11.
Asta Thöny war ein wenig eingenickt nach dem bescheidenen Mittagsmahl, das Frau Wehe ihr aufgetischt. Nun fuhr sie empor, flog ans Fenster, steckte den glühenden Kopf hinaus und klatschte jubelnd in die Hände, als sie die ersten Schneeflocken durch das mürrische Grau der Sophienstraße wirbeln sah ...
Köstlich! köstlich! Würde das ein fröhliches Streifen werden mit dem geliebten Jungen durch dies wattige Weiß hindurch an der graulich gurgelnden Pleiße entlang! Sie wußte, wie gut ihr die prachtvolle Sealskingarnitur stand, das splendide Andenken ihres Rittmeisters in Gera ... Und nun schmückte sie sich nach Herzenslust für den Leipziger Freund. Ob er wohl schon daheim war? Sie klopfte an die Wand — keine Antwort. Na, er würde schon nicht auf sich warten lassen, um vier Uhr hatte er ja versprochen sie zum Spaziergang abzuholen. — Aber es wurde vier — und kein Hans Thumser! Na, vielleicht war er schon längst zu Hause und lag drüben auf seinem Kanapee in den geliebten Nachmittagsschlaf versunken. Sie hatte eine Tüte Pralinees für ihn gekauft, sie kannte seine schwache Stelle. Die steckte sie in die Jackettasche, hüpfte zur Tür hinaus und pochte an die seine; da keine Antwort kam, klinkte sie auf — und richtig — da lag er auf dem Sofa, lang hingestreckt, in Hemdsärmeln, das blinkende Korpsband über der Weste. Auf Zehen schlich sie heran und hielt ihm die duftende Tüte unter die Nase. Da schlug er blinzelnd die Augen auf, lachte sie fröhlich an und breitete die Arme aus — mit einem leisen Jauchzen warf sie sich hinein.
Nachdem sie sich satt geküßt, richtete sie sich stramm auf und befahl:
»So, nun antreten zum Spaziergang!« (Die militärischen Allüren ihrer jüngsten Vergangenheit saßen ihr noch in den Gliedern.)
Aber statt des erwarteten Entzückens trat in Hans Thumsers Züge plötzlich eine peinliche Befangenheit, und ein Erröten stieg ihm langsam in die Augen.
»Nun, was ist Dir?«
»Liebes Kind, ich bin trostlos ... Spaziergang ist nicht.«
»Was ist das? Was fällt Dir ein!«
»Ja ... ich ... ja ... ich ... es tut mir entsetzlich leid ... aber ... wir haben heute nachmittag C. C. ...«
»Das ist abscheulich, Hans! Wie kommt denn das, was ist denn los?! Und ich hatte mich doch so gefreut, habe mich so hübsch für Dich gemacht, das hast Du Ungeheuer überhaupt noch gar nicht bemerkt!«
»Ob ich das bemerkt habe! ... aber — es tut mir riesig leid, Du weißt, das Korps spaßt nicht.«
Asta sah, daß er ihren Blick vermied — lügen hatte er noch nicht gelernt.
»Du, das mit dem C. C. das ist geschwindelt, da steckt was andres dahinter! Beichte!«
»Aber nein ... ganz wahrhaftig, Kind, wir haben C. C., Du kannst Dich drauf verlassen.«
»Sieh mich an, Hans —! Siehst Du, Du kannst es nicht —«
»Aber ja ... ich kann's.«
Nein wahrhaftig, er konnte es nicht.
»Also heraus damit! Was ist los?«
Sie stampfte mit den zierlichen Füßen auf, die in mächtigen pelzbesetzten Boots steckten.
Hans kämpfte einen Augenblick, dann sah er ihr gerade ins Gesicht mit dem Ausdruck eines trotzigen Buben, der sich auf einer Schandtat ertappt sieht:
»Die Buchner hat mich zum Tee geladen.«
»Das ist nicht wahr! Das darf nicht wahr sein!«
»Aber warum soll ich denn nicht auch mal zur Buchner zum Tee gehen?«
»Weil Du mir gehörst. Das gibt's nicht. Da wird nichts draus.«
»Ich hab's versprochen.«
»Dann bleibst Du eben einfach weg. Die Buchner weiß ganz genau, daß Du mein bist. Es ist eine Niedertracht von ihr — ich laß mir's nicht von Dir gefallen!«
»Und ich laß mir's nicht von Dir gefallen, daß Du über mich verfügst, wie über ein Spielzeug.«
»Hans, so darfst Du nicht zu mir sprechen, das weißt Du auch, daß Du das nicht darfst! Du hast auch ein böses Gewissen dabei!«
Hans Thumser ging mit drei raschen Schritten ans Fenster und trommelte an die Scheiben. Wahrhaftig, sie hatte recht — es war ihm hundeelend zumute — nichts als Liebes hatte sie ihm getan, weit über Hoffen und Träumen hinaus hatte sie ihn glücklich gemacht ... und er — er hatte immer über sie hinweg geträumt von der andern.
»Nun, hast Du Dich besonnen — kommst Du mit mir?«
»Ich kann's nicht ... ich hab's versprochen.«
»Und mir? — Wem hast Du's zuerst versprochen, mir oder ihr?«
»Aber Kindchen, das mußt Du doch einsehen ... daß das für mich — wie soll ich sagen — daß das für mich eine große Sache ist ... schließlich ist sie doch ... die Buchner.«
»Ach so — und ich, ich bin nur die Thöny, die kleine Thöny, und sie die große Jucunda! Hansel, das wird Dir noch mal leid tun!«
Laut aufweinend stürzte sie hinaus ... die Schleppe ihres Pelzjacketts fegte die Pralineetüte vom Tisch, und alles kollerte in die Stube. Hans Thumser mußte aufsammeln. Dabei glühten seine Backen vor Scham. Es war wirklich hundsgemein von ihm, das herzliebe Mädel so ruppig zu versetzen — er fühlte, er hatte sie bis ins Tiefste gekränkt. Mit hundert Gewalten zog's ihn hinüber, die Tränen von den schönen Augen wegzuküssen, die ihm so manche Stunde durchsonnt hatten ... und dann fiel sein Blick auf Jucundas Bild, auf das bronzene Heroinenprofil, das unterm Helm der Jungfrau so sieghaft leuchtete. — Und er wußte, daß zehn Astas diese Stunde nicht aufwiegen würden, die ihm bevorstand.
Er lauschte — wieder wie in jener ersten Nacht klang da drüben jenseits der Doppeltür und der beiden Kleiderschränke, die sie verbarrikadierten, das herzerschütternde Weinen ... aber diesmal nicht verhalten wie damals — nein — in wilder leidenschaftlicher Empörung. — Und diese, diese Tränen hatte er auf dem Gewissen ...
Und das war so niederträchtig, so infam: daß man im tiefsten Grunde seiner Seele sogar noch etwas wie eine Genugtuung empfand über diese Tränen, die man selbst verschuldet hatte. War es nicht eigentlich ein verdammt stolzes Gefühl, daß man ein Kerl war, um den so heiße Mädchentränen fließen konnten?
Hans Thumser warf einen Blick in den Spiegel: also so sieht so ein verfluchter Gesell aus, um den ein Mädchen wie Asta Thöny — Tausende würden ihn beneiden um so einen süßen Kameraden! — um den so ein himmelsüßes Geschöpf sich quält?
Und mit einem verwegenen Ruck stülpte er die grüne Franken-Mütze auf den braunen Schädel und ging zu Jucunda Buchner.
War's nicht eigentlich toll? Hans Thumser war in einer ganz niederträchtig vergnügten Stimmung, als er durch das wirbelnde Flockengestiebe den Peterssteinweg, die Petersstraße hinanschlenderte. Jedem Mädel guckte er verwegen, wie er's nie getan, unters Pelzbarett: Ja, wenn ihr wüßtet, ihr Leipziger Gänschen —! Eben hab' ich die Asta Thöny geküßt ... die von den Meiningern, ihr wißt doch! Und nun — nun gehe ich zur Buchner ... und wer weiß — wer weiß! So ein Kerl bin ich, verflucht nich noch mal!
Als er den schneebepuderten Marktplatz überquerte und in die Katharinenstraße einbog, fiel ihm plötzlich ein, daß er ja nun endlich den Weg zu Valentin Pilgrams Wohnung gefunden habe. Der arme Junge! Ob der wohl auch schon mal von Jucunda Buchner zum Tee geladen worden war? Wohl schwerlich — und doch, was alles hatte der an dies Mädchen gesetzt ... und er —? Er hatte nichts getan, und alles fiel ihm in den Schoß. Teufel auch — man war eben ein Poet, ein Götterliebling —! nischt wie verdammte Pflicht und Schuldigkeit vom Schicksal!
Ob er den armen Burschen wohl mal aufsuchte? Eigentlich hätte sich's gehört ... daß er gekränkt war, lag ja auf der Hand nach seinem Benehmen von heut morgen ... aber freilich ... erst zu Pilgram gehen und dann sich von ihm verabschieden mit der Erklärung, man sei zu Jucunda Buchner zum Tee geladen — das war doch wahrhaftig mehr eine Kränkung, wie die Dinge nun einmal lagen, als die Erfüllung der längst geschuldeten Freundschaftspflicht. Also lassen wir's doch lieber ...
Glücklicherweise, im letzten Augenblick, fiel's ihm ein, daß er ja noch ohne Blumen war. Er fand eine Gärtnerei, wählte die herrlichsten Rosen, die es gab, und erschrak nicht im mindesten, als die Verkäuferin ihm fünf Mark abverlangte. Denn diesmal war's ja in der ersten Hälfte des Monats und nicht Ultimo, wie damals, als er mit dem gepumpten Markstück ein Dahliensträußchen für Asta erstand ... Und so bewaffnet bis an die Zähne kletterte er die wohlbekannten Stufen im dunklen Treppenhause empor und zog die gellende Klingel an der Korridortür des Kanzleirats Buchner.
Eine stattliche Frau öffnete ihm. Er erkannte in ihr sofort Jucundas Begleiterin von jenem ersten Triumphzuge wieder. Alle Wetter ja, seine Idee von damals hatte Schule gemacht ... das blitzte ihm so durch den Kopf, als er seiner Führerin durch den dunklen Korridor folgte, bis sie haltmachte und anklopfte.
»Bist Du es, Mutter?« tönte von drinnen die wohlbekannte Stimme ... die Stimme, die durch sein Wachen und seine Träume klang. So hatte sein junges Herz noch niemals an die Rippen gehämmert ... auch nicht bei Beginn des Abiturienten-Examens ... auch nicht vor der ersten Mensur.
