft, der Grünwarenhändlerin Lehmann, und diese fand die Sache so erstaunlich, daß sie jedem Buben eine Birne gab und sagte: „Erzählt es nochmal, recht langsam, und quatscht nicht so durcheinander, damit ich alles verstehe. Wir sind ja verwandt, Friedrich Lange und ich, seine Großmutter und meiner Schwiegermutter Tante waren Cousinen im dritten Grade. Nein, daß ihr dummen Bengels auch immer dabei sein müßt, wenn etwas los ist!“
Klaus Hippel guckte von diesem Tage an wieder mit so frohen Augen von seinem Turm ins Weite, wie ein König über sein Land. Mutter Paulinchens Fuß ward auch bald besser, und die Blumen am Turmfenster blühten so üppig, als wollten sie ein Lob- und Danklied singen. Das sagte Friedrich Lange; freilich, der hörte in diesen Tagen, die kamen und gingen, überall Lob- und Danklieder, in seinem Herzen selbst aber erklang das fröhlichste Danklied.
Eine Geschichte, die traurig anfängt und fröhlich endet.
Gerade am letzten Tag der großen Ferien wurde Brigittchen krank. Es war kein Schulfieber, wie es wohl manchmal kleine Faulpelze bekommen, wenn sie wieder zur Schule gehen sollen, denn Brigittchen ging gern zur Schule. Die Kleine war auch am Tage vorher vergnügt gewesen wie ein kleiner Spatz, der einen früchtereichen Kirschbaum entdeckt hat. In der Nacht aber bekam sie plötzlich Halsschmerzen, und als Doktor Fabian am nächsten Tage kam, da machte er gleich ein recht ernstes Gesicht.
Bald wußte es die ganze Nachbarschaft, Brigittchen Schön ist krank. Und leise sagten die Leute zu einander: „Es steht schlimm mit der Kleinen, sie wird vielleicht sterben.“ Wie ein leises Weinen erklang dies Wort da und dort im Städtchen. Auch Anne-Marte, Jörgel und die beiden Bäckerbuben hörten es, und auf einmal war alle ihre Lust am Spiel dahin. Ihr Lachen verstummte, bedrückt gingen sie zur Schule, und nach der Schule liefen sie auf den Kirchplatz und sahen zu dem Schönschen Hause empor. Dort hinter den weiß verhängten Fenstern lag ihre holde, kleine Freundin krank, so schwer krank. Anne-Marte weinte und die Buben machten wütende Gesichter, als könnten sie damit die Krankheit vertreiben. Dann rannten sie zu den Pantoffelmachersleuten in dem alten Stadtturm, um dort von Brigittchen zu sprechen. Frau Paulinchen saß auf ihrer bunten Truhe und weinte sich schier die Augen aus, und Klaus Hippel murmelte immer traurig vor sich hin: „Unser Brigittchen ist krank, ach nee, unser liebes Brigittchen!“
Was war aber all die Sorge der anderen Leute gegen die heiße Angst, die der Vater um sein Kind im Herzen trug. Herr Schön wich nicht von dem Bett seines Lieblinges, und sein Denken war ein einziges stummes Gebet: „Lieber Gott, erhalte mein Kind!“ Mit ihm aber wachte noch jemand Tag und Nacht bei der kleinen Kranken, Helene Fröhlich war es. Am ersten Tage war sie still in das Zimmer getreten, sie war mit einem lieben Lächeln und warmen, tröstenden Worten gekommen. Wie die Sonne im März die Frühlingshoffnung bringt, so brachte Helene Fröhlich die Hoffnung ins Krankenzimmer. Es muß ja besser werden, dachte der Vater, wenn er in die lieben Augen der freundlichen Pflegerin schaute. Und alle im Hause fanden, es sei ein rechter Trost, daß Fräulein Helene da sei, und Brigittchen fand sogar das Kranksein nicht schlimm, wenn Tante Helene am Bett saß, die Medizin reichte und ganz sachte und lind über die fieberheiße Stirne strich.
