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Kloster Himmelpforte

Chapter 1: Kloster Himmelpforte
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About This Book

Das Aufführungsrecht in Vereinen wird durch Kauf eines Hauptbuches und von 10 Rollenbüchern zum Gesamtpreis von Mark 33. - erworben. Weitere Rollenbücher kosten je Mark 3. - . Das Aufführungsrecht an Berufsbühnen ist vorbehalten. Auskunft erteilt die Verlagshandlung. Das Abschreiben oder Verleihen des Materials ist gesetzlich verboten.

The Project Gutenberg eBook of Kloster Himmelpforte

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Title: Kloster Himmelpforte

Geschichtliches Drama in 4 Akten

Author: Robert Falke


Release date: February 24, 2026 [eBook #78030]

Language: German

Original publication: Leipzig: Verlag von Arwed Strauch, 1921

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78030

Credits: Christian Reinboth

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KLOSTER HIMMELPFORTE ***
Evangelische Vereinsbühne
Sammlung leichter Aufführungen für Vereine des
evangelischen Bundes und der Gustav=Adolf=Stiftung,
Jünglingsvereine, Frauen= und Jungfrauenvereine

--------------- Heft 13/14 ---------------

Kloster Himmelpforte

Geschichtliches Drama in 4 Akten
von
Robert Falke
Konsistorialrat und Superintendent, Wernigerode a. Harz


Verlag von Arwed Strauch in Leipzig

Bürgermeister Henrick Witten.

Schmiedemeister Öhlmann.

Judith

Bärbele
zwei Bürgertöchter.

Wilhelm Wiardes
, Barbier.

Paul Rese
, Landsknecht.

Hans Dantzke
, Wirt zu Nöschenrode.

Burghauptmann Volkmar von Morungen.

Mönch Gröning
vom Kloster Himmelpforte.

Augustinermönch D. Martin Luther
, Distriktsvikar der Augustinerklöster Sachsens.

Ein Klosterbruder
, sein Begleiter.

Generalvikar D. Staupitz.

Prior Tiemann.

Bruder Henning.

Acht Klosterbrüder.

1., 2., 3. Bauer.

Ein Bäcker und ein Metzgermeister.

Bürger, Bürgerinnen, Bauern und Kinder.


Ort der Handlung:

Wernigerode und Kloster Himmelpforte im Jahre 1517 und 1525.

Das Aufführungsrecht in Vereinen wird durch Kauf eines Hauptbuches und von 10 Rollenbüchern zum Gesamtpreis von Mark 33.- erworben. Weitere Rollenbücher kosten je Mark 3.-.Das Aufführungsrecht an Berufsbühnen ist vorbehalten. Auskunft erteilt die Verlagshandlung. Das Abschreiben oder Verleihen des Materials ist gesetzlich verboten.

Marktplatz in Wernigerode.

(Bürgermeister Witten und Schmiedemeister Öhlmann.)

Witten

Die Zeit ist ernst, mir grauet vor der Zukunft. Mir ist, als ob ein furchtbares Geschehen uns noch bevorsteht, wie Gerichte Gottes, und schwere Sorge macht mir unsere Stadt. Wohin ich schaue, überall Empörung und Zwietracht, Haß bei Bürgern und bei Bauern, bei Rittern und bei Mönchen in den Klöstern. Es eifert jeder wider jeden, und das alte Deutschland wird ein Trümmerhaufen. O, du mein Harz und du mein Wernigerode, was werdet ihr für Stürme bald erleben!

Öhlmann

Gewiß, Herr Bürgermeister, Ihr habt recht, jetzt sind am Werk die Teufel und die Hexen. Furchtbare Zeichen künden an die Not. In Altenrode ist ein Kalb geboren und hat drei Köpfe, das bedeutet Krieg. Und neulich sah mein Schwäher überm Brocken bei Blitz und Krach den Feuerdrachen fliegen, er ließ bei Ilsenburg sich nieder und hat den Wald und Wiese lichterloh verbrannt. Ach, ach, Jesus Marie; die Welt geht unter und alle müssen sterben, Weib und Kinder.

Witten

Recht mögt ihr haben, Meister Öhlmann, wir müssen drum den Herrgott bald versöhnen, daß er in Gnaden unser Land verschone. Ich will die Bürgerschaft zum Pilgern mahnen, wir müssen all nach Waterler zur Hostie und dort die Fürsprach‘ unserer Frau erflehn. Der Prior Tiemann von der Himmelpforte hätt‘ längst schon zu der Wallfahrt mahnen müssen.

Öhlmann

Habt Ihr gehört, daß in der Himmelpforte vom Heiligenbild drei Tropfen Bluts gefallen? Wenn schon die Mutter Gottes weint, dann muß die ganze Welt im Blutstrom bald ersaufen.

