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Kobolz: Grotesken

Chapter 31: EHE
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About This Book

A series of short grotesque and satirical vignettes mixes absurd humour, ironic morals, and playful linguistic experimentation. Scenes range from a writer confronting a blank page that seems to write itself to parodies of literary mannerisms and self-conscious storytelling. Everyday objects and uncanny events become sources of comic mischief, while apparently idyllic images are followed by unexpectedly harsh or mundane outcomes. The pieces shift rapidly in tone, alternating whimsy and pointed observation to expose human pretension, artistic affectation, and the gap between appearance and reality.

EHE

MANN und Frau faulenzen auf dem Diwan. Der Mann ist am Einschlafen. Die Frau wird von Halbträumen umfangen.

Eine Fliege summt.

Die Glocken einer fernen Kirche baumeln.

— — — Der Mann ächzt, räkelt sich, fragt: «Sind das Glocken?»

Die Frau horcht. «Das sind doch keine Glocken. — Das ist eine Fliege.»

«Unsinn. Das ist doch keine Fliege. — Das sind Glocken.»

«Das ist eine Fliege.»

«Das sind Glocken.»

Beide horchen.

Der Mann: «Selbstredend sind das Glocken. — Warum wird denn geläutet?»

Die Frau: «Ich werde doch Glocken von einer Fliege unterscheiden können! Ich höre keine Glocken. Das ist eine Fliege.»

«Das sind Glocken.»

«Wenn ich dir sage, das ist eine Fliege.»

«Herrgott, das sind Glocken. Das ist doch keine Fliege!»

«Das ist eine Fliege!»

«Das sind Glocken

«Na, da bleib’ bei deinem Glauben.»

«So etwas Dummes! Ich bin doch nicht verrückt. Natürlich sind das Glocken. — Ganz deutlich.»

«Eine Fliege ist es.»

«Wo ich genau die einzelnen Glocken heraushöre.»

«Was du alles fertig bringst. — Ich höre bloß eine Fliege. — Warum sollten denn jetzt die Glocken läuten?!»

«Ja, das möchte ich eben gerne wissen.»

«Du kannst dich drauf verlassen, das ist eine Fliege.»

Beide horchen.

Die Glocken haben aufgehört, zu summen.

Auch die Fliege läutet nicht mehr.

Der Mann denkt: Ekelhaft. So macht sie’s immer. Bei jeder Gelegenheit. Da ist einfach nichts zu wollen. Zum Auswachsen. — Eine Fliege! Lachhaft. — Aber da kann sie niemand davon abbringen. Sie bleibt bei ihrer Fliege. Es ist eine Fliege. Und wenn die Glocken hier in der Stube vor ihrer Nase läuteten, — — es ist eben eine Fliege. Albern. Wenn sie sich etwas einbildet, bleibt sie dabei. — Selbstredend waren es Glocken. — — — Mir einstreiten zu wollen, daß es eine Fliege war . . . .

Er schläft.

Die Frau denkt: Wenn es nicht zufällig mein Mann wäre, ich konnte ihn ohrfeigen. Das Schaf. Immer recht haben. Immer recht haben. Muß er. — Ich höre deutlich die Fliege summen. Nein, es sind eben Glocken. — — Ich kann sagen, was ich will: er bleibt bei seinen Glocken. — Jetzt, um die Zeit Glocken! — — — So ein Schaf! — — — Aber das ist jeden Tag so. — — — Das Kamel . . . .

Sie schläft.

Sie träumt von einer Fliege, die hoch auf dem Kirchturme geläutet wird.

Der Mann träumt von Glocken, die ihm über das Gesicht krabbeln.

Ganz leise fängt die Fliege wieder an, zu summen.

Es klingt wie fernes Glockenläuten.

ICH BIN, ICH WAR

ICH bin eine Blume. Ich blühe auf der Heide.

Ich bin eine Blume und blühe auf der Heide.

Da kommt eine Kuh und frißt mich ab.

Nun bin ich eine Blume gewesen. Nun bin ich keine Blume mehr.

Wie bin ich traurig!

— — — — —

Ich bin eine Kuh und grase.

Niemand merkt mir an, daß ich traurig bin.

Grasen ist fade, Kuhsein ist fade; als Blume hatte ich es besser.

Aber muß man als Kuh nicht stoisch sein und tragen, was man aufgebürdet kriegt?

Geduldig sein und grasen und sich fassen, möh. —

Es ist schließlich gar nicht so traurig, Kuh zu sein.

Die Sonne scheint, die Wiese duftet, der Himmel bläut — und da soll ich traurig sein?

Ich bin lustig.

Aber es ist nicht die Blumenlustigkeit, die mich durchglüht, es ist die Lustigkeit der Kühe.

Ich mache mutwillige Sprünge und möhe und muhe.

Die Welt ist schön, muh.

Muh, schön ist die Welt.

Und ich bin doch traurig!

(Ich war eine Blume!!)

— — —

Da kommen zwei vermummte Kerle. Die fackeln nicht lange: Einer packt mich hinterrücks und ringelt mir den Schwanz zusammen, das tut weh. Der andere schlingt mir eine Kette ums Gehörn und knufft mich. Sein Spießgeselle peitscht auf mich ein. Ich weiß nicht, was gehauen und gestochen ist.

(Einst war ich eine Blume.)

Man führt mich hinweg von meiner Wiese. Ade, du Wiese, ade!

— — —

In der Abendstunde erreichen wir ein Gehöft.

Einst war ich eine Blume, ich denke dran.

Blume bin ich nimmer; bin eine armselige, wehrlose Kuh, muh.

(Hilft mir der Stoizismus etwas?)

Rasch tritt der Tod die Kühe an: Eine Ledermaske mit einem bösen Stirnbolzen wird mir aufgestülpt — — — ein Schlag, und ich stürze hin. Da hilft kein Muhen.

Mit einem Rohrstock pfählt man mir das arme Hirn. Das macht mich traurig. Oder lustig? Ich weiß nicht, ich glaube, ich bin tot.

Kuh bin ich gewesen.

Blume bin ich gewesen.

Ich entsinne mich wirr . . . es ist mir, ja . . . vor langer, langer Zeit — war ich ein Falter. Aber ich weiß es nicht.