»Hier ist der Herr, wo Du zum Tee hast eingeladen!«
»Herein — nur herein!«
Die Tür sprang auf, und als dunkle Silhouette gegen die schimmernd weißen Vorhänge abgehoben, stand Jucunda. Mit ausgestreckten Händen kam sie ihm entgegen:
»Wie freue ich mich! — Die Poesie bei mir zu Gast ... das ist das erstemal. Laß uns allein, Mutter.«
Hans warf einen Blick in der Stube umher. Tausend ja, hier sah's anders aus als damals bei Asta. Jucunda, das sah er sofort, hatte nicht vergessen, daß sie sein Kommen gewünscht — alles war sorgfältig für seinen Empfang vorbereitet, der Tisch zierlich gedeckt und mit Rosen bestreut, die Teemaschine dampfte, Zigaretten, Zigarren standen bereit, eine gehäufte Schüssel Gebäcks. Und ringsum herrschte Ordnung, Sauberkeit, noch mehr: Schönheit ... oder doch wenigstens die deutliche Absicht sie hervorzuzaubern ... überall Blumenarrangements und Körbe lebender Pflanzen, an den Wänden die welkenden Lorbeerkränze mit riesigen langflutenden goldbedruckten, goldbefransten Atlasschleifen. Uebers Bett aber war ein hermelinbesetzter Mantel von Purpursamt königlich hingebreitet, und ein frischer Strauß tiefdunkelroter Rosen lag oben drauf. Alles war abgetönt mit einem naiven Sinn für Eleganz und Repräsentation.
Hans Thumser sah nicht, daß die Möbel abgeschabt, die Bezüge verschlissen waren, fühlte nicht, daß der Stuhl wackelte, auf den er sich setzte, der Tisch, auf dem das Teegeschirr brannte ... auch nicht, daß die Tassen gesprungen waren, und hier und da gar ein Henkel fehlte ... ihm war zumut, als sei er in einem Königsschloß, in einem Märchenpalast. Und wie eine Königin erschien ihm auch Jucunda. Sie trug ein lang hinschleppendes Spitzenkleid, das ihm vorkam wie eine märchenhafte Kostbarkeit — er konnte ja nicht beurteilen, daß es maschinengewebte Spitzen waren, nur bestimmt auf die Entfernung zu wirken — er war im Bann, im Traum. Und nur die eine Empfindung durchdrang ihn mit wohligen Schauern: hier war er erwartet, hier hatte man Staat für ihn gemacht, hier wollte man ihn ehren, ihn entzücken.
Er saß ganz still, als Jucundas große, schlanke Hände den Tee bereiteten, und sah nichts als das anmutige Spiel der elfenbeinfarbenen Arme, die aus den Spitzenärmeln hervorlugten:
»Erinnern Sie sich noch, daß wir schon einmal beim Tee zusammengesessen haben?«
»Wie können Sie fragen, gnädigstes Fräulein! Ich habe seitdem von nichts geträumt, als daß dies einmal kommen könnte ... dies, was jetzt ist.«
Jucunda stellte den dampfenden Tee vor ihn hin, sah ihn von oben her mit ironischem Lächeln an und fragte:
»Und Asta?! Haben Sie die Courage gehabt, ihr zu verraten, daß Sie heute bei mir sind?«
»Warum sollte ich nicht? Das ist doch nicht verboten!«
»Nun, und was sagte sie?«
Hans wurde rot. Ob Asta geschwatzt hatte? Ob Jucunda wußte, wie er mit ihr stand?
»Sehen Sie wohl,« lachte das Mädchen, »Sie können nicht antworten — Sie haben Schelte bekommen —! Dacht' ich mir's doch.«
»Ich wüßte nicht, daß irgend jemand das Recht hätte mich zu schelten,« sagte der Student etwas kleinlaut und trotzig.
»Sagen Sie das nicht!« sagte Jucunda. »Wohltun verpflichtet — oder ist die ... Episode schon zu Ende?«
»Welche Episode?«
»Fragen Sie nicht so dumm!«
Hans Thumser sah sich durchschaut. Aber wenn Jucunda doch wußte, daß Asta immerhin doch gewisse ... Ansprüche geltend machen konnte ... warum hatte sie ihn geladen, was wollte sie von ihm? Er richtete sich auf:
»Gnädiges Fräulein, ich glaube nicht, daß Sie mich zu sich gebeten haben, um mir klar zu machen, daß ich eigentlich wo anders hingehörte.«
»Da haben Sie recht,« lachte die Schauspielerin, »Sie sind nun einmal hier, nun seien Sie's auch ganz. Asta ist tot, es lebe Jucunda, nicht wahr?«
Sie streckte ihm die Fingerspitzen hin, er neigte sich darüber.
»Nun, blaue Flecke von heute morgen?«
»An allen Gliedern!« gestand Hans. »Na, irgend etwas muß der Mensch doch schließlich tun, um eine solche Stunde zu verdienen.«
»O, seien Sie nur ruhig, man wird von Ihnen vielleicht noch mehr verlangen!«
»Verlangen Sie.«
»Was macht Ihr Korpsbruder Pilgram?«
»Mein ... früherer Korpsbruder, wollten Sie sagen.«
»Hm ... er tut mir so leid, aber ich habe ihm nicht helfen können, er hatte es gar zu eilig, sich in die Bredouille zu stürzen — also, was treibt er? Erzählen Sie!«
»Ja, haben Sie ihn denn heute morgen nicht bemerkt?«
»Wo? doch nicht etwa auch unter den Kürassieren?«
»Gewiß! der Längste und Schönste unter den Pappenheimern.«
»Nein wahrhaftig — er ist mir nicht aufgefallen! Er hat sich ja auch nicht so bemerkbar gemacht wie Sie!«
»Ja, es hat eben nicht jeder den Dusel, über fünfundzwanzig Treppenstufen Ihnen geradewegs vor die Füße zu kollern.«
»Wie denkt er denn über mich und — über die ganze Affäre?«
»Das weiß ich nicht. Ich schäme mich es zu gestehen, aber ich sah ihn seitdem nicht mehr — meine Schuld — doch was will ich machen? Wenn ich nicht Franke bin, so bin ich Meininger, in jeder Stunde, Tag und Nacht. Ach, gnädigstes Fräulein, ich habe nie gedacht, daß es so etwas gäbe, daß man sich so ganz verlieren, so ganz vergessen kann! Ich lebe wie im Fieber — mir ist, als hätte ich Flügel — ich möchte tausend Augen, tausendfache Sinne haben, um all das festzuhalten, was in mir strudelt und braust. Was für Hexenmeister seid Ihr: alles, was ich ahnte, wenn ich in meinem Knabenstübchen die großen Dichter las, ist Leben geworden, Wirklichkeit, Erfüllung ... Und damit nicht genug, ich selber, ich schaue nicht nur, ich selber stehe mitten drin, in all dem Schwall — ein Strom von Glück und Sehnsucht braust unter mir und wirbelt mich auf und nieder. Wo soll ich hin mit all dem Drang — wo soll ich hin?!«
Lächelnd hob Jucunda die Hand und streichelte die glühenden Wangen des Jünglings, wie sie es heut morgen im Theater getan.
»Sie Dichter!« sagte sie, »Sie Dichter —! Lassen Sie es doch brodeln und gären, lassen Sie's doch! Machen Sie Gedichte daraus, schön wie das, welches Sie mir damals sprachen ... so schön und schöner noch!«
»Ja,« sagte er, »das will ich tun ... später einmal, später, wenn alles das vorüber ist ... denn ich weiß ja, es währt nicht ewig ... acht Tage noch, dann zieht Ihr fort ... und ich bin wieder, was ich war — ein armes Studentlein, Franconiae Fuchsmajor, einer von Tausenden — und um mich ist wieder nichts als Bier und klirrende Speere und Drogenwelt und die Dutzendgesichter meiner Kommilitonen — o Gott! wie soll ich das ertragen! Ich weiß, ich werde irgendeine Dummheit machen — ich laufe fort, in die weite Welt, dahin, wo Ihr seid — wo Sie sind, Sie wunderbarer Mensch — Sie Zauberin!«
»Das werden Sie nicht tun!« sagte Jucunda. »Ich weiß, daß Sie das nicht tun werden — ich weiß, Sie werden dann stille Stunden der Besinnung haben ... es wird Ihnen werden, wie es denen gewesen ist, deren Verse, deren Szenen wir abends sagen und gestalten. Sie werden dichten — glauben Sie's mir.«
»Ach, wenn das wahr wäre — wenn das möglich sein könnte!«
»Es wird so sein,« sagte Jucunda. Ihre Stimme war weich, ihre blauen Augen hingen an den braunen des Knaben. Soviel lebendige Dichter hatte sie nun schon gesehen in ihrem Leben: was waren das alles für reservierte, verbrauchte, zermürbte, grauköpfige Herren gewesen — wie hatten sie gezittert hinter den Kulissen, wenn ihre Stücke vom Stapel gingen, da draußen — wie hatten sie ängstlich auf den Applaus gelauert, wenn der Vorhang sank, wie hilflos sich hinausziehen lassen ins blendende Rampenlicht, um sich linkisch und schweratmend nach dem schwarz gähnenden Zuschauerraum hin zu verneigen, wo das Publikum über das Schicksal ihrer Schöpfungen entschied! — Dieser hier war noch ganz Poet, er wußte noch nichts von all dem Gräßlichen, das auf ihn wartete hinter den grauen Schleiern, die seine Zukunft verhüllten, ihn trennten von diesem schauderhaften Leben des angstvollen Ringens um Erfolg, um Gold und Lorbeer, in das sie selbst, die Achtzehnjährige, schon so tiefe Blicke hineingetan. In ihm sprudelten noch ganz ungetrübt die heiligen Quellen der Phantasie, darinnen Sonn' und alle Sterne sich spiegelten ...
Einen Augenblick war's ganz still im Zimmer — der Tee wurde kalt in den Tassen, und sein Duft mengte sich mit dem Rosenhauch, mit den blauen Wölkchen der Zigaretten, die durch die Stube kräuselten. Von der Straße her fiel der erste Laternenschein in die umdunkelte Stube und ließ die goldigen Schriften der Kranzschleifen matt aufglimmern. — Mit langsamen Bewegungen stand Jucunda auf, um Licht zu machen.
»Nicht doch,« wehrte Hans — »nicht Licht machen ... es ist so schön so.«
»Aber anders ist es besser!« sagte Jucunda mit leisem Lächeln und entzündete die Lampe. Und wieder ließ sie sich in das Sofa fallen und neigte den flechtenbeschwerten Kopf auf die Lehne zurück.
Wie seltsam das doch war —! Sie kannte so viel Männer von Geist und Rang ... wie kam's, daß ihr heut zumut war wie nie zuvor —? War's die Kraft, die ungebrochene, die ihrer selbst noch unbewußte, die sie ahnte in den Tiefen dieser empor sich ringenden Seele? War's die edlere Rasse, die sie witterte, sie, das Kind einer enggebundenen Welt, einer Welt ohne Schwung und Größe? Sie war Künstlerin genug, dies alles zu ahnen, was in dem jungen Menschen da vor ihr wirkte und wallte ...
Und Hans fragte sich immer wieder im stillen, ob das denn wahr, ob das denn möglich sei ... ob das Leben wirklich so schön sein könne, so maßlos reiche Gaben spende ...
