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Komödiantinnen: Roman cover

Komödiantinnen: Roman

Chapter 11: 10.
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About This Book

A young law student is jolted awake preparing for a corps duel and stumbles on a tiny lacquer shoe left in the corridor, an encounter that sparks a flood of daydreams about actresses and the theater. The narrative contrasts the regimented, combative world of student ritual with the seductive, emotive realm of stage life, alternating immediate campus episodes with evocative portraits of performers and recalled stage scenes. It traces youthful longing and artistic awakening while examining the social and emotional distance between academic obligations and theatrical enchantment.

9.

Als Herr Borgmann Neo-Borussiae das Hotel Hauffe verließ und verloren, ziellos nach dem Augustusplatz hinüberschlenderte, kam er sich entsetzlich dumm vor. Was sollte er nun seinem Auftraggeber und Doppelgegenpaukanten ausrichten? Man hatte seine Forderung nicht angenommen, aber auch nicht abgelehnt ... Ein Witz ... aber ein fader ... Ist bei Ihrem Auftraggeber eine Schraube los? Rabiater Bursche — ich danke für einen Skandal ... Koller ... Pathologischer Zustand ... Verlange absolut geräuschlose Erledigung ... Rechne dabei auf Ihre Mitwirkung ... Das waren so ungefähr die Schlagworte, die Herrn Borgmann noch im Gedächtnis hängen geblieben waren und nun in der korrekten Chargiertenseele einen tollen Tanz vollführten ... Ja, was sollte man auch einem Prinzen antworten, der von korpsstudentischer Direktion und Haltung keinen Schimmer hatte? Der eine so blutig ernste Sache wie eine Säbelforderung einfach behandelte ... wie ... na wie einen Hanswurststreich ... wie einen faulen Kalauer?!

Und das hatte man sich gefallen lassen? Man hatte Ja und Amen gesagt zu der ungeheuerlichen Zumutung, nach solch einem Affront auch noch an einer ... hm, hm! geräuschlosen Beilegung mitzuwirken?!

Herr Borgmann nahm die weiße Mütze mit dem weiß-schwarz-weißen Randstreifen ab und tupfte die von weißblonden, seltsamerweise schon etwas gelichteten Haaren umsäumte Stirn. Was konnte man seinem Auftraggeber nun eigentlich berichten? Hatte der Prinz irgend eine Erklärung zur Sache selbst abgegeben? Eine Entschuldigung bei der beleidigten jungen Dame in Aussicht gestellt? Nicht das mindeste ... Er hatte nichts weiter geäußert als Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit des Mandanten — und das kategorische Verlangen, die Sache müsse aus der Welt geschafft werden!

Na, und du, Wilhelm Borgmann, Neo-Borussiae gewesener Zweiter, Erster?! Was für eine Antwort hast du gefunden?

Gar keine! Völlig aus dem Konzept hat man dich gebracht, verblüfft, verhohnepiepelt ... Schindluder hat man mit dir getrieben, ganz einfach!

Und warum? Warum hast du nicht aufgemuckt? Warum hat deine ganze mühevoll erworbene korpsstudentische Direktion, deine Haltung, dein Schimmer dich verlassen? Weil dies junge hagere Herrchen im hellblauen Dragonerüberrock mit den silberblinkenden Knöpfen ein ... Prinz von Geblüt war ... Da war von deiner Spießbürgerseele der dünne Firnis des Kavaliers abgefallen, den man dir in einer Dressur von fünf Semestern aufgepinselt — und du warst in Lakaiendevotion submissest zusammengeknickt!

Und drüben im Theaterrestaurant sitzt der unglückselige Pilgram, weiland Franconiae, und wartet auf Antwort ... Wartet auf das Schicksal ...

Ja, was sagt man ihm nur? So wie die Geschichte in Wirklichkeit abgelaufen ist, so kann man sie ja gar nicht erzählen — der rabiate Bursche schlägt sonst Krach! Das muß man sich erst ein bißchen zurechtlegen ...

Herr Borgmann suchte einen Zufluchtsort. Café Felsche? Viel zu viel Betrieb jetzt da, wahrscheinlich auch ein Tisch voll Neo-Borussen — —

Ein Einfall! Das Museum! Das war zu dieser Stunde vielleicht noch geöffnet ...

Und Studiosus Borgmann tat etwas, was ihm in seinen fünf Semestern, die er in Leipzig zugebracht, noch niemals passiert war: Er ging ins Museum hinein, stieg die prächtige Marmortreppe hinan, schritt gleichgültig durch die Säle voll bemalter Lappen in goldenen Rahmen und versank in einem Plüschsofa des großen Oberlichtsaales ... Und sann, wie er die Sache deichseln könne, ohne seine Blamage eingestehen zu müssen.

Inzwischen saß Valentin Pilgram in regungslosem Warten in einer dunklen Ecke des Theaterrestaurants. Was werden würde? Nun das war ja ganz klar: Sowohl der Major als auch der Erbprinz, der die Charge eines Rittmeisters bekleidete, würden die militärisch korrekte Erklärung abgeben, daß sie die Tatsache der erfolgten Forderung ihrem zuständigen Ehrenrat unterbreiten würden ... Der würde dann einen formellen Ausgleichsversuch machen — wenn dieser, wie selbstverständlich, gescheitert wäre, würde der Erbprinz einen Ersatzmann stellen, einen möglichst fechtgewandten Offizier eines Gardekavallerieregiments ... Und dann stiegen eben die beiden Partien ... Na Himmel, das hatte man ja doch schon fünfmal durchgemacht — zwar nicht unter ganz gleich schweren Bedingungen ... Aber — na ja, Eisen ist Eisen, und fechten haben wir ja gottlob gelernt ...

Und dann ...

Valentin Pilgram versank in Träume ... Dann mußte irgend etwas kommen, etwas Schönes, von dem man sich keine rechte Vorstellung machen konnte. So ganz ohne Dank und Lohn würde man ihn doch nicht laufen lassen ...

Dank und Lohn? Aber wie?

Valentin Pilgram hatte bewiesen, daß er bereit war, sich jeden vors krumme Messer zu langen, der an dies Mädchen anders dachte denn an eine Heilige ... Und Heilige ... Wie belohnen sie denn?

Mit ihrer Gnade ... Mit Fürsprache im Himmel ...

Sie belohnen von ferne ... Mit Gaben, für die man sich auf Erden verdammt wenig kaufen kann ...

Na, und das wird ja auch wohl dein Fall sein, mein guter Valentin — nicht wahr?!

Na — und wenn auch! Wir haben eben getan, was wir mußten ...

Ein alter Reckenspruch aus den goldenen Tagen des Rittertums klang ihm durch den Sinn:

A Dieu mon âme,
Ma vie au roi,
Mon coeur aux dames,
L'honneur pour moi.

Pour moi ... Na eben, das war's: das Bewußtsein: So gehört sich's — und so hab' ich's gemacht ...

Endlich! Da kam sein Kartellträger ...

»Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Borgmann ...«

»Gewiß, gern ... Herr Ober, eine Schale Schwarz ...«

»Also ... Angenommen?«

»Hm ... Die Herren haben Erklärungen abgegeben, die vielleicht ... als befriedigend gelten könnten ...«

»Was! sie kneifen?!«

»Hm ... Doch wohl etwas zu schroffer Ausdruck ... Der Prinz hat den Major beauftragt, die Angelegenheit in Güte zu arrangieren ... Ich nehme also an, daß er Familie Buchner im beiderseitigen Namen um Verzeihung bitten wird ... Was macht's, Ober? Fünfundzwanzig? Schön — ziehen Sie fünfunddreißig ab ...«

Valentin Pilgram war wie vor den Kopf gestoßen.

In Güte arrangieren ... Fräulein Buchner um Verzeihung bitten ... Hm ... Verteufelt einfache Lösung ... Und das hatte man sich nicht mal im Traume vorgestellt, daß es so kommen würde ... kommen ... müßte ...

Himmel ja — man war eben Korpsstudent — trat für alles, was man gesagt und getan — selbst in der Hitze gesagt und getan — für das trat man eben stramm und rücksichtslos ein mit Waffe und Blut, mit Schädeldach und Nase, mit Brustbein und Armknochen — konnte sich gar nicht vorstellen, daß jemand auswich — revozierte und deprezierte — den Schwanz einzog und ... na eben kniff.