Daß ich Blume war, weiß ich mit Sicherheit. Ich lege meinen Huf dafür ins Feuer.

Es ist vorbei.

Bin weder Kuh noch Blume mehr.

— — — — —

Bin Wurst. Salamiwurst. Ich koste das Pfund 1.80 M.[2] Ich bin erstklassige Ware, elektrisch hergestellt.

Den Stoizismus habe ich behalten. Dennoch stimmt es trübe, Wurst sein zu müssen, wenn man Blume hat sein dürfen.

Ich bin mir Wurst. Ich nehme es hin. Muh. (Eigentlich dürfte ich als Wurst nimmer muhen. Ich nehme das Muh als anachronistisch zurück.)

Ich habe keine Freude mehr auf der Welt.

Ich bin eine kalte Wurst. Nichts tangiert mich.

Wenn ich mein Leben überdenke, so muß ich frank gestehen: Wurst sein, das ist das Schlimmste nicht. Mensch sein ist weitaus schlimmer!

Doch Kuh sein, das ist schöner als Wurst sein.

Das Allerallerschönste freilich war: Blume sein, Blume gewesen sein, Blume sein gedurft zu haben.

Mir war’s verstattet.

[2]  Wer’s glaubt.

Ich war Blume, ich war Blume!

O Blumen, ihr seid glücklicher als Kuh und Wurst!

O Blumen, nichts auf Erden ist glücklicher denn ihr.

O Blumen — —

*                    *
*

Vom wurstigen Standpunkt gesehen, ist es vielleicht das Vorteilhafteste, Kuh zu sein.

Die Kuh ist besser dran als die Blume.

Denn während eine Kuh sehr wohl Blumen fressen kann, kann eine Blume nichts fressen.

Und eine Wurst kann auch nichts fressen: nicht Kuh, nicht Blume.

Kuh gewesen sein gedurft zu haben ist also — mit Vorbehalt — noch erhebender als Blume gewesen sein gedurft zu haben.

Ich wünsch’ euch eine gute Nacht und mir, wieder Kuh werden zu dürfen.

MÄRCHEN

ES war einmal ein Frosch, der konnte sich gewaltig giften, wenn seine Frau zu ihm quakte: «I, sei doch kein Frosch!»

Infolgedessen quakte die Fröschin den Satz bei jeder Gelegenheit. Der Frosch getraute sich überhaupt nichts mehr zu äußern. Sagte er etwas, so mußte er als Antwort hören: «I, sei doch kein Frosch!»

Da raffte er sich auf und nahm seine Ehefrau ernstlich ins Gebet, sie solle es fürderhin gefälligst unterlassen, den albernen Satz zu quaken.

«I, sei doch kein Frosch!» stereotypte die Fröschin. Es war mit ihr nichts anzufangen.

Sie war in der Ehe verblödet.

Da verfiel der Frosch, der keiner sein sollte, auf einen Ausweg: Er kam seiner Frau mit der Redensart zuvor und apostrophierte sie, wo immer er ihrer ansichtig wurde, mit dem Satze: «I, sei doch keine Fröschin!»

Er antwortete mit nichts anderem als mit diesem Satze. Er sagte nichts als diesen Satz. Er verkehrte mit seiner Frau nur noch auf Grund und unter Zuhilfenahme dieses Satzes.

Die Fröschin zeigte sich der Situation nicht gewachsen und ersäufte sich.

Der Frosch war kein Frosch und holte sich eine andere heim.

Moral: Ihr Frauen, reizet eure Männer nicht zum Äußersten und lasset sie gewähren, selbst wenn sie Frösche sind.

AUF DER OALM, DOA GIBT’S EINEM ON DIT ZUFOLGE KOA SÜAND!

DIE weitverbreitete Meinung, auf der Alm gäbe es ka Sünd, hat ihren Ursprung in dem sprichwortgewordenen Liedertext: «Auf der Alm, da gibt’s ka Sünd».

Selbstverständlich gibt es auf der Alm a Sünd.

Das wäre ja noch schöner, wenn es auf der Alm ka Sünd geben täte!

Von ka Sünd kann gar keine Rede nicht sein.

A Sünd gibt’s überall — namentlich auf der Alm.

Ich möchte sogar so weit gehen, zu behaupten: Wenn es überhaupt a Sünd gibt, so vor allem auf der Alm.

. . . . . . . . . .

Plötzlich erschallt draußen unter meinem Fenster das Gerassel und Gebimmel der Feuerwehr.

Ich armer, schwacher Mensch unterbreche mein Schreiben und stehe eilends auf, um nachzusehen, wo es brennt.

. . . . . . . . . .

Es war weiter nichts.

Ein Pferd ist gestützt.

Ich kann also in meinem Schreiben fortfahren.

Aber ich habe, offen gestanden, nicht mehr die rechte Lust dazu und stecke es auf.

Ein ander Mal.

Der Zensor würde die Geschichte ohnehin gestrichen haben; denn es geht toll zu auf der Alm. Ich habe Beweise.

PETERLE

Ein Märchen

PETERLE war ein gutes Kind und machte dennoch seinen Eltern großen Kummer.

Wie ist das möglich?

Es lag an Peterle.

Peterle hätte nicht soviel träumen sollen, bei Nacht nicht und bei hellerlichtem Tag nicht. Peterle träumte, wo sie ging und stand; wo sie lag und saß. Sie träumte immerfort. Nichts war mit ihr anzufangen, kein vernünftiges Wort mit ihr zu reden. Sie spielte nicht die Spiele ihresgleichen; sie spielte nicht mit anderen und nicht für sich allein — sie puppelte nicht einmal! Nein, von Puppen mochte sie gar nichts wissen.

Und was das Tollste ist: Peterle wollte durchaus ein Junge sein, obwohl sie doch ein Fräulein war. Sie behauptete, sie sei ein Junge namens Peterle, und damit holla! Sie und ein Mädchen — haha! «Ich bin ein Junge» verkündete sie jedem, der es wissen wollte, und beharrte eigensinnig auf diesem ihrem Vorurteil.

Peterle hatte ihre lustigen Seiten. Nicht nur die, daß sie ein Junge sein wollte, sondern vor allem ihre Person, ihre «Erscheinung», ihr «Äußeres».