Witten

Ich bin gewiß, daß unsere frommen Mönche von Kloster Himmelpforte für uns beten, denn großen Segen hat der Mönche Fürsprach‘. Seit Prior Proles Zeiten sind die Brüder von Himmelpforte frömmer als die andern, die auf dem Harz in ihren Klöstern wohnen. Sie sind’s, die uns am Sonntag Messe lesen und unsere Jugend in der Zucht erhalten. Sie sind die frommen Beichtiger der Kranken und lösen uns von Fegefeuers Qualen.

Öhlmann

Erst gestern bracht‘ ich dorthin meinen Zehnten und opferte dem Heiligenbild die Kerze. – Doch, Bürgermeister, traut den Mönchen nicht! Dort weht seit langem schon ein fremder Geist, der wenig wissen will vom Papst in Rom, vom Ablaß, Rosenkranz und heiligen Messen, und darum fürcht‘ ich, daß von Himmelpforte einmal ein Unglück ausgeht für die Welt.

Witten

Ihr denkt zu schlecht von unseren Klosterbrüdern; die Stadt ist ihnen lang zu Dank verpflichtet, und wenn einmal das Kloster Schaden litte, und unsere Mönche dorten fliehen müßten, wenn Bauern=Haß und Habgier puchen würde die fromme Stätte, alsdann müssten wir sie in unserer Stadt verpflegen und versorgen. Getrost, Gevatter, heute kommt ins Kloster der Vater Staupitz, aller Augustiner Vikar und Vorgesetzter, und auch Luther, Distriktsvikar der Augustinerklöster, wird morgen droben im Gebirg‘ erwartet.

Öhlmann

Wer ist der Luther, den Ihr eben nanntet?

Witten

Ein frommer Augustinerpater, Doktor der heiligen Schrift und auch Professor an der berühmten hohen Schul‘ in Wittenberg. Doch Näheres weiß ich nicht von ihm zu sagen. – Doch seht, dort kommt vom Schloß der wackere Hauptmann.

(Burghauptmann Volkmar von Morungen tritt hinzu.)

Morungen

Gegrüßt ihr Bürger unsrer lieben Stadt. Mich schickt zu Euch Graf Botho, unser Herr.

Witten und Öhlmann

Gott segne unseren frommen, treuen Grafen.

Morungen

Graf Botho ist von Sorgen tief beschwert, er fürchtet von den Bauern Mord und Aufruhr; schon schlossen sie zum Bunde sich zusammen, er heißt der „Bundschuh“ und der arme „Konrad“, und manche Burg verbrannten sie zu Asche. Und da im Südharz schon die Rotten toben, so will der Landesherr die Burg befestigen, Kartaunen, Schlangen und Geschütz beschaffen, denn wenn die Burg die starke Schutzwehr ist, dann ist sie auch ein Bollwerk für die Stadt.

Witten

Der edle Herr ist unser Schutzpatron. In Treue bleibt die Stadt ihm stets verbunden.

Morungen

Auf Eure Treue bauend, läßt der Graf Euch sagen, daß die Tore, Türme, Gräben der Stadt sofort befestigt werden müssen. Die Tore müssen neue Ketten haben, und was von Pulver und von Kugeln nötig, das muß zu Haufen in Gewölb und Keller.

Witten

Graf Botho fürchtet wohl Belagerung? Ihr, Herr von Morungen, sagt unserm Herrn: zum Hause Stolberg steht die Bürgerschaft und teilt mit ihm das Leid und auch die Freude.

Öhlmann

Wir haben starke Fäuste, lieber Ritter, und wo wir treffen, kracht der Bauernschädel.

Morungen

Solange Fürst und Volk verbunden bleiben, wird stark es wie ein Felsen in dem Meere, doch wo das eine sich vom andern reißt, muß jedes bald in sich in Trümmern fallen. – Doch hört das andere, was ich euch zu sagen: Ihr wißt, daß unser Haus und Kloster Himmelpforte in gleichem Glauben treulich sind verbunden. Graf Botho hat als Oberherr des Klosters den Sohn, Graf Wolfgang, dort die erste Messe in Gegenwart der Mönche lesen lassen, denn Wolfgang soll im Dienst des Herrn verbleiben.

Witten

Des Hauses frommer Sinn und gute Werke sind uns ein Vorbild schon seit hundert Jahren.

Morungen

Da jetzt Besuch im Kloster wird erwartet, sind Gräfin Anna und Graf Botho droben, um Staupitz und den Luther zu begrüßen.

Öhlmann

Was haben denn die Herren zu beraten?

Morungen

Ich glaube, sie bereden hier den Ablaß, der durch den Ablaßkrämer Tetzel wird mit viel Rumor in unserem Land verbreitet.