Und ... jeden andern Kneifer durfte man einen Kneifer schimpfen ... Dieser aber stand außerhalb der Lebensgesetze der akademischen Welt — der er pro forma doch angehörte ... Der konnte sich eine Kneiferei leisten, obwohl er doch auch Student, offiziell sogar Korpsstudent war ...

Was für ein Hohn ... Was für eine blöde Farce!

»Hm ... Und Sie meinen, Herr Borgmann — mit diesen Erklärungen müsse ich mich begnügen?«

»Ich ... glaube wenigstens nicht, daß ... nach diesen Erklärungen ... das Ehrengericht Ihre Forderung noch genehmigen würde, wenn Sie darauf bestehen wollten ... Selbst ein S. C. Ehrengericht nicht ... Aber vor das kommt die Sache ja überhaupt nicht ... Die kommt vor den Offiziersehrenrat ... Na und der wird eben selbstverständlich die Sache für erledigt erklären unter diesen Umständen ...«

Ach so ... Also alles in schönster Ordnung ... Die Ehre der angegriffenen jungen Dame in integrum restituiert durch die Deprekation ... und nur er selber ... er selber um sein Korpsband gekommen ... und eigentlich ... der ... Blamierte ...

Hm ... es stimmte ... Da war nichts zu machen ... Aber auch gar nichts ...

Ja ... Wie war denn das aber möglich? Hatte er denn irgend einen ... Fehler gemacht?

Nein ... Er hatte den Geboten der Ehre, der Ritterlichkeit gefolgt ... Und was sich da wider ihn aufreckte ... das war etwas, was er bis dahin noch nicht geahnt hatte — der Unsinn des Daseins ... die Tragikomödie des Idealismus ... dieses phantastischen romantischen Idealismus, der den eigenen Adel, die eigene heroisch-naive Auffassung von Pflicht und Ehre noch für das Gesetz des Weltganges hält ...

Valentin Pilgram stand auf ... stumm ... stieren, korrekten Antlitzes.

»Ich danke Ihnen verbindlichst für Ihren gütigen Beistand, Herr Borgmann ... Nun, dann wird sich die Sache ja wohl in aller Güte und Freundschaft erledigen ... zwischen den ... Nächstbeteiligten ... Adieu, Herr Borgmann ...«

Donnerwetter — dachte Wilhelm Borgmann — das hat besser gegangen, als ich mir's träumen ließ ...

Valentin Pilgram irrte durch die Straßen ... Dies Menschengewoge, der Spätherbstglanz über der Welt, die Wagen, die klingelnde Pferdebahn, das alles machte ihn rasend. Er floh ins Rosental, strich ziellos durch die Laubgänge ...

Jucunda! Das war sein einziger Trostgedanke ... Jucunda würde zu ihm stehen ... ihm danken, ihn belohnen ... irgendwie ... für alles, was er ihr geopfert ...

Er rannte immer weiter, immer tiefer ins Holz hinein — über die Elster hinüber, kreuzte die sumpfigen Wiesen jenseits der Marienbrücke, verlor sich in den braunen Forsten des Leutzscher Holzes. Es kam die frühe Dämmerung, es wurde feucht und frostig unter dem Laubdach, von dem langsam Blatt um Blatt niederrieselte im melancholischen Schweigen des windstillen Herbstabends — Valentin Pilgram bemerkte es nicht. Und wie die Fledermäuse, die lautlos um die schattenhaften Säume der Gebüsche schwirrten, über den perlmuttfarbenen Spiegeln der Sumpfteiche huschten, so flatterten durch des wackern Gesellen Hirn die aberwitzigen Gedanken.

Er hatte doch recht getan — gehandelt wie ein Mann und Kavalier ... Und eine lächerliche Blamage war die Folge ... Das Korpsband, das geliebte, war von seiner Brust hinweggeweht, wie ein klagender Abendhauch die ziehenden Nebelstreifen dort auf den Wiesen hinwegstreifte ...

Das konnte doch das Ende nicht sein — so dummejungenmäßig beiseite geschoben werden, das war doch kein Abschluß für Valentin Pilgrams stolze, prangende Burschenherrlichkeit ...

Nein ... Es mußte noch irgend etwas kommen — die Ahnung irgend eines süßen oder schrecklichen Ereignisses düsterte durch die Seele des einsamen Wanderers.

Es war schon Nacht, sternüberflimmerte Spätherbstnacht, als er vor sich die dunklen Umrisse des Leutzscher Bahnhofes auftauchen, die grellfarbigen Lichter des Bahnkörpers flimmern sah. Eine dumpfe Sehnsucht nach der Stadt zurück überkam ihn plötzlich, nach wogenden Menschenmassen, nach Wagenlärm und glitzernden Schaufenstern. Er erkundigte sich: der nächste Zug fuhr erst in einer halben Stunde. In dem schmutzigen Bahnhofsrestaurant schüttete er hastig, gedankenlos ein paar Glas Bier in die brennende Gurgel. Als der Zug herannahte und er die Börse zog, bemerkte er, daß er an seiner Uhrkette noch den Bierzipfel trug, ein Stück des grün-gold-roten Korpsbandes mit goldenen Beschlägen ... Da hakte er mit einem bitteren Zucken der Mundwinkel den blanken Zierat ab und barg ihn in seiner Brieftasche.

Als er auf dem Thüringer Bahnhof ankam, war es gegen neun Uhr. Er hastete heimwärts. Jetzt war Jucunda im Theater — spielte abermals die Jungfrau ... An allen Anschlagsäulen hing der Theaterzettel, der ihren Namen trug ... Es trieb ihn nach Hause, dahin, wo sie geboren und groß geworden war, eine seltene, phantastische Wunderblume, in einem abgezirkelten, banalen Spießergärtchen erblüht ...

Alles war still und finster in dem engen, muffigen Korridor, als er die Entreetür öffnete. Natürlich, die Eltern waren ja mit im Theater, ihr Goldkind zu bewundern ...

Er suchte seine Zündholzschachtel, fand sie, aber sie war leer. Vergebens tappte er nach Licht. Die Tür zur Wohnstube war angelehnt, ein matter Lichtreflex von der Straßenbeleuchtung fiel heraus. Valentin konnte der Versuchung nicht widerstehen und trat ein. Stumm und dunkel und dumpfig lag das Zimmer. Dort am Fenster hatte er mit ihr gestanden — wann doch nur? Vor einer Ewigkeit?! Pah — es war noch nicht vierundzwanzig Stunden her ... Und hier auf dem verschlissenen Plüsch hatte sie gesessen, das weiße Königinnenhaupt zurückgelehnt ... und — wie hatte sie nur gesagt? 'Vielleicht kann ich doch einmal einen Ritter gebrauchen — dann will ich an diese Stunde denken und Sie rufen ...' Und jetzt? Hatte sie ihn nicht gerufen? — Nein — das eigentlich wohl nicht ... Aber hatte sie nicht geweint?! Sie ... sie ... und hatte geweint um einer bübischen Kränkung willen ...

Und da hatte er getan, was er genau so rasch, so selbstverständlich und geradezu getan hätte für seine Schwesterchen daheim in Dresden ... Und morgen würde ganz Leipzig über ihn lachen ...

Hastig trat er auf den stockfinstern Korridor zurück und tappte nach seiner Stube hinüber. Zufällig bekam er die Klinke zu Jucundas Kammertür in die Hand ... Er drückte sie nieder, und ein Duft wehte ihm entgegen, der ihn mit einem Schwall stummer, wirrer Sehnsuchtswünsche bedrängte. Das Zimmer lag nach einem Seitengäßchen hinaus und war fast völlig finster. Nur aus einem gegenüberliegenden Fenster fiel ein ganz matter Lichtschein hinein. In diesem Schein leuchtete das weiße Bett, schon aufgeschlagen, für die Nachtruhe der Künstlerin ...

Ein Grausen des Verlangens schnürte dem reckenhaften Burschen die Kehle zusammen. Er schloß hastig die Tür und stand einen Augenblick lang in der Dunkelheit. Alle Glieder bebten, seine Kinnbacken schlugen im Frost zusammen. Dann übergoß ihn glühende Scham. Er war der Mann nicht, sich an dem Dunste der Geliebten verstohlen schnüffelnd zu erletzen. Er rannte hinaus, fand endlich die Tür seiner Bude und saß lange mit fiebernden Gliedern in der Finsternis, auf seinem Sofa. Endlich fuhr er auf, schwankte zu seinem Nachttischchen hinüber, machte Licht, zündete die Petroleumlampe an und sah die aufgeschlagenen Repetitorien liegen, wie er sie morgens verlassen hatte, als die Kanzleirätin in sein Zimmer gestürzt war ...