Peterle war winzig klein, aber dafür dick wie ein Moppel. Sie hatte eine kurze, umgestülpte Nase, zwei wasserblaue Guckaugen und einen verschmitzten Mund. Aber das Putzigste an ihr war die Frisur: sie trug die spärlichen, bindfadendünnen Zöpfchen in zwei Schnecken prätentiös über die Ohren geringelt! Und die Zöpfe waren strohgelb.

Und doch war sie den Eltern ein Persönchen — Gegenstand kann man wohl nicht sagen — argen Kummers.

Während andere Eltern prahlten und Stolzes voll die Taten, Antworten und sonstigen Äußerungen ihrer «aufgeweckten» Kinder zum besten gaben, empfanden Peterles Eltern schmerzliche Beschämung, wenn sie von ihrem Mädelchen nichts aussagen konnten als: «Sie träumt.»

Peterle tat nämlich nichts als Träumen. Stundenlang saß sie hinterm Ofen oder auf dem Boden und träumte für sich hin. Wovon sie träumte, das erfuhr kein Mensch; denn sie teilte sich nicht mit, sondern behielt alles fein im Herzen.

Aber sie war nun schon fünf Jahre alt und sollte über ein dreiviertel Jahr bereits zur Schule.

Noch hatte sie große Ferien. Waren die erst einmal verstrichen, diese sechsjährigen großen Ferien, dann stand es bös.

Ach, es würden trübe Zeiten kommen für Peterle; denn war sie erst schulpflichtig, mußte die Träumerei ein Ende nehmen.

Die Eltern wußten sich keinen Rat und hätten ihr Kind am liebsten der Schule ferngehalten.

Da erschien eines Tages — und zwar an jenem, der jenem, an welchem sie ihr fünftes Lebensjahr vollendete, vorausging — dem Peterle eine Fee. Keine großartige, sondern eine ganz gewöhnliche Fee, wie sie täglich dutzendweise den braven Kindern erscheinen.

Diese Fee stellte dem Peterle einen Wunsch frei. Sie dürfe sich zu ihrem morgigen Geburtstage etwas wünschen — gleichviel was —, der Wunsch werde in Erfüllung gehen.

Peterle schwankte keinen Augenblick, obwohl sich tausend Wünsche auf ihre niedliche Zunge drängen wollten.

Sie wünschte sich das Schönste, das sie sich je hatte ersinnen können: Schnee. — Sie wünschte sich Schnee. — Sie wünschte, daß zu ihrem Geburtstage Schnee fiele.

Die Fee runzelte die Stirn, aber da sie sich keine Blöße geben wollte, sprach sie: «Es wird geschehen; was du wünschest. An deinem Wiegenfeste soll es schneen.»

Und verschwand, nicht ohne einen merklich holden Duft zu hinterlassen.

Klein-Peterle hüpfte nicht und tanzte nicht vor Freuden, sondern träumte weiter in sich hinein — wenn auch in einer mäßig aufgeregten Erwartung und Neugier. Sie träumte dem Geburtstage entgegen.

Die Fee setzte schleunigst alle Hebel in Bewegung; denn es war kein Kleines, des Peterles Wunsch zu erfüllen und Schnee fallen zu lassen.

Es sei eine kurze Unterbrechung verstattet: wann beginnt ein Geburtstag?

Zweifellos in der Sekunde, womit der Geburtstag selbst anhebt, mithin nach Ablauf der zwölften Stunde des Vortages.

Es hätte demzufolge unmittelbar auf den zwölften, mitternächtigen Glockenschlag desselben Tages, an dem die Fee bei Peterle vorsprach, zu schneen einsetzen müssen. Indes sind Feen und Kinder nicht so spitzfindig wie die Herren Juristen, die gewißlich zunächst untersucht haben würden, ob die Äußerung des Wunsches jenes Kindes namens Peterle (unvorbestraft, besondere Merkmale: prätentiöse Schnecken) die Bedingung in sich geschlossen habe, daß es den geschlagenen Geburtstag oder nur überhaupt am Geburtstage schneen solle usw., — und daher zerbrach sich die Fee ihren anmutig geformten Kopf nicht über Dinge, die das Kopfzerbrechen nicht verlohnen, sintemal ihr aus der eigenen Jugend wohl bewußt war, daß für jegliches Kind der Geburtstag dann anfängt, wenn es erwacht und sich der Tatsache, daß heut’ Geburtstag ist, bewußt wird.

Peterle erwachte erst gegen neun Uhr.

Ihr erster Blick fiel durch das Fenster auf die Straße hinaus.

Peterle jubilierte: Schnee!

Es schneete wirklich! Und zwar in glitzrigen, silbrigen Flöckchen, in zierlichen.

Peterle freute sich unbändig. Nicht, weil es schneete; auch nicht, weil die Fee den Wunsch erfüllt hatte, sondern, weil sie — Peterle — den Schnee (indirekt) selbst «gemacht» hatte.

Es war ihr Schnee, der da draußen fiel.

Sie ließ zu ihrem Geburtstage Schnee fallen.

Schnee — zu ihrem Geburtstage!

Ihr meint, das sei nichts Besonderes?

Oho, da muß ich sehr bitten: das ist etwas ganz besonders Besonderes!

Peterle ist nämlich am elften Juni zur Welt gekommen.

Nun stellt Euch vor: an einem elften Juni schneete es!

War das nicht Grund genug für Peterle, sich des Schnees zu freuen und den ganzen Geburtstag am Fenster zu kauern und in den Schnee zu gucken?

Ich denke doch.

Peterle saß denn auch am elften Juni unerschütterlich am Fenster und war glücklich über den vielen, vielen Schnee, der da vom Himmel heruntergeschüttet wurde.

— —

Es ist nichts mehr von Peterle zu erzählen. Sie hat ihren Schnee gehabt und weiter geträumt, bis sie zur Schule mußte. Und der Rohrstock des Lehrers erwies sich — bezüglich der Träumereien — als ein besserer Pädagog als die verhätschelnde Liebe der Eltern.

Es wäre vielleicht dem oder jenem Leser angenehm gewesen, wenn sich herausgestellt hätte, daß Klein-Peterle Fieber gehabt hätte und an ihrem Geburtstage (nach Erledigung der «Schnee-Vision») ein Englein geworden sei. Sozusagen: der «tragische» Tod eines Kindes.