Und wie der Vater, so betete auch Helene Fröhlich im Herzen in jeder Stunde: „Lieber Gott, erhalte das Kind!“ Das Gebet, das so aus tiefstem Herzensgrunde emporstieg, fand Erhörung, und es kam der Augenblick, da Doktor Fabian tief aufatmend sagte: „Gottlob, nun ist die Gefahr vorüber!“
Wie ein Jubelruf klang das Wort über den Kirchplatz hin, in die Gassen und Gäßchen hinein. „Brigittchen Schön wird gesund! Wissen Sie schon, dem Brigittchen geht es besser,“ sagten die Leute zu einander. In einer kleinen Stadt ist das halt anders, wie etwa in London, Berlin oder sonst einer großen Stadt, wo die Leute nicht wissen, wer im Hause Freude oder Leid trägt. In Neustadt kümmert sich eben einer um den andern, manchmal vielleicht ein bißchen viel, und Klatsch und Tratsch entsteht daraus, aber in Trauerstunden und Freudentagen möchte doch keiner die Teilnahme der anderen entbehren.
„Brigittchen Schön geht es besser,“ sagte darum auch die Bäckermeisterin Gutgesell zu jedem, der in den Laden kam, und die gute Frau hatte darüber eine solche Herzensfreude, daß sie gleich einem armen Weibe ein großes Stück Kuchen zum Brot zugab.
„Brigittchen wird gesund,“ riefen auch Wendelin und Severin und purzelten in der Seligkeit ihres Herzens in Frau Lehmanns Grünwarenkeller hinein.
„Du meine Güte, nee ist das eine Freude!“ rief diese und vergaß mal wieder, daß sie sich eigentlich immer über die Buben ärgerte.
Am Bett der kleinen Kranken aber saßen der Vater und Helene Fröhlich still beieinander, Hand in Hand. Die Sorge um das Kind, das ihnen beiden so lieb war, hatte sie vereint, und Helene Fröhlich hatte versprochen, sie wollte Brigittchen eine treue Mutter werden. Als die Kleine nach langem, gesunden Schlaf die Veilchenaugen aufschlug, da beugte sich Tante Helene über sie und sagte liebevoll: „Nun will ich immer deine Mutter sein!“
„Mutter,“ flüsterte Brigittchen selig, „ach, nun habe ich auch eine Mutter, wie Jantge!“
Freude hilft gesund machen. Dem Brigittchen half sie sicher. „Das geht ja wie mit ’nem Schnellzug,“ sagte Doktor Fabian, „potzwetter, das hätte ich nicht gedacht, daß unser Sorgenkind so schnell gesund werden würde. Freilich, wenn einen Vater und Mutter so gut pflegen, da ist es keine Kunst!“
Es dauerte denn auch nicht lange, da fuhren Vater und Mutter mit Brigittchen im Sonnenschein spazieren. Hinter dem Wagen her liefen mit einem ungeheuren Freudenschrei alle Buben und Mädels vom Kirchplatz, aus der Marienstraße und aus den Gäßlein ringsum. Es war just so, als hielten die Prinzessinnen Einzug. Und Brigittchen saß im Wagen und lachte so vergnügt, daß sie ganz rosige Bäckchen bekam. Wie wunderschön war es doch auf der Welt!
Aus dem Fenster des alten Stadtturms sahen Klaus Hippel und Frau Paulinchen über das Blumenbrettlein hinweg und beide nickten und winkten, als Brigittchen unten vorbeifuhr. Der Pantoffelmacher aber sagte: „Es ist eine richtige, feine Geschichte, wie das Brigittchen zu einer Mutter gekommen ist. Ich sag’s ja immerzu, in Neustadt passiert so viel, wie nirgends in der Welt. Nee, nee, und die dummen Leute sagen immer, so ’ne kleine Stadt sei langweilig!“
Der Sommer verging und der Herbst kam. An einem Oktobertag, der so warm und hell war, daß er ganz gut hätte sagen können: „Schaut mich nur an, ich bin eigentlich ein Augusttag!“ sangen und tönten die Glocken von St. Marien: „Hochzeit, Hochzeit!“ In allen Ecken und Winkeln des Städtchens hörten die Leute das Singen und Klingen, hörten es, daß Herr Schön und Helene Fröhlich Hochzeit feierten miteinander. „Glück und Heil!“ jubelten die Glocken, und Glück und Heil, Freude und Segen, sangen auch die Glocken in manchen Herzen. Es gab in Neustadt viele Menschen, die sich ehrlich mitfreuten und die dem Brautpaar gute Tage wünschten.