Und eine stumpfe Ruhe kam über ihn. Arbeiten! Arbeiten! Er wühlte sich in die schematisch öde Zusammenstellung der elementaren Grundbegriffe seiner Wissenschaft hinein. Seiner Wissenschaft — ah bah! Die Quelle des Wissens, die hell in seiner Nähe sprudelte, hatte er ängstlich gemieden sieben Semester lang und nur dem Korps gedient ... Nun galt es hastig und mechanisch einen Haufen seelenloser Notizen in sich hineinzustopfen, um den toten Popanz, die pappdeckelne Attrappe einer fadenscheinigen Examensweisheit aufzurichten ...

Immerhin ... wenigstens Vergessen wirkte dies stumpfsinnige Büffeln ...

Und eine Stunde verrann — zwei Stunden ... Plötzlich draußen auf dem Flur die Stimmen der heimkehrenden Familie Buchner. Valentin lauschte angestrengt ... Ob sie ihn denn nicht noch zu sprechen wünschte? Ihm zu danken für die ... glückliche Lösung, die sein Eingreifen doch herbeigeführt?

Und wirklich — es pochte an seine Tür ...

»Herein!«

Mutter Kanzleirätin stand auf der Schwelle. Ein wenig rot und verlegen ... In der schleifenbesetzten Kapuze, dem altmodischen Abendmantel, genau wie gestern, als er sie aus dem Wagen gehoben ...

»Sie wär'n entschuld'gen, Herr Pilgram — hier is Sie nämlich ä Briefchen von meiner Tochter ...«

Ein — Brief? Und warum konnte sie denn nicht selber —?!

So deutlich stand diese Frage in des jungen Mannes starr aufgerissenen Augen, daß Frau Buchner die unausgesprochene beantwortete:

»Nämlich, Se dürfen's ihr nich iebel nähm', selber kann se's Ihn' nich sagen, sie is Ihn' nämlich gar zu sähre angegriff'n von der Vorstellung ... Gut Nacht, Herr Pilgram, wünsch' gute Ruh ...«

Und hastig war die massive Gestalt aus der Tür ... Nur der Brief blieb zurück, lag weiß und fremd auf dem fleckigen, grellgemusterten Tischtuch.

Mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge nahm Valentin das Kuvert und studierte die großen, fahrigen Züge der Aufschrift:

»Herrn Stud. Pilgram ...«

Weder Fakultät noch Vorname ...

Was steht darin? Nun, es kann doch nur eins sein: Dank und abermals Dank, feuriger, inniger Dank ...

Er riß den Umschlag auf und las:

»Sehr geehrter Herr ...«

Er las und las ... »erwünschte Erfolg« — »Herren haben mündlich bei mir um Entschuldigung gebeten« — »danke Ihnen innigst« — »großes Opfer« — »Zweck erreicht« — »nehmen Sie Ihre Herausforderung zurück, damit nicht noch ... weitere ... Unannehmlichkeiten entstehn ...« — »mit der nochmaligen Versicherung meines aufrichtigsten Dankes Ihre ganz ergebene ...«

Na ja ... na also ...

Völlig korrekt das alles ... Nichts fehlte, was man so erwarten und verlangen konnte ...

Nichts fehlte ... gar nichts ...

Valentin Pilgram sah lange und regungslos in den hellen Lichtkegel der Petroleumlampe, bis die Augen ihn zu schmerzen anfingen.

Na ja ... na also ...

Und endlich klappte er den Brief zusammen. Wollte ihn in den Umschlag schieben ... Da auf einmal blieben seine Augen an etwas hängen, das er nicht begriff. Auf der letzten Seite des Bogens, am unteren Rande und mit dem Kopfe nach unten, fand sich ein Monogramm aus den Buchstaben T und H und darüber der Zirkel eines wohllöblichen C. C. der Franconia zu Leipzig.

Was war das?!

T. H.? Oder ... H. T.? Und darüber der Frankenzirkel?

Kein Name der verflossenen Korpsbrüder fing mit einem H an, aber mit einem T? Thumser? Hans ... Thumser ... Das ... stimmte ...

Was war das? Wie kam Jucunda Buchner zu einem Briefbogen von Hans Thumser?! Teufel —

Hatte der am Ende den Makler gespielt? Und geholfen, ihm diese ungeheure Blamage einzubrocken?!

Valentin Pilgram dachte nach. Nun, der kleine Thumser war ein Faselhans, hatte den Kopf voll konfuser Ideen, voll unvorschriftsmäßiger, inkorrekter, umstürzlerischer Gedanken über allerhand heilige, unantastbare Dinge, Dinge, die immer so gewesen waren und immer so bleiben sollten ... Sah ein bißchen von oben herab auf alle Menschen und Zustände — aber eine Gemeinheit, eine heimtückische Verräterei und Niedertracht — die war ihm denn doch nicht zuzutrauen ...

Aber — wie war dies — Unfaßbare da — zu erklären?!

War denn irgendeine Möglichkeit, daß Jucunda und der versedrechselnde, kunstsimpelnde Korpsbruder in Berührung hätten kommen können?

Gestern abend — so viel stand fest — kannte Thumser die Künstlerin noch nicht persönlich — hatte zwar die Idee gehabt mit dem Pferdeausspannen, aber nicht ein Wort mit dem Mädchen gewechselt ...

Aber — hatte nicht er selber, Valentin, gestern abend im Gespräch mit der Familie Buchner den Namen Thumsers genannt als desjenigen, der den glorreichen Einfall mit der Pferdeausspannerei ausgeheckt ...

'Dafür hätten Sie 'nen Kuß gekriegt,' hatte Jucunda gesagt ... Noch ganz deutlich entsann sich Valentin einer dunklen Regung von Eifersucht ...

Wär's möglich — sie hätte sich vielleicht an den gewandt um ... um einen Ausweg aus der Verlegenheit, in die Valentin Pilgrams rasche Ritterschaft sie hineingestürzt?!

Oder?! Hatte er — Hans Thumser — die Bekanntschaft eingeleitet? Er wußte aus dem C. C., was vorgefallen war ... Er war sehr schweigsam gewesen im C. C. ... Sollte er diese ... Gelegenheit ... seine Wissenschaft um die Situation — sollte er die benutzt haben, um sich bei Jucunda lieb Kind zu machen?!

Wie es auch sein mochte — es war etwas geschehen zwischen den beiden ... Hans Thumser hatte seine Hand im Spiel — in dem falschen, ränkevollen Spiel, an dessen Ende seine, Valentins, hilflose Blamage stand ...

Himmel und Hölle! Da stand ja auf einmal ein neuer Feind auf — ein Feind, der eine harmlos grinsende Freundesmaske trug ... und einer, der nicht unangreifbar war, wie die andern — nicht geschützt wie diese Jucunda durch ihr Geschlecht — nicht durch Rang, durch Pflichten der Rücksichtnahme, durch die Ausnahmegesetze der militärischen Standesordnung — wie das fürstliche Käsegesicht mit der Scherbe im Auge oder sein schnurrbärtiger Begleiter ...

Einer, den man sich langen konnte!

Ein Korpsbruder?! Pah ... er selber war ja nicht mehr Korpsstudent ... Konnte ramschen, mit wem es ihm beliebte ... Seine Rache kühlen an dem ersten besten, der seinem Grimm in den Weg lief ...

Ja, seinem Grimm — der besinnungslosen Wut, die ihm nun auf einmal in die Augen stieg mit blutrotem Schimmer, ihm Blick und Fassung trübte — daß er aufsprang, die Halsbinde, den Kragen aufriß, um nicht zu ersticken ...

Nebenan raschelten Kleider, klapperten die leisen Tritte müder Mädchenfüße ...

Sie — und nur eine dünne Wand zwischen ihm und seinem Schicksal ...

Er lauschte ... flüsternde Frauenstimmen klangen: Mutter Kanzleirätin brachte wohl das Goldkind schlafen ... Nun knarrte die Tür, nun schlürften die Pantoffeln der Alten über den Korridor, zum ehelichen Schlafgemach hinüber ... Und ein herzhaftes, langgezogenes Gähnen ... Und nun krachte das Bett, rauschten die Kissen ...