Oh nein! Peterle hat kein Fieber gehabt — und der Schnee war wirklicher, echter Schnee.

Meine Eltern wohnten damals in derselben Straße wie Peterles Eltern, und ich bin Zeuge — ich erinnere mich noch deutlich —, daß es im Jahre 18 . ., am elften Juni den lieben, langen Tag über ununterbrochen geschneet hat. Allerdings nur in unserer Straße und sonst nirgends. Das war damals ein allgemeines Verwundern und Kopfschütteln in Klotzsche — in Klotzsche hat sich der Schneefall begeben! —, und meine Eltern und wir alle haben nichts damit anzufangen gewußt, bis mir vierzehn Jahre später Peterle selbst von ihrem Geburtstagswunsche und der Fee berichtet hat.

Peterle ist nämlich meine Frau geworden. Aber eine Fee ist ihr nicht wieder erschienen. Ich glaube, daran bin ich schuld.

IM FLÜSTERTONE

Abziehbilderbogen

(1)

EIN Huhn steht auf dem Hofe und sieht aus, als habe es die Hände in den Hosentaschen.

Es blickt mich hühnisch an — mich, der ich schreibe, daß es aussieht, als habe es die Hände in den Hosentaschen.

Es weiß nicht, daß ich schreibe, es sähe aus, als habe es die Hände in den Hosentaschen.

Belassen wir es in seiner Nichtwissenheit!

(2)

Ein junger Mann, der zu den kühnsten Hoffnungen berechtigt, liegt im Bett und streckt die Füße über den Bettgiebel hinaus.

Er hat zweierlei Strümpfe an.

Einen schwarzen und einen grauen.

Ich habe dem nichts hinzuzufügen.

(3)

Ein Auto pfeilt durchs Dorf und zermalmt einen Mistkäfer, den die Sehnsucht nach Erlebnissen in die weite Welt getrieben hatte.

Ist es, frage ich, ist es nicht töricht, wenn Ernst Zwibinsky der Ältere erklärt, um den Mistkäfer sei es nicht schade, und er hätte ja doch früher oder später ein Ende gefunden?

Wie wenig hat jener Zwibinsky den Sinn des Lebens erfaßt!

Laßt uns ihn gemeinsam verachten!!

(4)

Johanna Würmchen, sechsundvierzig Jahre alt und äußerst unbescholten, erhebt sich Punkt zwölf Uhr mitternachts, um den Sonnenaufgang nicht zu verpassen.

Der Kalender steht auf Dezember.

Hätte sich Johanna um sieben Uhr erhoben, wäre vollauf Zeit gewesen, zum Sonnenaufgang zurecht zu kommen.

Ich bitte um ihre Adresse, Wiederholungen obiger Unangebrachtheit vermeiden zu helfen.

(5)

Der europäischen Kultur und ihrer Begleiterscheinungen über und überdrüssig, dampfte Pippin, Edler von Krachgehirn, gen Hinterafrika, um sich zu barbarisieren.

In Vitzpatuchpoma betrat er Land und drang urwaldeinwärts.

Nach drei Nachtmärschen erreichte er eine primitive Hütte, woselbst er sich niederließ und mit Wohlgefühl schwängerte.

Da erklang aus der Hütte ein Grammophon: «Puppchen, du bist . . .»

. . . von Jean Gilbert, obwohl er bloß Max Winterfeld heißt und im Automobil komponiert.

Pippin, Edler von Krachgehirn, zögerte keine Sekunde, sich von der allergiftigsten Schlange bebeißen zu lassen.

(6)

Hinaus mit den Fremdwörtern!

Das war die Losung und nicht die Parole.

Endlich waren sie alle hinaus.

Draußen ist es kalt.

Die Fremdsprachen weigern sich, die Überläufer mit den fremden Gesichtern aufzunehmen.

Nun stehen sie herum, die Ausgetriebenen, nicht Fisch, nicht Fleisch, zwiefältig mißhandelt, — und verhungern.

Atze sie, deutscher Sprachverein, und laß den Frierenden wollene Strümpfe stricken!

(7)

Hier liegt die Tafel Schokolade.

Dort sitzt der Mensch und hat einen schmerzenden, hohlen Zahn. —

Darüber nicht zu lachen, ist der erste Schritt ins Christentum.

(8)

Der Laubfrosch Nepopomuk war ein gar sensibel besaitet Gemüt, hatte aber seinen Dickkopf für sich.

Kauerte, sofern Regen zu gewärtigen stand, auf der obersten Leitersprosse und blusterte sich in der grasigen Niederung seines Glashauses prophetisch auf, wenn sonnige Tage im Anzug waren.

Glaubt ihr, er habe damit die Dispositionen des großen Unbekannten, der jenseits der Wolken thront, über den Haufen geworfen?

Glaubt ihr das?

Meiner Treu, Der über den Wolken hat Wichtigeres zu tun, als Obacht zu geben auf kleine Nepopomuks.

Die Sonne scheint, und der Regen fällt — ohne das Hinzutun irgendwessen.

(9)

Drehorganist Schrimpf, der mit Onkel Rübezahl auf du und du steht, mußte vom Gebirge ins Tal hinunter, geriet in eine Herberge und erblickte in dieser einen pompösen, wandverzierenden Buntdruck, der keinen Geringeren als Hindenburg darstellte.

In Politicis und auch sonst mangelhaft beschlagen, erkundigte sich Schrimpf, wer das sei.

In Dalldorf interniert wurde der Herr Drehorganist.

(10)

Dem Konstantin Funkelpunze kleckte es, eine zur Ehe hitzig entschlossene Maid aufzugabeln und daraus die Konsequenzen zu ziehen.

Die Ehe, die sich in welcher Hinsicht auch immer glücklich anließ, fiel buchstäblich ins Wasser, als der Dampfer, welcher den hochzeitsreisenden Funkelpunze benebst Gattin an Bord trug, havarierte und mit Mann, Maus, Kind und Kegel untersank.

Ein freundlicher Amerikafahrer fischte die junge, verheißungsvolle Ehe aus den Fluten und schickte sie mir per Flaschenpost.

Ich offeriere: Ehe, so gut wie ungebraucht, preiswert zu verkaufen.

(11)

Ein Schutzmann steht auf dem Altmarkte und teilt Gebärden aus.