Still war's. Von der Katharinenstraße heraus klapperten behäbig trottende Pferdehufe, der Schritt der Fußgänger, die von ihrer Arbeit heimwärts steuerten.
»Wie gut,« sagte Jucunda, »daß ich heut abend mal ausnahmsweise nicht spiele, so gehört uns diese Stunde wenigstens ganz!«
»Und wehe dem, der kommen wollte sie uns zu stören — Sie wissen das alles ja gar nicht — Sie wissen nicht, was das alles mir bedeutet, was Sie mir bedeuten — ich weiß es selber erst seit wenig Augenblicken. Ich denke zurück an zwei Abende meiner Jugend, die der Wendepunkt waren, ich fühle es nun. Ihr spieltet daheim, in dem alten engen Stadttheater an der Rathausbrücke — Sie waren eben entdeckt worden, ein märchenhaft aufleuchtender Stern — und ich, ein sehnsüchtiger Primaner droben auf dem zweiten Rang im »Wallenstein« — Sie drunten als Thekla mit der Laute in den rotsamtnen Vorhang geschmiegt, weißleuchtend abgehoben von dem riesigen Glasfenster, durch das die sternlose Nacht hineingähnte. Sie sangen Ihr Lied, Sie wissen's ja — Sie singen's übermorgen wieder — Und wissen Sie, wie ich Sie empfand? Sie waren die leuchtende Seele des gigantischen Gedichts, Sie waren die Schönheit, die versinken muß unterm erbarmungslosen Schritte des Schicksals — Sie waren die Tugend, die zermalmt wird von den geifernden Kinnbacken des Verbrechens, Sie waren ... das Ideal, das waren Sie ... ach! und Sie sind's mir geblieben. Jetzt fühl' ich's, daß Sie immer mit mir gegangen sind in den zwei Jahren — und nun, ist's möglich! Nun sitze ich Ihnen gegenüber, könnte Ihre Hand erreichen, wenn ich's wagte, darf in Ihre Augen sehen und fühlen: das Geschick meines Lebens ist über meinem Haupt.«
Seine Stimme zitterte — die braunen Augen leuchteten, der Atem flog.
»Und dennoch —« sagte Jucunda langsam, großäugig — »und dennoch haben Sie Asta Thöny geküßt.«
»Ja, Jucunda, ich habe Asta Thöny geküßt. — — Wie soll ich Ihnen das erklären — sie war die erste, die kam, damit ist alles gesagt. Sie hat mich genommen, weil alles in mir nach der Erfüllung lechzte, die nur Jucunda heißen durfte. Ach! so ist's wohl stets im Leben, daß man sich bescheiden muß und dankbar sein, wenn man Kupfer bekommt für Gold. Das andere, das ganz große Glück, das gibt's ja nicht, das darf's ja gar nicht geben — denn gäb' es das, wir wären Götter und nicht Menschen ... und Götterschicksal erträgt sie ja wohl nicht, diese arme, irdische Seele, dieser schwache, tönerne Leib. — Und doch, ich fühl's: daß ich das habe tun können, daß ich, Ihr Bild im Herzen, die andere umarmt habe, das hat mich Ihrer unwert gemacht und unwert auch all dessen, was ich mir an eigenem Wert und Werden erträumt habe. Ja, Jucunda, ich habe Asta Thöny geküßt — und nun muß ich ja wohl auch gehen, nicht wahr?«
Er war aufgestanden, gesenkten Auges stand er neben ihr. Da griff sie nach seiner Hand:
»Du lieber, süßer, dummer Junge, Du ... Hans Thumser, kleiner dummer Bub, komm, sei vernünftig, setz' Dich mal her zu mir aufs Sofa. Ja, es ist schade, lieber Freund, daß Sie so zu mir kommen — aus den Armen der andern. Aber vielleicht bin ich selber dran schuld ... warum habe ich Sie nicht erkannt beim erstenmal, da wir uns sahen? Ich, ich bin in Ihrer Schuld, ich war in Wirklichkeit die Dumme ... die Blinde ... Doch was tut's, das alles? Ich will, daß es nicht gewesen sein soll — und es ist fort — ich wisch' es aus, ich streiche den Namen Asta Thöny von der Tafel Deines Lebens ... Und nun ist nichts mehr da als ich, nicht, mein Hans?!«
»O nichts, nichts als Du —!« stammelte er und sank neben dem Sofa in die Knie. Seine glühende Stirn sank in ihren Schoß, ihre weißen Hände glitten über seine braunen Locken. — Da richtete er sich auf, irren Auges, die Wangen feucht, und sah sie an, so ganz Inbrunst, Ergebung und Verlangen, daß es sie niederzog zu ihm. Sie umschlang seinen Nacken, ihre Lippen hingen über den seinen.
In diesem Augenblick wurde heftig an die Tür geklopft. Die beiden jungen Menschen fuhren empor — das war nicht wahr, das durfte nicht sein ... aus solchem Traume gibt's kein Erwachen, eh er zu Ende geträumt ist. Und doch — es klopfte abermals.
»Jucunda, darf' ich 'rein kommen?« klang Frau Buchners fette Stimme.
Die beiden Kinder richteten sich auf. Die mühevoll eindressierte Haltung, sie versagte nicht in diesem trauervollsten Augenblick. Im Nu saß Hans Thumser auf seinem Stuhl, ganz Korpsstudent, ganz korrekter junger Gentleman — und sie, ihm gegenüber, auf dem Sofa, ganz Dame, ganz Komödiantin:
»Bitte, Mama ...«
Frau Buchner trat ein, mit einem Lächeln des Triumphs auf den Lippen. Ein wenig stutzig sah sie von einem zum andern, doch ihr prüfender Mutterblick fand keine Spur, die Besorgnis erregt hätte.
»Nu, Jucunda, was sagste nu?« Mit spitzen Fingern hielt sie eine Visitenkarte in den Bereich der Lampe, eine vielzackige Krone darauf und darunter die Worte:
Heribert Hans Herwig, Erbprinz von Nassau-Dillingen
»Was?« rief Jucunda, »er ist draußen?«
»Ei, herrjemerschnee! Ne so was — ne so was ... Natierlich ist er draußen — in höchsteigener Person! Soll ich 'n 'rinlassen?«
Mit einem Blick hatte auch Hans Thumser die Schrift auf der Karte entziffert, der zweite flog mit schreckhafter Spannung zu Jucunda hinüber.
Und — sie? Das Gesicht, das ihm eben geleuchtet hatte wie der Genius seines Lebens selbst, es hatte den Ausdruck völlig gewandelt: ein dünnes Lächeln befriedigter Eitelkeit spielte um die schmalen, herrischen Lippen, die Augen flackerten einen Augenblick in unstetem Sinnen, die Stirn hatte sich gekraust. Aber schon war der kurze Kampf zu Ende:
»Selbstverständlich, Mama. Sie haben ja wohl nichts dagegen, Herr Thumser, wie? Der Herr ist ja doch ein Korpsbruder von Ihnen.«
Mit einem Ruck war Hans Thumser emporgeschnellt:
»Dann verzeihen Sie wohl, wenn ich mich empfehle, mein gnädigstes Fräulein — ich wünsche nicht zu stören.«
»Aber ich bitte Sie, was heißt stören? Wir könnten ja so nett zu dreien ...«
Starr und förmlich verneigte sich der Student:
»Adieu, meine Damen.«
Er griff nach seiner grünen Mütze, die auf einem Stuhl an der Tür lag, dem spanischen Rohr mit Silberbeschlag, das daneben lehnte, und schritt hinaus.
Im engen Korridor stand der Erbprinz, in Ueberrock und spiegelnden Lackschuhen, den Zylinder in der Hand, die Scherbe im Auge. Sein Gesicht wies den Ausdruck blöder Verblüffung. Mit einer kurzen Verneigung stürmte Hans Thumser an ihm vorüber und ließ die Korridortür ins Schloß fallen.
12.
Vor ihrem Bett war Asta Thöny in die Knie gesunken und hatte geweint, wie nie zuvor in ihrem Leben — und doch, wieviel Tränen waren schon über ihre vergangenen Tage geflossen ... Wie teuer hatte sie die flüchtigen Augenblicke des Glücks erkaufen müssen, zwischen denen nichts gewesen war als Kampf — Kampf mit zusammengebissenen Zähnen — Hunger und Verzicht — Abschied und Sehnsucht ... Und nun war's wieder einmal tief, tief dunkel geworden um sie her ...
Sie sprang in die Höhe. Die eingeschlossene Luft in dem engen Stübchen preßte ihr die Brust zusammen — sie riß das Fenster auf: da draußen auf der Sophienstraße noch immer das Flockentreiben und all die Fenstersimse der schwarzen Häuserzeilen schon weiß überlagert, die Straßen drunten wie versunken unter der weißen Last — die aufgespannten Regenschirme bestäubt, die Hutkrempen, die Mäntel schneebepudert. Da hinein, in dies wehmütig tolle Treiben hatte sie mit dem Liebsten schwärmen wollen — da hinein zog's sie nun, die glühenden Augen zu kühlen, die schneidende Luft in tiefen Atemzügen in die schmerzende Brust zu saugen.
Einen kurzen Blick warf sie in den Spiegel und sah ihre Lider, ihr ganzes Gesicht fieberisch gerötet. Sie suchte den dichtesten Schleier, den sie hatte, und knüpfte ihn fest ums Gesicht. Dabei fiel ihr Auge auf die schönen neuen pelzgefütterten Glacéhandschuhe. Sie waren ganz verdorben vom Strom ihrer Tränen ... ach, wie gleichgültig das war.
Nun war sie drunten auf der Straße — wie dunkel es schon war um diese frühe Nachmittagsstunde — wie sie emporblickte, lag's über den Dächern wie eine graue Decke, aus der es unablässig niederrieselte. Im Nu trug auch sie die Livree des Winters.
Den wirbelnden Flockenschauern entgegen stapfte sie gen Westen, kreuzte die Zeitzer Straße und überschritt auf schmalem Brückchen den Mühlgraben ... In den Wald hinaus, nur fort von den Menschen, fort aus der Stadt — in die Einsamkeit, dahin, wo sie hatte einsam sein wollen mit ihm. Nun dehnte sich zur Rechten die endlose Schneefläche der Rennbahn, und vor ihr stand der Wald, ein schwarzer Saum, weiß überzackt. Unter der Schleußiger Brücke gurgelten gelb und angeschwollen die trägen Pleißefluten — ohn' Unterlaß sanken die leuchtenden Flocken in die schmutzigen Gewässer und wurden eingeschluckt — wie der Schwall des Lebens Wesen um Wesen verschluckt. Den schmalen Pfad schlug sie ein, der hart am Ufer drüben aufwärts führte zu den graulich aufragenden Eichenschäften, dem Gewirr des Ufergestrüpps, dran jedes Zweiglein schon seine feuchte weiße Last trug ... Und wirr durcheinander, wie die stäubenden Flocken, jagten ihre Gedanken. Gott, wie grenzenlos allein sie doch war auf der Welt: Tochter eines kleinen Gerichtsbeamten in München, war sie von der strengen katholischen Rechtgläubigkeit und engen Spießbürgersittsamkeit ihrer Eltern um jener ersten Liebschaft willen, die sie einem schmucken Leutnant von den Chevauxlegers in die Arme geweht hatte, aus Haus und Heimat verstoßen worden. Das Gräflein hatte brav an ihr gehandelt. Ihre berufliche Ausbildung, ihren ersten Schatz an Kostümen verdankte sie seiner Freigebigkeit. Und dennoch hatten am Ende der Abschied, die Tränen, die Verlassenheit gestanden ...