Valentin Pilgram saß noch immer steif und regungslos an seinem Schreibtisch und starrte in den Lichtkegel der Petroleumlampe ... Und in der Faust hielt er den halbzerknüllten Briefbogen, der vorne Jucunda Buchners Brief und hinten Hans Thumsers Monogramm und den Frankenzirkel trug ...

Na ja ... Na also — — —!!

10.

Die Franken hatten C. C. gehabt und Chargenwahl vollzogen. Ivo Volkner aus Düsseldorf war Erster geworden an Pilgrams Statt. Hartwig, der Vertreter des Marburger Kartellkorps, hatte die zweite Charge bekommen, und der eben erst rezipierte Jungbursch Feldmann die dritte. Volkner Senior — das bedeutete einen Wechsel des Regimes. Statt des zähen, wortkargen, sparsamen und fechtgewaltigen Sachsen der leichtsinnige, wohlhabende, lebenslustige Rheinländer — das war ein wahrer Umschwung für den Geist des Frankenbundes ...

Hans Thumser säumte nicht, von diesem Umschwung zu profitieren. Alle paar Tage bat er um Dispens zum Besuch der Konzerte, des Theaters, schwänzte regelmäßig Sonnabends das gemeinsame Mittagessen, um der Motette des Knabenchors in der Thomaskirche zu lauschen ...

Und eines Morgens erlangte er gar die Erlaubnis, bei den Meiningern zu statieren ...

Die Meininger ... sie hielten ihn völlig im Bann. Er versäumte keine Premiere. Drama auf Drama reckten sich die genialen Machtschöpfungen der erhabensten Meisterwerke des germanischen Theaters vor dem schönheitshungrigen Auge des jungen Studenten auf ...

Und all die heiße Inbrunst, die solch aufrüttelnde, seelenentzückende Schau in ihm entflammt hatte, die küßte er der zierlichen Asta Thöny auf den feuchten, bebenden Mund ... Es war ein toller Märchenrausch von Begeisterung und Liebe, in dem die Tage, die Nächte dahinrasten. Und so ganz versunken war alles, was sich nicht der Erinnerung aufdrängte, daß er nicht ein einziges Mal auf den Einfall gekommen war, sich nach dem armen Valentin Pilgram umzusehen, mit dem er doch drei Semester lang die gleichen Farben getragen — der aus dem Korps geschieden war um eines Entschlusses willen, den er heiß bewunderte wie alle Korpsbrüder ... Er wußte, die andern pflegten eifrig den Verkehr mit dem ausgeschiedenen Freunde — er nahm sich täglich vor, ihn aufzusuchen, und täglich vergaß er's in seinem Taumel von Sehnsucht und Erfüllung, Erfüllung und Sehnsucht ...

Ja, Erfüllung ... und Sehnsucht ... Denn wenn Hans Thumsers flaumige Jugend in Asta Thönys schimmernden Armen lag, dann am heißesten verlangte seine Seele nach der andern, die Abend für Abend die ganz großen, ganz lichten Visionen der Dichter verkörperte, statt jener kleinen, sündigen, irdischen Geschöpfe, die Asta Thönys Kunst umspannte ...

Aber außerhalb der Bühne hatte er sie niemals wieder zu sehen bekommen — Jucunda, die allvergötterte. Es war ein förmliches Jucundafieber ausgebrochen unter der Leipziger Jugend, der männlichen wie der weiblichen, der akademischen wie der Philisterwelt ... Allabendlich schritt die Künstlerin durch ein jubeltrunkenes Spalier ihrer Verehrer zu ihrem Wagen — nach jeder Premiere wiederholte sich die gleiche Komödie. — Der Kutscher strängte die Gäule schon vorher ab und stellte sie auf Seite und sich daneben, damit ihm die Tiere nicht ganz verrückt wurden und er selber ohne blaue Flecke vom Bock herunterkäme ...

Und Liebesbriefe ohne Zahl, voll ungelenker Gedichte, stammelnder Mädchenverzückung und kecker Jungmännerwerbung flatterten in das bescheidene Kämmerchen an der Katharinenstraße ...

Selbst die Waffenstudenten, deren Gesichtskreis doch sonst mit ihren Couleurangelegenheiten völlig ausgefüllt war, wurden in den allgemeinen Theatertaumel mit hineingezogen. Wenn Jucundas Triumphwagen mit seiner keuchenden, brüllenden Bespannung durch die Straßen südlich des Königsplatzes der Altstadt zurollte, dann blinkten in der Schar der Ziehenden und der Geleitenden die Mützen der Korps neben denen der Burschenschaften, der Turner neben denen der Landsmannschaften — Arion und Paulus wetteiferten mit dem heiligen Wingolf im Dienste der Jucundabegeisterung ... Es war wie im Paradiese, da das Lämmlein bei dem Tiger weidete ...

Und der regelmäßigste Besucher war der Gast der fest abonnierten Proszeniumsloge vorn links vom Schauspieler, neben der Direktionsloge ... war der Erbprinz von Nassau-Dillingen. Zu jeder Premiere schleppten die herzoglichen Leibdiener ein kostbares Blumenarrangement von schier unermeßlichen Dimensionen auf die Bühne, daran ein Kuvert mit geprägtem Wappen hing ... Es enthielt des Erbprinzen Visitenkarte, darauf immer nur die Worte: »In Verehrung« ... geschrieben in einer unausgeschriebenen Knabenschrift. Niemals aber hatte sich Jucunda künftighin über den leisesten Versuch einer Annäherung zu beklagen gehabt.

Und Jucundas Dank beschränkte sich stets auf den Hofknix vor der ersten Parkettloge links ...

»So ist's recht, Langbeinchen,« sagte Franz Burg mehr als einmal zu der jungen Freundin — »so muß man's machen: hübsch in Distanz halten die hochgeborenen Verehrer — aber keinesfalls wegöden ... das hat keinen Sinn — immer warm halten — man kann nie wissen, wozu man so etwas einmal brauchen kann ...«

Und Jucunda begriff. Es blieb doch nicht nur bei dem Hofknix. Wie jeder andre Spender einer Blumengabe bekam auch Erbprinz Heribert ein paar Dankesworte auf goldgerändertem Kärtchen ... Anfangs waren's nur drei konventionelle, schematische Zeilen ... Bei der dritten Spende aber stellte sich ein Zusatz ein:

»Sie beschämen mich, Durchlaucht, — ich weiß nicht, wodurch ich soviel gnädige Anteilnahme verdient habe.«

Das nächste Mal enthielt das wappengeprägte Kuvert an der riesigen Seidenschleife, die in den Nassau-Dillingenschen Landesfarben von einem riesigen Lorbeerrade niederrauschte — enthielt das Kuvert ein Briefchen von zwanzig Zeilen:

»... Sie sind mir böse gewesen, und ich muß leider zugeben, nicht ganz ohne Grund, obwohl ich für die geschmacklose Form der Huldigung, die Ihnen in meinem Namen überreicht wurde, nichts kann. Sind Sie wieder gut? Ich bitte Sie um ein Zeichen ...«

In der Premiere des »Wintermärchens«, die kurz auf dies Briefchen folgte, lockte der tumultuarische Applaus nach der Gerichtsszene die eben hinter den Kulissen gestorbene Hermione-Jucunda auf die Bühne ... Und wieder schleppten livrierte Diener eine weißleuchtende Kaskade von rieselnden Chrysanthemen heran ... Da zog Hermione aus dem Blütenschwall eine ganze Handvoll der märchenhaften, hundertstrahligen Blumensterne und steckte sie an ihre Brust, um sich dann erst mit feierlichem Lächeln im tiefen Hofknix zu neigen gegen die Proszeniumsloge vorn links vom Schauspieler ...

Also Hans Thumser durfte statieren — mit hoher Genehmigung des Herrn Ersten Chargierten. Er ging sonach eines Morgens um zehn nach dem Fechtboden zum Bureau des Carolatheaters und meldete sich als Statist für »Wallensteins Tod«. Er wurde sofort und freundlich angenommen. Denn es war hier wie immer und überall: Nach den ersten Tagen der Begeisterung waren von den angeworbenen und mühsam eingedrillten Komparsen viele Dutzende abgefallen, hatten sich schriftlich entschuldigt oder waren einfach weggeblieben. Er mußte gleich in die Probe. Es handelte sich nur um zwei Szenen: die große Kürassierszene am Schluß des dritten Aktes und die Mordszene am Ende des fünften.