Die Welt leert sich, der Schutzmann jedoch wankt und weicht nicht von seinem Posten.

Er berechtigt, wenn nicht alles trügt, zu der Frage, wozu er da ist.

Wozu, wozu, wozu ist der Schutzmann da?

Was ist überhaupt ein Schutzmann??

Ein Schutzmann, lieben Leute, ist dazu da, daß er da ist. Punktum.

DIE LORELEI

(Ein wirklich schönes Lied für den Loreleierkasten)

ICH weiß nicht, was es bedeuten soll,

Daß ich so geknickt bin.

Ein Märchen aus uralten Tagen,

Das geht mir wie ein Mühlrad im Kopf herum.

Den Fischer in seinem kleinen Kahne

Ergreift ein ganz wildes Weh;

Er sieht die Felsenriffe nicht,

Weil er zur Lorelei hinaufschauen muß.

Ich glaube, die Wellen verschlingen

Den Schiffer mitsamt seinem Kahne.

Und das hat mit ihrem Gesange

Selbstverständlich die Lorelei bewerkstelligt.

OHNE ÜBERSCHRIFT

ALLES das, was der Berliner hundsgemeinhin «Natua» benennt — o du bildschönes Wort! —, alles das machte Frühling.

Von dieser Veranstaltung sich auszuschließen brachte nicht übers eiweiche Herz der Skribifax H. R.

Er streifte die Krachledernen über, hängte eine sinnige Ader ein, vergaß des Bleistifts nicht, nicht des Papieres und kehrte seinen vier trockenen Pfählen den gerundeten Rücken.

In einem Forste angelangt, der den ausschweifenden Titel «Das Rosental» führt, sog er den würzigen Knofelduft ein, kurbelte sein Hirn an, drückte auf die Ader und brachte zu Papier folgende

Abhandlung:

A I Der Sachse sagt nicht: Dies dürfte der Fall sein.
  Der Sachse sagt: ’s werd schon meejlich sinn.
II Der Sachse sagt nicht: Ich werde um 8 Uhr zuhause sein.
  Der Sachse sagt: Um achte rum weer j heeme sinn.
B I Der Sachse sagt nicht: Sobald wir angelangt sind.
  Der Sachse sagt: Wemmr da sinn.
II Der Sachse sagt nicht: Die Eier sind teuer.
  Der Sachse sagt: De Eier sinn deier.

Wenn Sachsen — echte Sachsen, ächte Sachsen, Kaffee-Sachsen, Gaffee-Sachsen, Kümmel-Sachsen — gebildet scheinen wollen und sich einer schriftdeutschen, reinen Aussprache befleißen, so scheitern sie gern an dem knifflichen «Sinn».

Dem Sachsen gelingen die gebüldeten Sätze:

«Die Eier sein deuer.»

«Wenn mir angegomm sein

Während der Berliner sich zu den Sätzen versteigen kann:

«Das dürfte der Fall sind

«Kann schon möglich sind

Ich persönlich möchte ebensowenig Sachse sind wie Berliner. Beide sein schlechter dran als der Süddeutsche, dem das neutrale san zu Gebote steht. —

Bei dieser Gelegenheit will ich nicht verfehlen, eines Vorfalls zu gedenken, der sich in einem Leipziger Buchladen zugetragen hat:

Eine Dame sächsischster Observanz tritt ein und verlangt pfeilgrad das neue Buch von Franz Würfel.

Sie hat Franz Werfel schriftdeutsch aussprechen wollen.

Nachdem H. R. diese Abhandlung niedergeschrieben hatte, sprach er vernehmlich in die linde Frühlingsluft hinein (oder hinaus?):

«Ich lasse mich kreuzweise vierteilen, wenn Kurt Wolff sich dazu hergibt, diesen Bockmist drucken zu lassen.»

Nachwort 1:

Der Bockmist ist gedruckt worden.

Ihr habt ihn soeben gelesen.

Nachwort 2:

Es steht zu erwarten, daß H. R. als ein Mann von Wort sein Wort hält und sich vierteilen läßt.

Nachwort 3.

Man atme auf.

GESTERN NOCH AUF STOLZEN ROSSEN . . . .

JA also, ich weiß nicht, ach was, ich erzähl’s. Theo von Quarre liegt seit dritthalb Stunden im Bette und kann nicht einschlafen, Deubel nich noch mal.

(Ich habe das Gefühl, als ob ich die Geschichte besser in den Papierkorb schleuderte. Erstens ist sie langstielig, und zweitens hat sie keinen Schluß. Was meinen Sie zu dem Vorfalle?)

Theo steht auf (und denkt: «Wenn mich der Herr Verfasser man bloß noch eine Viertelstunde hätte liegen lassen, wäre ich todsicher eingeschlafen. Es ist scheußlich, über sich verfügen lassen zu müssen. Na, mir kann’s ja Gottlieb Schulze sein, was der Verfasser mit mir vor hat») und zieht Reitdreß an. Erfahrungsgemäß macht ihn der à tempo schlapp.

Die Reitstiefel pumpern durch die nächtlichen Räume, ohne auf Quarre anders als belebend zu wirken.

(Hier mache ich einen Punkt. Ein Zaudern erfaßt mich. Soll ich fortfahren?)

Quarre kommt sich vor wie ein pikfrischer Maimorgen.

Stunden vergehen (und ich täte vielleicht besser, mir die störenden Zwischenbemerkungen zu verkneifen), und Theo von Quarre zieht schließlich Galoschen über die Reitstiefel (du meine Güte, soll das etwa «humoristisch» sein? Ich lache!) und müht sich keuchend, das widerspenstige Ich in aberhundert Kniebeugen schlaff zu machen.

Der Körper will nicht, gut, so soll der Geist.

Theo öffnet den Bücherschrank und greift sich Felix Dahns unverwüstlichen «Kampf um Rom». Darin tummeln sich so viele Eigennamen, daß der Geist, breitgequetscht, in wirrer Konfusion entfleucht.

(Sinnlose Gehässigkeit!) (Das schöne Buch!) (Dämliche Unterbrechungen.) (Halt’s Maul!!) (Bitte fahren Sie fort:)

Aber auch die Lektüre verfängt nicht.