Witten

Der Ablaß ist ein heilig Werk vor Gott, und ich gedenke auch von ihm zu kaufen.

Öhlmann

Ohn‘ Ablaß kommt die Seele in die Hölle, denn nur der Ablaß kann die Pein verkürzen.

Morungen

Auch Graf und Gräfin hängen streng am Alten, und doch frißt mir der Gram an meiner Seele, daß von den Pfaffen wird das Geld gezogen aus unserm Deutschland, um in vollen Säcken nach Rom zu wandern in des Papstes Taschen. Dort mäßten sie sich von dem deutschen Geld und bauen große Dome und Paläste. Wir Deutschen sind zu dumm, wir müßten alle die Ablaßhändler aus dem Land verjagen.

Witten

Bei unserer Jungfrau! Seid Ihr denn ein Ketzer? Wie wollt Ihr ohne Ablaß aus der Hölle?

Morungen

Man sagt, in unserer Bibel stünd‘ es anders, doch hab‘ ich sie noch niemals selbst gelesen. Das wißt, Ihr Bürger, deutsche Ritterschaft ist grimmig ob der Frevel, welche Rom in unserem Lande schon seit Jahren übt. Gott schenk‘ uns bald den Ritter St. Georg, der diesem Drachen seinen Kopf zertritt.

Öhlmann

Ich schlag ein Kreuz für Euch, Herr Rittersmann. Mir scheint, der Teufel hat Euch in den Klauen.

Witten

Kommt auch in unserer Stadt der Ablaßhandel, dann laß ich ihn gerne hier gewähren, damit die armen Seelen Ruhe finden.

Morungen

Macht was ihr wollt! Nicht einen Heller geb‘ ich in den vermaledeiten Ablaßkasten. Ach, wenn doch Graf und Gräfin Anna auch so gesinnet wären wie ihr frommer Hauptmann – doch kommt, wir wollen in das Rathaus gehen, um dort den Bau der Mauern zu besprechen.

(Die drei ab.)

(Judith und Bärbele.)

Bärbele (singend)

Mein Schatz ist ein Landsknecht,
Ein Landsknecht am Rhein,
Und kommt einst der Maien,
Dann bin ich ganz sein!
Tralala, Tralala…

Was hast du, Judith? Sitzt so still und traurig; mein Herz ist heute so froh, daß ich die Welt in meine Arme schließen möchte. Judith! Kommt einst mein Schatz zurück in unsere Stadt, dann soll die Hochzeit sein und du – und du –

Judith

Du weißt ja gar nicht, ob dein Schatz noch lebt. Das Los der Landsknechte ist der Kampf und Tod.

Bärbele (traurig)

Ja, ja. Doch bin ich neulich gangen zur weisen Fraue vor dem Tore der Stadt.

Judith

Zur Hexe bist du gegangen. Schäm‘ dich doch.

Bärbele

Und die hat mir gesagt, daß Paul noch lebt.

Judith

Die Hexen reden wie man wünscht und zahlt.

Bärbele

Auch hab‘ ich in der Himmelpforten gestern drei Kerzen am Marienbild geopfert.

Judith (sehr erregt)

In Himmelpforten warst du? Sahst auch du den Prior Tiemann?

Bärbele

Ja. Der fromme Prior nahm mir die Kerzen und hat mich gesegnet. Was hast du, Judith? Sollte Prior Tiemann…

Judith

Ach, schweig!

Bärbele

Du trägst ein schwer Geheimnis, Judith, sag’s frei heraus und mache leicht die Seele.

Judith

So will ich dir’s bekennen. Hör‘ zu und schweige. Der Prior Tiemann kommt oft zu dem Vater, um mit ihm unsere Zeiten zu besprechen. Da saß ich stets dabei und hörte Männer von klugem Sinn und tiefem frommen Herzen. Der Prior sagte, daß der Bann der Kirche mit ihrem Ablaß und dem Aberglauben gar bald zertreten werden würde, und dann zerbrächen auch die Klöster. Und die Priester … sie dürften freien wie die anderen Männer.

Bärbele

Um Gottes willen! Das ist Ketzerei…

Judith

Mit seinen treuen Augen sah der Prior mich lange an, daß mir das Herz erbebte.

Bärbele

Ein gottgeweihter Mönch will freien? Judith! Ihr beide kommt in Satans grause Hölle.

Judith

Nein, nicht zur Hölle, in das Paradies geht unser Weg, der seine und der meine. Das Zölibat ist wider Gott und sein Gebot. So steht’s im Evangelium. Der Prior hat’s uns beiden vorgelesen.

Bärbele

Der Teufel wohnt in deiner armen Seele. Komm mit zur Kirche, daß ich für dich bete.