Und nun: die kleinen Engagements in Nürnberg, in Regensburg, in Augsburg. Immer umringt von einer Verehrerrotte, die nichts von ihr wollte als immer das gleiche — das eine — für die sie niemals eine Seele, ein Mensch, eine Künstlerin gewesen war, sondern immer nur eine hübsche Schale, ein Spielzeug, ein Zeitvertreib, eine Sklavin ... Und endlich das große Glück: ein einziges Mal ein Mensch, der sie ernsthaft nahm, Franz Burg, der Meininger Oberregisseur, der sie entdeckte ganz hinten im Ensemble eines Mittelstadtbühnchens. Und nun: Engagement, kleine Rollen, mittlere Rollen, Erfolg — Karriere. Karriere? Ach, du lieber Gott! Bis zu den Sternen war man nicht gekommen — immerhin, man war geborgen, man konnte sich ausruhen, konnte arbeiten — stand inmitten eines großen, künstlerischen Treibens, brauchte sich nicht mehr wegzuwerfen, zu verkaufen.
Aber ach, verdorben war man nun doch einmal, konnte nicht mehr leben ohne Küsse, ohne Rosen, ohne Liebesbriefe, ohne Zärtlichkeiten ... Und so flog man doch auch jetzt immer noch aus einem Arm in den andern, blieb ein Spielzeug — blieb der rasch vergessene Kamerad flüchtiger Taumelstunden ...
Da war der eine gekommen, dies grasgrüne Studentlein, das so ganz, ganz anders war als alle die frühern ... Was war's eigentlich gewesen, was ihn von ihnen unterschied? Er hatte sie genommen, sie hatte sich ihm gegeben, genau wie's immer gewesen war — nur eines war anders gewesen — ach, sie wußte es wohl, der Klang seiner Rede war's, die schäumende Flut von klingenden, schwingenden Worten, in denen seine Zärtlichkeit, sein Rausch sich ausströmte über sie hin — ach nein — auch noch ein andres. All die andern, die sie gekannt hatte, waren erfahrene, abgebrühte, blasierte Burschen gewesen — diesem einen, sie wußte es, hatte sie das erste Glück des Lebens gebracht. Sie hatte träumen dürfen, ihm etwas zu sein, etwas, das nicht verfliegen könnte mit dem Rausch der flüchtigen Erfüllungsstunden ... Und nun, nun war auch das ein Trug, ein Wahn gewesen ...
Tief gesenkten Hauptes schritt das einsame Mädchen fürbaß. Und wie ein fernes Brausen klang weit, weit hinten das Treiben der großen Stadt, gedämpft durch die rastlos niedersinkenden Flockenmassen. Und in der Nähe schien jeder Schall des Lebens erstorben — nur der eigne Schritt knirschte leise im lockren Teppich, der die Welt überzog. Und zur Linken glucksten die gelben Wasser. Unter der nassen Last lösten sich die letzten gelben Blätter von den Wipfeln und sanken schwer und matt wie dunkle Schattengebilde inmitten des weißen Geriesels nieder, lagen ein paar Sekunden als schwarze Flecken auf dem leuchtenden Grund und wurden dann schnell verschüttet und begraben ... Und Asta sann in die Zukunft — was hatte sie noch zu hoffen? Zu den höchsten Höhen der Kunst, dorthin, wo die strahlende Rivalin stand, ach, dorthin würde sie sich niemals emporschwingen. Nur die Niederungen waren ihr bestimmt, die wenigen Jahre, bis Jugend und Anmut verweht sein würden — und was dann? — Und was inzwischen? — Immer nur Neid und Enttäuschungen ... Ab und an, wenn einmal eine neue Rolle neue Hoffnung brachte, ein verzweifeltes Emporraffen, ein neues zähneknirschendes Einsetzen der ganzen Kraft — dem, ach, doch immer wieder das Versagen, das Ermatten, die Erkenntnis der Begrenztheit des eigenen Wesens und Könnens folgen müßten, wie noch stets bisher.
Und wo war dann Trost als in neuen Umarmungen, in neuen Tändeleien, ohne Glauben, ohne Hoffnung, ohne Sinn?
Nein, wenn sie nicht einmal diesen einen dauernd hatte fesseln können, wenn selbst dieser eine, in dessen Leben sie am Anfang der Liebe gestanden, wenn sie nicht einmal ihn länger hatte binden können denn auf ein paar Wochen, dann war sie doch wohl gar nichts wert. Nicht einmal als Liebchen, nicht einmal als Weibchen! Und das nun immer und immer wieder erleben müssen, hatte das einen Zweck? — Ließ sich das ertragen?
Und doch, etwas in ihr bäumte sich auf gegen diese Verneinung ihres ganzen Daseins. War sie denn wirklich so ein Nichts, so ein Püppchen ohne Existenzberechtigung, ohne Lebenswert? Ach nein ... nur den falschen Weg war sie gegangen — nein — nicht gegangen: gestoßen war sie worden von dem aberwitzigen Schicksal. Damals, als sie sich von dem blinkenden Rock, der gleißenden Grafenkrone ihres ersten Galans hatte blenden lassen, als sie ihren einzigen Besitz, ihr Mädchentum, einem eitlen, egoistischen Jungen hingeworfen hatte, ohne zu denken, ohne zu fragen wohin, wozu — damals war sie aus dem Gleise geworfen worden ... Irgendwo in der Welt lebte doch gewiß ein braver, schlichter Mensch ihres eigenen Standes, des Standes, in dem alle ihre Instinkte wurzelten, dem hätte sie in Bescheidenheit und Treue Gesellin und Helferin werden müssen. Das wäre dann ein Leben gewesen, für das ihre Kräfte gereicht hätten, in das sie Sonne, Glücksgenügen hätte zaubern können für ein ganzes Erdendasein. — Nun hieß sie eine Künstlerin, ohne ein Künstlermensch zu sein ... Nun sollte sie gestalten, ohne in sich die Fülle der Gesichte zu tragen ... Sollte die Schöpfungen von Dichtern verkörpern, ohne selbst ein Stück Dichterin zu sein ...
Die Dämmerung kam. Immer schauriger ängstete die Stille um sie her, und lichtlos wie die nebelverhangene Waldeinsamkeit ringsum lagen Zukunft und Leben. Eine grenzenlose Müdigkeit kam über das verlassene Kind — eine Sehnsucht nach Schlaf ohn' Erwachen. Und in der lastenden Stille, in die sie sich hineingesogen fühlte, war nun ein Laut nur noch: das einlullende Rieseln und Rauschen der gelben Gewässer neben ihrem Pfad, die so erbarmungslos die weißen Flocken einschluckten in ihren gurgelnden Schwall. Ach! wer auch so eine weiße Flocke wäre, so rasch und völlig versinken, zergehen könnte ...
Aber schreckhafte Gesichte drängen sich vor — wie schauervoll müßte das Ende sein, wären diese Flocken nicht fühllos, wären sie nicht der Flut wesensgleich, die sie verschlang? Du aber, Asta, du bist ein junges, heißes Menschenkind, du wirst nicht leicht und sanft dich auflösen und verschmelzen mit den Gewässern, die meerwärts rollen da unten. Du wirst dich quälen müssen, alles in dir wird im letzten verzweifelten Ansturm noch einmal nach dem Leben in Glanz und Licht verlangen, dem du verwandt bist, in dem du dich umgetrieben, zwar oft in Tränen und Verzweiflung, doch bisweilen auch in Schauern von Seligkeit ...
Und dennoch, eine Stille wird kommen nach der kurzen Qual — eine lange, tiefe, wunschlose Stille.
Und noch ein Gedanke kam, der Furcht und Grauen schuf: Asta war in römischer Frömmigkeit erzogen, der Kinderglaube war nie ganz versiegt in ihrer unbewehrten Seele. Wenn's nun wahr wäre, was man sie gelehrt hatte von ewiger Verdammnis, von einem Wiedererwachen zu unnennbarer, unendlicher Qual? Ach nein, das war doch wohl nur Märchen und Kinderschreck — ach nein — wenn erst die Glut hier drinnen verloschen war, wenn die Glieder, die so heiß gefiebert hatten im Ueberschwang der Daseinswonne — wenn sie erst so kalt und leblos geworden waren wie drunten die strömende Flut, dann war's aus und vorbei, dann kam nichts mehr — kein Glück mehr und kein Schrecknis.
Da stieg aus den falben Nebeln, die mählich den Fluß überlagerten, ein niedres Gebäude empor, eine hölzerne Wirtschaftsbaracke, grau gestrichen, hart bis an die Strömung des Flüßchens herangeschoben, mit einer Galerie, die über das Ufer vorsprang. »Zum Wassergott« lautete die Inschrift auf dem getünchten Wirtshausschild. Im Sommer mochte hier zur Abendstunde muntres Treiben herrschen, friedliche Philisterbehaglichkeit — nun lag das kleine Anwesen kläglich verödet, ganz versunken in trostloses Schweigen.
Asta trat ans Geländer und sah, wie die gelbe Flut in quirlenden Strudeln um die schneeverwehte Treppe rauschte, an der sonst das Fährboot anlegen mochte. Und nun zu denken, daß man morgen so gefunden würde, weit, weit unten irgendwo, entstellt, zerzaust, aufgedunsen — — Aber ... das ging einen ja dann nichts mehr an, das fühlte man ja doch nimmer. Dann mochte die Welt laufen, wie sie wollte. Dann mochte der kleine Hans Thumser vor Jucunda Buchner auf den Knien rutschen und um die Gunst betteln, die Asta ihm, ach, allzu wohlfeil, allzu willfährig gewährt. Dann mochten sie Komödie spielen, solange es ihnen noch Spaß machte, sich abzuquälen für die undankbare Bande im dunkeln Parkett — ach! und wie dankbar war man doch gewesen, wenn die mal ein bißchen mitgegangen waren, wenn man ab und an sich hatte vorlügen dürfen, man sei auch wer, man habe auch die Kraft in sich, die da hinten zu packen und durch und durch zu rütteln, wie die paar es konnten, die paar Echten, die paar Großen ... Ja, spielt nur, spielt nur Komödie — auf den Brettern und im Leben. Lügt Euch Gefühle vor und laßt Euch welche vorlügen, glaubt daran oder tut doch wenigstens so, als glaubtet Ihr. Denn auch Du hast ja gelogen, kleiner Hans Thumser, als Du unter Küssen und Tränen mir schwurst, ich habe Dir das Glück geschenkt. Ich weiß es ja nun, Du hast in meinen Armen immer nur an die andre gedacht. Ob Du's bei ihr finden wirst, das Glück, das sogenannte Glück? Ob Du es überhaupt jemals finden wirst im Leben? Ich will Dir's gönnen, kleiner Hans, denn ich habe Dich sehr lieb gehabt — ich will Dir's gönnen, kleiner Hans — ich aber — ich tu nicht mehr mit, ich habe genug ...