Theo schmeißt — der Morgen, grau wie alle Theorie (wieso?), graut grau in grau herauf — den «Kampf um Rom», komplett gebunden zum Vorzugspreise von 318 M., ein Barthaar eines echten Germanen gratis als Beigabe, sehr geeignet zu Geschenkzwecken, sollte auf keinem Büchertisch fehlen, hinter den Bücherschrank und spricht: «Wenn das bloß der Verleger nicht erfährt!» (Plumpe Verdrehung; denn der Verfasser vorliegender Geschichte ist es, der dies denkt!) (Weiter im Texte:)

Durch das Geräusch schrecklings aufgemuntert (und ohnehin sowohl wie sowieso) erhebt sich Hermann aus den Federn, der treue Diener des Herrn von Quarre. (Trauriger Mangel an Phantasie! Warum muß der Diener «Hermann» heißen? Archibald ist bedeutend ansprechender!!) Er (Hermann) sieht bekümmert nach dem Rechten und findet seinen Gebieterich in wabernder Verzweiflung. (Ich würde, was mich anlangt, ein anderes Beiwort wählen als wabernd. Mich bedünkt es, als gäbe der Herr Verfasser sich wenig Mühe. Er wird mit einer Stunde Nachsitzen bestraft werden.)

Theo will schlafen und kann nicht. Und kann nicht!

Sich bezechen, rät Hermann. Alkohol macht bleiernen Kopf.

Gut: Alkohol!

Theo gießt sich voll mit schweren Weinen, trockenen Sekten, süßen Schnäpsen und fühlt es, wie die Müdigkeit mit stumpfer Pranke ihm . . . (Ich hätte den Diener übrigens doch Archibald nennen sollen!) (Der Satz bleibt ein Fragment.)

Kurzum: der Alkohol tut seine Wirkung. Theo stürzt in den ledernen Schlund eines Klubsessels und verlangt, zu rauchen. (Hier will ich mir die Klammer einmal verkneifen.)

Hermann trägt Zigarren herbei. (Wie finden Sie «Archibald»? Ist «Archibald» nicht primafeinfein gegen «Hermann»?)

Theo steckt sich eine Pappspitze in das markante Gesicht und zündet sie unter schwerer Mühe an.

Pfui Geier!

Aha, es ist keine Zigarre drin.

Soso. Theo zwängt einen importierten Zigarro in die Spitze und zündet eben diesen an.

Er brennt nicht. Er kann nicht brennen. Die Spitze ist nicht abgeschnitten.

Theo erkennt dies (Gottlob, der Autor vergißt, Klammern zu machen!) und schwappt zunächst «immer mal wieder» ein Glas hinter die Binde und fährt sodann fort, rauchen zu wollen. Er knipst die Spitze ab (ja, hat denn die deutsche Sprache nur ein einziges Wort für Zigarrenspitze und Zigarrenspitze?) und bohrt die Zigarre in die Spitze (also in die Pappspitze!). Hermann (immer noch Hermann? Ich denke, der Hermann ist längst geändert in Archibald!) reicht das Streichholz dar, und Theo zieht — ah — famos — hupp! — fui Deibel! . . .

(Dies Fui Deibel wird ewig ungeklärt bleiben, da Theo über dem Fui Deibel einschlief. Ach so, das gehört ja gar nicht in die Klammer!)

Der Schlaf knebelt den Theo von Quarre beim Rauchenwollen, die Zigarrenspitze einschließlich der Zigarre (ohne Spitze) entschlüpft dem müden Munde . . . Theo schnarcht.

(Ei verfault. Jetzt sitz’ ich in der Patsche! Wenn ich nämlich den Herrn von Quarre schon schlafen lasse, hat sich die ganze Geschichte erledigt, und ich kann einpacken. Ich muß ihn wohl oder übel wieder aufwecken, so unmotiviert dies auch ist. Du liebe Zeit, was ist im Leben nicht alles unmotiviert! Motivieren tun nur die modernen Schriftsteller. Das Leben hat solche Mätzchen nicht nötig. Ich fahre fort:)

Theo schrickt auf.

Die brennende Zigarre ist ihm auf die Hand geglitten und hat ihm ein Brandmal zugefügt. (Dann hätte er dies jedoch, bitte sehr, augenblicklich wahrnehmen müssen! Hier stimmt etwas nicht. Wollen wir darüber hinwegsehen, damit der Verfasser zu einem Ende kommt.)

(Übrigens finde ich das Ganze schwülstig erzählt.)

(Hier tritt eine große Unterbrechung ein. Der Autor muß unbedingt einen drängenden Brief beantworten. Sie gedulden sich bitte einstweilen!) — — —

(Der Brief ist geschrieben. Der Verfasser hat sich in der Zwischenzeit die Hände gewaschen und frisches Wasser auf seine Mühle gefüllt. Es geht weiter:)

«Ja, ist denn die vertrackte Geschichte noch nicht zu Ende?» fragt Theo und langt eine zweite Importe aus der Kiste.

(So etwas Mähriges! Wo ist der Telegrammstil?)

(Der Telegrammstil: «Hier!»)

(Der Verfasser: «Komm, hilf!»)

Importe No. 2, beschnitten, in Hülse gesteckt. Hülse greift nicht. Schon Zigarre drin. Schweinerei! Hülse in Ofen, Zigarre ohne Hülse in Mund. Verkehrt herum angebrannt. Verflucht! Dritte Importe . . . .

(Meine Herren, so geht das auf keinen Fall weiter. Die Sache ist völlig unverständlich. Telegrammstil, schieb ab!)

Ich werde die Geschichte ganz einfach mit einem schönen Titel versehen und als eine Jugendleistung ausgeben. Ich werde behaupten, sie sei geschrieben worden, als ich noch aufs Gymnasium ging. Da wird man erstens Nachsicht üben, zweitens gedoppeltes Interesse bekunden, und drittens wird man sich freuen, zu erfahren, daß p. p. Verfasser ein gebildeter Mensch ist, indem daß er ein Gymnasium besucht hat.

Ach, ihr lieben Leute, ich sage euch ehrlich: ich wäre lieber Schneider geworden oder Tischlermeister oder Pianofortebauer. Beim Himmel, jedes Handwerk würde mir willkommen sein, jede Profession. So hat man nichts als sein bissel Bildung, das zu nichts nutze ist, es sei denn dazu, daß man auf sie schimpft.