Judith

Die reine Liebe stammt vom Himmel droben, und überspringt des Irrtums enge Schranken. In Prior Tiemanns Hand leg‘ ich die meine und hab‘ ihm Treu‘ geschworen bis zum Tode.

Bärbele

Dein Ende ist des Scheiterhaufens Flamme.

Judith

Die Stunde kommt, da fährt des Sturmes Brausen durch unsere Kirchen, und was morsch geworden, das bricht zusammen, daß es Frühling werde, und dann steh‘ ich mit ihm an dem Altare.

Bärbele

Mich schaudert vor dir, sieh‘ die finstern Männer, komm, laß uns schnell zur Mutter Gottes eilen.

(Beide ab.)

(Der Arzt und Barbier Wilhelm Wiardes in vornehmer Bürgerkleidung. Landsknecht Paul Rese. Wirt Hans Dantzke aus Nöschenrode.)

Dantzke

Ha, ha, du Satanskerl Wiardes. Mit dir möchte‘ ich den Teufel aus der Hölle holen.

Rese

Ich alter Landsknecht schließe mich Euch an. Wenn unsereiner, der den Kampf gewöhnt, auf weichem Lager faul sich hingestreckt, dann steigt die Abenteuerlust empor und gerne greift die Faust zum langen Schwert.

Wiardes

Bald gibt’s zu tun, Ihr Freunde, denn die Not der Bauernschaft und des gemeinen Mannes schreit laut zum Himmel. Schon ist mancher Bauer aus seinem Sklavenschlaf emporgeschreckt und merkt den Frevel, den man ihm getan. Doch tausend schlafen noch. Es gilt zu wecken.

Dantzke

Der Bauer wird geschunden wie das Vieh, durch Frohnden, Gulden, Pön und Lasten, die wie Zentner auf dem Hals ihm liegen. Mit ihrem Roß zerstampfen sie den Acker, und wenn der Bauer sich zur Wehre setzt, dann hetzen sie mit Hunden ihn vom Hof. Ein Hirsch gilt mehr als zehn der „Bauerntölpel“. In Ilsenburg der Prokurator sagte: Am besten ist der Bauer, wenn er heult, und unnütz ist er, wenn’s ihm wohlergeht. Wer einen Bauern streichelt, wird gestoßen, und wer ihn stößt, der wird von ihm gestreichelt.

Rese

Jetzt wendet sich der Spieß. Ihr Ritter, zittert!

Dantzke

Wir fingen neulich Ritter Tettenborn; dann bogen wir zwei Fichten bis zur Erde, und banden ihn an ihrer Stämme Spitzen. So ließen wir ihn zappeln, bis die Wölfe ihn bei lebendigem Leibe aufgefressen.

Wiardes

Wir müssen jetzt durch alle Dörfer eilen und in die dicken Bauernschädel hämmern, daß sie nichts anderes sind als Sklaven, die die Ketten brechen müssen mit Gewalt.

Dantzke

Schon regt der Bauer sich im deutschen Süden. Im „armen Kunz“ und „Bundschuh“ haben sich die Waffen schon zu Trutz und Wehr gesammelt.

Rese

Der Drang nach Freiheit zieht durch alle Lande. Er stammt von Gott, drum muß man ihn erfüllen.

Wiardes

Es ist im Harz noch weit bis zu dem Ziele, drum müssen hetzen wir, eh‘ es zu spät ist und Fürst und Ritter sich verbunden haben. (Zu Rese:) Du eilst nach Stolberg, (zu Dantzke:), du nach Altenrode. Und wiegelt auf die Waffen. Sagt den Bauern, die Zeit der Knechtschaft neige sich zum Ende. Bald ging’s dem Ritter und dem Mönch zu Leibe. Sie sollen abends in den Wald sich schleichen und dort am alten Opferstein beraten, wie man das Volk zu einem großen Heer vereinigt, das alles niedertritt wie Goliath.

Rese

Wer soll in unserm Harz der Führer sein?

Wiardes

Ich bin der Führer. Mir müßt ihr gehorchen. Geht’s aber schief, dann dürft ihr nicht verraten, daß ich euch zu dem Plan gedungen habe, denn ich bin hier Barbier und Arzt zugleich und steh in hohem Ansehen bei den Bürgern.

Dantzke

Aus welchem Grund stellst du dich an die Spitze, da du doch nicht ein Bauer bist und hörig? Du liebst die schöne Judith, haßt den Prior, der dir des Mädchens Herz gestohlen hat?

Rese

Du strebst nach Ehr und Ruhm, und dafür müssen die Bauern ihre Haut zu Markte tragen. Des Volkes Führer sind meist Volksverführer. Geht’s schief, dann drücken sie sich schnell beiseite und auf des Volkes Buckel haut der Prügel.