Einen spähenden Blick noch warf Asta in die Runde. Es war nun fast ganz dunkel geworden und nichts ringsum, als das sachte Sinken der weißen Kristalle, hinter denen die schwarzen Stämme ragten, finster und stumm. — Ob es wohl lange dauern würde? Ob es sie noch einmal emportragen würde an die Oberfläche? Hoffentlich würden die nassen Kleider sie rasch in die Tiefe ziehen. Es war nicht schade drum, sie hatte sich für einen Fußmarsch im Schnee zurecht gemacht. Das bissel Flitter, was daheim herumlag, dafür würde sich schon irgendeine Verwendung finden: nur das schöne Sealskinjackett und das Barett und der Muff dazu, das war doch zu schade für die Pleiße! Irgendein Armes mochte das hier finden und es verkaufen und sich einen guten Tag dafür machen ... Sie zog die kostbaren Hüllen ab und legte sie sorgfältig zusammengefaltet unter das weitvorspringende Holzdach der Wirtschaftsveranda, wo sie einigermaßen vor dem Schnee geschützt waren. Nun schauerte sie fröstelnd zusammen im Nebelhauch der Waldtiefe. Gott — und daß nun niemand, niemand morgen weinen wird, wenn sie's hören, wenn's in der Zeitung steht, wenn zum letzten Mal von Asta Thöny was in der Zeitung steht — ach, allzu viel Schönes hat nie dringestanden über Asta Thöny — und keiner wird weinen, nicht ein einziger von all den vielen, vielen, die mich geküßt und mir von Liebe geschwatzt haben, nicht einer. Auch Du nicht, Hans Thumser, ach, auch Du nicht ...
Und sachte wie die weißen Flocken in die träge ziehenden Fluten niederglitten, so sachte ließ Asta Thöny sich niedergleiten von der schneeverwehten Treppe an der Holzveranda des Restaurants »Zum Wassergott« ...
Valentin Pilgram war nachmittags gegen halb vier von dem Repetitor nach Hause gekommen, um sich in das gewohnte, besinnungslose Arbeiten hineinzustürzen, mit dem er nun schon seit Wochen sich zu betäuben gewohnt war.
Als er durch den dunklen Korridor schritt, kam die Frau Kanzleirätin aus der Küche mit einem Brett voll Teegeschirr und ging zu Jucundas Stube hinüber. Verlegen erwiderte sie seinen Gruß; wie die Tochter, so wich auch die Mutter dem Zimmerherrn aus, wo irgend möglich, seit jenem verhängnisvollen Morgen ...
Als sich die Tür zu der Stube der Schauspielerin öffnete, sah Valentin Pilgram mit einem Blick, daß dort Vorbereitungen für den Empfang eines Besuches getroffen wurden: festlich gedeckt glänzte der Tisch, sorgfältig waren die Blumenspenden der letzten Abende arrangiert, kurz, alles verriet ein nahes Fest.
Wer mochte erwartet werden? Ein paar Kolleginnen oder Kollegen ... oder? — Valentin wußte, daß der Erbprinz keine Vorstellung versäumte, in der Jucunda auftrat, er hatte bei jeder Premiere unter den Riesenschleifen der Lorbeerkränze die Farben von Nassau-Dillingen erkannt. Also zum mindesten war Seine Durchlaucht nicht mehr in der Ungnade ...
Merkwürdig: der gewohnte Arbeitsfriede wollte heute nicht kommen. Immer lauschte der Kandidat auf Stimmen da drüben, in der ingrimmigen, quälenden Hoffnung, sie möchten recht behalten, jene ekelhaften Vermutungen, die sich immer deutlicher in ihm emporreckten: der Erwartete möchte der Erbprinz sein ...
Und endlich schlug die Glocke im Hausflur an. Valentin Pilgram fuhr in die Höhe, schlich zur Tür und lauschte. Dabei überkam ihn brennende Scham: was war aus ihm geworden, daß er das Tun und Treiben anderer Menschen zu beschnüffeln und zu bespitzeln gelernt hatte? Das war doch früher nie gewesen ...
Und horch — die Stimme eines jungen Mannes ... aber das näselnde, gequetschte Organ des Prinzen war's nicht, es war eine frische, klangvolle Stimme ... es war ... Hans Thumsers Stimme ... Ach — also der!
Er hörte ganz genau, wie Mutter Kanzleirätin den Besuch zur Stube der Tochter führte, wie sie anklopfte, wie des Mädchens volltöniger Alt das Herein ertönen ließ, wie sie lebhaft und freudig den Besucher begrüßte, wie jener verbindlich und bewegt erwiderte.
Das Blut stieg dem Lauscher ins Hirn, in die Augen — die Gedanken quirlten einander überstürzend empor und machten ihn schwindeln. Also er —! Wundervoll! wundervoll! Wie das alles sich zusammenfand, wie die vagen Vermutungen, die greulichen Phantasien der letzten Wochen sich nun zu festen, zweifelsbaren Schlüssen zusammenfügten! Nun freilich — nun war's ja klar, wie der Frankenzirkel und Hans Thumsers Initialen auf jenen Bogen geraten waren, der Jucundas Absagebrief trug! Man hatte es verstanden, ihn beiseite zu schieben — hatte seine schnelle Ritterschaft lächerlich zu machen gewußt, um seine eigenen Chancen zu verbessern! Freilich, daß man mit einer solchen Gemeinheit auf dem Gewissen den Mut nicht gefunden hatte, den Hintergangenen, den an die Wand Gedrückten in seiner Einsamkeit zu besuchen — kein Wunder schließlich! Und auch heute hatte man den Weg zur Tür des einstigen Korpsbruders nicht gefunden, obwohl man unter einem Dache mit ihm war! Also so etwas gab's — so viel Infamie barg sich hinter der zur Schau getragenen Besonderheit, der phantastischen Eigenart des Reimedrechslers! — — Na warte, Bursche!
Valentin Pilgram hatte kein Talent zum Lauscher an der Wand. Er schlich an seinen Schreibtisch zurück, vergrub den Kopf in den Händen und wühlte sich in das krause System des römischen Erbrechts hinein. Aber die Buchstaben hüpften vor seinen Augen, die Sätze verwirrten sich, führten sinnlose Tänze auf, und etwas Unwiderstehliches zog ihm immer wieder die geballten Fäuste von den Ohren ... Da drüben klapperten die Tassen, plätscherte munteres Gespräch ... kein Satz zu verstehen, höchstens einmal ein einzelnes Wort. Nun ein erregtes Lachen, nun Schritte durchs Zimmer, nun in raschem Wechsel Geplauder, ein Hinüber und Herüber von Scherz und Neckerei jetzt und nun von Rede, deren Sinn man nicht verstand, deren Klang aber deutlich genug von wachsender Vertraulichkeit, von innigem Austausch redete ... Ja freilich, der wußte besser, wie man mit Frauen, mit Künstlerinnen reden muß, um Eindruck zu machen!
Valentins Gedanken verwirrten sich. Es war ihm nun, als müsse Hans Thumser das alles mit diabolischem Raffinement ausgeheckt haben, was sich vollzogen hatte. Gewiß war er schon längst hinter Jucunda her — war er's nicht gewesen, der die Idee mit dem Pferdeausspannen ausgeheckt — und war er nicht an jenem Abend als des Erbprinzen Gast an seiner Seite im Theater gewesen? Gewiß hatte er auch in Erfahrung gebracht, mit welch geschmackloser Zudringlichkeit der Erbprinz und der Major sich bei Jucunda einführen wollten, und hatte schon damals sein Plänchen geschmiedet ... Alle Wut und Qual der letzten Wochen knäuelte sich zusammen zu einem einzigen, alles verdrängenden Gefühle der Empörung, des Ingrimms, der Rachelust ... ihn, diesen glatten Lächler, diesen geschmeidigen Buben, stellen ... züchtigen!
Aber nein — das war nicht länger zu ertragen, dieser Zusammenklang der zwei Stimmen da drüben, der gehaßten und der ach ... in tausend Schmerzen geliebten! War er denn verdammt, all jenes Glückes Ohrenzeuge zu sein, das er für sich selbst nur in fernen Träumen zu ersehnen gewagt hatte? Und das dem Buben da drüben in den Schoß fiel. Nein, das nicht, das doch nicht! Fort, hinaus, in das Schneegetriebe da draußen, weg aus diesem dumpfen Zimmer, dessen Luft bis zum Ersticken angefüllt war mit vergangener und gegenwärtiger Gedankenqual!
Valentin Pilgram stand auf. Er warf seinen Winterpaletot um, stülpte den weichen, zerknüllten Filzhut auf den unfrisierten Kopf, nicht achtend, daß beide Kleidungsstücke seit Tagen nicht gebürstet, von dickem Staub umlagert waren. Er, der sonst so peinlich gestriegelte Korpsstudent, hatte seit Wochen sein Aeußeres schlimmer vernachlässigt als der armseligste Prolet unter den Kommilitonen ... Er griff nach dem wüsten Knotenstock, den er sich für fünfzig Pfennig in irgend einem Kram gekauft, seit er das silberbeschlagene spanische Rohr mit der Dedikation seines Leibburschen nicht mehr führen durfte ... und nun hinaus — nur hinaus!
In der kurzen Stunde, seit der Jungschnee sich eingestellt, waren Bürgersteig und Straße mit fußhohen Schneemassen überschüttet. Mühsam bahnten sich die Fußgänger ihren Weg, trübselig stapften die Droschkengäule daher, wie schwarze Silhouetten schoben Menschen, Tiere, Gefährte einander vorüber, die ersten Laternen äugelten mit trübem Blinzeln durch den Flockennebel, der ohn' Unterlaß herniederwogte. Von weißen Kanten eingesäumt, reckten sich die finstern Fronten der alten Barockpaläste zu beiden Seiten der engen Straße. Jedes Geräusch war eingesogen von den weichen Polstern des Grundes, den stiebenden Flockenmassen, welche die Luft verhängten.
Der junge Gesell, der mit aufgeschlagenem Rockkragen, die Hände in den Manteltaschen vergraben, verloren und ziellos durch die Straßen pendelte, hielt es nicht aus inmitten des lautlosen Lebens, das sich schattenhaft an ihm vorbeidrängte. An der Thomaskirche vorüber, deren schwarzer Giebel sich droben in dem weißen Dunst verlor, pendelte er auf den Ring hinaus, wo die Zweige der Baumreihen, des Gebüschs unter der Wucht ihrer weißen Last sich bogen und knackten. Zur Linken stieg das finster dräuende Massiv der Pleißenburg in die silbernen Schwaden, das Rund des Turmes hob sich als riesiger Schattenriß von den Lichtfluten um den Roßplatz und Königsplatz ab. Und nun der winterstille, menschenleere Johannispark! Hier ließ sich aufatmen, hier wurde die Brust freier. Hier klärte sich das Gedankenchaos ...