Um auf den unvermeidlichen Theo zurückzukommen, so sei leichthin bemerkt, daß er, um definitiv einschlafen zu können, hundertsiebenunddreißig Schlafpulver zu sich nahm.

Daraufhin schlief er sechzehn Tage.

Hermann rasierte ihn allmorgens, ohne daß Quarre dadurch wäre gestört worden.

Und, um den guten Archibald (Sie wissen, wen ich meine!) nicht aus dem Spiele zu lassen, so sei gesagt, daß er als treubesorgter Diener seines Herrn und in der Furcht, es könne diesem (seinem Herrn) etwas Böses zustoßen (denn der lange Schlaf war in der Tat beängstigend!), kein Auge zutat — nicht bei Tage, nicht bei Nacht.

Nach den abgeschlafenen sechzehn Tagen schlief Theo von Quarre ohne Pause weiter, so müde war er durch das übermäßige Schlafen geworden.

Theo schlief ununterbrochen.

Hermann wachte ununterbrochen.

Und darin hat sich bis auf den heutigen Tag nichts geändert.

Theo schläft.

Und Hermann wacht über den Schlafenden.

Dies — prophezeie ich — wird nicht eher anders werden (Hermann wird nicht eher schlafen können, als bis sein Herr aufgewacht ist, und Theo wird nicht aufwachen, ehebevor ich ihn nicht geweckt habe — und ich werde mich hüten, dies zu tun — was sollte ich auch mit dem wachen Theo und dem schlafenden Hermann beginnen?) jetzt ist es außergewöhnlich knifflig, den begonnenen Satz grammatikalisch richtig zu Ende zu führen, ach was, ich falle einfach aus der Konstruktion, der Theodor Körner hat’s ja auch des öfteren getan, sehen Sie, ich bin doch ein gebildeter Mensch; ich meine nämlich den «Zriny», den haben wir auf dem Gymnasium gelesen, ich mußte das «Volk» machen, das gab den größten Spaß — mit anderen Worten (wieso mit anderen?): Hermann wacht so lange und Theo von Quarre schläft so lange, bis mir eingefallen ist, wie ich die Geschichte schließen kann. Voraussichtlich wird mir nichts einfallen; denn just dies ist mein Einfall, daß die Geschichte ohne Einfall (auch e Einfall!) endet.

(Ich hätte doch «Archibald» schreiben sollen statt «Hermann»!)