Wiardes

Was zweifelt ihr an meinem ehrl’chen Sinn? Die Zeit wird’s lehren, daß in dieser Stadt kein anderer Führer sein kann, als ich selbst. Was hör ich? Eine Schelle klingt so laut! Ein Ablaßglöcklein ist’s. Nun gibt’s ein Spaßen.

(Der Augustinermönch Gröning von Himmelpforte schellt mit der linken Hand; in der rechten trägt er einen Kasten, den er auf eine Steinbank setzt. Allmählich kommen auch Judith und Bärbele, der Bürgermeister Witten, Öhlmann und der Ritter von Morungen heran.)

Gröning

Kommt, Christen, kommt! Der Himmel steht jetzt offen. Der heilige Vater neiget sich zur Herde und bietet für den Ablaß reiche Gnaden. Mir ward der Auftrag von dem Pater Tetzel, in dieser Grafschaft Ablaß zu verkaufen. Nun kommt und hört! Für wenig Gulden könnt ihr euch alle von dem Fegefeuer lösen und euch verdienen ew’ge Seligkeit. Sobald das Geld in diesem Kasten klingt, die Seele in den Saal des Himmels springt.

(Alle um ihn.)

Wiardes (zu Judith)

Jetzt endlich seh ich dich. Was hast du, Judith? Ich folge dir auf Schritt und Tritt, und du verachtest mich mit kalten Blicken.

Judith

Laßt mich in Frieden. Niemals gab ich Euch Veranlassung, Euch mir zu nahen; ich mag nicht Eure Liebe.

Wiardes

Judith, hör‘. Wenn du nicht willst, dann wirst du nicht gezwungen. Und koste es mein ew’ges Seelenheil. Sag, Gröning, kannst du alle Strafen lösen?

Gröning

Selbst wer die heil’ge Jungfrau hätt‘ geschändet, kann Gnad‘ erkaufen durch den Ablaßzettel. Noch mehr als Petrus kann der Ablaß spenden, es ist, als wenn Maria selbst hier wäre.

Dantzke

Was kostet’s, wenn es gilt, ein Kloster puchen?

Gröning

Ein schwerer Frevel, schwer darum die Pön, es kostet tausend Gulden. – Hier der Schein.

Dantzke (lachend)

Behalt den Schein, du Pfaff. Viel billiger ist es, ich puch das Kloster und erspar die Gulden.

Rese

Hast recht, Hans Dantzke. Laß die Dummen kaufen. Wir holen uns die Gnaden mit der Faust.

Dantzke

Und wenn ihr Mönche schmort im Fegefeuer, dann treffen wir uns dorten fröhlich wieder.

Gröning

Euch treffe Gottes Fluch; noch ist es Zeit, kauft Ablaß, Ablaß für der Sünden Pön.

Morungen

Gebt mir den Ablaß für zukünft’ge Tat. Was kostet’s, wenn ich einen Ablaßkrämer im Walde überfalle und beraube?

Gröning

Solch schwer Verbrechen ist nicht vorgesehen. Ich drohe dir mit allen Höllenqualen. –

Morungen

Dann sei verdammt mit deinem Ablaßkram, doch hüte dich, mein Mönchlein, heute abend!

Gröning

Noch keinen Zettel hab ich hier verkauft. Kauft, kauft, ihr Leute, ehe es zu spät ist.

Bärbele (zu Judith)

Kauf dir den Ablaß für die schwere Schuld.

Judith

Ich bin zu stolz; du kannst für mich versuchen.

Bärbele

Mein Herze ist in sünd’ger Liebe entbrannt für einen Klosterprior, und wir beide begehren bald in heil’ge Eh‘ zu treten.

Rese

Ist’s nicht die Bärbele, mein kleiner Schatz? Hier ist dein Paul, der frumbe Landsknecht, wieder. Und du liebst einen gottgeweihten Mönch? Laß ab, mein Bärbele, und halt zu mir.

Gröning

Das ist nicht heil’ge, sondern Satans Ehe. Doch wenn Ihr wollt, dann nehmt den Ablaßzettel und zahlt dafür den Preis von 100 Gulden.

Bärbele

Die hab ich nicht.

Gröning

Dann darfst du auch nicht freien.

Witten

Hier hast du 100 Gulden, Jungfer, kaufe den Zettel. (Reicht ihr einen Beutel.)

Morungen

Bürgermeister, ihr verführt die Jungfer. Nehmt dem Mönch den Beutel wieder.

Gröning (zu Bärbele)

Da hast du deinen Zettel. Frei‘ den Prior.

Wiardes (lachend)

Das ist des Teufels Hochzeit.