Ja, es mußte gehandelt werden. Die ganze Fülle der verhängnisvollen Ereignisse, die Valentin Pilgram aus seines Lebens sicher vorgezeichneter Bahn so jählings hinausgeschleudert in ein uferloses Nichts, das alles drängte zu einer entladenden, entlastenden Tat. Und diesmal würde seinem Vorsatz Erfüllung werden — diesmal würde er nicht wie Don Quichotte gegen die Windmühlenflügel anrennen, um alsbald entsattelt an der Erde zu zappeln, ein Spott der Welt ... Diesmal würde er den waffengeübten Arm zum sicher treffenden Schlag zu brauchen wissen, mitten in des Feindes Fratze!
Des Feindes! — es gab ja nur den einen! In ihm schien dies aberwitzige Schicksal der letzten Wochen Gestalt angenommen zu haben — in jenem jungen Burschen, der sich jetzt gewiß von Jucundas Lippen den Dank holte für eine ganze Kette von Niederträchtigkeiten und Bübereien. Ihn züchtigen — ja das war's! Das forderte die Stunde!
Und dann? Was kam dann?! Dann würde man sich gegenüberstehen, Aug' in Auge, den Lauf der Waffe auf des Feindes Herz gerichtet ... das war dann das Gottesgericht ... Dann würde sich's zeigen, wer von ihnen beiden weichen müsse von dieser Welt, die nicht Raum mehr hatte für sie beide ...
Und ... dann?!
Hans Thumser sollte fallen. Er wollte es. All die eiserne Willenskraft, die bis zu dieser Stunde sein junges Leben vorwärts getrieben, er würde sie in das kleine Stückchen Blei hineinlegen, das des Feindes Herz finden sollte. Das war dann die Sühne, das war die Wiederherstellung der heiligen Weltordnung, welche von den Gesetzen der Ehre regiert wird, der Ehre, deren Ritter er gewesen war, und die jener andere mit Füßen getreten hatte ... jener andere, der heut noch das dreifarbene Band um die Brust trug, das er, der Getreue, eingebüßt hatte dank jenem sinnlosen Schicksal, dem er unterlegen war bis heut. Aber dies stumpfsinnige, brutale Schicksal, es sollte nicht Meister bleiben in der Welt, solange er noch Kraft hatte, den Hahn einer Pistole abzudrücken ...
Und dann?! Er wußte den Gesetzesparagraphen zu nennen, dem er dann verfallen war; die Höhe der Strafe, welche seiner wartete. Das war ja wiederum der groteske Unsinn dieser Zeit, daß die Gesetze des Staates das Recht der Selbsthilfe dem Manne versagten, der am Heiligsten seines Lebens gekränkt war: an seiner Ehre ... Dieselben Gesetze, die den Beleidiger der Ehre mit Strafen von kindischer Winzigkeit bedrohten ...
Immerhin — lieber zwei Jahre lang als Gefangener auf dem Königstein, lieber das, was liberale Zeitungsschmierer einen Duellmord nannten, lieber das alles, als dieses zermürbende Gefühl der Ohnmacht, der Wehrlosigkeit gegen menschliche Infamie und den Aberwitz des Fatums!
Schon war des einsamen Wanderers Hutkrempe von einem dichten Schneekranz umlagert. Nasse Schauer sprühten ihm um die glühenden Wangen, eisige Tropfen rieselten ihm über Hals und Nacken. Er achtete es nicht. Den Kopf tief in den Schultern vergraben, stolperte er fürbaß. Schon lag der Park hinter ihm, mechanisch verfolgte er den nächsten Pfad, der hart am Saume des rechten Pleißeufers zwischen den reckenhaften Schäften der hochstämmigen Eichen und dem dürren Gestrüpp der Erlen entlang führte. Als sein Blick zufällig die gelben Fluten der gurgelnden Pleiße streifte, stieg mitten in sein finsteres Brüten hinein ein lachendes Bild heiterer Jugendlust:
Die S. C.-Kahnfahrt nach Connewitz, welche die Leipziger Korps in jedem Sommersemester gemeinsam unternommen hatten ...
Wann war doch das gewesen? Vor einer Ewigkeit ... in einem andern, versunkenen Leben ... Damals hatte die Welt in tausend Farben geleuchtet, hatten bunte Mützen und grellfarbige Bänder geblinkt, heiter abgehoben vom dunklen Grün der Ufersäume, vom Blau des klaren Himmels, das sich in den freundlichen Wellen des Flusses spiegelte ... Flüchtig, wie es herangeweht, zerstob das Bild, und wieder war nichts als der schneestarrende Wald und drunten die blaugraue Flut und ringsum Dämmerung und lastende Einsamkeit. Nur drüben, am jenseitigen Ufer, wohl zwanzig Schritte vor Pilgram, ging noch ein anderer einsamer Mensch, ein schwarzer, formloser Schatten, vorüberhuschend vor dem silbernen Reif, der den ganzen Wald, der alle Welt überflitterte.
Und wieder tauchte Valentin Pilgram tief in den schaurigen Abgrund seiner Grübeleien.
Wie, wenn es nun anders kam? Wenn das Gottesgericht gegen ihn entschied? Nun dann war eben alles aus — und er brauchte doch wenigstens nicht mehr zu leben auf einer Welt ohne Sinn ...
Aber — die daheim —?! Die Eltern, deren Stolz er war, er wußte das ... Der eifrige Vater, der in rastloser Arbeit zu einer der obersten Stellungen in der Königlich sächsischen Rechtspflege emporgestiegen war und in den zwanzig Jahren rüstiger Arbeit, die noch vor ihm liegen sollten, noch höher zu steigen hoffte? Er, in seiner starren Rechtlichkeit, seiner tadellosen Korrektheit der Art des Sohnes so innig verwandt? Nie hatten Vater und Sohn voreinander Worte zu machen gebraucht von dem, was sie beide längst wußten: daß sie Menschen einer Rasse, eines Wesens waren, würdige Glieder einer uralten Familie hochangesehener Gelehrten, Geistlichen, Beamten, die stets eine Zierde der Stadt, des Staates gewesen waren ... und die gute Mutter, ein Mensch, so recht zur Ergänzung dieses Schlages geschaffen, ohne starke Persönlichkeit, voll tiefsten Respekts gegenüber dem Gatten und dem Sohne, denen sie sich allzeit als freudige und nützliche Dienerin untergeordnet hatte, entsprechend den Traditionen der ehrbaren Geschlechter, aus denen auch sie entsprossen war, und die allzeit aufrechte Säulen der Ordnung und Tüchtigkeit gewesen waren. Die Schwestern, von der Mutter nach ihrem Vorbilde erzogen zu braven Gattinnen für diese ehrenfeste Art Männer, wie das Vaterland sie immer gebraucht hatte und, will's Gott, immer brauchen würde ... und nun — ein Sohn im Duell gefallen ... in einem Duell, in dem eine Rolle, eine wenn auch noch so entfernte Rolle immerhin ... eine Schauspielerin ... gespielt hatte? War das nicht wider den Stil der Familie? wider alle Gewohnheit ihrer Daseinsführung?
Nein, das war es nicht. Untadelig war, was immer er getan, seit Jucunda Buchners Bild emporgetaucht war in seinem jungen Leben, das nichts als Ehre gewesen war. Untadelig ... Und so würde er's vor jenem ernsten Gange für die Lieben daheim aufzeichnen, würde für jeden seiner Schritte die Motive, die Handlungen angeben, die Zeugen benennen. Und so würden die Seinen des Gefallenen mit tiefer und reiner Trauer ohne Groll und ohne Scham gedenken können, ja mit Stolz als eines Menschen, der auch diesem absurden Spiel dämonischer Mächte gegenüber geblieben, was er stets gewesen: ein Mensch ihrer Art ...
In diesem Augenblick trieb ein Windstoß dem einsamen Wanderer einen heftigeren Guß prickelnden Schnees ins Gesicht und scheuchte ihn aus seiner Versunkenheit auf. Es war fast völlig finster geworden, und Valentin Pilgram entschloß sich zur Stadt zurückzukehren. Seine Entschlüsse waren gefaßt, klar vor ihm lag der Weg, den seine Pflicht ihn gehen hieß. Zu was noch länger ziellos durch die Einsamkeit streifen? Daheim waren die Bücher ... und in wenig Tagen würde das Examen beginnen ... und Ruhe würde ja nun auch geworden sein daheim. Heut abend waren wieder die »Piccolomini« — Jucunda würde schon im Theater sein ...
Schon war Valentin Pilgram im Begriff kehrtzumachen, da fiel sein Blick zum jenseitigen Ufer, und er sah im letzten Dämmerschein etwas Unbegreifliches:
Kaum noch in matten Umrissen erkennbar, lag drüben die Sommerwirtschaft »Zum Wassergott«. Dort hatte er nach manchem Spaziergange mit Korpsbrüdern die Hitze des Marsches an einer Gose gekühlt und dem munteren Treiben der sonntäglichen Kähne auf dem Flusse zugeschaut. Und seitlich, an der Treppe, wo die Fähre anzulegen pflegte, stand ein Mensch, eine Frau. Auch sie nur ein grauer Schatten vor dem Dunkel, das unter der Galerie lastete. Und dieser Mensch tat nun etwas ganz Sonderbares: dieses Weib legte seine Kopfbedeckung ab — es schien eine Pelzmütze zu sein — und zog das Jackett aus, schob beides zusammengefaltet nach hinten in das Dunkel und stieg nun die Treppe hinunter bis dicht ans Wasser. Und nun — — in jähem Schrei entlud sich Valentins Entsetzen!