Vom Bureau aus schickte man Hans Thumser auf die Bühne. Aber den Weg mußte er sich selber suchen und erfragen. Er wurde durch sechs bis acht verschiedene Türen gewiesen, kam sechs- bis achtmal an das weglose Ende dunkler, verschlossener Korridore, stieß sich die Schienbeine wund an allerhand unbeschreiblichen, geheimnisvollen Gegenständen, welche in der Finsternis herumstanden ... Endlich fand er ein eisernes Pförtchen, an dem in Weiß die Aufschrift stand: Zur Bühne ... und voll Ehrfurcht trat er in einen hohen, frostigen Raum, in dem im halben Tageslicht ein Gewirr von hölzernen Lattenrahmen, mit grauer Leinwand überspannt, erkennbar war. An diesen Wänden war vielfach die aufgepinselte Inschrift zu erkennen: »W. T. III. Saal.«

Man wies ihn an, eine hohe bretterne Treppe hinanzuklimmen, auf deren oberem Podest er plötzlich ein seltsames Schauspiel sah: eine Wand wie ein riesiges, aus zahllosen kleinen Scheiben bestehendes Fenster, hinter dem der Treppenpodest wie eine lange Galerie sich hinzog. Das Glasfenster lief jenseits der Treppe in eine eichene Tür aus, von der aus dann eine andere Treppe zum Bühnenpodium hinunterführte ... Diese Treppe aber war im Bogen geschweift und aus massivem, dunkelgebeiztem Eichenholz mit schwerem Renaissancegeländer — wenigstens sah sie so aus. Unten ein dunkler, wuchtiger Saal mit Kamin, Gobelins, gepolsterten Bänken an den Wänden, und da standen an siebenzig jüngere Männer und lauschten andächtig der Instruktion des Oberregisseurs Burg.

»Aha — noch 'n Kürassier?« unterbrach dieser seinen Vortrag. »Kennen Sie 'n Wallenstein?«

»Auswendig ...«

»Um so besser ...

»Geselle Dich zu uns — komm hier!
Es ist ein pudelnärrisch Tier ...«

Also bitte weiter zu hören, meine Herren. Ihr wollt Euren geliebten Oberst Max — hier steht er, Barthel ist sein Name, Alexander Barthel, na, Ihr werdet doch unsern großen, schönen Alexander kennen?«

»Ja! ja!« murmelten die Kürassiere mit Begeisterung.

»Also den wollt Ihr dem Friedländer — das heißt mir! — entreißen ... Ihr bildet Euch nämlich ein, ich hielte ihn in Gefangenschaft. Einzeln, truppweise strömt Ihr herein, und wie Ihr in den Saal kommt, seht Ihr etwas ganz Unerwartetes: Euer Kommandeur ist nicht gefesselt, sondern frei: nicht ich halte ihn, sondern etwas anderes, der stärkste Magnet, den es gibt, natürlich ein Frauenzimmer: die da, meine Tochter Jucunda, ich wollte sagen Thekla ...«

Ein weißer Schatten im halbdunklen Raum: sie, die Erträumte, von tausend Sehnsuchtsgedanken Umschwärmte, die Verkörperung des Mädchenideals deutscher Jugend im neunten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts ... da stand sie im fußfreien grauen Rock, eine schlichte graue Bluse um den festen Oberkörper ...

»Nun stutzt natürlich jede Gruppe,« fuhr der Oberregisseur in seiner Instruktion fort, »und es verstummen die Rufe, mit denen Ihr einander angefeuert ... Die erstaunten Blicke gehen von ihm zu mir, von mir zu ihr — befangen flüstert einer dem andern zu, was er sich bei der Sache denken mag ... und so steht Ihr schweigend, mit gesenkten Schwertern ... nichts ist vernehmbar, als das leise Rascheln der eisernen Rüstungen — bis Euer Führer sich an Euch wendet und Euch warnt, ihm zu folgen. — Schlagen Sie an, Barthel!«

Und der schöne Alexander trat einen halben Schritt vor, sprach lächelnd, mit halber Stimme:

»Bedenket, was ihr tut! Es ist nicht wohlgetan,
Zum Führer den Verzweifelten zu wählen —
Ihr reißt mich weg von meinem Glück — wohlan,
Der Rachegöttin weih' ich Eure Seelen ...«

»Bitte halt!« unterbrach Burg. »In diesem Augenblick richtet sich jeder auf, die Augen blitzen mutig den Führer an: Herr befiehl! Wir sind Dein — führ' uns in die Schlacht, führ' uns in den Tod, wir folgen Dir ... Das geht wie ein Ruck durch die ganze eisenstarrende Gesellschaft durch, versteht Ihr? Und nun weiter, Barthel!«

»Ihr habt gewählt zu eigenem Verderben —
wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben!«

so schmetterte der schöne Barthel heraus, berauscht von der klingenden Herrlichkeit seines erzenen Organs.

»So — und auf dies Wort wirft er sich herum und stürzt sich in Eure Mitte — mit einem einzigen Aufschrei des Jubels, des wilden, todbereiten Jubels umringt Ihr ihn, so daß die Eisenmasse ihn gewissermaßen einschluckt, die Schwerter schießen in die Höhe wie eine schäumende Flut, die über seinem Helmbusch zusammenschlägt ... Noch einmal taucht er auf, als er in Eurer Schar die Treppe hinaufstürzt, Ihr hinter ihm drein; der Schwall wälzt sich durch die Galerie, im Gedränge werden ein paar Glasscheiben eingestoßen und klirren schneidend in das Getös des Sterbejauchzens, der Hörner hinein, die von drunten zum letzten Kampfe werben — und denn Vorhang und aus!«

Mit sprühenden Augen, mit langhin malenden Gesten seiner hageren Arme hatte der Oberregisseur die ganze ungeheure Szene aufgebaut vor den Augen der lauschenden Statistenlehrlinge ... die brachen nun in lauten Beifall aus, als ihr Meister aus der hinreißenden Beredsamkeit in einen trockenen Ulkton am Schluß fiel ...

»So, Herrschaften, nun zählt mal von vorne nach hinten ab, und jeder merke sich genau seine Zahl!«

Dann wurden die zweiundsiebenzig in sieben Gruppen eingeteilt nach der Nummer, und jede bekam ihr Stichwort zugeteilt ... »Scheidet — Gott!« hieß dasjenige für die erste Gruppe — »Dein ewig teures und verehrtes Antlitz« das für die zweite — und so fort. Und dann mußten sie alle über die breite Renaissancetreppe zurück — »damit Ihr Euch an die Stufen gewöhnt,« — und draußen in der Dunkelheit wurden sie vom Inspizienten zu einzelnen Klumpen zusammengeballt und aufgestellt ...

»Sind Sie fertig, Ruperti?« klang dann Burgs Stimme von drinnen. »Ja? Na dann bitte — ich fange an: Dreiundzwanzigster Auftritt, ich komme mit Illo und Buttler die Treppe hinunter —«

Und nun herrenhaft, mit grollendem Erzklang in der Stimme. »Terzky!«

»Mein Fürst!« antwortete drinnen eine andere Stimme, erregt, geschmeidig —

»Laß unsre Regimenter
Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen,
Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend ...«

Und auf einmal war alles im Fluß. Der Zauber wirkte, der ungeheure, dem einst der zitternde Knabe erlegen war, im Barmer Stadttheater, auf dem Eckplatz des zweiten Ranges ... nur daß der Jüngling nun hineinschaute in das Innere des komplizierten Mechanismus, der das Wunder wirkte ... und eine dumpfe Sehnsucht sprang auf — diesen geheimnisvollen Apparat einmal aus eigener Machtvollkommenheit heraus zum Funktionieren zu bringen ...

Gott ... welch ein Gedanke ... selbst einmal etwas zu schaffen aus der Magie des eigenen Innern heraus ... etwas, das die hundert Geister dieses dunklen Heerbannes zur Tat, zur Heeresfolge zwingen könnte ...

Scheuer Knabentraum, bist du mehr als nur ein Traum — bist du die mystische Vorahnung kommender Kraft, der Vorklang künftigen Schicksals?!