Morungen

Halt! Halt! Den Zettel! Ich zerreiße ihn.

Witten

Laß die Hand davon.

Judith

Mir sagt’s Gewissen, daß ich schuldlos bin. Ich komm auch ohne Ablaß zu dem Ziele.

Wiardes (zu Rese und Dantzke)

Wenn Ritter, Bürger und der Mönch sich streiten, dann schlagen wir sie alle drei zusammen und lachen über diese dummen Tölpel.

Morungen (sein Schwert ziehend)

Jetzt schlag ich drein in des Dreieinigen Namen! Gib her den Beutel, Pfaffe!

Gröning

Gottverdammter! Dem Papst gehört’s. Der Papst muß es behalten!

(Großer Tumult. Alle streiten wider einander, der Ritter reißt den Kasten an sich. Die Bürger suchen es zu verhindern.)

(Pater Dr. Luther und ein Augustinermönch aus Wittenberg, beide haben den Pilgerstab in der Hand.)

Luther

Was ist das für ein Lärmen auf der Straße?

Mönch

Sie scheinen um den Ablaß sich zu streiten.

Luther

Den Ablaß? Woher kommt der Augustiner?

Mönch

Das ist der Gröning von der Himmelpforte.

Luther

Hör‘, Bruder Gröning. Ich, dein Vorgesetzter, Professor Doktor Luther, ruf‘ zur Ruhe. Geh schleunigst fort in deines Klosters Frieden, dort werde ich die Sach‘ mit dir verhandeln.

Gröning

Hier gilt kein anderer Wille als des Papstes und Johann Tetzels, der mich hergesandt.

Morungen

Ehrwürdiger Vater, helft dem Ablaß steuern, die Kirche schändet sich, und’s Volk verdirbt.

Judith (zu Bärbele)

Siehst du das Feuer in den dunklen Augen? Ich fühle mächtig mich zu ihm gezogen.

Wiardes

Ich fürcht‘, der Mann wird uns zu schaffen machen.

Witten (zu Öhlmann)

Mir ahnt, hier steht ein Mann von Gott gesandt.

Luther (der still vor sich hergeschaut hat, für sich)

Der Satan kann, was gut ist, böse machen, und was ein Segen ist, zu Trug und Frevel. (Zu den anderen:) Auf offener Straße läßt sich nicht verhandeln. Ihr werdet von mir hören. Zu der Himmelpforte bin ich von Pater Staupitz jetzt geladen, der Kirche Nöte mit ihm zu besprechen. Geh hin in Frieden unter Gottes Segen.

(Alle ab. Luther mit dem Klosterbruder allein.)

Klosterbruder (Mönch)

Der Weg zum Kloster führt durch Hasserode, die Nacht rückt an, wir müssen hurtig eilen.

Luther

Wie köstlich ist die Luft hier in den Bergen, und stiller Friede lächelt sanft mich an. Ich grüße euch, ihr Wälder und ihr Täler, und dich, du feste Burg auf Bergeshöh. Hier möcht‘ ich wohl in Frieden Gott dem Herrn und meinem Heiland dienen immerdar. Doch meine Lebensstraße führt zum Kampf; ich fühl es, es ist meines Gottes Wille. Sein Arm wirft mich in wilden Streit hinein, und ich muß kämpfen, für ihn ganz allein; mein Leben sei dir, Heiland, hingegeben; von dir will ich die Kraft im Glauben nehmen. Und wenn ich Bahn soll brechen deinem Rechte, dann steh du bei in Gnaden deinem Knechte.

(Ort: Halle im Kloster Himmelpforte. Rechts in der Halle ein Tisch mit vier Stühlen.)

(Aus dem Hintergrund tönt der Mönchsgesang, der immer näher kommt und dann durch die Halle vorüberzieht. Die Mönche tragen Kerzen in den Händen. Voran Staupitz mit Luther, dann Prior Tiemann und Bruder Henning, ein Greis mit langem weißem Bart. [Alle Mönche sind sonst bartlos.] Hinter diesen vier gehen noch acht Mönche je zu zwei.)

Mönchschor

Jungfrau in des Himmels Höhen,
Öffne gnädig uns dein Ohr.
Sankt Maria, wollest sehen
Auf der Mönche frommen Chor.
Jubilate, Jubilate, Jubilate. Amen.

(Der Chor verklingt in der Ferne.)

Gröning (der sich hinter dem Chor hergeschlichen hat)

Fahrt in die Hölle mit dem Mönchsgeplärre! Wie ich euch hasse, dich zumeist, den Luther! Ihr alle seid nicht päpstlich mehr und römisch; ihr seid mit eurer Kirche längst zerfallen und grabt im Finstern am Zusammenbruch. Ich schwör euch Haß und Rache, will nach Rom, um eure Ketzerei dem Papst zu künden. Und wenn ihr dann verbrannt seid als die Ketzer, dann steige ich auf diesen Priorsitz und strecke auch die Hand zum Bischofsstabe.