Schon in der nächsten Sekunde aber reagierte ganz automatisch sein Instinkt auf das grauenhafte Schauspiel, das sich bot. Mit einem Ruck riß er die Knöpfe seines Paletots und seines Rockes auf, schleuderte beide Kleidungsstücke mit einer jähen Bewegung in den Schnee und war mit einem Satz am Ufersaum, mit einem zweiten schoß er in die gelbe Flut hinaus. — Die markerschütternde Kälte des Wassers lähmte eine Sekunde lang seine Glieder wie sein Hirn, im nächsten Augenblick aber durchschoß ihn ein siedender Feuerstrom. Jeder Nerv, jeder Muskel spannte sich an wider das eisige Grauen — Arme und Beine strafften sich, mit heftigen, ruckartigen Stößen setzte er sich zur Wehr gegen die zähe Umklammerung des kalten Elements, in dem er trieb. Er schwamm, er wußte sein Ziel. Ueber der fernen Stadt lag ein roter Schwaden, dessen Widerschein sich in den träge hingleitenden Fluten spiegelte. In diesem matten Perlmutterglast glitt eine dunkle Masse, auf die schwamm er zu. Wenig Stöße, dann war's getan. Er griff in ein nasses Bündel Kleider hinein, fühlte warme Menschenglieder, umspannte eine schlanke Gestalt. Kaum spürte der wehrlose Körper die fremde Berührung, da zuckte er in aufbäumendem Entsetzen zusammen, krümmte sich, warf sich hin und her in den Eisstrudeln, welche die hintreibenden Leiber umquirlten. Doch nicht umsonst hatte der Student seine Muskeln in der harten Zucht des Fechtbodens gestählt und ihre Kraft in mehr denn zwanzig Waffengängen erprobt. Mit eisernem Griff umschlang er das zarte Figürchen, rang die strampelnden Arme nieder und lenkte mit heftigen Beinstößen dem nahen Ufer zu. Die nassen Kleider legten sich wie stählerne Klammern um seine Beine, der Druck der Schuhe machte die Füße schwer und hilflos, doch mit wildem Ungestüm zwang der Wille jedes Hemmnis nieder, den Frost, den Verzweiflungskampf der zuckenden Glieder, die er mit seinen Armen umschloß. Nach wenigen Sekunden fühlten die Füße Grund, Schlammgrund, doch er hielt. Nun packten beide Arme mit unwiderstehlichem Griff das leichte Körperchen um Hüften und Knie — noch ein kurzes, heftiges Ringen, dann griff die Linke einen tiefniederhängenden Weidenast, die Rechte schleifte die zappelnde Last durch die gurgelnden Wellen. Nun spannten beide Arme noch einmal sich an und hoben mit hartem Ruck den gefangenen Leib in die knackenden Büsche der Uferböschung hinein. Nun klang ein wimmerndes Stöhnen, nun keuchten klagende Laute wie eines kranken Kindes Stimme:
»Lassen Sie mich doch ... o bitte ... bitte, lassen Sie mich doch los!«
»Ne — gibt's nich!« keuchte der Student. Mit letzter versagender Kraft würgte er sich selber durch die schneeüberstäubten Zweige des Ufergestrüpps hindurch, zog den Körper der Geretteten vollends hinauf und ließ ihn in den lockeren Schnee gleiten, weil die ausgepumpten Muskeln nichts mehr hergaben. Schwarze Finsternis ringsum — nichts hörte Valentin, als das raschelnde Keuchen der eigenen Lungen, das ratternde Hämmern des eigenen Herzschlages und dazu aus der geheimnisvollen Dunkelheit zu seinen Füßen das wimmernde Schluchzen einer Mädchenstimme — immer nur dies wimmernde Schluchzen, dies hilflose Greinen.
»Lassen Sie mich doch los ... o bitte, bitte ... lassen Sie mich doch!«
»Ne,« keuchte Valentin Pilgram, »das können Sie nun wirklich nich ... von mir ... verlangen, Verehrteste ... ich hab' mich dermaßen für Sie ... abgeschunden ... jetzt lass' ich Sie nich wieder ... in die nasse Sauce da!«
Mit der Ueberwindung der Gefahr war ein grimmiger Humor über ihn gekommen. Er richtete sich auf, reckte die stählernen Glieder, schlug ein paar mal die Arme über der Brust mit kräftigem Ruck zusammen, um sich gegen die Frostschauer zu wehren, die sich in seine Haut einfraßen. Dann bückte er sich zu der Geretteten, bekam das schlanke Figürchen um die Taille zu fassen und setzte es mit einem energischen Hub auf die Beine.
»So, nun bleiben Sie gefälligst stehen ... aber nein, kommen Sie mit mir, wir rennen zum »Wassergott« zurück ... das macht warm ... Sie haben ja da meines Wissens Ihre Oberkleider gelassen, die holen wir ...«
Dabei versuchte er die Dunkelheit zu durchdringen, um etwas von den Zügen der Gesellin dieser seltsamen Begebenheit zu erkennen. Umsonst — nur etwas Nasses, Zitterndes hielt er in seinen Armen, dessen Wärme langsam die eisige Nässe der Hüllen durchdrang, die um ihre Glieder schlotterten. Die zarte Gestalt wollte wieder in die Knie sinken, aber er raffte sie empor, zog sie herzhaft an seine Seite und zwang sie, in raschem Schritt durch den lockeren Schnee mit ihm den Fußpfad pleißeaufwärts zu verfolgen.
Dabei redete er ohn' Unterlaß auf das junge Menschenkind ein, das wankend und noch immer leise wimmernd an seiner Seite schritt.
»Nun sagen Sie bloß, meine Gnädigste, wie sind Sie auf die verrückte Idee gekommen, bei so schauderhaftem Wetter Schwimmversuche in der Pleiße zu machen? — Dabei können Sie sich ja einen Schnupfen holen, den Sie in diesem Leben nicht mehr los werden. Denken Sie bloß, wenn ich nicht zufällig des Weges gekommen wäre ... Und noch dazu in Kleidern, das bringt ja nicht einmal ein Mann fertig, geschweige denn so ein kleines zartes Mädel wie Sie. — Oder sind Sie gar eine junge Frau? Dann sagen Sie's mir, damit ich Sie richtig anrede ... kommen Sie, wir müssen schneller laufen ... damit wir warm werden, Sie zittern ja gottserbärmlich. Schade, daß der »Wassergott« zugemacht hat, ich wäre kolossal für einen Grog oder auch deren mehrere, Sie nicht auch?«
So schwatzte er drauf los, allerhand banales Zeug, was ihm gerade in den Kopf kam, und nahm mit Befriedigung wahr, daß das Wimmern schwächer und schwächer ward und schließlich ganz verstummte.
Und dann kam eine wilde Lust an dem unerwarteten Abenteuer über ihn, das in seine verzweifelte Stimmung hineingeplatzt war wie ein Weckruf zu neuem Leben ... Und immer brennender wurde in ihm die Neugierde, die Züge der Unbekannten zu sehen, in deren Schicksal er hatte eingreifen dürfen wie vom Himmel gefallen.
Als die beiden einen Augenblick verpusteten, griff er in seine Hosentasche und zog die Zündholzschachtel hervor, sie war ganz trocken. Die wenigen Sekunden, die er in dem nassen Element zugebracht, hatten nicht genügt, um seine Kleidung gänzlich zu durchfeuchten. Da ließ er ein Hölzchen aufflammen und sah mit jähem Entzücken, welchen holdseligen Fang er gemacht. Dabei weckte ihm das triefende, glühende Gesicht, von langen dunklen Haarsträhnen überhangen, unbestimmte Erinnerungen ...
Aber eine Scheu verbot ihm zu fragen ...
Und das Flämmchen verlosch, das angstvolle Gesicht, die hilflos blickenden Augen versanken wieder in der Finsternis. Nein, jetzt nicht fragen — wie wund mußte diese arme flüchtige Seele sein ...
Da war der »Wassergott«. Valentin stapfte in die schneeverwehte Galerie hinein, aber die Gerettete ließ er dabei nicht los.
»Ne, ne, kommen Sie ruhig mit, Gnädigste, ich habe Angst, Sie möchten zu viel Geschmack an Ihren Schwimmkünsten gefunden haben ... und ob ich Sie zum zweiten Male da herausbrächte? Ich weiß wirklich nicht.«
In der Finsternis fand er die weichen, duftigen Pelzhüllen, ahnte voll Respekt, daß es sich um Kostbarkeiten handeln müsse, und hüllte seine Gefangene sorglich hinein. Sie wehrte sich nicht ...
Und nun der Heimweg. Durch das schneebepuderte Gitterwerk des dürren Waldes am jenseitigen Ufer leuchtete der Widerschein der fernen Stadt, der einen gelblichen Lichtbogen wie eine matte Aureole in die niederwallenden Schneenebel hineinzeichnete. Perlmutterfarben widerleuchtete sein Schein auf den friedlich meerwärts gleitenden Pleißefluten.
Das junge Blut, vom raschen Gang, von der fiebernden Erregung der Herzen aufgepeitscht, besiegte mählich die Frostschauer, die von den nassen Kleidern her die Glieder überrieselten. Und mit einem geheimnisvollen Gefühl brüderlichen Stolzes hielt der Student das zarte Figürchen umschlungen, preßte es an sich, wie um ihm abzugeben von der Siedeglut, die ihn durchpulste.
Noch immer schwieg sie, und wie ein Wasserfall redete Valentin auf sie ein:
»Das hätt' ich mir weiß Gott auch nicht träumen lassen, daß ich meinen Spaziergang in so angenehmer Gesellschaft beenden würde. — Und Sie? Finden Sie es nicht doch viel netter, zu zweit hier im Schnee zu waten, als einsam da unten in der dreckigen Pleiße zu paddeln? — Sehen Sie mal, wie hübsch sich drüben das Gezweige von dem roten Himmel abhebt! Da kann man's wahrhaftig sehen, wie helle die Leipziger sind — sogar der ganze Himmel ist hell über dem guten alten Biernest ... Aber nu sagen Sie doch auch mal was, Fräulein! oder haben Sie Ihre Stimme da unten im Wasser gelassen? Das wäre doch schade. Ich denke mir, Sie müssen sehr niedlich plaudern können ... Soll ich Sie vielleicht noch einmal erleuchten und mich auch, damit Sie sehen, daß Sie es mit einem ganz ordentlichen Kerl zu tun haben? Sie haben doch am Ende nicht gar Angst vor mir?«
Und horch!
Da klang's auf einmal aus der Dunkelheit neben seiner Schulter, leise wie ein Taubengirren:
»Angst ... ach nein — wie könnte ich Angst vor Ihnen haben, Sie sind ja so gut zu mir —«
»Hurra! sie kann wieder reden!« jauchzte der Bursch. »Herrlich! herrlich! Und nun — nun sagen Sie mir's mal gleich, wohin ich Sie bringen darf? Denn nach so einer Strapaze gehören kleine Mädchen ins Bett ... Auch ein Glühwein könnte nicht schaden. Also — wohin soll's gehen? Heraus damit!«
Leise nannte das Mädchen seine Adresse. Unwillkürlich schmiegte sie sich fester in den führenden, schützenden Arm. Ihr war, als sei ihr noch nie so wohl gewesen, so geborgen wie in diesem Augenblick. Das Dasein, das ihr vor einer Viertelstunde noch schal und wertlos erschienen war, nun glomm es wieder auf in ihr voll Sehnsucht nach neuem Erleben, voll Dankbarkeit, noch da zu sein, die eigene Wärme siegen zu fühlen über die eisige Nässe, der sie sich anvertraut — das ferne Leuchten zu sehen über der Stadt, wo die Menschen hausten, wo das Leben brandete, wo man Komödie spielte — aß und trank, lachte und küßte ... Gott, welch ein Wahn, welch eine Raserei war doch nur über sie gekommen und hatte sie da hinuntergetrieben —?