Und Gruppe auf Gruppe der jungen Männer wurde vom Inspizienten losgelassen, tobte die Treppe hinauf, erstarrte droben in staunender Verständnislosigkeit, schob sich dann scheu und verhalten drüben die breite Treppe hinunter in den Saal, wo Max Piccolominis todgeweihte Liebe ihren letzten Verzweiflungskampf mit dem Dämon der Eidespflicht ausfocht ...

Freilich, manchesmal empfing sie drunten ein Hohngelächter des Spielleiters.

»Ne, Kinder, so geht das nicht — Ihr seid ja keine Verbrecherbande ... Ihr macht ja auf einmal Gesichter, als hättet Ihr alle einen Sack silberne Löffel gestohlen! Ihr seid Soldaten, wüste Kerle, schlichte Burschen, die nicht recht verstehen, weshalb man eines Mädels wegen soviel Umstände macht ... dazu ein Rest von Scheu vor dem geliebten, gefürchteten Auge Eures Feldherrn, 'das Eure Sonne war in heißer Schlacht' — aber vor allem doch Trotz, Empörertrotz, verhalten, verbissen, gedämpft, aber Entsetzen einflößend, Schauer aushauchend, kalt wie das blanke Eisen in Eurer Faust — so will ich's haben, so hat der Schiller sich's gedacht!«

Das alles klang nur durch die bemalten Lappen hindurch an Hans Thumsers Ohr. Denn er gehörte ja zur allerletzten Gruppe ... er würde nicht viel mehr zu sehen bekommen ... und er ahnte nur die Gegenwart des Mädchens, um dessen Bild all seine Gedanken kreisten, ihr Bild, das ihm die Seele dieser wundersamen Kunst erschien, die aus Schein und Flitter das ungeheure Widerspiel des Lebens webt, wahrer als alle Wirklichkeit, tiefer als alles reale Erdengeschehen ...

Als er so in stummem Lauschen den Gang der gigantischen Maschine verfolgte, die das werdende Werk schuf — da sah er plötzlich aus der Gruppe sechs ein Augenpaar mit hartem, feindlichem Ausdruck zu sich herüberblitzen. Es waren Valentin Pilgrams Augen ...

Im Nu war er an der Seite des einstigen Korpsbruders.

»Pilgram, Du? Also endlich ... endlich seh' ich Dich mal wieder ...«

»Hm ... hat Dir wohl wenig dran gelegen — sonst hättest Du das Vergnügen früher haben können ...«

»Hast ganz recht, es ist meine Schuld ... es ist ein Skandal, daß ich mich so gar nicht um Dich gekümmert habe ... Aber wenn Du wüßtest ... ich will mich auch bessern, sei mir nicht bös ... Und nun sag' nur, wie kommst Du hierher?«

»Das könnte ich Dich fragen,« sagte Pilgram hart.

»Nu — ich ... Du weißt doch, daß ich Dich selber seinerzeit schon um Erlaubnis gebeten hatte — Du wolltest nicht ... Na, nun haben wir den Volkner, der ... denkt ein bißchen anders über solche Sachen ...«

»Jawohl ... und seid mich glücklich los ... gratuliere.«

»Aber Pilgram! Du weißt doch, wie furchtbar leid es uns allen getan hat ...«

»Dir auch?!« fragte Pilgram finster.

»Ich versteh Dich nicht, Pilgram ... so wie Du und ich doch immer miteinander gestanden haben ...«

»Hm ... wenn Deine korpsbrüderlichen Gefühle für mich ... echt gewesen wären ... dann hätten sie sich wohl ein bißchen besser gehalten ...«

»Aber Pilgram —!«

»Ruhe, meine Herren!« fuhr der Inspizient dazwischen. »Sie da, Sie gehören doch überhaupt zur Gruppe sieben — nu bleiben Sie gefälligst aber auch bei Ihrem Haufen! Ausquatschen können Sie sich ja genügend, wenn's hier aus geworden ist!«

»Wir sprechen uns noch!« sagte Thumser und trat zu seiner Gruppe zurück.

Himmel — was hatte der Pilgram nur? Und wie schrecklich er sich verändert hatte in den wenigen Tagen seit seinem Austritt aus dem Korps ... Die Augen, tiefumrändert, waren in ihre Höhlen gesunken ... der sonst so peinlich korrekte Anzug vernachlässigt ... die früher straffen und sicheren Bewegungen unruhig und zerfahren ...

Und Valentin Pilgram fragte sich: Wie ist es möglich, daß ich es bis heute ausgehalten habe, diesen falschen Hund nicht zu stellen? — Es kann ja nur sein böses Gewissen sein, das ihn von mir ferngehalten hat ... alle die Tage, die zwei Wochen seit ... damals ...

Ha, warum hatte er's nicht getan? Aus Furcht vor ... einer neuen Uebereilung ... einer neuen Blamage ...

Daß Thumser seine Hand in dem schändlichen Spiele gehabt haben müsse, das man ihm gespielt, das war ja klar. Der Briefbogen mit dem Frankenzirkel und dem H. T. auf der Rückseite und mit Jucundas Absagebrief auf der Vorderseite — das war ja doch ein untrüglicher Beweis. Mit Jucundas Absagebrief! Ja, ein Absagebrief, das war's, und nichts andres! Die glatten, gleißnerischen Dankesworte, ihn, den Desillusionierten, blendeten sie nicht mehr. Er verstand, sie hatte ihn verleugnet, er hatte sie verloren. Aber wie kam der andere dazu? Welche Rolle hatte er gespielt in dem Gewirr von Ränken und Tücken, von denen Valentin Pilgram sich umstrickt sah? Das war nicht zu erraten und nicht zu erfahren ... Und aufs Geratewohl abermals unbedacht zufahren mit einem züchtigenden Wort, einem rächenden Schlag — Valentin Pilgram besaß nicht mehr die frühere Sicherheit des Handelns, seit sein Instinkt ihn so schmählich in die Irre, in die Wirrnis, in die lächerliche Don-Quichottiade hineingestoßen hatte. So hatte er von einem zum andern Tage gewartet und gewartet in der dumpfen Hoffnung, daß irgend etwas sich ereignen würde, das ihm Klarheit gäbe ... Er hatte auf ein Wiedersehen mit Jucunda, auf einen Besuch Thumsers gehofft, auf eine Aussprache mit ihr und mit ihm, in deren Verlauf er brüsk und kategorisch die Frage hätte stellen können: Wie war das möglich? Wie ist dieser Brief auf dieses Blatt geraten? Erklärt mir den Zusammenhang, zerstreut meinen grausamen Verdacht und bekennt, bekennt und empfangt den Lohn, den Euer Verrat verdient!

Aber nichts von alledem war geschehen. So häufig er den teilnahmsvollen Besuch seiner ehemaligen Korpsbrüder erhielt, so oft er mit ihnen am dritten Orte zusammentraf — der schlanke Fuchsmajor blieb aus. Und Jucunda? Sie war wie aus der Welt verschwunden. Wohl hörte er abends ihr Heimkommen aus dem Theater, ihr herzhaftes Gähnen, den energischen Plumps, mit dem sie sich arbeitsmüde auf ihr krachendes Bettchen warf, und nachts, wenn er sich schlaflos auf seinem Lager wälzte, ihr geruhsames, selbstzufriedenes Schnarchen ... denn bei Gott, sie schnarchte wie ein Mann ... Und morgens vernahm er wohl, wie sie leise ihre Rollen repetierte. Ach, wie gern hätte er noch einmal den sonoren Alt in seinem vollen Glanze von da drüben schmettern gehört! Aber sie hatte einen Flor über ihr Organ gebreitet, und er fühlte, das war die Scheu vor ihm. Und die gleiche Scheu mußte es sein, unter deren Druck sie es darauf anlegte, ihm um jeden Preis aus dem Wege zu gehen. Es war, als überwache sie sein Gehen und Kommen und richte ihre eigenen Ausgänge, ihre Rückkunft danach ein. Oft legte er es geradezu darauf an, mit ihr im Korridor, auf der Treppe zusammenzutreffen, aber wie ein Geist war sie dann von hinnen gehuscht, hinter irgend einer Tür verschwunden, die Treppe hinuntergeschnurrt ...