Henning (eintretend)

Du warst nicht bei der Messe, Pater Gröning. Ein finstres Wesen trägst du längst zur Schau, und in den Augen flackert böses Feuer. Was sinnst du? Sag es mir, dem Alten, ich bin am längsten in der Himmelpforte.

Gröning

Ich klage Luther an, der gestern mir den Ablaßkram verdarb durch böse Worte, nachher muß er mir Red und Antwort stehen.

Henning

Seitdem Luther hier ist, muß ich immer an eine Weissagung des Proles denken. Andreas Proles, unser Abt und Vater, erzählte uns einmal in heil’ger Stunde, aus unserem Augustinerorden käme der Retter, der Befreier unseres Volkes, der auch die Kirche ganz erneuern würde, und dieser Gottesmann sei schon geboren.

Gröning

Daß du an deinen Worten selbst erstickest, denn du bist auch ein Ketzer, wie sie alle. Ich gehe, wartet nur, ich komme wieder. (Ab.)

Henning (ihm nachsehend)

Das ist die alte Zeit, die jetzt zerbricht, der neue Morgen bringt das helle Licht.

Luther (tritt ein)

Gegrüßt sei Bruder Henning. Aus den Augen strahlt milder Glanz, und wohl erkenn ich es, daß du im Herzen Frieden hast gefunden.

Henning

Durch Gottes Gnade, nicht durch meine Werke. Seitdem Abt Proles hier mein Prior war, und mir den Weg gezeigt zum Gottessohn, fühl ich den Frieden und möchte ihn bewahren.

Luther

Andreas Proles von der Himmelpforte, du hast den Himmel manchem aufgeschlossen! Als ich in Magdeburg ein Schüler war, hab‘ ich den Proles auch gesehen; er galt im ganzen deutschen Land als heil’ger Mann.

Henning

Er war auch ein Prophet: Einst sagt‘ er uns, daß dieses Kloster bald verbrennen würde, und daß es niemals aus der Asch‘ erstünde. Mir ist, als müßte ich es selbst erleben.

Luther

Habt Glauben an den Herrn! Er wird es walten! Und wenn dies Kloster einst zusammenbräche, das mehr als drei Jahrhundert‘ hier gestanden, dann ist des Himmels Pforte nicht verbaut, den überall, wo Glaube, ist der Himmel. Doch sag‘, wer sollte dieses Kloster stürmen?

Henning

Die Bauern!

Luther (nachdenklich)

Ja, die Bauern. Von der Freiheit eines Christenmenschen haben sie noch nichts verstanden, da sie unter Freiheit irdisch Besitztum und des Fleisches Lust begreifen. Doch soll man sie gerecht behandeln und mit Barmherzigkeit ihr schweres Los erleichtern. Auch ich bin aus dem Bauernstand und habe tiefes Mitgefühl für meine Brüder. Was mir am Herzen liegt, ist mehr als das, es ist der Kirche Abfall von dem Glauben. Man zwingt durch Ablaß und durch gute Werke die Seelen unters Joch, und läßt sie sterben. Hier brauchten alle wir den Reformator.

(D. Staupitz und Prior Tiemann mit den Vorigen. Staupitz hat ein mildes, volles Gesicht ohne Bart, er trägt das Abtskreuz auf der Brust.)

Staupiz (zu Tiemann)

Nachdem wir dieses Klosters Sach‘ besprochen, muß ich mit Bruder Luther weiter handeln. Du, Prior Tiemann, fahre fort, die Sammung im Geist der alten Observanz zu leiten. Doch ohne Strenge, sondern mild und gütig.

Tiemann

Ich will es tun, solang es mein Gewissen und’s heil’ge Evangelium gestatten.

Staupitz (zu Luther)

Ich hab‘ dich, Bruder Martin, hergerufen, weil ich mich nach dir sehnte, wie der Vater nach seinem Sohn, und weil ich gern mit dir der Zeiten schwere Not besprechen wollte. Kommt, setzt Euch mit mir nieder um den Tisch. (Alle setzen sich.) Wie geht’s in Wittenberg, mein Bruder Martin?

Luther

Ehrwürdiger Vater, dorten lodert Zorn, es fielen Wölfe in des Heilands Herde und fressen seine Schafe. Tetzels Ablaß – –

Staupitz (ihn unterbrechend)

Der Sturmwind geht vorüber, Martin, und nachher scheint wieder Gottes helle Sonne.

Luther

Wir müssen reden, Schweigen heißt jetzt sünd’gen.