Ach leben — nur leben. Besser, sich prügeln lassen vom Schicksal, besser, sich auf und ab wirbeln lassen zwischen Glückseligkeit und Tränen, Tränen und Glückseligkeit, als dies kalte Nichts da unten.
»Ich danke Ihnen,« stammelte sie. »Ich danke Ihnen!«
Und lustig schwatzend von den gleichgültigsten, törichtsten Dingen, als seien sie zwei alte Bekannte, die sich beim Spaziergang begegnet, stapften die zwei Menschen fürbaß durch den knietiefen Schnee.
»Haben Sie warme Backen?« fragte der Student. »Au! Teufel ja, die brennen ja wie ein Oefchen — und die Hände? Ziehen Sie doch die nassen Handschuhe aus, das gibt ja Rheumatismus — richtig, die sind wie zwei Eiszapfen. Da weiß ich Rat, wir werden uns schneeballen. Los! Greifen Sie zu, ich laufe voraus. Daß Sie mir aber nicht wieder auskneifen und in die Pleiße spazieren!«
Nein — Asta hatte keine Sehnsucht mehr nach der Pleiße. Sie bückte sich, griff mit den erstarrten Händen in die lockere Masse, die alles überlagerte — und klatsch, da flog ein raschgeformter Ball dem riesigen Begleiter vor die Brust, daß es nur so knallte ... Und lachend, rennend, prustend, wie zwei Kinder, tollten die zwei den Weg entlang.
Schon schatteten die dunklen Fronten der Vorstadthäuser in das silberne Flockengeflitter hinein. Nun galt's sittsam und verständig nebeneinander durch die Straßen zu schreiten, in denen nur wenige schneebepuderte Gestalten unter weißbezuckerten Regenschirmen hastig und lautlos ihren Behausungen zustrebten.
Als aber der erste Laternenschein dem wandelnden Paar die Gestalt des Partners zeigte, schrie das Mädchen plötzlich auf:
»Um Gottes willen, Sie sind ja in Hemdärmeln! Sie werden sich den Tod holen!«
»Ach! keine Spur!« lachte der Student. »Ich glühe nur so! vorwärts, nur vorwärts!«
Jeder Vorüberwandelnde stutzte, als er das seltsame Schauspiel sah, daß ein junger Mann barhäuptig und hemdärmelig neben einer elegant bepelzten Dame herschritt.
Rasch war Valentin des Anstarrens, des Stehenbleibens satt. Auf der Zeitzer Straße rief er eine Droschke an, deren schneebepackter Gaul mühselig und dampfend dahin keuchte. Und nun war nach wenigen Minuten die Sophienstraße erreicht, die Hausnummer, die das Mädchen angegeben.
Es kostete Mühe, in den nassen Kleidern die Treppe hinan zu kommen, den Korridorschlüssel zu finden.
Mit Ueberraschung bemerkte der Student, daß es die wohlbekannte Wohnung war, in der Mutter Ach schaltete, sie, die ganze Generationen von Franken beherbergt hatte. Sie, bei der jetzt jener andere wohnte, dem Valentin Pilgram in ingrimmiger Einsamkeit eine fürchterliche Vergeltung geschworen ...
Starr vor Entsetzen stand die behäbige Witwe, als im matten Schein des Flurlämpchens ihre Mieterin vor ihr stand:
»Ei, herrjemerschnee! ne so was — ne so was ... Was hab'ns denn nur gemacht, Freilein? ... Und wer is denn das? — Weeß Knebbchen, das is Sie ja der Herr Pilgram! Herr Pilgram, is es meeglich?! Nu komm' Se doch bloß mal in die Stube 'nein — ich wer' gleich Feier machen — und Tee wer' ich 'n kochen, i nee so was, nee so was.«
Bei dem Namen Pilgram hatte das Mädchen gestutzt. Höher noch flammte ihr glühendes Gesicht. Stumm klinkte sie ihre Stubentür auf und huschte hinein. Die Tür ließ sie offen in dem dunklen Gefühl, daß ihr Retter einen Anspruch auf die behagliche Wärme habe, die ihr von drinnen entgegenschlug.
Doch der folgte ihr nicht — starr hingen seine Augen an dem weißen Kärtchen, das an der Stubentür befestigt war.
»Das — sind Sie?« fragte er mit zusammengebissenen Zähnen.
»Ja, das bin ich — kommen Sie doch herein — wärmen Sie sich.«
Zögernden Schrittes trat der Student näher. In scheuem Staunen musterten sich die beiden jungen Menschen, das Hirn von wirren Gedanken durchkreuzt ...
Frau Wehe hastete herein, rannte geschäftig zum Feuer, um frische Kohlen aufzuschütten.
»Nu sagen Se bloß, Herr Pilgram, was haben Se denn angefangen alle zwei? Wer looft denn bloß in so en' Wetter hemdärmlig 'rum und mit bloßem Koppe?! Und naß wie de Katzen seid 'r alle zwee! Da soll wer anders draus klug wer'n!«
»Das Fräulein ist spazierengegangen an der Pleiße, hat im Dunkeln den Weg verfehlt, ist ins Wasser gefallen, ich habe sie herausgezogen,« erklärte Pilgram hastig.
»Gott soll mich bewahr'n!« schrie Frau Wehe. »Nu aber mal schnell ins Bett mit dem Kind! — Und Sie, Herr Pilgram, Sie gehen nebenan zum Herrn Thumser und nehm' sich Wäsche und Kleider, versteh'n Se mich?! Am besten wär's schon, Sie legten sich einfach da nebenan ins Bette! Herr Thumser wird schon nich beese sinn! Und dann koch' ich Euch Tee oder Grog, 'ne paar Wärmepullen unter de Decke, ich wer' schon machen!«
»Nein!« schrie da Asta Thöny. »Herr Thumser, nein — das geht nicht — der darf nichts davon wissen ... der auf keinen Fall!«
»Ach Quatsch!« rief die stämmige Wirtin. »Ihr holt Euch ja den Tod alle zwee, da gibt's nischt zu reden — machen Se fort, Herr Pilgram, in's Bette mit Ihn' —!«
Mit angstvollen, flehenden Blicken hingen des Mädchens Augen an den erstarrten Zügen ihres Retters, seiner finster zusammengekrausten Stirn. — Sie schwieg, sie wußte, daß sie nicht länger bitten durfte, wo es um seine Gesundheit ging, vielleicht um sein Leben ...
Heiser fragte da Valentin Pilgram:
»Thumser? Warum darf der nicht wissen —? Kennen Sie Thumser?«
Tief senkte das Mädchen den Kopf, stand regungslos, schauerte plötzlich in Frösten zusammen. Auch der Student schwieg. In wirrem Grübeln, in finstrem Forschen gingen seine dunklen Blicke zwischen dem zitternden Mädchen, der hilflos, verständnislos dreinglotzenden Frau hin und wider.
»Kennen Sie Hans Thumser, gnädiges Fräulein?« fragte er noch einmal, hart und befehlend. Ein Verdacht reckte sich dräuend in ihm auf. So phantastisch, so aberwitzig, daß der Verstand sich sträubte, ihn zu formulieren ...
Asta antwortete nicht. Sie sank immer tiefer in sich zusammen. Und plötzlich knickte sie in die Knie, ihre Arme fielen auf einen Stuhlsitz, das Köpfchen mit den triefenden, zerzausten Flechten glitt in die silbernen Falten des Pelzwerks, das sich um ihre Glieder schmiegte, und ein jähes Schluchzen durchrüttelte die hingeworfene Gestalt.
Valentin Pilgram begriff ... Das fehlte noch, das war das letzte ... Und die ganze, kochende sinnverwirrende Wut, die den Nachmittag über sein Inneres verwüstet, schlug in roter Lohe aus den Tiefen seines Wesens empor, stieg ihm in die Augen, in die Stirn, in die Fäuste. —
»Der Hund —! Ah, der Hund!« knirschte er. »Sorgen Sie mir gut für das Fräulein, Frau Wehe! Adieu!«
Er stürzte hinaus. Die Stubentür, die Korridortür krachten hinter ihm ins Schloß.
Asta Thöny war emporgefahren. Blitzschnell schloß sich die Gedankenkette: Also der da, ihr Retter, das war Valentin Pilgram — er, den sie kannte aus Hansens Erzählungen, von dem sie wußte, wie er in jähem Zorn sich zur Sühne für eine Schmach gedrängt, die ihrer großen Kollegin widerfahren ... Und nun, nun stürmte er von hinnen, unvollkommen bekleidet wie er war, schäumend vor Wut, wie sie ihn mit einem letzten Blick gesehen. Und sein letztes Wort war eine gräßliche Drohung für Hans Thumser gewesen. Für ihn, von dem er nicht einmal in dieser Not trockene Kleider hatte annehmen wollen.
Das bedeutete Gefahr — Todesgefahr für den geliebten, den treulosen Jungen —!
Todesgefahr —! Noch meinte sie den stählernen Druck des Armes zu fühlen, der sie aus dem kalten Flutengraus gerissen, der sie so sicher und brüderlich heimgeleitet.
Wehe dem, der diesem Arm verfiel.
Nein, nein ... das nicht, das nicht! Um diesen Preis gerettet zu sein, nein, das nicht ... o Gott, das nicht —!
»I herrjemerschnee, Fräulein Thöny, was hat er denn nur, der Herr Pilgram, was hat er nur?« stammelte Frau Wehe.
»Still, still!« winkte Asta ab. »Lassen Sie mich einen Augenblick.« Und hastig sann sie, wo Hans Thumser nur stecken könne in diesem Augenblick ...
Ach so — Mittwoch — offizielle Kneipe ... Ach, sie kannte den Wochenkalender des Korps in- und auswendig. Also im Cafébaum, auf der Frankenkneipe ... Und da ... da würde ja auch der Rächer ihn suchen ... nein — das nicht ... o Gott, das nicht —
Und mit einem Ruck stülpte sie das Barett wieder auf, klappte den Kragen des Pelzjacketts in die Höhe, und triefend und schlotternd, wie sie war, rannte sie an der verblüfften Wirtin vorüber, flog die halbdunkle Stiege hinunter, stand auf der Sophienstraße ...
Drüben fluteten dichte Menschenströme, vom Glast der Laternen des Carolatheaters überstrahlt, vom Flockengestiebe silbern umflittert, in die dunkel gähnenden Pforten des Kassenflurs hinein.
Gott sei Dank, »Piccolomini« —! Asta war dienstfrei. In die erste Droschke, die drinnen ihre Fracht abgeladen hatte und aus der dunklen Ausfahrt herausrumpelte, sprang Asta hinein, rief im Einsteigen dem Kutscher zu:
»Kleine Fleischergasse, Cafébaum, so schnell das Pferd laufen kann — einen Taler Trinkgeld sollen Sie haben, wenn's rasch geht!«
Der Wagenschlag klappte, der Kutscher schlug die Peitsche dem Gaul um die dampfenden Flanken, und durch die dunklen, schneeverwehten Straßen schwerfällig von dannen rollte das Gefährt.