Der tolle Wirrwarr von Wut und Sehnsucht, von Ekel und Hingebung, in dem seine Tage, seine Nächte dahinrannen, trieb ihn immer und immer wieder ins Theater. Und dann sah und hörte er nichts von dem Stück — er sah, er fühlte, er träumte nur Jucunda. In welcher Gestalt, welcher Maske, welchem Gewande sie auf der Bühne stand, ihm galt es gleich. Er sah nicht die Künstlerin, er sah nur das Mädchen, dem seine Seele wie sein Leben verfallen war. Fiebernd, stumpfsinnig harrend ließ er die Auftritte an sich vorübergehen, bis sie erschien. Von folternden Schmerzen zermartert und doch an ihr Bild gebannt, weit vorgebeugten Oberkörpers, verfolgte er jeden Schritt, jede Bewegung, bis sie wieder die Bühne verließ oder der Vorhang fiel — er hätte seinen Nachbarn an die Kehle fahren können, wenn sie fanatisch Beifall trampelten, wenn sie wie toll ihr »Buchner! Buchner!« riefen ... Und wenn's zu Ende war, dann stand er draußen unter der harrenden Rotte der Verehrer, den Kragen seines Paletots hoch aufgeklappt, den Hut tief in die Stirn geschoben, sah sie vorüberschweben und mit königlicher Gnade ein Lächeln rechts, ein Lächeln links verteilen, atmete tief und stöhnend auf, wenn der Wagenschlag klappte, die Pferde anzogen ... Wenn aber nach der Premiere die schäumende Begeisterung der Jugend abermals den gewohnten Triumphzug entfesselte, dann stellte sich Valentin Pilgram inmitten derer auf, die von hinten Jucundas Wagen schoben, und arbeitete im Schweiße seines Angesichts. Dann war ihm am wohlsten, dann fühlte er sich ihr am nächsten ...

Und als er eines Tages auf den Anschlagsäulen ersah, daß der »Wallenstein« in Vorbereitung sei, da fiel ihm Thumsers Bitte ein, in diesem Stücke mit statieren zu dürfen. Damals hatte er als Senior diese Bitte abgeschlagen, nun nickte er sich selbst ein bitter lächelndes Ja, als eine Stimme in ihm befahl, er solle sich in die Schar der Pappenheimer Kürassiere mischen, um den Geliebten aus Theklas Armen und in den Schwertertod hineinzureißen ... Und so war er nun hier, in dieser pappdeckelnen, bretternen Trödelwand. Nie hätte er sich's träumen lassen ... Nun war er, der weiland Erste Franconias, ein Statist in Gruppe sechs ...

Die Probe ging ihren Gang.

Wie eines Meisters Hände den bildsamen Ton, so knetete Franz Burgs zielsichere Regie die Schar der zweiundsiebenzig jungen und älteren Männer in eine Horde entfesselter Pappenheimscher Soldateska um. Immer und immer wieder wurde eine Gruppe nach der andern die Treppe hinauf- und hinuntergejagt, jedes Knurren der Wut, jedes Aufheulen der Begeisterung wurde einstudiert, jede Bewegung, jeder Blick festgelegt und in das tausendmaschige Gewebe des farbenleuchtenden Teppichs eingefügt, den der Szenenmeister vor dem lauschenden Publikum zu entrollen gedachte. Und immer klarer, immer überzeugender modellierte sich das Bild des kurzen, erschütternden Vorganges heraus, wie die todestrunkene Schar der Kürassiere sich ihren Führer aus den Verstrickungen der Liebespflicht herausholt und ihn auf schäumender Woge hinwegreißt in Tod und Vernichtung. Keiner spürte Ermüdung, keiner nahm Anstoß am derbsten Poltern, am spitzigsten Spotte des eisernen Mannes, der diese Zweiundsiebzig am Drahte seines Willens zappeln ließ wie ebensoviel Marionetten.

Und endlich schien's getan: tief aufatmend lachte Franz Burg: »So, Herrschaften, ich denk', nun könnt Ihr's, jetzt kommt der Tragödie zweiter Teil: Rüstungen verpassen! Also Pause zum Verschnaufen und dann gefälligst gruppenweise hinauf zur Rüstkammer, dort laßt Ihr Euch die klapprigen Konservenbüchsen um den Leib hängen, holt Euch Euren Eisentopf und Eure Bratspieße — und denn geht's wieder von vorne los!«

Da leuchteten die ermüdeten Augen der abgejagten Schar wieder hell auf. Das hatte ja nur noch gefehlt, das Kostüm, das vollendete die Verwandlung, das brachte das Letzte an Stimmung, was noch fehlte ... Und während die Gruppen zwei bis sieben sich plaudernd und lärmend in dem dunklen Hintergrunde des schwarzgähnenden Bühnenraumes verloren, kletterte Gruppe eins unter Führung des Inspizienten lachend und prustend die hallenden Steintreppen hinauf, um droben das Eisengewand der Pappenheimer anzulegen.

Hans Thumser hatte sich vergebens den Kopf zerbrochen, weshalb wohl der Korpsbruder so maßlos gereizt auf ihn sein könne. Himmel ja, er hatte ihn ja unverantwortlich vernachlässigt in der letzten Zeit — aber schließlich war das doch kein Grund, ihn dermaßen hundemiserabel zu behandeln. Na, man würde nochmals um Entschuldigung bitten, und dann müßte der arme Kerl doch schließlich Vernunft annehmen. Also, wo steckt er denn bloß?

Gruppe sechs — wo ist Gruppe sechs? jawohl — alles durcheinander gewürfelt, alles wie verschluckt von der schwarzen Finsternis dahinten jenseits des Prospekts.

Hans Thumser drängte sich durch die Gruppen der »Kürassiere«, rief hin und wieder halblaut Pilgrams Namen, aber umsonst, der Freund ließ sich nicht sehen — schließlich postierte er sich unten an der Treppe, die zur Rüstkammer hinaufführte. Aber selbst als Gruppe sechs, der er angehörte, vom Inspizienten zum Empfang der Rüstungen geführt wurde, war Valentin Pilgram nicht darunter. Es schien, er wolle sich nicht sehen lassen ... und schließlich konnte Hans das am Ende begreifen: er war eben böse, weil Hans ihn so schnöde vernachlässigt hatte. Nun, das ließ sich am Ende nachholen ...

Und mit ganz wunderlichen Empfindungen ließ sich auch Hans Thumser den rasselnden Eisenharnisch der Pappenheimer Kürassiere um die geschmeidigen Glieder schnallen. Es war ja nur Spiel, nur Mummenschanz — und doch, welch sonderbare Macht lag in diesem starren Eisengewand, lag überhaupt im Kostüm! Hans meinte ordentlich zu fühlen, wie er ein anderer wurde, wie schlichte, rohe und starke Gefühle aus jahrhundertfernen Tiefen sich an die Oberfläche seiner Seele drängten, wie er verschmolz mit der gepanzerten Schar seiner Gefährten ...

Und nun hinunter! Die matt erhellten Korridore, der stockfinstere Raum hinter dem Prospekt war nun von geheimnisvollem Rascheln und Klirren erfüllt. Es war, als sei der Geist der Wallensteinschen Soldateska über die

ganze junge Schar gekommen: rauher und härter klangen die Stimmen, derber und knapper die Scherze, das Gelächter.

Und von neuem begann die Probe. Teufel! war das schwer, sich in diesem niederwuchtenden Gewand, in den kolossal steifen Stulpenstiefeln zu bewegen, den mächtigen Pallasch mit dem breit ausladenden Stahlkorb nicht zwischen die Beine zu bekommen! Und nun gar die Treppen hinauf, hinunter! Da verhedderte sich mancher in den handlangen stählernen Sporen, stolperte, krachte zu Boden und mußte schwerfällig, wie eine Schildkröte, von den Kameraden aufgerichtet werden.

Und unten auf dem Podium inmitten des Schloßsaales stand Franz Burg und hielt sich beide Seiten vor Lachen ... und neben ihm im Halbkreis gruppiert: Thekla, Terzky, Illo, Buttler, Max Piccolomini — und alle lachten sie sich schier zu Tode über die stolpernde, prustende, schwitzende Kürassiergarde.