(Mönch Gröning schleicht sich ein und stellt sich hinter einen Pfeiler.)

Staupitz

Und wenn wir reden, machen wir’s noch schlimmer, zerreißen gar der Kirche Einheitsband und kommen in Konflikt mit Papst und Bischof.

Luther

Was ist mir Papst und Bischof, wenn des Herrn geoffenbartes Wort verachtet wird? Jetzt ist die Stunde, da es heißt: Bekennen!

Gröning (hervortretend)

Bekenne dich als Ketzer, Martin Luther! Du reißt dem Papst die Krone von dem Haupt und setzt dich selber auf den heil’gen Stuhl. Der Ablaß ist und bleibt der einz’ge Weg, der uns zum Himmel führt von dieser Erde.

Luther (noch ruhig)

Der Papst kann keine Sündenschuld erlassen. Die Schuld vergibt der Heiland nur allein, und Lüge ist es, daß der Ablaß helfe. Auch ohne Ablaß, nur bei Reu‘ und Buße, hat jeder Christ Vergebung seiner Sünden.

Gröning

Du lehrst es anders als der Papst in Rom.

Luther

Der heil’ge Vater weiß nicht, wie der Tetzel ihn hintergeht und seine Ehre schändet. Er brennte lieber Peters Dom zu Asche, als daß er ihn aus seiner Schafe Fleisch und deren Haut und Knochen bauen sollte.

Tiemann

Belogen und betrogen ist der Papst. Ihr Ablaßkrämer seid die größten Feinde.

Gröning

Ihr glaubt noch an den Papst? Ihr Heuchler lügt!

Staupitz

Ich warn‘ dich, Gröning. Mäßige deine Rede.

Gröning

Wer gegen Ablaß redet, sei verdammt!

Luther (auffahrend)

Wer gegen Tetzel redet, sei gesegnet. Warum befreit der Papst nicht alle Seelen aus des Fegefeuers Not durch seine Liebe, statt Geld zu pressen aus der armen Herde? Warum erbaut er nicht, der reichste Fürst, aus eignen Mitteln seinen Petersdom, statt daß er schickt die Krämer durch die Lande? Warum versucht der heil’ge Vater nicht zu beten, die Seelen zu erlösen aus der Pein?

Tiemann

Es streitet wider Bibel und Gewissen, wenn solche Greuel in der Kirche herrschen.

Luther

Hinweg mit den Propheten, die da sagen: Es sollte Frieden sein und ist kein Friede. Des Heilands Kirche ward zur Mördergrube.

Gröning

Das willst, Verdammter, du dem Volk verkünden? Ich zeig‘ dich an dem päpstlichen Gericht.

Luther

Ich will nichts anderes predigen als das Kreuz, das unser Meister trug zu unserem Heile, und will nicht anders reden als vom Glauben, der selig macht, auch ohne Ablaßwerke.

Gröning

Du kennst die Bibel nicht, sie lehrt ganz anders.

Luther

Ich bin der heiligen Schrift geschworener Doktor und fühle mich gedrungen, jetzt zu reden, daß alle Welt die Wahrheit kennen soll.

Staupitz

Was willst du tun, mein Bruder Martin? Rede!

Luther

Ich fühl’s, der Herr ruft seinen armen Knecht jetzt in die Schranken, daß er für ihn streite. Ich kann nicht länger schweigen, ich muß reden!

Tiemann

Was hast du vor? Mir zittert meine Seele.

Luther

Ich will zunächst mit Tetzel disputieren. Was ich zu Euch gesagt, will ich in Sätzen geschicklich formen und in nächster Zeit in Wittenberg an unsere Kirchentür mit eigner Hand anschlagen. Gott wird helfen. –

Henning (die Hände zum Himmel hebend)

Du bist’s, du bist’s, die Weissagung erfüllt sich! Ich hör‘ im Geist den Hammerschlag erdröhnen, und krachend stürzt der alte Bau zusammen. Die Klöster tun sich auf, die Mönche freien! Fort mit Tonsur und Bettelsack und Kutte! Der Heilgen Bilder stürzen vom Altare, die Messe schweigt, der Rosenkranz zerbricht. Und statt Maria kehrt der Heiland wieder, und alle sinken gläubig vor sein Kreuz.

Gröning

Hört Ihr den Alten schwatzen? Was Ihr sinnt, das redet er mit seinem Munde heraus. Ihr seid erkannt! Jetzt geht’s zum blut’gen Krieg! – Ich eil zu Tetzel, daß ich alles künde. (Ab.)

Staupitz

Laßt mich mit Bruder Martin jetzt allein.

Tiemann

Der Herr ist mit dir, Luther, und wir alle. (Mit Henning ab.)