Der ganze Kirchplatz und die Marienstraße dazu aber waren vom frühen Morgen an in großer Aufregung. Vom Hause der Braut aus bis zur Kirche waren Teppiche gelegt und Blumen gestreut, und über Teppiche und Blumen hinweg schritt Helene Fröhlich in die alte Kirche hinein. „Sie ist so schön wie eine Rose,“ sagten die Leute; die alte Dorothee aber dachte in ihrem Herzen: „Sie ist so schön, weil sie so gut ist.“
Blitzeblank, in neuen Kleidern und Anzügen, die Augen so strahlend, als wären sie frisch geputzt, gingen die fünf Schatzgräber, Jantge und Karl vor dem Brautpaar her und streuten Blumen. Sie kamen sich alle mit einander ungeheuer wichtig vor. Wendelin und Severin trugen ihre Nasen so hoch, als hinge an der obersten Kirchturmspitze eine Blume, an der sie riechen müßten.
Frau Lehmann sah die Buben ganz verdutzt an und sagte zu Heine, der neben ihr stand: „Man erkennt wirklich die Bengels kaum wieder, so manierlich sehen die aus.“
Es war eine fröhliche Hochzeit, die nicht nur in dem alten Haus am Kirchplatz gefeiert wurde, die auch die alten Frauen im Gertrudenspital feierten, Pantoffelmachers im Stadtturm, und manche arme Familie da und dort. Helene Fröhlich hatte schon dafür gesorgt, daß es an ihrem Hochzeitstag auch anderen gut ging. Und lustig, wie überall, ging es auch am Kindertisch zu. Anne-Marte kam zuletzt gar nicht mehr aus dem Lachen heraus, und die Bäckerbuben hatten nur eine Klage, die, daß man sich in guten Anzügen in Acht nehmen muß. Jörgel hielt sogar eine Rede, gerade so, wie es Doktor Fröhlich am Tisch der Großen tat. Seine Gefährten sagten alle, er würde gewiß noch mal ein Dichter werden, es wäre zu fein gewesen.
Die strahlendsten Augen aber hatte Brigittchen, und in ihrem Herzlein sang und klang auch eine Glocke: „Mutter, Mutter, Mutter!“ tönte das immerzu. Und zwischen dem Elternpaar, das an der Hochzeitstafel saß, und ihrem kleinen Mädel am Kindertisch, ging immerzu ein Nicken und Winken hin und her, das hieß: „Ja, wir sind glücklich, wir drei zusammen.“
Dann war das Fest zu Ende, die Lichter verlöschten, die Gäste gingen nach Haus. „Nun wird es aber wieder einsam im Hause werden,“ sagte Doktor Fröhlich ein wenig betrübt, als seine Schwester mit ihrem Manne Abschied nahm. „Nun läßt du mich wieder allein!“
„Ich gehe ja nur über den Kirchplatz, nicht nach London, Brüderlein,“ tröstete diese, „ich bleibe ja in Neustadt!“
„Ach ja, in Neustadt,“ sagte der Doktor vergnügt, „es ist uns beiden wirklich eine Heimat geworden.“
„Ja, eine Heimat, eine liebe Heimat,“ rief Helene dankbar, „es ist gut sein in ihr. Ich glaube beinahe, Klaus Hippel hat Recht, Neustadt ist eine ganz besondere Stadt!“
„Bum“ schlug die Uhr von St. Marien, es war, als wollte sie rufen: „So ist es recht!“
Und wer es nicht glaubt, daß Neustadt eine besondere Stadt ist, ja der muß eben zu Klaus Hippel gehen und fragen, der überzeugt ihn sicher.