Und doch, allmählich klärte sich auch dies neue Chaos. Und endlich sagte Franz Burg:

»So, meine Herrschaften, nun fangen wir richtig zu probieren an! Also bitte, Kürassiere von der Bühne, die Soloherrschaften an ihre Plätze!«

Und abermals stand die harrende Schar der Eisenreiter im Hintergrunde zu Füßen der schmalen Holztreppe versammelt — und abermals klang's von drinnen herrenhaft in grollendem Erzklang:

»Terzky!«
»Mein Fürst!«
»Laß unsre Regimenter
Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen,
Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend.«

Und Gruppe auf Gruppe erhielt ihr Stichwort, Gruppe auf Gruppe klirrte die Treppe hinauf, strudelte die Galerie entlang, ergoß sich in den Saal hinab ...

Als aber Gruppe sechs aus dem Finster der Bühnentiefe die Treppe hinanstieg, sah Hans Thumser, daß Pilgram doch noch vorhanden war. Seine riesige Gestalt, sein hartes Herrengesicht standen vortrefflich zu der blanken Wehr — aber kein Blick für den einstigen Korpsbruder ...

Was er nur haben mochte? — Das war doch Kinderei, so offiziell zu tun.

»Also Gruppe sieben!« zischte der Inspizient. »Los! Los!«

Und Hans Thumser keucht die schmalen Stufen empor, stößt wie die Kameraden rauhe gurgelnde Töne aus, stutzt droben am Treppenrande, stutzt und verstummt ...

Aber nicht nur, weil es so probiert ist ... Im gelben Lichte der Proberampe sieht er drunten Jucunda Buchners schmales Prinzessinnengesicht ... aber jetzt nicht mehr wie vorhin, von Lachen und Schelmerei gerötet — nein, nun ist sie plötzlich Thekla, das verzweifelnde Kind, das Liebe, Glück, Leben versinken sieht in den eisenschäumenden Wogen des Schicksals. So abgrundtief, so herzdurchbohrend der Ausdruck des Schmerzes auf ihren tränengefurchten Wangen — Hans Thumser kann den Blick nicht lassen von diesem Bild adligen Grams ...

Aber die Masse der Kameraden schiebt ihn vorwärts — und plötzlich fühlt er keinen Boden mehr unter seinen Füßen, er strauchelt, schlägt krachend nach vorn, alle Glieder knacken — tausend Feuerräder kreiseln in seinem Hirn — ein lauter Aufschrei übertönt das Knacken und Klirren der hundert Eisenringel, die seine Glieder umschlossen halten und im Sturz in Schulter und Schienbein sich hineinzwängen — und dann nichts mehr.

Eine hilflose Masse, so war des Studenten Körper die fünfundzwanzig Stufen der Freitreppe hinuntergekollert, anfangs noch ein wenig aufgehalten durch die Schienbeine seiner Vordermänner, dann aber, als alles instinktiv zur Seite sprang, ganz hemmungslos. Nun lag er bleich, mit geschlossenen Augen am Fuß der Treppe. Die Sturmhaube war ihm vom Kopf gefallen und in weiten Sprüngen ihm voran in den Saal hineingehüpft. Einen Augenblick hatte alles vor Schrecken erstarrt gestanden, nun sprangen fünf, sechs der nächststehenden Kürassiere zu und richteten den schwerfälligen Körper auf.

Durch den Wall der Geharnischten aber drängte sich Jucunda Buchner hindurch. Sie hatte den Jüngling straucheln und vornüber stürzen gesehen und in dem Augenblick sein Gesicht erkannt, ohne daß sie gleich wußte, woher. Nun kniete sie neben dem aufgerichteten Oberkörper des Studenten nieder, umfaßte seine Schultern und legte seinen zerschundenen Kopf behutsam auf ihr Knie. Und da schlug Hans Thumser die Augen auf — und in diesem Augenblick wußte Jucunda, wo sie diesen leuchtenden Blick schon einmal gesehen hatte — der junge Poet ... er, neben dessen »schwindelschmalem Pfade Abgründe klafften rechts und links« — nun, in einen dieser Abgründe war er nun glücklich hineingeplumpst ... freilich, es schien ihm ganz gut bekommen zu sein, denn mit einem zufriedenen Lächeln schloß er die erstaunten Augen, reckte sich ganz behaglich und machte sich's ordentlich bequem auf dem weichen Kissen, auf das er sich gebettet fühlte.

Und nun löste sich der allgemeine Schreck in ein befreites Aufatmen. Da schlug der Student die Augen abermals auf, und nun schien ihm das Komische seiner Situation bewußt geworden zu sein: mit einem Ruck richtete er den Oberkörper auf, sprang auch sofort auf die Beine und reckte die Knochen.

»Na? Kein edlerer Teil entzwei?« fragte der dröhnende Baß des Szenenleiters. Hans Thumser versuchte sich diejenige Stelle seines Körpers zu reiben, welche bei dem Fall am meisten in Mitleidenschaft gezogen war, aber das gelang ihm nicht — sie war zu gut gepanzert ...

Nun brach ein endlos dröhnendes Gelächter aus, dazu rasselten die Rüstungen der Pappenheimer, die sich die eisenbewehrten Bäuche hielten. Am hellsten aber lachte Jucunda. In einer raschen Wallung trat sie auf den jungen Burschen zu und klopfte ihm mit beiden Händen die glühenden Backen.

»Dunnerwetter!« tönte da aus den Reihen der Kürassiere eine neiderfüllte Stimme. »Ich wär' nächstens ooch mal de Treppe 'nunner purzeln!«

»Na, ich dächte, nach diesem kleinen Zwischenfall probieren wir weiter!« rief Burg, »also alles zurück, meine Herrschaften, und noch einmal von vorne!«

Hans Thumser war's nun aber doch zumut, als klapperten alle seine Knochen einzeln und lose in dem großen Blechtopfe durcheinander, der sie einschloß — und er bat um die Erlaubnis, sie wieder zusammenzusuchen.

Als dies gewährt worden war, trat er vorn an die Proberampe und kam neben Jucunda zu stehen. Die lachte ihn an und flüsterte ihm zu:

»Ich habe ja so lange nichts mehr von Ihnen gehört — warten Sie nach der Probe auf mich — ich möchte wissen, wie es Ihnen inzwischen ergangen ist!«

Da wurde es Hans Thumser klar, daß er wieder mal mehr Glück als Verstand gehabt hatte ...

Noch eine weitere halbe Stunde voll schwitzenden Bemühens — dann war's geschafft. Und nun harrte der Student am Bühnenpförtchen seiner Göttin. Er drückte sich in den dunklen Schatten der Donnermaschine und ließ den Schwall der Geharnischten an sich vorüber strudeln. Und endlich kam sie — kam nicht allein, sondern am Arm der majestätischen Kollegin Frau Anna Cederlund, welche die Gräfin Terzky spielte. Im ersten Augenblick verließ den Studenten der Mut ... Als aber die beiden ragenden Frauengestalten an ihm vorüberschritten, ohne ihn zu bemerken, da sprach's in ihm: Sei kein Narr! Und er schoß aus seiner Finsternis hervor, daß die Frauen ordentlich zusammenschraken.

»Gnädigste haben mich zu sprechen befohlen!«

»Ah, sieh da, Herr Dummerle! Nun? Was macht die Poesie? Gestatten Sie, Annerl — Herr Studiosus Dummerle, dichtet — hat immer die Nase in der Luft und purzelt deswegen mit Vorliebe die Treppen hinunter — meine Kollegin, Frau Cederlund. Ja, also was fang' ich nun mit Ihnen an? Wissen Sie was? Sie könnten ja auch mal zu mir zum Tee kommen — wollen Sie?«

»Darf es heute sein?« antwortete Hans Thumser.

»Aber warum denn nicht? Also um fünf — soll's gelten?«

Hans Thumser konnte sich nur stumm verneigen — tief, tief auf die schlanke Hand, die sich ihm entgegenstreckte — und dann war's vorbei ...

Und wie ein Begnadeter stolperte Hans Thumser die hallenden Steintreppen zur Rüstkammer hinauf, um sich aus einem Pappenheimer wieder in einen Fuchsmajor zu verwandeln. Zwei Minuten aber, nachdem das Eisenpförtchen, das vom Bühnenraum zum Garderobenumgang führte, hinter ihm zugeklappt war, löste sich aus dem Dunkel der Kulissen noch eine zweite Kürassiergestalt los. Die einsame Glühbirne, die am Inspizientenpulte brannte, beleuchtete ein finstres, verzerrtes Jungmännergesicht unter dem tiefschattenden Doppelschirm der Sturmhaube: es war das Gesicht des weiland Ersten der Franconia.