VON DEN NAMEN

DER ewige Ahasver stiert in die offene Welt und überläßt sich seinen Gedanken. Tausend Menschen schwimmen an ihm vorüber und achten seiner nicht. Aber Ahasver achtet ihrer und rührt nackte Herzen an. Etwelche sind gut, die meisten schlecht und faulig. Die Herzen leben und zucken und machen, daß die dazugehörigen Menschen leben und zucken. Ahasver denkt: Ihr bildet euch ein, zu leben, weil eure Herzen leben. Ihr bildet euch ein, Menschen zu sein. Aber ihr seid lediglich durch Zufall als Menschen lebig. Ihr könntet gewißlich ebensogut Nähmaschinen sein oder Wäscheklammern. So wahr mir Gott helfe, du eignest dich, mein Freund, vorzüglich zur Gießkanne. Warum bist du Mensch? Du weißt es nicht. Du steckst in deiner Haut und nimmst dich auf die leichte Achsel. Du mimst einen Menschen. Bist du einer? Du bist eine ausgefüllte Haut und gleichst allen andern, obwohl du Lehmann heißt und ein Lehmann bist. Weißt du, warum du Lehmann heißt? Weil dein Herz ein Lehmann ist, ein ganz ordinärer Lehmann. Deine Haut steht dir gut, sie ist blaß wie dein Herz. Du paßt in die Familie. Ihr gleicht euch wie ein Lehmann dem andern, wenn ihr auch nicht allesamt Lehmann heißt. Ich weiß es: Ihr heißt bloß teilweise Lehmann. Ein großer Prozentsatz eurer Häute läßt sich durch den Namen Ziergiebel tragen. Und die mit Ziergiebels verwandten Häute heißen geradezu Matterstock, Knebelsdorff und Hammer. Aber das Seltsamliche ist, daß die Matterstockischen auf den ersten Hieb in Matterstocks, Kirstes, Freudenbergs und Föllners zerfallen. Auch Rippers gehören zu deiner Sippe. Und die Freudenbergs sind verwurzelt in sogenannten Schröders, der Teufel mag wissen, wieso. Der eine Schröder ist ein berühmter Dichter und hat sich wohlweislich durch ein Pseudonym unkenntlich gemacht. Bruderherz, Bruderhaut: Bist du dessen eingedenk, daß es um dich herum lebt und heißt? Und daß ihr alle, die um dich und die mit dir und die neben dir, daß ihr alle verknäuelt seid ineinander? Und verenkelt und verschwippschwägert und verfilzt, ihr wißt nicht, wie? Und daß es Menschen gibt, die — beim Himmel — akkurat so heißen wie du und dennoch ganz anders aussehen und sind? Es gibt Menschen, Herr Bruder, die heißen wie du, und du schreitest achtlos an ihnen vorüber und schaust ihnen lauwarm in die Augen. Du gehst auf der Straße, fährst auf der Stadtbahn, betrittst einen Konzertsaal, und die Menschen um dich herum heißen Gelbstein, Mosler, Trautscholdt, Berlit-Boosen, van Delten, Kenne, Heinz, Kumpanini — — und du verspürst es nicht! Willst du es nicht verspüren, Herr Mensch? Und alle diese Menschen sind etwas, stellen etwas vor, üben etwas aus, betreiben ein Handwerk, ein Gewerbe, eine Tätigkeit, rackern sich ab, faulenzen, trinken Tee, gehen spazieren, sind kränklich — — und du wandelst an ihnen vorüber, ohne dessen eingedenk zu sein, daß sie aus dem nämlichen Holze geschnitzt sind wie du, Freund Mensch. Und was sind sie von Beruf? Schneidermeister und Balbiere und Photographen und Cellovirtuosen! Manche sind sogar Kaufleute. Ich kenne einen, der ist Kolonialwarenhändler. Der kauft en gros Waren ein und verkauft sie en detail. En gros kriegt er sie billiger, als wenn er sie en detail einkaufte. Verstehst du das? Auf der Berechnung, daß en detail kaufende Mitmenschen — die Nächsten — teurer bezahlen müssen, als er im Einkauf bezahlt hat, beruht seine Existenz. Seine Gattin heißt Rosamunde und kriegt jeden Monat einen neuen Hut. Ich werde auch Kaufmann werden. Das ist ein probates Mittel, Geld zu verdienen, und um Geld zu verdienen, ist man auf der Welt, nicht wahr, Herr homo sapiens? Es gibt aber auch Bonbonkocher und Seifensieder und Gußputzer und Salon-Feuerwerker und Geheimpolizisten und Papierzähler. Von weiblichen Berufen zu geschweigen. Ich kenne einen Papierzähler, das ist ein vernunftbegabtes Lebewesen mit Namen Kutzschebauch, und dieses Lebewesen steht seit seinem siebzehnten Lebensjahre tagaus, tagein im Donnergepolter der Maschinen und zählt Papier ab. Sechsunddreißig Jahre ist er alt. Er zählt täglich hunderttausend Bogen Papier. Er darf sich nicht verzählen. Er verzählt sich auch nie. Er hat keine Zeit dazu. Wenn er bei neunzigtausend ist und glaubt, sich verzählt zu haben, kann er nicht wiederum bei eins anfangen. Es ist unmöglich. Wenn es der Himmel fügt, erreicht das vernunftbegabte, papierzählende Lebewesen ein biblisches Alter. Sein Leben ist mehr als Mühe und Arbeit gewesen; es ist Stumpfsinn gewesen. Aber ein Leben ist es gewesen. Gelebt von jenem einzigen Kutzschebauch, der ausgerechnet Kutzschebauch heißt, Solltest du zufällig gleicherweise Kutzschebauch heißen, so zürne mir nicht. Ich will dir meinerseits gewiß nicht zürnen, ich verspreche es dir. Ich bin einsichtig genug anzuerkennen, daß es Kutzschebäuche geben muß. Aber ich habe nur dies eine Mal Nachsicht. Sei lieb und heiße das nächste Mal besser. Es gibt so viele schöne Namen! Gschwindbichler und Hühnerschlund, Fleischpinsel und Bettbetreff! Oder sind dir das keine schönen Namen? Felix Kutzschebauch, was sagst du zu dem Namen Telofonsky? Und zu Umschlauch? Ach, Felix Kutzschebauch, du hast das Gefühl dafür verloren! Ich will dich nicht befragen. Du heißest Kutzschebauch, als müßte dies so sein. Aber es muß nicht so sein, man kann der Kutzschebäuchigkeit oder, wenn du willst, der Kutzschebeleibtheit aus dem Wege gehen: Man kann sich umbringen. Ein vertrackter Name, ist das kein Selbstmordmotiv? Du lächelst, denn du bist arg weit entfernt, deinen Namen umzubringen. Im Gegenteil: Du stehst im Begriffe zu heiraten. Viele kleine Kutzschebäuche sehe ich die unschuldige Welt bewimmeln. Sie werden dermaleinst Papier zählen. Und deine Braut — eine geborene Nolke — gibt freudigen Herzens ihren Namen auf, um Kutzschebauch zu werden. Sie heißet Olga. Sie will gerufen werden. O Olga! Du siehst einer Olga verblüffend ähnlich. Dein Name steht dir gut, dein Name kleidet dich. O Olga Nolke, warte nur, balde hat es sich ausgenolkt, und du darfst glücklich sein wie dein künftiger Gatte. Tu, Felix Kutzschebauch, nube! Und vergiß die Fritzi und die Gerta und die Friedel, und wie sie alle geheißen haben — ohne eines Familiennamens bedurft zu haben. Die Fritzi ist die Fritzi, aber deine Olga ist die Olga Nolke. Kanntest du nicht dereinst eine Olga, deren Photographie du jüngst verbrennen mußtest, auf daß sie der Normalbraut nicht in die Hände falle? Hast du die beiden Olgas miteinander verglichen? Gegeneinander ins Treffen geführt? Gewägt? Und verspürst du es nicht, daß beide — Olga heißen müssen? Daß sie nicht anders heißen dürfen? Denn jegliche Frau sieht so aus, wie sie mit ihrem Rufnamen heißt. Und jeglicher Mann heißt so, daß man — sobald man weiß: er heißt so — überzeugt ist: er heißt mit Fug und Recht so. Jeglicher heißt richtig. Wir alle heißen, wie wir müssen. Ich kann nicht Cohn heißen, ob ich gleich Ahasver bin. Und Theodulf Schwertnagel ist Theodulf Schwertnagel. Name ist weder Schall noch Rauch. Ohne daß ich ihn dir schildere, ohne daß du sein Konterfei siehst, weißt du, wie einer aussehen muß, der Woldemar Lohengrin heißt. Im Anfang war der Name. Nota bene: Eigenname. Wisse das und heiße hinfort bewußt! Und bist du, der du mich Ahasver denken ließest, ein belangloser Schulze oder ein Meier oder Müller — dein Name hat dich! Drum lobsinge dem Schöpfer, daß du Schulze heißest oder Meier oder Müller. Es ist nämlich kein leichtes, Richard Wagner zu heißen. Als Richard Wagner darfst du nicht Bäckermeister sein. Und als Ludwig Ganghofer darfst du nicht Kassenbote sein. Es lebt ein Ludwig Ganghofer, der betreibt ein Friseurgeschäft. «Rasier, Friseur und Haarschneiden» steht über seinem Laden. Das ist recht trauriges Deutsch, aber der arme Mensch von diesem Friseur hat es besonders gut machen wollen. Es ist ein armer Mensch, das versichere ich. Wenn er seinen berühmten Namen, den ein anderer hat, in der Tageszeitung liest, so trifft ihn jedesmal ein robuster Schlaganfall. Der Name, den er hat, und der gar nicht sein ist, beutelt ihn und polkt ihn in Grund und Boden. Fühlst du es nach, Bruderherz, daß es seinen Haken hat, ein Ludwig Ganghofer zu heißen? Ich persönlich bedanke mich dafür und ziehe es vor, Ahasver zu sein.